bayerische staatsoper münchner opernfestspiele

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OPERNFESTSPIELE
DEFGH
Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017
SZ SPEZIAL
VON 24. JUNI BIS 31. JULI – unter dem Motto „Was folgt“
Was folgt?
Nikolaus
Bachler
Im
Mondschein
Was folgt? – Wie zeigt sich dieses Motto
im Festspielprogramm?
Zunächst einmal ist das weniger ein Motto, denn das wäre ja auch immer eine Einschränkung. Vielmehr begreife ich das
als Thema der Spielzeit, das in den Festspielen eine Verdichtung findet. Denn in
den verschiedenen Produktionen wird
die Konsequenz menschlichen Suchens
und Seins untersucht. Das zeigt sich im
„Oberon“, aber auch in „Die Gezeichneten“ oder in der Kammeroper „Greek“,
die sich um Ödipus dreht, da dann mehr
auf psychologischer Ebene.
Was ist wichtiger für Sie: Die Folgen von
etwas vorher abzuschätzen oder dem Impuls zum Handeln zu folgen?
Im Jahr 2017 kann man diese Frage mit
großer Sicherheit beantworten: Die Folgen zu bedenken ist heutzutage das Allerwichtigste. Es wird derzeit ununterbrochen agiert, ohne die Folgen auch nur zu
überlegen. Das populärste Beispiel ist da
natürlich Trump, generell ist das 2017 die
zentrale Frage.
Ein festgelegtes Schicksal, Determinismus und zwangsläufige Folgen – das
sind beliebte Opernsujets. Was bedeuten
diese Themen heute?
Das kann man mit Adorno beantworten:
Das ist immer dialektisch, also eine Wechselwirkung. Egal, ob man es religiös oder
materialistisch betrachtet: Das Schicksal
ist beeinflussbar, aber trotzdem gibt es
vom Leben vorbestimmte Dinge. Doch
die Entscheidung, sich dem zu ergeben,
das Schicksal zu gestalten oder dagegen
zu kämpfen, die liegt beim Menschen.
Bei „Oper für alle“ wird
in diesem Jahr
„Tannhäuser“ gespielt
Die Emotion ins Ziel gefasst: Eine prächtig weit gefächerte Gefühlspalette bietet Kirill Petrenkos Dirigat von Wagners „Tannhäuser“.
von rita argauer
und egbert tholl
D
ieses Jahr warten die Opernfestspiele mit ein paar Herausforderungen auf. Das beginnt
mit den Projekten der Festspielwerkstatt und zieht sich
über die Festspielpremiere von Franz
Schrekers „Die Gezeichneten“ bis hin zu
„Oper für alle“. Wie, das schönste Hochkultur-Picknick, das München zu bieten hat,
ist eine Herausforderung? Ja, denn am
Sonntag, 9. Juli wird auf den Max-JosephPlatz die Aufführung von Richard Wagners
„Tannhäuser“ übertragen. Und zwar in der
Inszenierung von Romeo Castellucci.
Wenn Christian Gerhaher
den „Abendstern“ singt, dürften
schon die Sterne zu sehen sein
Nun gut, „Tannhäuser“ kennt jeder,
und in die Geschichte, die vom Sänger zwischen zwei Welten handelt, hat Wagner seine eingängigsten „Nummern“ gepackt.
Wenn Christian Gerhaher den „Abendstern“ singt, dürften die Sterne schon zu sehen sein, dank des späteren Beginns der
Aufführung an diesem Tag (nicht 16, sondern 18 Uhr). Das verspricht das reine
Glück zu werden. Aber: Man muss genau
hinhören, denn Gerhahers Kunst ist subtil,
jede Silbe wird zu einem eigenen Erlebnis.
Auf Überwältigung zielt sein Vortrag nicht.
Auch Kirill Petrenkos Dirigat dürfte eine Herausforderung für die Tonanlage
sein, so vielgestaltig im Leisen ist es, so präzis im Mischen der Farben einer riesigen
Gefühlspalette. Es wird ein ganz großes
Musikfest, und für Manche ist ja auch
Klaus Florian Vogt als Tannhäuser die reine Freude, Anja Harteros, Georg Zeppenfeld und der Chor sind eh phänomenal.
Der Mut fürs Spektakel liegt im Szenischen. Castelluccis Inszenierung scheidet
die Geister. Sie ist etwas, was einem im
Opernbetrieb sehr selten begegnet: ein
Kunstwerk für sich. Normalerweise
nimmt sich ein Regisseur eine mehr oder
weniger alte Oper und erarbeitet ein Konzept, wie das alte Stück heute für uns noch
etwas erzählen kann, über seine Musik hinaus. Einen solchen Ansatz hat Castellucci
weit hinter sich gelassen. Sein „Tannhäuser“ ist eine unmittelbar aus dem intensiven Erleben der Musik entstandene Bildfantasie über das Menschsein und dessen
Abgründe. Es ist, als betrachte man ein
Bild moderner Kunst. Entweder es rührt einen an, dann ist man machtlos begeistert.
Oder man schaut ratlos drauf, und nichts
passiert. Zugegeben: Viele Kollegen wurden wohl eher von der Ratlosigkeit gebeutelt. Aber man muss die Inszenierung an-
nehmen wie ein Geschenk, mit all ihrer
Schönheit, ihrem Schmerz. Und ihrem
sehr eigenwilligen Witz.
Wenn Wagners Tannhäuser so nun also
einen sehr zeitgenössischen Blick in der Inszenierung bekommen hat, braucht man
in der Festspiel-Werkstatt auch ein Herz
für den zeitgenössischen Klang. Als Ort für
diese Werkstatt erkor man diesmal den
Postpalast und schon das erscheint passend. Der Vorhoelzer-Bau an der Deroystraße schwankt zwischen kühler Moderne
und einem Hauch von Überwältigung.
Wenn das Programm dort mit Mark-Anthony Turnages „Greek“ eröffnet wird, befindet man sich also in einem ähnlichen Spannungsfeld. Das Werk, das 1988 bei der
Münchner Biennale uraufgeführt wurde,
vermischt – ganz dem postmodernen Eklektizismus dieser Zeit entsprechend – verschiedene Musikstile des 20. Jahrhundert.
Doch die Geschichte, die mit diesen Mitteln erzählt wird, ist alt: Turnage schrieb
diese Oper nach Steven Berkoffs gleichnamigem Theaterstück. Dieser wiederum
verarbeitet darin den Mythos um Ödipus
Oper für alle
Die Oper von ihrem elitären Sockel reißen,
das versucht man jährlich über das Event
„Oper für alle“. Dabei wird die Vorstellung
aus dem Nationaltheater heraus kostenlos auf den Max-Joseph-Platz übertragen.
In diesem Jahr ist das am Sonntag, 9. Juli,
Richard Wagners „Tannhäuser“ in einer Inszenierung von Romeo Castellucci. Von
18 Uhr an beginnt die Vorstellung, in der
Pause führt Thomas Gottschalk Backstage-Gespräche. Es lohnt sich, eine gewisse Zeit vorher da zu sein. Wenn das Wetter
gut ist, füllt sich der Platz für gewöhnlich
schnell. Und der Blick auf die Leinwände
ist nicht von allen Plätzen aus optimal.
Beim Open-Air-Konzert, ebenfalls bei
freiem Eintritt auf dem Max-Joseph-Platz,
sind Leinwände überflüssig. Hier wird am
Samstag, 24. Juni, eine ganze Bühne für
„Attacca“, das Jugendorchester des Bayerischen Staatsoper, und das Bayerische
Staatsorchester aufgebaut. Unter der Leitung von Omer Meir Wellber und Alan Bergius gibt es von 20.30 Uhr an Werke von
Prokofjew, Schostakowitsch und Tschaikowski. Die meisten Opern-Vorstellungen
sind ausverkauft, für „Die Gezeichneten“,
„Jenůfa“, die Liederabende, sowie die Werkstatt- und Ballettvorstellungen gab es bei
Redaktionsschluss noch Restkarten. ARGA
FOTO: WILFRIED HÖSL
und vermischt die griechische Antike mit
einem sozialen Brennpunkt in London
als Schauplatz. Nun wirft 30 Jahre nach
der Uraufführung unter der musikalischen Leitung von Oksana Lyniv das junge Regie-Team um Wolfgang Nägele und
Franziska Boos erneut einen gegenwärtigen Blick auf die Geschichte.
Die zweite große Produktion der Festspiel-Werkstatt enthebt sich dann dem
herkömmlichen Prinzip ein bereits vorhandenes Stück neu zu inszenieren. Das
Agora-Musiktheaterkollektiv stellt sich
in der Uraufführung des Stücks „Catarsi“
bewusst gegen die Werktreue. Schon
über die gesamte Spielzeit hinweg haben
die Künstler unter dem Titel „Prozessor
I-III“ an der Bayerischen Staatsoper alternative Rezeptionsmodelle und Blickwinkel zu Beethovens „Fidelio“ angeboten.
Das multimediale Stück „Catarsi“ baut
auf diesen Untersuchungen auf. Im Arrangement und unter der musikalischen
Leitung von Benedikt Brachtel sollen die
Zuschauer dann sowohl virtuell als auch
ganz real durch Leonores und Florestans
Welten wandern können.
Oper für alle: Tannhäuser, Sonntag, 9. Juli, 18
Uhr, Max-Joseph-Platz, Greek, Mo./Di., 26./27. Juni, und Mo./Di., 3./4. Juli, je 20.30 Uhr, Catarsi,
Mi./Do., 28./29. Juni, und Sa./So., 1./2. Juli, je
20.30 Uhr, Postpalast, Wredestraße 10
BAYERISCHE STAATSOPER
MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE 2017
24. JUNI–31. JULI
Partner der Opernfestspiele
Der gebürtige Österreicher
Nikolaus Bachler ist seit 2008
Intendant der Bayerischen
Staatsoper. FOTO: MARKUS JANS
Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ ist
ein eher unbekanntes Werk. Wie kam es
zu dieser Wahl als Festspiel-Premiere?
Franz Schreker war zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts ein wichtiger Komponist. Seine Opern standen gleichwertig zu
Richard Wagner, wurden zahlreich aufgeführt und viel häufiger gespielt als etwa
Richard Strauss. Deshalb haben wir „Die
Gezeichneten“ parallel zu Wagners
„Tannhäuser“ gestellt. Doch „Die Gezeichneten“ ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Denn in den Dreißigerjahren
war Schreker verfemt und verboten. In
Folge dessen geriet Schrekers Werk in
Vergessenheit, bis weit in die Fünfzigerund Sechzigerjahre hinein. Erst dann erlebte es eine kleine Renaissance. In München wurde es jedoch seit Beginn des
20. Jahrhunderts nicht mehr inszeniert,
es ist also höchste Zeit dafür.
Was folgt für Sie auf den letzten Vorhang
der Münchner Opernfestspiele?
