Thieme: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung

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Aus Sigusch, V.: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (ISBN 9783131039446) © 2006 Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart
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Aus Sigusch, V.: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (ISBN 9783131039446) © 2006 Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart
Sexuelle Störungen und
ihre Behandlung
Herausgegeben von
Volkmar Sigusch
Mit Beiträgen von
Nikolaus Becker
Wolfgang Berner
Peer Briken
Sabine Cassel-Bähr
Ulrich Clement
Martin Dannecker
Sonja Düring
Wolf Eicher
Herbert Gschwind
Margret Hauch
Silvia Heyer
Andreas Hill
Carmen Lange
Bernd Meyenburg
Eva S. Poluda
Reimut Reiche
Hertha Richter-Appelt
Ulrike Schmauch
Christiane Schrader
Volkmar Sigusch
Bernhard Strauß
4., überarbeitete und erweiterte Auflage
5 Abbildungen
54 Tabellen
Georg Thieme Verlag
Stuttgart • New York
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Bibliografische Information
Der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in
der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte biblio­gra­fische
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage 1996
2. Auflage 1997
3. Auflage 2001
© 2007 Georg Thieme Verlag KG
Rüdigerstraße 14
D- 70469 Stuttgart
Telefon: + 49/ 0711/ 8931-0
Unsere Homepage: http://www.thieme.de
Printed in Germany
Zeichnungen: Heike Hübner, Berlin
Umschlaggestaltung: Thieme Verlagsgruppe
Umschlagfoto: Skulptur (Ausschnitt) ‚Tanzende Paare’ von Stephan
Balkenhol; Fotograf: Axel Schneider, Frankfurt am Main
© Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main
Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrung erweitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was Behandlung
und medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit in diesem Werk
eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser
zwar darauf vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große
Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prüfung der
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solchen, die neu auf den Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers.
Autoren und Verlag appellieren an jeden Benutzer, ihm etwa auffallende Ungenauigkeiten dem Verlag mitzuteilen.
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also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich
geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig
und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Satz: Medionet AG, Berlin
gesetzt in InDesign CS2
Druck: Druckhaus Götz GmbH, Ludwigsburg
ISBN 3-13-103944-2 1 2 3 4 5 6
ISBN 978-3-13-103944-6
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Anschriften
Dipl.-Psych. Nikolaus Becker
Psychoanalytische Praxis
Falkenried 7
20251 Hamburg
Prof. Dr. med. Wolfgang Berner
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Dipl.-Psych. Margret Hauch
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Dipl.-Soz. Silvia Heyer
Pro-Familia-Beratungsstelle Berlin
Kalckreuthstraße 4
10777 Berlin
Dr. med. Peer Briken
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Dr. med. Andreas Hill
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Dipl.-Psych. Sabine Cassel-Bähr
Psychotherapeutische Praxis
Rappstraße 16
20146 Hamburg
Dr. phil. Carmen Lange
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Prof. Dr. phil. Ulrich Clement
Heidelberger Institut für systemische Forschung und
Therapie
Kussmaulstraße 10
69120 Heidelberg
Prof. Dr. phil. Martin Dannecker
Joachim-Friedrich-Straße 2
10711 Berlin
Dr. phil. Sonja Düring
Psychotherapeutische Praxis
An der Alster 15
20099 Hamburg
Prof. Dr. med. Wolf Eicher
Diakonissenkrankenhaus
Frauenklinik
Kniebisstraße 5
68163 Mannheim
Dr. med. Herbert Gschwind
Psychotherapeutische Praxis
Adalbertstraße 12 a
60486 Frankfurt am Main
Dr. med. Bernd Meyenburg
Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des
Kindes- und Jugendalters
Deutschordenstraße 50
60528 Frankfurt am Main
Dipl.-Psych. Eva S. Poluda
Psychoanalytische Praxis
Kaiserstraße 34
50321 Brühl
Priv.-Doz. Dr. phil. Reimut Reiche
Psychoanalytische Praxis
Oppenheimer Landstraße 55
60596 Frankfurt am Main
Prof. Dr. phil. Hertha Richter-Appelt
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut und Poliklinik für Sexualforschung und
­Forensische Psychiatrie
Martinistraße 52
20246 Hamburg
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Prof. Dr. phil. Ulrike Schmauch
Fachhochschule Frankfurt am Main
Fachbereich 4 Soziale Arbeit und Gesundheit
Nibelungenplatz 1
60318 Frankfurt am Main
Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch
Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität
Institut für Sexualwissenschaft
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
Dipl.-Psych. Christiane Schrader
Psychoanalytische Praxis
Poststraße 5
63303 Dreieich
Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß
Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie
Stoystraße 3
07743 Jena
VI Anschriften
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Vorwort zur 4. Auflage
Die anhaltend positive Aufnahme unseres Buches ist mir
eine große Freude.
