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Psychotherapie im Dialog 2 • 2016
Aus der Praxis
Martin grosse Holtforth • Anita C. Keller • Barbara Hochstrasser
Burnout und Burnouttherapie
Bildnachweis: mankale / Fotolia.com
Patienten, die unter einem Burnout leiden, haben meistens
­einmal für etwas gebrannt. Das Ausgebranntsein zeigt sich
­häufig in ­Erschöpfung und innerer Distanzierung von der Arbeit.
­Psychotherapeutische Interventionen können Energie und Sinn bei
der Arbeit wiederherstellen und so nachhaltig zu einer gleichzeitig
produktiven und befriedigenden Arbeitstätigkeit beitragen.
Folgende 3 Dimensionen von Beschwerden
haben sich als gemeinsamer Nenner verschiedener Burnout-­Konzeptionen etabliert
(Berger et al. 2012):
1. tiefgreifende Erschöpfung,
2. negative Einstellung und Entfremdung
gegenüber der Arbeit (Depersonalisation)
und
3. signifikant reduzierte Leistung,
Der Begriff „Burnout“ Das von Freuden­
Demotivierung und Entfremdung vom
wobei Erschöpfung die am besten erforschte
berger (1974) geprägte englische Wort für
Arbeitsplatz beobachteten.
Komponente ist (Burisch 2014).
„Ausgebranntsein“ weist darauf hin, dass
▶▶ Ein „Burnout-Stress-Syndrom“ wurde
ein betroffener Mensch einmal für etwas
später von Pines und Kollegen als Form
gebrannt hat, d. h., sich voller Energie für
des Unwohlseins bei gleichzeitig erhal­
Burnoutsymptome Nach Brugisser
ihm wichtige und sinnvolle Ziele eingesetzt
tener Arbeitsfähigkeit benannt, das sich
(2010) lassen sich Burnoutsymptome ein­
hat. Nach lange andauernder übermäßiger
zu einem klinisch relevanten Zustand
teilen in
Bean­spruchung der eigenen Kräfte, Ener­
eingeschränkter Leistungsfähigkeit und
▶▶ emotionale Symptome (psychische
Erschöp­f ung, Niedergeschlagenheit,
gien und Ressourcen hat er sich aber in
subjektivem Krankheitsgefühl entwi­
einem Zustand völliger körperlicher, emo­
ckeln kann („Burnout Mental Disability“;
tionaler und mentaler Erschöpfung wieder­
Pines & Maslach 1978).
gefunden.
Seitdem wurden Burnoutphänomene in rund
▶▶ Der Begriff des Burnout wurde von
60 unterschiedlichen Berufen und Personen­
­Maslach und Kollegen (Maslach & ­Jackson
gruppen beschrieben (­Kaschka, K
­ orczak &
1981) maßgeblich geprägt, die bei ver­
Broich 2011, Albrecht & G
­ iernalczyk 2016).
schiedenen Arbeitnehmern Erschöp­fung,
26
Reizbarkeit etc.),
▶▶ körperliche Symptome (Müdigkeit, Schlaf­
störungen, häufige Erkältungen etc.),
▶▶ kognitive Symptome (Konzentrationsund Gedächtnisstörungen)
▶▶ und motivationale Symptome (Lustlosig­
keit, Resignation, Distanzierung etc.)
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Wieder mehr Energie und Sinn bei der Arbeit
Psychotherapie im Dialog 2 • 2016
▶▶ sowie Verhaltensänderungen (Leis­
2. Burnout (reduzierte soziale Interaktion,
Als empirisch gesichert gilt eine Verbindung
tungsminderung, Suchtmittelkonsum,
negative Einstellung zur Arbeit, Konzen­
zwischen Belastungsfaktoren bei der Ar­
sozialer Rückzug etc.).
tration auf eigenen Nutzen),
beit, mangelnden Ressourcen bei der Arbeit
3. depressive Symptomatik (emotional,
und eigenen Stressbewältigungsressourcen
Klassifikation in ICD-10 und DSM-5 In
kog­nitiv, sozial und psychosomatisch)
und einer erhöh­ten Wahrscheinlichkeit für
der Internationalen statistischen Klassi­
und
Stressreak­tio­nen und Gesundheitsprobleme
4. klinische Depression (Gefühl von Sinn­
ter Gesund­heitsprobleme (ICD-10, (WHO
losigkeit, negative Lebenseinstellung,
1993) wird Burnout als „Z73.0 Burnoutsyn­
existenzielle Verzweiflung, Suizidgedan­
drom“ bzw. „Erschöpfungssyndrom“ un­
ken / -absichten).
ter der R
­ ubrik „Störungen verbunden mit
(­Faragher 2005, Grebner et al. 2010, Honko­
nen et al. 2006).
