Trockenbauer verrichten Pionierarbeit

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Trockenbauer verrichten
Pionierarbeit
Text Raphael Briner
Energetisch selbstversorgend und dank Trockenbau maximal flexibel in der
Gestaltung des Innenraums: Ein äusserst innovativer Bau entsteht derzeit im
liechtensteinischen Vaduz. Das Active Energy Building setzt Massstäbe für den
Wohnungsbau der Zukunft. Die «Applica» hat die Baustelle zusammen mit dem
ausführenden Gipser und dem Verantwortlichen des Herstellers besucht.
Schräge Wände mit stump-
Die Herausforderung ist gross. Das
Active Energy Building in Vaduz, nach
der Bauherrschaft auch Marxer-Haus
genannt, ist nicht nur in energetischer
Sicht seiner Zeit voraus. Auch die Bauweise ist ungewöhnlich.
Der Grundriss bildet ein Trapez und
die Fassade weist schräge, nicht im Senkel stehende Betonwände auf. Die Tragstruktur des Gebäudes besteht aus Betonstützen mit V-Form und A-Form, die
teilweise grosse Abstände (8 m Spannweite) aufweisen.
fen, runden Winkeln fordern
die Trockenbauer heraus.
1. Richtiges Handwerk
(Bild: Roman Hermann AG)
Viele Eigenkonstruktionen:
Weil es keine Gehäuse für
die Lampen gab, bauten
die Gipser diese aus
zugeschnittenen Holzteilen
selber zusammen (rechts)
und montierten sie
an die Decke.
(Bilder: Raphael Briner)
Der Innenausbau ist ebenfalls speziell.
Viele Innenwände sind in verschiedenen
Schrägen angeordnet und es gibt wenige Winkel von 90 Grad, viele davon sind
zudem rund.
Zu diesen kniffligen Voraussetzungen kommt hinzu, dass wegen der Deckendurchbiegungen, die bis zu 20 mm
messen, aus ästhetischen Gründen alle
Wände durchgehend eine Schattenfuge zwischen den Leichtbauwänden und
den Betondecken haben müssen, obwohl diese nur in Räumen mit belüfteten Gipsdecken nötig wäre. Die Fugen
können, wo gewünscht, für die Zuluft benützt werden.
So wenig Beton wie möglich
Im Rohbau wurden nur einige Wände der
Süd- und Nordfassade sowie im Treppenhaus betoniert. Der restliche Innenausbau ist mit Gipskartonplatten konstruiert. Der Trockenbau kann zeigen, wozu
er fähig ist.
«Es brannte jedem Beteiligten unter den Nägeln», sagt Patrick Hermann,
Chef der ausführenden Trockenbaufirma Roman Hermann AG aus Schaan FL,
«so etwas gab es noch nie, wir sind Pioniere». Es habe allen unheimlich Spass
gemacht, weil es alles andere als eine
08/15-Arbeit gewesen sei.
Die Trockenbauelemente wurden vor
Ort hergestellt. Formteile kamen fast
keine zum Einsatz. «Das ist wirklich noch
Handwerk, bei dem alles auf dem Bau
zusammengebaut und teilweise sogar
konstruiert wird», sagt der bauleiten-
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de Trockenbauer Stefan Aschenberger.
Ebenfalls an der Ausführung des Trockenbaus beteiligt war die Gipserfirma
Beck Helmuth Anstalt aus Triesenberg
FL, wenn auch in viel kleinerem Umfang
als die Roman Hermann AG.
von einem Schreiner passgenaue Holzteile zuschneiden und montierte diese.
Der Elektriker konnte die Lampen später nur noch reinschieben.
Not macht erfinderisch
Doch zurück zum grossen Ganzen: Die
Trockenbauer begannen mit ihrer Arbeit,
nachdem die Tragstruktur und die Decken erstellt worden waren. Weil die Metall-Glas-Fassadenflächen noch fehlten
und es zudem im Gebäude praktisch keine rechten Winkel gibt, war es ihnen unmöglich, richtig einzumessen. Es fehlten
die Fixpunkte für das Lasergerät und den
Als Beispiel nennt Aschenberger die verschiedenen Lampen, von denen einige
extra für dieses Gebäude entwickelt und
hergestellt worden sind. Die Trockenbauer mussten sie in die Gipsdecken
und -wände einbauen. Entsprechende
Gehäuse waren aber keine vorhanden.
