Symphonies no.35 Haffner & no.36 Linz

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Mozart (1756-1791)
Wolfgang Amadeus
Haffner
Symphonies no.35
& no.36 Linz
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HMA 1951891
“So geschwind als es möglich ist”
1782 war mal wieder so ein Jahr, in dem es für Wolfgang Amadeus Mozart drunter und
drüber ging. Privat wie im Berufsleben. Gleich am Neujahrstag war der von ihm hochverehrte Johann Christian Bach in London gestorben. Und bis es zur Heirat mit Constanze
Weber am 4. August im Wiener Stefansdom kam, war Mozart in den Wochen und Monaten zuvor ein einziges Nervenbündel. “Mein Herz ist unruhig, mein Kopf ist verwirrt”,
gestand er seinem Vater am 27. Juli in einem Brief. Denn nachdem es Mozart endlich
geschafft hatte, seiner Constanze jenen Verhaltenscodex einzuimpfen, an den sich eine
brave und sittsame Ehefrau halten sollte, wartete er ungeduldig auf Post aus Salzburg.
Doch die ersehnte Zustimmung zur Eheschließung von Vater Leopold erreichte ihn erst
mit einem Tag Verspätung am 5. August – als sich Mozart und Constanze schon das
Ja-Wort gegeben hatten. Der Produktivität ­Mozarts taten all solche Begleitumstände
jedoch nie einen Abbruch. Im Gegenteil. Die Auftragsbücher und das Konto waren gut
gefüllt, war Mozarts Singspiel “Die Entführung aus dem Serail” gerade in aller Munde
und Ohren. Kaum verwunderlich ist es daher, daß Mozart eher reserviert auf die Bitte
von Leopold Mozart reagierte, erneut eine Festmusik für den Salzburger Kaufmann und
Bürgermeister Haffner zu komponieren. 1776 war bereits für eine Hochzeit die berühmte
“Haffner”-Serenade entstanden. Nun stand die Adelung des Sohnes von Siegmund Haffner bevor – während ausgerechnet jetzt Mozart über der gewinnbringenden Bearbeitung
der “Serail” Oper für Bläserensemble saß. “Ich werde so viel möglich geschwind arbeiten
– und so viel es die Eile zulässt – gut schreiben”, lautete immerhin Mozarts Auftragsbestätigung. Daß Mozart die sechs Sätze dieser zweiten Serenade nur in Etappen komponieren und nach Salzburg schicken konnte, unterstreicht seine Arbeitsüberlastung. Als
Mozart jedoch im Frühjahr 1783 die Partitur zurückforderte, um sie anläßlich eines
­Akademie-Konzerts in Wien zu einer Symphonie umzuarbeiten, war er selber verblüfft
über ihren musikalischen Gehalt. Und dieser begründete nicht zuletzt den ungewöhnlich
lauten Beifall, den die “Haffner”-Symphonie D-dur KV 385 schon bei ihrer Uraufführung
am 23. März 1783 von allerhöchster Stelle, vom anwesenden Kaiser erhielt. Viersätzig
ist diese erste der sechs späten Meistersymphonien Mozarts angelegt, fehlen von der
ursprünglichen ­Serenaden-Fassung der einleitende Marsch und eines der beiden Menuette. Mit den Flöten und Klarinetten, die sich in den Ecksätzen zu den Hörnern, Pauken
und Trompeten hinzugesellen, ­verstärkt Mozart zudem das vergnügliche Gewicht, das von
keinem dramatischen Herz­klopfen als möglicher Seismograph biographischer Einflüsse
aus der Fassung gebracht wird. Natürlich lässt sich an dieser musikalischen Festtafel
hier und da der Geist von Joseph Haydn ­blicken. Besonders im zweiten Satz, einem
“Andante”, das in seiner liedhaften Liebenswürdigkeit in G-dur der Inbegriff einer Nachtmusik ist. Der mit unverwechselbarer Energie nach vorne stürmende Mozart ist hingegen
im Eröffnungssatz sofort zu identifizieren. Mit einem Sprung über gleich zwei Oktaven
wirft sich Mozart ins Geschehen, für das er diesmal nur ein Thema statt der traditionsgemäß zwei Themen benötigt. Straff in der Rhythmik, behandelt Mozart das Thema im
Laufe des Satzes mit kontrapunktischer Raffinesse, kommt es immer wieder zu arabesken Erholungspausen und kleineren Piano-Episoden. So prunkhaft mitreißend sich der
Satz dennoch in seinem Ausdruckscharakter präsentiert, so hält Mozart im “Menuetto”
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sein Ohr ganz nah an den wienerischen Charme. Nicht zuletzt dann, wenn sich die
Fagotte und Oboen im Trio fröhlich in Ländler-Stimmung bringen. Das abschließende
“Finale: Presto” beweist erneut, wie ein Sonatenhauptsatz zu neuem Leben erweckt
werden kann, wenn nur ein Mozart die Finger im Spiel hat. Voller bravouröser Effekte und
wirbelnder Achtelbewegungen spiegelt der Satz überquellende Vitalität wider. Und in die
sich selbst der Aufseher Osmin aus der “Entführung” einhakt, wenn Mozart dessen
übermütige Arie “Ha, wie will ich triumphieren” geradezu bekennerhaft dem Hauptthema
einimpft.
