Talkrunde Prof.Klotter_Prof. Froböse 231111

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Das Publikum im Dialog mit
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Prof. Dr. Ingo Froböse
Prof. Dr. Christoph Klotter
Anke Feller
Dankeschön Prof. Dr. Klotter. Und jetzt darf ich auch Herrn Prof. Froböse noch einmal mit
nach oben bitten. Wir möchten Ihnen jetzt die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen.
Was sind Ihre Vorstellungen? Wir haben ja ganz, ganz viele Menschen, die als
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren fungieren - die mit Gruppen in Sportvereinen oder an
Schulen arbeiten usw. - was sind Ihre Visionen? Wie muss in den Bereichen Ernährung und
Bewegung das Zusammenspiel laufen? Wo kann es hingehen?
Prof. Dr. Ingo Froböse
Ja, wenn wir das alles so wüssten, wo es so hingehen könnte. Es ist ja so, dass wir seit
vielen Jahren verschiedenste Strategien haben. Sie haben es gerade beschrieben, es
werden enorme Ressourcen hineingesteckt in Dinge, wo wir möglicherweise vermuten, dass
etwas funktioniert. Herr Prof. Klotter, Sie haben es gerade relativ schön gesagt, der Mensch
bzw. das Individuum steht im Mittelpunkt. Das Individuum arbeitet immer gemeinsam in einer
sozialen Situation, in einer Umweltsituation. Diese Umweltsituation bestimmt letztendlich sein
Verhalten und seine Prägung und auch das, was wir unter Gesundheit verstehen.
Dementsprechend ist es ganz wichtig, dass wir diese Top-Down-Geschichte, die wir im Kopf
haben – nach dem Motto: wir regeln alles von oben, es nicht funktionieren kann. Gesundheit
oder insgesamt Lebensqualität, wenn man es einmal unter dieses Synonym fassen würde,
entwickelt sich immer von unten heraus. Und von unten heraus das heißt aus der jeweiligen
Gruppe heraus. Die Gruppe ist so individuell, dass sie an sich keine Vorgaben von uns
braucht, andererseits aber vielleicht eine gewisse Moderation von uns benötigen würde. Und
Moderation heißt, moderierend Wege aufzuzeigen, die dann individuell gefunden werden
müssen. Diese sollte am besten von der Politik unterstützt werden.
Anke Feller
Eine Frage an Sie Herr Prof. Klotter: Es gibt immer wieder neue Erkenntnisse, neue Studien,
welche Ernährung wie sinnvoll ist, was sie bewirkt, was gerade besonders angesagt ist. Das
ändert sich im Laufe der Zeit relativ schnell. Diese Tatsache führt auch zu einer gewissen
Verunsicherung. Jetzt ist zum Beispiel eine besondere Diät als Trend angesagt. Die
prozentuale Verteilung, wie viel Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße wir pro Tag einnehmen,
unterliegt immer einem stetigen Wandel – d.h. wir können uns darauf nicht fest einstellen.
Diese Verunsicherung ist kein guter Zustand. Was würden Sie da entsprechend den
Teilnehmenden der heutigen Regionalen Fachkonferenz raten? Was sollen sie da
propagieren?
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Prof. Dr. Christoph Klotter
Ich würde vorschlagen, sich ein gegen diese ganzen tausend Ratschläge ein bisschen zu
immunisieren. Die machen doch sonst verrückt. Ständige Widersprüche, es gibt zu jedem
Lebensmittel ein Gefahrenpotential, dass es gefährlich oder ungesund ist etc. Fencheltee für
Kleinkinder ist total gefährlich, das ist absurd. Es sind immer einzelne Studien, die solche
Sachen belegen. Essen Sie das, was Ihnen schmeckt. Seien Sie offen, essen Sie
abwechslungsreich und alle anderen Dinge sind relativ schlecht evidenzbasisert, das heißt
das Essen lädt ein zu Sektenbildung, zu Ideologien und jeder rät etwas anderes. Damit
meine ich, dass Essen heute ein Teil der Identitätsbildung ist. Wenn ich Rohkostler bin, dann
habe ich meine Identität über die Rohkost. Das ist ja gut und nett, aber darüber muss ich
keinen Krieg führen.
