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Sprachtherapie in Uganda
Angela Jochmann
Koordinatorin des Logopädieprojektes in Uganda
SAL-Bulletin Nr. 117
Seite 1
September 2005
Let’s talk: Die erste ostafrikanische Sprachtherapiekonferenz
In einer heißen Januarwoche diesen Jahres (2005) trafen wir Sprachtherapeutinnen von Uganda und Kenya einander in Nairobi zu einer 5- tägigen Konferenz.
Von den 7, die ich ausfindig machen konnte, kamen alle bis auf die Logopädin
aus Tansania, die leider verhindert war.
Die 4 „Kenyanerinnen“ waren Emma Shah (England), Reyhan Hosgor Erdugon
(Türkei), Elisabeth Scheltema- Kruger (Niederlande) und Nuala Alibhai (Indien/Kenya), die zwei „Uganderinnen“ Clemence Aryanyijuka (Uganda) und
ich, Angela Jochmann (Deutschland).
Meine Organisation VSO (Voluntary Service Overseas, www.vso.org) stellte die
benötigten Gelder für die Konferenz zur Verfügung. Hiermit möchte ich mich
bei VSO und im Besonderen bei Hazel Plunkett bedanken!
Die Themen der Konferenz waren vielfältig: Kommunikationsstörungen und
Ursachen, Behandlung allgemein und spezifisch, ethnische Dilemmas, Arbeitsbedingungen und –weisen und andere Herausforderungen. Wir hatten sogar
Zeit für einige kleine Workshops (Bobath, Laryngektomie und aurale Rehabilitation).
In diesem Artikel werden die Situationen und Herausforderungen beschrieben,
die uns hier in Ostafrika und im Speziellen in Uganda begegnen.
Sprachtherapie in Ostafrika
Sprachtherapie in Ostafrika besteht aus kleinen Inseln in Nairobi und Mombasa
in Kenya, Kampala in Uganda und Moshi in Tanzania. Doch der Bedarf ist
riesig: Studien in Uganda haben ergeben, dass die Hälfte der Bevölkerung mit
Handicaps1 (10% der Gesamtbevölkerung) Kommunikations- und/oder
Schluckstörungen haben. Hirnverletzungen, Tumore, Schlaganfälle, AIDS und
Krebs verursachen Kommunikationsstörungen in weiteren 3% der Bevölkerung.
Dazu kommen noch die Menschen mit Redefluss- und Stimmstörungen, so dass
wir insgesamt von 10% Betroffenen innerhalb der Gesamtbevölkerung ausgehen
müssen. Momentan sind das ungefähr 2.6 Millionen betroffene UganderInnen,
denen 2 Sprachtherapeutinnen und eine Assistentin gegenüberstehen.
Da die Therapiestellen in den großen Städten in Kenya und Uganda sind, ist es
für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung unmöglich, uns aufzusuchen,
da die meisten OstafrikanerInnen unterhalb der Armutsgrenze leben und sich
den Transport nicht leisten können.
1
Menschen mit Behinderungen sind hier zumeist Menschen, die ihr Handicap vor, während oder nach der Geburt oder im frühen Kindesalter „erworben“ haben, z.B. DownSyndrom, Zerebrallähmung, Polio.
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Dazu kommt noch, dass der Service in Kenya privat ist und damit zu teuer für die meisten
Menschen. In Uganda ist die Logopädieklinik im größten Staatskrankenhaus Mulago und die
Therapie ist gratis.
In Mulago kommen jedes Jahr ca. 200 Kinder und 100 Erwachsene in die Sprachtherapieabteilung, die wir ambulant und stationär behandeln können.
Seit Jahren versorgt VSO das Mulago Krankenhaus mit Sprachtherapeutinnen, doch seit den
letzten 2 Jahren arbeiten wir mit aller Kraft und allen Mitteln daran, die erste ostafrikanische
Logopädieschule aufzubauen2. Als Koordinatorin des Kurses arbeite ich seit einem Jahr an der
Realisierung des Projektes und es gilt nicht nur mächtige Bürokratiefelsen zu umschiffen,
sondern auch, die finanziellen Mittel, Material und Lehrkörper aufzutreiben. Eine wunderschöne Aufgabe und eine riesige Herausforderung. Wir hoffen, den Kurs im September diesen
Jahres an der Makerere Universität eröffnen zu können.
