OPERNFESTSPIELE DEFGH Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017 SZ SPEZIAL VON 24. JUNI BIS 31. JULI – unter dem Motto „Was folgt“ Was folgt? Nikolaus Bachler Im Mondschein Was folgt? – Wie zeigt sich dieses Motto im Festspielprogramm? Zunächst einmal ist das weniger ein Motto, denn das wäre ja auch immer eine Einschränkung. Vielmehr begreife ich das als Thema der Spielzeit, das in den Festspielen eine Verdichtung findet. Denn in den verschiedenen Produktionen wird die Konsequenz menschlichen Suchens und Seins untersucht. Das zeigt sich im „Oberon“, aber auch in „Die Gezeichneten“ oder in der Kammeroper „Greek“, die sich um Ödipus dreht, da dann mehr auf psychologischer Ebene. Was ist wichtiger für Sie: Die Folgen von etwas vorher abzuschätzen oder dem Impuls zum Handeln zu folgen? Im Jahr 2017 kann man diese Frage mit großer Sicherheit beantworten: Die Folgen zu bedenken ist heutzutage das Allerwichtigste. Es wird derzeit ununterbrochen agiert, ohne die Folgen auch nur zu überlegen. Das populärste Beispiel ist da natürlich Trump, generell ist das 2017 die zentrale Frage. Ein festgelegtes Schicksal, Determinismus und zwangsläufige Folgen – das sind beliebte Opernsujets. Was bedeuten diese Themen heute? Das kann man mit Adorno beantworten: Das ist immer dialektisch, also eine Wechselwirkung. Egal, ob man es religiös oder materialistisch betrachtet: Das Schicksal ist beeinflussbar, aber trotzdem gibt es vom Leben vorbestimmte Dinge. Doch die Entscheidung, sich dem zu ergeben, das Schicksal zu gestalten oder dagegen zu kämpfen, die liegt beim Menschen. Bei „Oper für alle“ wird in diesem Jahr „Tannhäuser“ gespielt Die Emotion ins Ziel gefasst: Eine prächtig weit gefächerte Gefühlspalette bietet Kirill Petrenkos Dirigat von Wagners „Tannhäuser“. von rita argauer und egbert tholl D ieses Jahr warten die Opernfestspiele mit ein paar Herausforderungen auf. Das beginnt mit den Projekten der Festspielwerkstatt und zieht sich über die Festspielpremiere von Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ bis hin zu „Oper für alle“. Wie, das schönste Hochkultur-Picknick, das München zu bieten hat, ist eine Herausforderung? Ja, denn am Sonntag, 9. Juli wird auf den Max-JosephPlatz die Aufführung von Richard Wagners „Tannhäuser“ übertragen. Und zwar in der Inszenierung von Romeo Castellucci. Wenn Christian Gerhaher den „Abendstern“ singt, dürften schon die Sterne zu sehen sein Nun gut, „Tannhäuser“ kennt jeder, und in die Geschichte, die vom Sänger zwischen zwei Welten handelt, hat Wagner seine eingängigsten „Nummern“ gepackt. Wenn Christian Gerhaher den „Abendstern“ singt, dürften die Sterne schon zu sehen sein, dank des späteren Beginns der Aufführung an diesem Tag (nicht 16, sondern 18 Uhr). Das verspricht das reine Glück zu werden. Aber: Man muss genau hinhören, denn Gerhahers Kunst ist subtil, jede Silbe wird zu einem eigenen Erlebnis. Auf Überwältigung zielt sein Vortrag nicht. Auch Kirill Petrenkos Dirigat dürfte eine Herausforderung für die Tonanlage sein, so vielgestaltig im Leisen ist es, so präzis im Mischen der Farben einer riesigen Gefühlspalette. Es wird ein ganz großes Musikfest, und für Manche ist ja auch Klaus Florian Vogt als Tannhäuser die reine Freude, Anja Harteros, Georg Zeppenfeld und der Chor sind eh phänomenal. Der Mut fürs Spektakel liegt im Szenischen. Castelluccis Inszenierung scheidet die Geister. Sie ist etwas, was einem im Opernbetrieb sehr selten begegnet: ein Kunstwerk für sich. Normalerweise nimmt sich ein Regisseur eine mehr oder weniger alte Oper und erarbeitet ein Konzept, wie das alte Stück heute für uns noch etwas erzählen kann, über seine Musik hinaus. Einen solchen Ansatz hat Castellucci weit hinter sich gelassen. Sein „Tannhäuser“ ist eine unmittelbar aus dem intensiven Erleben der Musik entstandene Bildfantasie über das Menschsein und dessen Abgründe. Es ist, als betrachte man ein Bild moderner Kunst. Entweder es rührt einen an, dann ist man machtlos begeistert. Oder man schaut ratlos drauf, und nichts passiert. Zugegeben: Viele Kollegen wurden wohl eher von der Ratlosigkeit gebeutelt. Aber man muss die Inszenierung an- nehmen wie ein Geschenk, mit all ihrer Schönheit, ihrem Schmerz. Und ihrem sehr eigenwilligen Witz. Wenn Wagners Tannhäuser so nun also einen sehr zeitgenössischen Blick in der Inszenierung bekommen hat, braucht man in der Festspiel-Werkstatt auch ein Herz für den zeitgenössischen Klang. Als Ort für diese Werkstatt erkor man diesmal den Postpalast und schon das erscheint passend. Der Vorhoelzer-Bau an der Deroystraße schwankt zwischen kühler Moderne und einem Hauch von Überwältigung. Wenn das Programm dort mit Mark-Anthony Turnages „Greek“ eröffnet wird, befindet man sich also in einem ähnlichen Spannungsfeld. Das Werk, das 1988 bei der Münchner Biennale uraufgeführt wurde, vermischt – ganz dem postmodernen Eklektizismus dieser Zeit entsprechend – verschiedene Musikstile des 20. Jahrhundert. Doch die Geschichte, die mit diesen Mitteln erzählt wird, ist alt: Turnage schrieb diese Oper nach Steven Berkoffs gleichnamigem Theaterstück. Dieser wiederum verarbeitet darin den Mythos um Ödipus Oper für alle Die Oper von ihrem elitären Sockel reißen, das versucht man jährlich über das Event „Oper für alle“. Dabei wird die Vorstellung aus dem Nationaltheater heraus kostenlos auf den Max-Joseph-Platz übertragen. In diesem Jahr ist das am Sonntag, 9. Juli, Richard Wagners „Tannhäuser“ in einer Inszenierung von Romeo Castellucci. Von 18 Uhr an beginnt die Vorstellung, in der Pause führt Thomas Gottschalk Backstage-Gespräche. Es lohnt sich, eine gewisse Zeit vorher da zu sein. Wenn das Wetter gut ist, füllt sich der Platz für gewöhnlich schnell. Und der Blick auf die Leinwände ist nicht von allen Plätzen aus optimal. Beim Open-Air-Konzert, ebenfalls bei freiem Eintritt auf dem Max-Joseph-Platz, sind Leinwände überflüssig. Hier wird am Samstag, 24. Juni, eine ganze Bühne für „Attacca“, das Jugendorchester des Bayerischen Staatsoper, und das Bayerische Staatsorchester aufgebaut. Unter der Leitung von Omer Meir Wellber und Alan Bergius gibt es von 20.30 Uhr an Werke von Prokofjew, Schostakowitsch und Tschaikowski. Die meisten Opern-Vorstellungen sind ausverkauft, für „Die Gezeichneten“, „Jenůfa“, die Liederabende, sowie die Werkstatt- und Ballettvorstellungen gab es bei Redaktionsschluss noch Restkarten. ARGA FOTO: WILFRIED HÖSL und vermischt die griechische Antike mit einem sozialen Brennpunkt in London als Schauplatz. Nun wirft 30 Jahre nach der Uraufführung unter der musikalischen Leitung von Oksana Lyniv das junge Regie-Team um Wolfgang Nägele und Franziska Boos erneut einen gegenwärtigen Blick auf die Geschichte. Die zweite große Produktion der Festspiel-Werkstatt enthebt sich dann dem herkömmlichen Prinzip ein bereits vorhandenes Stück neu zu inszenieren. Das Agora-Musiktheaterkollektiv stellt sich in der Uraufführung des Stücks „Catarsi“ bewusst gegen die Werktreue. Schon über die gesamte Spielzeit hinweg haben die Künstler unter dem Titel „Prozessor I-III“ an der Bayerischen Staatsoper alternative Rezeptionsmodelle und Blickwinkel zu Beethovens „Fidelio“ angeboten. Das multimediale Stück „Catarsi“ baut auf diesen Untersuchungen auf. Im Arrangement und unter der musikalischen Leitung von Benedikt Brachtel sollen die Zuschauer dann sowohl virtuell als auch ganz real durch Leonores und Florestans Welten wandern können. Oper für alle: Tannhäuser, Sonntag, 9. Juli, 18 Uhr, Max-Joseph-Platz, Greek, Mo./Di., 26./27. Juni, und Mo./Di., 3./4. Juli, je 20.30 Uhr, Catarsi, Mi./Do., 28./29. Juni, und Sa./So., 1./2. Juli, je 20.30 Uhr, Postpalast, Wredestraße 10 BAYERISCHE STAATSOPER MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE 2017 24. JUNI–31. JULI Partner der Opernfestspiele Der gebürtige Österreicher Nikolaus Bachler ist seit 2008 Intendant der Bayerischen Staatsoper. FOTO: MARKUS JANS Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ ist ein eher unbekanntes Werk. Wie kam es zu dieser Wahl als Festspiel-Premiere? Franz Schreker war zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts ein wichtiger Komponist. Seine Opern standen gleichwertig zu Richard Wagner, wurden zahlreich aufgeführt und viel häufiger gespielt als etwa Richard Strauss. Deshalb haben wir „Die Gezeichneten“ parallel zu Wagners „Tannhäuser“ gestellt. Doch „Die Gezeichneten“ ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Denn in den Dreißigerjahren war Schreker verfemt und verboten. In Folge dessen geriet Schrekers Werk in Vergessenheit, bis weit in die Fünfzigerund Sechzigerjahre hinein. Erst dann erlebte es eine kleine Renaissance. In München wurde es jedoch seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr inszeniert, es ist also höchste Zeit dafür. Was folgt für Sie auf den letzten Vorhang der Münchner Opernfestspiele? Wie Sie wissen, ist unser Metier ein flüchtiges, also kann ich dazu nur sagen: Wind, Sand und Sterne. 