3 Europa im Aufstieg – Europa im Wandel? Einheiten und

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Europa im Aufstieg – Europa im Wandel?
Einheiten und Differenzen
Am Beginn des hohen Mittelalters dominierten in Europa die beiden christlichen Kaiserreiche;
am Ende der Zeitspanne bestanden zwar diese Reiche noch, doch hatte ihre Bedeutung stark
abgenommen. Während sich sonst in Europa die christlichen Königreiche durchsetzten – alte in
ihrem politischen Gewicht zunahmen und neue sich herausbildeten, konsolidierten oder
erweiterten –, erscheinen die Imperien zunehmend als überlebte Institutionen. Ein zweites
politisches Ergebnis des hohen Mittelalters ist die Verdrängung des Islam aus der Gestaltung
des Kontinents. Nach Beseitigung des muslimischen Emirats in Sizilien (1072/91) fallen
(spätestens) im 13. Jahrhundert auch die alten Herrschaften der Sarazenen in Spanien (1212)
und Osteuropa (1236). Das ist deshalb wichtig, weil dem religiösen Weltbild des Islam und der
politischen Konzeption des Kalifats entsprechend unter muslimischen Vorzeichen weder
„Europa“ als besondere kulturelle Einheit noch die europäischen Nationalstaaten mit ihrer
charakteristischen Trennung von weltlicher und geistlicher Gewalt hätten entstehen können.
Wenn durch den Zusammenbruch der Almohadenherrschaft zwar auch eine Afrikanisierung
Spaniens abgewendet wurde, bestand die Tendenz zu einer Asiatisierung oder Orientalisierung
Osteuropas aber fort. Es gehört zur Geschichte Europas im hohen Mittelalter, dass die
christianisierte Rus‘ an die muslimischen Wolgabulgaren wie auch an das bis China
hinübergreifende Herrschaftsgebiet der Kumanen grenzte und dass es deren Nachfolgern, den
Mongolen, gelang, neben dem Wolgareich und den Polovzern/ Kumanen auch die Rus‘ zu
unterwerfen (1237/57). Im Osten fällt Europas Grenze also weiterhin nicht mit der Grenze der
Christianitas zusammen, sondern sie verläuft nach wie vor durch ein nicht-christliches Reich,
das zum größeren Teil asiatisch ist. Ebenso wie das fortbestehende, wenn auch zersplitterte
Byzanz reicht die Goldene Horde zugleich bis an diejenige Zone der lateinischen Welt, in der
sich das Königtum als Herrschaftsordnung, abgesehen von Ungarn, am schwächsten
durchgesetzt hatte.
Im Norden, Westen und Süden Europas vollzog sich im hohen Mittelalter eine bemerkenswerte
Homogenisierung der politischen Strukturen („nationale“ Königreiche in Skandinavien,
Ausdehnung der christlichen Reiche in Spanien, Bildung des normannischen Reiches in
Unteritalien) und zugleich eine stärkere Anbindung dieser geographischen Zonen „an Europa“,
bedingt durch die anglonormannische Reichsbildung und ihre Auswirkungen auch auf die
keltischen Randstaaten, vor allem aber herbeigeführt durch den Zentralismus des
Reformpapsttums. Ähnliche Bindekräfte wirkten auch in Ostmitteleuropa, ohne eine
gleichermaßen ausgeprägte Assimilation herbeizuführen. Daneben behauptete sich aber
Byzanz mit Kaiser und Patriarchat an der Spitze als eigenes Zentrum, das trotz seiner
Schwäche in der Lage war, eine Zweiteilung Europas aufrechtzuerhalten.
3.1
Europäisierung Europas durch Kolonisation und Fernhandel?
Als Resultate der schon frühmittelalterlichen Wikingerfahrten können die Bildung transmariner
„Kolonien“ und die Ansätze zur überseeischen Reichsbildung betrachtet werden. Das gilt nicht
nur für das anglonormannische (englisch-französische) Reich oder für das unteritalienische
Normannenreich, das immer wieder nach dem Balkan hinüberzugreifen versuchte, sondern
auch im Norden für die kirchlich-politische Integration Grönlands und Islands durch Norwegen
beziehungsweise für die Ausdehnung Dänemarks und Schwedens im Baltikum und nach
Finnland. Ein Novum brachte das hohe Mittelalter aber in die europäische Geschichte durch die
Bildung europäischer Staaten außerhalb Europas, und zwar durch die Kreuzzügler im östlichen
Mittelmeerraum (zur Kreuzzugsbewegung s. schon oben, bes. 2.1.2).