Wie Sie wissen, ist unser Metier ein flüchtiges, also kann ich dazu nur sagen:
Wind, Sand und Sterne.
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V3
SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE
Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH
Zum Leben
erweckt
Was folgt?
Manuela
Linshalm
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Als Jugendliche dachte ich noch, der Ruf
der Bühne sei vielleicht nur eine pubertäre Einflüsterung – aber bald war mir klar,
dass ich mich dieses Rufs nicht erwehren
konnte. Die konkrete Stimme jedoch, die
mich nun zur Oper bringt, ist jene von Nikolaus Habjan, der mich als Bühnenpartner und Regisseur schon lange begleitet.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Ich habe mich immer wieder von Rollen
und Projekten überraschen und „finden“
lassen und kam dadurch an Orte und Inhalte, die ich konkret gar nicht hätte erdenken können. Ich habe auch vor, es weiterhin so zu handhaben. . .
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Vieles, das ich gerade im Repertoire spiele, kommt in der nächsten Spielzeit wieder. Etwa Mephisto im „Faust“ in Graz, eine Rolle, die ich sehr liebe. Am Wiener Rabenhof läuft weiterhin „Kottan ermittelt“, gemeinsam mit Nikolaus Habjan.
Danach folgt ein Figurentheaterprojekt
zum Stoff von „Jedermann“, und ein spannendes, zeitgeschichtliches Projekt an
den Vereinigten Bühnen Bozen.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinter
her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Durch die Gastspielbesuche meiner Familie und Freunde schreibt die ÖBB inzwischen schwarze Zahlen. Unangenehme
Fans habe ich mir bisher noch nicht zugezogen – zumindest nicht wissentlich.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Erst einmal der Wechsel von der Arbeitslosenversicherung zur Selbstversicherung. Dann ein unregelmäßiger Lebenswandel, aber ständig neue Herausforderungen und spannende Wegbegleiter.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Ein Glas Wein und eine Dusche.
Der österreichische Puppenspieler
Nikolaus Habjan inszeniert die
zweite Festspiel-Premiere
N
von rita argauer
ikolaus Habjan ist ein penibler
Mensch. Und dementsprechend
verfolgt er seine Ziele recht konsequent. Und das eigentlich
schon seit er vier Jahre alt ist. 1991 war das,
so genau weiß der mittlerweile 29-jährige
Österreicher das noch. Da besuchte er eine
Vorstellung des Salzburger Marionettentheaters von Mozarts „Zauberflöte“. Und
seitdem habe Habjan diesen Traum gehabt, der ihn nie wieder losgelassen hat: Er
wusste, dass er irgendwann Opern inszenieren will. Und zwar mit Puppen.
Opernregie, ja, das ist für einen Vierjährigen an sich schon eine recht genaue Vorstellung von dessen zukünftigem Berufsleben. Und es ist faszinierend genug, dass
Habjan diesen Plan so durchgezogen hat.
Denn nach der Schule begann der gebürtige Grazer ein Studium der MusiktheaterRegie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Doch Opernregie
war eben nur die Hälfte von Habjans Berufswunsch. Es mussten die Puppen hinzu
kommen. Und das zeigte sich ein wenig
komplizierter: „Puppenspiel kann man in
Österreich leider nicht studieren“, erklärt
er. Also besuchte er einen Workshop des
australischen Puppenspielers Neville
Tranter. Anschließend ging es autodidaktisch weiter. Mittlerweile unterhält Habjan ein Atelier, in dem er seine oft lebensgroßen Puppen selbst baut und fast erschreckend naturalistisch ihren menschlichen Mitspielern auf der Bühne nachempfindet. Bei den Münchner Opernfestspielen wird es so etwa eine Puppe mit den Antlitz von Annette Dasch geben.
Ergänzend: Die Bühne
als stilisierte Welt benötigt
auch stilisierte
Bewohner, also Puppen.
FOTO: H. HOCHSTÖGER / AGENTUR FOCUS
Puppenspiel ist in der heutigen Theaterlandschaft eine Nische. Doch für Habjan
haben die Puppen einen besonderen Reiz:
„Puppen haben andere Parameter“,
drückt er das etwas kompliziert aus und
meint letztlich doch eine recht einfache
Feststellung: Die Bühne an sich ist ein stilisierter Ort, wenn man versuche dort besonders naturalistisch zu sein, wirke das oft
sehr künstlich. Puppen hingegen sind
ebenso stilisierte Menschen wie die Bühne
eine stilisierte Welt ist – also passen die Parameter da zusammen, und es kann Kunst
entstehen, deren Wirkung emotional in
die menschliche Wirklichkeit zielt, so Habjans Theorie.
In der Praxis löst sich diese Theorie gerade ein. Denn Habjan und seine Puppen
sind erstaunlich gefragt. 2013 bekam er
für die Inszenierung von Elfriede Jelineks
„Schatten (Eurydike sagt)“ am Akademietheater des Wiener Burgtheaters den Nestroy-Theaterpreis. Szenen mit der Puppe,
die er nach den Gesichtszügen von Jelinek
dafür anfertigte, sind ein kleiner YoutubeHit im Internet geworden. Es folgten Arbeiten am Schauspielhaus Graz oder dem Wiener Volkstheater. Und nun hat Carl Maria
von Webers Oper „Oberon, König der Elfen“ bei den Münchner Opernfestspielen
Premiere.
Nikolaus Habjan fertigt
die lebensgroßen
Klappmaulpuppen selbst
Die romantische Oper, die 1826 am Londoner Covent Garden uraufgeführt wurde,
spielt in der Welt der Feen und Elfen. Die
Übergänge von der fantastischen Welt der
Feen zur Menschenwelt und die darin spielenden Liebeswirren sind dabei fließend.
Eine Grundsituation, die sich für Habjans
Regiestil anbietet. Denn Habjan spielt
nicht ausschließlich mit Puppen, so wie er
das als Kind im Salzburger Marionettentheater gesehen hat. Habjan setzt seine
selbst gefertigten, lebensgroßen Klappmaulpuppen neben echten, lebendigen
Sängern ein. Etwa eben Annette Dasch, die
in Oberon die Kalifentochter Rezia singen
wird oder Julian Prégardien in der Titelrolle. „In dem Stück gibt es einen sehr hohen
Anteil von gesprochenen Passagen“, erklärt Habjan. Das habe er als Konzept übernommen: Die Puppen spielen die Sprechrollen, die Sänger singen.
Für Habjans Karriere markiert diese Arbeit für die Bayerische Staatsoper einen
größeren Schritt. Es ist seine erste Arbeit
dort, Staatsintendant Nikolaus Bachler habe ihn dafür angefragt. In München hatte
er zuvor etwa sein allererstes Stück
„Schlag sie tot“ im NS-Dokumentationszentrum gezeigt. „Oberon“ ist jedoch eine
große Auftragsarbeit, bevor eine Inszenierung Habjans von Pierre Carlet de Marivaux’ „Streit“ am Residenztheater in der
kommenden Spielzeit folgen wird.
Habjan verfolgt dabei als Künstler einen interessanten Ansatz. Denn er legt
sich nicht ausschließlich auf eine Theatersparte fest. Sein ästhetisches Alleinstellungsmerkmal sind hingegen die Puppen.
Und mit denen erschafft er Sprechtheaterabende genauso wie Opern, damit kann er
sich den postmodernen Textströmen einer Elfriede Jelinek genauso nähern, wie
einem Klassiker wie Lessings „Nathan der
Weise“, den er zuletzt am Wiener Volkstheater inszenierte.
Oder aber Habjan bewegt sich gleich
ganz weg von der klassischen Theatersituation. Etwa bei einem Liederabend.
Denn in München wird er nicht nur den
„Oberon“ inszenieren, er tritt auch in einem Liederabend mit der Musicbanda Fra-
Zielstrebig: Seit er vier Jahre alt ist, weiß Nikolaus Habjan,
dass er Opern mit Puppen inszenieren möchte.
Mittlerweile betreibt er ein eigenes Atelier, in dem
er seine Puppen herstellt und wird als
Regisseur immer gefragter. FOTOS: HANS HOCHSTÖGER / AGENTUR FOCUS
nui auf. Das zehnköpfige Osttiroler Ensemble balanciert spielerisch zwischen Kunstlied und Volksmusik und widmete sich sowohl den großen romantischen Liedkomponisten Schubert, Brahms und Mahler,
als auch folkloristischen Tänzen.
Habjan lernte die Truppe bei einer Arbeit 2012 am Wiener Volkstheater kennen.
Für ihren Liederabend in München kombinieren sie nun Texte von Robert Walser
mit Liedern von Schubert, Schumann und
Mahler und spielen das mit sechs Blasinstrumenten sowie Geige, Kontrabass, Hackbrett und Harfe. Dabei soll unter dem Titel
„Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ die in
der Romantik so symbolträchtige Figur
des Wanderers nachgezeichnet werden.
Und anders als in „Oberon“, wo Manuela
Linshalm, Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock die Puppen spielen, steht
Habjan mit Franui dann einmal auch
selbst auf der Bühne und führt seine selbstgebauten Klappmaulpuppen durch das Leben des Wanderers.
Oberon, König der Elfen, Freitag/Montag/Donnerstag, 21./24./27. Juli, je 19 Uhr, Sonntag, 30. Juni, 18 Uhr, Franui Liederabend, Freitag, 28. Juli, 20
Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12
Carte blanche zum Rumspinnen
Der Komponist Benedikt Brachtel hinterfragt mit seinem Künstlerkollektiv „Agora“ die Strukturen von Opern
„Agora“, sagt Benedikt Brachtel, „das ist
für uns wie im antiken Griechenland der
Ort des Austauschs, der Ort, an dem Dinge
verhandelt werden“. Agora, so heißt das
Musiktheaterkollektiv, das der gebürtige
Münchner 2015 gemeinsam mit vier weiteren Künstlern gegründet hat: Anna Brunnlechner, Benjamin David, Claudia Irro und
Valentin Köhler. Alle fünf kennen das Geschäft in Theaterinstitutionen ebenso wie
in der freien Szene, und sie bringen ganz
unterschiedliche Expertisen mit: Regie,
Dramaturgie, Bühnenbild, Kostümbild,
Sounddesign, Komposition, musikalische
Leitung – alles, was man für eine Musiktheaterproduktion braucht.
In Basel und München haben sie sich
kennengelernt und festgestellt, dass sie
„in genau diesem Team längerfristig und
regelmäßig zusammenarbeiten wollen“,
erklärt Benedikt Brachtel. Als Konzeptionsteam würden sie sehr gut funktionieren, sagt der Komponist, DJ und Dirigent,
und sie hätten ähnliche Fragestellungen
rund um das Repertoire und die Form des
zeitgenössischen Musiktheaters. „Wir wollen nicht allen zeigen, wie’s besser geht“,
sagt Brachtel, „das wäre sehr anmaßend“,
aber zumindest „wollen wir die einzelnen
Ebenen der Oper auf deren Aktualität hin
überprüfen und andere Vorschläge liefern“.