Prof. Dr. Ingo Froböse
Das Essen ist ja leider zur Nahrungsaufnahme verkommen. Im Augenblick sehr stark, indem
wir bestimmte Vitamine zu uns nehmen, bestimmte Mineralien diskutieren. Aber Essen ist
Kultur und Essen sollte auch immer Kultur bleiben. Und wir ‚hypen’ es ein bisschen, gerade
in die Richtung, dass wir es als ganz großen Einflussfaktor für unsere Gesundheit
betrachten, daher hat es sicherlich auch eine bestimmte Größe. Ich glaube, dass wir uns zu
stark beeinflussen lassen.
Prof. Dr. Christoph Klotter
Noch ein Wort dazu: Es gibt eine wunderbare Studie aus Norwegen, die sagt, wenn Kinder
partizipativ beteiligt werden, wenn sie sozusagen mitentscheiden können im Alter zwischen 3
und 5, was sie essen, wie es zubereitet wird, wenn sie mitkochen, dann haben sie 20 Jahre
später als junge Erwachsene eine bessere Ernährung, einen besseren Gesundheitsstatus.
Es geht weniger um den einzelnen Inhaltsstoff, sondern um die Komposition und Spaß am
Essen und nicht darüber, dass wir alles quantitativ bestimmen. Das ist gesund, das andere
ist ungesund, das führt in einen Gesundheitswahn hinein.
Prof. Dr. Ingo Froböse
Vielleicht als Ergänzung noch: Grundsätzlich ist das so, dass wir das Essen als wunderbare
Schraube gefunden haben, um unser Gesundheitsverhalten, welches wir haben und auch
haben wollen, in den Mittelpunkt zu rücken. Essen ist ein wunderbares Konsumgut. Ich kann
nämlich über bestimmte Dinge, dass ich etwas kaufe, das andere nicht kaufen, bestimmte
Verhaltensregeln erkennen nach dem Motto: Das hast Du wieder gut gemacht, einen Apfel
zu kaufen und zu essen. Das war gesundes Verhalten. Das ist es aber nicht. Denn es ist
letztendlich nicht das Kaufen des Konsumgutes, sondern Gesundheit, Lebensqualität,
Lebensstil hat immer etwas mit Handeln zu tun, mit Selbstmachen und gestalten.
Dementsprechend ist die Bewegungsreduktion, die Bewegungsinaktivität, das viel größere
Problem. Wenn ich alles verbrennen würde, ist es fast egal, ob ich nun eine
Grünkernschnitte oder einen Sauerbraten esse. Denn ich verbrenne es ja fast. Wenn ich es
aber nicht verbrenne, wird es irgendwo gespeichert und gebunkert.
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Anke Feller
Wo müssen wir denn da genau ansetzen? Da muss man doch schon viel, viel früher
ansetzen, oder? In den Kindergärten, sollte sich da schon etwas tun? Ist das vielleicht auch
Ihre Vision, welche Sie sich wünschen würden?
Prof. Dr. Ingo Froböse
Ich habe eben von dem Bewegungsvirus gesprochen. Ich habe den als Kleinkind
irgendwann implantiert bekommen. Sie vielleicht auch? Das erlebe ich immer mehr, dass die
Kinder den nicht mehr haben. Oder die Erwachsenen auch nicht mehr haben. Wir machen
ganz viel über Vorbilder. Vorbilder fehlen uns. Ich würde mir mehr Ministerinnen wünschen,
die morgens laufen würden. Ich könnte mir unsere Bundeskanzlerin auch einmal joggend
vorstellen.
Bewegungsvirus heißt für mich, ich muss das Gefühl wieder bekommen, dass Bewegung
zum Leben gehört. Reize, Stimulus gehören zum Leben. Einer meiner Sprüche heißt ja
immer, wer sich keine Zeit für seine Bewegung nimmt, wird sich ganz viel Zeit für seine
Krankheiten nehmen müssen in Zukunft. Und so ist es auch.
Anke Feller
Und das wollen wir nicht!
Prof. Dr. Ingo Froböse
Das wollen wir eben nicht!
Anke Feller
Genau. Noch eine Antwort und dann wollen wir unseren Teilnehmenden noch die
Möglichkeit geben, Fragen an Sie zu stellen.