2 V3 SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH Zum Leben erweckt Was folgt? Manuela Linshalm Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Als Jugendliche dachte ich noch, der Ruf der Bühne sei vielleicht nur eine pubertäre Einflüsterung – aber bald war mir klar, dass ich mich dieses Rufs nicht erwehren konnte. Die konkrete Stimme jedoch, die mich nun zur Oper bringt, ist jene von Nikolaus Habjan, der mich als Bühnenpartner und Regisseur schon lange begleitet. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? Ich habe mich immer wieder von Rollen und Projekten überraschen und „finden“ lassen und kam dadurch an Orte und Inhalte, die ich konkret gar nicht hätte erdenken können. Ich habe auch vor, es weiterhin so zu handhaben. . . Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Vieles, das ich gerade im Repertoire spiele, kommt in der nächsten Spielzeit wieder. Etwa Mephisto im „Faust“ in Graz, eine Rolle, die ich sehr liebe. Am Wiener Rabenhof läuft weiterhin „Kottan ermittelt“, gemeinsam mit Nikolaus Habjan. Danach folgt ein Figurentheaterprojekt zum Stoff von „Jedermann“, und ein spannendes, zeitgeschichtliches Projekt an den Vereinigten Bühnen Bozen. Wer reist Ihnen zu Engagements hinter her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Durch die Gastspielbesuche meiner Familie und Freunde schreibt die ÖBB inzwischen schwarze Zahlen. Unangenehme Fans habe ich mir bisher noch nicht zugezogen – zumindest nicht wissentlich. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Erst einmal der Wechsel von der Arbeitslosenversicherung zur Selbstversicherung. Dann ein unregelmäßiger Lebenswandel, aber ständig neue Herausforderungen und spannende Wegbegleiter. Was folgt auf den Schlussapplaus? Ein Glas Wein und eine Dusche. Der österreichische Puppenspieler Nikolaus Habjan inszeniert die zweite Festspiel-Premiere N von rita argauer ikolaus Habjan ist ein penibler Mensch. Und dementsprechend verfolgt er seine Ziele recht konsequent. Und das eigentlich schon seit er vier Jahre alt ist. 1991 war das, so genau weiß der mittlerweile 29-jährige Österreicher das noch. Da besuchte er eine Vorstellung des Salzburger Marionettentheaters von Mozarts „Zauberflöte“. Und seitdem habe Habjan diesen Traum gehabt, der ihn nie wieder losgelassen hat: Er wusste, dass er irgendwann Opern inszenieren will. Und zwar mit Puppen. Opernregie, ja, das ist für einen Vierjährigen an sich schon eine recht genaue Vorstellung von dessen zukünftigem Berufsleben. Und es ist faszinierend genug, dass Habjan diesen Plan so durchgezogen hat. Denn nach der Schule begann der gebürtige Grazer ein Studium der MusiktheaterRegie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Doch Opernregie war eben nur die Hälfte von Habjans Berufswunsch. Es mussten die Puppen hinzu kommen. Und das zeigte sich ein wenig komplizierter: „Puppenspiel kann man in Österreich leider nicht studieren“, erklärt er. Also besuchte er einen Workshop des australischen Puppenspielers Neville Tranter. Anschließend ging es autodidaktisch weiter. Mittlerweile unterhält Habjan ein Atelier, in dem er seine oft lebensgroßen Puppen selbst baut und fast erschreckend naturalistisch ihren menschlichen Mitspielern auf der Bühne nachempfindet. Bei den Münchner Opernfestspielen wird es so etwa eine Puppe mit den Antlitz von Annette Dasch geben. Ergänzend: Die Bühne als stilisierte Welt benötigt auch stilisierte Bewohner, also Puppen. FOTO: H. HOCHSTÖGER / AGENTUR FOCUS Puppenspiel ist in der heutigen Theaterlandschaft eine Nische. Doch für Habjan haben die Puppen einen besonderen Reiz: „Puppen haben andere Parameter“, drückt er das etwas kompliziert aus und meint letztlich doch eine recht einfache Feststellung: Die Bühne an sich ist ein stilisierter Ort, wenn man versuche dort besonders naturalistisch zu sein, wirke das oft sehr künstlich. Puppen hingegen sind ebenso stilisierte Menschen wie die Bühne eine stilisierte Welt ist – also passen die Parameter da zusammen, und es kann Kunst entstehen, deren Wirkung emotional in die menschliche Wirklichkeit zielt, so Habjans Theorie. In der Praxis löst sich diese Theorie gerade ein. Denn Habjan und seine Puppen sind erstaunlich gefragt. 2013 bekam er für die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“ am Akademietheater des Wiener Burgtheaters den Nestroy-Theaterpreis. Szenen mit der Puppe, die er nach den Gesichtszügen von Jelinek dafür anfertigte, sind ein kleiner YoutubeHit im Internet geworden. Es folgten Arbeiten am Schauspielhaus Graz oder dem Wiener Volkstheater. Und nun hat Carl Maria von Webers Oper „Oberon, König der Elfen“ bei den Münchner Opernfestspielen Premiere. Nikolaus Habjan fertigt die lebensgroßen Klappmaulpuppen selbst Die romantische Oper, die 1826 am Londoner Covent Garden uraufgeführt wurde, spielt in der Welt der Feen und Elfen. Die Übergänge von der fantastischen Welt der Feen zur Menschenwelt und die darin spielenden Liebeswirren sind dabei fließend. Eine Grundsituation, die sich für Habjans Regiestil anbietet. Denn Habjan spielt nicht ausschließlich mit Puppen, so wie er das als Kind im Salzburger Marionettentheater gesehen hat. Habjan setzt seine selbst gefertigten, lebensgroßen Klappmaulpuppen neben echten, lebendigen Sängern ein. Etwa eben Annette Dasch, die in Oberon die Kalifentochter Rezia singen wird oder Julian Prégardien in der Titelrolle. „In dem Stück gibt es einen sehr hohen Anteil von gesprochenen Passagen“, erklärt Habjan. Das habe er als Konzept übernommen: Die Puppen spielen die Sprechrollen, die Sänger singen. Für Habjans Karriere markiert diese Arbeit für die Bayerische Staatsoper einen größeren Schritt. Es ist seine erste Arbeit dort, Staatsintendant Nikolaus Bachler habe ihn dafür angefragt. In München hatte er zuvor etwa sein allererstes Stück „Schlag sie tot“ im NS-Dokumentationszentrum gezeigt. „Oberon“ ist jedoch eine große Auftragsarbeit, bevor eine Inszenierung Habjans von Pierre Carlet de Marivaux’ „Streit“ am Residenztheater in der kommenden Spielzeit folgen wird. Habjan verfolgt dabei als Künstler einen interessanten Ansatz. Denn er legt sich nicht ausschließlich auf eine Theatersparte fest. Sein ästhetisches Alleinstellungsmerkmal sind hingegen die Puppen. Und mit denen erschafft er Sprechtheaterabende genauso wie Opern, damit kann er sich den postmodernen Textströmen einer Elfriede Jelinek genauso nähern, wie einem Klassiker wie Lessings „Nathan der Weise“, den er zuletzt am Wiener Volkstheater inszenierte. Oder aber Habjan bewegt sich gleich ganz weg von der klassischen Theatersituation. Etwa bei einem Liederabend. Denn in München wird er nicht nur den „Oberon“ inszenieren, er tritt auch in einem Liederabend mit der Musicbanda Fra- Zielstrebig: Seit er vier Jahre alt ist, weiß Nikolaus Habjan, dass er Opern mit Puppen inszenieren möchte. Mittlerweile betreibt er ein eigenes Atelier, in dem er seine Puppen herstellt und wird als Regisseur immer gefragter. FOTOS: HANS HOCHSTÖGER / AGENTUR FOCUS nui auf. Das zehnköpfige Osttiroler Ensemble balanciert spielerisch zwischen Kunstlied und Volksmusik und widmete sich sowohl den großen romantischen Liedkomponisten Schubert, Brahms und Mahler, als auch