Also liess sich Aschenberger kurzerhand
2. Gemeinsame Planung
Achsmesser. Deshalb wurde ein Geometer beigezogen, der in den Mittelbereichen der Stockwerke Fixpunkte für die
Wände einmass. Diese wurden mit Nägeln am Boden markiert. Die Trockenbauer gingen von diesen Fixpunkten aus
und bauten gegen aussen hin.
Flexibilität gefragt
Ganz einfach war jedoch auch das nicht,
weil die genaue Endposition der Fassadenelemente aufgrund von Masstoleranzen noch nicht bekannt war. «Wenn
wir nur 5 mm daneben gewesen wären,
dann wären wir mit unseren Wänden bereits im Glas drin gewesen», erklärt Her-
Hohe Anforderungen an die Trockenbauwände
(wk) Folgendes mussten die Trennwände zwischen den Wohnungen sowie zwischen Wohnungen und Treppenhaus erfüllen:
■ Luftschalldämmmass: Di >58 dB –
auf der Baustelle gemessen
■ Brandschutz: Ei90
■ Einbruchhemmend: WK2
■ Sockelleisten: flächenbündig
■ Verformungen der Betondecken:
5 bis 20 mm
Mit einer Doppelständerwand von
273 mm können die vielfältigen Anforderungen erfüllt werden. Es werden zwei einzelne, freistehende Wandschalen gebaut. Eine Schale besteht
aus einem Ständerwerk mit 75 mm
C-Profilen und 60 mm Mineralwolle als
Hohlraumbedämpfung. Eine Gipsplatte
DFIR 12,5 mm Duraline wird dann als
mittlere Platte im Wandhohlraum montiert. Raumseitig wird zuerst eine Gipsplatte DF 15,0 mm Feuerschutzplatte
auf das Profil montiert und darauf eine
DF 12,5 mm Duraline. Die äussere Gipsplatte wird um die Sockelhöhe nicht bis
an den Boden geführt. Die zweite Wandschale besteht aus einem Ständerwerk
mit 100 mm C-Profilen und 80 mm Mineralwolle als Hohlraumbedämpfung.
Raumseitig wird zuerst eine Gipsplatte DF 15,0 mm Feuerschutzplatte
auf das Profil montiert und darauf eine
DF 12,5 mm Duraline. Die äussere Gipsplatte wird um die Sockelhöhe nicht bis
an den Boden geführt. Der Hohlraum
zwischen beiden Ständerwerken wird
zusätzlich mit einer Mineralwolle von
30 mm gedämmt.
Erhöhte Widerstandsklasse
Für die erhöhte Widerstandsklasse werden zwei Stahlbleche eingebaut. Das
erste Stahlblech wird direkt auf die CWProfile befestigt. Dann wird die Gipsplatte DF 15,0 mm festgeschraubt. Nach
dem Füllen der Gipsplattenfugen wird
das zweite Stahlblech montiert und darauf die Gipsplatte DFIR 12,5 mm geschraubt.
Für die Aufnahme der Deckenverformungen werden an die Decke Gipsstreifen von 50 mm Dicke montiert. Damit
die Luftdichtigkeit zwischen den Wohnungen sichergestellt werden kann, werden alle Anschlüsse abgedichtet.
Ausreichend Reserve gegen Schall
Das bewertete Schalldämmmass dieser Konstruktion beträgt Rw zirka 71 dB
und weist ausreichend Reserve auf, um
die geforderten Schalldämmwerte von
Di 58 dB übertreffen zu können.
■
Aufbau der Trockenbauwände. (Skizze: Rigips AG)
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Freistehende und
geneigte Vorsatzschale.
(Bild: Roman Hermann AG)
Rechte Seite:
Die gerundeten Lichtfelder
wurden mithilfe von vorgefertigten Holzschalungen
im Trockenbau gefertigt.
(Bild: Raphael Briner)
Patrick Hermann (links)
und Stefan Aschenberger.
(Bild: Raphael Briner)
mann. Daher benötigte es Flexibilität,
um nötigenfalls, nach Rücksprache mit
der Planung, während der Konstruktion
Korrekturen anzubringen.