Prof. Dr. Christoph Klotter
Es ist vorhin schon angeklungen. Die Verhältnisprävention, die Bewegungsräume schaffen
will und nicht zu sagen, Du bist faul, Du läufst nicht. Wir haben eine bewegungsarme
Umwelt, das Sanitary Lifestyle ist unser Leben. Wenn wir davon sprechen, sollten wir nicht
sagen, Du musst mehr laufen, sondern wir schaffen Bewegungsräume, wo es möglich ist,
etwas zu machen.
Anke Feller
Also einfach einmal häufiger die Rolltreppen abstellen und die Kollegen ein paar Etagen
wandern lassen. Da müssen echte Vorbilder her und über Leitungsfunktionen solche
Maßnahmen auch ins Leben gerufen werden.
An das Publikum gerichtet:
Sie haben jetzt die Möglichkeit, Fragen an unsere beiden Experten hier vorne auf der Bühne
zu stellen? Die dürfen Sie jetzt sehr, sehr gerne stellen.
Publikumsaussage:
Es ist einfach stimmig, das was gesagt wurde.
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Anke Feller
Das ist doch wunderbar, das ist doch schön. Kompliment für die beiden.
Publikumsfrage:
Ich würde gerne ganz kurz von meiner Schule erzählen. Wir sind auch auf einem sehr guten
Weg. Wir haben auch den Schulenentwicklungspreis „Gute gesunde Schule gewonnen“, wir
sind ein Berufskolleg. Sie können sich vorstellen, dass es etwas schwieriger ist im
Berufskolleg dieses Konzept umzusetzen, als vielleicht in einer Grundschule im Ganztag.
Aber wir haben auch Ganztag. Wir haben das Projekt Ganztag in gesunder Schule – wir
machen das mit den Friseurinnen und Friseuren. Auch hier ist klar, diese Gruppe ist nicht
unbedingt motiviert, viel Bewegung zu machen, das wissen wir alle. Wir haben viele
verschiedene Ausbildungen, aber auch vollzeitschulische Bildungsgänge. Wir haben es
inzwischen geschafft, dass wir nicht nur eine Mensa haben, wo nur wenige sitzen, sondern
die auch gefüllt ist. Wir setzen den Schülern auch keine Menüs vor, sondern die stellen sich
ihr Essen selbst zusammen. Sie haben ein Salatbuffet. Wir haben 2 Menüs zum Auswählen
und im wunderschönen Schülercafé eine PC-Ecke, wo die Schüler sich auch hinsetzen. Seit
einem Jahr haben wir das und es ist noch nie irgendwie Schmutz gekommen oder irgendwie
verunreinigt worden. Was wir auch gemacht haben: Bewegung ist ja ein wichtiger Punkt für
uns. Wie schaffen wir das, in einem Berufskolleg? Wir haben vollzeitschulische
Bildungsgänge. Wir haben aber auch diejenigen, wie die Friseure und Friseurinnen zum
Beispiel, die nur an einem Tag kommen. Wir machen regelmäßig einen Sponsorenlauf. Wir
laufen für ein bestimmtes Ziel, nämlich für Afrika. Wir haben dort eine Partnerschule.
Was ich sagen will, wir sind lange nicht dort, das will ich nur allen zur Motivation geben.
Kinder, die bewegen sich sofort, lassen Sie kleine Kindergartenkinder in eine leere Halle
rein, die fangen an zu rennen, das legt sich später. Wenn die Schüler zu mir in die Sporthalle
kommen, dann setzen die sich erst einmal. Danke.
Anke Feller
Als Zusammenfassung: Wir müssen Visionen haben und wir müssen auch Gedankengänge
haben, wir müssen es angehen und Möglichkeiten bieten. Die verschiedenen Möglichkeiten
werden vermutlich sehr, sehr schnell aufgegriffen werden und entsprechend, wenn wir
diesen Bewegungsvirus von dem Prof. Dr. Froböse auch gesprochen hat, einfach in uns
implementiert haben, dann hat das Ganze auch Zukunft.
Keine weiteren Fragen?