Genau das ist der Auftrag im Rahmen ihrer einjährigen Residenz an der Bayerischen Staatsoper: Das Musiktheaterkollektiv Agora soll das Phänomen Oper auf Institutionalisierung, Rezeptionsweisen, Narrativität und Aktualität hin untersuchen. Die
Staatsoper kündigte sie als „Parasiten“ im
eigenen Haus an; für Benedikt Brachtel „eine Art Carte blanche zum Rumspinnen“.
An drei Abenden haben sie unter dem Titel
„Prozessor I-III“ Beethovens Oper „Fidelio“ als exemplarisches Werk auf die verschiedenen Aspekte hin untersucht, bei
den Opernfestspielen folgt nun als Abschluss-Experiment das Stück „Catarsi“.
„Prozessor I-III“ war eine formale, recher-
chehafte Untersuchung, die aber – ganz
im Sinne der Oper – auch emotional und
theatral erlebbar gemacht wurde.
An einem Abend installierten sie auf
der Bühne des Nationaltheaters zwölf kleine Kameras, etwa im Souffleurkasten,
und übertrugen die Aufführung live in ein
Nebenzimmer. Jeder Zuschauer dort bekam ein Tablet und konnte verschiedene
Kanäle auswählen – plötzlich war man
ganz nah am Sänger dran, stand aber eigentlich weit weg. Zudem hackte sich das
Kollektiv in die Vorstellung ein, überlagerte Perspektiven, schaltete den Musikkanal
zeitweise ab. „So wurde die direkte Macht,
die von der Bühne auf die Zuschauer übertragen wird, unterbrochen“, sagt Benedikt
Brachtel.
Agora geht es darum, „ein bisschen frische Luft in die Konserve“ zu lassen. Die
gängigen Stücke im Repertoire der meisten Opernhäuser seien „unglaublich wichtige Werke“, doch den Umgang mit den
Werken gelte es zu überprüfen. Auch in
Anlehnung an das Spielzeit-Motto der
Staatsoper „Was folgt“ stellen sie sich Fragen wie: „Was folgt, wenn in 50 Jahren
Das Boxensystem 4DSound ist für
Benedikt Brachtel genauso ein
Klangkörper wie ein Orchester
DJ und Komponist: Für Benedikt Brachtel sind die Grenzen zwischen U- und E-Musik fließend.
FOTO: GABRIEL WOLF
kein Geld mehr da ist, so eine Institution
zu erhalten? Was folgt, wenn die Leute
nicht mehr kommen, weil sie die Musik
nicht mehr wertschätzen? Wie sieht die Zukunft der Oper aus?“ Es sei klar, dass sich
solche Fragen nicht beantworten lassen,
sagt Brachtel, aber: „Man kann überlegen,
welchen Stellenwert zeitgenössische Medien und Ästhetiken in diesem Betrieb haben.“
Man könne zum Beispiel mit dem Boxensystem 4DSound experimentieren,
das für Brachtel genauso ein Klangkörper
ist wie ein Orchester. Man könne den Begriff der Werktreue – „in der Oper noch
ein heiliges Kalb“, wie Brachtel es ausdrückt –, hinterfragen und sich anschauen, wie man im Theater mit ShakespeareTexten umgeht: Da werde schon längst
umgeschrieben, geremixt, dekonstruiert.
In dem Stück „Catarsi“, das im Rahmen
der Opernfestspiele im Postpalast inszeniert wird, setzen sich Brachtel und seine
Kollegen erneut mit „Fidelio“ auseinander. Leonore und Florestan leben in zwei
Welten: Florestan ist gefangen in einer virtuellen Welt, Leonore versucht, aus der realen Welt zu ihm durchzudringen. Doch die
Macht, die Florestan gefangen hält – eine
künstliche Intelligenz, ein Algorithmus –,
will von ihm die Essenz dessen, was den
Menschen noch von der Maschine unterscheidet: seine Gefühle.
Die Inszenierung spielt stark mit der Architektur des Postpalasts und seiner riesigen Glaskuppel, der Raum wird bis zum
Boden mit Gaze verhängt. Zu Beginn wird
das Publikum mit einem Parcours an das
Setting herangeführt. Ein 13-köpfiges Ensemble aus klassischen und elektronischen Musikern vereint Beethovens Klangwelt mit einer geräuschhaften, atmosphärischen Ebene, geschaffen vom 4D-Soundsystem mit 59 Boxen. Es soll ein Abend
werden, „der auf allen Ebenen vereinnahmend sein soll, der nicht nur zum Denken,
sondern auch zum Fühlen anregen soll“,
sagt Benedikt Brachtel. Also: Oper im besten Sinne, aber mit zeitgemäßen Mitteln.
barbara doll
Catarsi, Mi./Do., 28./29. Juni, Sa./So., 1./2. Juli, je
20.30 Uhr, Postpalast, Wredestraße 10
Die Schauspielerin Manuela
Linshalm führt eine der Puppen
in „Oberon, König der Elfen“.
FOTO: BAYERISCHE STAATSOPER
Was folgt?
Pavol
Breslik
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Noch während dem Studium hätte ich nie
gedacht, dass ich je auf solchen Bühnen
wie München, London oder Wien singen
würde. Aber die Oper hat mich verzaubert, und seit ich 21 bin stehe ich auf der
Bühne.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Das Wort „muss“ ist kein schönes Wort.
Ich bin dankbar für jede schöne Partie. Es
gibt so viele schöne Opern von denen ich
träume, und wer weiß, vielleicht erfüllen
sich meine Träume ja auch. Aber wie man
sagt: „Jeder erfüllter Traum ist eine Sehnsucht weniger.“
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Nach meinem Liederabend in München
hab ich paar Tage frei und werde Energie
für die nächste Spielzeit tanken, die ich
mit einer Neueinstudierung von „Onegin“ beginne.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinter
her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Es gibt es paar von meinen festen Fans,
die fast zu jeder Vorstellung kommen.
Egal wo sie sind. Sie haben sich zu einem
Freundeskreis geformt, und ich finde es
sehr rührend, dass sie die Zeit und das
Geld investieren. Ich lade alle dann einmal im Jahr als Dankeschön zum Abendessen, und es ist immer eine schöne Zeit.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Dieser Beruf bringt ganz viel Schönes mit
sich. Aber es gibt auch die andere Seite:
Ich würde gerne mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, und je älter ich werde,
desto mehr vermisse ich mein eigenes Zuhause.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Meistens ein kaltes Bier oder ein Glas guter Rotwein.
Pavol Breslik gibt am Samstag,
29. Juli, einen Liederabend im
Prinzregententheater.
FOTO: TANJA NIEMANN
SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE
DEFGH Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017
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Was folgt?
Thomas
Hampson
Zwei Seiten: Je mehr Schönheit es gibt, desto mehr Dunkel gebe es auch, sagt Regisseur Krzysztof Warlikowski.
FOTO: WILFRIED HÖSL
Im Vulkan
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Ich bin dankbar, dass ich vor 35 Jahren
meine Passion zum Beruf machen konnte und seither international auf den Konzert- und Opernbühnen stehen darf. Meine Liebe zur Oper entdeckte ich für einen
professionellen Musiker eigentlich spät.
Oftmals spricht man von einer inneren
Stimme, die einem unterbewusst mögliche Wege aufzeigt – meine innere Stimme sagte mir, dass ich Gedanken durch
Musik hörbar machen möchte.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
In meiner Karriere durfte ich bisher großartige Partien singen. Das war und ist natürlich großartig und vor allem künstlerisch sehr spannend. Die einzige Rolle,
die in gewisser Weise noch als großer, unerfüllter Traum in meinem Kopf herumschwirrt ist Falstaff.
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Die Münchner Opernfestspiele sind ein
bedeutendes Festival in der Musikwelt
Europas, und es ist für mich jedes Mal eine große Ehre und Freude hier gastieren
zu dürfen. Die nächsten Stationen sind
Düsseldorf, wo ich zu einer Operngala an
der Deutschen Oper am Rhein eingeladen wurde, sowie das Verbier Festival Ende Juli. Im August geht es mit Sommerfestivals etwa in Bremen und der Saisoneröffnung am Staatstheater in Hannover
weiter.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinter
her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Dass Menschen weder Kosten noch Mühen scheuen, um mich in unterschiedlichsten Städten auf der Bühne zu erleben, ist für mich emotional sehr berührend. Es macht mich aber auch sehr demütig. Als Künstler andere Menschen so
sehr zu berühren, dass sie weit reisen, um
mich so häufig wie möglich live zu erleben, ist ein besonderes Geschenk, denn
auch die Begegnungen „off stage“, also
wenn ich Fans am Bühneneingang treffe,
sind immer sehr herzlich.
Verfemt, vergessen, wiederentdeckt: Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ ist die große Festspielpremiere
und ein fabelhaftes Stück, das an die große Zeit jüdisch-deutsch-österreichischer Kultur erinnert
von egbert tholl
W
ill man sich in zehn Minuten
einen Überblick über die Musik von Franz Schreker verschaffen, muss man sich nur
die Ouvertüre von dessen Oper „Die Gezeichneten“ anhören. Sie bildet die Atmosphäre der dreistündigen Oper ab, skizziert nicht deren Handlungsverlauf. Der
Klang evoziert die Aura der Hauptfiguren.
Da der Hässliche, erfüllt von der Gier nach
und der Faszination für die Schönheit.
Dort die schöne Kranke, zerbrechend, fragil. Und dann noch der virile Stecher, glänzend und vital. Schreker machte aus der
Ouvertüre auch ein Konzertstück, das
folgt dann einem traditionelleren Bauplan. In der Urform der Einleitung für die
Oper aber ist das Stück ein Fließen und
Schweben, ein Gerinnen von Klang, auskomponierter Freiraum mit einer Phantasmagorie der Orchesterfarben. Für Schreker war das Orchester insgesamt ein Instrument, das er virtuos beherrschte, ein
Klangwerkzeug.
„Die Gezeichneten“ sind
der Höhepunkt von
Franz Schrekers Schaffen
„Die Gezeichneten“ erlebten ihre Uraufführung im April 1918 am Frankfurter
Opernhaus. Die Oper ist der Höhepunkt
von Schrekers Schaffen. 1919 kam sie in
München heraus, es folgten zahlreiche Produktionen an vielen wichtigen Opernhäusern, Berlin, Wien, Stuttgart, Hannover.
Dann kamen die Nazis, kam der Krieg,
kam das Diktum des Fortschritts in der
Musik im Nachkriegsdeutschland, das seltsam willkürlich bestimmte, was aufzuführen sei. Eine ganze Sphäre der Musik ging
für lange Zeit verloren, als wiederholte
sich die ästhetische Selektion der Nazis.