Ermutigt von unserer Arbeit, versuchen die Kenianerinnen nun auch, eine Logopädieschule
auf die Beine zu stellen, so dass in der Zukunft afrikanische SprachtherapeutInnen afrikanische
Patienten behandeln können.
Patienten und Störungsbilder
Die Menschen mit Kommunikations- und Schluckstörungen, die wir behandeln, sind normalerweise immer sehr schwer betroffen.
Zerebrale Malaria führt bei Kindern oft zu profunder Zerebrallähmung, oft verbunden mit
Blind- und/oder Taubheit. Auch Mangelernährung während der Schwangerschaft und allgemein schlechter Entbindungsservicezugang und viele Infektionskrankheiten wie Röteln (hier
„German Measles“ genannt), Meningitis oder Polio führen oft zu schweren Mehrfachbehinderungen.
Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit kommen hier weit öfter vor als in Europa wegen der oben
genannten Ursachen. Auch Kinder mit autistischen Spektrumstörungen kommen oft zu uns,
da es in Uganda noch keine Einrichtungen für sie gibt.
Bei den Erwachsenen treten die meisten Störungen durch Gehirnverletzungen auf, sehr oft
durch Verkehrsunfälle, denn der Verkehr ist mörderisch hier und Trunkenheit am Steuer fast
schon „normal“. Die Helmpflicht und das Anlegen von Sicherheitsgurten wurden erst kürzlich
eingeführt.
Durch den Bürgerkrieg im Norden Ugandas, im Sudan, im Kongo und in Somalia behandeln
wir auch öfter Kopfschussopfer. Alkohol ist oft der Auslöser für Überfälle und Übergriffe, die
zu Kopfverletzungen führen. Neben den offenen Kopfverletzungen sind Schlaganfälle und
Hirntumore Ursachen von neurologisch bedingten Kommunikationsstörungen. Auffällig ist
die signifikante Anzahl von jungen Männern mit Hirninfarkten, die an die Sprachtherapie
überwiesen werden.
Die staubige Luft und die Angewohnheit von Lehrern, Imamen und Predigern, eine übermäßig laute und raue Stimme zu benutzen, verursachen oft Stimmprobleme. Durch die Ernäh2
Unseres Wissens bestehen 2 Logopädieschulen auf dem afrikanischen Kontinent, in Ägypten und in
der Republik Südafrika.
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rungsgewohnheiten leiden eine große Anzahl der Menschen unter chronischem Reflux.
Unbehandelt erhöht sich das Risiko auf chronische Laryngitis und (unbestätigt, aber angenommen von unseren HNO- Ärzten hier) Kehlkopfkrebs.
Leider haben in Uganda und Kenya trotz großer Aufklärungskampagne noch viele Leute
AIDS, was sehr oft zu Meningitis, Tuberkulose und/oder Demenz führt und somit zu profunden Atem-, Sprech-, Sprach- und Schluckstörungen.
Das Stigma der Behinderung
Menschen mit Kommunikationsstörungen sehen sich besonders im ländlichen Ostafrika
einem großen Stigma gegenüber, werden als dumm oder „vom Teufel besessen“ angesehen und
die Mütter als „Ehebrecherinnen“ (behinderte Kinder sind laut einem Volksglauben die Strafe
für Ehebruch). Viele Mütter schämen sich ihrer behinderten Kinder und verstecken sie verzweifelt in ihren Hütten.
Doch die Zeiten und Glauben ändern sich langsam, viel Aufklärung findet in diesen Ländern
statt. Ich selbst habe letztes Jahr eine landesweite Aufklärung für Kommunikationsstörungen
abgehalten und Krankenhauspersonal, Lehrerinnen und Gemeindehelferinnen in über 25
Institutionen in der Identifikation von Kommunikationsstörungen und basaler Intervention
ausgebildet.
Behinderung beinhaltet nicht nur soziale Probleme, sondern auch finanzielle Konsequenzen.
