Die Wissenschaft – ein „zielloses Unterfangen“?

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Hüffertgymnasium Warburg Angelique Grell, EF (2015/16) Philosophischer Essay Die Wissenschaft – ein „zielloses Unterfangen“? These: Aus der Erkenntnistheorie geht hervor, dass man im Prinzip nichts mit Gewissheit behaupten kann. Daraus lässt sich die These ableiten, dass alle Wissenschaft ein zielloses Unterfangen ist. 5 10 15 20 25 30 35 Im Folgenden werde ich zu der oben genannten These Stellung nehmen, um zu zeigen, dass sie einige Fragen aufwirft und sich aufgrund derer Beantwortungen als falsch erweist. Die These wird dabei in ihre Bestandteile zerlegt, welche nacheinander diskutiert werden. Zunächst wird der Begriff „ziellos“ behandelt, um später mit dem Begriff „Unterfangen“ im argumentativen Verlauf darauf aufzubauen. Das Thema ist mit Rücksicht auf die Erkenntnistheorie und die Sinnfrage zu betrachten, welche sowohl in der These als auch in der folgenden Stellungnahme als Basis dienen. Die Wissenschaft ist ein großer Bestandteil des menschlichen Lebens. Sie ist eingeteilt in verschiedenste Themengebiete, von denen jedes für sich eine andere wichtige Bedeutung für den Menschen, genauer für sein erkenntnisbezogenes Handeln, hat. Der Zusammenhang von Erkenntnissen und dem menschlichen Handeln wird in Immanuel Kants Text „Begriff von der Philosophie überhaupt“ aufgezeigt, da er ein Definitionsbestandteil der Philosophie ist. „Was kann ich wissen?“ ist eine der vier philosophischen Grundfragen und bezieht sich auch auf die zu diskutierende These. Aus denen von Kant beschriebenen Grundlagen der Philosophie, geht hervor, dass das Handeln aus menschlicher Vernunft durch die Anwendung von Erkenntnissen gegeben ist. Diese Erkenntnisse werden aus Erfahrungen gesammelt und beeinflussen das weitere menschliche Handeln. Erkenntnisse müssen nicht zwingend aus subjektiven Erfahrungen resultieren, sondern werden oft aus Wissenschaften übernommen, weshalb, wie oben angedeutet, das menschliche Handeln ebenso von den verschiedenen Wissenschaften beeinflusst wird. Um nun aber zu der Ausgangsthese zurückzukommen, sollte man sich die Frage stellen, inwiefern wissenschaftliche Forschung ziellos sein kann, wenn sie doch einen so hohen Stellenwert und Einfluss in Bezug auf das menschliche Handeln hat. Des Weiteren ist zu klären, welchen Zweck die Wissenschaft demnach hat. Zuerst ist zu sagen, dass die These, Wissenschaft sei ziellos, einen direkten Widerspruch zu dem Begriff der Philosophie aufweist. Immanuel Kant legt in seinem Text „Begriff von der Philosophie überhaupt“ dar, dass in der Philosophie alle Zwecke menschlicher Vernunft durch Verbindung von Erkenntnissen und Geschicklichkeit in einen übergreifenden Endzweck führen und dass diese Einheit verschiedener Einsichten systematisch auf andere Wissenschaften übertragbar ist, weshalb die Philosophie als Metawissenschaft dient. Genauer gesagt beinhaltet die aufgestellte These also einen Widerspruch zum Zweckbegriff, welcher, wie oben angemerkt, zusammen mit dem Begriff der Philosophie definiert ist. Da Erkenntnisse, auch aus der Wissenschaft, eine Grundlage für das menschliche Handeln aus Vernunft bilden, stehen sie in direkter Verbindung mit dem Endzweck dieser Handlungen. Die Wissenschaft als mögliche Quelle der Erkenntnisse, aus denen das Handeln resultiert, ist also Teil dieses Endzwecks und hat demnach einen Sinn. 1 40 45 50 55 60 65 70 75 80 Hüffertgymnasium Warburg Angelique Grell, EF (2015/16) Philosophischer Essay Vor dem Hintergrund erkenntnistheoretischer Erwägungen kann von keiner Erkenntnis mit Gewissheit gesagt werden, dass sie wirklich der Wahrheit entspricht. Nun könnte man natürlich meinen, das Ziel der Wissenschaft, den Aufbau der Realität zu erkennen, sei keineswegs erfüllt. Diese Behauptung mag hinsichtlich der Gewissheit sogar stimmen, doch wird in der oben genannten These nicht dieses spezifische Ziel genannt und ausgeschlossen. Im Gegenteil: Der Wissenschaft wird unspezifisch eine Zwecklosigkeit unterstellt. Es ist doch nicht ausgeschlossen, dass einer Tätigkeit mehr als nur ein Ziel zugeordnet werden kann. Somit ist der Zweckbegriff in Bezug auf die Wissenschaft nämlich vielseitig zu verstehen. Erkenntnisse, so auch die der Wissenschaft, basieren auf Beobachtungen bzw. Sinneserfahrungen. Es ist bekannt, dass diese Sinne den Menschen in seiner Orientierung unterstützen, doch sie können ihn auch täuschen. Die Gewissheit über die Wahrheit dieser Wahrnehmungen ist also kritisch zu bewerten. Doch die Sinne lassen uns unsere Welt strukturieren, so dass wir uns in ihr zurechtfinden. Auch die Wissenschaft hilft uns dabei, die Welt zu verstehen. Wenn dieses Verständnis auch fraglich sein mag, so kann es reflektiertes, zielgerichtetes Handeln erst ermöglichen und im positiven Sinne beeinflussen. Natürlich können neue wissenschaftliche Erkenntnisse auch für negative Absichten