Die Opern von Schreker, Korngold, Zemlinsky waren als „entartete“ Musik von
den Bühnen verbannt worden. Nach 1945
galten sie als überholt – tausend ältere
Werke indes nicht. „Die Gezeichneten“ erlebten ihre Renaissance 1979, wiederum
in Frankfurt. Darauf folgten einige weitere
Inszenierungen wie etwa 2005 bei den
Salzburger Festspielen oder davor 2002 in
Stuttgart in der Regie von Martin Kušej.
„Der Verlust des Bewusstseins historischer Kontinuität nach dem Krieg, den
man so vielfach in Deutschland bemerkt
hat, reicht auch in die Musik hinein. Manche Komponisten, die vor der Hitlerdiktatur erheblichen Einfluss übten, sind heute
schlechterdings vergessen. Der berühmtste unter ihnen war Franz Schreker.“ Das
schrieb Theodor W. Adorno 1959, und da
es sich hierbei um einen Rundfunkbeitrag
handelt, versteht man sogar unmittelbar,
was er sagen will. Adorno hatte die Uraufführung in Frankfurt gesehen und gesteht
in diesem Beitrag auch freimütig, dass er
sich als Vierzehnjähriger einen besonderen erotischen Kitzel von der Oper erhofft
hatte, der so dann aber doch nicht eintrat.
Es geht aber um Erotik. Um Verlangen,
Begierde, Begehren. Alexander von Zemlinsky, Schrekers Komponistenkollege, erbat sich von diesem ein Libretto, das die
„Tragödie des hässlichen Mannes“ in Worte fasste. Schreker schrieb – und war dann
so von der Idee begeistert, dass er das
Buch bei sich behielt und selbst daraus eine Oper machte. Viele Einflüsse kommen
im Textbuch zusammen. Sicherlich die
Wiener Gedankenwelt von Freud, Karl
Kraus oder auch dem durchgeknallten Otto Weininger, literarische Vorlagen von Oscar Wilde, Maeterlinck oder Wedekind.
Genua, 16. Jahrhundert, Renaissance.
Alviano Salvago, der sich wegen seiner
Hässlichkeit von der Welt abwendet, er-
schafft auf einer Insel ein künstliches Paradies der Schönheit, das Elysium, das er
aber selbst bislang noch gar nicht besucht
hat. Dafür aber seine adeligen Freunde,
die aus der Grotte auf der Insel einen Ort
der Lust machen; sie verschleppen dorthin die jungen Frauen Genuas. Als Alviano
davon erfährt, beschließt er, die Insel mit
der Grotte den Bürgern Genuas zum Geschenk zu machen. Die Adeligen sind entsetzt, intervenieren bei Fürst Adorno
(nicht der oben zitierte), während es zu einer Begegnung zwischen Alviano und Carlotta, der Tochter des Podestà kommt.
Gleichzeitig ist der geile Adelige Tamare
hinter ihr her. Carlotta, die herzkranke
Künstlerin, malt Alviano, und in dieser Szene im Atelier entsteht für einen Moment
die reinste Liebe, die unerfüllt bleibt. Beim
Eröffnungsfest der Insel verführt (oder
vergewaltigt) Tamare Carlotta, Alviano erkennt sein Unglück, ersticht Tamare, Carlotta stirbt an ihrem Herzen, Alviano wird
wahnsinnig, die Oper ist aus.
„Es gibt sehr viele Fragen, bezüglich
der Szene im Atelier oder der Vorgänge in
der Grotte. Ich habe eine Lösung dafür gefunden. Es ist eine mögliche Lösung.“ Krzysztof Warlikowski inszeniert „Die Gezeichneten“ für die Festspielpremiere am 1. Juli.
An der Bayerischen Staatsoper hat er bereits „Eugen Onegin“ und „Frau ohne
Schatten“ inszeniert, er leitet das Nowy Teatr in Warschau und hat inzwischen reichlich Opernerfahrung gesammelt. Ein Gespräch mit ihm hat für sich schon einen hohen performativen Wert. Zwischen den
Schwaden seiner Elektrozigarette blitzen
die Augen, vor allem aber reden die Hände. Die sind permanent in Bewegung, und
reicht diese Bewegung nicht mehr aus,
springt er auf und läuft im Raum herum.
Das Gespräch mäandert, viel geht es
um die Szene in Carlottas Atelier, um das
Elysium, um die Bedeutung Schrekers in
der Operngeschichte. In Polen, wo Krzysztof Warlikowski lebt und arbeitet, wenn
er nicht gerade irgendwo anders inszeniert, in Brüssel oder Paris, kennt man
Schreker nicht. Er lernte „Die Gezeichneten“ kennen, als die Staatsoper ihn fragte.
Jetzt weiß er alles, und überhaupt scheint
dieses Stück genau das richtige für ihn zu
sein. Oper ist für ihn die Absenz von Logik,
diese Oper ist dies im Speziellen, dazu ist
Für Warlikowski ist diese Oper
kein Stück, das man einfach so
herunterinszenieren kann
sie auch noch eine Künstleroper. Schreker
fragt, was Kunst sei, er fragt auch, was
Schönheit sei. Krzysztof Warlikowski: „Je
mehr Schönheit es gibt, desto mehr Dunkel gibt es auch. Alviano glaubt an das Elysium, er ist wie Prospero in Shakespeares
,Sturm’“. Und wäre er kein Monster, wer
weiß, vielleicht würde er sich genauso verhalten wie jene Adeligen, die die Grotte zur
verbrecherischen Befriedigung ihrer Lust
missbrauchen.
Für Warlikowski ist diese Oper kein „piece well done“, also kein musikalisches wellmade-play, das man einfach so herunterinszenieren könne.Sie ist ein Vulkan, eine Vision des Untergangs. Hier verweist Schreker da auch auf sich selbst. Egal wie akzeptiert er war, er war Jude, er ahnte vielleicht
sogar schon 1918 die Vernichtung der Menschen seines Glaubens. Viel später, 1930
schrieb er an seinen Freund Arnold Schönberg: „Also wieder zurück nach dem HitlerBerlin. Vielleicht schmeißt man uns hinaus. Aber dann mit voller Pension.“ Schönberg, darauf verweist Warlikowski, wurde
zwischenzeitlich Christ, mit dem Gedanken „vielleicht werde ich dann menschlich
für euch“. Das klappte nicht. Und auch das
mit der Pension erfüllte sich bei Schreker
nicht. In Monaco geboren, in Wien aufgewachsen avancierte er zu einem der meistgespielten Opernkomponisten, überholte
Strauss, wurde 1920 zum Direktor der Musikhochschule Berlin ernannt, 1932 dazu
noch Leiter der Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der
Künste. Er galt als Meisterlehrer. 1933
schmiss man ihn hinaus, ohne Pension. Er
erlitt einen Herzinfarkt und starb 1934,
zwei Tage vor seinem 56. Geburtstag.
„Die Welt heute scheint zu arm für dieses Stück. Aber wir kommen an den Punkt,
an dem wir Schreker verstehen, mit unserem Luxus, unserer Egozentrik.“ Krzysztof Warlikowski sieht das aufregende Potenzial im Werk selbst. „Ein Skandal-Regisseur zu sein, ist leicht.“ Findet er komplett uninteressant. Ihn interessiert etwas
anderes. Die Unabdingbarkeit, mit der
Schreker genau diese Oper schreiben
musste, nach seinem eigenen Text – nicht
wie Richard Strauss, der Texte von Hofmannsthal vertonte und in der Klangsprache mit Schreker manchmal verwandt
scheint, nur kommt bei Schreker noch etwas viel Überbordenderes hinzu, „wunderschöner Eklektizismus“. „Die Gezeichneten“ ist für Warlikowski das Stück, das
Schreker schreiben musste, wie Schönberg „Moses und Aron“, wie Alban Berg
„Wozzeck“.„Ich habe sehr viel Empathie
für Schreker. Ich verstehe ihn.“
Vielleicht auch, weil es in Polen unter
der derzeitigen Regierung nicht immer
sehr lustig sein dürfte, Kunst zu machen.
Warlikowski, ein zarter Nervenmensch,
braucht Freiheit, plädiert die Freiheit der
Kunst, fordert für die Kunst den Schutz
der Gesellschaft. Oder besser gesagt: Er erhofft sich eine Gesellschaft, die die Kunst
in allem respektiert.
Die Gezeichneten, Sa./Di. /Fr. u. Di., 1./4./7. u. 11.
Juli, je 19 Uhr, Nationaltheater, Max-Joseph-Platz 2
Der Bariton Thomas Hampson
gibt am Mittwoch, 28. Juni,
einen Liederabend im Nationaltheater. FOTO: DARIO ACOSTA
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz
einfach. Der logistische Aufwand und die
Disziplin, die eine internationale Sängerkarriere erfordern, sind künstlerisch
aber auch in banalen Details wie etwa in
der Termin- und Reiseplanung sehr komplex. Zweifelsohne lebt man als Sänger
für die Kunst. Dafür muss man viel studieren und sich ernsthaft vorbereiten. Ein
Berufsleben auf der Bühne ist gleichzeitig fordernd und sehr erfüllend.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Der Schluss.
Liederabende
Nicht nur die großen Inszenierungen bestechen bei den Münchner Opernfestspielen. Manche Sänger präsentieren sich
nahbar und persönlich in besonderen Liederabenden. Etwa Anja Harteros mit einem Programm von Schubert und Schumann zu Alban Berg und Strauss am
12. Juli. Oder Simon Keenlyside, der mit
einer Band und Songs von George Gershwin und Kurt Weill am 18. Juli auftritt. Anders als für die meisten Opernvorstellungen gibt es für fast alle der sechs Liederabende noch Karten.
arga
Was folgt
John Daszak
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Ich war eigentlich immer von Musik umgeben. Mein Vater war sehr musikalisch und
meine Mutter liebte die Oper. Im Alter von
sieben Jahren begann ich an der Chetham’s School of Music in Manchester Klavier und Violine zu studieren, da gab es
dann oft die Gelegenheit, auf der Bühne
aufzutreten. Zu dieser Zeit entdeckte ich
auch meine Liebe zum Gesang.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Es gibt viele Rollen, die ich gerne noch singen würde. Ich habe das Glück, dass ich
nie auf einen bestimmten Teil des Repertoires beschränkt war, ich habe sehr interessante und zum Teil unfassbar fordernde
Rollen gesungen. Damit will ich nicht aufhören, solange mich die Musik und die Figur reizt, gibt es kaum eine Herausforderung, die ich nicht annehmen würde.
Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele?