3.1.1 Die Frankisierung Europas durch Orientkreuzzüge
Sozialhistorisch gesehen wurden die Kreuzzüge vornehmlich von den Rittern getragen, also von
Reiterkriegern, die sich mit metallener Rüstung und Schild schützten sowie Lanze, Schwert und
Keule als Angriffswaffen führten. Die Ritter entwickelten ein besonderes Ethos und integrierten
den alten, landbesitzenden Adel bis zum König mit aufsteigenden Dienstleuten zu einem neuen
Stand, der sich von Fußsoldaten beziehungsweise Bauern, Klerikern beziehungsweise Mönchen
und städtischen Bürgern deutlich absetzte. Man hat die Entfaltung des Rittertums im Kontext der
Kreuzzugsbewegung auf verschiedene historische Ursachen zurückgeführt, etwa auf die
Hungersnöte des ausgehenden Frühmittelalters. Diese Katastrophen mit ihrem Höhepunkt um
die Jahrtausendwende seien durch einen Anstieg der Bevölkerungszahlen ausgelöst worden,
dem die landwirtschaftliche Produktion nicht mehr gewachsen gewesen sei. Abhilfe habe dann
die Zusammenfassung kleinerer landwirtschaftlicher Betriebe zu großen Gütern gebracht, die
allerdings nur solange effektiv arbeiteten, wie sie ungeteilt erhalten blieben. Deshalb habe man
auch das Erbrecht geändert. Besonders französische Agrarhistoriker haben den grundlegenden
Wandel beobachtet und beschrieben. Demnach habe sich das Nachfolgerecht eines einzigen,
meist des ältesten Sohnes durchgesetzt, während dessen Brüder sehen mussten, wo sie ihr
Auskommen fanden; die Orientzüge der Ritter und ähnliche kriegerische Unternehmungen in
Europa selbst hätten also als soziales Ventil gewirkt, und tatsächlich haben ungezählte
Kreuzritter in Ländern fern der Heimat neuen Landbesitz erworben und Herrschaften errichtet.
Nicht zu unterschätzen ist auch die Gottesfriedensbewegung des 11. Jahrhunderts, vor allem im
südlichen Frankreich. Dabei bewirkte die hohe Geistlichkeit eine Einschränkung des adligen
Fehdewesens zum Schutz der Schwachen, besonders der Bauern, für begrenzte Räume oder
Zeiten. Die Ritter hätten dann aber den Verlust ihrer angestammten Aktionsfelder im Osten
kompensiert.
Entscheidend war in diesem Zusammenhang, dass die Kreuzzüge unter kirchlicher Leitung
standen und der Klerus den Krieg verchristlichte. An sich galt der Krieg im Christentum, im
Unterschied zum Islam, als verwerflich. Der Kirchenvater Augustinus hatte Kriege lediglich dann
für erlaubt erklärt, wenn sie entweder der Verteidigung oder der Wiedererlangung geraubten
Gutes dienten. Nur der König selbst blieb nach herkömmlicher Auffassung im Krieg ohne Sünde,
das galt jedoch nicht für die übrigen Waffenträger. Jetzt aber segnete die Kirche die Schwerter
der Ritter und heiligte den Ritterstand. Schon aus dem 10. Jahrhundert stammte die Oratio
super militantes: ‚Gott, Quell der Ewigkeit, Herr alles Guten und Besieger aller Feinde, segne
diese deine Diener, die vor dir ihre Häupter neigen, und gieße Deine stete Gnade über sie aus!
In der Ritterschaft, in der sie erprobt sind, bewahre sie in Gesundheit und Glück, und wo sie
Deine Hilfe anrufen, stehe ihnen alsbald bei, beschütze und verteidige sie!‘ Und der
„Schwertsegen“, der im 11. Jahrhundert in Deutschland, Italien und Frankreich verbreitet war,
lautete folgendermaßen: ‚Erhöre, Herr, unsere Bitten und segne mit der Hand Deiner Majestät
dies Schwert, mit dem dieser dein Knecht N. umgürtet zu werden wünscht, damit es
Verteidigung und Schutz sei für Kirchen, Witwen und Waisen, für alle Diener Gottes gegen das
Wüten der Heiden, und den Gegnern Angst und Schrecken einflöße‘ (zit. nach C. Erdmann). Der
Kampf gegen die Muslime galt also als heiliger Krieg, sofern er den bedrängten christlichen
Brüdern und Schwestern Hilfe brachte und der Befreiung der Heiligen Stätten diente. Schon
während des gesamten 11. Jahrhunderts waren große Pilgerscharen nach Jerusalem gezogen,
doch sollte die Fahrt nun bewaffnet sein und trotzdem dem eigenen Seelenheil zugute kommen.
Schon 1096 in Clermont verbreitete sich die Auffassung, dass die Kreuznahme zum Nachlass
der zeitlichen Sündenstrafen führte; ohne den Unterschied zu ewigen Strafen klar ziehen zu
können, glaubten die Ritter und anderen Illiteraten, die sich auf den Kreuzzug begaben, sie
gewönnen damit die Freiheit von aller Sünde selbst, im Falle ihres Todes also den direkten
Aufstieg in den Himmel. Seinen naiven, aber wirkungsvollen Glauben brachte etwa im Limousin
Aimery Brunus so zum Ausdruck: ‚Ich gedachte meiner Sünden und ersehnte, mit den Christen
die Muslime zu bekämpfen und das Grab unseres Herrn zu besuchen, das in Jerusalem ist‘ (zit.
nach J. Riley-Smith). Treffsicher fasste der gebildete Chronist des Ersten Kreuzzuges, Guibert
von Nogent (gest. um 1125), die religiöse und soziale Dimension des neuen Kriegswesens
zusammen: ‚Gott hat in unserer Zeit heilige Kriege gestiftet, damit der Ritterstand und die
Menge, welche ihm folgt, (…) einen neuen Weg zu ihrer Erlösung finden. Denn sie sind nicht
gezwungen, das weltliche Leben vollständig fahren zu lassen, indem sie das klösterliche Leben
oder ein geistliches Amt wählen, wie es früher der Fall war, sondern sie können sich in
bestimmtem Maß Gottes Gnade erwerben, während sie ihrem eigenen Beruf folgen, mit der
Freiheit und in dem Habit, das sie gewöhnt sind.’
