Der Gitarrenmann vom Hardangerfjord

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FEUILLETON
Mittwoch, 11. Juni 2014 ^ Nr. 132
45
Neuö Zürcör Zäitung
RICHARD WAGNERS «HABSBURG»
MORAL UND POLITIK
NETZWERKE DES WISSENS
FORSCHUNG UND TECHNIK
Feuilleton, Seite 46
Feuilleton, Seite 47
Feuilleton, Seite 49
Seite 54
Kakanien als Mythos
und Anschauung
Ein Symposion der
Philosophischen Gesellschaft
Landschaftsmalerei des
17. Jahrhunderts in Karlsruhe
An Premieren geht er nie, und nun hat Jon Fosse auch noch beschlossen, dem Theater überhaupt den Rücken zu kehren.
Die Hubble-Konstante soll
präziser vermessen werden
IMAGO
Der Gitarrenmann vom Hardangerfjord
Jon Fosses neues Stück ist möglicherweise sein letztes: Uraufführung beim Festival in Bergen – und ein Treffen mit dem Schriftsteller
«Meer» heisst das Stück des Norwegers
Jon Fosse, welches die Festspiele Bergen
dieses Jahr am Herkunftsort des Autors
zeigten. In der Landschaft seiner Kindheit
verstand man es ganz unmittelbar.
Barbara Villiger Heilig
In Oslo soll es ein Hotel geben, das einen Saal nach
Jon Fosse benannt hat. Das Dörfchen am Hardangerfjord hingegen, dessen Ortsschild weiss auf blau
«Fosse» ankündigt, hiess schon immer so, aufgrund
des Wasserfalls – «foss» –, welcher hinter ihm zu
Tale rauscht, wenn Schnee und Gletscher schmelzen. Im Dorf namens Fosse ist der norwegische
Schriftsteller aufgewachsen; dort leben seine betagten Eltern weiterhin. Von ihrem grossen weissen Holzhaus neben dem kleineren, wo die Grossmutter wohnte, bietet sich ein magischer Blick. Das
Bootshäuschen, die ruhige Bucht, der Bergzug am
anderen Ufer: Es könnte ein Jon-Fosse-Bühnenbild sein, dem gar nicht unähnlich, das Raimund
Bauer für die Zürcher Inszenierung von «Schönes»
baute. Wie in jenem Stück herrscht Sommer, mit
unverschämt blauem Himmel und einer abends
nicht untergehen wollenden Sonne.
Schauplatz Kindheit
Neben der Fosse-Bucht liegt eine zweite; zusammen formen sie den «Strandbusen», auf Norwegisch «Strandebarm»: So heisst die Gemeinde. Vor
dem Gemeindehaus, einem reizenden, 1929 errichteten Gebäude aus braunrot gestrichenem Holz
mit geschnitzten Säulen, grünlichem Tonnengewölbe und einer kleinen Bühne, drängt sich heute
Abend das Publikum. Unter die Lokalen mischt
sich eine Politikerin aus der Hauptstadt. Anlass für
ihr Kommen: ein neues Jon-Fosse-Stück. «Meer»
stammt zwar aus dem Jahr 2006, wurde aber erst
bei den diesjährigen Festspielen in Bergen uraufgeführt, in deren Rahmen die Inszenierung auch nach
Strandebarm reiste. Es hat seinen speziellen Reiz,
sie am Herkunftsort des Autors zu erleben. Fosses
Stücke, 33 an der Zahl, in 40 Sprachen übersetzt
und weltweit 1000 Mal aufgeführt, versteht man
überall. Hier aber versteht man plötzlich mehr.
Das Gemeinde- oder genauer Jugendhaus von
Strandebarm ist keine zufällige Wahl. Es entstammt einer nationalen Jugendkultur-Bewegung,
deren Veranstaltungshäuser sich über ganz Norwe-
gen verteilen. Dasjenige in Oslo wird «Meer» demnächst als Gastspiel zeigen. Ein solch volksverbundener, fast familiärer Kontext entspricht der Absicht des Regisseurs: Er bettet das metaphysisch
abstrakte Kammerspiel in eine konkrete Gemeinschaft ein. Kai Johnson, befreundet mit dem Autor,
inszenierte seit dessen erstem Stück vor 20 Jahren
in Bergen noch mehrere andere. «Meer» dürfte
seine letzte Uraufführung sein. Denn Jon Fosse hat
vor, dem Theater den Rücken zu kehren.