Medizinische und therapeutische Hilfe ist teuer, denn die Spezialisten finden sich oft nur in
den großen Städten und der Transport kostet Geld. Viele DorfbewohnerInnen leben von der
Subsistenz- und Tauschwirtschaft und Geld ist selten. Wenn ein Patient ins Krankenhaus
muss, muss mindestens ein Familienangehöriger mitfahren, um den Patienten zu versorgen, da
die Krankenhäuser weder Decken, wichtige Medikamente, Essen und Wäschedienste zur
Verfügung stellen. In dieser Behandlungszeit können sie nicht arbeiten. Oft wird eine Familie
durch einen Krankenhausaufenthalt finanziell ruiniert.
Kulturelle Herausforderungen und ethnische Dilemmas
Während der Konferenz diskutierten wir weiterhin über die Probleme von Diagnostik, Beratung und Therapie in Ländern, in denen wir außer Clemence alle nicht die Sprachen können3
. Wie hinderlich es ist, zu therapieren, wenn man die Sprache des Patienten nicht spricht,
davon können auch SprachtherapeutInnen innerhalb von Deutschland ein Liedchen singen:
ist das Dialekt, Akzent oder ein phonologisches Problem, ist das eine grammatische Störung
oder Dialekt etc.
Ostafrikanisches Englisch unterscheidet sich dazu noch in Wortschatz, Grammatik und
pragmatischem Gebrauch von demjenigen Englisch, das in Großbritannien oder den USA
benutzt wird.
Und viele SprachtherapeutInnen in Europa kennen die Probleme (und auch Vorteile), bi- oder
multilinguale Menschen zu therapieren. Wenn wir zwei oder mehr Sprachen des multilingua-
3
Uganda hat 32 Stammessprachen außer der offiziellen Landessprache Englisch, Kenya über 40 außer
den offiziellen Landessprachen Suaheli und Englisch.
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len Patienten beherrschen, können wir oft ein Wort der einen Sprache mit einem Wort der
anderen Sprache triggern. Kennen wir die anderen Sprachen nicht, ist es schwierig zu bestimmen, ob eine verbale Reaktion des Patienten in einer seiner anderen Sprachen richtig ist oder
nicht. Wenn der Patient ein Bild in einer seiner Sprachen benennt, muss dann ein anwesendes
Familienmitglied übersetzen.
Ausländische SprachtherapeutInnen sind enorm auf die Hilfe von Übersetzern (gewöhnlich
ein Familienmitglied des Patienten ) angewiesen. Damit Anweisungen, Aufforderungen und
Hilfen richtig übersetzt werden, bedarf es ständiger Nachfrage der Therapeutin nach Paraphrasierung auf Seiten des Übersetzers, um sicherzustellen, dass die Übersetzung richtig ist.
Auch Beratung gestaltet sich manchmal sehr schwierig, denn oft treten wir ins Fettnäpfchen,
wenn wir afrikanischen Patienten bestimmte Verhaltensregeln geben: Sich z. B. mehr Zeit
nehmen für das kommunikationsgestörte Kind ist oft unmöglich für einige Familien, da diese
oft noch 5 andere Kinder haben und den ganzen Tag arbeiten müssen. Menschen zu sagen,
dass sie abends nicht soviel essen sollen und danach nicht sofort ins Bett gehen sollen, ist
ebenfalls ein pikantes Thema, denn diese Essgewohnheit ist jahrhundertealt und entstand, weil
die Menschen oft den ganzen Tag damit beschäftigt waren, ihr Essen und Feuerholz zu besorgen. Zudem ermöglicht es Afrikanern, kleine Fettreserven anzulegen. Und kennen wir das
nicht auch von uns, dass wir uns abends „voll stopfen“?
Aphasietherapie an sich bedeutet eine Herausforderung. Um- und Beschreibung von Objekten
setzt ein profundes Wissen über die Kultur und die Weise, wie Konzepte geformt werden,
voraus. Stereotypische Konzepte können sich sehr von denen westlicher Kulturen unterscheiden
(auch die der westlichen Kulturen unterscheiden sich enorm voneinander; in Deutschland
hatten meine Patienten oft Probleme mit den amerikanischen Colorcards, da die abgebildeten
Objekte in Deutschland anders aussehen).
Die stereotypische Frucht in Nordeuropa ist der Apfel, ein Objekt, das von einem kurzen,
monomorphematischen Ort denotiert wird. In Uganda aber nicht. Da ist es vielleicht die
Ananas, „enanansi“, denotiert von einem längeren, nicht monomorphematischen Wort. Viele
hätten jetzt wahrscheinlich gedacht, die Banane wäre stereotypisch, aber die Ugander haben
mindestens 6 verschiedene Wörter, um die verschiedenen Sorten von Bananen zu benennen,
während wir im Deutschen normalerweise nur ein simples Konzept von der Banane haben und
zusätzliche Adjektive benötigen, um Bananen voneinander zu differenzieren.
