Transparenz im Agenturgeschäft

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Titel
medien & media
code of conduct
Transparenz im
Agenturgeschäft
Mit dem Verhaltenskodex der OWM sollen Transparenz und Fairness
in der Werbebranche Einzug halten. Fraglich ist allerdings, ob wirklich alle Marktteilnehmer
von einem derartigen Code of Conduct profitieren.
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s herrscht AufbruchstimAustritt aus der OMG ankünForm der Honorierung gehört nicht zu den
mung in der Branche.
digte, hätte da sicherlich anGeschäftspraktiken, die wir gutheißen“, so
Viel ist zu hören von
ders votiert. Denn er begrüßt
Christmann, „ein solches Vorgehen führt
künftiger
Transparenz
den geplanten Kodex offen
dazu, dass der Markt destabilisiert wird, weil
und Ehrlichkeit unter ehrals „ersten Schritt zu einer
sich die Rollen der Marktpartner ändern –
baren Kaufleuten. Neue OffenDisziplinierung aller Marktdaran kann keinem gelegen sein.“
heit soll der Werbebranche bepartner“.
Doch ein Code of Conduct allein
vorstehen, und alle sollen proUnter diesen Marktbringt noch keine Transparenz, da ist Befürfitieren. Ausgelöst wird dieser
partnern freuen sich jedenfalls
worter Thomas Koch, Chef von TKM StarOptimismus durch einen geschon viele auf die bevorstecom, sicher; der Kodex solle vielmehr zum
planten Verhaltenskodex der
hende Disziplinierung. HansNachdenken anregen, Transparenz sei hier
Organisation
WerbungtreiJoachim Strauch, Leiter des
eine Umschreibung von Vertrauen. Er selbst
bende im Markenverband
ZDF-Werbefernsehens, ist von
hat allerdings nicht den Eindruck, dass ihm
Uwe Becker, OWM:
(OWM). Danach sollen Geldder Wirksamkeit eines Verhalseine Kunden misstrauen würden: „Wer für
schwarze Schafe ins Aus.
ströme im Werbemarkt künftenskodex schon jetzt voll
Unternehmen arbeitet, wie sie auf unserer
tig eindeutig nachvollziehbar
überzeugt. Der Markt sehne
Kundenliste stehen, braucht keinen Verhalsein, da sie nur noch vom Kunden in Richsich, so Strauch, nach stabilen Verhältnistenskodex.“ Ein Kunde müsse, so Koch, situng Medien fließen. Dabei geht es zwangssen. Er selbst wohl auch: „Das ZDF ist zurcher sein können, dass der Agenturpartner
läufig auch um Fragen nach angemessener
zeit der ,Loser‘, da wir keinen Cash-Back
ihn unabhängig von eigenen Interessen beHonorierung der Agenturen – die so anstänzahlen“, sagt Strauch. Auf „mehr Chancenrät.
dig sein soll, dass die Mediamenschen nicht
gleichheit“ hofft auch sein öfEs gibt aber auch viele
mehr anfällig für Agenturrabatte der Medien
fentlich-rechtlicher Kollege
kritische Stimmen, die der
sind. Und gerade diese Vergütungen sind das
Achim Rohnke, GeschäftsfühNachhaltigkeit eines derartiheiße Eisen in der Diskussion um mehr
rer von ARD-Werbung Sales &
gen Verhaltenskodex skepTransparenz.
Services, der sich im TV-Markt
tisch
gegenüberstehen.
Uwe Becker, Mediachef von Unials „dritte Kraft zwischen den
Mediaplan-Chef
Wolfgang
lever und Vorstandsmitglied bei der Organibeiden großen privaten BlöMeier glaubt, dass die Sache
sation Werbungtreibende im Markenvercken“ sieht.