Auch deshalb berührt es sonderbar, jene Bühne
zu sehen, auf der er als jugendlicher Rocker die
eigene Karriere begann. Eine unscharfe Foto hängt
im Entrée. Line-up mit Saxofon, Schlagzeug,
E-Gitarren: Da steht er, ein Hippie mit rosa
T-Shirt, hellblauen Hosen, langem Haar. Der
Künstler als junger Mann. «Knocking on Heaven’s
Door» habe er gespielt, erzählt eine ehemalige
Schulkameradin. Die Gitarre hat Fosse unterdessen aufgegeben, das Klopfen am Tor zum Himmel
nicht – erste und letzte Dinge beschäftigen ihn
nach wie vor, um sie kreist sein Werk. Geburt,
Leben, Tod; ausserdem: die Kunst. Letztere erscheint immer wieder verkörpert im «Gitarrenmann», wie ein Bühnenmonolog heisst. In «Schönes» verschafft ein gescheiterter Ehemann, zurückgekehrt an den Ort seiner Kindheit, zerschellten
Träumen musikalischen Ausdruck – mithilfe der
Gitarre. Und nun, in «Meer», steht wieder ein
Gitarrenspieler vor uns, mitten im Kreis, den wir
auf zwei dicht besetzten Stuhlreihen bilden.
Ein Traumspiel
Ihm gegenüber ein Anderer. «Ich bin der Kapitän», beginnt er; so wird er eine knappe Stunde
später auch schliessen. Das Schiff, das Meer – er
beschwört sie herauf wie durch ein Mantra; ausserdem Passagiere, an deren Präsenz der Dialogpartner zweifelt. Doch, doch, viele seien da, wiederholt
der Kapitän. Aus dem Dunkel schälen sich die beiden Figuren heraus, spärliches Licht bricht sich
prismatisch auf der matten Plexiglasscheibe zwischen ihnen. Sie dient als Projektionsfläche, im
wörtlichen und im übertragenen Sinn: Zwei Paare
tauchen auf, ihre Video-Porträts schimmern. Gespenster, Geister? Wie in einem langsamen Ballett
suchen Gesten und Stimmen einander. Sowohl der
Kapitän als auch der Gitarrenspieler vermeinen, in
einem der Paare Vater und Mutter zu finden;
allein: Der Wiedererkennungseffekt bleibt einseitig. Ohne Echo verklingen die Rufe. (Dass des
Autors Eltern im Publikum sitzen, wirkt, einen
Herzschlag lang, wie ein wohltuender Schmerz.)
Gefunden, verloren. «Du bist hier / und ich vermisse dich / trotzdem», sagt einer zur «Allerliebsten»; sie – als Einzige – hört entrückt die Musik der
Luftgitarre.
Erinnerungen und Emotionen kreuzen sich in
diesem Traumspiel, das Unbewusstes und Bewusstes zu einem Vexierbild menschlicher Beziehungskonstellationen verwebt. Es ist, als erwachten auf
einmal alle Figuren aus Jon Fosses Stücken und
versammelten sich für die Dauer dieser Schifffahrt
durch imaginäre Leben. Körperlose Träger von
Sehnsucht – einer Sehnsucht nach jener Sphäre des
Unerhörten, die Fosse seit je erkundet. Der Kreis
um die Spielfläche, den Quäkern nachempfunden,
zu denen er einst gehörte, zwingt das Publikum zur
Innenschau. Wir sehen, was in uns selbst vorgeht.
Deshalb wohl wird immer wieder leise gelacht.