Stereotypische Tiere in Uganda sind nicht Löwe und Elefant (das sind die stereotypischen
Tiere, die Europäer im Kopf haben, wenn sie an Afrika denken), sondern Ziege, Kuh und
Schwein, in Luganda (einer Bantusprache) „mbuzi“, „ente“ und „mbizzi“, alles monomorphematische Wörter.
Hochfrequente Wörter sind oft bi- oder trisyllabisch, oft aber auch polysyllabisch, und die
Sprachtherapeutin muss auch wissen, welche Wörter für den Patienten/Stamm/Kultur frequent sind. Das ist schon manchmal im eigenen Land schwierig, hier in Uganda erfordert es
ausführlicher Information von Angehörigen.
Ohne tiefe Kenntnisse von der Kultur ist es manchmal sehr frustrierend, einem Menschen zu
helfen. Manchmal ist es auch eher komisch: beim Synonyme- Finden hatte einer meiner
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jungen Aphasiker keine Probleme bis auf das Wortpaar „fett-übergewichtig“. Als ich es nach
einem Geistesblitz zu „fett-schön“ wechselte, konnte der junge Mann die Worte sofort als
Synonyme erkennen!
Die Mehrheit der europäischen und nordamerikanischen Therapiematerialien sind im afrikanischen Kontext nicht brauchbar und von den SprachtherapeutInnen wird hohe Flexibilität
gefordert, um dieses Material anzupassen und/oder geeignetes selbst herzustellen.
Mimik und Körpersprache sind sehr oft in hohem Masse kulturabhängig. Derselbe Gesichtsausdruck kann verschiedene Bedeutungen in verschiedenen Kulturen haben. In der westlichen
Kultur bedeutet das Hochziehen der Stirn „Zweifeln“, in Ostafrika bedeutet es einfach nur eine
Affirmation, ein „ja“. Darum ist eine der Prioritäten bei der Behandlung von Fazialisparesen,
Dysarthrien und schweren expressiven Aphasien das Trainieren der Frontalismuskulatur.
Die Therapie von Gesten ist ein wichtiger Bestandteil in der Behandlung schwerer Aphasien.
Aber die Therapeutin muss diese Gesten kennen, denn auch Gesten unterscheiden sich in
ihrer Bedeutung. Das Schlagen mit der rechten offenen Hand auf die geschlossenen rechte
Hand (auf den Daumen- Zeigefinger- Abschluss) hat eine eher obszöne Bedeutung in Deutschland. In Ostafrika bedeutet es aber nur, dass etwas voll ist. Will man PACE als Therapiemethode einsetzen, sollte vorher ein eingehendes Studium der Gesten erfolgt sein.
Augenkontakt wird in der westlichen Sprachtherapie (und in der westlichen Kultur) als sehr
wichtig eingestuft, um Beziehungen aufzubauen. Das Beihalten von Augenkontakt ist ein
Bestandteil der Therapie von Redeflussstörungen. In Uganda ist Augenkontakt abhängig von
der sozialen Stellung der Person. Die hierarchischen Intra- und Interstammessysteme verbieten
es, dass Personen in niedriger Stellung Personen in höherer Stellung direkt anschauen. Die
Aufforderung der Therapeutin, dass der junge Stotterer aus dem Dorf sie beim Sprechen
anschaut, kann große soziale Konflikte in dem Jungen auslösen.
Die hierarchische Position bestimmt auch die Lautstärke der Stimme. Eine sozial niedrige
Person darf gegenüber Höhergestellten nur flüstern. In der Therapie erschwert ein derartiges
Verhalten die Verständlichkeit enorm und Aufforderungen, die Stimme doch zu heben,
können nicht ausgeführt werden, da sie der Kultur und Erziehung widersprechen.
Ethnischen Dilemmas sehen wir uns auch dann gegenüber, wenn z. B. die Religion es verbietet,
bestimmte therapeutische Anweisungen zu befolgen, wie z.B. Menschen mit Dysphagie 8 mal
am Tag während der christlichen oder muslimischen Fastenzeit Nahrung anzureichen.
