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Die Bhagavad Gita
Das Weisheitsbuch
fürs 21. Jahrhundert
übertragen und erläutert von
Ralph Skuban
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Ausführliche Informationen über
unsere Autoren und Bücher
www.dtv.de
Von Ralph Skuban ist außerdem bei dtv erschienen:
»Guten Morgen, wer sind Sie denn?«
Wahre Geschichten vom Leben und Sterben (26034)
Ein kurzer Hinweis zu dieser Übertragung
Dieses Buch enthält die vollständige Übertragung der Bhagavad Gita – bis
auf eine kleine Ausnahme: Im ersten Kapitel findet sich normalerweise eine
Passage, in welcher viele Krieger und die Waffen, die sie führen, namentlich
genannt werden. Diesen Textabschnitt habe ich weggelassen. Die bloße Aufzählung von Figuren aus dem Epos Mahabharata, die in der Gita selbst jedoch
nicht auftreten, wäre eine ermüdende Lektüre und nicht von Bedeutung im
Hinblick auf das Verständnis der Schrift.
Neuübertragung 2013
3. Auflage 2016
© 2013 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.
Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen
Umschlaggestaltung und Innengrafik: Helena Schneider
Satz: Greiner & Reichel, Köln
Druck und Bindung: Druckerei C.H.Beck, Nördlingen
Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany · ISBN 978–3-423–34 786-0
Der Große Weg ist ohne Tor.
Tausend verschiedene Straßen gibt es.
Wer einmal diese Schranke durchschritt,
spaziert in Freiheit im Weltall umher.
Aus dem Mumonkan
(Zen-Schrift, Japan, 13. Jh.)
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Alle Wege führen zu mir . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die menschliche Krise als Ausgangspunkt . . . . . . . . . . . . .
Philosophie der Befreiung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Geschichte hinter der Bhagavad Gita . . . . . . . . . . . . . .
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Die Bhagavad Gita . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
Arjunas Verzweiflung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Der Weg der Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Der Weg des Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Vom Handeln und Loslassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Über das Loslassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Meditation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wissen und Verwirklichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Über die Absolute Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das höchste Wissen und das tiefste Geheimnis . . . . . . . .
Über die Herrlichkeit Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Vision der kosmischen Form . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Über die Hingabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Über das Feld und den, der es erfährt, sowie die
Unterscheidung zwischen beiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
14. Die Unterscheidung der drei Gunas . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15. Der Weg zum höchsten Geist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16. Heilige und unheilige Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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17. Drei Arten von Überzeugung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
18. Befreiung durch Loslassen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ein persönliches Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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203
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Vorwort
Es heißt, gut Ding will Weile haben. Für dieses Buch gilt das ganz sicher. Es ist nun schon ein paar Jahre her, dass ich mich erstmals daran wagte, die Bhagavad Gita, das heilige Buch Indiens, ins Deutsche
zu übertragen und einen Kommentar dazu zu schreiben. Ich merkte
bald, dass die Reise länger dauern würde, als ich zunächst angenommen hatte: dass ich nämlich einen Umweg gehen und viel tiefer noch
in die Philosophie und Psychologie des Yoga eintauchen musste, um
die Botschaft der Gita in einer Weise aufzuschließen, die sich in eine
sinnvolle Beziehung zu unserer modernen westlichen Lebenswelt setzen ließe. Dieser Umweg führte über das Yogasutra von Patanjali, das
wohl wichtigste Grundlagenwerk des Yoga. Erst in der Beschäftigung
mit diesem Text, die in ein eigenes Buchprojekt mündete, begegnete
ich den Herausforderungen, deren Bewältigung die Voraussetzung
dafür war, die große Weisheit der Gita zu transportieren: Denn sie ist
unendlich viel tiefgründiger, als es die äußerliche Leichtigkeit des Textes vermuten lässt – eben das macht einen Teil ihrer Magie aus. Auf
jeder Stufe unserer Entwicklung hat sie uns etwas mitzuteilen. Und je
mehr wir wachsen, desto größer wird auch sie – es ist fast so, als wäre
diese alte Schrift ein lebendiges Wesen.