Nach der Premiere von „Die Gezeichneten“ reise ich nach Salzburg zu den Proben
für die Festspiele, ich gebe dort mein De-
John Daszak singt den Alviano
Salvago in der Oper „Die Gezeichneten“. FOTO: ROBERT WORKMAN
büt als Tambourmajor in „Wozzeck“.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher, und werden Sie manchmal sogar auf
unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Als Sänger lebt man oft länger aus dem
Koffer. Nach 25 Jahren habe ich mich daran gewöhnt, aber um es so komfortabel
wie möglich zu gestalten, lohnt es sich, die
richtigen Koffer zu besitzen. Es sind die
kleinen Dinge, die einem helfen, sich auf
Reisen doch Zuhause zu fühlen, ich habe
meine eigene Seife und Zahnpasta dabei,
Jogging-Klamotten, Bluetooth-Lautsprecher und natürlich die Noten, die ich gerade studieren muss.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Das größte Opfer, das wir bringen, ist die
viele Zeit, die wir nicht zuhause verbringen. Ich habe viele Geburtstage und Feiern im Leben meiner Lieben verpasst. Andererseits kann ich mich schnell auf neue
Orte einlassen, in München habe ich mich
etwa immer zuhause gefühlt. Aber das Leben unterwegs kann einsam sein.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Ah, das Après-Ski! Ich esse nichts vor der
Vorstellung, weil ich mich wach fühlen
möchte. Im Idealfall gehe ich nach der Vorstellung mit meinen Kollegen auf ein oder
zwei Bier und esse einen Putensalat. In
München gibt es tolle Lokale, aber am
liebsten ist mir das Schneider Weisse Bräuhaus. Wenn die Vorstellung spät endet, ist
der Brenner aber auch beliebt. Immerhin
ist der direkt hinter dem Bühnenausgang.
Mein Kulturkalender hat
zahllose Highlights. Sieben
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4
SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE
V3
Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH
Weg mit den
alten Hosen
Was folgt?
Angela
Brower
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Ich habe das Singen schon immer geliebt,
aber erst während dem Studium habe ich
die Oper kennengelernt und wie ich mich
als Charakter in ihr durch die Schönheit
der Musik vollumfänglich ausdrücken
kann.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Es gibt so viele Rollen, die ich noch singen
möchte. Die großen Mezzo-Rollen von
Händel, zum Beispiel Ariodante, Alcina,
Sesto. . .
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Urlaub!
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Ich habe wirklich fantastische Fans. Einige folgen mir, wenn es ihnen möglich ist,
zu meinen Auftritten in andere Städte
und Theater. Ich fühle mich wirklich sehr
gesegnet durch diese wundervolle Unterstützung!
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Die meisten Sänger unterrichten. Ich denke, es ist auch eine Berufung, sein Wissen
und seine Erfahrung zu teilen, um die
nächste Generation von Sängern zu fördern und zu unterstützen. Da ich selbst
auch das Glück hatte, von so vielen inspirierenden Gesangslehrern zu lernen, ist
es nur fair, dass ich auch etwas zurückgebe.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Manchmal ein Dinner mit Freunden,
aber meistens versuche ich den Zug zu erwischen, um nicht zu spät nach Hause zu
kommen.
Der junge Grazer Patrick Hahn dirigiert
die Kinderoper „Kannst du pfeifen, Johanna“
von barbara hordych
D
ie Idee ist so einfach wie genial,
dass sie eigentlich nur Kindern
einfallen kann: Berra wünscht
sich genau so einen Großvater
wie sein bester Freund Ulf ihn hat. Einen,
der mit ihm angeln geht und gern
Schweinshaxen isst. Aber woher kriegt
man den? Kein Problem, sagt Ulf, und
nimmt Berra mit ins Altersheim. Da sitzt
der alte Nils, der schon immer einen Enkel
haben wollte. Angeln kann er zwar nicht
und Schweinshaxen findet er furchtbar,
aber dafür weiß er, wie man einen Drachen baut. Und er kann pfeifen. Etwas, das
Berra auch gerne können würde. . . In Wirklichkeit stammt die Geschichte von Berra
und seinem eigenmächtig zum Opa erklärten Nils allerdings von Ulf Stark, der für
sein Kinderbuch „Kannst du pfeifen, Johanna“ 1994 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Der
Kein geschrumpfter Parsifal
für Kinder, stattdessen ein
Originalwerk für junge Hörer
Komponist Gordon Kampe wiederum
schuf nach dieser Vorlage eine gleichnamige Kinderoper, die 2013 in Berlin uraufgeführt wurde. „Kein Parsifal für Kinder, sondern ein Originalstück für junges Publikum“, erzählt Patrick Hahn. Der österreichische Pianist und Dirigent, erst 21 Jahre
jung, dirigiert bei den Festspielen die Neuproduktion der Oper, die erstmals in München zu sehen sein wird. Und kann sich
richtig in Begeisterung reden, wenn es um
die Vorzüge des Werks geht. „Wenn ein
Kind eine neue Hose braucht, dann wäscht
man ja nicht so lange die eigene alte Hose,
bis sie endlich dem Nachwuchs passt. Man
kauft eine, die sofort passt“, zitiert er den
Komponisten Gordon Kampe. Dieser forderte 2015 öffentlich: „Sofort aufhören
mit dem Siegfriedtoscagiovannizauberflöten-Geschrumpfe – Kinder brauchen Ori-
ginale!“ Hahn, der seine Gesangsausbildung bei den Grazer Kapellknaben erhielt,
kennt diese eingedampften Versionen nur
zu gut. Als Zwölfjähriger habe er als einer
der drei Knaben in der „Zauberflöte“ gesungen. „Wenn wir aber nichts zu tun hatten bei den Proben, haben wir sofort angefangen, ein eigenes Stück zu komponieren, weil uns das viel mehr Spaß machte“,
sagt Hahn und lacht. Die dabei entstandene Kurz-Oper „Die Frittatensuppe“ erlebte übrigens 2008 unter seiner Leitung tatsächlich ihre Uraufführung in Graz.
Wie hat man sich nun die Inszenierung
im Münchner Postpalast vorzustellen?
„Ungewöhnlich“, sagt Hahn spontan. Zunächst einmal sitze kein reguläres Orchester im Graben, sondern das sechsköpfige
Instrumentalensemble sei in das Geschehen auf der Bühne involviert. Aus musikalischer Sicht kein leichtes Unterfangen,
denn die Orchestermusiker müssten sich
links und rechts am Bühnenrand verteilen
und darauf achten, den drei Sängern – die
Protagonisten Berra, Ulf und Nils sind mit
Tenor, Bariton und Bassbariton besetzt –
und den zwei Kinderdarstellern nicht in
die Quere zu kommen. Kinder sind also
auch beteiligt bei der Aufführung? „Ja, das
ist das Besondere an der Münchner Inszenierung; anders als in der Aufführung in
Berlin war es der große Wunsch unseres
Regisseurs Łukasz Kos, dass in den Spielszenen wirklich acht- und neunjährigen
Kinder agieren“, sagt Hahn. Während also
die erwachsenen Sänger sich an ihre Erlebnisse in der Vergangenheit erinnerten,
stellten die jungen Mitwirkenden die
Handlung dar. Und da müsse man es ihnen „abkaufen“ können, dass sie auf diese
wunderbare Idee mit dem Altersheim kämen. „Das wäre bei vierzehnjährigen Darstellern nicht mehr glaubwürdig“.
Was reizt ihn selbst als Dirigent an Kampes Werk? „Die spannenden musikalischen Effekte, die Verschmelzung unterschiedlichster Stilebenen, von scheinbar
Unzusammengehörigem“, sagt Hahn. Tango und Walzer gehörten dazu, eine Art
Nostalgie-Tanzkapellen-Sound erzeuge
heitere Melancholie, ebenso wie der immer wieder auftauchende alte Schlager
„Kannst du pfeifen, Johanna?“. „Im Altersheim intoniert ein Schlagwerk auch schon
mal einen Eierschneider“, sagt Hahn, und
wenn im Libretto von einer Zahnlücke die
Rede sei, erklinge auf dieses Stichwort hin
ein „Zahnton fies“ der Klarinette. Deftige
Spielanweisungen wie „volle Kanne“, „immer ratzfatz druff“ oder „immer mit tüchtig Schmackes“, mit denen Kampe, der
Komponist von Werken mit Titeln wie
„Butter und Fische“ (2012) oder „Gefühlte
Diese Johanna kann nicht
nur pfeifen, wie die Comedian Harmonists in ihrem
Schlager forderten, sondern
auch Ukulele spielen.
FOTO: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO
70 000 Bratwurststände“ (2012) gerne operiert, scheinen ihn ohnehin dafür zu prädestinieren, originäres Musiktheater für
Kinder zu schreiben. Der 1976 geborene
Kampe, der vor seinem Kompositions-Studium eine Ausbildung zum Elektroinstallateur gemacht hatte, sieht im Text von Ulf
Stark nahezu ideale Voraussetzungen für
eine Kinderoper: eine Geschichte und Figuren. „Das Erzählen von Geschichten, wie
krude, schräg und aufregend sie auch sein
mögen, scheint im Zeitalter des postdramatischen Theaters nicht mehr von Interesse zu sein – Narration ist noch immer
verdächtig“, konstatierte Kampe vor zwei
Jahren. Sein „Wunsch“ hingegen sei: „Versucht es trotzdem.“
Kannst du pfeifen, Johanna, ab 7 Jahre, Premiere:
Samstag, 8. Juli, 18 Uhr, weitere Termine 9. bis
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Angela Brower ist in „Les Contes d’Hoffmann“ (27. und 30.
Juli), sowie beim Kammerkonzert am 28. Juli zu hören. FOTO: OH
sz.de/plus-tablet
SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE
DEFGH Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017
V3
5
Was folgt?
Jonah
Cook
Fixsterne im
Festivalsommer
„Opernfreunde, pilgert nach München!“
empfahl die New York Times ihren Lesern
nach der Tannhäuser-Premiere. Neidvoll
blickt man von Manhattan aus auf die Bayerische Staatsoper, wo Intendant Nikolaus
Bachler zwar stetig betont, dass es in der
Oper um mehr gehe als um Stars, er sie
aber trotzdem alle auf seiner Bühne hat, besonders im heißen, europäischen FestspielSommer. Fixstern im Bachlerschen StarUniversum ist Jonas Kaufmann, der der
Met zuletzt schmerzliche Absagen servierte, in München aber verlässlich singt. Zu
den Festspielen erlebt man ihn in „Andrea
Chenier“ (siehe Foto) und „La forza del destino“. In Kaufmanns Gravitationsfeld bewegt sich da Dauerpartnerin Anja Harteros
(Chenier, La Forza, Tannhäuser, Liederabend). Kristine Opolais reist mit ihrem
Gatten Andris Nelsons an und steigt als Rusalka wieder ins Aquarium, Elīna Garanča
hat als La Favorite mit Karel Mark Chichon
ebenfalls ihren Ehemann am Pult und den
Bariton Mariusz Kwiecień auf dem Schoß.