Publikumsappell:
Rückmeldungen zu den beiden Vorträgen, die inhaltlich wirklich sehr rund für uns waren und
zwar für diejenigen, die in diesen Bereichen schon seit Jahren tätig sind. Es gab eine Menge
Projekte, die angestoßen wurden – teilweise auch von Ministerien in der Pilotphase
finanziert. Das eigentliche Problem, um auf Ihre Frage zu antworten, was eigentlich zu tun
ist. Ein Appell an Ministerien. Es ist doch wichtig, wie wir das Thema an die Schulen und
Kindergärten bringen. Das System muss es wirklich aufgreifen, es wäre schade, wenn es in
privater Initiative verbleibt. Bis jetzt tragen sich diese Projekte, nachdem sie meinetwegen
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finanziert wurden, dann in der Verstetigung privat selbst, meistens über soziale
Einrichtungen. Es kann es doch nicht sein, dass es im Gießkannenprinzip weiter geht. Es
fängt oft mit der Initiative Einzelner an, aber es muss in das System, in den Bildungsauftrag.
Anke Feller
Ganz klarer Appell an dieser Stelle, genau!
Publikumsfrage
Ich arbeite im Bereich Gesundheitsförderung für einen Verein, der Projekte zur
Gesundheitsförderung in Kitas, in Schulen, in Bildungsträgern initiiert. Wir sind natürlich
angewiesen auf Sponsoren. Aber mal eine ganz andere Frage an dieser Stelle! Sie haben
viel über die aid-Ernährungspyramide erzählt, über Zwischenmahlzeiten und entsprechend
kritische Äußerungen dazu gemacht. Diese aid-Ernährungspyramide mit
Zwischenmahlzeiten ist ja das, was in unseren Einrichtungen empfohlen wird. Meine
konkrete Frage: Sind Zwischenmahlzeiten nun angesagt, ja oder nein? Wenn nein, warum
nicht? Ein anderer Punkt: Essen, was Spaß macht. Wenn ich aber eine Empfehlung an Kitas
geben soll, an die entsprechenden Erzieher und Erzieherinnen oder an die Lehrkräfte an den
Schulen, die mit der Pyramide arbeiten. Welche Empfehlungen gebe ich dann? Essen muss
ja nach irgendwelchen Richtlinien gehen. Die Pyramide war eigentlich eine gute Richtlinie
dafür. Steht die jetzt zur Diskussion? Wenn ja, wo finde ich Informationen dazu? Und welche
Informationen kann ich weitergeben?
Prof. Dr. Christoph Klotter
Was ich sagen wollte, ist sozusagen, dass die Ernährungspyramide alleine nicht ausreicht.
Das Konzept ist eine gute Grundlage. Aufklärung ist immer etwas, was mit einem Plus
ergänzt werden muss. Die ganzen empirischen Studien sagen relativ gut, alles was
Gesundheitsaufklärung ist, hat ganz geringe Erfolge. Es muss ergänzt werden um
Kompetenz, um Handlung, Handlungsorientierung, dann sind Erfolge besser. Ich wollte
sozusagen nicht Diskreditieren, wir versuchen im Augenblick die Pyramide zu evaluieren.
Nichts gegen die Pyramide, nur nicht alleine, das Plus muss sein. Sorry, wenn ich es
vielleicht etwas zu polemisch ausgedrückt habe, das wollte ich nicht.
Anke Feller
Dann zu den Zwischenmahlzeiten. Ich habe einen kleinen Sohn, der freut sich auch über
diese Zwischenmahlzeiten. Der sagt mir zwischen dem Mittagessen und dem Abendessen
so zwischen drei und halb vier, ich habe Kohldampf. Er braucht diese Zwischenmahlzeit
eigentlich auch.
Prof. Dr. Ingo Froböse
Grundsätzlich ist es so, dass ich trotz allem kein großer Freund der Pyramide bin. Deswegen
auch, weil sie mir viel zu starr ist. Weil sie viele Dinge einfach nicht berücksichtigt und
manchmal auch systemische Fehler impliziert. Aber dies ist ein völlig anderes Thema. Was
auf wissenschaftlicher Seite noch diskutiert werden muss, weil Vieles noch offen ist, was
wissenschaftlich die Evidenz betrifft. Vieles ist wie hier einfach eine subjektive Einschätzung.
Subjektive Einschätzung in dem Sinne, dass man sagt o.k. wir haben Regeln gefunden, die
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wir aufstellen, die einen gewissen Sinn machen könnten. Mehr aber auch nicht. Und es ist
noch nicht der Gegenbeweis dafür angetreten. Ich habe mich nie nach einer Pyramide
ernähren müssen und Sie auch nicht. Und ich glaube, das ist auch nicht nötig.