Vollkommen neu sind in dieser Auflage die Kapitel „Systemische Therapie sexueller Luststörungen“ von Ulrich
Clement, „Paartherapie bei sexuellen Störungen am Beispiel des Hamburger Modells“ von Margret Hauch, Carmen Lange und Sabine Cassel-Bähr, „Probleme der intersexuellen Entwicklung“ von Hertha Richter-Appelt sowie
„Therapie bei sexueller Delinquenz“ von Wolfgang Berner,
Andreas Hill und Peer Briken. Ich bin sehr froh, dass jetzt
endlich auch die systemische Sexualtherapie als ein erfolgreiches Behandlungsverfahren und die Intersexualität als
eine große Herausforderung für Psychologie und Medizin
in dem Buch vertreten sind. Ebenso froh bin ich, dass die
praktisch besonders relevante Paartherapie und die sich im
Umbruch befindende Therapie von Sexualdelinquenten auf
dem neuesten theoretischen und klinischen Stand dargestellt werden.
Alle anderen Kapitel des Buches wurden durchgesehen,
aktualisiert oder korrigiert. Dabei sind manche Kapitel
inhaltlich so verändert worden, dass sie umbenannt werden mussten. So heißt das alte Kapitel „Ist AIDS inzwischen
eine normale Krankheit?“ von Martin Dannecker jetzt „Zur
Transformation von AIDS in eine behandelbare Krankheit“,
und das alte Kapitel „Sildenafil (Viagra): Wirkmechanismus und erste Ergebnisse“ von mir heißt jetzt „Sildenafil
(Viagra) und andere Phosphodiesterase-Hemmer“.
Nach wie vor folgen wir der Devise: Psychotherapeuten
sollten die Körperlichkeit sehr ernst nehmen, Körpermediziner die Psychodynamik. Weil die körperliche Sphäre
ebenso wichtig ist wie die psychische und beide nur mit
Gewalt voneinander getrennt werden können, haben wir
wieder mit besonderer Sorgfalt alle gegenwärtigen und zu
erwartenden körpermedizinischen Behandlungsverfahren
vorgestellt und diskutiert, von PT-141 bei sexuellen Funktionsstörungen von Männern und Frauen über Dapoxetin
bei der stark verbreiteten vorzeitigen Ejakulation bis hin zu
LHRH- bzw. GnRH-Agonisten bei sexueller Delinquenz. Und
natürlich werden auch jüngste Fachdebatten aufgegriffen
wie die um die Definition von „Female Sexual Dysfunction“
(FSD) und die Wirksamkeit von PDE-5-Hemmern bei Frauen. Außerdem werden letzte Gerichtsentscheidungen, zum
Beispiel zur Kostenübernahme bei Viagra oder zur notwendigen Revision des Transsexuellengesetzes, berücksichtigt.
Insgesamt breiten wir wieder die ganze Palette aus, von
der einmaligen Sexualberatung über die niederfrequente
Sexualtherapie bis hin zur hochfrequenten Psychoanalyse im Liegen, von medizinischen Behandlungen bis hin
zu deren Kombination mit Sozial- oder Psychotherapie.
Kurzum: Wir sehen die Wege der Therapie so vielfältig wie
die des Lebens. Entscheidend ist für uns die Seriosität der
Fachvertreter und deren Dialogfähigkeit. Nur dann kann
voneinander gelernt werden – den Hilfesuchenden und
Notleidenden zuliebe.
Erneut hat mich Agnes Katzenbach vom Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft Satz für Satz auf eine Weise
unterstützt, die einzigartig ist. Bärbel Kischlat-Schwalm
und Gabriele Wilke sorgten in unserem Institut und in
unserer Sexualmedizinischen Ambulanz für eine überaus
angenehme Arbeitsatmosphäre. Heide Addicks und Korinna Engeli vom Thieme Verlag kümmerten sich hinreißend
um das Projekt. Ihnen allen danke ich sehr.