schlichtweg „nichts“ bringen
band (OWM), spielt in der Chronik des anDoch
auch
die
wird:
„Wer
unaufrichtig
gekündigten Kodex eine tragende Rolle. Un„Blöcke“ üben sich in Zustimgegenüber seinen Kunden
ermüdlich machte er sich in den vergangemung. Walter Neuhauser, Chef
sein will, unterschreibt mit einen Monaten für den Code of Conduct
von IP Deutschland, unterner Hand blumige Absichtserstark. Der Grundgedanke: Der Kodex baue
stützt die Initiative „im
klärungen und betrügt mit der
auf der „Grande Maxime“ auf, dass die
Grundsatz“. Obwohl sich, so
anderen.“ Dass der AgenturBeate Wießner, Siemens
Agenturen „mehr denn je kompetente und
der TV-Vermarkter, über die
chef als Nicht-OMG-Mitglied
VDO: Kodex bringt wenig.
objektive Berater“ der Werbekunden sein
„möglichen und tatsächlichen
künftig erhöhten Kommunisollen. „Da eine objektive Beratung nur
Folgen“ bislang nur spekuliekationsbedarf in Sachen vermöglich ist, wenn die Bezahlung von einer
ren lasse. Von einem transparenten Markt
trauensbildende
Maßnahmen
haben
Seite, nämlich vom Kunden, erfolgt, erklärt
würden allerdings alle Parteien profitieren,
könnte, verneint Meier: „Jede meiner Kunder Unterzeichner des Code of Conduct gesagt Neuhauser: „Die Kunden wissen genau,
denbeziehungen als Mittelständler – meist
nau dies zum Grundsatz seines Handelns“,
wofür sie bezahlen, die Agenturen stärken
zu Mittelständlern – ist eine permanente
sagt Becker, „das heißt, es erfolgen keine
ihre Rolle als unabhängige Mediaberater,
persönliche Vertrauensmaßnahme, meist
Zahlungen oder sonstigen Vergütungen der
und die Medien können sich darauf verlasüber viele Jahre. Dieses Vertrauen ist geMedien an die Agenturen, die nicht eindeusen, aufgrund ihrer Leistungswerte gebucht
wachsen und wird gelebt, es bedarf nicht der
tig einem Kunden, ganz oder anteilig, zugezu werden – nicht aufgrund von anderen
besonderen Quittung im Einzelfall.“ Auch
ordnet sind.“
Abmachungen.“ Welche „anderen AbmaBeate Wießner, Geschäftsführerin Marketing
Klare Worte, den meischungen“? Neuhauser unterbei Siemens VDO, erwartet von einem Verten Mitgliedern in der Organistreicht: „Ich lehne jede Form
haltenskodex wenig: „Wenn es um knallsation Mediaagenturen im
der Vergütung oder Rückverharte Interessen und sehr viel Geld geht,
GWA (OMG) wohl zu klar. Bei
gütung ab, die nicht auf die
helfen Absichtserklärungen nie.“ Ohne
der OMG-Versammlung beLeistung unserer Produkte beKontrollen sei ein Code of Conduct lediglich
kam der Verbandsvorsitzende
zogen ist.“
ein „Nice to have“.
und Chairman der Zenith OpGroße Stücke hält
timedia Group, Michael Bohn,
auch SevenOne Media-Chef
Vereinbarungen zwischen
von den Mitgliedern jedenPeter Christmann von der
OWM und OMG existieren schon
falls kein Mandat. Einstimmig
OWM-Initiative: „Das neue
Ein Kodex-Skeptiker ist auch Wolferfolgte der Beschluss aber
Konzept ist so angelegt, dass es
gang Bscheid, Chef von Mediascale, einem
wohl nur deshalb, weil Mindeine reelle Chance hat, wirkSpin-off der Serviceplan-Gruppe. „Nebulös“
share-Chef Paul Vogler nicht
lich umgesetzt zu werden.“
nennt er es, wie der Markt mit geltenden Reanwesend war – „aus TerminVon Kickbacks, das stellt der
Michael Bohn, OMG: keine
geln umgeht: „Kickbacks sind eigentlich
gründen“, so Bohn. Vogler,
TV-Vermarkter jedenfalls klar,
weiteren Gespräche.
nicht zulässig, und doch wissen wir alle, dass
der Ende Oktober seinen
will man nichts wissen: „Diese
Fotos: Photonica; OWM; Siemens VDO; OMG; Jörg Oberheide; w&v; SevenOne Media; Crossmedia; Mediascale; Maxxium; IP; Brain; Mediaplan
E
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code of conduct
Ingo Schier, Maxxium:
Media-Know-how kaufen.