Von Anfang an waren die Orientzüge multiethnische Unternehmungen mit einem starken
Schwergewicht auf der westeuropäischen Herkunft. Beim Ersten Kreuzzug beispielsweise führte
Gottfried von Bouillon, der Herzog von Niederlothringen, ein Heer von Lothringern,
Nordfranzosen und Deutschen an, einem anderen Kontingent stand Hugo von Vermandois, der
Bruder des französischen Königs, vor, aus Süditalien setzte der Normannenfürst Bohemund von
Tarent nach dem Balkan über, während Graf Raimund von Toulouse die größte Streitmacht
anführte, die aus Südfranzosen, vor allem Provenzalen, und Burgundern gebildet war, und zu
den bewaffneten Pilgern Roberts II. von Flandern gehörten schließlich auch der gleichnamige
Herzog von der Normandie sowie Graf Stefan von Blois. Obwohl die Truppen, schon aus
logistischen Gründen, auf verschiedenen Wegen und zu unterschiedlichen Zeiten vorrückten,
trafen sie sich doch Anfang 1097 vor den Mauern von Konstantinopel.. Hier wurden sie von den
Byzantinern, die sich von ihnen bedroht fühlten, als Gesamtheit wahrgenommen und vielleicht
schon damals als phrangoi, als ‚Franken‘ also, bezeichnet. Jedenfalls bürgerte sich diese
Sammelbezeichnung für die expansiven Abendländer bei den griechischen ‚Römern‘ ebenso ein
wie bei den Muslimen (Faranua, Ifranua), und die Fremdbezeichnung der anderen scheinen die
Kreuzfahrer als Gesamtbezeichnung für sich selbst übernommen zu haben. Der Frankenname,
der auf das Reich Karls des Großen zurückweist, wurde beibehalten, als später auch
Skandinavier (König Sigurd von Norwegen 1110 vor Sidon) oder Engländer (besonders seit dem
Zweiten Kreuzzug) Anteil an der Bewegung nahmen. Eine weitergehende Ausdehnung war
unnötig, da sich die Lateiner Ostmitteleuropas an den Kreuzzügen im östlichen Mittelmeerraum
nicht beteiligten. Wenn ein Ungar namens Nikolaus zwischen 1291/92 und 1302 als Inhaber
einer Klerikerstelle in Paphos (Zypern) begegnet, beruht dies nur auf der Spannweite des
päpstlichen Provisionswesens.
Die ersten Kreuzfahrer wählten den Landweg nach Palästina, was bei umsichtiger Planung
unter anderem diplomatische Verhandlungen wegen des Durchzugsrechts und der
Proviantierung verlangte. Vor allem die Normannen konnten die Überquerung der Adria (von
Bari oder Brindisi aus) anbieten, aber auf Dauer war der Kaiser von Byzanz nicht bereit, den
gefährlichen Heeren aus dem Westen mit seinen Schiffen (über den Bosporus) weiterzuhelfen.
Andererseits haben die italienischen Handelsleute bald begriffen, welche Möglichkeiten sich
ihnen mit dem Transport tausender bewaffneter und unbewaffneter Pilger in den Osten boten.
Vor den Venezianern und Genuesen wurden dabei die Pisaner aktiv, aber alle Stadtrepubliken
verstanden es im Laufe der Zeit, Kaufmannsniederlassungen oder sogar Herrschaften in der
Levante zu errichten. Während Friedrich I. 1189/90 noch ein riesiges Kreuzfahrerheer über
Ungarn und das Ostreich bis nach Anatolien führte (s. oben 2.1.1.3), bevorzugten der englische
König Richard Löwenherz und Philipp II. Augustus von Frankreich für ihren Zug von 1190/91
erstmals den Seeweg. Richard hatte zwar bereits in England, der Normandie, der Bretagne und
im Poitou eine Flotte zusammengestellt, heuerte aber auch in italienischen Häfen Schiffe an.
Sein Konkurrent Philipp II. mietete im Februar 1190 für 5850 Mark genuesische Schiffe, um 650
Ritter, 1300 Schildknappen und 1300 Pferde sowie Verpflegung für acht und Wein für vier
Monate aufzunehmen. Seither haben alle Kreuzzüge in den Orient die Fahrt über das Meer
gewagt, auch als man später statt Palästinas selbst Ägypten beziehungsweise Nordafrika
ansteuerte.