Stimm- oder Dysarthrietherapie kann sehr schwierig werden bei männlichen Muslimen, da die
Therapieansätze Körperkontakt benötigen, die Religion aber den Körperkontakt verbietet. In
einem Fall lehnte ein Imam (Oberhaupt der Moschee) mit totaler Laryngektomie die Therapie
ab, da er sich von einer weißen ungläubigen Frau weder anfassen noch beraten lassen wollte.
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Ugandas und Kenyas Kulturen sind noch überwiegend streng von Männern dominiert. Viele
der ostafrikanischen Sprachtherapeutinnen erlebten Situationen, wo der Ehemann/Vater/Bruder/Onkel einer weiblichen Patientin die Therapie verweigert, da „die
Weißen ihr nur rebellische Ideen vermitteln“. In einem Fall geschah das, da die Therapeutin
der Frau mit Rekurrensparese geraten hatte, nicht zu schwer zu tragen, um ihre Halsmuskeln
nicht zu überanstrengen. Bei einer anderen Gelegenheit beschwerte sich der Vater einer
jungen Frau mit Dysphonie beim Arzt, die Therapeutin wollte seine Tochter zum Müßiggang
verleiten, da diese der Patientin geraten hatte, Atemübungen im Liegen zu machen, um die
costo-abdominale Respiration zu trainieren.
In Ostafrika gehen Gesprächen und Diskussionen strikte und extensive formale Rituale der
Begrüßung, der Anrede und des Beziehungsaufbaus voraus. „Schnell zum Punkt kommen“
wird als unhöflich angesehen. Unwissen über das extensive Kommunika-tionsverhalten der
ostafrikanischen Kulturen kann zu voreiligen Schlussfolgerungen führen. Eine besuchende
Sprachtherapeutin, die bei einer Therapie hospitierte, diagnostizierte einen Patienten als
logorrhöisch mit „empty speech“, da die Begrüßung sich 10 Minuten ausdehnte und die
Fragen nach dem Wohlergehen die gesamte Familie (jedes Familienmitglied einzeln) und
Nachbarn von Patient und Therapeutin miteinschloss.
Auch in Deutschland, Österreich und in der Schweiz kennen wir Menschen, die viel reden
und deren Kommunikation wenig Aussagegehalt aufweisen, die aber trotzdem keine Sprachstörung im klinischen Sinn aufweisen, wie im Fall von einigen Politikern.
Linguistische Herausforderungen
Die meisten der Sprachen, die in Ostafrika gesprochen werden, kommen aus der Bantufamilie.
Kisuaheli, die offizielle Landessprache von Kenya und Tanzania, ist eine Mischung aus Bantu
und Arabisch mit indoeuropäischen Einflüssen. Uganda hat außer der offiziellen Landessprache Englisch noch über 40 andere Sprachen, die meisten gehören zur Bantufamilie, der Rest zu
den nilotischen und hamitischen Sprachfamilien.
Bantusprachen besitzen 8-12 semantische Nominaklassen, von denen ausgehend die Grammatik generiert wird. Syntax ist oft agglomerativ, es gibt keine Determinatoren und Affixe werden
in viel größerem Ausmaß als im Deutschen an das Nomen gebunden, um Tempus, Modus und
Numerus zu kennzeichnen. Während im Deutschen Suffixe derartige grammatische Relationen bestimmen, sind es in Bantusprachen Präfixe.
Beispiel:
Muntu = Mensch,
Bantu = Menschen
Personalpronomen werden als Morpheme vorne an das Verb fixiert.
Beispiel:
omukola= arbeiten
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Nkola= ich arbeite
Okola= du arbeitest
Akola= er/sie/es arbeitet
tukola= wir arbeiten
mukola= ihr arbeitet
bakola= sie arbeiten
Tempusmarker können den ganzen Verbstamm verändern (wie im Falle der sogenannten
„starken“ Verben in indoeuropäischen Sprachen).
Beispiel:
Nnakoze= ich arbeitete,
nnkazole = ich werde gearbeitet haben.