Wolfgang Bscheid, Mediascale: nebulöse Methoden.
es sie gibt. Was also sollte der Code of Conduct bewirken?“ Nach Einschätzung von
Bscheid, der mit seiner Agentur ein absolut
erfolgsorientiertes Abrechnungsmodell propagiert, kann es Transparenz nur dann geben, wenn sie allen Beteiligten in der Praxis
nützt, sprich: „Die Kunden verstehen, dass
Werbeträger nur dann optimal an der Kampagne mitwirken können, wenn sie zeitnah
erfahren, welche Werbemittel auf welcher
Platzierung wie gut wirken.“
Der Spieß lässt sich allerdings auch
umdrehen. Nach Ansicht von Werner Reineke, CEO von Universal McCann, sollte
sich in erster Linie der Werbekundenverband selbst, der – darauf weist Reineke beiläufig hin – lediglich für zwölf bis 15 Prozent
der Werbe-Investitionen stehe, zu Fairness
und Transparenz verpflichten. Für seine Kollegen macht sich der Mediaplaner dagegen
stark: „Die Agenturen garantieren schon immer absolute Transparenz.“ Alle Kunden
von Universal McCann hätten volles Revisionsrecht, und mit den Medien habe man
auch von Verbandsseite entsprechende
Transparenzvereinbarungen unterzeichnet,
verdeutlicht Reineke.
Die OMG stößt ins gleiche Horn:
Bisher sei kein Fall bekannt, bei dem ein
Kunde einer Mediaagentur vertragswidriges
Verhalten vorgeworfen habe, sagt Bohn.
Aber warum dann der Vorstoß des OWM?
Bohn kann die Aufregung wirklich nicht
verstehen: „Immerhin hat der Verband in
der Vergangenheit Transparenzvereinbarun-
Werner Reineke, Universal
McCann: alles transparent.
Thomas Koch, TKM Starcom:
Kodex steht für Vertrauen.
gen gemeinsam mit uns entwickelt.“ An die
Adresse des Kundenverbands richtet Bohn
jedoch deutliche Worte: „Die Grundproblematik im Markt ist derzeit, dass die Kunden
ihre Agenturwahl sehr einkaufsorientiert
treffen.“ Also müsste die OWM, so Bohn,
erst mal bei sich selbst anfangen und ihren
Mitgliedern empfehlen, auch Gesichtspunkte, die sich aus der Beratungsqualität
ableiten, bei der Auswahl der Mediaagenturen einzubeziehen.
Was aber nun en détail in einem
Verhaltenskodex des OWM stehen wird,
weiß Bohn angeblich gar nicht: „Ich kenne
lediglich eine Präsentation des OWM, in der
mögliche Kodex-Bestandteile vorgestellt
worden sind. Dass aber alle darin geforderten Punkte in den Kodex einfließen werden,
halte ich für unwahrscheinlich.“ Das OWMPapier greife „alle Bestandteile des Zusammenwirkens von Agenturen und Kunden“ auf – bis hin zu Fragen wie: Muss es
noch 15 Prozent Agenturprovision geben?
Zudem werde unterstellt, dass Medien Agenturen bezahlen, empört sich Bohn: „Das
unterschreibe ich schon mal so nicht.“
Verbände können Vergütungen
mit Agenturen nicht verhandeln
Ein weitere Falle auf dem Weg zu einem gemeinsamen Kodex könnte ein kartellrechtliches Problem sein. Bohn: „Unser
Anwalt hat uns klar gesagt: Verbände können Vertragsbeziehungen und Vergütungen
Geht es nach der OWM, dann müssen Mediaagenturen künftig auf die Provisionen der Werbemedien
verzichten (im Bild: TV-Spot von Henkel), wenn sie nicht die fristlose Kündigung riskieren wollen.