Die Bhagavad Gita ist ein Lebensbuch, das immer wieder gelesen werden kann und will, ein echtes Vademecum: Jeden Tag vermag
sie aufs Neue zu uns zu sprechen. Und sie tut das stets auf liebevolle, tröstende, aber auch klärende Weise. Und manche Stellen sind
schlicht erhebend. In ihr verschmelzen praktische Lebensweisheit,
moderne Psychologie und zeitlose spirituelle Wahrheiten zu einem
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Vorwort
einzigartigen Amalgam und sichern dieser Schrift einen der vordersten Ränge unter den meistgelesenen Büchern der Menschheit.
Ralph Skuban
Penzberg, im Mai 2013
E IN
F ÜHRUNG
Alle Wege führen zu mir
Bhagavad Gita heißt »Gesang des Herrn« oder »Gottes Lied«. Die Gita,
wie diese Schrift auch gerne genannt wird, ist für Indien so wichtig
wie die Heilige Schrift für das Abendland. Neben dem Tao Te King und
der Bibel gehört sie zu den meistübersetzten Werken der Welt. Ihre
Bedeutung geht also weit über Indien hinaus. Die etwa 700 Strophen
oder Slokas der Gita sind in das große indische Epos Mahabharata
eingebettet. Mit seinen 100 000 Versen ist es ungefähr achtmal so
lang wie die antiken griechischen Epen Odyssee und Ilias zusammengenommen.
Die Gita ist ein spirituelles Lehrgespräch am Vorabend eines verheerenden Krieges, in einer Situation also, die man sich krisenhafter
kaum vorstellen kann. Darin tritt der verzweifelte Krieger Arjuna als
Schüler auf. Als solcher steht er für den Menschen an sich, das heißt:
für uns alle. Krishna, sein Gesprächspartner und Lehrer, symbolisiert
dagegen das Höchste: Wir mögen es Gott, das Absolute, Kosmisches
Bewusstsein, Ursprung, Quelle, Tao oder auch ganz anders nennen –
dies sind alles nur Namen für das, was unsagbar ist. Der wahre Name,
so heißt es im Tao Te King, lässt sich nicht sagen. Wie könnte ein Wort
auch das Unbegrenzte auf den Begriff bringen? Und doch hat die Gita
nichts anderes zum Ziel, als auf das Unbegrenzte zu verweisen.
Die Gita ist also ein Dialog zwischen Mensch und Gott. Wenn wir
östliche Weisheit, Mystik überhaupt, verstehen wollen, müssen wir
uns vor Augen halten, dass Gott dort nicht als ein von uns getrenntes Wesen oder Prinzip verstanden wird, sondern als das fundamentale, unbeschreibliche und letztlich namenlose »Etwas«, das alles Sein
13
Einführung
durchdringt und sich in der ganzen Schöpfung zum Ausdruck bringt.
Im Atharva Veda, der zu den Veden – einer grundlegenden Sammlung
von Schriften aus Indien – gehört, heißt es: »Das eine Licht erscheint
in vielfältigen Formen.« In der Gita wird Gott Brahman, das Höchste,
genannt. Damit verbindet sich keine konkrete Form oder Gestalt, die
sich zeitlich, örtlich oder gar persönlich festmachen ließe. Die Tatsache, dass Indien so viele Götter kennt, widerspricht dem nicht, ganz
im Gegenteil: Die Götterwesen versinnbildlichen je eigene Aspekte
dessen, was selbst über die Welt des Himmels hinausgeht: Brahman.
Die Welt der Gottheiten oder Devas ist dabei nur die andere Seite der
Unterwelt – Licht und Dunkel sind die zwei Seiten der Dualität. Der
spirituelle Sucher will über beides hinaus. Im Mahabharata erreicht
Yudishtira, Arjunas älterer Bruder, nach langer Pilgerschaft schließlich das Himmelstor. Indra, Gott der Götterwelt, unterzieht ihn zwei
Prüfungen. Eine davon gewährt Yudishtira einen Blick in den Himmel,
die andere zeigt ihm die Hölle – am Ende führt Indra ihn über beides
hinaus zu Brahman – zur Befreiung.