Keineswegs alle Kreuzfahrer blieben auf Dauer in der Levante, obgleich ihre Expedition
militärisch von Erfolg gekrönt war. Schon nach dem Ersten Kreuzzug (1096–1102), bei dem sich
verschiedene „Wellen“ unterscheiden lassen, siedelte sich nur eine Minderheit der Lateiner im
Heiligen Land beziehungsweise Syrien an. Rückschläge im Kampf mit Muslimen (oder auch
Byzantinern) und wirtschaftliche Schwierigkeiten veranlassten immer wieder Hilferufe an den
Westen; diese konnten von den Päpsten durch Kreuzzugsappelle unterstützt werden und Erfolg
haben, ohne dass es jeweils zu einem förmlichen Kreuzzug kam. Als der muslimische Atabeg
Noraddin von Aleppo und Damaskus Ägypten eingenommen hatte (1169), wandte sich König
Amalrich von Jerusalem sogar um Hilfe an den Ostkaiser. Im Konflikt mit den Großen seines
Landes begab er sich 1171 persönlich nach Konstantinopel und konnte tatsächlich
vorübergehend den Beistand der Griechen gewinnen. Das ungewöhnliche Bündnis endete
freilich mit Kaiser Manuels I. Tod 1180, und als Noraddins Nachfolger Saladin die Lateiner aufs
stärkste bedrohte, konnte selbst eine hochrangige Delegation unter dem Patriarchen von
Jerusalem im Westen keine wirkungsvolle Hilfe gewinnen.
Neben Rittern, Händlern und Klerikern ließen sich Bauern im Heiligen Land nieder. Die neuere
Kreuzzugsforschung hat erkannt, dass die ‚Franken‘ keineswegs nur in Städten und Burgen
lebten, sondern zu großen Teilen in Dörfern und auf Rittergütern. In ‚Neustädten‘ (villeneuves)
wurden freie Bauern aus Europa vom örtlichen Grundherrn gegen die Abgabe des Zehnten mit
Land ausgestattet. Mit enthusiastischen Worten hat Fulcher von Chartres 1127 in einer
Kreuzzugschronik bereits eine neue Identität der Siedler beschrieben: ‚Die wir Abendländer
waren, sind jetzt zu Orientalen geworden; wer Römer oder Franzose war, ist in diesem Lande
zum Galiläer oder Palästinenser geworden; wer aus Reims oder Chartres stammte, wurde zum
Tyrer oder Antiochener. Schon haben wir die Orte unserer Geburt vergessen; schon sind sie
den meisten von uns unbekannte oder nie gehörte Namen. Schon besitzt der eine eigene
Häuser und Diener wie aus väterlichem Erbrecht, andere freiten, aber nicht nur eine
Landsmännin, sondern auch eine Syrerin oder Armenierin, bisweilen auch eine getaufte
Sarazenin. Wer ein Fremdling war, ist jetzt gleichsam ein Eingeborener. Tagtäglich folgen uns
unsere Angehörigen und Verwandten, die, ohne es gewollt zu haben, allen Besitz zurücklassen.
Denn wer dort mittellos war, den hat Gott hier reich gemacht, wer wenig Geld hatte, besitzt hier
zahllose Byzantiner [d. h. Goldmünzen], und wer kein Dorf besaß, dem gehört hier durch die
Gabe Gottes eine ganze Stadt. Warum also sollte ins Abendland zurückkehren, wer hier einen
solchen Orient fand?‘ Dieses Porträt der lateinischen Siedlung ist allerdings in viel zu hellen
Farben gehalten und verdeckt die immensen Probleme, die auf die neue Gesellschaft zukamen.
Im ganzen zweihundertjährigen Zeitraum der eigentlichen Kreuzzugszeit war der lateinische
Osten auf Zuzug aus Europa angewiesen, da weder die Städte noch das Agrarland durch
biologische Reproduktion der ersten Eingewanderten auch nur annähernd bevölkert werden
konnten. So war „die lateinische Gesellschaft nie geschlossen und homogen, sondern in
ständigem Umbruch begriffen“ (R. Hiestand). Als seit etwa 1130 Neuzuwanderer auf Lateiner
treffen konnten, die schon im Lande geboren waren, kam es zu schwierigen
Anpassungsprozessen, die sich fortan ständig wiederholten. Dabei spielte nicht nur die
womöglich unterschiedliche geographische Herkunft der Neu- und Altsiedler eine Rolle, sondern
auch die Differenz in der Erfahrung des historischen Wandels: „Unter ideengeschichtlichem
Gesichtspunkt können die Zuwanderer als progressiv bezeichnet werden, weil sie jeweils die
historische Entwicklung im Westen mehr oder weniger getreu spiegelten, die ‚Eingesessenen‘
dagegen entsprechend einer allgemeinen Tendenz in Siedlergesellschaften eher als
konservativ, da sie, von ihrer Basis abgetrennt, ihre Identität an den Ideen und Strukturen
ausrichteten, die sie im Augenblick der Niederlassung im Osten mitgebracht hatten.
Andererseits unterlagen sie Einflüssen der neuen Umgebung und entfernten sich dabei – zum
Teil unbemerkt – von ihrer Wurzel.“ (R. Hiestand) Viele der Neuankömmlinge blieben ihrer alten
Heimat stärker verbunden, bewahrten also eine „regressive Identität“, entwickelten eine
Desidentifikation mit dem Osten und kehrten schließlich nach Europa zurück. Exemplarisch lässt
sich die bleibende Fremdheit der Lateiner im Heiligen Land am Beispiel der Geistlichkeit
demonstrieren. Danach sind in der wichtigen Hafenstadt Akkon allenfalls 10% der bekannten
Kleriker Einheimische gewesen, die Hälfte hingegen waren Franzosen, die übrigen Italiener,
Spanier, Engländer und Griechen; ähnlich war es in Tripolis, wo aber die Italiener dominierten.