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Markus Biermann, Crossmedia: unabhängiger Rat.
einer Agentur mit ihrem Kunden nicht verhandeln.“
So wird ein grundsätzliches Problem offenbar: Wenn ein Kodex zu allgemein
gültigen Charakter hat, ist er weit gehend
wertlos. Von einer möglichen Funktion als
„Feigenblatt“ spricht denn auch Crossmedia-Geschäftsführer Markus Biermann:
„Entscheidend wird am Ende sein, ob es zur
allgemein gelebten Praxis der Agenturen
wird, unabhängiger Berater des Kunden bei
der Selektion von Kanälen zu sein.“
Überprüfen lässt sich die Einhaltung eines Ehrenkodex zudem kaum. OWMVorstand Becker appelliert an das Gewissen
der Marktteilnehmer: „Wer Gesetze und
Grundregeln – dazu zähle ich einen Code of
Conduct – brechen will, wird es tun.“ Dies
stehe jedoch moralisch auf „Verbrechensstufe“, und mit diesen drastischen Worten
spricht der Unilever-Mann für alle OWMVorstandsmitglieder,
wie
Verbandsgeschäftsführer Wolfgang Hainer betont.
Schwarze Schafe gebe es zwar in allen Lebensbereichen, „aber langfristig belohnt
werden die weißen Schafe, die schwarzen
werden vom Markt ins Aus gestellt“, glaubt
Becker. Er plädiert für Sanktionen wie fristlose Kündigungen und Schadenersatzansprüche. Allerdings, so kündigt Becker an,
werde sich der Verhaltenskodex zu einem
Diskussionspunkt nicht äußern: ob Nebengeschäfte und Absprachen mit den Medien
nun ein kündigungsrelevanter Bestandteil
in den Verträgen sein sollen. Eher über einen Umweg, und das stellt sich Becker so
vor: „Im Vertrag sollte auf den Code of Conduct Bezug genommen und ein Passus aufgenommen werden, dass eine Verletzung
des Kodex die fristlose Kündigung nach sich
zieht.“
Dass die Mediaplaner derart konsequente Formulierungen nicht unterzeichnen wollen, verwundert so manchen Branchenkenner nicht. „Was die Agenturen bereits heute fürchten müssen, ist die massive
Erosion ihrer seit Jahren angeschlagenen
kannt, dass die reine Preisfixiegeringere Honorare zu verhanGlaubwürdigkeit“, konstatiert Markus Werrung unterm Strich nicht zieldeln.“ Doch selbst die Big
ner, Geschäftsführer des Münchner Beraführend ist, erklärt Peter
Spender bringen nicht das Getungsunternehmens Brain. Die aktuelle
Christmann, „leider“ sei aber
wicht auf die Waage, das
Kickback-Diskussion käme den Agenturen
derzeit eine Entwicklung im
Großagenturen mit ihrer
deshalb höchst ungelegen.
Gang, die dem Trend zu mehr
Nachfragemacht mittlerweile
Dabei ist der Schaden für die WerbeQualität in der Mediaplanung
auf sich konzentrieren könkunden zwar immens, der potenzielle Schazuwider laufe: „Eine Reihe von
nen, erklärt Brain-Chef Werden wird aber nach Werners Einschätzung
Auditors arbeitet nach rein
ner. Selbst Medien und Werbeoft verharmlost: „Viele glauben nämlich,
quantitativen Parametern.“
treibenden werde die massive
dass sie zwar nicht alle Rabatte durchgeDass sich WerbekunKonzentration bei den Mediareicht bekommen, die ihnen eigentlich zuden in ihrer Preisfixierung
agenturen, von denen sechs
stünden, rechtfertigen dies aber damit, dass
Kickbacks zu Nutze machen,
bis sieben Groups den Markt
Walter Neuhauser, IP:
sie deshalb auch weniger Honorar bezahlum gegenüber den Mediabeherrschen, langsam zu viel.
profitieren werden alle.