Adjektive, Adverben und Verben tragen das Präfix, das das Nomen besitzt:
Omuntu= der Mensch
Abantu= die Menschen
Omuntu omweru= der weiße Mensch
Abantu abeeru (mit phonetischer Assimilation)= die weißen Menschen
Omuntu omweru akola= der weiße Mensch arbeitet
Abantu abeeru bakola= die weißen Menschen arbeiten
Weiterhin gibt es keine relativ klare Verbindung zwischen Länge und Frequenz der Wörter.
Hochfrequente Wörter im Deutschen sind oft monomorphematisch und monosyllabisch. In
Bantusprachen gibt es beinahe keine monomorphematischen Wörter, da Wörter nie unflektiert vorkommen. Viele hochfrequente Wörter haben eine bi-, tri- oder polysyllabische Struktur, wobei es schwierig ist zu bestimmen, ob z.B. „Muntu“ zwei Morpheme hat, da die Mehrzahl von „Muntu“ „Bantu“ und das unflektierte Nomen „Omuntu“ ist.
Zusammengefasst lässt sich unschwer ersehen, dass unsere Strategien zur Wortfindung, die auf
Cueing des Wortes via Vorgabe des ersten Phonems oder Graphems beruhen, hier kaum
Erfolg finden.
Cueing via Grapheme birgt noch eine besondere Herausforderung, da die Analphabetenrate in
Uganda 48% beträgt.
Da sich die Ostafrikanerinnen eines phonetischen Schreibsystems bedienen und Schulbildung
oft defizitär ist, ist die Schriftsprache im besten Fall idiosynkratisch. „Ananas“ kann als „enanansi“, „ennanansi“, „eenanansy“ etc. geschrieben werden. Nicht einfach, dann herauszufinden, ob ein Patient eine funktionelle Dyslexie hat, oder aphasisch- dyslektisch ist, oder schon
immer so geschrieben hat. Oft wird die Stammessprache und/oder Suaheli nicht in der Schule
gelehrt, deshalb sind die Menschen dann auch in ihrer eigenen Stammessprache nicht leseund schreibgewandt.
Englisch ist eine Sprache, deren Orthographie weit entfernt von einer phonetischen Schreibweise ist. Ugander, die Wörter schreiben, wie sie sie hören und dazu noch andere Akzente in der
Aussprache haben, können „facial“ als „fashial“, „book“ als „buk“ und „patient“ als „payshent“
schreiben und sind sich der Fehlerhaftigkeit nicht bewusst.
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Einer meiner Physiotherapiestudenten schrieb „the patient joked on her food“ („die Patientin
witzelte über ihr Essen“, während die Dame an schwerer Aspiration litt
(„ she choked on her food“, verschluckte sich).
Das Beurteilen von Lesefähigkeiten ist ebenfalls oft eine Herausforderung für die Therapeutin,
nicht nur aufgrund der hohen Analphabetenrate. Viel europäisches Diagnostik- und Therapiematerial ist schon aus den Gründen nicht benutzbar, ganz zu schweigen von den Bildern,
die dort verwendet werden und deren Objekte in Ostafrika oft unbekannt oder sehr niedrigfrequent sind.
Die Phoneme /l/ und /r/ sind in vielen Bantusprachen austauschbar, da sie keine Bedeutungsunterschiede bezeichnen. “Makerere” und “Makelele” denotieren das gleiche Konzept.
Als Therapeutin ist es wichtig, das zu wissen, um bestimmen zu können, ob der Patient eine
phonetische oder phonologische oder verbal apraktische Störung hat, oder ob dieses Symptom
schon vorher bestanden hat.
Diese Austauschbarkeit ist auch ein soziales Merkmal, denn viele UganderInnen bewerten es
als Zeichen für mangelnde Bildung und/oder Zeichen für eine niedrige soziale Klassenzugehörigkeit.
Weitere Herausforderungen
Die Behandlung von Patienten auf den Stationen des Krankenhauses Mulago erfordert Kreativität und Flexibilität, denn dem Krankenhaus mangelt es an Ausstattung, Essen für die Patienten, Kathetern, Nasenschläuchen und sogar an Medikamenten wie Schmerzpillen. Bei vielen
der Betten gibt es keine verstellbaren Rückenlehnen, und Kissen und Decken müssen von den
Patienten mitgebracht werden.