Prädiktoren Empirisch lassen sich fol­
gende Bereiche als wesentliche Prädiktoren
Schwierigkeiten bei der Lebens­bewältigung“
Epidemiologie Angaben zur Prävalenz
klassifiziert. Damit ist Burnout keine eigen­
des Burnouts sind wegen unterschiedlicher
(Berger, Schneller & Maier 2012, Leiter et
ständige psychische Störung, sondern kann
Definitionen und Kriterien schwierig. Kant
al. 2011, Semmer et al. 2010, Sonnentag &
mit einer solchen assoziiert sein. Auch in
und Kollegen (Kant et al. 2004) verwendeten
­Frese 2013):
die Neuauflage des Diagnostischen und Sta­
in den Niederlanden die ICD-10-Kriterien
1. Arbeitsbedingungen und Arbeitsüberlas­
tistischen Manuals psychischer Störungen
einer Neurasthenie im Kontext einer chro­
tung (physische Bedingungen wie Lärm
(DSM-5; APA 2013) wurde keine eigene Dia­
nischen Arbeitsbelastung und fanden eine
oder Hitze, schlechte ergonomische
gnose für das Burnout-Syndrom aufgenom­
Prävalenz von 16,4 % bzw. eine Ein-Jahres-
Bedin­gungen, Arbeitsmenge und -kom­
men, was wohl auch für die Revision zur
Inzidenz von 6,1 %. Mithilfe von Fragebögen
plexität, Monotonie, Zeit- und Erfolgs­
ICD-11 der Fall sein wird (Nil et al. 2010).
fand die Finnish Health 2000 Study in der
druck, Unterbrechungen, Überstunden,
arbeitstätigen Bevölkerung Prävalenzwerte
Definition der DGPPN Die Deutsche
von 25,2 % für ein moderates und 2,4 % für
Gesellschaft für Psychiatrie und Psycho­
ein schweres Burnout (Ahola et al. 2005).
therapie, Psychosomatik und Nervenheil­
kunde (DGPPN) definiert Burnout ent­
sprechend als einen Risikozustand, der
Freizeitarbeit),
2. zu wenig Handlungsspielraum (Ent­
scheidungskompetenz, Kontrolle),
3. zu wenig Rückmeldungen und Wert­
Burnout und Stress
infolge einer chronischen Stressbelastung
oder mangelnder Erholung bei entspre­
eines möglichen Burnouts zusammenfassen
schätzung (Feedback, Kritik statt Lob),
4. karrierebezogene Stressoren (Arbeits­
platzunsicherheit, schlechte Laufbahn­
Burnoutentstehung Generell kann zur
aussichten),
chender Prädisposition zu psychischen (z. B.
Entstehung und Aufrechterhaltung psychi­
5. zwischenmenschliche Probleme (zu
Depres­sion, Angststörung, Sucht) und / oder
scher Störungen das Zusammenspiel zwi­
­wenig Teamgeist, Team- und Rollen­
somatischen Folgeerkrankungen (z. B.
schen genetischer Disposition, frühkindli­
konflikte, Einzelkämpfertum, zu wenig
meta­b olisches Syndrom, Diabetes, zere­
cher Prägung, Persönlichkeitsmerkmalen
­soziale Unterstützung),
bro- und kardiovaskuläre Erkran­k ungen,
sowie Sozialisations- und aktuellen Lebens­
6. mangelnde Gerechtigkeit (ungleiche
­Tinnitus) führen kann (­Berger et al. 2012).
bedingungen beitragen (Berger, S
­ chneller &
Behand­lung der Mitarbeiter, zu wenig
Je schwerer das Burnout ist, desto eher ist
Maier 2012). Für Burnout ist aus psycholo­
es mit e
­ iner depressiven Störung verbunden
gischer Perspektive von besonderer Bedeu­
Gegenseitigkeit),
(­Ahola et al. 2005).
tung, wie gut eine Person mit Stress umge­
(Wertekonflikte, zu wenig Passung zwi­
hen kann (Koehler & Koehler 2014, S. 1732).
schen persönlichen und organisationel­
7. motivational-emotionale Probleme
Burnoutprozess Burnout lässt sich am
len Werten, illegitime Aufgaben, Gefühle
besten als phasenweiser Prozess verste­
unterdrücken oder „simulieren“ müs­
hen (Burisch 2014, Brugisser 2010), dessen
Nach Zapf & Semmer (2004) ist Stress „… ein
Ausmaß vom betroffenen Menschen lange
subjektiv unangenehmer Spannungszustand,
sen) sowie
8. Veränderungen innerhalb der Organisa­
unbe­merkt bleiben kann. Phasen des Burn­
der aus der Befürchtung entsteht, eine aver-
outs sind nach Brugisser (2010):
sive Situation nicht ausreichend bewältigen
tion bzw. des Betriebes.