ten.“ Dies würde aber spätestens dann zur
agenturen den Preis noch weiLeid Tragende dieser
„Milchmädchenrechnung“, wenn Kickbacks
ter drücken zu können, ist
Mechanismen sind kleine und
Einfluss nehmen auf das, was später in den
nach Ansicht von Uwe Becker „genau der
mittlere Werbekunden, die infolge ihres oft
Mediaplänen der Kunden steht. Zwei Hauptwirtschaftliche Unsinn, den es zu vermeiden
weniger vorhandenen Media-Know-hows
ursachen macht Berater Werner dafür aus:
gilt“. Denn auch wenn eine Agentur für
eher über den Preis denn nach der besseren
Einmal sind es die unterschiedlichen „Kick„Null“ arbeitete, könne ihr Anteil aus den
Strategie entscheiden. „Das aber ist für diese
back-Rentabilitäten“ von Mediagattungen
Kickbacks höher sein als ein marktüblicher
Kundenkategorie besonders fatal“, erklärt
wie TV, Outdoor oder Print, zum anderen ist
Satz, so der OWM-Vorstand. „Daher möchte
Werner, „hat ein kleiner Kunde keine intellidie Bündelung des Einkaufsvolumens auf eiich als Kunde doch alle Rabatte und Kickgente, punktgenaue und agenturinteressennige Vermarkter keineswegs
backs, die sich auf mein Volufreie Mediastrategie, dann hat er häufig
immer zum Vorteil des Kunmen beziehen, direkt haben“,
überhaupt keine Chance mehr, gegen den
den, sondern dient eben auch
fordert Becker, „dann bezahle
übermächtigen Mediadruck der Konkurrenz
immer wieder der „Kickbackich die Agentur fair und leiszu bestehen.“
Optimierung“.
Planungstungsbezogen. Das ist die Klarchecks von Brain zeigten, dass
heit, die jeder ordentliche
Externe Berater führen und
beides „nicht nur in EinzelfälKaufmann fordern wird.“
kontrollieren die Mediaagenturen
len“ zu beobachten sei.
Fordern müsste, eiWährend große Werbungtreibende
Auch Ingo Schier, Gegentlich. Denn, so warnt
eigene Mediaspezialisten haben, die dafür
schäftsführer von Maxxium
Mindshare-Chef Vogler: „Würsorgen, dass Strategieempfehlung und AbDeutschland, bezeichnet es als
den die Kunden zu Null arbeirechnung der Agentur sauber sind, „nicken
entscheidend für den Erfolg
ten lassen und den Medien die
die kleineren Kunden häufig Pläne und
eines Verhaltenskodex, ob alle
Honorierung der MediaagentuRechnungen ab, ohne zu wissen, was da eidrei Parteien „verbindliche
ren überlassen, würden KunPeter Christmann, Sevengentlich alles zwischen den Zeilen steht –
und harte Regelungen gegen
den in jedem Fall betrogen
One M.: wichtiger Schritt.
oder eben gerade nicht“, berichtet Schier.
Kickbacks verabschieden und
werden.“ Selbst schuld, sagt
Gerade dieses Wissensdefizit im Mederen Einhaltung auch unabWalter Neuhauser: „Ein Kunde,
diabereich ist nach Beate Wießners Ansicht
hängig und konsequent überwacht wird“.
der seine Agentur unter die Selbstkostendas entscheidende Problem der „Kleinen“.
Als reine Absichtserklärung funktioniere
schwelle drückt, muss sich nicht wundern,
Dies müsse man als Werbungtreibender, der
dies nicht: „Dazu sind die Versuchungen zu
wenn er keine unabhängigen Planungsempnicht über Inhouse-Experten verfüge, anders
verlockend“, redet Schier Klartext, „allen PRfehlungen mehr bekommt und sich die
lösen, so die Siemens-VDO-Marketerin: „Wir
wirksamen Auftritten zum Trotz haben die
Agentur andere Einnahmequellen sucht.“
haben unsererseits auf die Standard-MediaFalschspieler unter den Mediaagenturen
Wo aber gibt’s dann diese „anderen
planung der Agenturen und
und Medien kein Interesse an höherer TransEinnahmequellen“, wenn alle
deren diffuse Abrechnungsparenz.“
das Thema so weit von sich
methoden reagiert und erweiDass dennoch eine Nachfrage nach
weisen? Dass Werbungtreitern unsere VerhandlungsbaKickbacks besteht, liegt nach Einschätzung
bende Agenturvergütungen
sis durch einen externen Beravon Mediaplan-Chef Meier nicht in knapder Medien in den Verhandter.“ Siemens VDO konzentpen Werbebudgets begründet, sondern ist
lungspoker einbringen, ist ein
riere sich demnach auf Markevielmehr „eine Folge ausgelutschter Kondioffenes Geheimnis. „Klar“, beting und Vertriebsstrategie,
tionen“ zwischen Werbungtreibenden und
stätigt Werner, „und je größer
daraus leite dann der BeraMediaagenturen. Empfohlen werde letztlich
der Etat und das Media-Knowtungspartner (Brain, Münnicht das bessere, sondern das besser vergühow, desto größer ist das
chen) die Mediastrategie ab.
