4. Einheit: «1811 Heinrich von Kleist, Der Zweikampf»

Werbung
4. Einheit: «1811 ­ Heinrich von Kleist, Der Zweikampf»
Kleist und die Romantik
Kehlmann: „Entgrenzung, Problemfall der Identität, Irrationalität, übersteigende Gefühle → Bild des dämonischen Kleists auf Seite 1 des Handouts.“ Kleist empfand nicht nur Liebe zur Natur, zum Spuk, zum Phantastischem etc. als gespaltene Persönlichkeit wurde er außerhalb des literarischen Kontext gelesen, er war „Grenzgänger“, er hatte Faible für die Nachtseiten der Naturwissenschaften, er fand keine Geborgenheit in (Ersatz­)Religion → kalter Zugriff auf Dämonisches
„Der Zweikampf“ seine letzte Erzählung, zeigt gleichzeitig Differenz und Zuneigung zur Romantik, das Sujet ist religiös gefärbt, anarchistisches Erzählen, keine Außenseiterfiguren (was typisch romantisch wäre), Energie durch Schicksalsschläge, keine historische Verklärung des Mittelalters, das Wunderbare (Ordal) wird von Kleist demontiert
Inhalt
Mitteralterlicher Mordfall (romantisches Motiv), Wilhelm von Breysbach stirbt bei Rückkehr von Rechtsgeschäft durch Pfeilattentat, keine Erbansprüche des Halbbruders, aber er hat kein Alibi und es liegen Indizien gegen ihn vor (der Pfeil gehört z.B. ihm), Verdachtsmoment erhärtet sich, er geht nach Basel vor Gericht, er schweigt zuerst aus Diskretion über die Mordnacht, dann sagt er aus, er wäre mit Littegarde von Auerstein zusammen gewesen, diese kann ihre Unschuld nicht beweisen; aus diesem Schock heraus stirbt Littegardes Vater an einem Schlaganfall → ihre Brüder verstoßen sie, sie kommt bei einem ihrer Verehrer unter, der von ihrer Unschuld überzeugt ist → er tritt als ihr Rechtsbeistand in Basel auf → Gottesurteil durch Zweikampf zwischen Jakob und Friedrich, Jakob wird nur leicht verletzt, während Friedrich beinahe stirbt → Littegarde verhaftet und sie wird wahnsinnig → Wendung: Friedrichs Wunde heilt schnell, während Jakobs leichte sich verschlimmert und tödlich endet → Auflösung, Jakob erzählt vor seinem Tod, was er weiß: er war eigentlich mit der Zofe von Littegarde zusammen, die jetzt ein Kind von ihm ausgetragen hat und nun Unterhaltsansprüche einklagt, Jakob ist auch der Mörder seines Halbbruders Wilhelm, Littegarde und Friedrich dadurch gerettet – die Schuld kommt durch Gottes Willen schlussendlich ans Licht
Gattungszugehörigkeit
Novelle
strenger Aufbau, Schauplätze symmetrisch angeordnet: Worms, Schloss Breysach, Burg Trota, Basel, Gefängnis, Burg Trota, Schloss Breysach, Worms. Es wird eine „unerhörte Begebenheit“ erzählt, „Detektivnovelle“? → Frage der Schuld Jakobs;
# seltsamer Ausgang des Ordals
# irregewordene Gestalt (Littegarde, bei Kleist oft Frauen), Selbstentfremdung und Verstoßung, reichgebunden an Zweifel und Gesellschaft (auch z.B. im Amphitryon, Alkmene oder Marquise von O. (spontane Schwangerschaft → Verstoßung)) Littegarde durch Falschaussage und Verstoßung gefährdet, dann von Gott im Stich gelassen → Wahnsinn
Legende
eigentlich eine „Anti­Legende“, denn der göttliche Ratschlag wird problematisiert.
Im Mittelalter: Zweikampf entschied Schuld und Unschuld, bei Kleist entscheidet die Wahrheit.