Auf den Bauplänen waren verschiedene Details noch nicht zu Ende geklärt.
Diese Vorgehensweise stellt besondere
Anforderungen an das Zusammenspiel
zwischen Planer, Hersteller und Handwerker. Anton Falkeis, der Architekt, bezog alle Beteiligten früh in den Prozess
ein. Zirka alle sieben Tage traf man sich
zur Sitzung. Patrick Hermann: «Weil nicht
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alles pfannenfertig auf den Tisch gelegt wurde, musste man sich während
der Zeit, in welcher der Architekt nicht
da war, seine Notizen machen, wenn ein
Problem aufgetaucht war.» Die unklaren
Details wurden an der Bausitzung gemeinsam gelöst. Falkeis skizzierte die
Details von Hand − und schon konnte
es weitergehen.
Vom Geometer eingemessene Fixpunkte für die Gipser.
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«Trockenbau ist
die Zukunft»
«Applica»: Welches sind die Vorteile
Grundlage für diese pragmatische,
aber anspruchsvolle Arbeitsweise war
auch eine von der Bauherrschaft geforderte und vom Lieferanten auf die Beine gestellte Schulung für die Trockenbauer. Auf Basis der Planungsunterlagen erhielten diese so weit als möglich
genaue Instruktionen darüber, welches
Detail wie eingebaut wird.
3. Die Details
In der Folge werden einige Details und
die Vorgehensweise der Trockenbauer
näher vorgestellt:
Deckenbuchten für Lampen
An zahlreichen Stellen der Decke befinden sich gerundete Lichtfelder (Buchten). Diese müssen ganz genau stimmen, damit die Leuchten passen. Mithilfe der Zeichnungen für die CNC-gefrästen
Schalungen des Baumeisters fertigte Rigips die etwas kleineren Holzschalungen
für die Trockenbauer an.
Zusätzlich kam der Geometer zum
Einsatz, der nochmals einmass und Fadenkreuze an die Decke zeichnete. Dies
war nötig für die Montage über Kopf,
weil eben die Fassade und damit die
Bezugspunkte fehlten. Die Trockenbauer konnten so die Schalungen, die mit
den gleichen Fadenkreuzen markiert waren wie die Decke, passend anschlagen. «Wenn der Geometer feststellte,
dass der Maurer nicht haargenau gearbeitet hatte, drückten wir die Schalung
ein bisschen oder machten sie neu»,
sagt Walter Keller, Key-Projektmanager
Ostschweiz der Rigips AG. Patrick Hermann ergänzt: «Teilweise musste der
Baumeister auch etwas zurückspitzen
oder wir mussten aufdoppeln.»
Schräge Wand
Hinter der geneigten Beton-Südfassade
war eine ebensolche Vorsatzschale gefragt. «Im Gegensatz zu einer senkrechten Gipswand hängt hier eine Last dran,
ähnlich wie bei einer Decke», sagt Keller.
Hier war die Herausforderung, dass
die freistehende, geneigte Trockenbaukonstruktion nicht zurückverankert werden durfte, weil die Dampfsperre unverletzt bleiben musste. Die Lösung waren
Aussteifungsprofile, die mit Bodenwinkeln doppelt zusammengeschraubt wurden. Erleichtert wurde sie durch die Tatsache, dass sich die Wand im Randbereich des Gebäudes befindet und
deshalb die Durchbiegung der Decke
keinen Einfluss hat.
des Trockenbaus?
Walter Keller*: Er ist ideal, wenn die
Wände verschiedene Funktionen haben. Eine muss einen hohen Schall-,
Einbruch- und Brandschutz bieten.
Eine zweite muss nur trennen und eine
dritte viele Installationen aufnehmen.
Der Trockenbau kann das alles. Zudem
kann man immer wieder neu aufteilen,
weil Abbrechen und Neukonstruktion
relativ wenig Aufwand brauchen.
Was sind weitere Vorteile?
Trockenbauwände haben in der Regel zwei Lagen. Der riesige Vorteil ist,
dass man diese Wände mit verschiedenen Dimensionen und Anforderungen bei Anschlüssen und Übergängen
mit der zweiten Plattenlage fugenlos
verbinden kann. Würde man das mauern, dann müsste man stumpf ineinander mauern und der Gipser müsste
eine Fuge machen.