Unter den Bischöfen sank der Anteil der im Heiligen Land geborenen Amtsträger sogar unter
3%, und je höher das Kirchenamt war, um so eindeutiger wurde der französische Vorrang; im
13. Jahrhundert stieg allerdings das Gewicht der Nichtfranzosen, auch hier besonders der
Italiener. Während die Kleriker, die mit dem Ersten Kreuzzug ins Land gekommen waren, kaum
die Absicht gehegt hatten, zu bleiben und hier teilweise dann doch eine geistliche Laufbahn
einschlugen, scheinen ab dem 12. Jahrhundert Absolventen der europäischen hohen Schulen
karrierebewusst in den Osten gezogen zu sein. Mit Kenntnissen in beiden Rechten und den
artes dictandi waren sie den eingesessenen Klerikern überlegen und konnten auf vorteilhafte
Verwendung in der königlichen oder kirchlichen Verwaltung hoffen. Seit dem Niedergang des
Königtums von Jerusalem (1187 bzw. 1222) konnten die Päpste den Klerus durch Provisionen
weiter internationalisieren, doch blieben diese Geistlichen dem Land meist fremd, wenn sie ihre
Pfründe überhaupt vor Ort aufzehrten. Ähnliches gilt für die Mendikanten, obgleich diese dem
Papst zu absolutem Gehorsam verpflichtet waren und sich einer Entsendung nicht entziehen
konnten.
Die Siedlungen und Herrschaften der Lateiner in Palästina und Syrien erfüllen kaum die
Kriterien, die für den westeuropäischen Kolonialismus der Neuzeit entwickelt worden sind. Denn
im Unterschied zu den englischen oder spanischen Eroberungen und Siedlungen in Amerika
handelte es sich nicht um Kolonien, die vom Mutterstaat gelenkt und ökonomisch zu dessen
Vorteil ausgebeutet wurden und die eine Einwanderung im großen Stil erlebten. Eher träfen
einige dieser Maßstäbe schon für die fränkischen Siedlungen in Griechenland nach dem Vierten
Kreuzzug zu (J. Philipps; vgl. zum englischen „Kolonialismus“ in Wales unten 4.2.1). Während
die Kreuzfahrer für ihre Vorhaben im Osten des Mittelmeeres immense Mittel aufwenden
mussten, brachten sie kaum einmal materielle Güter nach Hause zurück. Selten sind Zeugnisse
wie dasjenige von dem Ritter Grimald, der auf seiner Heimreise ‚Mitbruder‘ des burgundischen
Reformklosters Cluny wurde und mit seinem Testament der Abtei eine Unze Gold vermachen
konnte. Eine reichere Ausbeute dürften die Pilger mit dem Schwert bei der Erwerbung von
Reliquien gemacht haben. Kaum messbar sind hingegen die geistigen und mentalen
Auswirkungen der Kreuzzüge auf die Europäer. Da die Verbindung zwischen der Levante und
dem Westen niemals abriss, trugen die Expeditionen zweifellos vor allem dazu bei, den
Erfahrungs- und Erwartungshorizont der Okzidentalen auf Dauer zu erweitern. Zwar hat man
festgestellt, dass zwischen dem Ersten und Zweiten und wohl sogar bis zum Dritten Kreuzzug
(1187–1192) noch keine allgemeine und kontinuierlich starke Kreuzzugsbegeisterung herrschte;
am Beginn des Jahrhunderts hatten Aufrufe fast nur in Flandern, im nördlichen Poitou, im Anjou,
in der südlichen Normandie und in der Île de France regelmäßig Beachtung gefunden.
Andererseits steht fest, dass jede Generation des 12. und 13. Jahrhunderts mindestens einen
Kreuzzug erlebte. Mitte des 13. Jahrhunderts dürfte es im Westen sogar kaum noch Männer und
Frauen im Laienstand gegeben haben, die im Verlauf ihres Lebens nicht wenigstens eine
Kreuzzugspredigt gehört hatten. Indem sie sich über Jahrhunderte mit einer gemeinsamen
Aufgabe konfrontiert sahen, entwickelten die Abendländer gewiss ein neues Bewusstsein ihrer
Zusammengehörigkeit und Besonderheit. Nach den Worten des englischen Historikers Simon
Lloyd förderten die Kreuzzüge „die Erkenntnis, daß alle Europäer eine gemeinsame Identität
haben, die in einer gemeinsamen kulturellen Tradition – die freilich lokale Unterschiede aufweist
– verwurzelt ist. Da die abendländische christliche Kultur das kennzeichnende gemeinsame
Merkmal war, tat sich ein tiefer Spalt zwischen den christlichen Westeuropäern und der übrigen
Menschheit auf, der seiner Konzeption nach im Wesentlichen religiös fundiert war.“ Als
umfassender ideologischer Krieg hätten die Kreuzzüge freilich auch einen fremdenfeindlichen
Zug hervorgebracht, der sich nicht nur gegen die Muslime, sondern vor allem auch gegen die
Juden richtete. Tatsächlich wurde schon der Aufbruch zum Ersten Kreuzzug 1096 im Rheinland
durch Pogrome gegen die Juden begleitet.