“So geschwind als es möglich ist” – so sollte das Finale der “Haffner”-Symphonie nach
dem Willen Mozarts aufgeführt werden. Diese Aufforderung zum Prestissimo lässt sich
gleichermaßen auf die unglaubliche Schaffenskraft übertragen, die Mozart wie bei der
­“Haffner”-Symphonie auch bei der “Linzer”-Symphonie zeigte. In nur vier Tagen schüttelte
Mozart seine 36. Symphonie C-dur KV 425 aus dem Ärmel. Als er im Sommer 1783 auf
der Heimreise von Salzburg nach Wien in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz Station machte, wo ein Akademie-Konzert auf ihn wartete. “Und weil ich keine einzige Symphonie bei mir habe”, so Mozart an seinen Vater, “schreibe ich Hals über Kopf an einer
neuen”. Termingerecht am 4. November 1783 erfolgte nicht nur die Uraufführung der
Symphonie im Linzer Theater. Mozart komponierte sogar noch eine langsame Einleitung
zu einer Symphonie Michael Haydns. Um so erstaunlicher ist es, wie Mozart unter
diesem Hochdruck zu bis dahin unbekannten Ufern aufbricht. Was gerade für den ersten
Satz der “Linzer”-Symphonie zutrifft, dem er eine gewichtige Adagio-Introduktion voranstellt und die in Mozarts bisherigem symphonischen Schaffen ein Novum ist. Pate für
diese Erweiterung der klassischen Symphonie-Form war erneut Joseph Haydn. Und wie
Haydn entlässt Mozart somit die Orchester-Musik endgültig aus dem Fängen der Unterhaltung, um sie zu einer anspruchsvoll ernsten Kunst weiterzuentwickeln. Daß zwölf
Jahre nach der “Linzer”-Symphonie ein Ludwig van Beethoven seinen symphonischen
Erstling in C-dur ebenfalls mit einem “Adagio molto” eröffnete, unterstreicht das Nachbeben, das Mozart mit seiner Klangästhetik auslöste. Fast wie ein erregendes Rezitativ aus
einer Opera seria behauptet sich Mozarts “Adagio”-Einleitung. Feierliches Pathos und
eine in den Violinen, Holzbläsern und Bässen sehnsüchtig aufblühende Zartheit bilden
eine Seite in diesem Spannungsgefüge. Hinzu kommen chromatische Stimmführungen
und Moll-Modulationen, die dunkle, regelrecht unheimliche Gefühlsregionen entblößen.
Aber selbstverständlich weiß Mozart, wie man aus dieser Schattenwelt wieder herauskommt und Luft zum Atmen bekommt. In dem sich unmittelbar anschließenden “Allegro
spiritoso” sorgt ein glanzvoller Marschabschnitt für irdische Festigkeit, gesellt sich in
diese feurige Forte-Ausgelassenheit ein “Alla turca” hinzu – als offensive Reminiszenz an
die “Entführung”! Ist der zweite Satz ein intimes, anmutendes Beispiel dafür, wie Mozart
den “Siciliano”-Stimmungen eines Haydn ein eigenes Gepräge gab, erinnert das “Menuett” mit den Oboen und Fagotten sowie den Ländler-Anklängen durchaus an die
“Haffner”-Symphonie. Zum hinreißenden Kehraus gerät dann das Finale (“Presto”), in
dem der Mozart-Motor mit unbekümmertem Schwung und unstillbarem Spielwitz auf
Hochtouren läuft. Und bei aller Brillanz, mit der Mozart die Flut an Themen und Motiven
zu einem organischen Ganzen bündelt, nahm er sich einfach noch die Zeit, um eine
gewitzte Fugato-Idee unterzubringen. Typisch Mozart eben.
GUIDO FISCHER
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