Frankfurt am Main, im Juli 2006
Volkmar Sigusch
Vorwort zur 4. Auflage VII
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Inhaltsverzeichnis
I Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1 Was heißt sexuelle Störung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Volkmar Sigusch
2­ Kultureller Wandel der Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Volkmar Sigusch
II Sexuelle Entwicklungen und Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
3 Probleme der weiblichen sexuellen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Sonja Düring
4 Probleme der männlichen sexuellen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
Ulrike Schmauch
5 Probleme der weiblichen homosexuellen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Eva S. Poluda
6 Probleme der männlichen homosexuellen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Martin Dannecker
III Sexuelle Symptome und Störungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
7 Das sexuelle Symptom in der Sprechstunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
Herbert Gschwind
8 Grundzüge der Sexualberatung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Christiane Schrader und Silvia Heyer
9 Diagnostik und Differenzialdiagnostik sexueller Störungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Volkmar Sigusch
10 Symptomatologie, Klassifikation und Epidemiologie sexueller Störungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Volkmar Sigusch
11 Organogenese sexueller Funktionsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Volkmar Sigusch
12 Psychoanalyse und sexuelle Funktionsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
45
Hertha Richter-Appelt
13 Paartherapie bei sexuellen Störungen am Beispiel des Hamburger Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Margret Hauch, Carmen Lange und Sabine Cassel-Bähr
14 Systemische Therapie sexueller Luststörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
Ulrich Clement
15 Organotherapien bei sexuellen Funktionsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
Volkmar Sigusch
16 Sildenafil (Viagra) und andere Phosphodiesterase-Hemmer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
Volkmar Sigusch
VIII Inhaltsverzeichnis
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IV Körperliche Erkran­kungen und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
17 Sexuelle Probleme und Störungen in der gynäkologischen Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
Wolf Eicher
18 Probleme der intersexuellen Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
Hertha Richter-Appelt
19 Chronische körperliche Erkrankungen und Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
Bernhard Strauß
20 Zur Transformation von AIDS in eine behandelbare Krankheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Martin Dannecker
V Sexuelle Perversionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
21 Psychoanalytische Theorie sexueller Perversionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
Nikolaus Becker
22 Psychoanalytische Therapie sexueller Perversionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
Reimut Reiche
VI Sexueller Missbrauch, Gewalt und Delinquenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
23 Sexueller Missbrauch und Pädosexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
Martin Dannecker
24 Psychotherapie nach sexueller Traumatisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
Hertha Richter-Appelt
25 Therapie bei sexueller Delinquenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
Wolfgang Berner, Andreas Hill und Peer Briken
26 Organotherapien bei sexuellen Perversionen und sexueller Delinquenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
Volkmar Sigusch
VII Geschlechts­­identitäts­störungen und Transsexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
27 Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindes- und Jugendalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
Bernd Meyenburg
28 Transsexuelle Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
Volkmar Sigusch
VIII Fort- und Weiterbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
29 Fort- und Weiterbildung in Sexualmedizin und Sexualtherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
Volkmar Sigusch
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
Inhaltsverzeichnis IX
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I Einleitung
1
Was heißt sexuelle Störung?
2
Kultureller Wandel der Sexualität
Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
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1 Was heißt sexuelle Störung?
1
Volkmar Sigusch
Es gibt auch heute noch Experten, die ziemlich genau zu
wissen glauben, welche Sexualität natürlich, normal und
gesund ist. Ich gehöre nicht unbedingt zu ihnen, und zwar
aus folgenden Gründen.
Seitdem es unsere Sexualität als ein Abgegrenztes und
Allgemeines gibt, also eigentlich erst seit dem 19. Jahrhundert, haben sich die Vorstellungen von natürlicher und
widernatürlicher, von normaler und abnormer, von gesunder und kranker Sexualität ständig verändert. Das ist nicht
verwunderlich, wenn wir daran denken, wie sehr sich in
den letzten zwei Jahrhunderten unser Empfinden und Denken, unser Leben und Sterben verändert haben. Zwischen
der Venus von früher und der Liebesbeziehung von heute
liegen nicht nur die Prozesse des Trennens, Zerstreuens
und Vervielfältigens, die ich im nächsten Kapitel beschreibe. Doch die Sexualität soll immer noch so sein, wie sie
einmal vor mehr als hundert Jahren von unseren wissenschaftlichen Vorgängern verstanden worden ist: ganz
natürlich. Nüchtern betrachtet aber ist „natürliche“ Sexualität tierisch, nichts als Reflex, Instinkt, Verschlingung: ein
Inbegriff des Schreckens.