Vor allem wurden aber die kulturellen Wertvorstellungen der abendländischen Ritterschaft tief
vom Kreuzzugsgedanken geprägt; die Teilnahme an einem Zug ins Heilige Land galt bald als
Norm ritterlichen Verhaltens, auch wenn nur eine Minderheit aus jeder Generation die
Expedition wirklich auf sich nahm. Der Wunsch, Ehre und Ruhm zu erwerben, war von Anfang
an ein wesentliches Motiv für die Kreuzfahrt gewesen, und diese galt mindestens seit dem
Vierten Kreuzzug als höchster Ausdruck des ritterlichen Dienstes. Eine Neuerung der
Kreuzzüge, die auch in Europa selbst weittragende Rückwirkungen entfaltete, war die Erfindung
der geistlichen Ritterorden im Heiligen Land. Um 1120 hatte ein Ritter aus der Champagne die
Idee, es könnte gottgefällig sein, mönchische Lebensformen mit dem Heidenkampf zu einem
neuen ritterlichen Ideal zu verbinden. Mit acht Genossen leistete er dem Patriarchen Warmund
von Jerusalem das Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit, wie es die Mönche
zu tun pflegen, fügte dem jedoch als viertes die Verpflichtung hinzu, den Pilgern auf der
wichtigen, aber unsicheren Straße von Jaffa nach Jerusalem Schutz und Hilfe zu gewähren.
König Balduin II. wies ihnen im königlichen Palast Templum Salomonis (heute al-AqsbMoschee), Räumlichkeiten zu, nach denen sich die neue Gemeinschaft Templer (Tempelherren)
nannte. Eine formelle Ordensregel wurde bald approbiert, ebenso wie das Ordenskleid, das aus
einem weißen Mantel mit rotem Kreuz bestand. Die Mehrzahl der Ordensleute waren Laien, bei
denen auch die Leitung lag. Ein Ordensmeister stand den Klassen der Ritter, der dienenden
Brüder und der Ordenskapläne vor. Durch Privilegien, vor allem des Papstes selbst, wurden die
Templer im Laufe des 12. Jahrhunderts ganz der ordentlichen Kirchenstruktur eximiert. Ihre
ursprüngliche Aufgabe des Pilgerschutzes erweiterten sie schnell, so dass sie zu einem Teil der
Streitkräfte für den Schutz christlicher Gebiete gegen die Muslime wurden. Wie die übrigen
Christen im Heiligen Land waren sie auf Versorgung mit Geld, Material und Menschen aus dem
Westen angewiesen, doch entstanden in Europa selbst Niederlassungen, die die Mehrzahl der
Ordensbrüder überhaupt beherbergten. So fanden die Tempelherren zunehmend auch im
Okzident Aufgaben bei der Verteidigung und Ausbreitung der Christenheit mit dem Schwert.
Ähnliches gilt auch für die beiden anderen Ritterorden der Johanniter und der Deutschen. Die
einen waren ursprünglich Betreuer eines christlichen Spitals beim Benediktinerkloster S. Maria
Latina in Jerusalem gewesen, das von Kaufleuten aus Amalfi um 1070, also noch vor Beginn
der Kreuzzüge, gegründet worden war. Benannt war die Fürsorgestätte für kranke und arme
Pilger nach Johannes dem Almosengeber, einem alexandrinischen Patriarchen aus dem 6.
Jahrhundert. Wie die Templer unterstellten sich die Johanniter dem Papst. Waren sie zunächst
auf rein karitative Funktionen beschränkt gewesen, so übernahmen sie bald (seit 1137?) auch
Aufgaben im Grenzschutz, um sich dann als exklusiver Ritterorden wie die Tempelherren dem
Heidenkampf zu widmen. Ihre Ordensregel orientierte sich an derjenigen der Chorherren. Wie
die Johanniter ist auch der Deutsche Orden aus einer Hospitalgenossenschaft hervorgegangen;
diese hatten Lübecker und Bremer Bürger nach dem gescheiterten Kreuzzug der Deutschen
von 1189/90 vor Akkon gegründet. Nach Approbation des Papstes wurde das Hospiz 1198 in
den national ausgerichteten Ritterorden vom Haus der heiligen Maria der Deutschen in
Jerusalem umgewandelt. Der Deutsche Ritterorden nahm die Templerregel an, trug als
kennzeichnende Gewandung aber den weißen Mantel mit schwarzem Kreuz. Neben den
Templern wurden auch Johanniter und Deutschordensherren im Heidenkampf in Europa tätig,
besonders in Spanien und im Baltikum; nach ihrem Vorbild wurden in diesen Ländern und
Regionen von Fürsten und Monarchen auch kleinräumig agierende Ritterorden gegründet (s.
oben 2.1.5, 2.1.7). Nur die Templer und die Johanniter blieben auf Dauer „international“ in ihrer
Zusammensetzung, wenn sie auch ihre Mitglieder vor allem in Frankreich rekrutierten.
Abgesehen von den Ritterorden verdankte es die westliche Christenheit der Ausbildung eigener
Staaten, dass sie sich für Jahrhunderte in Syrien und Palästina festsetzen konnte. Diese
okzidentalen Monarchien und Grafschaften traten allerdings nicht immer an die Stelle
muslimischer Herrschaften; im Gegenteil verdrängten die Abendländer zuerst christliche
Fürsten, und paradoxerweise waren es nur von jeher christliche Gebiete, die im Osten über das
hohe Mittelalter hinaus in Händen abendländischer Herren verbleiben sollten. Schon beim
Anmarsch auf Jerusalem gründete Balduin von Boulogne, ein Bruder Gottfrieds von Bouillon, die
Grafschaft Edessa an der Stelle eines Gemeinwesens christlicher (monophysitischer) Armenier.