Kann die Diven-Dichte noch größer sein?
Auch Joyce DiDonato, Eva-Maria Westbroek, Diana Damrau, Sonya Yoncheva – und
der darf nicht fehlen – Placido Domingo
stehen im Festspiel-Programm. „Big names make a big difference at the box office“, weiß man in New York. Bevor die Leser der Times also ins Flugzeug nach München steigen, sollte man sie warnen, für viele Vorstellungen gilt: Sorry, sold out. czg
FOTO: WILFRIED HÖSL
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Seit ich eine Vorstellung des Nederlands
Dans Theaters mit Jiří Kyliáns „Wings of
Wax“ gesehen habe. Da war ich 14 Jahre
alt, und seitdem ist meine Liebe zum
Tanz immer weiter gewachsen, auch weil
ich festgestellt habe, wie nahe man anderen Menschen dabei kommen kann.
Welche Rolle muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Ich würde gerne noch mehr Rollen tanzen, die mich emotional fordern. Ich genieße die Flucht, wenn ich mich in einer
Vorstellung völlig in einen komplexen
Charakter hinein versetze. Dabei lerne
ich auch viel über mich selbst.
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Erst einmal ein paar Wochen Ferien.
Dann werde ich beim Origen Festival tanzen und anschließend durch Europa reisen, meine Freunde und Familie treffen
und Fahrrad fahren, bevor die Herausforderungen in der nächsten Saison weitergehen.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher?
Eigentlich niemand. Das Schöne am Tänzer-Dasein ist, dass ich zum Tanzen
nichts weiter brauche als meinen Körper.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Manchmal gibt es Zeiten, in denen man
sich wie eine Marionette fühlt. Das kann
sehr entmutigend sein. An solchen Punkten muss man die Gelegenheit nutzen, in
einer Vorstellung für etwas Größeres zu
tanzen und die Menschen emotional mitzureißen.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Manchmal braucht es eine Weile, bis der
Adrenalinschub nachlässt, dann ist es
schwierig einzuschlafen. Aber ich mag es,
wenn ich mich ausgelaugt und leer fühle,
denn dann kann ich mir aussuchen, womit ich diese Leere füllen möchte.
Vier Temperamente
Die jungen Männer, die im Prinzregententheater einen Ballettabend mit Uraufführungen bestücken,
sind allesamt Tänzer, bringen aber bereits Erfahrung als Choreografen mit
von eva-elisabeth fischer
Der gebürtige Brite Jonah Cook
tanzt den Herzbuben im Ballett
„Alice im Wunderland“.
FOTO: SASCHA KLETZSCH
Was folgt?
Dustin
Klein
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Ich habe schon als kleiner Junge täglich
eine Show abgezogen. Aber dass ich das
später auch auf einer Bühne vor Zuschauern machen möchte, wurde mir erst mit
15 Jahren klar, als ich an der Royal Ballett
School in London aufgenommen wurde.
Welche Rolle muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Irgendwann einmal würde ich gerne einen der zwei Zigeuner in Hofesh Schechters „Political Mother“ tanzen. Für mich
ist dieses Stück der Wahnsinn, und es
steht wirklich ganz oben auf meiner
Wunschliste.
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Mitte Juli ist die Premiere von „Old
News“, einer von mir choreografierten
abendfüllenden Performance im Rahmen des Origen Festivals in Riom in der
Schweiz. Mit von der Partie sind die Kostüm- und Bühnenbildnerin Louise Flanagan und der Musiker Simon Karlstetter
sowie Tänzer des Bayerischen Staatsballetts und der freien Szene.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf
unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Meine Familie ist so oft wie möglich bei
meinen Auftritten dabei, ihnen ist kein
Weg zu weit. Wir haben alle eine große
Leidenschaft für die Kunst und jeder von
uns lebt diese auch aktiv in der ein oder
anderen Form aus. Zu Fans und Bewunderern habe ich ein sehr angenehmes und
ausbalanciertes Verhältnis.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Meistens ein ziemlich erschöpfter Körper
und Geist. Das ist aber durchaus im positiven Sinne gemeint.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Pizza, Bier, Stanley (mein Hund) und Louise (meine Freundin).
Dustin Klein hat „Mama, ich
kann fliegen“ für den Ballettabend „Junge Choreografen“
choreografiert. FOTO: WILFRIED HÖSL
Z
um Ende der Spielzeit setzen sie
nicht selten den Schlussakkord an
den Spartenhäusern: Mal zagend,
mal dissonant, mal selbstbewusst,
loten die Protagonisten dabei die meist unerforschte Klaviatur ihrer Möglichkeiten
aus. Die Rede ist von den Abenden junger
Choreografen als variable Größen im Repertoire. Sie sind bei den Machern vor allem deshalb so beliebt, weil sie zumeist
Tänzern aus dem eigenen Haus die Chance bieten, sich öffentlich als Choreografen
auszuprobieren. Die Kosten bleiben überschaubar, da man ja mit Bordmitteln ein
volles Programm bestreitet und dabei
auch noch, für alle Welt sichtbar, Ensemblepflege betreibt.
Staatsballettchef Igor Zelenksy hält das
Risiko klein. Für den „Ballettabend – Junge Choreografen“ im Prinzregententheater hat er vier junge Männer zwischen 23
und 30 Jahren ausgewählt, deren bisherige, offenbar vielversprechende Arbeiten
er bereits kennt. Die Tänzerinnen und Tänzer für ihre maximal halbstündigen Stücke konnten sich diese bei Workshops aussuchen – soweit das die Proben für die Premiere von Christian Spucks „Anna Karenina“-Ballett im November zuließen.
Ob wohl auch wenigstens eine Frau zur
Debatte stand? Im Quartett der Erwählten
jedenfalls findet sich keine Choreografin.
Das scheint wieder einmal zu bestätigen,
dass es offenbar keine Frau mit genügend
Potenzial und der Lust dazu gibt, für ein
großes Ballettensemble zu choreografieren. Die Amerikanerin Aszure Barton, die
auch fürs Bayerische Staatsballett zwei erfolgreiche Stücke kreierte, bleibt wohl die
Ausnahme. In Deutschland zumal, so viel
ist sicher, gibt es bis heute, 21 Jahre nach
deren Tod im Jahr 1996, niemanden, der
die große Opernregisseurin und Choreografin Ruth Berghaus beerbte.
Vier Männer – vier Temperamente. Der
Schweizer Benoît Favre – das Ensemblemitglied des Zürcher Balletts ist mit 23 der
Benjamin im Kreativ-Kleeblatt des Ballettabends – erscheint als bedächtig, grüblerisch und in sich gekehrt, während er immer neue Körperverschlingungen für einen Pas de deux aus seinem Stück „Out of
Place“ ausprobiert. Die Choreografie entsteht an und mit den Tänzern. Hier sind es
Séverine Ferrolier und Matej Urban, zwei
erfahrene Solisten des Bayerischen Staatsballetts, vertraut mit allen denkbaren
Tanzstilen dank des vielfältigen Repertoires unter Ivan Liška. Favre taut schnell
auf im Gespräch und erzählt, dass er schon
als Kind choreografierte: „Ich wollte immer kreativ sein“, sagt er. Später hat er
sich, noch in der Schule, seine Soli für Tanzwettbewerbe auf den Leib choreografiert
Socken oder Schläppchen statt Spitzenschuh: Die jungen Choreografen nehmen
sich stilistische Freiheiten.
FOTO: W. HÖSL
und findet bis heute: „Das Spannendste ist
immer das Kreieren.“
Dem stimmt Dustin Klein (siehe Interview links) begeistert zu. Der Halbsolist ist
der einzige Choreograf aus dem hiesigen
Ensemble. Total offen kommt einem der
Dreißigjährige, eine anscheinend durch
nichts zu erschütternde Frohnatur, entgegen. Er ist längst dabei, sich als Choreograf
zu etablieren, hat bereits 2015 ein Stück
für die Junior Company kreiert. Sechs Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen
Ecken der Welt hat er nun in seinem neuen
Stück „Mama, ich kann fliegen“ darauf eingetaktet, Elemente ihrer Heimat in ihre Soli einzubringen. Ermutigt zu ersten choreografischen Versuchen wurde der gebürtige Landsberger von Kurt Tykwer, dem Vater des Filmemachers Tom Tykwer, nachdem er einen Film über Pina Bausch gesehen hatte. „Ich habe gleich Blut geleckt
und bin mittlerweile ganz heiß drauf“, sagt
Dustin Klein über den kreativen Prozess
im Ballettsaal. Mit der gleichen alerten Lässigkeit, mit der er an die Arbeit geht, unterläuft er in seinem Flugtraum Hierarchien,
wie sie nicht nur in einer Ballettkompanie
gang und gäbe sind: Auf seinem Spielplatz
für sechs Tänzerinnen und Tänzer sind alle gleich – und gleich frei.
Die Freiheit der Tanzenden ist auch bei
Andrey Kaydanovskiys Stück „Discovery“
für neun bis elf Tänzer größer als sonst.
Denn der gebürtige Russe, der klingt, als
wäre er nie aus Wien heraus gekommen,
geht als reflektierter, akribischer Planer
sonst mit einem fertigen Konzept in den
Ballettsaal. Diesmal entwickelt er das Bewegungsmaterial am lebenden Tänzerkörper. Der bleiche Dreißigjährige mit dem
verträumten Blick, der seit zehn Jahren
beim Wiener Staatsballett engagiert ist,
Die Initialzündung war ein
Theaterabend, der auf ihn
wie ein Schock wirkte
sagt über seine Choreografen-Zweitexistenz: „Die Nachfrage ist da.“ Die Initialzündung für die Bühnenkunst war ein Theaterabend, der auf den damals 14-Jährigen
wirkte wie ein Schock. Da erfuhr er das erste Mal, „wie spannend das ist, was sich da
für Welten auftun“. Also Tanztheater?
„Mehr Tanz, mehr Theater“, lautet die
prompte Antwort Kaydanovskiys, der offenbar als Einziger der Vier eine Vorliebe
fürs Erzählerische hegt.
Bleibt noch ein unbeschriebenes Blatt –
der Russe Anton Pimonov, der bereits vier
große Stücke herausgebracht hat.
Ballettabend – Junge Choreografen, Freitag,
30. Juni, Samstag, 1. Juli, je 20 Uhr, 2. Juli, 18 Uhr,
Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12
Der lange Weg zur Kunst
Seit 15 Jahren gibt es die Akademie des Staatsorchesters. Zum Jubiläum dirigiert Chef Kirill Petrenko selbst
Was es bedeutet, in einem Opernorchester
zu spielen, das kann man sich nur schwer
vorstellen. Als Normalbürger sowieso.