1. chronischer Stress (gesteigerter Einsatz
zu können“ (S. 1011). Chronischer Stress
Das Person-Environment-Fit-Modell für Ziele, zunehmende Überstunden,
kann als Ausgangspunkt und wesentliche
Die genannten Belastungsfaktoren lassen
Erschöp­fung und vegetative Symptome
Triebfeder des Burnoutprozesses angesehen
sich als Bereiche der Arbeit verstehen, in
als erste Warnzeichen),
werden (Burisch 2014, Bruggisser 2010).
­d enen zu wenig Übereinstimmung zwi­
27
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fikation der Krankheiten und verwand­
Psychotherapie im Dialog 2 • 2016
Aus der Praxis
schen dem Individuum und seinem Arbeits­
von Siegrist in diesem Heft). Einige Ressour­
umfeld entstehen kann (Leiter & Maslach
cen der Person können aber als mögliche
1999). Entsprechend nimmt das Modell des
Schutzfaktoren vor Burnout wirken, z. B.
Burnouttherapie
Vor der Therapie In der Fachwelt reichen
Person-Environment-Fit an, dass ein gesun­
­hoher Zeit- und Entscheidungsspielraum,
Strategien zur Behandlung von Burnout von
des und engagiertes Arbeitsleben grund­
gutes und motivierendes Führungsverhal­
ausschließlich arbeitsorganisatorischen
sätzlich dann gelingt, wenn eine Passung
ten von Vorgesetztem und Arbeitgebern
Maßnahmen zur Prävention bis zu elabo­
besteht zwischen
sowie soziale Unterstützung durch Kollegen
rierten ambulanten und stationären Thera­
1. den Bedürfnissen der Person und den
und privates Umfeld (­Grebner et al. 2010).
2. den Fähigkeiten der Person und den
Arbeits­anforderungen sowie
pieprogrammen (Berger, Schneller & Maier
2012, Elkuch et al. 2010, Hochstrasser et
Das Energy-Sense-Modell Eine bedürf­
al. 2008). Maßnahmen zur Burnoutpräven­
nisorientierte Perspektive nimmt das
tion werden am anderen Ort beschrieben
3. den Werten der Person und den in der
­E nergy-Sense-Modell (ES-Modell) von
und evaluiert (siehe Beitrag von Siegrist in
Orga­nisation gelebten Werten (­Edwards &
Meyer et al. (in Revision) ein, demzufolge
diesem Heft; Walter, Krugman & Plaumann
Shipp 2007).
die Kombination zweier Eigenschaften ein
2012). Vor einer Burnouttherapie sollten
Burnout ­erklärt: emotionale Erschöpfung
▶▶ eine umfängliche psychopathologische
Burnout kann also einerseits als Folge eines
und zynische Abkopplung (disengagement).
und medizinische Abklärung bzw. Diffe­
Missverhältnisses zwischen Arbeitsanfor­
Die nicht pathologischen Gegenpole davon
renzialdiagnostik,
derungen und Ressourcen und andererseits
sind Energie und Sinn.
als „Gratifikationskrise“ (siehe Beitrag von
▶▶ Menschen fühlen sich demnach im Ar­
▶▶ eine gründliche Anamnese auf arbeits­
organisatorischer Ebene
Siegrist in diesem Heft) verstanden werden,
beitsleben energetisiert, wenn sie ihre
▶▶ sowie eine ausführliche Aufklärung über
wenn die persönlichen psychologischen
psychologischen Grundbedürfnisse nach
die Problematik und begleitende psychi­
Bedürf­n isse nach Anerkennung, sozialer
Kompetenz, Autonomie und Beziehun­
sche und körperliche Störungen stehen.