Das zweite sind die Zwischenmahlzeiten. Zwischenmahlzeiten sind natürlich in bestimmten
Phasen des Lebens sinnvoll. Man hat sie eingeführt unter dem Aspekt, damit wir relativ viel
an Ballaststoffen an Gemüse und Obst bekommen. Deswegen haben wir gesagt, o.k. wir
verteilen das in etwa auf fünf Mahlzeiten auf den Tag. Dann sind die Portionen klein und so
weiter und so fort. Aber das ist für mich keine Begründung, Zwischenmahlzeiten einzuführen.
Die Einführung der Zwischenmahlzeiten dienen ausschließlich der Kompensation eines
Defizites in anderen Bereichen der Ernährung; erstes Problem.
Zweites Problem ist, dass ich noch nicht erkenne, welchen Sinn es machen sollte
Zwischenmahlzeiten zu essen, wenn man Hauptmahlzeiten vernünftig gestaltet. Sie machen
im Wachstum vielleicht temporär Sinn, könnte sein, aber in bestimmten Wachstumsphasen
aber überhaupt nicht. Aufgrund von hormonellen Veränderungen, die sich aus
Zwischenmahlzeiten ergeben, wie z.B. die Insulinmast als Argument. Ich bin immer der
Meinung, dass wir aufgrund dessen, dass unser Energieverbrauch zu gering ist, wir nicht
noch Zwischenmahlzeiten nutzen sollten, um dann noch mehr Mastprodukte in den Körper
hineinzutragen und die Zellen weiter zu mästen. Wir entleeren sie nicht, also sollten wir sie
auch nicht mästen.
Anke Feller
O.k. Weitere Fragen?
Publikumsaussage
Ich habe ein Problem in meiner Kita. Ich quäle jetzt mein Personal in die Richtung, dass es
sich selbst gesund ernährt einschließlich der Kinder. Die Schwierigkeit sehe ich gerade bei
ganz jungen Leuten, die bei uns anfangen, die nämlich genau in dieser FastfoodMaschinerie mit groß geworden sind. Das heißt ich muss schon beim eigenen Personal hohe
Bildungsarbeit leisten. Dann habe ich das Dilemma, wenn ich die erste Hürde genommen
habe, habe ich die Eltern auf meiner Gegenseite. Und zwar an dem Punkt, wenn sie von
einem weichen Toast die Rinde abschneiden, damit das Kind dann nicht so schwer kauen
muss. Daraus ergeben sich Sprachprobleme, das Thema haben wir also auch. Das heißt,
wenn ich das dann wieder durchgezogen habe und ich dann vielleicht einen Schwung von
Eltern endlich auf meine Seite gebracht habe, dann sehe ich die Bewegungskindergärten als
eine Sondereinrichtung. Das heißt ich habe Kinder, die nicht mehr in der Lage sind, sich
altersgerecht zu entwickeln und eine altersgerechte Leistung zu erbringen. Und jetzt komme
ich zu meinem eigentlichen Problem. Wenn so ein Industrieland, wie Deutschland, im
Rahmen der Globalisierung der Wettbewerbsfähigkeit usw. Leistungen bringen muss und
auch Leistung fordert, warum verdammte Hacke gibt es da nicht so etwas, wie einen TÜV für
Lebensmittel, der nur bestimmte Dinge überhaupt nicht auf dem Markt zulässt? Warum ist
dann ständig diese Versuchung da, sich mit solchen Nahrungsmitteln, ich sage einmal voll
zu dröhnen und dass dann der ständige Kampf an den Bildungseinrichtungen liegt, den
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Eltern gegenüber zu erklären, Leute lasst das, das ist böse. Wenn das böse ist, warum ist es
dann überhaupt in diesen Märkten noch vertreten?
Anke Feller
Natürlich!
Prof. Dr. Christoph Klotter
Das klingt gut, ist aber eine Gesundheitsdiktatur, was Sie vorschlagen. Und unser ganzes
Leben ist durchreglementiert und erfüllt von Zwängen. Max Gebert spricht vom stahlharten
Gehäuse der Moderne. Jetzt wollen Sie sozusagen das letzte Refugium, was wir haben, die
Ernährung auch noch unter Staatskartell stellen. Das finde ich extrem problematisch. Ich
setze auf den mündigen Bürger, auf den mündigen Konsumenten und diese Kraft ist zurzeit
zu stärken. Weiterhin müssen wir die Ernährungskompetenzen der Bürger und Bürgerinnen
stärken. Selektion durch den Staat lehne ich grundsätzlich ab.