Aber auch als Musikstudent ist das Ziel,
Musiker in einem Theaterorchester zu werden, mit das am schwierigsten zu erreichende. Das Musikstudium kann mit
Hochschulorchestern die Arbeitsweise eine Symphonieorchesters gut an die Studenten vermitteln. Die realen Bedingungen eines Theaters samt Sänger und Bühnenbetrieb sind jedoch nicht zu simulieren. Das war mit ein Grund, warum sich
die Bratscherin Christiane Arnold vor 15
Jahren dafür einsetzte, dass das Bayerische Staatsorchester eine eigene Orchesterakademie bekommen sollte.
„Es gibt immer noch deutliche Vorbehalte gegen Opernorchester“, sagt Arnold, die
die Akademie zusammen mit dem Trompeter Frank Bloedhorn auch leitet. Doch
mehr als die Hälfte aller professionellen
Orchester in Deutschland sind Theaterorchester. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein
Geigenstudent in Deutschland also letztlich im Orchestergraben landen wird, ist
nicht so gering. Die praktische Ausbildung
dazu, die Möglichkeit den realen Theaterbetrieb kennenzulernen und auch die Möglichkeit festzustellen, dass das Berufsbild
Opernorchestermusiker vielleicht doch
nichts für einen ist, gibt es nun also seit 15
Jahren mit der Orchesterakademie der
Staatsoper.
Orchesterakademien sind in Deutschland mittlerweile zur Regel geworden.
Fast jedes Symphonieorchester unterhält
eine solche Akademie, in der fertig studierte Musiker meist für zwei Jahre den professionellen Betrieb kennenlernen und erfahren können und neben der Arbeit im Orchester noch speziellen Unterricht und För-
derung erhalten. Das erleichtert darauffolgende Probespiele und den Einstieg ins
spätere Berufsleben. Bis vor 15 Jahren teilten sich in München die drei großen Orchester, also das Symphonieorchester des
Bayerischen Rundfunks, die Münchner
Philharmoniker und das Bayerische Staatsorchester eine Akademie. Doch die Trennung der Nachwuchskader im Jahr 2002
sei ein Vorteil gewesen, sagt Arnold. Denn
ein Opernorchester arbeite eben unter
ganz anderen Bedingungen als ein Symphonieorchester.
Die 15 Akademisten bekommen
das Orchesterleben an
der Oper realitätsnah zu spüren
„Wenn die Akademisten ihre erste
Strauss-Oper durchgespielt haben, wissen sie, was das bedeutet“, erklärt Arnold
lächelnd. Denn im Opernorchester ginge
es oft nicht darum, eine schwere Stelle in
der Probe wieder und wieder zu üben und
zu besprechen. Hier müsse die Technik sitzen, denn die Musik und damit auch die
Musiker haben in einem Opernhaus eben
immer noch einen anderen Zweck als den
reiner Symphonik. Hier wird mit Sängern,
Bühne, Bühnentechnik und Regie zusammen gearbeitet. Das Orchester spielt dabei
nicht die Hauptrolle, auch wenn ohne ein
gutes Orchester kein Opernabend gelingen würde.
All das bekommen die derzeit 15 Akademisten in ihrem Leben an der Bayerischen
Staatsoper unter realen Bedingungen zu
spüren. Denn die Akademisten spielen als
Kollegen mit im Orchester und haben also
monatlich bis zu zehn Orchesterdienste zu
absolvieren. Hinzu kommt wöchentlicher
Instrumentalunterricht, sowie zwei bis
drei Kammerkonzerte der Akademie pro
Jahr und mentales Training. Das ist eine
Besonderheit der Akademie der Bayerischen Staatsoper. Einmal im Monat gibt
die Psychologin Ulrike Klees eine Woche
lang Workshops, in denen es um die Bewältigung von Lampenfieber bei Auftritten
und Probespielen, sowie um die eigene Persönlichkeit und die Selbstpräsentation
geht. Klees, die ursprünglich vom Hochleistungssport kommt, bringe dabei ganz
andere Blickwinkel ein, sagt Arnold, die
die „vermeintlich spezifischen Musikerprobleme abstrahieren“.
Doch die Mühe lohnt sich: „Die Akademisten sind bei späteren Vorspielen deutlich im Vorteil“, sagt Frank Bloedhorn.
Mehr als 50 Alumni der Akademie hätten
jetzt eine Stelle, gerade erst sei ein ehemaliger Akademist im Staatsorchester als Kontrabassist engagiert worden. Doch auch
die Akademisten in München müssen im
Staatsorchester Bewerbungsabläufe wie
alle anderen durchlaufen, also Bewerbung
und Probespiel bestehen. Niemand wird
einfach übernommen.
Da sich Probespiele und freie Stellen jedoch nicht an den zwei Jahresrhythmus
der Akademie halten, sei dieser auch nicht
Gefragt: Neben den Orchesterdiensten bei Opern- und Ballettvorstellungen geben die
Akademisten auch immer wieder Kammerkonzerte.
FOTO: FRANK BLOEDHORN
zwingend. „Wenn jemand nach eineinhalb
Jahren ein Probespiel besteht, kann er
auch früher ausscheiden“, sagt Bloedhorn,
der überzeugt ist, dass die Musiker mit der
Ausbildung an der Akademie später in jedem Orchester zurecht kommen werden.
Doch auch für die Akademie selbst interessieren sich die Menschen längst. Neben
den Kammerkonzerten gibt es etwa seit
zehn Jahren eine Kooperation mit dem
Kloster Metten in Niederbayern, wo die
Akademisten regelmäßig auftreten. Hinzu kommen immer wieder Anfragen von
Konzertveranstaltern, die allerdings häufig abgelehnt werden müssen. Denn primär geht es in der Orchesterakademie ja
um den Alltag im Opernorchester. Den zu
erfahren, dafür müssen die jungen Musiker nicht immer im Graben sitzen. Bei vier
bis fünf symphonischen Konzerten des
Bayerischen Staatsorchesters auf der Bühne des Nationaltheaters wurden zuletzt etliche ehemalige Akademisten zur Unterstützung für Mahlers groß besetzte fünfte
Symphonie als Gäste engagiert. Inzwischen gehört auch das jährliche Konzert
während der Opernfestspiele zum Akademieleben.
Zum Jubiläum dirigiert dabei Kirill Petrenko den Nachwuchs selbst. Mit Erich
Wolfgang Korngolds „Suite aus der Schauspielmusik zu Much Ado About Nothing“
und Paul Hindemiths Kammermusik Nr. 1
für 12 Soloinstrumente steht Musik des
20. Jahrhunderts auf dem Programm. Hinzu kommt die Uraufführung von Hans Abrahamsens „Zwei Inger-Christensen-Lieder“.
rita argauer
Kirill Petrenko und die Orchesterakademie des
Bayerischen Staatsorchesters, So., 16. Juli, 20 Uhr,
Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12
6
V3
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SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE
Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH
Was folgt?
von cindy riechau
Günther
Groissböck
igentlich wollte Alice Merton
Opernsängerin werden. Deshalb
hat sie jahrelang klassischen Gesangsunterricht genommen. Am
Ende ist es anders gekommen und die
23-Jährige stürmt inzwischen mit ihrem
Pophit „Roots“ die Charts anstatt Opernbühnen. Dennoch singt sie bei klassischen
Musikevents, auf der Münchner FestspielNacht zum Beispiel. In diesem Jahr findet
die Veranstaltung der Uni-Credit-Bank
am Freitag, 30. Juni, statt. Von 20 Uhr an
gibt es dabei regelrechte Pop-Up-Konzerte bei freiem Eintritt, unter anderen in den
Fünf Höfen, dem Literaturhaus, dem Theatinerhof. Es ist schon das 16. Mal, dass die
Festspiel-Nacht als Rahmenveranstaltung
der Opernfestspiele stattfindet.
Es sollen auch Menschen
begeistert werden, die sich sonst
nicht für die Oper interessieren
Die Sängerin Alice Merton wird bei dem
Klassik-Event allerdings keine Arien zum
Besten geben. Sie singt von 21.30 Uhr an
stattdessen ihre selbst geschriebenen PopLieder, die sie im kommenden Jahr auf ihrem ersten Album herausbringen wird, wofür sie sogar ein eigenes Label gegründet
hat. „Das war die einzige Möglichkeit, authentisch zu bleiben, mich nicht verdrehen zu lassen“, sagt sie. Den Song „Roots“,
der die Heimatlosigkeit der in Kanada,
Großbritannien und München aufgewachsenen Sängerin thematisiert, wollten mehrere Plattenfirmen nämlich nur nach Änderungen veröffentlichen. „Ich fand ihn aber
stimmig, so wie er ist“, sagt Alice Merton
selbstbewusst – und sie behielt recht.
Beim „Jugend kulturell Förderpreis“ gewann sie 2016 mit dem eingängigen Song
in der Kategorie „Acoustic Pop“ den Jurypreis. „Das war so aufregend, meine Eltern sind extra aus England angereist und
haben mich zum ersten Mal live spielen sehen“, erzählt sie, „sie waren so stolz auf
mich“. Der Wettbewerb wird wie auch die
Münchner Festspiel-Nacht von der Uni
Credit-Bank ausgerichtet.
Mit dem Event will das Geldinstitut
„auch Menschen begeistern, die nicht zum
klassischen Opernpublikum gehören“,
sagt Ulrich Mönius. „Dass das gelingt, erlebe ich danach immer live an den Reaktionen unserer Kunden“, so der Regionalbereichsleiter der Hypo Vereinsbank. Neben
Alice Merton singen an dem Freitag auch
Mitglieder der Bayerischen Staatsoper, sowie die Sopranistin Annette Dasch, der Tenor Julian Prégardien und der Bariton Michael Nagy. Außerdem präsentieren das Jugendorchester Attacca sowie der Kinder-
Klingende Innenstadt: An verschiedenen Orten rund um das Nationaltheater finden diverse Konzertchen und Konzerte statt.
FOTO: MARCUS SCHLAF
Umsonst und draußen
Zur Eröffnung der Opernfestspiele werden bei der Festspielnacht die Grenzen
der Klassik und des Musiktheaters örtlich und stilistisch ausgedehnt
chor der Bayerischen Staatsoper ihr Können. Die Schriftsteller Albert Ostermaier
und Daniela Creszenzio halten darüber
hinaus Lesungen im Hugendubel.
Der Abend beginnt nach offizieller Eröffnung mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, das Arien und Ensembleszenen von Mozart, Bizet und Verdi singt.
Anschließend pfeift Nikolaus Habjan auf
die Musik – und zwar im wörtlichen Sinne.
Denn pfeifend begleitet er die Stücke der
Franui – Musicbanda, wenn er dazu nicht
gerade seine Puppen tanzen lässt. Denn Fi-
gurenspiele sind dem Österreicher ebenso
Profession wie das Kunstpfeifen.