Einbindung, Einf lussnahme und damit
gen bei der Arbeit befriedigen können.
verbundenen Anliegen von Arbeitssicher­
Sie erleben ihre Arbeit als sinnvoll, wenn
Multimodale und individuelle Therapie
heit und Entwicklungsmöglichkeiten nicht
sie das Gefühl haben, mit der Arbeit
Diagnostizierte körperlicher Erkrankungen
befrie­digt werden. Auf diese Weise verwan­
persönlich wichtige Anliegen, M
­ otive
und psychischer Störungen sollten darauf­
delt sich über die Zeit Energie in Erschöp­
und Ziele verfolgen zu können (­Carver &
hin jeweils leitliniengerecht behandelt
fung und Hingebung in Zynismus.
Scheier 1998, Grawe 1998, Ryan & Deci
werden, inklusive indizierter psychophar­
2008, Van den Broeck et al. 2008).
makologischer Medikation (Hochstrasser
Individuelle Risikofaktoren Personen
▶▶ Menschen werden hingegen zunehmend
2014, Nil et al. 2010). Je nach Schweregrad
mit hohem Burnoutrisiko erscheinen in
erschöpft, wenn ihre Ressourcen nicht
der Symptomatik kann eine ambulante
empi­r ischen Studien als eher pf lichtbe­
zur Bewältigung der hohen Arbeitsan­
oder stationäre Behandlung angezeigt sein.
wusst, ehrgeizig und perfektionistisch, ha­
forderungen ausreichen und wenn sie
­G emäß der heterogenen und multifakto­
ben tendenziell überhöhte Ansprüche, sind
sich ständig als inkompetent, unselbst­
riellen Ätiologie des Burnouts empfiehlt
eher bereit, sich aufzuopfern und zu ver­
ständig und / oder wenig unterstützt
sich eine multimodale und individuelle
ausgaben. Sie sind aber auch weniger kon­
von Kollegen und Vorgesetzten erleben,
Therapie (Hochstrasser 2014, Huber & Juen
fliktfähig, leichter kränkbar, können sich
sodass die psychologischen Bedürfnisse
2013, Nil et al. 2010). In der multimodalen
generell schwerer distanzieren, sind häu­
nach Kompetenz, Autonomie und Bezie­
Therapie sowie bei Return-to-Work-Pro­
figer alleinstehend und fühlen sich weni­
hungen bei der Arbeit chronisch nicht
grammen hat es sich als zentral erwiesen,
ger sozial unterstützt (Koehler & Koehler
befriedigt werden.
den Arbeitskontext zu berücksichtigen und
2014, Rössler et al. 2013, Schramm & Berger
ggf. umzugestalten, um die Passung von
2013). Diese Eigenschaften können als mög­
Person und Umfeld zu erhöhen; ebenso
liche Risikofaktoren für die Entwicklung
Wenn die Arbeit als immer sinnloser erlebt
wichtig ist es, die Vorgesetzten einzubezie­
eines Burnout angesehen werden, die aller­
wird und für die Person diesbezüglich kein
hen (Karlson et al. 2010, Haugli, Maeland &
dings in längsschnittlichen Untersuchungen
Ende in Sicht ist, koppelt sich die Person
Magnussen 2011).
weiter erhärtet werden müssten.
inner­lich von der Arbeit ab und entwickelt
ein Burnout (Meyer et al., in Revision).
Psychotherapie bei Burnout Eine Psy­
Schutzfaktoren Die genannten Risiko­
chotherapie des Burnouts ist dann indiziert,
faktoren für Burnout scheinen sich im Zuge
wenn die Erfüllung sozialer Rollen erheblich
gesellschaftlicher Trends in den letzten Jah­
beeinträchtigt ist und wenn die Symptoma­
ren noch verschärft zu haben (siehe Beitrag
tik den Kriterien einer psychischen Störung
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Möglichkeiten am Arbeitsplatz,
Psychotherapie im Dialog 2 • 2016
entspricht (Bruggisser 2010, Nil et al. 2010).