Im Versteck
Fosses Stücke, die früheren, realistischeren und die
späteren, von ihm «allegorisch» genannten, widerspiegeln stets Szenarien der Seele; doch nie kam
das so klar zum Ausdruck wie hier, bei diesem unaufdringlich schwebenden Heimspiel, dessen pausendurchsetzte Wortmusik das Ungesagte zur
Sprache, zum Sprechen bringt. Den ganzen Fosse
enthält «Meer». Wo bloss steckt der Autor in
Fleisch und Blut während dieser denkwürdigen
Stunde? Weit weg. Ihm würde das garantiert viel zu
nahegehen. Er halte es nur kurz aus in Strandebarm, sagt er bei unserem Treffen, das in Bryggen
stattfindet, der touristisch gefluteten alten Speicherstadt von Bergen. Ausländer kaufen hier Norwegerpullover, wie sie Thomas Ostermeier in seiner Inszenierung von «Der Name» verwendete, mit
der er anno 2000 in Salzburg eine alsbald die
deutschsprachigen Bühnen überrollende FosseWelle auslöste. Nein, in Bryggen läuft man keinem
Einheimischen über den Weg. Jon Fosse ist ein
scheuer Mensch. Stimmt das? Ein herzlicher vor
allem. Und so offen, dass er ungeschützt wirkt.
Darum vielleicht versteckt er sich an vier Wohnorten: Der Wechsel erlaube ihm «eine Art Anonymität». In Bergen, wo die engen Gässchen zum
nachbarlichen Voyeurismus geradezu auffordern,
leben vier von Fosses Kindern. Die einen sind erwachsen, mit den jüngeren will er nach dem Gespräch küstenaufwärts fahren zu seinem «cottage».
Dann Oslo: Im Schlosspark steht ihm als Künstlerresidenz die sogenannte «Grotte» – ein normales
Haus mit einer Grotte darunter – zur Verfügung,
bis ans Lebensende. Und schliesslich Hainburg an
der Donau, auf halbem Weg zwischen Wien und
Bratislava. Fosses jetzige Frau ist Slowakin, das gemeinsame Töchterlein zweieinhalbjährig. Wenn
Fosse in seinem mehr als passablen Deutsch sagt,
er fühle sich dort «heimlich», aber «heimatlich»
meint, so offenbart der Lapsus eine eigene Wahrheit. Und wenn er witzelt, Probleme mit den vielen
Adressen gebe es höchstens für die Post, lenkt die
Ironie schlecht ab vom fast beklemmend spürbaren
Bedürfnis nach unbemerktem Dasein.
Die Stille
Jon Fosse ist ein hypersensibler Mensch. Sozialer
Druck setzt ihm zu. Öffentlichen Auftritten hielt er
früher nur dank Alkohol stand; als er den Alkohol
nicht mehr kontrollieren konnte, sondern von ihm
kontrolliert wurde, hörte er auf zu trinken – und
öffentlich aufzutreten. Kein Lesungen mehr. Premieren: nie. Mit dem Theater schliesst er nun
ohnehin ab. Nur Opernlibretti interessieren ihn
nach wie vor: Auf «Melancholia» (2008) folgt ein
neues Musiktheater-Projekt mit Georg Friedrich
Haas für Covent Garden, London; und für die
Oper Peking arbeitet er an einer Fortsetzung der
Ibsenschen «Nora», allerdings entrümpelt vom
bürgerlichen 19. Jahrhundert, als zeit- und ortlose
Frauengeschichte.
Apropos Ibsen: «Ein Genie», aber «die Dämonen» in seinem Werk erdrücken Fosse – er schüttelt sich. Irgendetwas muss da empfindlich weh
tun, wenn auch anders als bei Neil Young, den er
nicht mehr erträgt: «too touching». Musik hört
Fosse kaum noch, höchstens Bach, bei dem würde
er «nicht durchdrehen». Trotzdem ist ihm in der
Messe – Fosse trat zum Katholizismus über – Stille
am liebsten. Ja, er ist auch ein religiöser Mensch.
Den Glauben braucht er, um Andersgläubige zu
verstehen: «Ich habe keine Schwierigkeiten nachzuvollziehen, wie tief Mohammed-Karikaturen
Muslims demütigen.» Seit langem liest er Meister
Eckhart, den Mystiker. Aber auch Peter Handke,
der das Schweigen im Schreiben einhole, ohne zu
verstummen – Fosses Ideal. Er selber hat es in den
Theaterstücken mithilfe der ständigen Pausen verwirklicht. «Zu einfach», meint er jetzt; fortan will
er sich dem widmen, was er «langsame Prosa»
nennt, obwohl es auch Gedichte sein können.
Auf jeden Fall sieht er das Schreiben als musikalische Tätigkeit. Zuerst kommt das Hören, alles
entsteht aus dem Ohr. So wurde aus dem Gitarrenmann ein Dichter: Jon Fosse, der Künstler.
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