Auf die Frage, was eine sexuelle Störung sei, gibt es heute nicht nur eine glatte, sondern auch eine verschlungene
Antwort. Die glatte Antwort verweist auf Dysfunktionen,
Dysphorien und Dysphilien, die in Krankheitslehren und
Symptomregistern erfasst sind. Sie wird von Psychotherapeuten ebenso gegeben wie von Urologen und orientiert
sich an dem, was allen geläufig scheint: Anatomie und Physiologie des Körpers und der Seele. Dieser Antwort zufolge
ginge es also um gestörte Funktionen, Missempfindungen,
abweichendes Verhalten und krankhaftes Erleben. Das aber
wirft bereits weitere Fragen auf, die eine etwas kompliziertere Antwort erfordern.
son und nicht „nur“ ihre Perversion zu zerstören? Ahnen
unsere Mediziner, die in einer Etappe der allgemeinen Psychologisierung aufgewachsen sind, dass eine Dysfunktion
eine Funktion haben kann, wenn sie die alte Impotenz jetzt
beharrlich „erektile Dysfunktion“ nennen? Denn das heißt
ja übersetzt merkwürdigerweise: „schwellfähige“, also
„potente“ Fehlfunktion.
Und was meint „sexuelle“ Funktionsstörung oder „sexuelle“ Gewaltanwendung? Handelt es sich oft nicht sehr viel
eher um ein allgemeines Symptom, das erst in zweiter oder
dritter Hinsicht etwas mit Sexualität zu tun hat und deshalb
als „sexuelles“ Symptom vordergründig oder vorgeschoben
ist? Geht es in Sexualtherapien, die auf Reparaturen aus
sind, wirklich um Sexualität im emphatischen Sinn? Ist
nicht jede Sexualtherapie, die den Namen verdient, eine
Psychotherapie, weil sich das Sexuelle (und Geschlechtliche) nicht aus der Seele lösen lässt wie das Fleisch vom
Knochen? Gibt es nicht Patienten, bei denen alle sexuellen
„Funktionen“ funktionieren, die aber trotzdem unglücklich
sind, weil sie keine sexuelle Erfüllung finden?
Lässt sich das, was ein Mensch als krankhaft erlebt, nur
individuell bestimmen? Oder ist es auch kulturell bedingt,
vielleicht sogar in erster Linie? Unter welchen Umständen
bezeichnen wir ein sexuelles Verhalten als „abweichend“,
„deviant“, „paraphil“ oder „pervers“? Können wir das einigermaßen verlässlich mit psychologisch-medizinischen
Kriterien tun? Oder verlassen wir dann, wenn wir das tun,
den Boden unserer Profession? Was bedeutet es, wenn
Psychoanalytiker davon sprechen, diese oder jene Entwicklungsphase sei „normal“ verlaufen? Gibt es das in Physiologie und Psychologie? Oder bezieht sich „normal“ immer auf
Normativität und Normalität, also auf Recht und Ordnung,
Moral und Common Sense?
„Funktion“ der Dysfunktion
Kulturelle Weichenstellungen
Was beispielsweise stellen sich die Expertinnen und
Experten unter „Funktion“ vor? Denken auch Psychotherapeuten bei diesem Wort an die kompetitive Hemmung
von Wirkstoffen? Oder haben sie ganz andere Hemmungen
im Kopf? Kann nicht die „erektile Dysfunktion“, von der
unsere Mediziner gegenwärtig so selbstgewiss reden, eine
seelische Funktion haben, die für das innere Gleichgewicht
der Person (und des Paares) von Bedeutung ist? Und gilt
das nicht noch tiefreichender für die Dysphorien und Dysphilien, für die so genannten Paraphilien oder Perversionen? Dürfen wir sie, wenn das so ist, einfach beseitigen,
sofern wir mit therapeutischen Waffen schweren Kalibers
dazu imstande wären? Oder bestünde die Gefahr, die Per-
Hängt die Diagnose „sexuelle Störung“ oder „sexuelle Perversion“ nicht sehr davon ab, wer mit wem zu welcher Zeit
unter welchen Umständen und mit welchem Ziel in Kontakt gerät? Ändern sich die Diagnosen womöglich schneller, als uns recht ist? Hinken wir folglich mit unseren Vorstellungen oft dem hinterher, was der Zeitgeist injiziert, die
Diskurse diktieren und die Imperative bestimmen?