Brahman lebt im spirituellen Denken Indiens als Atman in jedem
Wesen. Im deutschen Wort »Atem« klingt noch etwas von diesem alten Sanskrit-Wort nach. Brahman, die alles umgreifende letzte Wirklichkeit, haucht uns Leben ein. Atman ist der Funke Gottes, der in uns
leuchtet. Mehr noch: Atman ist das innere Licht, das wir sind. Wir sehen es nur nicht, weil wir verlernt haben hinzuschauen. Brahman ist
Atman und Atman ist Brahman – Gott wohnt im Menschen und der
Mensch in Gott.
Wenn Krishna zu Arjuna sagt, dass alle Wege zu ihm führen, bedeutet das: Auf welchen Wegen und wann auch immer, letztlich gelangt der Mensch zum Höchsten. Es mag länger dauern oder kürzer, nur wenige Leben lang oder viele. Es mag schmerzhaft sein oder
nicht. Es kann auf dem Weg des Glaubens, des Handelns, der Meditation, der Kontemplation oder anders geschehen – die Route, die wir
Menschen wählen, um den Gipfel des Bewusstseins zu erklimmen, für
14
Alle Wege führen zu mir
den die Figur des Krishna steht, ist nicht das Entscheidende. Wenn wir
»oben« sind, sind wir angekommen. »Oben sein« meint: Im Zustand
des Bewusstseins leben, dass wir eins sind mit allem, was ist. Dies ist
Selbstverwirklichung. Das Höchste, das Absolute, Brahman oder Gott
wird uns immer mit offenen Armen empfangen, egal woher wir kommen und woran wir glauben. Deshalb sagt Krishna in der Gita:
Auf welche Weise auch die Menschen mich suchen –
ich nehme sie an.
Das hat nichts von Exklusivität. Jeder hat die Möglichkeit, sich mit
seiner spirituellen Essenz zu verbinden. Diese Verbindung heißt im
Sanskrit Yoga. Doch auf den Weg machen müssen wir uns selber.
Dabei sind »Weg« und »oben« auch schon wieder irgendwie verkehrte Worte, denn wir müssen eigentlich nirgendwohin, weil Atman, das
innere Licht, ja schon immer in uns leuchtet. Wenn wir überhaupt
»irgendwohin gehen« müssen, dann in unser eigenes Inneres, das ist
der Weg der Mystik.
Das Wort Mystik kommt vom griechischen myein und meint: die
Augen schließen. In der Meditation geschieht genau das: Wir schließen die Augen und ziehen die Sinne zurück, um uns der Weisheit unserer inneren Dimension zu öffnen. Krishna sagt im zweiten Kapitel
der Gita:
Wer seine Sinne von den Objekten der Welt lösen kann,
so wie eine Schildkröte ihre Glieder einzieht,
dessen Weisheit schwankt nicht.
Ebenen
Wirklich große Werke sprechen zu uns auf verschiedenen Ebenen.