Anke Feller
Und Nachfrage bestimmt den Markt. Gibt es noch weitere Fragen?
Publikumsäußerung
Es geht im Grunde auch auf die Anregung des Kollegen von vorhin. Ich denke, dass es ein
Problem ist, wenn wir ganz viele Informationen gar nicht bekommen, die wir über die
Ernährung bekommen könnten. Als Stichwort möchte ich zum Beispiel die
Lebensmittelampel nennen, die da irgendwann einmal im Gespräch war, dann wieder vom
Tisch ist. Sehr witzig fand ich persönlich letzte Woche, dass dieser Geflügelskandal so durch
die Medien gegangen ist, das weiß man doch. Also ich denke, wenn man sich für die
Ernährung interessiert, dann weiß man, dass diese Sachen passieren und dass diese
Situationen so hoch gebauscht werden, das grenzt ja wirklich schon ein bisschen an
Verdummung.
Anke Feller
Eine weitere Anmerkung von Ihnen?
Publikumsfrage
Ich habe eine Frage eigentlich an beide. Und zwar habe ich aus dem Vortrag von Prof.
Froböse mitgenommen, ich soll mich mehr bewegen und auf der anderen Seite habe ich von
Prof. Klotter mitgenommen das Lebensumfeld ist entscheidend. Wenn ich mir jetzt vorstelle,
ich bin Ernährungsberaterin in Russland und mein Umfeld bewegt sich nicht. Wie kriege ich
dann beide Empfehlungen unter einen Hut? Ich muss auf der einen Seite den inneren
Schweinehund ja doch motivieren, habe aber diese lebens- oder gesundheitsfeindliche
Umwelt. Da hätte ich gerne einmal eine Handlungskompetenz von Ihnen.
Prof. Dr. Christoph Klotter
Sie haben gerade versucht, unsere Intelligenz zu messen. Das ist eine sehr gute Frage. Ein
Paradox, das machen wir daraus. Natürlich können wir nicht sagen, die sozialen
Bedingungen schaffen alles, dann lassen wir es sein und gehen nach Hause. Aber es gibt
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doch wunderbare Modelle der begleitenden Motivationssteigerungen. Es gibt
motivationspsychologische Modelle von Öttingen, Gollwitzer, Demme, das transtheoretische
Modell der Verhaltensänderung von Prochaska, die sehr hilfreich sein können, jemand zu
begleiten. Eine eigene Motivation zu entwickeln. Das würde ich Ihnen an diesem Punkt
sagen.
Anke Feller
Zwei Fragen noch und dann kommen wir auch langsam zum Ende.
Publikumsaussage
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es wichtig ist, dass Kinder und auch manche
Erwachsene besseres Essen auch trainieren. Also, dass dies nicht eben einmal so eine
Geschichte ist, die man sich anhört, wo man über Nahrungsmitteldichte irgendwas erfährt,
sondern dass das wirklich eine Trainingssache ist. Und dass es auch vor allen Dingen eine
Sache des Genusses ist, das haben Sie eben auch angesprochen. Aber manchmal geht
Menschen das Wissen über das Genießen auch verloren, weil manchmal die Bedingungen
so sind, dass man sich nicht mehr mit dem Essen beschäftigt, weil es einem nicht mehr wert
genug ist. Wenn man sich wohlmöglich selber nicht mehr genug wert ist, Essen selber zu
machen oder Essen selber einzukaufen. Und das ist eine Geschichte, die kann man schon
sehr früh in Kindergärten und auch in Grundschulen Kindern mit auf den Weg geben, das
kann dann auf gar keinen Fall eine Eintagsfliege sein, sondern das muss eine Geschichte
sein, die lange Zeit eine Wirkung haben und entfalten kann. 2 Jahre, denke ich, muss man
da schon einplanen, damit Kinder und auch Eltern und Erzieher die Möglichkeit haben,
Essen als Genuss zu trainieren und zu erleben.