Fragen über Fragen. Eines aber scheint mir sicher zu sein:
Wer eine glatte Antwort gibt, setzt sich und seine Patienten
der Gefahr aus, auf der Ebene der Gemeinplätze zu operieren. Er folgt unreflektierten Voraussetzungen, die sich im
Verlauf dieses Jahrhunderts als äußerst prekär erwiesen
haben. Während jede Reflexion anstrengend und zeitauf1 Was heißt sexuelle Störung? Dieses Dokument ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt und darf in keiner Form an Dritte weitergegeben werden!
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wändig ist und eine ebenso verschlungene wie vorläufige
Antwort zur Folge hat, begnügt sich die fixe Antwort mit
dem, was ohnehin gang und gäbe ist, ob nun im Alltagsoder im Berufsleben. Diesem Sog sind wir alle ausgesetzt.
Sprechen wir von sexuellen oder geschlechtlichen Störungen oder Krankheiten als solchen, setzen wir zwangsläufig voraus, wie jene Sexualität und jene Geschlechtlichkeit beschaffen sind, von denen wir indirekt oder direkt
annehmen, sie seien rund, ungestört und normal.
Wir tun das tagtäglich, weil wir ohne solche Distinktionen gar nicht leben und arbeiten könnten, ohne von
den Wirrnissen und Widersprüchen der Welt zerrissen
zu werden. Wir haben alle mehr oder weniger verschattete Vorstellungen von dem, was die Menschen bewegt
und bewegen sollte, Vorstellungen von einem gelungenen,
gemeisterten, sinnvollen Leben, von Gesundheit und Glück,
Vorstellungen, die, weil sie zu einer bestimmten Zeit in
einer bestimmten Kultur entstanden sind, auch wieder
verschwinden oder sich ändern können.
Berater und Therapeuten aber, die in relativer Ruhe professionell arbeiten wollen, müssen sich an das halten, was
der Patient als Problem oder Konflikt erlebt, an das, dessentwegen er sie konsultiert. Selbst wenn sie es wollten,
könnten sie eine Kultur, in der Störungen erscheinen, nicht
in eine verwandeln, in der die Störungen nicht mehr auftreten. Kulturen oder Gesellschaften entziehen sich jeder
Therapie. Professionell arbeiten heißt: die eigenen Begrenzungen, die persönlichen und die fachlichen, reflektieren
und das individuelle Leiden der Patienten als Individuelles
ernst nehmen. Daraus folgt aber nicht, dass die Probleme
und Konflikte individualpathologisch ausreichend begriffen werden könnten. Sie sind von der Kultur, in der sie entstehen, umrissen und definiert – bis hin zur scheinbar rein
seelischen Repräsentanz so genannter Objektbeziehungen.
Für die sexuellen Störungen gilt das in einem exorbitanten
Sinn, weil nur unsere Kultur gewisse Empfindungen und
Verhaltensweisen als „Sexualität“ exponiert und unter
besondere Beobachtung gestellt hat. Es gilt aber auch ganz
generell.
Wer kennt nicht die Patienten, die in die Praxis kommen,
wie sie zu Aldi oder Massa gehen. Sie leben in einer Kultur, die verheißt, alles bewerkstelligen zu können, und wir
wundern uns, wenn sie nur durchgecheckt und dann repariert werden wollen. Sie leben in einer Kultur, in der die
meisten Menschen systematisch entwertet werden, und
manche Therapeuten sind entsetzt, wenn sich das in den
Beziehungen niederschlägt. Diese Therapeuten nennen
diese Beziehungen neuerdings „pervers“, verschwenden
aber keinen Gedanken darauf, ob sich hier nicht allgemeine
Tendenzen niederschlagen und warum ihre „Perversionen“
möglicherweise nichts mehr mit Sexualität im bisherigen
Sinn zu tun haben. Die Patienten leben in einer patriarchalen Kultur, und einige Psychoanalytiker haben nur das
Schicksal des klassisch und positiv gefassten Ödipuskomplexes im Kopf, als seien die hundert Jahre alten Physiologien der Liebe noch der Maßstab. Die männlichen Patienten hörten von klein auf die Losung „Etwas wert ist nur
der, der seinen Mann steht“, und wir sind irritiert, wenn sie
mit destruktiven Techniken ihre „Potenz“ wiederherstellen wollen. Die Patienten leben in einer Kultur, zu deren
Generaltechniken Verführung gehört, und wir haben große
Schwierigkeiten, Verständnis dafür aufzubringen, dass sie
sich als verführt begreifen und nicht sehen können, was sie
selbst mit dem Versagen und dem Verbrechen zu tun haben.