folkloristischen Tänzen. Habjan lernte die Truppe bei einer Arbeit 2012 am Wiener Volkstheater kennen. Für ihren Liederabend in München kombinieren sie nun Texte von Robert Walser mit Liedern von Schubert, Schumann und Mahler und spielen das mit sechs Blasinstrumenten sowie Geige, Kontrabass, Hackbrett und Harfe. Dabei soll unter dem Titel „Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus“ die in der Romantik so symbolträchtige Figur des Wanderers nachgezeichnet werden. Und anders als in „Oberon“, wo Manuela Linshalm, Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock die Puppen spielen, steht Habjan mit Franui dann einmal auch selbst auf der Bühne und führt seine selbstgebauten Klappmaulpuppen durch das Leben des Wanderers. Oberon, König der Elfen, Freitag/Montag/Donnerstag, 21./24./27. Juli, je 19 Uhr, Sonntag, 30. Juni, 18 Uhr, Franui Liederabend, Freitag, 28. Juli, 20 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12 Carte blanche zum Rumspinnen Der Komponist Benedikt Brachtel hinterfragt mit seinem Künstlerkollektiv „Agora“ die Strukturen von Opern „Agora“, sagt Benedikt Brachtel, „das ist für uns wie im antiken Griechenland der Ort des Austauschs, der Ort, an dem Dinge verhandelt werden“. Agora, so heißt das Musiktheaterkollektiv, das der gebürtige Münchner 2015 gemeinsam mit vier weiteren Künstlern gegründet hat: Anna Brunnlechner, Benjamin David, Claudia Irro und Valentin Köhler. Alle fünf kennen das Geschäft in Theaterinstitutionen ebenso wie in der freien Szene, und sie bringen ganz unterschiedliche Expertisen mit: Regie, Dramaturgie, Bühnenbild, Kostümbild, Sounddesign, Komposition, musikalische Leitung – alles, was man für eine Musiktheaterproduktion braucht. In Basel und München haben sie sich kennengelernt und festgestellt, dass sie „in genau diesem Team längerfristig und regelmäßig zusammenarbeiten wollen“, erklärt Benedikt Brachtel. Als Konzeptionsteam würden sie sehr gut funktionieren, sagt der Komponist, DJ und Dirigent, und sie hätten ähnliche Fragestellungen rund um das Repertoire und die Form des zeitgenössischen Musiktheaters. „Wir wollen nicht allen zeigen, wie’s besser geht“, sagt Brachtel, „das wäre sehr anmaßend“, aber zumindest „wollen wir die einzelnen Ebenen der Oper auf deren Aktualität hin überprüfen und andere Vorschläge liefern“. Genau das ist der Auftrag im Rahmen ihrer einjährigen Residenz an der Bayerischen Staatsoper: Das Musiktheaterkollektiv Agora soll das Phänomen Oper auf Institutionalisierung, Rezeptionsweisen, Narrativität und Aktualität hin untersuchen. Die Staatsoper kündigte sie als „Parasiten“ im eigenen Haus an; für Benedikt Brachtel „eine Art Carte blanche zum Rumspinnen“. An drei Abenden haben sie unter dem Titel „Prozessor I-III“ Beethovens Oper „Fidelio“ als exemplarisches Werk auf die verschiedenen Aspekte hin untersucht, bei den Opernfestspielen folgt nun als Abschluss-Experiment das Stück „Catarsi“. „Prozessor I-III“ war eine formale, recher- chehafte Untersuchung, die aber – ganz im Sinne der Oper – auch emotional und theatral erlebbar gemacht wurde. An einem Abend installierten sie auf der Bühne des Nationaltheaters zwölf kleine Kameras, etwa im Souffleurkasten, und übertrugen die Aufführung live in ein Nebenzimmer. Jeder Zuschauer dort bekam ein Tablet und konnte verschiedene Kanäle auswählen – plötzlich war man ganz nah am Sänger dran, stand aber eigentlich weit weg. Zudem hackte sich das Kollektiv in die Vorstellung ein, überlagerte Perspektiven, schaltete den Musikkanal zeitweise ab. „So wurde die direkte Macht, die von der Bühne auf die Zuschauer übertragen wird, unterbrochen“, sagt Benedikt Brachtel. Agora geht es darum, „ein bisschen frische Luft in die Konserve“ zu lassen. Die gängigen Stücke im Repertoire der meisten Opernhäuser seien „unglaublich wichtige Werke“, doch den Umgang mit den Werken gelte es zu überprüfen. Auch in Anlehnung an das Spielzeit-Motto der Staatsoper „Was folgt“ stellen sie sich Fragen wie: „Was folgt, wenn in 50 Jahren Das Boxensystem 4DSound ist für Benedikt Brachtel genauso ein Klangkörper wie ein Orchester DJ und Komponist: Für Benedikt Brachtel sind die Grenzen zwischen U- und E-Musik fließend. FOTO: GABRIEL WOLF kein Geld mehr da ist, so eine Institution zu erhalten? Was folgt, wenn die Leute nicht mehr kommen, weil sie die Musik nicht mehr wertschätzen? Wie sieht die Zukunft der Oper aus?“ Es sei klar, dass sich solche Fragen nicht beantworten lassen, sagt Brachtel, aber: „Man kann überlegen, welchen Stellenwert zeitgenössische Medien und Ästhetiken in diesem Betrieb haben.“ Man könne zum Beispiel mit dem Boxensystem 4DSound experimentieren, das für Brachtel genauso ein Klangkörper ist wie ein Orchester. Man könne den Begriff der Werktreue – „in der Oper noch ein heiliges Kalb“, wie Brachtel es ausdrückt –, hinterfragen und sich anschauen, wie man im Theater mit ShakespeareTexten umgeht: Da werde schon längst umgeschrieben, geremixt, dekonstruiert. In dem Stück „Catarsi“, das im Rahmen der Opernfestspiele im Postpalast inszeniert wird, setzen sich Brachtel und seine Kollegen erneut mit „Fidelio“ auseinander. Leonore und Florestan leben in zwei Welten: Florestan ist gefangen in einer virtuellen Welt, Leonore versucht, aus der realen Welt zu ihm durchzudringen. Doch die Macht, die Florestan gefangen hält – eine künstliche Intelligenz, ein Algorithmus –, will von ihm die Essenz dessen, was den Menschen noch von der Maschine unterscheidet: seine Gefühle. Die Inszenierung spielt stark mit der Architektur des Postpalasts und seiner riesigen Glaskuppel, der Raum wird bis zum Boden mit Gaze verhängt. Zu Beginn wird das Publikum mit einem Parcours an das Setting herangeführt. Ein 13-köpfiges Ensemble aus klassischen und elektronischen Musikern vereint Beethovens Klangwelt mit einer geräuschhaften, atmosphärischen Ebene, geschaffen vom 4D-Soundsystem mit 59 Boxen. Es soll ein Abend werden, „der auf allen Ebenen vereinnahmend sein soll, der nicht nur zum Denken, sondern auch zum Fühlen anregen soll“, sagt Benedikt Brachtel. Also: Oper im besten Sinne, aber mit zeitgemäßen Mitteln. barbara doll Catarsi, Mi./Do., 28./29. Juni, Sa./So., 1./2. Juli, je 20.30 Uhr, Postpalast, Wredestraße 10 Die Schauspielerin Manuela Linshalm führt eine der Puppen in „Oberon, König der Elfen“. FOTO: BAYERISCHE STAATSOPER Was folgt? Pavol Breslik Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Noch während dem Studium hätte ich nie gedacht, dass ich je auf solchen Bühnen wie München, London oder Wien singen würde. Aber die Oper hat mich verzaubert, und seit ich 21 bin stehe ich auf der Bühne. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? Das Wort „muss“ ist kein schönes Wort. Ich bin dankbar für jede schöne Partie. Es gibt so viele schöne Opern von denen ich träume, und wer weiß, vielleicht erfüllen sich meine Träume ja auch. Aber wie man sagt: „Jeder erfüllter Traum ist eine Sehnsucht weniger.“ Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Nach meinem Liederabend in München hab ich paar Tage frei und werde Energie für die nächste Spielzeit tanken, die ich mit einer Neueinstudierung von „Onegin“ beginne. Wer reist Ihnen zu Engagements hinter her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Es gibt es paar von meinen festen Fans, die fast zu jeder Vorstellung kommen. Egal wo sie sind. Sie haben sich zu einem Freundeskreis geformt, und ich finde es sehr rührend, dass sie die Zeit und das Geld investieren. Ich lade alle dann einmal im Jahr als Dankeschön zum Abendessen, und es ist immer eine schöne Zeit. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Dieser Beruf bringt ganz viel Schönes mit sich. Aber es gibt auch die andere Seite: Ich würde gerne mehr Zeit mit meiner Familie verbringen, und je älter ich werde, desto mehr vermisse ich mein eigenes Zuhause. Was folgt auf den Schlussapplaus? Meistens ein kaltes Bier oder ein Glas guter Rotwein. Pavol Breslik gibt am Samstag, 29. Juli, einen Liederabend im Prinzregententheater. FOTO: TANJA NIEMANN SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE DEFGH Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017 V3 3 Was folgt? Thomas Hampson Zwei Seiten: Je mehr Schönheit es gibt, desto mehr Dunkel gebe es auch, sagt Regisseur Krzysztof Warlikowski. FOTO: WILFRIED HÖSL Im Vulkan Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Ich bin dankbar, dass ich vor 35 Jahren meine Passion zum Beruf machen konnte und seither international auf den Konzert- und Opernbühnen stehen darf. Meine Liebe zur Oper entdeckte ich für einen professionellen Musiker eigentlich spät. Oftmals spricht man von einer inneren Stimme, die einem unterbewusst mögliche Wege aufzeigt – meine innere Stimme sagte mir, dass ich Gedanken durch Musik hörbar machen möchte. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? In meiner Karriere durfte ich bisher großartige Partien singen. Das war und ist natürlich großartig und vor allem künstlerisch sehr spannend. Die einzige Rolle, die in gewisser Weise noch als großer, unerfüllter Traum in meinem Kopf herumschwirrt ist Falstaff. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Die Münchner Opernfestspiele sind ein bedeutendes Festival in der Musikwelt Europas, und es ist für mich jedes Mal eine große Ehre und Freude hier gastieren zu dürfen. Die nächsten Stationen sind Düsseldorf, wo ich zu einer Operngala an der Deutschen Oper am Rhein eingeladen wurde, sowie das Verbier Festival Ende Juli. Im August geht es mit Sommerfestivals etwa in Bremen und der Saisoneröffnung am Staatstheater in Hannover weiter. Wer reist Ihnen zu Engagements hinter her, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Dass Menschen weder Kosten noch Mühen scheuen, um mich in unterschiedlichsten Städten auf der Bühne zu erleben, ist für mich emotional sehr berührend. Es macht mich aber auch sehr demütig. Als Künstler andere Menschen so sehr zu berühren, dass sie weit reisen, um mich so häufig wie möglich live zu erleben, ist ein besonderes Geschenk, denn auch die Begegnungen „off stage“, also wenn ich Fans am Bühneneingang treffe, sind immer sehr herzlich. Verfemt, vergessen, wiederentdeckt: Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ ist die große Festspielpremiere und ein fabelhaftes Stück, das an die große Zeit jüdisch-deutsch-österreichischer Kultur erinnert von egbert tholl W ill man sich in zehn Minuten einen Überblick über die Musik von Franz Schreker verschaffen, muss man sich nur die Ouvertüre von dessen Oper „Die Gezeichneten“ anhören. Sie bildet die Atmosphäre der dreistündigen Oper ab, skizziert nicht deren Handlungsverlauf. Der Klang evoziert die Aura der Hauptfiguren. Da der Hässliche, erfüllt von der Gier nach und der Faszination für die Schönheit. Dort die schöne Kranke, zerbrechend, fragil. Und dann noch der virile Stecher, glänzend und vital. Schreker machte aus der Ouvertüre auch ein Konzertstück, das folgt dann einem traditionelleren Bauplan. In der Urform der Einleitung für die Oper aber ist das Stück ein Fließen und Schweben, ein Gerinnen von Klang, auskomponierter Freiraum mit einer Phantasmagorie der Orchesterfarben. Für Schreker war das Orchester insgesamt ein Instrument, das er virtuos beherrschte, ein Klangwerkzeug. „Die Gezeichneten“ sind der Höhepunkt von Franz Schrekers Schaffen „Die Gezeichneten“ erlebten ihre Uraufführung im April 1918 am Frankfurter Opernhaus. Die Oper ist der Höhepunkt von Schrekers Schaffen. 1919 kam sie in München heraus, es folgten zahlreiche Produktionen an vielen wichtigen Opernhäusern, Berlin, Wien, Stuttgart, Hannover. Dann kamen die Nazis, kam der Krieg, kam das Diktum des Fortschritts in der Musik im Nachkriegsdeutschland, das seltsam willkürlich bestimmte, was aufzuführen sei. Eine ganze Sphäre der Musik ging für lange Zeit verloren, als wiederholte sich die ästhetische Selektion der Nazis. Die Opern von Schreker, Korngold, Zemlinsky waren als „entartete“ Musik von den Bühnen verbannt worden. Nach 1945 galten sie als überholt – tausend ältere Werke indes nicht. „Die Gezeichneten“ erlebten ihre Renaissance 1979, wiederum in Frankfurt. Darauf folgten einige weitere Inszenierungen wie etwa 2005 bei den Salzburger Festspielen oder davor 2002 in Stuttgart in der Regie von Martin Kušej. „Der Verlust des Bewusstseins historischer Kontinuität nach dem Krieg, den man so vielfach in Deutschland bemerkt hat, reicht auch in die Musik hinein. Manche Komponisten, die vor der Hitlerdiktatur erheblichen Einfluss übten, sind heute schlechterdings vergessen. Der berühmtste unter ihnen war Franz Schreker.“ Das schrieb Theodor W. Adorno 1959, und da es sich hierbei um einen Rundfunkbeitrag handelt, versteht man sogar unmittelbar, was er sagen will. Adorno hatte die Uraufführung in Frankfurt gesehen und gesteht in diesem Beitrag auch freimütig, dass er sich als Vierzehnjähriger einen besonderen erotischen Kitzel von der Oper erhofft hatte, der so dann aber doch nicht eintrat. Es geht aber um Erotik. Um Verlangen, Begierde, Begehren. Alexander von Zemlinsky, Schrekers Komponistenkollege, erbat sich von diesem ein Libretto, das die „Tragödie des hässlichen Mannes“ in Worte fasste. Schreker schrieb – und war dann so von der Idee begeistert, dass er das Buch bei sich behielt und selbst daraus eine Oper machte. Viele Einflüsse kommen im Textbuch zusammen. Sicherlich die Wiener Gedankenwelt von Freud, Karl Kraus oder auch dem durchgeknallten Otto Weininger, literarische Vorlagen von Oscar Wilde, Maeterlinck oder Wedekind. Genua, 16. Jahrhundert, Renaissance. Alviano Salvago, der sich wegen seiner Hässlichkeit von der Welt abwendet, er- schafft auf einer Insel ein künstliches Paradies der Schönheit, das Elysium, das er aber selbst bislang noch gar nicht besucht hat. Dafür aber seine adeligen Freunde, die aus der Grotte auf der Insel einen Ort der Lust machen; sie verschleppen dorthin die jungen Frauen Genuas. Als Alviano davon erfährt, beschließt er, die Insel mit der Grotte den Bürgern Genuas zum Geschenk zu machen. Die Adeligen sind entsetzt, intervenieren bei Fürst Adorno (nicht der oben zitierte), während es zu einer Begegnung zwischen Alviano und Carlotta, der Tochter des Podestà kommt. Gleichzeitig ist der geile Adelige Tamare hinter ihr her. Carlotta, die herzkranke Künstlerin, malt Alviano, und in dieser Szene im Atelier entsteht für einen Moment die reinste Liebe, die unerfüllt bleibt. Beim Eröffnungsfest der Insel verführt (oder vergewaltigt) Tamare Carlotta, Alviano erkennt sein Unglück, ersticht Tamare, Carlotta stirbt an ihrem Herzen, Alviano wird wahnsinnig, die Oper ist aus. „Es gibt sehr viele Fragen, bezüglich der Szene im Atelier oder der Vorgänge in der Grotte. Ich habe eine Lösung dafür gefunden. Es ist eine mögliche Lösung.“ Krzysztof Warlikowski inszeniert „Die Gezeichneten“ für die Festspielpremiere am 1. Juli. An der Bayerischen Staatsoper hat er bereits „Eugen Onegin“ und „Frau ohne Schatten“ inszeniert, er leitet das Nowy Teatr in Warschau und hat inzwischen reichlich Opernerfahrung gesammelt. Ein Gespräch mit ihm hat für sich schon einen hohen performativen Wert. Zwischen den Schwaden seiner Elektrozigarette blitzen die Augen, vor allem aber reden die Hände. Die sind permanent in Bewegung, und reicht diese Bewegung nicht mehr aus, springt er auf und läuft im Raum herum. Das Gespräch mäandert, viel geht es um die Szene in Carlottas Atelier, um das Elysium, um die Bedeutung Schrekers in der Operngeschichte. In Polen, wo Krzysztof Warlikowski lebt und arbeitet, wenn er nicht gerade irgendwo anders inszeniert, in Brüssel oder Paris, kennt man Schreker nicht. Er lernte „Die Gezeichneten“ kennen, als die Staatsoper ihn fragte. Jetzt weiß er alles, und überhaupt scheint dieses Stück genau das richtige für ihn zu sein. Oper ist für ihn die Absenz von Logik, diese Oper ist dies im Speziellen, dazu ist Für Warlikowski ist diese Oper kein Stück, das man einfach so herunterinszenieren kann sie auch noch eine Künstleroper. Schreker fragt, was Kunst sei, er fragt auch, was Schönheit sei. Krzysztof Warlikowski: „Je mehr Schönheit es gibt, desto mehr Dunkel gibt es auch. Alviano glaubt an das Elysium, er ist wie Prospero in Shakespeares ,Sturm’“. Und wäre er kein Monster, wer weiß, vielleicht würde er sich genauso verhalten wie jene Adeligen, die die Grotte zur verbrecherischen Befriedigung ihrer Lust missbrauchen. Für Warlikowski ist diese Oper kein „piece well done“, also kein musikalisches wellmade-play, das man einfach so herunterinszenieren könne.Sie ist ein Vulkan, eine Vision des Untergangs. Hier verweist Schreker da auch auf sich selbst. Egal wie akzeptiert er war, er war Jude, er ahnte vielleicht sogar schon 1918 die Vernichtung der Menschen seines Glaubens. Viel später, 1930 schrieb er an seinen Freund Arnold Schönberg: „Also wieder zurück nach dem HitlerBerlin. Vielleicht schmeißt man uns hinaus. Aber dann mit voller Pension.