Der frühe Vogel hat Probleme - Beringungszentrale Hiddensee

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Pressemitteilung vom 13. April 2016
Der frühe Vogel hat Probleme
Rauchschwalben passen ihre Bruttermine an den Klimawandel an. Trotzdem
überlebt immer weniger Nachwuchs.
Auch Zugvögel reagieren auf den Klimawandel und kehren früher aus ihren
Winterquartieren zurück als noch vor wenigen Jahren. Das hat den Vorteil,
dass sie eher mit dem Eierlegen beginnen können. Trotzdem profitieren die
Tiere davon kaum, zeigt eine von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums für
Umweltforschung (UFZ), der Universität Leipzig und des Max-Planck-Instituts
für evolutionäre Anthropologie Leipzig kürzlich im Fachjournal „Ecology and
Evolution“ veröffentlichte Studie.
Rauchschwalben gelten als klassische Frühlingboten. Nach dem langen Rückflug
aus dem Süden Afrikas treffen sie typischerweise im April wieder in Europa ein und
beginnen dann innerhalb weniger Tage mit dem Eierlegen. Nach etwa zwei Wochen
Brutzeit schlüpfen die Küken, die anschließend noch rund drei Wochen von den
Eltern gefüttert werden. Wenn der erste Nachwuchs der Saison das Nest verlassen
hat, schließen die Tiere im Sommer noch eine zweite Brut an.
UFZ-Forscherin Annegret Grimm und ihre Kolleginnen und Kollegen des MaxPlanck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität in Leipzig sowie
weiterer Forschungseinrichtungen haben nun untersucht, ob sich die Termine dieser
Bruten vor dem Hintergrund des sich ändernden Klimas verändert haben. Dazu
haben sie Daten der Jahre 1997 bis 2010 für Ostdeutschland ausgewertet, die von
der beim Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) MecklenburgVorpommern angesiedelten Beringungszentrale Hiddensee erhoben wurden. Dieser
Datensatz enthält beispielsweise, wann und wo Ornithologen Küken beringt haben,
um später ihre Zugrouten verfolgen zu können. „Junge Rauchschwalben werden im
Alter zwischen zehn und 15 Tagen beringt“, erklärt Annegret Grimm. „Deshalb
können wir aus diesem Datum auch schließen, wann die Eltern mit der Brut
begonnen haben müssen.“
Bei den 7.256 Bruten, die das Team auf diese Weise analysiert hat, zeichnet sich
eine deutliche Tendenz zu einem immer früheren Beginn ab. „Im Durchschnitt haben
die Tiere den Termin für ihre erste Brut um mehr als einen halben Tag pro Jahr nach
vorn verlegt. Das sind von 1997 bis 2010 immerhin 6,5 Tage“, berichtet die
Forscherin. Dieser zeitliche Vorsprung schlägt sich jedoch nicht im Bruterfolg nieder.
Die Biologen vermuteten ein für die Rauchschwalben negatives Zusammenspiel des
Klimas auf verschiedenen Skalenebenen. Deshalb haben sie die Bruttermine bzw.
Gelegegrößen und verschiedene Wetterdaten in Computermodelle eingespeist und
nach statistischen Zusammenhängen gesucht.
Wann die Vögel aus dem Süden zurückkehren und mit dem Eierlegen beginnen,
hängt demnach vor allem von der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NAO)
ab – jener Schwankungen des Luftdrucks, die über dem Nordatlantik zwischen dem
Islandtief und dem Azorenhoch auftreten. Sind beide Druckgebilde stark ausgebildet,
sprechen Experten von einem positiven NAO-Index. Der führt in Europa
normalerweise zu starken Westwind-Lagen und einer milden, feuchten Witterung. Bei
einem negativen NAO-Index mit schwachem Azorenhoch und Islandtief schwächen
dagegen die Westwinde ab, es wird trockener und kälter. Die Auswirkungen dieses
großräumigen Wetterphänomens treffen allerdings nicht nur Europa, sondern reichen
auch bis in den Süden Afrikas. Offenbar liefern sie den Schwalben dort
Anhaltspunkte dafür, wann es in Europa warm genug für die Reise Richtung Norden
ist.
„Das lokale Wetter im Brutgebiet ist für den Zeitpunkt des Brutbeginns weniger
wichtig“, sagt Annegret Grimm. Dafür bestimmen die dortigen Temperaturen und
Niederschläge ganz allein darüber, wie erfolgreich die Vogeleltern ihren Nachwuchs
aufziehen können. Und diese Bilanz ist schlecht: Der Bruterfolg der Rauchschwalben
im Untersuchungsgebiet ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen,
immer weniger Jungvögel erreichen das Erwachsenenalter.
Dabei ist ein früher Bruttermin eigentlich von Vorteil: Paare, die zeitig im Jahr mit der
Brut beginnen, legen oft mehr Eier, bringen mehr Jungvögel durch als die Spätstarter
unter ihren Artgenossen – und haben vielleicht sogar Zeit für eine zusätzliche Brut.
So ziehen Deutschlands Rauchschwalben in warmen Jahren oft dreimal statt nur
zweimal Junge auf – ein Trend, der sich noch verstärken und auch irgendwann
positiv auf die Bestandsentwicklung auswirken könnte.
„Bisher aber scheinen die Nachteile des Klimawandels die Vorteile des frühen
Brutbeginns zu überwiegen“, sagt Annegret Grimm. Das Problem besteht offenbar
darin, dass die Vögel bisher noch nicht das richtige Timing gefunden haben, um
ihrem Nachwuchs gute Startchancen zu verschaffen. Zwar sind die AprilTemperaturen in den ostdeutschen Brutgebieten in den letzten Jahren gestiegen,
dafür ist es im Mai aber kühler geworden – ausgerechnet dann, wenn die SchwalbenEltern reichlich Insekten für ihre geschlüpften Küken bräuchten. „Dieses
Versorgungsproblem steckt wahrscheinlich hinter dem sinkenden Bruterfolg“, sagt
Annegret Grimm. Und dieser wiederum könnte den Rückgang der europäischen
Schwalbenbestände erklären, den Vogelschützer seit etwa 20 Jahren beobachten.
Ob sich dieser Trend fortsetzt, sei derzeit schwer zu sagen. Zum einen müsse die
kühle und insektenarme Phase im Mai keineswegs von Dauer sein. Zum anderen
werden vielleicht künftig auch so viele Paare ein drittes Mal im Jahr Eier legen, dass
sie die geringere Zahl von Küken pro Brut kompensieren können. In jedem Fall
unterstreiche die vorliegende Studie einmal mehr, so Grimm, wie wichtig es sei,
mehrere ökologische Prozesse parallel zu betrachten und mit den Daten der Klimaund Wetterphänomene auf regionaler und überregionaler Skala zu verknüpfen.
Publikation:
Annegret Grimm, et al. (2015): Earlier breeding, lower success: does the spatial
scale of climatic conditions matter in a migratory passerine bird?
Ecology and Evolution, Band 5, Ausgabe 23, Seite 5722–5734, Dezember 2015
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.1824/full
Die Studie wurde unterstützt durch das EU-FP 7-Projekt SCALES, das EU-FP-7Projekt EU BON, die Universität Leipzig und das Beringungszentrum Hiddensee.
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