Den alten Patriarchensitz Antiochien, der seit wenigen Jahren von Seldquken erobert war,
machte Bohemund von Tarent zum Sitz eines Fürstentums. Schon auf dem weiteren Zug nach
Palästina wurden westliche Priester als Bischöfe eingesetzt, so dass eine lateinische
Kirchenorganisation entstand und neben die griechisch-orthodoxe trat oder diese verdrängte.
Nach der blutigen Eroberung der Heiligen Stadt selbst (15.7.1099), bei der abgesehen vom
Gouverneur und seinem Gefolge kaum ein Muslim mit dem Leben davonkam und auch viele
Juden hingemordet wurden, war die politische Form der Herrschaft einige Zeit strittig. Gottfried
von Bouillon wurde zwar zum Herrscher gewählt, lehnte es aber ab, in der Stadt Christi den
Königstitel anzunehmen. Erzbischof Daimbert von Pisa, den der Papst zu seinem Legaten
bestimmt hatte, wurde noch 1099 erster lateinischer Patriarch von Jerusalem. Offensichtlich
versuchte Daimbert die Errichtung eines geistlichen Fürstentums und erlangte von Gottfried und
Bohemund vielleicht auch Lehnseide; damit wurde ein (berechtigter) Anspruch des Kaisers von
Byzanz auf Oberhoheit abgewehrt. Nach Gottfrieds frühem Tod musste Daimbert allerdings
Balduin von Boulogne-Edessa an Weihnachten 1100 in Bethlehem zum ersten König von
Jerusalem krönen. Während Balduin I. (1100–1118) danach wichtige Küstenstädte eroberte,
darunter Akkon, und die fränkische Herrschaft bis zum Golan im Norden und Aila am Golf von
cAqaba ausdehnte, schufen Raimund von Toulouse und seine Erben die Grafschaft Tripolis (seit
1109). Unter den vier nun bestehenden Kreuzfahrerstaaten kam dem Königreich Jerusalem
unstrittig der Vorrang zu; Tripolis hatte schon Balduin I. als Kronlehen an den Sohn Raimunds
ausgegeben, und Balduins Vetter und Nachfolger Balduin II. (1118–1131) baute die königliche
Lehnsherrschaft zielstrebig aus. Der Fürst von Antiochien war allerdings seit 1108 Vasall des
Kaisers von Byzanz, während ihm selbst seit den dreißiger Jahren der Graf von Edessa rechtlich
verbunden war. Das Lehnswesen im Heiligen Land erfuhr im Übrigen gegenüber den
Verhältnissen in Europa manche Modifikation. So besaßen manche Herren neben
Grundeigentum auch das so genannte Münzlehen mit dem Anrecht auf Steuern und Abgaben.
Alle Vasallen des Königs waren aber zur Heerfolge verpflichtet und konnten sich davon nicht,
wie im Okzident, freikaufen. Um 1166 erließ König Amalrich eine assise sur ligesse, durch die
alle Aftervasallen direkt an die Krone gebunden werden sollten. Im übrigen konnte sich der
König das Heimfallsrecht erledigter Lehen sichern; bei der hohen Sterblichkeit der
grundbesitzenden Ritter ermöglichte ihm dies nicht nur die häufige Neuverteilung der
Ressourcen und Machtpositionen, sondern auch die gezielte Zerstreuung adligen Besitzes. Seit
den vierziger Jahren des 12. Jahrhunderts haben die hohen Kosten für den Unterhalt der
Befestigungsanlagen und die großen Verluste bei Auseinandersetzungen mit den Muslimen die
Adligen oft gezwungen, Land und Burgen an religiöse Institutionen oder Ritterorden abzutreten.
Den ersten empfindlichen Rückschlag erlitten die Lateiner, als Zangi, der Herrscher von Mosul
(am Tigris), 1144 Edessa eroberte und somit den ersten der fränkischen Staaten zerstörte. Die
Reaktion der Abendländer, der Zweite Kreuzzug (1147–1149), war ein Fehlschlag. Zangis
Nachfolger Noraddin entwickelte schon den Plan, Jerusalem für den Islam zurückzugewinnen,
und ließ bereits eine Kanzel für die al-Aqsb-Moschee herstellen. Seine Streitmacht umfasste
wohl 10 000 bis 15 000 Reiter; dazu kamen Kontingente, die in einer dem westlichen
Lehnswesen vergleichbaren Weise mit Landgütern ausgestattet waren. Auch Byzanz gewann
jetzt wieder an Einfluss; Manuel Komnenos gelang sogar (vorübergehend) die Wiedereroberung
von Antiochien und ein Waffenstillstand mit Noraddin, der auch den Franken das Überleben für
einige Zeit sicherte. Da Syrien wieder fest in die Hand der Muslime gekommen war, orientierte
sich König Amalrich (1163–1174) auf die Eroberung Ägyptens, wofür seine militärische Kraft
aber nicht ausreichte. Stattdessen drang der Statthalter Noraddins in Ägypten, der Kurde
Saladin, nach Osten vor, trat die Nachfolge des Herrschers von Damaskus und Aleppo an und
brach ins christliche Königreich ein. In der Schlacht von Hattin vernichtete er am 4. Juli 1187 das
Heer der Siedler, obwohl es aus 18 000 Mann bestanden haben soll; in einem Siegeszug
ohnegleichen nahm Saladin daraufhin 52 Städte und Siedlungen ein, darunter Jerusalem selbst.
Nur Tyrus konnte gehalten werden, während Tripolis und Antiochia (außerhalb des
Königreiches) lediglich an ihren Ostgrenzen Gebiete verloren. Beim darauf folgenden Dritten
Kreuzzug glückte es Richard Löwenherz und Philipp II. von Frankreich, die wichtige Hafenstadt
Akkon zurückzuerobern; auch der gesamte Küstenstreifen von Tyrus bis Jaffa gelangte wieder
unter christliche Herrschaft, nicht aber Jerusalem. Die dem Meer zugewandten großen Städte
Akkon und Tyrus spielten eine herausragende Rolle im Fernhandel zwischen Orient und
Okzident und zogen dementsprechend auch das Interesse der italienischen Seerepubliken auf
sich; Venedig hatte sich schon früh ein Drittel von Tyrus und weitgehende Privilegien gesichert,
während Genua in Akkon ein zentrales Stadtviertel gehörte. Später sollte es bei der Rivalität der
beiden Städte um Akkon gar zum Krieg kommen. Die Bedeutung Akkons klärt der englische
Chronist Matthew Paris um 1240 mit der Bemerkung, dass sich hier die königlichen Einkünfte
auf 50 000 Pfund Silber pro Jahr beliefen; damit übertrafen die Einnahmen des Monarchen von
Jerusalem noch nach dem Verlust seiner Hauptstadt an diesem einen Ort die gesamten
Einkünfte des Königs von England zur gleichen Zeit.
Auf dem Dritten Kreuzzug hatte Richard Löwenherz auch Zypern erobert, das bis dahin unter
einem byzantinischen Partikularfürsten gestanden hatte (s. oben 2.1.1.2). Richard verkaufte die
Insel an den aus Jerusalem vertriebenen König Guido, in dessen Geschlecht die Herrschaft bis
1489 bleiben sollte. Vorerst wurde Zypern zur Zuflucht vertriebener Ritter, Knappen und Bürger
des lateinischen Königreiches, die hier mit Territorien und Rechten belehnt wurden, später war
es der Ausgangspunkt für weitere Kreuzzüge.
Bei seinem Kreuzzug von 1228/29 konnte Kaiser Friedrich II. Saladins Neffen, dem Sultan alKamil von Ägypten, noch einmal für zehn Jahre Jerusalem abhandeln; danach jedoch ging die
Heilige Stadt den Christen endgültig verloren. Ausschlaggebend waren die Turbulenzen, die die
Einfälle der Mongolen auch im östlichen Mittelmeerraum auslösten, sowie innerislamische
Konflikte. Zwischen 1217 und 1222 hatten die Mongolen das islamische Großreich der
Mwbrezmlbh im westlichen Zentralasien und in Nordpersien unterworfen; hwbrezmische
Truppen vagierten seither in Mesopotamien und destabilisierten das politische Gefüge der
Region. Als der Friedensvertrag al-Kamils mit Friedrich II. ausgelaufen war und der Sultan starb
(1238), rivalisierten seine Söhne unter Einbeziehung der Mwbrezmier um die Herrschaft. In den
Wirren konnten diese 1244 Jerusalem besetzen. Der Versuch Ludwigs IX. von Frankreich, von
Ägypten aus die Herrschaft der Christen wiederherzustellen, scheiterte, wenn der König auch
die Verteidigung von mehreren Hafenstädten festigte. Ludwigs Vorstoß trug indessen zu einem
Umsturz in Ägypten bei, durch den die Mamloken den Sultanat gewannen. Bald darauf griffen
die Mongolen erstmals direkt in das Geschehen ein; 1257/58 eroberte Khan Hülägü Bagdad und
beseitigte den jahrhundertealten Kalifat der cAbbasiden. 1260 griffen die Mongolen auch Aleppo
an, und der christliche Herr von Antiochien und Tripolis war bereit, sich mit ihnen zu verbünden.
Indessen konnte der Mamlokensultan Qutuz mit Unterstützung des Königreichs Jerusalem die
Mongolen 1260 an der Goliathsquelle entscheidend besiegen. Auch wenn der Ausgriff der
Mongolen in die islamischen Kerngebiete gescheitert war, gewann die Religion Mohammeds
unter ihnen seit dieser Zeit endgültig die Vorherrschaft (in der Goldenen Horde unter Berke,
1257–1266, im vorderasiatischen Khanat Nlchbnat seit Gazan, 1295–1304). Die ebenfalls
islamischen Mamloken nahmen indessen 1287 Tripolis und 1291 Akkon ein, und wenn dies
auch nicht das Ende der Kreuzzugsbewegung bedeutete, so waren die Christenstaaten in
Syrien und Palästina seither doch beseitigt. König und Adel flohen nach Zypern.
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