“ Schönberg, darauf verweist Warlikowski, wurde zwischenzeitlich Christ, mit dem Gedanken „vielleicht werde ich dann menschlich für euch“. Das klappte nicht. Und auch das mit der Pension erfüllte sich bei Schreker nicht. In Monaco geboren, in Wien aufgewachsen avancierte er zu einem der meistgespielten Opernkomponisten, überholte Strauss, wurde 1920 zum Direktor der Musikhochschule Berlin ernannt, 1932 dazu noch Leiter der Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste. Er galt als Meisterlehrer. 1933 schmiss man ihn hinaus, ohne Pension. Er erlitt einen Herzinfarkt und starb 1934, zwei Tage vor seinem 56. Geburtstag. „Die Welt heute scheint zu arm für dieses Stück. Aber wir kommen an den Punkt, an dem wir Schreker verstehen, mit unserem Luxus, unserer Egozentrik.“ Krzysztof Warlikowski sieht das aufregende Potenzial im Werk selbst. „Ein Skandal-Regisseur zu sein, ist leicht.“ Findet er komplett uninteressant. Ihn interessiert etwas anderes. Die Unabdingbarkeit, mit der Schreker genau diese Oper schreiben musste, nach seinem eigenen Text – nicht wie Richard Strauss, der Texte von Hofmannsthal vertonte und in der Klangsprache mit Schreker manchmal verwandt scheint, nur kommt bei Schreker noch etwas viel Überbordenderes hinzu, „wunderschöner Eklektizismus“. „Die Gezeichneten“ ist für Warlikowski das Stück, das Schreker schreiben musste, wie Schönberg „Moses und Aron“, wie Alban Berg „Wozzeck“.„Ich habe sehr viel Empathie für Schreker. Ich verstehe ihn.“ Vielleicht auch, weil es in Polen unter der derzeitigen Regierung nicht immer sehr lustig sein dürfte, Kunst zu machen. Warlikowski, ein zarter Nervenmensch, braucht Freiheit, plädiert die Freiheit der Kunst, fordert für die Kunst den Schutz der Gesellschaft. Oder besser gesagt: Er erhofft sich eine Gesellschaft, die die Kunst in allem respektiert. Die Gezeichneten, Sa./Di. /Fr. u. Di., 1./4./7. u. 11. Juli, je 19 Uhr, Nationaltheater, Max-Joseph-Platz 2 Der Bariton Thomas Hampson gibt am Mittwoch, 28. Juni, einen Liederabend im Nationaltheater. FOTO: DARIO ACOSTA Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach. Der logistische Aufwand und die Disziplin, die eine internationale Sängerkarriere erfordern, sind künstlerisch aber auch in banalen Details wie etwa in der Termin- und Reiseplanung sehr komplex. Zweifelsohne lebt man als Sänger für die Kunst. Dafür muss man viel studieren und sich ernsthaft vorbereiten. Ein Berufsleben auf der Bühne ist gleichzeitig fordernd und sehr erfüllend. Was folgt auf den Schlussapplaus? Der Schluss. Liederabende Nicht nur die großen Inszenierungen bestechen bei den Münchner Opernfestspielen. Manche Sänger präsentieren sich nahbar und persönlich in besonderen Liederabenden. Etwa Anja Harteros mit einem Programm von Schubert und Schumann zu Alban Berg und Strauss am 12. Juli. Oder Simon Keenlyside, der mit einer Band und Songs von George Gershwin und Kurt Weill am 18. Juli auftritt. Anders als für die meisten Opernvorstellungen gibt es für fast alle der sechs Liederabende noch Karten. arga Was folgt John Daszak Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Ich war eigentlich immer von Musik umgeben. Mein Vater war sehr musikalisch und meine Mutter liebte die Oper. Im Alter von sieben Jahren begann ich an der Chetham’s School of Music in Manchester Klavier und Violine zu studieren, da gab es dann oft die Gelegenheit, auf der Bühne aufzutreten. Zu dieser Zeit entdeckte ich auch meine Liebe zum Gesang. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? Es gibt viele Rollen, die ich gerne noch singen würde. Ich habe das Glück, dass ich nie auf einen bestimmten Teil des Repertoires beschränkt war, ich habe sehr interessante und zum Teil unfassbar fordernde Rollen gesungen. Damit will ich nicht aufhören, solange mich die Musik und die Figur reizt, gibt es kaum eine Herausforderung, die ich nicht annehmen würde. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Nach der Premiere von „Die Gezeichneten“ reise ich nach Salzburg zu den Proben für die Festspiele, ich gebe dort mein De- John Daszak singt den Alviano Salvago in der Oper „Die Gezeichneten“. FOTO: ROBERT WORKMAN büt als Tambourmajor in „Wozzeck“. Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher, und werden Sie manchmal sogar auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Als Sänger lebt man oft länger aus dem Koffer. Nach 25 Jahren habe ich mich daran gewöhnt, aber um es so komfortabel wie möglich zu gestalten, lohnt es sich, die richtigen Koffer zu besitzen. Es sind die kleinen Dinge, die einem helfen, sich auf Reisen doch Zuhause zu fühlen, ich habe meine eigene Seife und Zahnpasta dabei, Jogging-Klamotten, Bluetooth-Lautsprecher und natürlich die Noten, die ich gerade studieren muss. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Das größte Opfer, das wir bringen, ist die viele Zeit, die wir nicht zuhause verbringen. Ich habe viele Geburtstage und Feiern im Leben meiner Lieben verpasst. Andererseits kann ich mich schnell auf neue Orte einlassen, in München habe ich mich etwa immer zuhause gefühlt. Aber das Leben unterwegs kann einsam sein. Was folgt auf den Schlussapplaus? Ah, das Après-Ski! Ich esse nichts vor der Vorstellung, weil ich mich wach fühlen möchte. Im Idealfall gehe ich nach der Vorstellung mit meinen Kollegen auf ein oder zwei Bier und esse einen Putensalat. In München gibt es tolle Lokale, aber am liebsten ist mir das Schneider Weisse Bräuhaus. Wenn die Vorstellung spät endet, ist der Brenner aber auch beliebt. Immerhin ist der direkt hinter dem Bühnenausgang. Mein Kulturkalender hat zahllose Highlights. Sieben davon in einer Nacht. Die UniCredit Festspiel-Nacht Erleben Sie das Beste aus Oper, Konzert und Literatur: Freitag, 30. Juni, 20 Uhr. München: FÜNF HÖFE, HVB Filiale Promenadeplatz, Literaturhaus, Theatinerhof Mit Staatsintendant Nikolaus Bachler, Annette Dasch, Julian Prégardien, FRANUI, Solisten des Bayerischen Staatsorchesters und der Münchner Opernfestspiele 2017. Eintritt kostenlos. Besuchen Sie uns auf Facebook: facebook.com/hypovereinsbank unicredit-festspiel-nacht.de In Kooperation mit: Diese Veranstaltung wird klimafreundlich durchgeführt. 4 SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE V3 Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH Weg mit den alten Hosen Was folgt? Angela Brower Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Ich habe das Singen schon immer geliebt, aber erst während dem Studium habe ich die Oper kennengelernt und wie ich mich als Charakter in ihr durch die Schönheit der Musik vollumfänglich ausdrücken kann. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? Es gibt so viele Rollen, die ich noch singen möchte. Die großen Mezzo-Rollen von Händel, zum Beispiel Ariodante, Alcina, Sesto. . . Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Urlaub! Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher, und werden Sie manchmal auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Ich habe wirklich fantastische Fans. Einige folgen mir, wenn es ihnen möglich ist, zu meinen Auftritten in andere Städte und Theater. Ich fühle mich wirklich sehr gesegnet durch diese wundervolle Unterstützung! Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Die meisten Sänger unterrichten. Ich denke, es ist auch eine Berufung, sein Wissen und seine Erfahrung zu teilen, um die nächste Generation von Sängern zu fördern und zu unterstützen. Da ich selbst auch das Glück hatte, von so vielen inspirierenden Gesangslehrern zu lernen, ist es nur fair, dass ich auch etwas zurückgebe. Was folgt auf den Schlussapplaus? Manchmal ein Dinner mit Freunden, aber meistens versuche ich den Zug zu erwischen, um nicht zu spät nach Hause zu kommen. Der junge Grazer Patrick Hahn dirigiert die Kinderoper „Kannst du pfeifen, Johanna“ von barbara hordych D ie Idee ist so einfach wie genial, dass sie eigentlich nur Kindern einfallen kann: Berra wünscht sich genau so einen Großvater wie sein bester Freund Ulf ihn hat. Einen, der mit ihm angeln geht und gern Schweinshaxen isst. Aber woher kriegt man den? Kein Problem, sagt Ulf, und nimmt Berra mit ins Altersheim. Da sitzt der alte Nils, der schon immer einen Enkel haben wollte. Angeln kann er zwar nicht und Schweinshaxen findet er furchtbar, aber dafür weiß er, wie man einen Drachen baut. Und er kann pfeifen. Etwas, das Berra auch gerne können würde. . . In Wirklichkeit stammt die Geschichte von Berra und seinem eigenmächtig zum Opa erklärten Nils allerdings von Ulf Stark, der für sein Kinderbuch „Kannst du pfeifen, Johanna“ 1994 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Der Kein geschrumpfter Parsifal für Kinder, stattdessen ein Originalwerk für junge Hörer Komponist Gordon Kampe wiederum schuf nach dieser Vorlage eine gleichnamige Kinderoper, die 2013 in Berlin uraufgeführt wurde. „Kein Parsifal für Kinder, sondern ein Originalstück für junges Publikum“, erzählt Patrick Hahn. Der österreichische Pianist und Dirigent, erst 21 Jahre jung, dirigiert bei den Festspielen die Neuproduktion der Oper, die erstmals in München zu sehen sein wird. Und kann sich richtig in Begeisterung reden, wenn es um die Vorzüge des Werks geht. „Wenn ein Kind eine neue Hose braucht, dann wäscht man ja nicht so lange die eigene alte Hose, bis sie endlich dem Nachwuchs passt. Man kauft eine, die sofort passt“, zitiert er den Komponisten Gordon Kampe. Dieser forderte 2015 öffentlich: „Sofort aufhören mit dem Siegfriedtoscagiovannizauberflöten-Geschrumpfe – Kinder brauchen Ori- ginale!“ Hahn, der seine Gesangsausbildung bei den Grazer Kapellknaben erhielt, kennt diese eingedampften Versionen nur zu gut. Als Zwölfjähriger habe er als einer der drei Knaben in der „Zauberflöte“ gesungen. „Wenn wir aber nichts zu tun hatten bei den Proben, haben wir sofort angefangen, ein eigenes Stück zu komponieren, weil uns das viel mehr Spaß machte“, sagt Hahn und lacht. Die dabei entstandene Kurz-Oper „Die Frittatensuppe“ erlebte übrigens 2008 unter seiner Leitung tatsächlich ihre Uraufführung in Graz. Wie hat man sich nun die Inszenierung im Münchner Postpalast vorzustellen? „Ungewöhnlich“, sagt Hahn spontan. Zunächst einmal sitze kein reguläres Orchester im Graben, sondern das sechsköpfige Instrumentalensemble sei in das Geschehen auf der Bühne involviert. Aus musikalischer Sicht kein leichtes Unterfangen, denn die Orchestermusiker müssten sich links und rechts am Bühnenrand verteilen und darauf achten, den drei Sängern – die Protagonisten Berra, Ulf und Nils sind mit Tenor, Bariton und Bassbariton besetzt – und den zwei Kinderdarstellern nicht in die Quere zu kommen. Kinder sind also auch beteiligt bei der Aufführung? „Ja, das ist das Besondere an der Münchner Inszenierung; anders als in der Aufführung in Berlin war es der große Wunsch unseres Regisseurs Łukasz Kos, dass in den Spielszenen wirklich acht- und neunjährigen Kinder agieren“, sagt Hahn. Während also die erwachsenen Sänger sich an ihre Erlebnisse in der Vergangenheit erinnerten, stellten die jungen Mitwirkenden die Handlung dar. Und da müsse man es ihnen „abkaufen“ können, dass sie auf diese wunderbare Idee mit dem Altersheim kämen. „Das wäre bei vierzehnjährigen Darstellern nicht mehr glaubwürdig“. Was reizt ihn selbst als Dirigent an Kampes Werk? „Die spannenden musikalischen Effekte, die Verschmelzung unterschiedlichster Stilebenen, von scheinbar Unzusammengehörigem“, sagt Hahn. Tango und Walzer gehörten dazu, eine Art Nostalgie-Tanzkapellen-Sound erzeuge heitere Melancholie, ebenso wie der immer wieder auftauchende alte Schlager „Kannst du pfeifen, Johanna?“. „Im Altersheim intoniert ein Schlagwerk auch schon mal einen Eierschneider“, sagt Hahn, und wenn im Libretto von einer Zahnlücke die Rede sei, erklinge auf dieses Stichwort hin ein „Zahnton fies“ der Klarinette. Deftige Spielanweisungen wie „volle Kanne“, „immer ratzfatz druff“ oder „immer mit tüchtig Schmackes“, mit denen Kampe, der Komponist von Werken mit Titeln wie „Butter und Fische“ (2012) oder „Gefühlte Diese Johanna kann nicht nur pfeifen, wie die Comedian Harmonists in ihrem Schlager forderten, sondern auch Ukulele spielen. FOTO: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO 70 000 Bratwurststände“ (2012) gerne operiert, scheinen ihn ohnehin dafür zu prädestinieren, originäres Musiktheater für Kinder zu schreiben. Der 1976 geborene Kampe, der vor seinem Kompositions-Studium eine Ausbildung zum Elektroinstallateur gemacht hatte, sieht im Text von Ulf Stark nahezu ideale Voraussetzungen für eine Kinderoper: eine Geschichte und Figuren. „Das Erzählen von Geschichten, wie krude, schräg und aufregend sie auch sein mögen, scheint im Zeitalter des postdramatischen Theaters nicht mehr von Interesse zu sein – Narration ist noch immer verdächtig“, konstatierte Kampe vor zwei Jahren. Sein „Wunsch“ hingegen sei: „Versucht es trotzdem.“ Kannst du pfeifen, Johanna, ab 7 Jahre, Premiere: Samstag, 8. Juli, 18 Uhr, weitere Termine 9. bis 12. Juni, Postpalast, Wredestraße 10 + Tablet Ihrer Wahl iPad oder iPad mini Einmalzahlung ab 9 Euro Huawei MediaPad M3 Einmalzahlung ab 9 Euro Jetzt mit neuem iPad Microsoft Surface Pro 4 Einmalzahlung ab 299 Euro Alle SZ-Plus-Vorteile Verschiedene Tablet-Varianten zur Auswahl Ab 19,90 € / Monat (Vorteilspreis für Zeitungsabonnenten) Einmalzahlung ab 9 Euro Jetzt bestellen unter: Ein Angebot der Süddeutsche Zeitung GmbH, Hultschiner Str. 8, 81677 München. Angela Brower ist in „Les Contes d’Hoffmann“ (27. und 30. Juli), sowie beim Kammerkonzert am 28. Juli zu hören. FOTO: OH sz.de/plus-tablet SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE DEFGH Nr. 135, Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017 V3 5 Was folgt? Jonah Cook Fixsterne im Festivalsommer „Opernfreunde, pilgert nach München!“ empfahl die New York Times ihren Lesern nach der Tannhäuser-Premiere. Neidvoll blickt man von Manhattan aus auf die Bayerische Staatsoper, wo Intendant Nikolaus Bachler zwar stetig betont, dass es in der Oper um mehr gehe als um Stars, er sie aber trotzdem alle auf seiner Bühne hat, besonders im heißen, europäischen FestspielSommer. Fixstern im Bachlerschen StarUniversum ist Jonas Kaufmann, der der Met zuletzt schmerzliche Absagen servierte, in München aber verlässlich singt. Zu den Festspielen erlebt man ihn in „Andrea Chenier“ (siehe Foto) und „La forza del destino“. In Kaufmanns Gravitationsfeld bewegt sich da Dauerpartnerin Anja Harteros (Chenier, La Forza, Tannhäuser, Liederabend). Kristine Opolais reist mit ihrem Gatten Andris Nelsons an und steigt als Rusalka wieder ins Aquarium, Elīna Garanča hat als La Favorite mit Karel Mark Chichon ebenfalls ihren Ehemann am Pult und den Bariton Mariusz Kwiecień auf dem Schoß. Kann die Diven-Dichte noch größer sein? Auch Joyce DiDonato, Eva-Maria Westbroek, Diana Damrau, Sonya Yoncheva – und der darf nicht fehlen – Placido Domingo stehen im Festspiel-Programm. „Big names make a big difference at the box office“, weiß man in New York. Bevor die Leser der Times also ins Flugzeug nach München steigen, sollte man sie warnen, für viele Vorstellungen gilt: Sorry, sold out. czg FOTO: WILFRIED HÖSL Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Seit ich eine Vorstellung des Nederlands Dans Theaters mit Jiří Kyliáns „Wings of Wax“ gesehen habe. Da war ich 14 Jahre alt, und seitdem ist meine Liebe zum Tanz immer weiter gewachsen, auch weil ich festgestellt habe, wie nahe man anderen Menschen dabei kommen kann. Welche Rolle muss in Ihrer Karriere noch folgen? Ich würde gerne noch mehr Rollen tanzen, die mich emotional fordern. Ich genieße die Flucht, wenn ich mich in einer Vorstellung völlig in einen komplexen Charakter hinein versetze. Dabei lerne ich auch viel über mich selbst. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Erst einmal ein paar Wochen Ferien. Dann werde ich beim Origen Festival tanzen und anschließend durch Europa reisen, meine Freunde und Familie treffen und Fahrrad fahren, bevor die Herausforderungen in der nächsten Saison weitergehen. Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher? Eigentlich niemand. Das Schöne am Tänzer-Dasein ist, dass ich zum Tanzen nichts weiter brauche als meinen Körper. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Manchmal gibt es Zeiten, in denen man sich wie eine Marionette fühlt. Das kann sehr entmutigend sein. An solchen Punkten muss man die Gelegenheit nutzen, in einer Vorstellung für etwas Größeres zu tanzen und die Menschen emotional mitzureißen. Was folgt auf den Schlussapplaus? Manchmal braucht es eine Weile, bis der Adrenalinschub nachlässt, dann ist es schwierig einzuschlafen. Aber ich mag es, wenn ich mich ausgelaugt und leer fühle, denn dann kann ich mir aussuchen, womit ich diese Leere füllen möchte. Vier Temperamente Die jungen Männer, die im Prinzregententheater einen Ballettabend mit Uraufführungen bestücken, sind allesamt Tänzer, bringen aber bereits Erfahrung als Choreografen mit von eva-elisabeth fischer Der gebürtige Brite Jonah Cook tanzt den Herzbuben im Ballett „Alice im Wunderland“. FOTO: SASCHA KLETZSCH Was folgt? Dustin Klein Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Ich habe schon als kleiner Junge täglich eine Show abgezogen. Aber dass ich das später auch auf einer Bühne vor Zuschauern machen möchte, wurde mir erst mit 15 Jahren klar, als ich an der Royal Ballett School in London aufgenommen wurde. Welche Rolle muss in Ihrer Karriere noch folgen? Irgendwann einmal würde ich gerne einen der zwei Zigeuner in Hofesh Schechters „Political Mother“ tanzen. Für mich ist dieses Stück der Wahnsinn, und es steht wirklich ganz oben auf meiner Wunschliste. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Mitte Juli ist die Premiere von „Old News“, einer von mir choreografierten abendfüllenden Performance im Rahmen des Origen Festivals in Riom in der Schweiz. Mit von der Partie sind die Kostüm- und Bühnenbildnerin Louise Flanagan und der Musiker Simon Karlstetter sowie Tänzer des Bayerischen Staatsballetts und der freien Szene. Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Meine Familie ist so oft wie möglich bei meinen Auftritten dabei, ihnen ist kein Weg zu weit. Wir haben alle eine große Leidenschaft für die Kunst und jeder von uns lebt diese auch aktiv in der ein oder anderen Form aus. Zu Fans und Bewunderern habe ich ein sehr angenehmes und ausbalanciertes Verhältnis. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Meistens ein ziemlich erschöpfter Körper und Geist. Das ist aber durchaus im positiven Sinne gemeint. Was folgt auf den Schlussapplaus? Pizza, Bier, Stanley (mein Hund) und Louise (meine Freundin). Dustin Klein hat „Mama, ich kann fliegen“ für den Ballettabend „Junge Choreografen“ choreografiert. FOTO: WILFRIED HÖSL Z um Ende der Spielzeit setzen sie nicht selten den Schlussakkord an den Spartenhäusern: Mal zagend, mal dissonant, mal selbstbewusst, loten die Protagonisten dabei die meist unerforschte Klaviatur ihrer Möglichkeiten aus. Die Rede ist von den Abenden junger Choreografen als variable Größen im Repertoire. Sie sind bei den Machern vor allem deshalb so beliebt, weil sie zumeist Tänzern aus dem eigenen Haus die Chance bieten, sich öffentlich als Choreografen auszuprobieren. Die Kosten bleiben überschaubar, da man ja mit Bordmitteln ein volles Programm bestreitet und dabei auch noch, für alle Welt sichtbar, Ensemblepflege betreibt. Staatsballettchef Igor Zelenksy hält das Risiko klein. Für den „Ballettabend – Junge Choreografen“ im Prinzregententheater hat er vier junge Männer zwischen 23 und 30 Jahren ausgewählt, deren bisherige, offenbar vielversprechende Arbeiten er bereits kennt. Die Tänzerinnen und Tänzer für ihre maximal halbstündigen Stücke konnten sich diese bei Workshops aussuchen – soweit das die Proben für die Premiere von Christian Spucks „Anna Karenina“-Ballett im November zuließen. Ob wohl auch wenigstens eine Frau zur Debatte stand? Im Quartett der Erwählten jedenfalls findet sich keine Choreografin. Das scheint wieder einmal zu bestätigen, dass es offenbar keine Frau mit genügend Potenzial und der Lust dazu gibt, für ein großes Ballettensemble zu choreografieren. Die Amerikanerin Aszure Barton, die auch fürs Bayerische Staatsballett zwei erfolgreiche Stücke kreierte, bleibt wohl die Ausnahme. In Deutschland zumal, so viel ist sicher, gibt es bis heute, 21 Jahre nach deren Tod im Jahr 1996, niemanden, der die große Opernregisseurin und Choreografin Ruth Berghaus beerbte. Vier Männer – vier Temperamente. Der Schweizer Benoît Favre – das Ensemblemitglied des Zürcher Balletts ist mit 23 der Benjamin im Kreativ-Kleeblatt des Ballettabends – erscheint als bedächtig, grüblerisch und in sich gekehrt, während er immer neue Körperverschlingungen für einen Pas de deux aus seinem Stück „Out of Place“ ausprobiert. Die Choreografie entsteht an und mit den Tänzern. Hier sind es Séverine Ferrolier und Matej Urban, zwei erfahrene Solisten des Bayerischen Staatsballetts, vertraut mit allen denkbaren Tanzstilen dank des vielfältigen Repertoires unter Ivan Liška. Favre taut schnell auf im Gespräch und erzählt, dass er schon als Kind choreografierte: „Ich wollte immer kreativ sein“, sagt er. Später hat er sich, noch in der Schule, seine Soli für Tanzwettbewerbe auf den Leib choreografiert Socken oder Schläppchen statt Spitzenschuh: Die jungen Choreografen nehmen sich stilistische Freiheiten. FOTO: W. HÖSL und findet bis heute: „Das Spannendste ist immer das Kreieren.“ Dem stimmt Dustin Klein (siehe Interview links) begeistert zu. Der Halbsolist ist der einzige Choreograf aus dem hiesigen Ensemble. Total offen kommt einem der Dreißigjährige, eine anscheinend durch nichts zu erschütternde Frohnatur, entgegen. Er ist längst dabei, sich als Choreograf zu etablieren, hat bereits 2015 ein Stück für die Junior Company kreiert. Sechs Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Ecken der Welt hat er nun in seinem neuen Stück „Mama, ich kann fliegen“ darauf eingetaktet, Elemente ihrer Heimat in ihre Soli einzubringen. Ermutigt zu ersten choreografischen Versuchen wurde der gebürtige Landsberger von Kurt Tykwer, dem Vater des Filmemachers Tom Tykwer, nachdem er einen Film über Pina Bausch gesehen hatte. „Ich habe gleich Blut geleckt und bin mittlerweile ganz heiß drauf“, sagt Dustin Klein über den kreativen Prozess im Ballettsaal. Mit der gleichen alerten Lässigkeit, mit der er an die Arbeit geht, unterläuft er in seinem Flugtraum Hierarchien, wie sie nicht nur in einer Ballettkompanie gang und gäbe sind: Auf seinem Spielplatz für sechs Tänzerinnen und Tänzer sind alle gleich – und gleich frei. Die Freiheit der Tanzenden ist auch bei Andrey Kaydanovskiys Stück „Discovery“ für neun bis elf Tänzer größer als sonst. Denn der gebürtige Russe, der klingt, als wäre er nie aus Wien heraus gekommen, geht als reflektierter, akribischer Planer sonst mit einem fertigen Konzept in den Ballettsaal. Diesmal entwickelt er das Bewegungsmaterial am lebenden Tänzerkörper. Der bleiche Dreißigjährige mit dem verträumten Blick, der seit zehn Jahren beim Wiener Staatsballett engagiert ist, Die Initialzündung war ein Theaterabend, der auf ihn wie ein Schock wirkte sagt über seine Choreografen-Zweitexistenz: „Die Nachfrage ist da.