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09.04.2009: Dünnes Eis (Tageszeitung junge Welt)
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09.04.2009 / Wissenschaft & Umwelt / Seite 15
Dünnes Eis
Was ist eigentlich das Problem, wenn man demnächst am Nordpol baden kann?
Wolfgang Pomrehn
Mal wieder schlechte Nachrichten aus dem hohen Norden. Anfang der Woche haben die US-Raumfahrtbehörde
NASA und das US-amerikanische Datenzentrum für Schnee und Eis der Universität von Colorado in Boulder über
den aktuellen Zustand des arktischen Meereises aufgeklärt, und der ist nicht besonders gut. Das Eis ist
größtenteils viel zu dünn, was heißt, daß im kommenden Spätsommer erneut große Teile des Nordpolarmeeres
eisfrei sein dürften.
Die Schmelzsaison hat am Polarkreis schon begonnen. Gewöhnlich erreicht das Meereis irgendwann im März
sein jährliches Maximum. Ab Ende des Monats taut es weg. In diesem Jahr wurde die größte Ausdehnung
bereits Ende Februar erreicht. In den Wochen danach schwankte die Größe der Eisfläche knapp unterhalb
dieses Höchstwertes, ohne daß ein klarer Trend zu erkennen war.
Beunruhigend ist, daß das Maximum des winterlichen Eiswuchses wie meist in den letzten Jahren deutlich
unter dem Mittelwert der Jahre 1979 bis 2000 lag. Seit 1979 gibt es verläßliche Satellitendaten über die
jeweilige Ausdehnung des Meereises. Anhand der seitdem gewonnenen Daten läßt sich ein deutlich negativer
Trend ausmachen. Pro Jahrzehnt schrumpft die Eisfläche um 2,7 Prozent oder 43000 Quadratkilometer.
In der Ostseeregion ist der Mangel an winterlichem Eis folgenschwer. Im vergangenen Winter vereisten nur der
nördliche Teil des Bottnischen und einige Küstenabschnitte im Finnischen Meerbusen, beides Regionen, die für
gewöhnlich im Winter über viele Wochen zur Gänze zugefroren sind. Im vorvergangenen Winter war das Eis
sogar völlig ausgeblieben.
Für die in den Gewässern lebenden Ringelrobben ist die Veränderung fatal. Sie sind auf das Eis für die Aufzucht
des Nachwuchses angewiesen. Die Umweltschutzorganisation WWF berichtet, daß Hunderte von kürzlich
geborenen Robben zu verhungern drohen, weil sie zu früh ins Wasser müssen. Wenn sich das Eis weiter
zurückzieht, wird die Robbenart vermutlich ganz aus der Ostsee verschwinden.
Verglichen mit den Auswirkungen auf das globale Klima ist das ein harmloses Problem. Die große Frage ist, wie
lange der Arktische Ozean noch ganzjährig bedeckt sein wird. In den vergangenen Jahren hatte sich das Eis im
August und November so weit wie nie zuvor zurückgezogen. Erstmalig wurden die Nord-West- und die
Nordostpassagen frei, das heißt die potentiellen Schiffahrtswege aus dem Atlantik durch das Polarmeer in den
Pazifik. In diesem Frühjahr ist nun das Eis so dünn wie nie zuvor. Beim größten Teil handelt es sich nur noch
um einjähriges Eis, das ohne weiteres im Laufe eines einzigen Sommers verschwinden könnte. Gut möglich,
daß dieses Jahr neue Minusrekorde aufgestellt werden.
Was ist eigentlich das Problem, wenn man demnächst am Nordpol baden kann? Zum einen hätte das
gravierende Auswirkungen für die Menschen, die nördlich des Polarkreises leben. Sie sind für Fischerei und
Jagd oft auf eine verläßliche Eisdecke angewiesen. Auch der Transport von Gütern aller Art zu den arktischen
Siedlungen wird zum Problem, wenn das Eis nicht mehr trägt oder der Boden auftaut.
Noch gravierender sind die Auswirkungen auf das globale Klima: Ein im Sommer eisfreies Polarmeer – im Winter
wird es auch in einem erheblich wärmeren Klima weiter Eis geben – verändert das Klimasystem dramatisch.
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Bisher reflektiert das Eis rund 60 Prozent des einfallenden Sonnenlichts direkt zurück in den Weltraum. Ist das
Eis weg, heizt die Sonne das Meer auf. Dadurch erwärmt sich die ganze Polarregion. Große Mengen zusätzlicher
Treibhausgase entweichen aus den gefrorenen Böden sowie aus dem Meeresboden. Der Klimawandel wird
dadurch weiter verstärkt.
Daß eine solche Situation schneller als erwartet eintreten könnte, besagt ein Anfang April im Fachblatt
Geophysical Research Letters veröffentlichter Beitrag. Die US-Wissenschaftler Muyin Wang und James Overland
rechnen darin vor, daß das Meereis eine wichtige Schwelle vermutlich bereits überschritten hat und in den
nächsten drei Jahrzehnten rasch zurückgehen wird. Um 2037 wird es im Sommer auf ein Fünftel des aktuellen
Wertes zusammenschrumpfen, dann wird nur noch an den Nordküsten Grönlands und des arktischen Archipels
in Kanada ganzjährig Eis zu finden sein.
Große Teile des Arktischen Ozeans wären dann schiffbar, und für die Versorgung Westeuropas mit russischem
Erdgas bräche vermutlich eine kritische Zeit an. Die meisten Vorkommen werden nämlich in sehr flachen
Gebieten an der westsibirischen Nordküste gefördert. Derzeit ist dort der Boden noch ganzjährig gefroren,
aber in einem wärmeren Klima dürfte sich diese Region in eine gewaltige Sumpflandschaft verwandeln, die
gegenüber künftigen Sturmfluten vollkommen ungeschützt wäre.
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