tende Medium.
Druckmittel.“ Eine derartige
Zusätzlich führe und kontrolDie Frage ist dann aber, ob die WerEinschätzung teilt auch Maxliere der externe Berater die
bekunden auch tatsächlich die Medialeisxium-Chef Ingo Schier: „Es ist
Einkaufsagentur. Wießner ist
tung bekommen, die sie tatsächlich braubekannt, dass große WerbeWolfgang Meier, Mediavon dieser Aufgabenteilung –
chen. Zwar hätten die meisten Werbekuntreibende die Existenz der
plan: gelebtes Vertrauen.
eine saubere Trennung zwiden und Mediaagenturen inzwischen erKickbacks dafür nutzen, um
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schen Strategie und Einkauf – absolut überzeugt: „Wir haben damit als Kleiner die Benefits, die die Großen mit ihren eigenen Mediaabteilungen haben. Die Sorge, dass Kickbacks und sonstige Eigeninteressen der
Agenturen die Mediaplanung beeinflussen,
sind wir damit los.“
Denn die „Mittelmäßigkeit vieler
Mediaplanungen“ kostet Werbungtreibende
wohl das meiste Geld, schätzt Schier. Deshalb helfe nur eins: eigene Medialeute einstellen oder externe, unabhängige Berater
beauftragen. Der Maxxium-Chef rechnet
vor: „Die paar tausend Euro sind allemal besser investiert als sechs- und siebenstellige
Mediaetats, die in den Sand gesetzt werden.“
Das Angebot der OWM: Die Werbekunden (im Bild: TV-Spot von Ferrero) bezahlen ihre Mediaagenturen
fair und leistungsbezogen. Dafür müssen alle Rabatte kundenbezogen weitergereicht werden.
Man darf gespannt sein, wie der
Markt mit einem real existierenden Verhaltenskodex umgehen wird. Eine echte neue
Ehrlichkeit für die Werbebranche? Markus
Biermann erwartet „nicht mehr, aber auch
nicht weniger“, dass „das aus der Balance ge-
ratene Dreieck zwischen Kunde, Agentur
und Medium wieder in partnerschaftliche
Bahnen“ geführt und Misstrauen beseitigt
wird. Und Achim Rohnke hofft: „Wer weiß,
vielleicht übernimmt Deutschland ja damit
eine Vorbildfunktion.“
Florian Allgayer
„Code of Conduct ohne jede Wirkung“
Wie viel Interesse besteht tatsächlich an mehr Transparenz?
?
Markus Werner: Gegenfrage: Warum setzen Großagenturen seit Jahren alles
daran, zu abenteuerlichen
Konditionen Volumen und
damit Nachfragemacht zu kaufen, wenn sie keinen Vorteil
davon haben? Daraus nun zu
schließen, dass alle Großagenturen käuflich wären, ist aber
ebenso falsch wie das Rührstück von den ach so ehrlichen
Kleinagenturen. Richtig ist
vielmehr: In allen Lagern gibt
es Profiteure des heutigen Systems. Also beispielsweise so
mancher Top-Spender, der das
Argument Kickbacks schon
lange dafür nutzt, um seine
Agentur bis nahe der Null-Prozent-Grenze zu verhandeln.