▶▶ Verschiedene kognitive und emotionale
vierung und kognitive Umstrukturierung)
Dem o. g. Energy-Sense-Modell zufolge soll
Interventionen können dazu beitragen,
sowie andere evidenzbasierte Übungen
eine Burnouttherapie erreichen, dass der
Hindernisse eines energetischen und
und Anleitungen zur Selbsthilfe. Zu bear­
Patient bei der Arbeit persönlich wichtige
sinnvollen Arbeitslebens therapeutisch
beitende Inhalte sind:
Ziele wieder mit Energie verfolgen kann.
anzugehen, z. B. kognitive Interventio­nen
▶▶ Entspannung,
▶▶ Als eine erste Maßnahme, um wieder
zur Bearbeitung automatischer nega­
▶▶ Achtsamkeitsübungen,
Energie zu gewinnen, sollten Patienten
tiver Gedanken (Hautzinger 1997) und
▶▶ Problemlösestrategien,
zu Beginn von starken Stressoren entlas­
emotionsfokussierte Interventionen zur
▶▶ zwischenmenschliche Beziehungen
tet werden; eine stationäre Behandlung
Bearbeitung problematischer Emotionen
gewährleistet dies am konsequentesten
(Auszra, Greenberg & Herrmann 2014).
▶▶ Wenn ein Patient generell unangenehme
Lebens­führung (Meyer et al., in Revi­sion).
▶▶ Daraufhin sollte eine Tagesstruktur eta­
Erfahrungen vermeidet, können Acht­
bliert werden, in der sich Phasen von
samkeitsübungen helfen, eine grundle­
Aktivität mit Ruhe und Erholung ab­
gend akzeptierende Haltung gegenüber
Wirksamkeit von Burnoutinterventionen Korczak und Kollegen (Korczak,
wechseln.
Gedanken, Gefühlen und Körperzustän­
Wastian & Schneider 2012) untersuchten
▶▶ Interventionen, die gezielt der Erschöp­
den zu entwickeln, ohne von diesen
die Wirksamkeit verschiedener Burnout­
fung entgegenwirken und Energie
dominiert zu werden (Waadt & Acker
interventionen auf der Basis systemati­
aufbauen können, sind regelmäßige
2012).
scher Literaturübersichten und Metaana­
Entspannung und körperorientierte
▶▶ Bearbeitung und Wiederaufbau zwi­
lysen, randomsiert-kontrollierten Studien
Inter­ventionen (Progressive Muskel­
schenmenschlicher Beziehungen und
(RCT) und Kohortenstudien aus dem Zeit­
relaxation, Autogenes Training, Qi Gong,
Aktivitäten können zur (Re-) Aktivie­
raum zwischen 2006 und 2011. Kognitiv-
Yoga, Körpertherapie, Massagen), Bewe­
rung sozialer Unterstützung beitragen
verhaltenstherapeutische Interventionen
gung / Sport sowie die Wiederaufnahme
(Schramm & Berger 2013).
führen in den meisten Studien zur Ver­
angenehmer (bedürfnisbefriedigender)
besserung der emotionalen Erschöpfung.
Aktivitäten.
Stressmanagementtraining und Musikthe­
▶▶ Neben generellen Vorschlägen für eine
Durch die Einbindung des Arbeitgebers in
rapie zeigten inkonsistente und Qi Gong
gesunde Lebensführung kann die The­
den Therapieprozess kann eine langsame,
keine deutliche Wirksamkeit. Die Autoren
rapie nach Bedarf durch den Aufbau feh­
der Belastbarkeit angepasste Steigerung der
schließen, dass nur für die kognitive Ver­
lender Problemlösestrategien ergänzt
Arbeits­t ätigkeit im Dienste einer nachhal-
haltenstherapie hinreichend viele Studien
werden (Bittner 2011, Hochstrasser
tigen Rehabilitation die gelungene Reinte-
vorliegen, die die Wirksamkeit belegen.
2014).
gration am Arbeitsplatz stark begünstigen
Grundsätzlich sei die Wirksamkeit von
(­Berger et al. 2012, Hochstrasser 2014).
Auseinandersetzung mit der Arbeit Bei
Burnouttherapien aber noch unzureichend
untersucht und die Datenlage sehr hetero­
der Therapie nehmen die Auseinanderset­
gen und lückenhaft.
zung mit dem Arbeitsplatz und der Arbeits­
Internetgestützte Therapie Eine ambu­
tätigkeit als wesentlichem Bereich der
lante Burnout-Behandlung kann auch durch
Fazit
Belas­t ung sowie die Auseinandersetzung
eine internetgestützte Intervention unter­
Obwohl Burnout diagnostisch nicht als
mit Stress, individuellen Stressoren und
stützt werden. Bei subklinischer Sympto­
psychische Störung gilt, ist es ein hochrele­
Strategien der Bewältigung dieser Stresso­
matik kann sie auch als alternative Erstin­
vanter Risikozustand für körperliche und psy­
ren eine zentrale Stellung ein.