Anke Feller
Dankeschön
Prof. Dr. Ingo Froböse
Ich sage nur kurz etwas dazu. Wenn das Umfeld eine gute Ernährung hat, haben diese die
Kinder automatisch auch. Das muss man nicht trainieren, das ist Selbstverständlichkeit.
Anke Feller
Genau. Und die abschließende Frage noch von Ihnen bitteschön.
Publikumsfrage
Claudia Werling, ich bin ernährungsmedizinische Beraterin und arbeite momentan in einem
Projekt des Kreises Olpe, was heute Nachmittag von unserer Amtsärztin noch vorgestellt
wird. Ich arbeite zurzeit in 12 Kindergärten und 6 Grundschulen genau zu dieser
Problematik. Ich muss schon sagen, auch wenn Herr Prof. Froböse gegen die
Zwischenmahlzeiten ist, dass für Kinder, um sie vernünftig an einen Zeitablauf zu gewöhnen,
die Zwischenmahlzeiten doch ganz ratsam sind. Denn wir haben ganz viele Kinder in den
Kindergärten und in den Grundschulen, die kommen morgens entweder ohne Mahlzeit oder
nur vielleicht mit einem Getränk und sollten dann erst einmal bzgl. des Essens gefördert
werden. Die Kinder, die kleinen noch, wir haben ja immer zunehmend kleinere Kinder,
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können auch nicht so viel auf einmal essen und wenn die nachmittags noch einmal eine Obst
oder Joghurtmahlzeit haben, denke ich, ist dagegen nichts einzuwenden. Was Herr Prof.
Klotter sagt, das kann ich nur unterstützen. Einfach das Unterstützen und das Lernen des
Genusses sind ganz wichtig. Die Kinder freuen sich, wenn sie etwas selber herstellen und
dann in der Gruppe zusammensitzen und das gemeinsam essen können, das kennen viele
unserer Kinder leider nicht mehr. Der eine ißt im Stehen, der andere vor dem PC. Die Kinder
sitzen häufig alleine und das macht sehr viel aus, egal, ob jetzt mit oder ohne Pyramide. Die
aid-Ernährungspyramide ist ein sehr guter Leitfaden und wir benutzen sie auch weiter. Wir
möchten uns stärker informieren und unser Wissen ausbauen und sollte die Pyramide nicht
verdammen. In den Einrichtungen, in denen wir sie verwenden und gebrauchen, denke ich,
sind sie gut angebracht.
Prof. Dr. Ingo Froböse
Ich gebe Ihnen Recht, man braucht eine Orientierung. Nur wir verwalten auch ein Defizit,
indem wir Dinge kompensieren, die wir als Träger möglicherweise gar nicht kompensieren
müssten. Wir hätten ja einen anderen Auftrag. Da er aber zuhause in der Familie zum
Beispiel nicht geleistet wird, muss ganz viel auf die Einrichtung übertragen werden, das ist
unser Grundproblem. Dementsprechend heißt das, dass wir uns auch in Strukturen
einbinden lassen „müssen“, die für die Biologie eher suboptimal sind. Und das, was ich Ihnen
beschrieben habe, ist, dass Zwischenmahlzeiten nicht unbedingt zur Biologie gehören. Das
braucht der Organismus nicht. Ich gebe Ihnen Recht, wir verwalten Defizite unter dem
Aspekt, dass Kinder bestimmte Dinge nicht mehr erfahren, nicht mehr erhalten, das ist ein
Aspekt ja – d’accord.
Anke Feller
Ihnen allen ganz, ganz herzlichen Dank und Ihnen beiden ganz besonders Prof. Dr. Froböse
und Herr Prof. Dr. Klotter ganz, ganz lieben Dank.
Wir haben viel über Theorie gesprochen, wie es so in der Praxis aussieht. Wir machen jetzt
wirklich Praxis. Und wer vielleicht bei einer der ersten beiden Regionalen Fachkonferenzen
schon mit dabei war, der weiß, wenn es um eine bewegte, aktive Pause geht, da gibt es
keinen besseren Mann, als der Bewegungsanwalt, der uns alle hier so ein bisschen in
Schwung bringen wird. Er hat schon einen Stuhl mitgebracht, er kennt sich bestens aus.
Vom der Rückenschule Hannover, herzlich Willkommen Ulrich Kuhnt.
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