Oder: All die Agenturen, die
Kickbacks nehmen oder gar
massiv einfordern. Oder natürlich Medien und Vermarkter,
die möglicherweise nicht das
bessere Medium, wohl aber das
attraktivere Kickback-System
bieten und deshalb gebucht
werden.
Was könnte also ein Verhaltenskodex bringen?
?
Werner: Ich halte die Initiative der OWM für gleichermaßen richtig wie überfällig. Man
sollte aber die Initiative nicht
schon vorher tot reden, bevor
sie überhaupt auf dem Tisch
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liegt. Ohne Einführung eines
rigiden und unabhängigen
Kontroll- und Sanktionierungssystems bleibt aber ein solcher
Code of Conduct allenfalls
eine freundliche Willensbekundung ohne jede Wirkung.
Träte ein harter Branchenkodex in Kraft, wären die kleinen
und mittleren Kunden die
größten Gewinner. Die bezahlen nämlich heute, leider ohne
es zu wissen, die Zeche.
Damit sagen Sie im Grunde, dass
die großen Spender von den kleinen und mittleren Unternehmen
quersubventioniert werden. Was
aber können diese kleineren Werbekunden bereits heute dagegen
tun?
?
Werner: Endlich damit aufhören, 70 Prozent und mehr ihres
Marketingbudgets in Media zu
investieren, ohne selbst in der
Lage zu sein, die wirklich richtigen Fragen zu stellen.
tegien. Leider investieren gerade mittlere und kleinere
Werbungtreibende Jahr für
Jahr Millionenbeträge in Media, ohne auch nur den Hauch
einer Chance zu haben, ihre
Agenturen wirklich führen und
kontrollieren zu können. Konsequenz: Standardpläne, keine
vertragliche Regelungen gegen
Kickbacks und nicht selten
höhere Honorare als vergleichbare Kunden mit interner oder
externer Mediaunterstützung.
Einige Agenturen bieten an, ausschließlich erfolgsabhängig zu
arbeiten. Kann das funktionieren?
?
Werner: Die Vielzahl unserer
Vertragsprüfungen zeigt, dass
eine 100-prozentige Erfolgshonorierung fast nie sachgerecht,
geschweige denn einer dauerhaften Partnerschaft zuträglich
ist. Unsere Empfehlung: Weniger irgendwelchen Honorie-
Was meinen
Sie damit?
?
Werner: Die tägliche Beratungspraxis lehrt: Media-Effektivität und -Effizienz sind keine
Frage der Etathöhe, sondern
vor allem des Media-Knowhows. Hat der Kunde dies
selbst – wie die Top-Spender –
oder kauft er es extern zu, dann
beobachten wir nicht nur
marktgerechtere Konditionen,
sondern vor allem bessere Stra-
rungsmoden hinterherlaufen,
sondern in wirklich kundenindividuelle Verträge investieren.
Und: Weder ein Fix- noch ein
Erfolgshonorar machen aus einer Agentur einen neutralen
Berater.
Als solcher versteht sich Brain.
Was heißt das konkret?
?
Werner: „Unabhängig“ heißt:
Ein Berater darf keine Interessen haben – außer Beratung
selbst. Dies lässt nur einen
Schluss zu: Kein Mediaeinkauf,
kein Agentur- oder Mediengesellschafter und kein volumenabhängiges Honorar. Wir haben uns all diese Prinzipien
auferlegt. Brain bietet ausschließlich Beratung, hat keine
offenen oder verdeckten Drittgesellschafter und arbeitet
grundsätzlich auf Basis fixer
Manntages-, Projekt- oder Jahreshonorare. Provisionssysteme lehnen wir ab. Sie stehen
einer objektiven Beratung per
se entgegen.
Wie begründen
Sie das?
?
Markus Werner, Chef der
Münchner Unternehmensberatung Brain.
Werner: Ob Investmentberater, Versicherungsmakler oder
Agentur: Wer berät, gleichzeitig aber ein wirtschaftliches
Interesse an der Höhe des Abschlusses hat, der läuft immer
Gefahr, dass die Objektivität
seiner Beratung kritisch hinterfragt wird.
fca
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