Die Älteren waren der Parole ausgesetzt, nach der alles, was
Spaß macht, erlaubt sei; sie sind mit der Verheißung aufgewachsen, Sexualität sei befreiend, mache glücklich und
zufrieden und müsse auch deshalb möglichst umfassend
gelebt werden, und wir kommen uns altmodisch vor, wenn
wir ihnen nahe bringen müssen, dass diese Verheißungen
uneinlösbar sind. Patienten klagen sexuelles Funktionieren
bis ins höchste Alter und trotz schwerer Krankheit ein, und
wir gestatten uns nur sehr zaghaft den Gedanken, dass alle
Blüten einmal verwelken und der Prothesengott, dem wir
frönen, am Ende nicht mehr maskieren kann, was er produziert.
Historische Relativierungen
Wie sehr die Frage, was eine sexuelle Störung sei, der
glatten Antwort spottet, zeigt am deutlichsten ein Blick in
die alte Literatur. Zur Zeit Lallemands (1836–42) klagten
Ärzte über das Grassieren der Spermatorrhoe, weil angeblich immer mehr Männern der Samen einfach ohne Zeichen der Erregung herauslief. Zur Zeit Krafft-Ebings (1886)
wurde der Geschlechtstrieb, der bei Kindern oder älteren
Männern in Erscheinung trat, als paradox bezeichnet und
den „cerebral bedingten Neurosen“ zugerechnet. Zur Zeit
der epochalen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von
Freud (1905; vgl. zur Rezeption nach 100 Jahren Dannecker
u. Katzenbach 2005, Quindeau u. Sigusch 2005) wurde der
aktive Mundverkehr, auch von Freud selbst, als „pervers“
angesehen. Und der ebenso kritische wie liberale Sexualforscher Eulenburg (1906: 190), der sich mit einer einzigartigen Enzyklopädie der gesamten Medizin seiner Zeit verewigt hat, fürchtete allen Ernstes, dass ein Mann, an dem
eine Frau den passiven Mundverkehr, genannt „Fellation“
oder „Irrumation“, vornimmt, durch dieses anomale
„Uebermaass von Genuss“, das „Virtuosinnen der Liebeskunst zu gewähren im Stande“ seien, entweder an einer
Impotenz oder an einer Neurasthenie oder an einer „sexualen Hypochondrie“ erkranken werde. Spätere Psychoanalytiker und Sexualwissenschaftler – um ein letztes Beispiel
zu erwähnen – sahen alle Frauen, die den „richtigen“, den
„vaginalen“, „reifen“ Orgasmus nicht erreichen konnten, als
frigide an. Einige hatten nichts dagegen, diese Frauen einer
Klitoridektomie zu unterziehen, das heißt, ihnen die Klitoris operativ entfernen zu lassen.
Zu jeder Zeit hatten die Experten natürlich (und das
meint immer kulturell) einen anderen nosomorphen Blick,
der andere Störungen und Krankheiten zu sehen meinte,
weil die epistemologischen Raster und die allgemeinen
Dispositive anders beschaffen waren. In den siebziger Jahren stachen uns die Anorgasmie der Frau und die vorher
kaum gesehene Ejaculatio deficiens bei jungen Männern
ins Auge, ein Ausbleiben des Samenergusses, für den kein
organischer Grund gefunden werden konnte. Gleichzeitig
verschwand die Sodomie von der Bildfläche, um nur wenige Beispiele zu nennen. Wie sich die Lage am Beginn des
Volkmar Sigusch
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Aus Sigusch, V.: Sexuelle Störungen und ihre Behandlung (ISBN 9783131039446) © 2006 Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart
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