genutzt werden, so z.B. der Einsatz von Atombomben. Das im Vordergrund stehende Ziel ist es jedoch, neue Einsichten für Besserungen zu nutzen, wie z.B. im Kampf gegen den Klimawandel. Daraus kann man nun schon zwei weitere Ziele der Wissenschaft ableiten. Sie dient dem menschlichen Verständnis der Welt und dem eventuell darauf aufbauenden angemessenen Handeln. Es ist also eine Befriedigung der menschlichen Neugierde und ermöglicht das Erweitern des menschlichen Horizontes. Der Mensch strebt nach Perfektion und Verbesserung, worin ihm wissenschaftliche Erkenntnisse helfen. Dieser die Menschheit betreffende Gedankengang, welcher unter Umständen die Richtigkeit der erworbenen Erkenntnisse ausschließt, ließe sich noch weiter führen, zeigt aber jetzt schon, dass die Wissenschaft auch ohne schlussendliche Gewissheit ihrer Einsichten dennoch eine Vielzahl an Zielen verfolgt. Betrachten wir nun separat das Wort „Unterfangen“ ebenso wie das Wort „ziellos“. Ein Unterfangen ist ein Versuch, ein Experiment, ein Wagnis oder ein Risiko. All seine Synonyme haben eins gemeinsam: Man kann sie auf die Ebene des Handelns stellen. In Bezug auf wissenschaftliches Handeln sind die Synonyme „Versuch“ und „Experiment“ wohl am zutreffendsten. Überlegt man nun, was ein Experiment oder einen Versuch ausmacht, so kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass beide durchgeführt werden, um etwas herauszufinden und später glaubhaft zu erklären. Man sammelt also Erkenntnisse durch Beobachtungen mit den Sinnen. Wie im Bezug zur Wissenschaft oben genannt, bieten die Sinneswahrnehmungen keine sichere Basis für das erkenntnisbezogenes Handeln. Man sieht also: Auch hier kann die Gewissheit über diese Erklärungen nicht gegeben sein. Dennoch wird ein Verfolgen der oben genannten Ziele nicht ausgeschlossen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Bezeichnung „zielloses Unterfangen“ an sich schon einen Wiederspruch enthält, denn ein Unterfangen, das der Erfahrung dient, hat immer ein Ziel, also einen Zweck. Der Endzweck aller menschlichen Erkenntnisse umfasst also auch diesen Fall. 2 85 90 95 100 105 110 Hüffertgymnasium Warburg Angelique Grell, EF (2015/16) Philosophischer Essay Selbst bei der Betrachtung der Wissenschaft als ein Risiko lässt sich ein Ziel erkennen. Es besteht das Risiko, dass falsche Schlüsse aus wissenschaftlichen Erfahrungen gezogen werden, die bei ihrer erkenntnisbezogenen Anwendung womöglich negative Konsequenzen zur Folge haben. Doch diese Konsequenzen sind ebenfalls Erfahrungen, aus denen ein weiteres Mal Erkenntnisse gewonnen werden, welche demnach das Handeln einer Person erneut positiv oder negativ beeinflussen. Der Zweck dieser Erkenntniskette liegt darin, eine Verbesserung zu erlangen. Dieses Ziel deckt sich mit dem Wunsch des Menschen nach bestmöglichen Umständen, denn ihr Handeln ist hauptsächlich auf Vorteile ausgerichtet. Dieses reflektierte Handeln ist nur durch Bewerten und Einschätzen eines Vorteils möglich. Erkenntnisse dienen dabei als Basis für diese Reflektion. Die vorangegangenen Überlegungen lassen den Schluss zu, dass die zu Beginn angeführte These nicht zutrifft. Die Erkenntnistheorie lässt sich allenfalls dann auf das Beispiel der Wissenschaft anwenden, wenn nur von der Gewissheit die Rede ist. Wissenschaften haben sehr wohl ein Ziel, sogar mehrere, die fest miteinander zusammenhängen. Die Welt, in der der Mensch lebt, wird ihm durch Wissenschaft näher gebracht. Der Mensch erhält Informationen darüber, wie sein Handeln optimiert werden kann und wie er über verschiedene Dinge urteilen kann bzw. sollte. Darüber hinaus wird im Rahmen des wissenschaftlichen Forschens sein Bedürfnis nach Wissen befriedigt. Da die Erkenntnistheorie besagt, dass man nichts mit Gewissheit behaupten kann, ist es allerdings auch fragwürdig, inwiefern Wissen als Wissen bezeichnet werden kann, denn Wissen im Sinne von tatsächlich der Realität entsprechenden Kenntnissen, gibt es nicht. Kann man nicht höchstens mehr oder weniger von etwas überzeugt sein? Sollte man wissen demnach durch überzeugt sein ersetzten? Würde man diese Fragen mit ja beantworten, so müsste man sogar den Begriff der Wissenschaft in Frage stellen. Schafft sie wirklich Wissen, so wie ihr Name sagt? Zu guter Letzt sollte man sich noch einen wichtigen Aspekt vor Augen führen: In der uns vorliegenden These wird von der Erkenntnistheorie ausgegangen, welche ein Teil der Philosophie ist. Darauf wird die eigentliche Kernthese, Wissenschaft sei ein zielloses Unterfangen, aufgebaut. Doch vergisst man hier nicht ein grundlegendes Problem? Die Philosophie ist ebenso eine Wissenschaft und wäre somit ebenfalls ein zielloses Unterfangen. Wie kann man die Zwecklosigkeit von Wissenschaften mit den Kenntnissen aus einer Wissenschaft begründen? Wir sehen: Die behandelte These ist von Anfang an ein Widerspruch. Angelique Grell 3 
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