Für Fans abwechslungsreicher Jazzmusik spielen Flow ihr Programm „Jazz and
Renaissance from Italy to Brazil“. Das Duo
nimmt seine Zuhörer dabei mit Hilfe von
Saxofon und Laute auf eine beschauliche
Reise durch Zeit und Welt. Wer noch mehr
träumen möchte, kann das bei den Auszügen aus Antoine de Saint-Exupérys Der
kleine Prinz zur Musik von Milhaud und
Satie tun, die nicht nur große Märchenfans anspricht. Ein weiteres Angebot für
die jüngsten Besucher der Festspiel-Nacht
bietet außerdem die Kinderoper im Theatinerhof unter der musikalischen Leitung
von Stellario Fagone. Das Jugendorchester Attacca interpretiert im Theatinerhof
Mendelssohns Reformationssymphonie.
Einige Solisten des Nachwuchsensembles
spielen in der Salvatorkirche außerdem
Kammermusik für Streich- und Celloquartett.
Liebhaber von Blasinstrumenten kommen dagegen beim Holzbläserquintett der
Orchesterakademie, die Kompositionen
von Haydn und Agay spielen, auf ihre Kosten. Das Ensemble spielt zunächst auf der
Plaza in den Fünf Höfen und anschließend
in der Salvatorkirche. Für Ulrich Mönius
sind besonders die verschiedenen Spielorte des Festivals von besonderer Bedeutung. Dass mitten im Herzen der Stadt Musik gespielt wird, bringe unterschiedlichste Menschen zum Dialog und gemeinsamem Zuhören zusammen.
Festspiel-Nacht, Freitag, 30. Juni, 20 Uhr, verschiedene Spielstätten
Delikater Schlussakkord
Kulinarisches rund um das Nationaltheater
Vinothek
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Ein festlicher Opernbesuch sollte nicht
mit dem Schlussapplaus zu Ende sein.
Schöner und vor allem genussvoller ist
es, den Abend stilvoll kuliarisch ausklingen zu lassen. Rund um das Nationaltheater – und dementsprechend auch mit
elegantem Schuhwerk gut zu erreichen
– findet man einige der bekanntesten
Hotels und Restaurants Münchens; exklusive Inseln der Ruhe und Gastlichkeit.
Wie etwa das Hotel Vier Jahreszeiten
in der Maximilianstraße. Das „Nach der
Oper Arrangement“ (38 Euro) beinhaltet
neben einer Antipasti-Auswahl Feines
aus der Jahreszeiten-Küche, süße Patisserie-Highlights sowie ein Glas Wein. Im
Schwarzreiter Restaurant des Hotels offeriert Küchenchef Anton Pozeg ein DreiGänge-Menü inklusive je einem Glas
Champagner und Wein (49 Euro). Für
die, die einen kleinen Spaziergang nicht
scheuen: Auch der Bayerische Hof am
Promenadenplatz bietet im Restaurant
„Garden“ ein Opern-Special: Ein DreiGänge-Dinner-Menü nach Wahl des Küchenchefs Axel Vervoordt (43 Euro) – gehobene leichte Küche mit saisonalen Produkten.
Japanisch-peruanische
Kreationen
von Starkoch Nobuyuki Matsuhisa finden
Nachtschwärmer in der Bar 31 des Mandarin Oriental in der Neuturmstraße. Die Late Night Bento Box gibt es bis ein Uhr
nachts in zwei Varianten: mit Shitake Salat, dem legendären Black Cod und Crispy
Rice mit Thunfisch sowie als vegetarische
Box mit Shitake Salat, Nasu Miso und Gemüsereis (24 bzw. 22 Euro).
Casual fine Dining in noblem Rahmen,
Sterneküche oder lieber gepflegte Münchner Gastlichkeit mit einem Hauch mediterranem Flair? Schuhbecks Fine Dining im
ehemaligen Münchner Traditionshaus Boettner in der Pfisterstraße hält ebenso wie
die Südtiroler Stuben und das Orlando am
Platzl die Küche speziell für Festspielgäste länger offen.
Zuletzt der Ausgeh-Klassiker mit Logenblick auf das Nationaltheater: das Spatenhaus an der Oper. Hier hat die Küche
bis eine Stunde nach Schluss der Aufführungen geöffnet. Neben saisonalen Spezialitäten sind im Spatenhaus vor allem die
Bratengerichte wie Sauerbraten, Tafelspitz und Schweinebraten seit Jahren beliebter kulinarischer Schlusspunkt eines
Opernabends.
ingeborg pils
Handkäs’ mit Musik
Lassen Sie sich vier Mal im Jahr von neuen Geschmackserlebnissen auf höchstem Niveau überraschen. In unserer
aktuellen Edition finden Sie sechs erlesene Winzerweine
voller Charakter. Markus Del Monego, Master of Wine
hat alle Weine exklusiv für die Süddeutsche Zeitung
Vinothek degustiert und verkostet.
Wer Hunger fürchtet, bestellt ein Picknick vor
Tausende Musikliebhaber werden auch
in diesem Jahr wieder schon lange vor
Sonnenuntergang auf dem Max-JosephPlatz vor dem Nationaltheater ihre Decken ausbreiten, um in einer ganz besonderen Atmosphäre der Musik zu lauschen. Wer Erfahrung hat, weiß, dass
man dabei jedoch nicht von der Kunst allein satt wird. Und so hält der offizielle Ca-
Jetzt abonnieren:
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Ein Angebot der Süddeutsche Zeitung GmbH, Hultschiner Str. 8, 81677 München.
Alle angebotenen Weine enthalten Sulfite. Alle Preise in Euro inkl. MwSt.
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Bequem: Wer sich sein Picknick nicht
selbst zusammenstellen will, kann eine
Picknick-Box ordern.
FOTO: OH
terer der Staatsoper für das Festspielkonzert am Samstag, 24. Juni, und die OpenAir Übertragung des Tannhäuser am
Sonntag, 9. Juni, schon eine kompakte
Hungerhilfe parat: die Picknickbox für
zwei – eine kleine Wundertüte mit bayerischen oder italienischen Spezialitäten.
„Bei der Oper für alle herrschen hoffentlich italienische Temperaturen“,
wünscht sich Sabrina Gander, Marketingleiterin bei Funk Catering, „und wenn
man dann auf seiner Picknick-Decke ,la
dolce vita’ vor sich stehen hat, wird der
Abend gleich nochmal schöner“. Parmaschinken, Mailänder Salami, TomatenBasilikum-Frischkäse, Cantuccini und
mehr bringen südländisches Flair auf die
Picknickdecke. Wer es lieber deftig mag,
wählt die weißblaue Variante: Fleischpflanzerl, Braten, Obazda, Bergkäse und
Radieserl. „So vereinen wir in den unterschiedlichen Boxen zwei Lebensarten,
die München ausmachen.“
Die Picknickboxen können online reserviert und am Veranstaltungsabend
vor Ort abgeholt werden (www.funk-catering.de/oper-fuer-alle). Der Eintritt für
beide Musik-Events ist kostenlos. Entsprechend groß ist auch der Andrang.
Deshalb Picknick-Box vorbestellen, sich
rechtzeitig ein schönes Platzerl sichern
und mit allen Sinnen den Abend genießen.
ingeborg pils
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne?
Seit 2002 aktiv als Ausführender, aber als
Musik- und Opernliebhaber schon seit
meiner Kindheit.
Welche Partie muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Im Italienischen hoffentlich endlich mal
der „König Philipp“ und der „Fiesco“. Im
Deutschen möchte ich mich unbedingt
einmal dem „Barak“ stellen und dann gäbe es noch den „John Claggart“ in „Billy
Budd“, eine Rolle, die mich in ihrer Abgründigkeit zutiefst fasziniert und reizt.
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Der „Pogner“ in den neuen „Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth und der
„Fasolt“ im „Rheingold“ ebendort.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf
unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Neben meiner Familie gibt es einige treue
Fans, was mich sehr freut und der Kreis
wird erfreulicherweise auch immer größer. Klar ist man gelegentlich auch mal
mit Zuschriften konfrontiert, aber wirklich Unangenehmes, in dem Sinne, dass
ich mich nicht abgrenzen müsste, habe
ich bis jetzt noch nicht erlebt.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Momentan reisebedingt ein hoher CO2Ausstoß, so dass man in Zusammenhang
mit der ausgeblasenen, intonierten Luft,
wie ich das Singen auch manchmal gerne
scherzhaft nenne, ab und an durchaus
zum Klimaproblem werden kann ...
Was folgt auf den Schlussapplaus?
In München nach einem kurzen Bühnentür- Small-Talk meist eine längere Autofahrt.
Der österreichische Bass Günther Groissböck ist als Wassermann in Dvořáks „Rusalka“ zu
hören. FOTO: BAYERISCHE STAATSOPER
Was folgt?
Oksana
Lyniv
Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne,
also Ihrer inneren Stimme, die Sie zur
Oper brachte?
Seid ich 18 bin und meine erste Oper, Gounods „Faust“, studiert habe.
Welches Stück muss in Ihrer Karriere
noch folgen?
Ich habe noch viele Traumstücke.
Was folgt für Sie auf die Münchner
Opernfestspiele?
Im August startet zum ersten Mal das von
mir gegründete LvivMozArt Festival was
dem jüngeren Sohn von Mozart, Franz Xaver und seinem künstlerischen Wirken
im ukrainischen Lemberg gewidmet ist.
Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf
unangenehme Weise von Fans verfolgt?
Ich freue mich immer, wenn mein Partner mitkommt, besonders freue ich mich,
wenn meine Eltern mich besuchen und
ich bin sehr froh, dass viele meiner Freunde ihre Reisen extra zu meinen Auftritten
hin organisieren. Das schenkt mir Unterstützung, Inspiration und man fühlt sich
nicht so einsam, auch, wenn man lange
nicht zuhause ist.
Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere?
Man gehört nicht mehr sich selbst, sondern ordnet alles unter.
Was folgt auf den Schlussapplaus?
Kommt darauf an, wie die Vorstellung
war. Nach einem anstrengenden Abend
kommen Albträume, nach einem euphorischen große Freude über diesen Beruf.
Oksana Lyniv dirigiert „Greek“
im Postpalast und „Lucia di
Lammermoor“ im Nationaltheater. FOTO: WILFRIED HÖSL
IMPRESSUM
Sonderveröffentlichung der Süddeutschen Zeitung zu den Münchner Opernfestspielen 2017
Chefredaktion: Kurt Kister, Wolfgang Krach
Verantwortlich: Susanne Hermanski
Redaktion:
Susanne Hermanski, Egbert Tholl, Rita Argauer
Gestaltung: Christopher Stelmach
Verlag: Süddeutsche Zeitung GmbH
Geschäftsführer: Stefan Hilscher, Dr. Karl Ulrich
Anzeigen: Jürgen Maukner (verantwortlich)
Anschrift von Redaktion und Verlag:
Hultschiner Straße 8, 81677 München
Druck:Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH
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