Auch bei der Gita ist das der Fall. Der Dialog zwischen Krishna und
Arjuna ist dramaturgisch angesiedelt auf einem Schlachtfeld, unmittelbar vor Beginn eines Kampfes. Der Krieger Arjuna ist vollkommen
deprimiert angesichts des bevorstehenden Gemetzels, in welchem er
auch gegen Freunde, Lehrer und Verwandte antreten muss. In seiner Verzweiflung wendet er sich an Krishna. Es entfaltet sich ein Gespräch, das sich als spirituelle Unterweisung zeigt, eine Unterweisung, die für Arjuna zur Offenbarung Gottes führt – obgleich er ein
»ganz normaler« Mensch ist, der aktiv am Geschehen der Welt teilnimmt: Um zum Höchsten zu gelangen, müssen wir also nicht Haus,
Hof und Familie verlassen, um in einem Ashram oder gar als Einsiedler zu leben. Allzu oft wird leider in der Übertragung indischer Texte
in unsere Sprache die so wichtige Idee der Nichtanhaftung, Vairagya,
als »Entsagung« gedeutet, was die eigentliche Botschaft völlig verkehrt. Vairagya, das Loslassen, meint viel mehr eine innere Haltung
als eine äußere Handlung: Wenn wir den Dingen im Leben begegnen
können und sie annehmen lernen, ohne uns gänzlich vom Wollen
und Nichtwollen dominieren zu lassen, dann führt dies zu gelebter
innerer Freiheit. Ein Reicher, der nicht dauernd fürchtet zu verlieren,
was er besitzt, hat mehr Vairagya als ein Bettler, der sich täglich um
das Grundlegendste sorgt und so im Materiellen feststeckt. Und ein
Familienvater kann trotz erfüllenden Sexuallebens losgelöster leben
als ein Priester, der im Zölibat seine körperliche Natur unterdrückt.
16
Ebenen
Der gerechte Krieg
Die Tatsache, dass das Ausgangsszenario der Gita eine Schlacht ist
und dass es – jedenfalls vordergründig – darum geht, ob Arjuna in
diese Schlacht ziehen soll oder nicht, ob es richtig sein kann, sogar
Verwandte und ehemalige Freunde zu töten, seien sie auch noch so
böse, wirft die ewig aktuelle Frage des gerechten Krieges auf. Dürfen
die Guten die Schlechten töten? Der gerechte Krieg – oder bellum
iustum, wie man in lateinischer Sprache sagt – war immer schon ein
wichtiges Thema der Philosophie. Und es ist natürlich legitim, die Gita
auch so lesen zu wollen. Tragen wir diese äußere Schicht ab, dann
öffnen sich weitere Ebenen.
Das Leben als Kampf
Wir können die Dramaturgie der Gita auch als eine Metapher auf unser Leben deuten: Wie kann es gelingen, angesichts all der Schwierigkeiten, denen wir begegnen, ein gutes, mit Sinn erfülltes und beglückendes Leben zu führen? Können wir trotz der Widrigkeiten und
Zwänge der Welt – die Feinde auf dem Schlachtfeld des Lebens –,
trotz unserer eigenen Unvollkommenheit dennoch zum Höchsten gelangen? Was sollen wir tun? Wie können wir in diesem Leben, das so
oft ein Kampf zu sein scheint, bestehen, ohne »unter die Räder« zu
kommen, und dennoch unsere spirituelle Dimension entfalten?
Der Geist als Kriegsschauplatz
Auf der tiefsten Ebene freilich zeigt sich, dass das Schlachtfeld Kurukshetra, das Feld der Kurus, eigentlich Dharmakshetra ist, das Feld
der Wahrheit. Dieses Feld ist unser eigener Geist. Und die Feinde sind
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Einführung
unsere eigenen mentalen Schöpfungen: Wut, Hass, Groll, Neid, Gier,
Angst, Sorge, Eifersucht und die vielen anderen schmerzhaften psychologischen Zustände. Obgleich sie uns so oft leiden lassen, halten
wir sie fest: Wer dem Wütenden seinen Zorn nehmen will, wird noch
mehr Wut ernten.
Die Welt, in der wir leben, ist das Ergebnis unseres Denkens und
der Handlungen, die diesem entspringen. Wir erleben die Welt durch
das Brennglas unseres Geistes. Unsere Reaktionen sind davon bestimmt, wie wir diese Welt wahrnehmen und uns selbst darin verorten. Es wird sich zeigen, dass es diese dritte Ebene ist, auf der die
Gita am meisten zu uns spricht: als ein hochmodernes, psychologisches und spirituelles Lehrstück über unseren Geist, seine Verirrungen
und Verwirrungen und über die Möglichkeit, ihn zu einer Klarheit zu
führen, in der unsere spirituelle Essenz aufscheinen kann.