“ Die Initialzündung für die Bühnenkunst war ein Theaterabend, der auf den damals 14-Jährigen wirkte wie ein Schock. Da erfuhr er das erste Mal, „wie spannend das ist, was sich da für Welten auftun“. Also Tanztheater? „Mehr Tanz, mehr Theater“, lautet die prompte Antwort Kaydanovskiys, der offenbar als Einziger der Vier eine Vorliebe fürs Erzählerische hegt. Bleibt noch ein unbeschriebenes Blatt – der Russe Anton Pimonov, der bereits vier große Stücke herausgebracht hat. Ballettabend – Junge Choreografen, Freitag, 30. Juni, Samstag, 1. Juli, je 20 Uhr, 2. Juli, 18 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12 Der lange Weg zur Kunst Seit 15 Jahren gibt es die Akademie des Staatsorchesters. Zum Jubiläum dirigiert Chef Kirill Petrenko selbst Was es bedeutet, in einem Opernorchester zu spielen, das kann man sich nur schwer vorstellen. Als Normalbürger sowieso. Aber auch als Musikstudent ist das Ziel, Musiker in einem Theaterorchester zu werden, mit das am schwierigsten zu erreichende. Das Musikstudium kann mit Hochschulorchestern die Arbeitsweise eine Symphonieorchesters gut an die Studenten vermitteln. Die realen Bedingungen eines Theaters samt Sänger und Bühnenbetrieb sind jedoch nicht zu simulieren. Das war mit ein Grund, warum sich die Bratscherin Christiane Arnold vor 15 Jahren dafür einsetzte, dass das Bayerische Staatsorchester eine eigene Orchesterakademie bekommen sollte. „Es gibt immer noch deutliche Vorbehalte gegen Opernorchester“, sagt Arnold, die die Akademie zusammen mit dem Trompeter Frank Bloedhorn auch leitet. Doch mehr als die Hälfte aller professionellen Orchester in Deutschland sind Theaterorchester. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geigenstudent in Deutschland also letztlich im Orchestergraben landen wird, ist nicht so gering. Die praktische Ausbildung dazu, die Möglichkeit den realen Theaterbetrieb kennenzulernen und auch die Möglichkeit festzustellen, dass das Berufsbild Opernorchestermusiker vielleicht doch nichts für einen ist, gibt es nun also seit 15 Jahren mit der Orchesterakademie der Staatsoper. Orchesterakademien sind in Deutschland mittlerweile zur Regel geworden. Fast jedes Symphonieorchester unterhält eine solche Akademie, in der fertig studierte Musiker meist für zwei Jahre den professionellen Betrieb kennenlernen und erfahren können und neben der Arbeit im Orchester noch speziellen Unterricht und För- derung erhalten. Das erleichtert darauffolgende Probespiele und den Einstieg ins spätere Berufsleben. Bis vor 15 Jahren teilten sich in München die drei großen Orchester, also das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Münchner Philharmoniker und das Bayerische Staatsorchester eine Akademie. Doch die Trennung der Nachwuchskader im Jahr 2002 sei ein Vorteil gewesen, sagt Arnold. Denn ein Opernorchester arbeite eben unter ganz anderen Bedingungen als ein Symphonieorchester. Die 15 Akademisten bekommen das Orchesterleben an der Oper realitätsnah zu spüren „Wenn die Akademisten ihre erste Strauss-Oper durchgespielt haben, wissen sie, was das bedeutet“, erklärt Arnold lächelnd. Denn im Opernorchester ginge es oft nicht darum, eine schwere Stelle in der Probe wieder und wieder zu üben und zu besprechen. Hier müsse die Technik sitzen, denn die Musik und damit auch die Musiker haben in einem Opernhaus eben immer noch einen anderen Zweck als den reiner Symphonik. Hier wird mit Sängern, Bühne, Bühnentechnik und Regie zusammen gearbeitet. Das Orchester spielt dabei nicht die Hauptrolle, auch wenn ohne ein gutes Orchester kein Opernabend gelingen würde. All das bekommen die derzeit 15 Akademisten in ihrem Leben an der Bayerischen Staatsoper unter realen Bedingungen zu spüren. Denn die Akademisten spielen als Kollegen mit im Orchester und haben also monatlich bis zu zehn Orchesterdienste zu absolvieren. Hinzu kommt wöchentlicher Instrumentalunterricht, sowie zwei bis drei Kammerkonzerte der Akademie pro Jahr und mentales Training. Das ist eine Besonderheit der Akademie der Bayerischen Staatsoper. Einmal im Monat gibt die Psychologin Ulrike Klees eine Woche lang Workshops, in denen es um die Bewältigung von Lampenfieber bei Auftritten und Probespielen, sowie um die eigene Persönlichkeit und die Selbstpräsentation geht. Klees, die ursprünglich vom Hochleistungssport kommt, bringe dabei ganz andere Blickwinkel ein, sagt Arnold, die die „vermeintlich spezifischen Musikerprobleme abstrahieren“. Doch die Mühe lohnt sich: „Die Akademisten sind bei späteren Vorspielen deutlich im Vorteil“, sagt Frank Bloedhorn. Mehr als 50 Alumni der Akademie hätten jetzt eine Stelle, gerade erst sei ein ehemaliger Akademist im Staatsorchester als Kontrabassist engagiert worden. Doch auch die Akademisten in München müssen im Staatsorchester Bewerbungsabläufe wie alle anderen durchlaufen, also Bewerbung und Probespiel bestehen. Niemand wird einfach übernommen. Da sich Probespiele und freie Stellen jedoch nicht an den zwei Jahresrhythmus der Akademie halten, sei dieser auch nicht Gefragt: Neben den Orchesterdiensten bei Opern- und Ballettvorstellungen geben die Akademisten auch immer wieder Kammerkonzerte. FOTO: FRANK BLOEDHORN zwingend. „Wenn jemand nach eineinhalb Jahren ein Probespiel besteht, kann er auch früher ausscheiden“, sagt Bloedhorn, der überzeugt ist, dass die Musiker mit der Ausbildung an der Akademie später in jedem Orchester zurecht kommen werden. Doch auch für die Akademie selbst interessieren sich die Menschen längst. Neben den Kammerkonzerten gibt es etwa seit zehn Jahren eine Kooperation mit dem Kloster Metten in Niederbayern, wo die Akademisten regelmäßig auftreten. Hinzu kommen immer wieder Anfragen von Konzertveranstaltern, die allerdings häufig abgelehnt werden müssen. Denn primär geht es in der Orchesterakademie ja um den Alltag im Opernorchester. Den zu erfahren, dafür müssen die jungen Musiker nicht immer im Graben sitzen. Bei vier bis fünf symphonischen Konzerten des Bayerischen Staatsorchesters auf der Bühne des Nationaltheaters wurden zuletzt etliche ehemalige Akademisten zur Unterstützung für Mahlers groß besetzte fünfte Symphonie als Gäste engagiert. Inzwischen gehört auch das jährliche Konzert während der Opernfestspiele zum Akademieleben. Zum Jubiläum dirigiert dabei Kirill Petrenko den Nachwuchs selbst. Mit Erich Wolfgang Korngolds „Suite aus der Schauspielmusik zu Much Ado About Nothing“ und Paul Hindemiths Kammermusik Nr. 1 für 12 Soloinstrumente steht Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Hinzu kommt die Uraufführung von Hans Abrahamsens „Zwei Inger-Christensen-Lieder“. rita argauer Kirill Petrenko und die Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters, So., 16. Juli, 20 Uhr, Prinzregententheater, Prinzregentenplatz 12 6 V3 E SZ SPEZIAL – OPERNFESTSPIELE Mittwoch/Donnerstag, 14./15. Juni 2017, Nr. 135 DEFGH Was folgt? von cindy riechau Günther Groissböck igentlich wollte Alice Merton Opernsängerin werden. Deshalb hat sie jahrelang klassischen Gesangsunterricht genommen. Am Ende ist es anders gekommen und die 23-Jährige stürmt inzwischen mit ihrem Pophit „Roots“ die Charts anstatt Opernbühnen. Dennoch singt sie bei klassischen Musikevents, auf der Münchner FestspielNacht zum Beispiel. In diesem Jahr findet die Veranstaltung der Uni-Credit-Bank am Freitag, 30. Juni, statt. Von 20 Uhr an gibt es dabei regelrechte Pop-Up-Konzerte bei freiem Eintritt, unter anderen in den Fünf Höfen, dem Literaturhaus, dem Theatinerhof. Es ist schon das 16. Mal, dass die Festspiel-Nacht als Rahmenveranstaltung der Opernfestspiele stattfindet. Es sollen auch Menschen begeistert werden, die sich sonst nicht für die Oper interessieren Die Sängerin Alice Merton wird bei dem Klassik-Event allerdings keine Arien zum Besten geben. Sie singt von 21.30 Uhr an stattdessen ihre selbst geschriebenen PopLieder, die sie im kommenden Jahr auf ihrem ersten Album herausbringen wird, wofür sie sogar ein eigenes Label gegründet hat. „Das war die einzige Möglichkeit, authentisch zu bleiben, mich nicht verdrehen zu lassen“, sagt sie. Den Song „Roots“, der die Heimatlosigkeit der in Kanada, Großbritannien und München aufgewachsenen Sängerin thematisiert, wollten mehrere Plattenfirmen nämlich nur nach Änderungen veröffentlichen. „Ich fand ihn aber stimmig, so wie er ist“, sagt Alice Merton selbstbewusst – und sie behielt recht. