Umbauen im Ortsbild

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ARV-Studie
Umnutzungs- und Verdichtungspotential
in ländlichen Gemeinden
Renzo Casetti Februar 2009
Um- und Neubauen im Ortsbild
1
Beschränkte Neubaumöglichkeiten im Ortsbild und grosser
Erneuerungsdruck auf Altbauten bringen schützenswerte Einzelobjekte,
anerkannte Ensembles sowie Ortsbild- und Denkmalpflege zunehmend in
Bedrängnis.
Das muss nicht sein: Lösungsvorschläge
Bauen in der Kernzone
Die Bau- und Zonenordnungen der Gemeinden enthalten spezielle Gestaltungsvorschriften für Um- und Neubauten. Diese
Vorschriften basieren auf dem Grundgedanken, dass Neubauten dem Formenvokabular der bestehenden Häuser anzupassen
sind. Das Dogma der Anpassung stammt aus der Entstehungszeit des kantonalen Planungs- und Baugesetzes (PBG) vom 7.
September 1975. Im Jahr des Denkmals (1975) und angesichts des damaligen Baubooms sollten Kernzonen möglichst vor
„fremden“ Einflüssen verschont werden. Der Akzent wurde auf die „Ortsüblichkeit“ gelegt und richtete sich nach den
„schönsten“ Gebäuden der Generation unserer Väter und Grossväter. Bei der praktischen Handhabung der
Gestaltungsvorschriften wird der spezifischen Geschichte der einzelnen Gebäude des Dorfes und seiner Weiterentwicklung
oftmals zu wenig Beachtung geschenkt.
Die Vorschriften sind entweder sehr detailliert oder sie bieten zu vague Interpretationsspielräume. „Zeitgemässes“ Bauen
bleibt mitunter auf der Strecke. Das an sich berechtigte konservatorische Anliegen bleibt immer noch aktuell, wenn man sich
nicht den schnell wechselnden Modetendenzen unkritisch ausliefern will. Die Architekturtendenzen wechseln bekanntlich
immer schneller. „Zeitgemäss“ ist nicht identisch mit „modernistisch“.
Die Gestaltungsvorschrift von § PBG 238 eröffnet zwischen „keiner Beeinträchtigung“ „befriedigender Gesamtwirkung“, und
„besonderer Rücksichtnahme“ eine grosse Bandbreite von kreativen Lösungsmöglichkeiten.
Die nachfolgenden Beispiele zeigen eine differenzierte Anschauung und Handhabung im Umgang mit Um- und Neubauten in
der Kernzone, um damit die Bereitschaft und Freude am Bauen im Ortsbild zu wecken..
2
Verdichtung: Umbau und Ersatzbau
Die innere Verdichtung von Gebäuden stellt eine dankbare architektonische Herausforderung dar. Wie wohnt man in einer
Scheune? Worin lässt sich sonst noch überall wohnen und arbeiten? (Kirche, Stall, Spicher, Tabakscheune u.a.m.). Die
folgenden Beispiele zeigen gelungene Umnutzungen, welche nach aussen vielleicht unauffällige, nach innen aber umso
überraschendere Eindrücke bieten. - Nahsicht statt Seesicht -. Ein gelungener Umbau überliefert immer noch Aspekte seines
Vorgängerbaus und macht ihn dadurch unverwechselbar.
Der Ersatzbau muss grundsätzlich als Neubau bezeichnet werden, auch wenn gelegentlich Fragmente des Vorgängerbaus
bestehen bleiben oder wiederverwendet werden. Der gelungene Ersatzbau darf in einem gewissen Kontrast zu seiner
Umgebung stehen. Aber auch er tradiert noch die Bauform seines Vorgängers.
Beim Umbau ist darf zu achten, dass der „Hausgeist“ nicht ganz verbannt wird. Beim Ersatzbau sollte der „Dorfgeist“
erkennbar bleiben.
Verdichtung: Neubau in der Kernzone
Die Baulandreserven in den Kernzonen auszuschöpfen ist ein schwieriges Unterfangen. Es scheitert im Wesentlichen an zwei
Hindernissen. Einerseits widerspricht es dem Grundsatz der Erhaltung generell, denn Aussenräume sind an sich nicht
weniger wertvoll als Innenräume. Zudem sind die Grundbesitzverhältnisse in Kernzonen vielfach kompliziert. Servitute wie
Durchfahrtsrechte und unmittelbare nachbarschaftliche Uneinigkeit, wirken sich negativ auf die Bautätigkeit aus. Auch bei
der Ausnützung der einzelnen Liegenschaften herrschen grosse Unterschiede. Es gibt diesbezüglich viele
„Ungerechtigkeiten“. Die Gestaltungsbestimmungen zur Belichtung der Dachgeschosse zum Beispiel benötigen in den
Kernzonenvorschriften eine gewisse Erweiterung.
Die Qualität des Neubaus in der Kernzone liegt in seiner Zurückhaltung unter Einbezug der zeitgemässen Architektur.
Schwierige Platzverhältnisse und besondere Rücksichtnahmen auf bestehende Gebäude können eine Lockerung der
Bestimmungen rechtfertigen.
3
Inhalt
Umbauten
Abbruch bewilligt und trotzdem erhalten
1+2
Tabakscheune und Vielzweckbauernhaus Mitteldorfstrasse 1a und 2a, Hettlingen
Zenital-Licht im Tenn - Kochen im ehemaligen Stall
3
Vielzweckbauernhaus Maurstrasse 30, Fällanden
Licht durch das Scheunentor und Essen neben der 500-jährigen „heiligen Wand“
4
Vielzweckkleinbauernhaus Oberdorf 17, Marthalen
Mehrzweckhalle als Aufenthaltsraum und Boxen im ehemaligen Heustock
5
Vielzweckbauernhaus „im Flösch“ Hauptstrasse 5, Unterstammheim
Wohnen in Scheune und Glaskubus
6
Vielzweckbauernhaus Hauptstrasse 2, Berg am Irchel
Wohnen im Schopfanbau und Ferien im alten Wohnteil
7
Vielzweckbauernhaus Kirchgasse, Schlatt ZH
Wohnen in der Scheune statt Schlafen im Stroh
8
Dachausbauten
Stallscheune Tössriederenstrasse 82, Eglisau
Neue Feuerstelle in alter Rauchkammer
9
Bürgerhaus „Alte Kanzlei“ Hauptstrasse 76, Oberstammheim
Dachraum mit Panoramafenster
10
Ersatzbauten
Ehemaliges Bauern- u. Handwerkerhaus Dorfstrass 32, Uhwiesen
Ersatzbau … und trotzdem Heuaufzug im Treppenhaus
11
Stallscheune Berghaldenstrasse 76, Zürich
Nach Abbruch … Reparatur im Ortsbild
12
Vielzweckbauernhaus Dorfstrasse 34b, Guntalingen
Nach Abbruch … Ergänzung im Ortsbild
13
Neubauten
Burgstrasse ausstehend
Rücksicht statt Anbiederung
14
Laubistrasse 15, Tössriederen, Eglisau
Tabakscheune und Vielzweckbauernhaus
Mitteldorfstrasse 1a und 2a Hettlingen
Abbruchbewilligt und trotzdem erhalten
Zu den Gebäuden
Ein Gutachten der kantonalen
Denkmalpflegekommission aus dem Jahr 1988
misst der imposanten, 1948 erbauten
Tabakscheune und dem Vielzweckbauernhaus
heute Mitteldorfstrasse 1a und 1b keine
kommunale Bedeutung zu. Das stattliche
Bauernhaus mit Gewölbekeller entspricht einem
Einheitstyp für intensivierte Graswirtschaft des 19.
Jahrhunderts. Dieser Beurteilung der KDK
entsprechend, beabsichtigte die Genossenschaft
EIWOG 1992 die Errichtung eines Doppelhauses
und von fünf Reihenhäuser an Stelle der Altbauten.
Eine erfolgreiche private Einsprache gegen das
bewilligte Projekt einerseits und
Finanzierungsprobleme der Genossenschaft
andrerseits verzögerten das Bauvorhaben
erheblich. Im Jahr 2000 kaufte die Agensa AG alle
drei Liegenschaften und baute sie zweckmässig
um.
5
Neue Architekturelemente
Das Wohnen in der Scheune stellt eine
willkommene Alternative zum
minimalisierten Grundriss von gängigen
Reihenhäusern dar. Raumvolumen als
Qualität und „günstiger Luxus“. Wer hat
schon ein Badezimmer von 20m2
Bodenfläche? Die Holzkonstruktion der
ehemaligen Tabakscheune Scheune
wurde mit Gipskartonplatten verkleidet,
während im Scheunenteil des
Vielzweckbauernhauses massive Mauern
und Betondecken zur Anwendung kamen.
Isoliert wurden sie im Minergie-Standard,
sodass sich der Ölverbrauch in Grenzen
hält. Jeder Wohnteil hat seine eigene
Heizung. Die Hausteile sind beliebt und
wurden zum Teil bereits während dem
Bau verkauft. Die Grosszügigkeit der
Räume trägt zu diesem Erfolg bei.
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Eigentümer und Bewohner
In der ehemaligen Tabakscheune wohnen Sven Thali
und Barbara Stalder mit Kind. Dieser Hausteil
unterscheidet sich vom zweiten durch das Fehlen einer
grossen gedeckten Terrasse, dafür ist mehr geheizte
Wohnfläche vorhanden. Im Erdgeschoss befinden sich
Wohnzimmer , Küche, separates WC und Keller. Der
Treppenbereich wird über die grossen Korridore
belichtet und die beiden oberen Geschosse dienen als
Schlaf- und Arbeitszimmer. Im Kehlbodenbereich
befindet sich ein durchgehender Raum mit schöner
Aussicht nach Nordosten.
Die bestehenden grossen Vordächer sind attraktiv und
werden geschätzt.
Peter Dönz erwarb das Haus 2a vor der Fertigstellung
und hat als Baufachmann den Innenausbau selbst
bestimmt. Er bewohnt das Haus mit seiner Partnerin
Beatrice Bolt und ihren zwei erwachsenen Kindern.
Schon im Eingangsbereich merkt man, dass hier
reichlich Platz zur Verfügung steht. Der Wohnraum
befindet sich unter dem bis aufs Erdgeschoss
herunterreichenden Dach und ist im Innern zum
grössten Teil zweigeschossig. Über eine Galerie sind die
weiteren Wohnbereiche und Zimmer erschlossen. Ein
Wasch- und Trockenraum wird indirekt über den
Wohnraum belichtet.
An der Stelle von Misthaufen und Scheunenvorfahrt
liegt heute der Garten.
7
Ortsbildschutz
Die gelungenen Umnutzungen zeigen,
dass mehr erhaltenswert ist als ein
Inventar vorgibt. Die Vielfalt der beiden
individuellen und traditionellen Gebäude
prägt die Mitteldorfstrasse. Die
Materialisierung der verschiedenen
Fassaden ist erhalten geblieben und auf
Dachaufbauten wurde ganz verzichtet. Die
anspruchsvollen und erschwerten
äusseren Rahmenbedingungen führten
letztlich zur Erhaltung eines individuellen,
ortsspezifischen Ensembles. Die Gebäude
sind nicht unterkellert. Das einzige neu
errichtete Gebäude, eine Doppelgarage,
wurde in traditioneller Art und Weise
ausgeführt und fällt kaum auf.
Architekt und Bauherr:
Agensa AG, Maur
Eigentümer:
Sven Thali und Barbara Stalder
Peter Dönz
8
Vielzweckbauernhaus
Maurstrasse 30, Fällanden
Zenital-Licht im Tenn – Kochen im ehemaligen Stall
Zum Gebäude
Das Bauernhaus mit Tennteil, Stall und
Scheune wurde vor 1812 erbaut. Das
einfache Gebäude liegt im Dorfzentrum
dicht an der stark befahrenen Strasse
nach Maur. Südostwärts ist ein weiteres
Haus leicht versetzt angebaut. Das
Vielzweckbauernhaus mit dem später
errichteten Remiseanbau lässt sich leicht
etappenweise umbauen. Den finanziellen
Möglichkeiten folgend, wurden bis heute
erst der Wohnteil, das Tenn sowie ein Teil
der Ställe zu Wohnzwecken umgebaut.
Die ehemalige Heubühne und der
Remiseanbau werden gegenwärtig als
grosse Stauräume genutzt. Die
Volumenreserve reicht für eine weitere
Wohneinheit.
9
Neue Architekturelemente
Das Projekt übernimmt die gegebenen
Räume so wie sie sind. Die Verlegung der
Erschliessung in den Tennbereich stellt
den einzigen inneren Eingriff in die
bestehende Baustruktur dar. Am dadurch
freigewordenen Platz der Treppe im
Wohnteil befindet sich nun ein separates
WC. Das ehemalige Tenn erhält mit der
neuen Wendeltreppe aus Stahl ein
zusätzliches architektonisches Element,
welches die eindrückliche Höhe bis unter
das Dach unterstreicht. Mit Hilfe eines
durchgehenden Oberlichtbandes im Tenn
entlang des Wohnteils wird der einst
düstere Futterumschlagplatz zu einem
hellen und imposanten Wohnraum. Die
Dachräume des Wohnteils erhalten
ebenfalls zusätzliches Licht über das Tenn.
Das zweckmässige Projekt verzichtete auf
kostspielige Unterkellerungen.
10
Eigentümer und Bewohner
Für die Familie Eggenberger war die
Umbauzeit mit sehr vielen Fragen und
Unsicherheiten verbunden. Wie lässt sich
in einem Tenn wohnen und wie kann der
enge und eher spärlich belichtete Wohnteil
den heutigen Bedürfnis nach Licht gerecht
werden? Kann Wohnen neben der
Futterkrippe und Kochen im ehemaligen
Stall attraktiv sein? Die „Heubrügi“ als
Galeriegeschoss ist ebenfalls noch
vorhanden und die ehemalige wurde
Aufzugsöffnung wurde, um den Lichtfluss
zu verstärken begehbar verglast. Auf
kleinem Raum ergibt sich eine
abwechslungsreiche Raumabfolge
zwischen dem eigentlichen Wohnhaus und
dem ehemaligen Ökonomieteil.
11
Ortsbildschutz
Gegenüber dem öffentlichen Raum bleibt
das Erscheinungsbild des Gebäudes bei
geschlossenem Tenntor praktisch
unverändert. Das im Absatz von Wohnund Scheunenteil angebrachte Lichtband
tritt am Tag wenig in Erscheinung. Nachts
dagegen zeigt es unmissverständlich, dass
hier gewohnt wird. Die grosse
Gebäudetiefe sehr vieler
landwirtschaftlicher Gebäude erschwert
eine gute Belichtung erheblich. Am
vorliegenden Objekt wurden beide
Scheuneneinfahrten verglast, wobei auf
der Strassenseite das Tor erhalten blieb.
Nach Bedarf bildet es nun einen
angenehmen Schutz vor den Immissionen
der Strasse und respektiert das Ortsbild
tadellos.
Architekt:
Theo Wälty, Ettenhausen
Bauherrschaft:
Andreas und Sandra Eggenberger, Fällanden
12
Vielzweckkleinbauernhaus
Oberdorf 17, Marthalen
Licht durch das Scheunentor und Essen neben
der 500-jährigen „heiligen“ Wand
Zum Gebäude
Das auf den ersten Blick unscheinbare Haus
im Oberdorf von Marthalen beinhaltet einen
bald 550-jährigen Kernbau. Im kleinen 1463
errichteten Haus verbirgt sich das älteste in
Marthalen bekannte Gebäude. Das
ursprüngliche Wohnhaus wurde in den
Jahren 1530, 1620 und 1736 dreimal
erweitert. Dieser Umstand wurde dem
Eigentümer erst bei der Baueingabe
bewusst, was eine Neuplanung unter
Mithilfe der kantonalen Denkmalpflege zur
Folge hatte. Kernstück der Erhaltung bildet
die heute im Innern sichtbare Aussenwand
des Kernbaus. Der Dachstuhl mit den
verschiedenen Bauetappen und alle
Aussenfassaden wurden integral erhalten.
13
Neue Architekturelemente
Die neue Architektur beschränkt sich auf den
Bereich der Scheuenerweiterung. Der alte
Wohnteil blieb weitgehend unangetastet.
Einzig die ungeschickte Erschliessung des
oberen Geschosses wurde verbessert. Um im
kleinen Scheunenteil Platz zu gewinnen,
erfolgt die Erschliessung des neuen Einbaus
ebenfalls über diese geradläufige Treppe.
Dadurch entsteht ein interessantes
Erschliessungssystem um die historische
Wand herum. Man erlebt sie vom
ehemaligen Scheuneneingang aus von unten,
am Essplatz auf Augenhöhe und von einer
Galerie aus in der Übersicht.
Der neue Ausbau, im Scheunenbereich ist in
Beton ausgeführt . Er dient zur Stabilisierung
des ganzen Gebäudes und bildet gleichzeitig
einen ästhetischen Kontrast zum
Holzfachwerkbau. Durch das verglaste
Scheunentor wird das an sich bescheiden
belichtete Innere wirkungsvoll aufgewertet.
14
Eigentümer und Bewohner
Als die heutigen Eigentümer im Jahr 2003
das Haus erwarben, ahnten sie nicht, dass
es sich beim Kaufobjekt um einen
typologisch seltenen Bautyp und um das
älteste bekannte Gebäude Marthalens
handelte. Die Familie Thomas und
Christine Hausheer und ihre zwei Kinder
fühlen sich nach einer langen Bauzeit
wohl in ihrem Haus. Der Schwiegervater
erbrachte als pensionierter Schreiner sehr
viele Eigenleistungen und der Bauherr
verputzte die Wände im alten Teil
eigenhändig mit Lehm.
15
Ortsbildschutz
Das Haus mit asymmetrischem Giebel hat
vier sehr verschiedene Fassaden. Die
Giebelfassade zur Strasse hin ist verputzt
und die Nordwestfassade weist zwei
Geschosse Fachwerk auf. Die schiefe
Nordostfassade besteht ebenfalls aus einer
Riegelwand mit sehr wenigen Öffnungen
und auf der Südostseite reicht das Dach bis
fast zum Boden. Diese Ansicht ist besonders
empfindlich. Mit verschieden alten Ziegeln
wieder eingedeckt, präsentiert sich das
dominante Dach alles andere als eintönig.
Mit der Beibehaltung des Schopfanbaus und
der Inkaufnahme von beschränkten
Belichtungsmöglichkeiten gelang es, ein
prägnantes, immer selteneres
ortsbildtypisches Haus in Marthalen zu
erhalten.
Architekt:
Ernst Rüegg, Zürich / Emil Zingg, Hüttwilen
Bauherrschaft:
Thomas und Christine Hausheer
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Vielzweckbauernhaus „im Flösch“
Hauptstrasse 5, Unterstammheim
Mehrzweckhalle als Aufenthaltsraum –
Boxen und Velofahren im ehem. „Heustock“
Zum Gebäude
Die Entstehungsgeschichte der
zusammengebauten Bauernhäuser geht auf
die Familie Johannes Kappeler zurück.
Zwischen 1821 und 1852 entstanden zwei
Wohnhäuser und drei Ökonomieteile. Der
westliche Hausteil wurde vor 10 Jahren
umgebaut. Das Treppenhaus als MetallHolzkonstruktion steht in der ehemaligen
Tenndurchfahrt und erschliesst das Oberund Dachgeschoss. Hier befindet sich heute
auch der Hauptzugang des Hauses. Die
dunkle Küche wurde um die fassadenseitige
Kammer erweitert, um mehr Tageslicht ins
Innere zu bringen. Der frühere Hauseingang
dient heute als Ausgang auf den
Gartensitzplatz. Schon beim Umbau des
Wohnteils war vorgesehen, die Scheune zu
einem späteren Zeitpunkt besser zu nutzen.
17
Neue Architekturelemente
Der neue Mehrzweckraum entspricht
genau dem ehemaligen
Heustockvolumen. Die Westwand wurde
aussenseitig isoliert und wieder mit
einem traditionellen Eternitschild
versehen. Durch das grosse Glasfenster
heizt sich der Raum im Hochsommer auf.
Das Dach ist innen isoliert, sodass die
Sparren nicht mehr sichtbar sind. Der
Raum ist nicht beheizt und besitzt das
Klima eines grossen Wintergartens. Dem
Betrachter fällt es leicht, sich weitere
Einbauten vorzustellen. Die gut
erhaltenen sichtbaren Holzriegel gliedern
die Innenwände und die im Lot stehenden
Fenster machen die schiefen Wände
deutlich sichtbar. Der Raum bietet nach
wie vor das attraktive Raumerlebnis eines
leeren Heustock.
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Bauherr und Bewohner
Hanspeter und Anita Wepfer und ihre drei
Kinder haben das Bauernhaus geerbt und
in Etappen umgebaut. Mit den
allermeisten Generationenwechseln
erfahren Gebäude meist Veränderungen.
Der Bauernbetrieb existiert nicht mehr
und somit stellte sich die Frage nach einer
geeigneten Nutzung. Die Scheune bietet
heute Platz für Fitness, Boxen und
Velofahren, Spiele, Versammlungen u.a.m.
und kommt einem gedeckten Wohnplatz
am nächsten. Die Vielfalt der
Nutzungsmöglichkeiten verleiht dem sehr
grossen Raum seinen besonderen Reiz.
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Ortsbildschutz
Das Haus steht am westlichen Ende einer
zusammengebauten Häuserzeile.
Zusammen mit den davorliegenden
gepflegten Gärten prägt die Gruppe den
östlichen Dorfeingang. Durch den Verzicht
auf Dachaufbauten bleibt der ehemalige
Scheunencharakter erhalten. Die grosse
Öffnung auf der Westfassade dient der
Belichtung eines grossen Raumes. Die
zusätzlichen Fenster auf der Südseite
kommen mit einem minimalen Verlust an
Füllungen aus und das Skelett bleibt ganz
erhalten.
Architekt:
Walter Graf, Unterstammeim
Bauherrschaft:
Hans-Peter und Anita Wepfer
20
Vielzweckbauernhaus „Im Chloster“
Hauptstrasse 2, Berg am Irchel
Wohnen in Scheune und Glaskubus
Zum Gebäude
Das ehemalige Bauernhaus „Im Chloster“
steht im Dorfkern dicht an der
Hauptstrasse gegenüber der Kirche. Die
Giebelfassade der Scheune ist gegen
Süden gerichtet. Das Haus und Scheune
stammen aus dem Jahr 1558/59. Die
Nord- und Ostfassaden weisen Spuren
von Wandmalereien und verschiedenen
Farbfassungen des Riegelwerkes auf. Das
Haus wurde 1768 gegen Norden in
Firstrichtung und 1899 durch einen
Quergiebel gegen Osten hin erweitert. Die
Südfassade war vor dem Umbau mit
einem Ziegelschild versehen.
21
Neue Architekturelemente
Das starke architektonische Konzept des
gläsernen Hauses im Haus macht das
Innenleben einer Scheune zur
spannenden „Aussicht“. Gegen Westen
steht die Glaswand in gut begehbarem
Abstand zur alten Aussenmauer, gegen
Osten blickt man in die Räume späterer
Anbauten und gegen Süden lässt sich die
neue durchgehende Holzverschalung
lammellenartig öffnen und schliessen.
Licht- und Sichteinfall können je nach
Bedürfnis eingestellt werden. Möglich ist
diese Lösung nur dank einer leicht
eingeschränkten Ausnützung des
bestehenden Volumens. Im ehemaligen
Stall befinden sich der Eingang sowie ein
Schlafzimmer, in den beiden oberen
Geschossen der Wohn- und Essraum mit
Küche sowie ein Schlafraum mit Bad und
WC.
22
Bauherrschaft und Bewohner
Die Eigentümerin Maya Bühler liebt Bilder
und trotzdem fühlt sie sich sehr wohl im
Glashaus in der Scheune, auch ohne
herkömmliche Wände. Die drei grossen
„Wandbilder“ beschränken sich auf die
geschichtsträchtige Bausubstanz der
Aussenmauern und ihrer interessanten
Spiegelungen. Diese werden immer
wieder in verschiedenem Licht
wahrgenommen. Die Veränderung der
Patina am beweglichen
Holzlamellenschild ist aus nächster Nähe
im Streiflicht besonders reizvoll. Das
Schutzobjekt wird zum Kunstgegenstand.
Sie ist der Überzeugung, dass „die
Architektur ohne Experimente nicht
weiterkommt“
23
Ortsbildschutz
Das Ortsbild wird bei diesem Konzept
kaum tangiert. Der grossflächige
Ziegelschild wurde entfernt und durch
eine vertikale Schalung mit
durchgehender Brettern mit ähnlicher
Wirkung ersetzt. Die Lichtausbeutung
wird dadurch erst möglich und bei Nacht
macht sich der leuchtende Glaskubus –
dezent - nur durch die Abstände der
Lamellen bemerkbar. Das Gebäude hat
keinen eigentlichen Umschwung. Die
Platzsituation auf der Ostseite mit
Brunnen und Vorgärten kompensiert die
ungünstige Lage an der Hauptstrasse.
Architekt:
Arnold Amsler, Winterthur
Bauherrin:
Maya Bühler
24
Vielzweckbauernhaus
Kirchgasse, Schlatt ZH
Zum Gebäude
Das Wohnhaus mit Scheune bildet
zusammen mit der Kirche und ihrem
dazugehörigen imposanten Pfarrhaus ein
imposantes wertvollen Ensemble. 1776
als Pfarr- und Zehntenscheune erstellt
und 1839 teilweise zu Wohnzwecken
umgebaut, erfuhr das Gebäude in den
letzten 30 Jahren keine wesentlichen
Veränderungen, denn der Kanton Zürich
kaufte 1977 die Liegenschaft im Hinblick
auf ein Strassenbauprojekt. 2002
verkaufte er das sanierungsbedürftige
Vielzweckbauernhaus an Martin und
Suzanne Kuhn mit gewissen
denkmalpflegerischen Auflagen.: Im
bestehenden Wohnteil müssen die
Raumstruktur und der Kachelofen
erhalten bleiben und der Dachstuhl von
Wohnhaus und Scheune soll unbeheizt
bleiben.
Wohnhaus und Ferienhaus unter einem Dach
25
Neue Architekturelemente
Das architektonische Konzept kommt den
Ansprüchen von Bauherrschaft und
Denkmalpflege sehr entgegen.
Der aus denkmalpflegerischer Sicht
unbedeutende Remiseanbau liegt an der
schönsten Wohn- und Aussichtslage. Er
dient dem Wohnen, Kochen und Schlafen,
während das Badezimmer im Scheunenteil
losgelöst von der Aussenwand
untergebracht ist. Alter und neuer Wohnteil
sind nur über den ungeheizten ScheunenRaum erreichbar. Die Belichtung des
Badezimmers erfolgt geschickt über das
Dach und den vom Eigentümer liebevoll
genannten „Kreuzgang“. Die kreuzförmigen
Lüftungsöffnungen der Zehntenscheune
ergeben eine sakrale Stimmung.
Zentral geheizt mit Erdwärme wird nur der
Neubauteil. Auf dem Dach des kleinen
ehemaligen Waschhauses wurden die
Sonnenkollektoren für die
Warmwasseraufbereitung in die
Ziegelebene eingebaut..
26
Bauherrschaft und Bewohner
Die Bauherrschaft richtete das
Umbauprojekt und ihr Leben geschickt
nach den eingeschränkten Vorgaben. Die
Familie zog unmittelbar nach dem Kauf in
den sanierungsbedürftigen Wohnteil ohne
jeden Komfort ein. WC und Duschkabinen
wurden ausserhalb des Gebäudes
aufgestellt und geheizt wurde mit dem
Kachelofen. Der Bauherr, Schreiner und
Parkettleger, erbrachte grosse
Eigenleistungen für den zeitgemässen
Ausbau der Scheune und des
Remiseanbaus, die die Bauzeit
entsprechend verlängerten dafür aber die
Kosten senkten. Die dreiköpfige Familie
brauchte mehr Platz und betrachtet den
alten Wohnteil heute als heimeliges
„Ferienhaus“ im eigenen Haus. Das
Nebeneinander von zwei verschiedenen
Wohnformen, die Erhaltung der
Tenndurchfahrt sowie die unausgebauten
Teile der Scheune verleihen der Anlage
eine spannende und abwechslungsreiche
Stimmung.
27
Ortsbildschutz
Das Gebäude ist von allen Seiten sehr gut
einsehbar und steht neben den
prominenten Schutzobjekten Kirche und
Pfarrhaus. Die Zurückhaltung gegenüber
Veränderungen an den Fassaden fällt
nicht schwer, weil das Gebäude praktisch
allen gefällt - und zwar so wie es ist.
Durch die integrale Erhaltung der
Fassaden des Hauptgebäudes fallen die
Veränderungen am Remiseanbau kaum
ins Gewicht.
Architekt:
Kuhn und Zehnder, Winterthur
Bauherrschaft:
Martin und Susanne Kuhn
28
Umbau Stallscheune
Tössriederenstrasse 82, Eglisau
Wohnen in der Scheune – Alte Stallwand als Blickfang
Zum Gebäude
Das Stallscheune ist vermutlich 200 Jahre
alt und der jüngere Stalleinbau stammt
aus dem Jahr 1907. Die einfach
konstruierte Scheune wurde im Laufe der
Zeit in ihrer Statik einige Male arg
strapaziert. Das leichtfertige Entfernen
von Konstruktionsteilen im Hinblick auf
veränderte Nutzungen verursachten bei
dem Umbau vor neun Jahren einiges
Kopfzerbrechen mit entsprechenden
Mehrkosten.
29
Neue Architekturelemente
Am Volumen der Scheune wurde nichts
verändert. Die Dreiteiligkeit des Gebäudes ist
noch erlebbar. Der grösste Eingriff in die
vorhandene Bausubstanz bildet die
Betondecke über dem Erdgeschoss.
Ansonsten handelt es sich aber wieder
ausschliesslich um eine Holzkonstruktion. Die
massive Westfassade wurde nicht verändert
und die eindrücklich ausladenden, Vordächer
nur im Bereich über dem ehemaligen Stall
etwas gekürzt, was den Blick von der
Wohnküche aus auf den Rhein ermöglicht. Im
Treppenbereich ist die Höhe des ehemaligen
Tenns noch spürbar. Die glatte, lasierte
Schalung mit schmalen Brettern verweist auf
die anspruchsvollere Anforderung der
isolierten Aussenwände. Die Anordnung und
Gestaltung der Fenster ist zweckmässig und
führt zu einer schönen und
abwechslungsreichen Belichtung der
Innenräume.
.
30
Eigentümer und Bewohner
Der Eigentümer Eddie Borowski bewohnt
seine Wohnscheune originell und
eigenwillig. Im Erdgeschoss hat er den
Stall mit einem eingefügten horizontalen
Holzboden versehen ohne den alten
Stallboden zu zerstören. Der Raum dient
ihm als Lager, Werkstatt kurz als Ort der
Inspiration. Das Gebäude ist nicht
unterkellert, einzig ein Rübenkeller
ausserhalb des Hauses wurde erst bei den
Bauarbeiten entdeckt. Das Gebäude
besitzt keinen Umschwung. Ohne die
Möglichkeit der Pacht von siebzig
Quadratmeter Gartenfläche auf der
sonnigen Rückseite hätte er das Haus
nicht erworben. Gegessen und geschlafen
wird im ersten Obergeschoss. Der
durchgehend offene Dachraum dient der
Arbeit und Erholung. Die Erhaltung der
Laufkatze zur Verteilung der Heu- und
Strohballen war ihm ein Anliegen.
31
Ortsbildschutz
Das Ortsbild des Strassendorfs von
Tössriederen lebt einerseits von den
Einzelobjekten entlang der Hauptstrasse
und andrerseits von der gut einsehbaren
geschlossenen Dachlandschaft. Beiden
Gesichtspunkten wurde hier sehr
sorgfältig Rechnung getragen. Das Dach
wurde wieder mit den alten Ziegeln
eingedeckt.
Architekt:
Urs Eberhard, Zürich
Bauherr:
Eddie Borowski
32
Dachausbau „Alte Kanzlei“
Hauptstrasse 76, Oberstammheim
Neue Feuerstelle in alter Rauchkammer
Zum Gebäude
Die alte Kanzlei, auch als Zunftrichterhaus
bekannt, wurde vermutlich 1630 errichtet.
Von 1688-1839 waren Mitglieder der
Familie Wehrli hier als Landschreiber tätig.
Das repräsentative und wohlproportionierte
Gebäude besitzt ein Erdgeschoss in
Massivbauweise, zwei Obergeschosse in
Fachwerkbauweise und einen grossen, in
Eiche konstruierten Dachstuhl. Der
Erkeranbau wurde über 200 Jahre später
erstellt und zwar wieder in
Fachwerkbauweis. 1957 wurde der Riegel
der Westfassade freigelegt und 28 Jahre
später zum Schutz wieder mit einem
Ziegelschild geschützt.
33
Neue Architekturelemente
Der ausgebaute Dachstuhl besteht nach
wie vor aus zwei Grossräumen. Über die
bestehende Treppe erreicht man neben
der erhaltenen grossen, achteckigen
Rauchkammer das Dachgeschoss. Die
Galerie auf dem Kehlboden des östlichen
Raumes bildet ein stimmungsvolles
„Schlafzelt“. Da zwischen den Sparren
isoliert wurde, sind nur noch die Binder
sichtbar. Die durchgehende weisse
Schalung dient der Aufhellung des
Raumes und steht im Kontrast zu den
wertvollen Täfer-Decken der unteren
Geschosse. Durch die zurückversetzte
Verglasung im Bereich der niedrigen
Schleppgaube entsteht ein origineller
trogartiger Aussenraum mit geschütztem
Aussenklima. Die Aussicht auf die Dächer
und ins Weinland ist sehr schön. Auf der
westlichen Giebelseite wurden zusätzliche
Fensteröffnungen erstellt.
34
Eigentümer und Bewohner
Regula Langhard , Rico Zryd und ihre
beiden Kinder nutzen das zweite
Obergeschoss und den zweigeschossigen
Dachstock, letzteren als Mehrzweckraum.
Wohnen, arbeiten, spielen und schlafen
überlagern sich hier wie einst die im
Dachboden die gelagerten Güter. Das
durch Glasschiebewände abgetrennte Bad
mit Rundkiesboden und einer frei in den
Raum gestellten Dampfdusche bringt
sogar etwas Strandathmosphere in den
Dachstuhl. Das Haus wird intensiv
genutzt. Die Eigentümerin betreibt einen
Coiffeursalon im Erdgeschoss und die
Wohnung im ersten Obergeschoss ist
vermietet.
35
Ortsbildschutz
Das Haus „Zur alten Kanzlei“ steht sehr
prominent am östlichen Dorfeingang von
Oberstammheim. Zusammen mit dem Gasthof
„Zum Hirschen“, dem grossen Remisegebäude,
einem stattlichen Vielzweckbauernhaus und
den zwei Brunnen bildet es ein Ensemble von
höchster Qualität. Um die strassenseitige
Ansicht des dominanten Hauses und seines
grossflächigen Dachs nicht durch gängige
Giebellukarnen zu beeinträchtigen entschloss
man sich zu einer ungewöhnlichen Lösung. Der
Dachabsatz gewährleistet die Belichtung des
Dachraumes. Durch die Zurücksetzung der
Verglasung in den Dachbereich wirkt der Absatz
wie eine traditionelle Belüftungsgaube. Was
wird hier wohl getrocknet?
Architekt:
Heinz Ulrich, Oberstammheim
Bauherrschaft:
Regula Langhard und Rico Zryd,
Oberstammheim
36
Ehemaliges Bauern- u. Handwerkerhaus
Dorfstrasse 32, Uhwiesen
Zum Gebäude
Der zweigeschossige Sichtfachwerkbau
stammt im Gefüge aus dem 16/17 Jh. und
wurde 1872 umfangreich umgebaut. Der
nordwestlich, leicht zurückgesetzte
Ökonomieanbau datiert aus dem Jahr
1908. Das Gebäude, das im Laufe des 19.
Jh. zahlreiche Handwerker, wie
Drechsler, Küfer und Schuster bewohnten,
nimmt durch seine eigenwillige Stellung
eine bedeutende Funktion im Uhwiesener
Ortsbild ein. Das von den Eigentümern
sanft renovierte Gebäude brannte am 21.
Dezember 1995 lichterloh. Der Dachstuhl,
Teile des Obergeschosses und des
angebauten Ökonomiegebäudes sowie
ein Schopfanbau wurden Opfer der
Flammen. Das Gebäude wurde wieder in
Stand gesetzt und gleichzeitig der
Dachausbau realisiert. Erst zehn Jahre
später baute der Eigentümer selbst die
Scheune aus.
Dachraum mit Panoramafenster
37
Neue Architekturelemente
Beide Ausbauten erfolgten nicht in der
üblichen, rustikalen Art und Weise. Der
Dachstuhl wurde gänzlich mit
Gipskartonplatten verkleidet und wirkt
demzufolge sehr hell. Die Erinnerung an den
Brand trug vielleicht zu dieser auch
brandschutzmässig einwandfreien Lösung
bei.
Keine Veränderung am äusseren Bild
gegenüber dem öffentlichen Raum und
trotzdem eine hohe Wohnqualität im Innern
bildet hier die Herausforderung der
architektonischen Gestaltung. Die
innenliegende Treppe wird über
Dachflächenfenster auf der Rückseite
belichtet. Die ausgebaute Scheune ist ganz
nach Osten ausgerichtet.
Als Wohn-und Essraum des
Scheunenausbaus dient weiterhin der
attraktive Dachraum mit Panoramafenster.
.
38
Eigentümer und Bewohner
Die Familie Markus und Regula Wildi
bewohnen das Haus seit … Der
Dachausbau erfolgte zur Steigerung des
Wohnkomforts und im Hinblick auf den
später geplanten Ausbau der Scheune.
Der ausgebaute Dachraum stellt innerhalb
der eher engen Räume der unteren
Geschosse eine grosse Überraschung dar.
Er ist nicht unterteilt und damit entfaltet
das Panoramafenster seine
ausserordentliche Wirkung.
Die Erschliessung des Dachgeschosses
erfolgte schon vor dem Scheunenumbau
über den ehemaligen Tennbereich. Heute
bewohnen die Eigentümer die ehemalige
Scheune und das Dachgeschoss des
Wohnteils. Der ursprüngliche Wohnteil
wird fremdvermietet und die Bewohner
benützen den schon immer bestehenden
Hauseingang auf der südlichen
Giebelseite.
39
Ortsbildschutz
Die noch unversehrten geschlossenen Dächer
der Nachbarhäuser und die dominante Lage
des Hauses innerhalb des Ortsbildes
verlangten nach einer diskreteren Lösung als
die maximal mögliche Anzahl von GiebelLukarnen. Zur Vermeidung einer zu
monumentalen Wirkung wurde nach einer
andern Lösung gesucht.
Die „Panoramafensterlösung“ bedurfte einer
Ausnahmebewilligung. Der Eigentümer war
bereit, auf dem Ökonomieteil keine
zusätzlichen Dachaufbauten zu erstellen. Im
Gegenzug wurde dem Eigentümer
zugestanden einen verglasten Dachabsatz, das
Panoramafenster, über dem ganzen Wohnteil
zu realisieren. Mit dieser differenzierten
Behandlung der Dachfläche bleibt
Zweiteiligkeit zwischen Wohn- und
ehemaligem Ökonomieteil weiter bestehen.
Architekt:
Willi Roost, Kleinandelfingen
Bauherr :
Markus und Regula Wildi, Uhwiesen
40
Stallscheune Ersatzbau
Berghaldenstrasse 76, Zürich
Ersatzbau … und trotzdem Heuaufzug im Treppenhaus
Zum Gebäude
Die freistehende Doppelscheune mit den
Baudaten 1715 und 1795 gehörte einst
zur grössten Hofstatt des Dorfes Witikon.
Das dazugehörende stattliche Wohnhaus,
erbaut 1649, mit grossem Quergiebel gilt
als Bauwerk der lokalen Dorfaristokratie.
Die Eigentümer bekleideten oft
öffentliche Ämter und wirkten als
Geschworene, Säckelmeister und später
auch als Gemeinde- und Kantonsräte. Als
bäuerliche Liegenschaft mit Wohnhaus
und freistehender Scheune bildet die
Häusergruppe zusammen mit der grossen
Linde, einem Bauerngarten, der nahen
Obstwiese und dem kleinen Waschhaus
ein sehr empfindliches Ensemble im Kern
des ehemals eigenständigen Dorfes
Witikon und heutigen Aussenquartier der
Stadt Zürich.
41
Neue Architekturelemente
Das Mehrfamilienhaus umfasst fünf
Wohneinheiten: auf der Nordseite
firstgetrennt zwei dreigeschossige Hausteile
und auf der Südseite drei zweigeschossige
Maisonettwohnungen. Offene Wohn-EssBereiche sowie grosszügige Wohnräume im
Dachgeschoss vermitteln “Loft-Charakter“.
Alle Wohneinheiten werden durch das
ehemalige Tenn erschlossen. In diesem sehr
grossen „Treppenhaus“ ist das „Erlebnis
Scheune“ für die Besucher immer noch
erlebbar. Der Blick auf die
wiederverwendeten Hölzer des ehemaligen
Dachstuhls sowie die von der Bauherrschaft
wieder eingebrachte alte Laufkatze
unterstreichen diesen Eindruck. Die
restriktive Übernahme der Volumetrie des
Hauptgebäudes, die Typologie des
Grundrisses und die äussere
Materialisierung bilden in diesem Fall die
Grundpfeiler der Einordnung im Ortsbild.
Die Art der Befensterung macht die Scheune
eindeutig zum Wohnhaus.
42
Bauherr und Bewohner
Für die Geschwister Theres Fischer und
Ulrich Fischer stellte das Bauvorhaben in
der elterlichen Scheune eine
Herausforderung dar. Das Resultat ist ein
erkämpfter Kompromiss zwischen
denkmalpflegerischer Erhaltung und
zeitgenössischer Ansprüche an
Architektur und Wohnkomfort. Je eine
Wohnung bewohnen die Eigentümer
selbst und für die drei andern fanden sie
leicht die entsprechenden Liebhaber als
Mieter. Die Planungszeit dauerte sechs
Jahre und die Bauzeit eineinhalb Jahre.
Das Gebäude kommt bei den Passanten
gut an. Die Eigentümer erhalten für die
gelungene Umnutzung immer wieder
Komplimente.
43
Ortsbildchutz
Der Dorfkern von Witikon ist durch einen
Grüngürtel vom übrigen Baugebiet getrennt. Das
Gebäude ist sowohl über die Wiese als auch vom
Strassenraum aus ebenbürtig erlebbar.
Dieser Ersatzbau ist durch die Erhaltung und
Wiederverwendung einiger weniger Bauteile gut
in seine Umgebung eingefügt. Die
Materialisierung der Holzfassade, die
Weiterführung des Sichtbacksteins in der
Fortsetzung der erhaltenen Stallwand sowie die
alten Ziegel auf dem imposanten Dach verleihen
dem Gebäude die gewisse Unverwechselbarkeit
einer ehemaligen Scheune. Im weitgehend
intakten Ortsbild von Witikon stellt diese Art des
„Neuen Bauens“ einen wertvollen Beitrag dar.
Durch die Erhaltung weniger Teile wurden doch
die Volumetrie strikte eingehalten und die Abfahrt
zur Tiefgarage, welche in der Freihaltezone liegt,
wurde weit genug vom Gebäude entfernt
unauffällig angeordnet.
Architekt:
Staffelbach und Partner, Zürich
Bauherrschaft:
Therese Widmer-Fischer und Ulrich Fischer
Zürich
44
Vielzweckbauernhaus
Scheunen-Ersatzbau
Dorfstrasse 34b, Guntalingen
Nach Abbruch … Reparatur im Ortsbild
Zum Gebäude
Das Vielzweckbauernhaus „zum Freihof“
stammt aus dem Jahr 1819. Das Gebäude
wurde im Stallbereich mehrfach verändert
und erweitert. Die Scheune wurde ganz
abgebrochen und rekonstruiert.
An der Stelle eines baufälligen
angebauten Remisegebäudes befindet
sich heute gegen den Hang hin ein intimer
Innenhof, der eine einwandfreie
Belichtung der Wohnungen ermöglicht.
45
Neue Architekturelemente
Bei diesem Ersatzbau wurde das
Konstruktionsprinzip des Vorgängerbaus
übernommen. Der Holzständerbau mit
einem massiven Treppenhaus ist im
Gegensatz zum Vorgängerbau
unterkellert. Das grosse Fenster auf der
Südseite hat seinen Ursprung in einem
ehemaligen Tenntor an gleicher Stelle. Als
Kompensation für das abgebrochene
Volumen des Remiseanbaus konnte
gegen Süden hin ein Quergiebelanbau
realisiert werden, was für die
Dachwohnung eine grosse Aufwertung
bedeutet. Die attraktive
Dachgeschosswohnung verfügt über eine
grosse gedeckte Terrasse.
Alle drei Wohnungen sind grosszügig
konzipiert. Die Dachgeschosswohnung ist
abwechslungsreich gestaltet. Gegen
Norden besitzt sie ein einziges kleines
Ochsenauge, das den Blick auf das
Girsperger Schloss freigibt.
46
Eigentümer und Bewohner
Die Eigentümer, die Geschwister Markus
und …. Reutimann, haben nach der
Aussiedlung ihres
Landwirtschaftsbetriebes das Elternhaus
nutzbringend umgebaut. Der neu erstellte
Scheunenteil beinhaltet drei
Mietwohnungen, die als
Eigentumswohnungen konzipiert sind. Im
ehemaligen Stallbereich ist eine
Zweizimmerwohnung untergebracht. Die
darüber liegende Wohnung ist um zwei
Zimmer grösser und wird von der Mutter
der Eigentümer bewohnt. Beide
Wohnungen haben Zugang zum reizenden
nach Süden orientierten Gartenhof und
beide sind mit einer geräumigen
Wintergarten-Veranda ausgestattet. Das
Holz stammt ausschliesslich aus dem
Wald des Eigentümers. 300m3
Weisstannenholz wurde verbaut.
Portrait
47
Ortsbildschutz
Der Architektenauffassung, dass jedes neue
Gebäude dem Zeitgeist zu entsprechenden
habe, wird hier nicht entsprochen. Dieser
Vorschlag basiert auf der Überzeugung, dass
das Ortsbild, so wie es ist, ein wertvolles
Gut darstellt. Nach dem durch den Abbruch
entstandenen „Totalschaden“ gilt es, das
Ortsbild wieder zu reparieren. Bei einem
Neubau ohne Rücksicht auf einen
Vorgängerbau stellt sich diese Frage nicht.
Die Autos werden sichtbar in einem offenen
Unterstand abseits der Strasse
untergebracht.
Der neu erstellte Garten vor dem Gebäude,
mit einer modernen Pergola an der Stelle
des früheren Miststocks, verleiht der Anlage
einen speziellen, unserer Zeit
entsprechenden Reiz. Für die Pflege dieses
Gartens wird keine Mühe gescheut.
Architekt:
Willi Roost, Kleinandelfingen
Bauherrschaft:
B. und M. Reutimann
48
Stallscheune Ersatzbau
Burgstrasse 18 Eglisau
Rücksicht statt Anbiederung
Zum Gebäude
Die Scheune ist gegen Westen einseitig
angebaut. Auf der nördlichen Strassenseite
gliedert sich die Fassade in Stall-, Tenn- und
Heustockteil. Letzterer erstreckt sich über die
ganze Länge des Gebäudes. Die dekorativen
Belüftungsschlitze über dem Stallteil verleihen
dieser Ansicht einen speziellen Ausdruck. Die
beiden andern Fassaden sind mit einer
geschlossenen Holzschalung versehen. Das
Sockelgeschoss ist durchgehend gemauert und
auf der Süd- und Westseite verputzt und auf der
Strassenseite dagegen in Sichtbackstein
ausgeführt. Das Belüftungssystem des
Heustocks steht Pate für das Belichtungssystem
des nachfolgenden Neubaus.
49
Neue Architektur
Der Ersatzbau übernimmt exakt die Form des
Vorgängerbaus. Zudem wurde er unterkellert..
Die Materialwahl Holz für die Fassaden
vermittelt den Scheunencharakter. Die
Verfremdung der Schalungsrichtung - horizontal
statt vertikal - provoziert die Frage nach dem
Aussehen des Vorgängerbaus stärker als eine
konventionelle Lösung. Damit gibt sich der
Neubau klar zu erkennen. Das grosse Vordach
wurde nicht zu Gunsten einer konventionellen
Belichtung weggelassen, sondern attraktiv in
Szene gesetzt. Im Inneren des Neubaus kommt
Sichtkalksteinmauerwerk und Holz zur
Anwendung. Der Durchblick zwischen Strassenund Rheinseite verleiht den Wohnungen eine
gewisse Grosszügigkeit und interessante
Spannung. Die innere Erschliessungstreppe ist
ebenfalls in Holz mit offenen Stufen konstruiert
wie man sie auch in Scheunen antrifft.
50
Eigentümer und Bewohner
Die drei Wohnungen sind vermietet.
Die beiden über drei Geschosse reichenden
41/2 Zimmer Häuser werden von einer
alleinstehenden Person und einem Ehepaar
bewohnt. Die ebenerdige Einliegerwohnung
nutzt die Eigentümerin. Alle Wohneinheiten
haben Sicht auf den Rhein und sogar einen
Zugang zum Ufer über einen eigenen Garten
jenseits des kleinen öffentlichen Weges.
Die offene Struktur entspricht nicht dem
üblichen Wohnungsbau und wird von den
Bewohnern geschätzt. Der grosse gedeckte
Balkon wird als offenes Sommerzimmer
genutzt. Die beiden Maisonettegrundrisse sind
gespiegelt. Die Küchenfarben sind rot und
grün und die Kalksandsteinsichtwände einmal
roh belassen und einmal weiss getüncht.
51
Ortsbild
Der Wert des mittelalterliche Städtchens
Eglisau mit seinem urbanen Ausdruck ist
unbestritten. Im ausserhalb des eigentlichen
Städtchens liegenden Gebiet der Burgstrasse,
findet man Wohnhäuser mit und ohne
Ökonomieteile. Die Struktur von gemauertem
Stall und der darüber liegenden Scheune in
Holzkonstruktion wurde fallengelassen, weil
das Haus nicht mehr horizontal genutzt wird.
Auf Dachaufbauten wurde verzichtet und die
Dachflächenfenster mittels Glasziegeln
kaschiert. Als geschlossenen Holzfassade
zwischen den benachbarten Riegelbauten
behauptet sich der Neubau unaufdringlich.
Architekt:
Gerold Schurter und Christoph Stauffer, Herisau
Bauherrschaft:
Helen Deppeler-Angst, Eglisau
52
Neubau
Laubistrasse 15, Tössrieferen, Eglisau
Rücksicht statt Anbiederung
Zum Gebäude
Das Haus liegt im ehemaligen
rückwärtigen Garten des
Vielzweckbauernhauses
Tössriederenstrasse 44. Das Gebäude hat
eine Breite von 17.5m und eine Tiefe von
lediglich 6m. Der Giebel verläuft über der
kürzeren Gebäudeseite. Das Haus ist
„breiter als lang“.
Seine Form und Platzierung macht das
Haus zu einem neuen „Nebengebäude“ Es
belässt dem bestehende
Vielzweckgebäude ein Maximum an
Freiraum, was sich bei einem künftigen
Umbau als vorteilhaft erweisen wird.
53
Neue Architektur
Dieser Neubau setzt sich über einige
gängige Vorschriften der Einordnung
hinweg und fügt sich trotzdem gut ein in
das vertraute Ortsbild - auch ohne
Dachvorsprung, mit asymmetrischem
Satteldach und flach geneigtem
begrünbaren Dach auf dem Garagenbäude.
Der geschlossene Charakter der Fassaden
im Dachbereich entspricht mehr einer
Scheune als einem Einfamilienhaus. Die
indirekte Lichtführung wirkt attraktiv und
reduziert die in Erscheinung tretenden
Glasflächen erheblich. Das Haus verfügt
auf drei Wohngeschossen über sehr
abwechslungsreiche Räume.
54
Bauherr und Bewohner
Die Planungsphase dauerte bei
diesem Bauvorhaben sehr lange. Dank
dem Durchhaltevermögen von
Architekt und Bauherr wurden
behördliche und gerichtliche
Schwellen erfolgreich gemeistert. Die
Familie Hirner fühlt sich hier sehr
wohl. Die verschieden Niveaus im
Innern stehen im direkten
Zusammenhang mit der Dachform
und dem gewachsenen Terrain. Der
Wohnraum mit Küche erstreckt sich
über zwei Drittel der Gebäudefläche
und öffnet sich grosszügig gegen den
Garten. Die Aussicht in die Glarner
Alpen vom kleinen Balkon des
Badezimmers wird von allen sehr
geschätzt.
55
Ortsbildschutz
Aus der Fernsicht wird das Gebäude kaum als
Neubau war genommen. Der ungewöhnliche
Verlauf des Giebels über der kürzeren
Gebäudeseite macht Dachaufbauten
überflüssig und verleiht dem Bau einen
speziellen Ausdruck. Die dunkle Holzschalung
und das geschlossene Dach richtet sich klar
nach den bäuerlichen Vorbildern der
unmittelbaren Nachbarschaft. Auf die
Alterung der dunkel gestrichenen
Holzschalung kann man ja wohl gespannt
sein. Wird sie im Gegensatz zur
Naturholzschalung im Laufe der Zeit wohl
heller?
Architekt:
Rudolf Hofer
Bauherr:
Peter und Petra Hirner
56
Umbauen, neu Bauen und Einordnen als Abbild innerer Logik
Die in dieser Broschüre vorgestellten Beispiele stehen in Ortsbildern von unterschiedlicher Bedeutung. Die Einstufung als
Ortsbild von kommunaler oder überkommunaler Bedeutung hat bei der Auswahl keine Rolle gespielt. Gute Architektur ist
überall erwünscht. Eine differenzierte Auslegung der Gestaltungsgrundsätze - im Sinne der Ortsbildpflege - muss überall
möglich sein.
Verdichtung
Die innere Verdichtung oder höhere Ausnützung von Gebäuden in Kernzonen stellt im Allgemeinen eine schöne
Herausforderung für Architekten und Bauherrschaften dar. Oft fehlt bei diesen Bauvorhaben ein angemessener
Umschwung, dafür kann bisher ungenutztes Raumvolumen zu einem erweiterten Erlebnisbereich werden. Grosse Volumen
ergeben luxuriöse Innenräume und erfordern innovative Lichtführungen. Sie bieten zudem eine Vielfalt von vertikalen
Erschliessungsmöglichkeiten (Treppen und Lift).
Umbau
Die Beispiele zeigen: Je mehr vom ursprünglichen Gebäude erhalten bleibt und unter neuer Sichtweise erlebt werden
kann, desto überzeugender wirkt das Resultat. Kachelöfen, Treppen und bestehende Konstruktionen bilden dankbare
Orientierungshilfen beim Entwurf. Ein gelungener Umbau vertreibt den „Hausgeist“ nie gänzlich. Jeder Scheunenumbau
bildet in der Kombination von alt und neu - „jung“ und „betagt“ - einen Einzelfall.
Ersatzbau
Beim Ersatzbau spielt die nähere Umgebung eine eminent wichtige Rolle. Je bedeutender die Situation im Ortsbild, desto
grössere Zurückhaltung ist bei der Gestaltung des „neuen Altbaus“ angesagt. Die architektonische Diskretion des äusseren
Ausdrucks wird zur Tugend – und die Überraschung im Innern wirkt dadurch umso stärker.
Neubau
Der Neubau im engeren Sinn, also ein Gebäude, an dessen Stelle kein Vorgänger gestanden hat, kann sich in seine
Umgebung einfügen, ohne dass Details herkömmlicher bäuerlicher Bauweise übernommen werden. Einordnungskriterien
wie Sprossenfenster und Jalousieläden sind hier weniger massgebend. Die Volumetrie und Materialisierung des Gebäudes,
sowie das Verhältnis zwischen offenen und geschlossenen Fassaden fallen für seine aussenräumliche Wirkung bedeutend
mehr ins Gewicht.
57
Gestaltungskriterien
Die Volumetrie des Hauses beeinflusst das Ortsbild hierarchisch betrachtet am stärksten. Mit ein Grund weshalb die
Dachlandschaft eine relativ grosse Bedeutung geniesst. (z.B. Dachausbauregelung d.h. keine, 1/5, 1/4, 1/3 der
Gebäudelänge). Dann folgt die Ansicht und Gliederung der Fassade mit oder ohne Balkone oder Lauben. Dabei spielt auch
die Materialisierung eine massgebende Rolle. Die Farbgebung besitzt Signalwirkung.
Auch Einzelelemente wie Fenster, Jalousieläden- und Rolläden, sowie Gebäude-Reklamen, Sonnenkollektoren,
Parabolspiegel dürfen in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden. Die Umgebung mit Vorgärten, Pflästerungen,
Pflichtparkplätzen oder auch Abfahrtsrampen in Unterniveaugaragen sind ohne Zweifel ortsbildprägende Elemente. Ein
missratenes Detail kann eine verheerende Wirkung entfalten - Kleinigkeiten sind keine Kleinigkeiten.
Eine differenzierte Betrachtung für verschiedene Bauvorhaben und verschiedene Bautypen ist unabdingbar. Richtige
Sprossenfenster beim Wohnteil des Bauernhauses und sprossenlose Fenster bei der zu Wohnzwecken umgenutzten
Scheune vermitteln das Erscheinungsbild von einst besser als Fenster mit innenliegenden Sprossen am ganzen Gebäude.
Die Unterscheidung von für das Ortsbild prägenden und sichtabgewandten Fassaden ist ein taugliches Mittel zur
Erleichterung von Umbauvorhaben in den erhaltenswürdigen Kernzonen. Strengere Auflagen auf der gut einsehbaren
öffentlichen Seite und grössere Freiheit auf den weniger exponierten Seiten eines Gebäudes ermöglichen dem Dorf ein
differenziertes und lebendiges Innenleben.
Die Beurteilung und Handhabung dieser Elemente darf nicht über einen Leist geschlagen werden. Die Kunst der Gestaltung
liegt meistens in der Beschränkung bei der grossen Auswahl von Werkbaustoffen. Auch die Nutzung eines Um- oder
Neubaus ist für dessen Erscheinungsbild von Bedeutung. Eine öffentliche Nutzung rechtfertigt gegebenenfalls eine gewisse
„Ausgefallenheit“. Solche Lösungen müssen jedoch von einem grösseren Gremium (z.B. Architektur-Wettbewerb)
erarbeitet oder getragen werden.
Renzo Casetti, Februar 2009
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