Gegenstand des Urteils ist die Unschuld Littegardes, Friedrich gtritt trotz großen Risikos für sie ein, Jakob hingegen sieht sich ebenfalls im Recht (er wurde getäuscht), Littegarde hat große Zweifel, da das Gottesurteil sie irritiert, obwohl sie weiß, dass sie unschuldig ist. Eine Legende soll eigentlich den Glauben stärken und den Leser in seinem Gottvertrauen unterstützen → hier nicht!
Anekdote
sexuelle Nötigung, Zweifel an der Schuld nicht stark ausgeprägt, erzählerische Leerstellen: z.B. wie es der Täter schaffen konnte, die Distanz in so kurzer Zeit zu bewältigen → keine Beantwortung
Froissart erzählt die Geschichte und sie ist Tatsache, Kern des anekdotisch Faktischen verhanden, Einlagerung von Novellistischem # Öffentlichmachen, was eigentlich privat ist, typisch für Anekdote; in mehrstufiger Enthüllung: Identität der Dame → Schwangerschaft
Lesart als Parabel
Biographische Parabel
Parabel = Erkenntnis/Gleichniserzählung → Gewinn einer Erkenntnis (wie Fabel, nur ohne Tiere)
Was erzählt der Text?
→ Der Zweikampf als biographische Parabel: hat Kleist eigenes Erlebnis verarbeitet?
„Kleists Kampf mit Goethe“ ­ Kleist wollte erster „deutscher Dichter“ werden
→ siehe Bild Phöbus' (Kleist als Waage an der Spitze, Goethe Jungfrau, Schiller Skorpion) Kleist buhlte nach Schillers Tod um Goethes Gunst, dieser erkannte sein Talent, war aber verwirrt von seiner Unbändigkeit und verhielt sich deshalb distanziert und kritisch
Uraufführung von „Der Zerbrochne Krug“ 1808, inszeniert von Goethe (anders als Kleist geplant hat), Kleist wollte sogar Duell, er gestaltete den Text erst 1811 um, zeitgliech mit „Der Zweikampf“, beide handeln thematisch von Justizirrtümern Kampfschilderung: Im „Zweikampf“ waren Friedrichs „hindernde Sporen“ der Grund für seine Niederlage → vgl. dazu die Kritik zum „Der Zerbrochne Krug“: „Der tapfere Obrist ließ aber von den Sporen nicht ab...“ Reaktionen des Publikums: Zuschauer waren überfordert von der einstündigen Entscheidungslosigkeit, Kampf nicht zwischen Kleist und Goethe, sondern gegen die Literaturkritik, Goethe war Teil der Kritiker; vgl. das Bild im Zweikampf der kleinen Wunde Jakobs, die erst später fatal wurde → Kleists Ruf wurde später besser und dadurch Goethes Ruf etwas geschädigt
Politische Parabel
Napoleon hatte starken Einfluss auf Deutschland, er kontrollierte Publikationen, die zensiert wurden, es wurden zweisprachige Publikationen erzwungen, napoleonkritische Texte waren Todesurteile; Gründung der Berliner Abendblätter (Kleist war Herausgeber), diese erwecken den Argwohn des Staatskanzlers, der nun schwankt wegen Napoleon, sie scheitern schließlich an Zensurauflagen nach sechs Monaten
Hermannsschlacht 1808, aber erst 1860 uraufgeführt, zu der Zeit politischer Sprengstoff und trotz Maskierung zu heiß: behandelt die Niederlage der Römer (stehen für die Franzosen) im Teutoburger Wald gegen die Germanen (Preußen, Österreich und Rheinbund), Verwendung von Brachiallyrik gegen Franzosen → später ein Kriegslied der Deutschen
geografisches Zentrum: Rhein, Grenze zwischen Deutschland und Frankreich
Basel: politisch belastet, Separationsfrieden zwischen D und F gegen Ende des 14. Jahrhunderts, verschwommene Jahresangabe, Tagesangabe hingegen sehr genau (Heiligenkalender) 1. Oktober (Hl. Remigius, St. Remis, in Frankreich sehr populär) – Wilhelm stirbt/Tag der Erstausgabe der Berliner Abendblätter; 13. Juli (Hl. Margarete) Tag des Zweikampfs, Kerkerszene bei Faust I → Kerkerszene im Zweikampf, Liebhaber als Hassobjekt (bei Faust und Zweikampf) eingebettet zwischen 12. Juli (Tag der Rheinbundgründung) und 14. Juli (Sturm auf die Bastille)
Personen als politische Allegorien:
Littegarde – Preußen
Jakob ­ „rot eingefärbt“ → Farbe der Revolution, Pfeil kommt von der franz. Seite des Rheins
Friedrich – Preußen, fad, friedlich, brav
Rosalie – Rheinbundstaaten, rosa „nicht ganz rot“, untreu, bietet sich Jakob/Frankreich an
verschlüsselte Attacke gegen Rheinbund, Frankreich; Appell zum Kampf → optimistische Parabel: Untergang von Frankreich.
Hermeneutische Parabel
keine glatte Geschichte, offene Stellen, Erzählung gerät merkwürdig aus dem Ruder, inhomogen, Leerstellen und Widersprüche, Dekonstruktivismus, die Spannungsbögen werden in sich gebrochen, ständig neue Handlungsstränge, Ende nach hinten geschoben: Kriminalgeschichte Frage der Schuld Jakobs → analytisches Strukturmodell (erst kurz vor Schluss diese Handlung geklärt) → springt zu Liebesgeschichte; neue Personen und neue Geschichten, Ensemble unterschiedlicher Beziehungen, Littegardes Liebe zu Friedrich wird nie explizit erwähnt
Zweikampf hermeneutisch, Auslegung des Ausgangs und Frage nach der Bedeutung Gottes Willen – Rosalie zur Schlüsselfigur d. Aufklärung
log. Ungereimtheiten, fragwürdige Details sehr zahlreich: Pfeil → Spur zu Jakob, unsinnig; Auftragsmörder?; Jakobs Alibi, von Littegarde nicht bestätigt, Jakob wird freigesprochen, „Teilnahme am Schicksal Littegardes“ → unrealistische Handlungsweise; Verstoßung Littegardes – plötzlicher Sturz von „Glück“ ins Elend, aber „Glück“ fragwürdig: Brüder unterdrücken sie,...; im Ablauf des Zweikampfes unterschiedliche Waffen: Flamberge, Friedrichs kürzeres Schwert wird zum Degen; Nacht mit Rosalia – unglaubwürdig, dass er sie nicht erkennt, sie verbringen bei jedem seiner Besuche auf der Burg die Nacht zusammen; historische Fakten – Topographie, Basel hat kein Schloss, Anatonismen, Kreuzzüge passen zeitlich nicht; Zweikämpfe seit dem 13. Jahrhundert von der Kirche verboten, bei diesem ist sogar der Kaiser anwesend; unklare Formulierungen der Kampfhandlungen, z.B. „Fußtritt“. Der Leser will die Wahrheit, der Text arbeitet gegen ihn mit Undeutlichkeiten. Aber: Pfeil ist sehr genau beschrieben, genau wie Zweikampf! Pfeil mit zahlreichen (aber tlw. falschen) Details: Schaft, Gräte, zierlich, erhaben, Federn, scharf (eig spitz richtig) → Pfeil als „Erzählpfeil“ der Geschichte, Versinnbildlichung des Stils; Bildebene – Sachebene, Pfeil mit Stiel trifft trotz Ungereimtheiten, Text trifft trotz Heterogenität
Autoreferentielle Parabel
Intention: wie parabol. Lesarten sich untereinander überlagern
Sachebene: Zweikampf, Verhältnis Kleist­Goethe, Frankreich­Deutschland, hermeneutischer Kampf des Lesers, eine Ebene gibt über andere Ebene Auskunft → Prinzip des Gottesurteils, Auskunft einer Probe gibt Auskunft über die Wahrheit → gibt Auskunft über das Wesen der Parabel
Parabel = Götterspruch
Ordal (Götterspruch) wird problematisiert → Brüchigkeit der Erkenntnisvermittlung der Literatur, Wahrheit des Text unergründbar
Herunterladen