Warum gibt es nicht mehr Gebäude
Geschwungene Wand
wie das Active Energy Building?
Besonders anspruchsvoll war es, die
Rundungen zu beplanken, zumal diese
teilweise auch geneigt sind. «Hier fällt
die Vorfertigung aus Gips definitiv aus.
Es sei denn, man gösse die Teile in eine
Form wie bei einer Betonstütze», sagt
Aschenberger. Allerdings wäre das so
schlank gar nicht möglich. Das Vorgehen war wie folgt: Die Gipser fertigten
anhand der Fixpunkte des Geometers
eine Schablone für die Decke und den
Boden an, die den Verlauf der Wand an-
Ich frage Planer und Investoren immer
wieder, warum sie zwar Büros im Trockenbau errichten, Wohnungen aber
nicht, obwohl auch da mehr Mauern
nichttragend sind als tragend. Ich merke ihre Haltung schnell: ‹Das haben wir
immer so gemacht.› Ich bin aber überzeugt davon, dass es in Zukunft viel
mehr freie Tragkonstruktionen mit Trockenbau im Wohnungsbau geben wird.
* KPM Ostschweiz Rigips AG
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zeigte. An diese Schiene kam ein Gleitlager, das sie auf dem Bau zurechtschnitten und klebten oder schraubten. «Wir
mussten das von Hand machen, weil es
für die Vorfabrikation des Lagers eine
dreiköpfige CNC-Fräse gebraucht hätte»,
erklärt Aschenberger. Eine solche habe
aber fast niemand.
Enge Radien brechen Platten
Die Trockenbauer arbeiteten mit den
dünnsten biegsamen Rigips-Platten
GK-Form, die eine Stärke von lediglich
6 mm haben. Weil der Radius so eng
ist, brachen die Platten immer wieder.
Also schnitten die Trockenbauer sie horizontal ein.
Erschwerend kam bei dieser Konstruktion hinzu, dass bei Wohnungstrennwänden die Sicherheitsbleche für die
Konstruktion ebenfalls gebogen werden
mussten.
Die Fassadenteile aus
Metall (Bild unten) wurden
Verkleidung der Fassadenkonstruktion
im Innern mit einer Dampf-
Ein vielleicht nicht so kompliziertes, aber
attraktives Detail befindet sich an der
Ostseite. Die Männer der Roman Hermann AG hatten die Aufgabe, die Stahlkonstruktion der Fassade innen zu verkleiden.
Der Metallrahmen war ausisoliert
worden und man schraubte Blechplatten daran. Drauf kamen die Leibungen
aus zugeschnittenen Gipskartonplatten.
Diese wurden geklebt, weil die Dampfsperre auf keinen Fall durch Schrauben
verletzt werden durfte. Dazu kam der
Kantenschutz und zum Abschluss spach-
bremse versehen und mit
Gipskartonplatten eingekleidet. Mit nachträglich angebrachten Trennfugen (Bild
oben) ahmten die Gipser die
äussere Struktur nach.
(Bilder: Roman Hermann AG
und Raphael Briner)
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telten die Trockenbauer alles aus. Um
die Struktur der Aussenseite auch im
Innern abzubilden, erhielt die Konstruktion nachträglich Trennfugen.
4. Nachhaltigkeit entscheidend
Das Active Energy Building besticht
durch seine Ästhetik. Viel wichtiger sind
aber die energetische Selbstversorgung
und die Nachhaltigkeit. Dazu Architekt
Anton Falkeis: «Trockenbau spielt in dem
Projekt eine grosse Rolle, weil wir eine
Tragstruktur entwickelt haben, die eine
Anpassung der Nutzung, der Grundrisse, über die Lebensdauer des Gebäudes ermöglicht.»
Die tragende Struktur mit den V- und
A-Elementen aus Beton hat also keine
eigentlich raumbildende Funktion. Die
Räume werden praktisch nur durch Trockenbauelemente gebildet. Man kann
sie adaptieren, ohne in die Tragstruktur einzugreifen, die nur aus Stützen besteht. Das trägt zur Nachhaltigkeit des
Gebäudes bei.
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