Auf der Neurologie und Neurochirurgie erkranken ein Großteil der Patienten an Aspirationspneumonien, da die Familienangehörigen das Ernähren der Patienten übernehmen müssen
und nicht angeleitet werden, wie Nasensonden zu benutzen sind. Die Angehörigen reichen
Essen zu selten, zu schnell und in zu großen Mengen an, säubern die Schläuche hinterher
nicht und dem Patienten wird das Essen im Liegen durch die Sonden gegeben.
Der einzige Absauger wird oft von bis zu 5 Patienten gleichzeitig genutzt, was die Kreuzinfektionsrate enorm erhöht.
Die Aufgabe der Sprachtherapeutin besteht nur allzu oft darin, die Familienangehörigen im
Management der Nasensonden zu unterweisen.
PEG’s werden selten gelegt, da sie teuer sind und auch mit einem sozialen Stigma behaftet
sind. PEG’s werden AIDS- Kranken gelegt, die sich in den letzten Stadien der Krankheit
befinden. Deshalb wird eine PEG mit AIDS assoziiert, was den sozialen Untergang des Patienten bedeutet, da AIDS trotz großer Aufklärungskampagnen immer noch ein schweres Tabu ist.
Physiotherapeuten sind seltene Gäste auf den Neuro-Stationen, Mulagos 2 Ergotherapeuten
haben überhaupt keine Kapazitäten, um auf den Stationen zu arbeiten.
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Dank des Engagements und der Hingabe vieler Ärzte, Pflegekräfte und der Angehörigen auf
den Stationen überleben viele Patienten ihre Pneumonien, Dekubita und Sekundärinfektionen.
Gerade auf den Dörfern gibt es noch den Mythos vom „tongue tie“, dem zu kurzen Frenulum.
Wenn ein Kind nicht spricht, wird der Mutter oft geraten, das Zungenband schneiden zu
lassen. Nur zu oft wird diese Operation von sogenannten Zauberdoktoren oder traditionellen
Heilern ausgeführt. Die Folgen dieser „Beschneidung“ sind oft ernst, wie Infektionen und
wuchernde Narbenbildung. Während einer Präsentation der Sprachtherapie vor Zahnärzten,
Dentalchirurgen und Gesichtschirurgen des Mulago Krankenhauses wurde ausgesagt, dass
diese Ärzte bis zu 10 Frenulumoperationen proWoche vornehmen. Überweisungen zur
Sprachtherapie sind mehr als selten, und dann auch nur nach dem Eingriff. Unsere klinische
Erfahrung hat gezeigt, dass über 90% dieser Operationen sinnlos sind, mehr noch, dass die
meisten Kinder, denen das Frenulum durchtrennt wurde, gar keinen Tongue Tie hatten,
sondern schwerhörig oder gehörlos sind oder an Zerebrallähmung leiden.
Selektiver Mutismus kommt sehr häufig vor unter den Opfern des Bürgerkrieges in Norduganda.
Viele der entführten Kinder, die als Soldaten oder Sexsklaven unter den Rebellen gelitten
haben, sind psychisch hoch traumatisiert. Obwohl diese Kommunikationsstörung normalerweise von Sozialpädagogen und/oder Psychologen behandelt wird, werden diese Kinder und
Jugendliche SprachtherapeutInnen vorgestellt, da es beinahe keine psychologische Hilfe gibt in
Uganda. Zukünftige SprachtherapeutInnen müssen auf diese und andere psychologische
Störungen vorbereitet werden. Die offizielle Schätzung von Menschen mit psychischen Störungen liegt bei 12%, inoffiziell liegt die Zahl sicher weitaus höher.
Fortbildungen
In Afrika gibt es außer in der Republik Südafrika keine Möglichkeiten für SprachtherapeutInnen, sich fortzubilden. Flugtickets und die Fortbildungen an sich sind zu teuer. Darum wurde
bei der ostafrikanischen Sprachtherapiekonferenz viel Zeit für Workshops genutzt.
Im „Bobath“- Workshop habe ich den anderen Alignment und Stimulations- und Aktivationsmethoden zur verbesserten Respiration von Patienten gezeigt. Reyhan brachte uns im
Laryngektomie- Workshop die Ruptursprache (oesophageal speech) bei und wir haben sehr
gelacht bei unseren Versuchen, Laute zu „rülpsen“! Elisabeth hat unser Wissen über Rehabilitationsmöglichkeiten bei Schwerhörigkeit in Ostafrika auf den letzten Stand gebracht. Und
Clemence hatte die Möglichkeit, F.O.T.T. bei Giraffen auszuprobieren, denn in Nairobi gibt es
einen Giraffen- „Streichelzoo“, wo man diese wunderschönen Geschöpfe füttern darf (natürlich in richtiger Position und mit „Chin-down“).