Es geht im Kern um die Frage aller Fragen: Wer bin ich? Die 18 Kapitel der Gita sind die Antwort darauf. Sie lässt sich in letzter Konsequenz auf nur drei Worte verdichten: Tat Tvam Asi – Du bist Das.
Die menschliche Krise als Ausgangspunkt
Am Beginn der Bhagavad Gita steht die menschliche Krise. Arjuna
ist verzweifelt, weil er in einen Krieg ziehen soll, der unsägliches Leid
bringen wird. Die Krise war immer schon der Ausgangspunkt allen
spirituellen Suchens. Solange wir gesund, munter und fröhlich sind,
solange wir vor allem Spaß haben und die Welt uns als ein Ort begegnet, wo immer nur die Sonne scheint, beginnen wir nicht zu suchen. Wozu auch? Erst die Erkenntnis, dass Leid existiert – und sei es
auch nur so wenig, dass zum vollkommenen Glück noch irgendetwas
fehlt –, öffnet uns für Fragen nach dem Sinn des Seins.
Gautama Siddharta, der Prinz, den man später Buddha, den Erwachten, nennen sollte, hatte alles, was man sich erträumen kann:
Reichtum, Gesundheit, Schönheit und Vergnügungen. Doch als er sah,
dass draußen in der Welt, vor den Toren seines Palastes, Menschen
und Tiere litten, alt und krank wurden, um schließlich zu sterben, da
begann er Fragen zu stellen und sich auf den Weg zu machen – auf
einen Weg, der ihn zu jener Selbsterkenntnis führte, die alles Leiden
transzendiert. Einen Weg, den man seither den Weg der Mitte nennt.
Am Beginn seiner Lehre steht die einfache Aussage, dass Leiden existiert. Es ist die schiere Endlichkeit und Verletzlichkeit aller fühlenden
Wesen, die Leiden möglich macht. Auch die Geschichte Jesu ist in
ihrer psychologischen und spirituellen Essenz eine Geschichte vom
Leiden und seiner Überwindung durch ein Annehmen dessen, was wir
nicht ändern können (das Kreuz, das wir tragen müssen), und ein
Loslassen dessen, was uns den Weg zum inneren Frieden versperrt.
Dieses Loslassen meinte Jesus, wenn er von Vergebung sprach.
19
Einführung
Das älteste geschlossene philosophische System Indiens –zugleich wohl das älteste der Menschheit überhaupt – ist Sankhya, die
Philosophie, die dem praktischen Weg des Yoga zugrunde liegt. Sie
geht auf den legendären Kapila zurück, der vermutlich um 700 vor
Christus lebte. Krishna sagt, dass Sankhya und Yoga letztlich ein und
dasselbe seien. Und die Gita entfaltet in hoher Verdichtung den faszinierenden mehrdimensionalen Blick des Sankhya auf die Schöpfung
im Allgemeinen und den Menschen im Besonderen als körperliches,
geistiges und spirituelles Wesen. Auch die Sankhya-Philosophie beginnt mit der Feststellung, dass Leiden existiert: ob körperlich oder
psychologisch, von außen verursacht oder selbst erzeugt. Und selbst
das glücklichste Leben endet mit dem physischen Tod. Alles, was ist,
wird geboren, gedeiht und vergeht. Doch der Mensch hat das große
Glück, Fragen stellen zu können, um einen Ausweg aus den Lebensproblemen zu suchen, denn darum geht es. Das Denken der indischen
Philosophie verharrt nicht bei der Feststellung, dass das Leben bloß
schwierig und letztlich immer tödlich ist. Vielmehr ist die Krise nur
der Ausgangspunkt, der die Suche nach Befreiung einleitet – eine
Suche, deren Ziel die existenzielle Erkenntnis der eigenen Unsterblichkeit und der Verbundenheit mit allem Sein ist. In diesem Sinne
wird die Krise zur Gnade. Im zweiten Kapitel der Gita sagt Krishna zu
Arjuna:
Nie war eine Zeit, in der ich nicht war noch du,
noch irgendeiner dieser Könige.
Und keine Zeit wird je kommen, da wir aufhören zu sein.
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