tervention eingesetzt werden. Exemplarisch
chische Störungen, der möglichst frühzei­
▶▶ Um den Patienten darin zu unterstüt­
stellen wir die Online-Therapie REVIGA
tig erkannt und effektiv behandelt werden
zen, persönlich wichtige Werte, Motive
vor (http://www.reviga.de; Meyer et al., in
sollte. Burnoutinterventionen sollten mul­
und Ziele wieder engagiert zu verfolgen
Revision), die auf der Basis des evidenzba­
timodal sein und an den Schweregrad, die
statt sich innerlich zynisch abzukoppeln
sierten Online-Therapieprogrammes gegen
vorliegenden psychischen Störungen und
(Waadt & Acker 2012), können zuerst
Depressionen DEPREXIS24 (http://www.­
individuelle Ressourcen angepasst werden.
persönliche Stärken und Präferenzen
deprexis24.de; Meyer et al. 2015) sowie des
Außerdem sollte der individuelle Arbeits­
zur Förderung eines hoffnungsvollen
zuvor beschriebenen Energy-Sense-Modells
kontext unbedingt mit einbezogen werden.
bzw. optimistischen Umgangs mit den
(Meyer et al., in Revision) entwickelt w
­ urde.
Als Ergebnis soll ein Patient seine Arbeit
Herausforder ungen des Arbeitsle­
Dieses interaktive Programm beinhaltet
wieder als sinnvoll erleben und ihr enga­giert
bens identifiziert und genutzt werden
neben Psychoedukation Elemente der kog­
und mit Energie nachgehen können.
(­Flückiger & Wüsten 2009).
nitiven Verhaltenstherapie (Verhaltensakti­
29
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(Berger et al. 2013, Hochstrasser 2014).
und soziale Unterstützung
▶▶ sowie Vorschläge für eine gesunde
Psychotherapie im Dialog 2 • 2016
Das vollständige Literaturverzeichnis zu die­
sem Beitrag finden Sie im Internet unter www.
thieme-connect.de/products. Klicken Sie einfach
beim jeweiligen Beitrag auf „Zusatzmaterial“.
Interessenkonflikt
Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Prof. Dr. phil.
Martin grosse Holtforth,
Dipl.-Psych.
Institut für Psychologie
Fabrikstr. 8
CH-3012 Bern
martin.grosse@
psy.unibe.ch
1990–1995 Studium Psychologie (Freie Universität
Berlin / Duke University, USA); 1996–1999 Doktorat
Psychologie (Universität Bern); 1999 Approbation
zum Psychologischen Psychotherapeuten; 2000–2006
Habilitation Psychologie (Universität Bern); 2008
Fachpsychologe für Psychotherapie / Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut; 2009–2014
SNF-Förderungsprofessor, Klinische Psychologie mit
Forschungsschwerpunkt Psychotherapie affektiver
Störungen, Universität Zürich; seit 2014 Dozent,
Institut für Psychologie, Universität Bern; seit 2015
Forschungsleiter Kompetenzzentrum Psychosomatische Medizin, Universitätsspital Insel, Bern.
Dr. phil. Lic. phil.
Anita C. Keller
2002–2008 Studium der
Psychologie (Universität
Bern, Schweiz); 2008–
2012 wissenschaftliche
Mitarbeiterin in diversen
Projekten an Universität
Basel; 2009–2013 Doktorat Psychologie (Universität
Bern, Schweiz); 2013–2015 Postdoc in diversen
Projekten an Universität Bern, Schweiz; seit 2015
Postdoc an Michigan State University, USA.
Dr. med. Barbara
­Hochstrasser, MPH
1974–1979 Studium
der Medizin (Universität
Bern); 1977 Diplom in
Tropenmedizin (Schweizer Tropeninstitut Basel;
1979 Approbation in
Medizin, 1980 Doktorierung (Universität Bern);
1982–1983 Studium Public Health (Harvard School
of Public Health, Harvard Universitiy, Boston, USA);
1983 ­Master of Public Health; 1989 Diplomate of
the American Board of Psychiatry; 1991 Schweizer
Facharzttitel in Psychiatry und Psychotherapie
der Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH);
1990–1996 Oberärztin Forschungsabteilung Psychiatrische Universitätsklinik Zürich mit Schwerpunkt
Epidemiologie psychosomatischer Symptome; seit
1996 Chefärztin Privatklinik Meiringen, Schwerpunkt
affektive Störungen und Stressfolgeerkrankungen.
Beitrag online zu finden unter
http://dx.doi.org/10.1055/s-0042-103842
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