Trotz aller Probleme, Frustrationen und Rückschläge, die wir als SprachtherapeutInnen hier
erleben, ist das Ausüben unseres Berufes eine wunderbare Erfahrung und eine sehr lohnende
Aufgabe. OstafrikanerInnen haben einen wundervollen Sinn für Humor und oft ist die Therapie von herzhaftem Lachen begleitet. Und Lachen ist ja bekanntermaßen die beste Medizin.
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Die erste ostafrikanische Sprachtherapieschule
Seit 1986 versorgt VSO das Krankenhaus Mulago mit SprachtherapeutInnen. Die Sprachtherapie ist der HNO Station angegliedert. Doch da diese Maßnahme langfristig nicht praktikabel
ist aufgrund der Verständigungsprobleme und der Kulturunterschiede zwischen Therapeutin
und Patienten, wurde im Juli 2002 mit dem Krankenhaus, den Universitäten, den Ministerien
und anderen Interessierten beschlossen, in Uganda einen Sprachtherapiekurs aufzubauen. In 2
Jahren sollen den 20 Studierenden pro Jahr (die als Voraussetzung Berufserfahrung als KrankenpflegerInnen, LehrerInnen, Sozial- oder GemeindearbeiterInnen haben müssen) Grundkenntnisse in Anatomie, Biologie, Psychologie, Soziologie, Gemeindearbeit und Beratung, in
Linguistik, Diagnostik und Behandlung von allen Kommunikations- und Schluckstörungen
vermittelt werden.
Der Abschluss entspricht ungefähr dem von deutschen LogopädInnen, wird aber international
nicht anerkannt, da wir sonst eine Therapeutenflucht ins europäische Ausland befürchten.
(Nach der Ausbildung, die als Universitätskurs angeboten wird, besitzen die SprachtherapeutInnen die Qualifikation für weitere akademische Studien).
Wir hoffen, dass wir innerhalb von 10 Jahren die allein in den staatlichen Einrichtungen
dringend benötigten 176 SprachtherapeutInnen ausbilden können.
Momentan bin ich vollauf beschäftigt, den Kurs vorzubereiten, Lehrpläne zu schreiben, Lehrmaterial zu identifizieren, DozentInnen zu finden und Gelder für die Verwirklichung ausfindig
zu machen. Wir hoffen, dass wir mit Hilfe von Viataal (einer niederländischen Organisation)
und einer Bank den Kurs dieses Jahr im September beginnen können.
Noch fehlt es an allen Ecken und Enden, besonders Bücher kosten eine Menge Geld.
Vereinzelt erhalten wir rührende Unterstützung von SprachtherapeutInnen aus dem Ausland,
die uns Bücher spenden. Auch einige kleine Organisationen haben uns Material gespendet.
Die Konferenzwoche war viel zu schnell um, soviel hätten wir noch zu besprechen gehabt auf
unserer Tagung. Die Konferenz war ein großer Erfolg für uns und wir waren uns alle einig,
dass dieser Austausch und die gegenseitige professionelle und moralische Unterstützung uns
sehr gut getan haben und wir das ostafrikanische Netzwerk eng geknüpft haben.
Nächstes Jahr treffen wir uns wieder!
Nähere Informationen zur Arbeit in Uganda und zum Logopädiekurs gebe ich sehr gerne.
Vielleicht hat ja jemand Lust, meine Arbeit ab November 2005 fortzuführen, denn mein
Vertrag läuft im Februar 2006 aus. Wir benötigen ab November eine/n Koordinator/in und
eine/n Erwachsenentherapeut/in.
Drs. Angela Jochmann ist Neurolinguistin und war in Deutschland auf die Behandlung neurologisch
Schwerstbetroffener spezialisiert. Seit Februar 2004 ist sie die Koordinatorin des Logopädiekursprojektes
in Uganda.
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Kontaktadresse ist:
Angela Jochmann
VSO Uganda
PO Box 2831
Kampala / Uganda
[email protected]
[email protected]
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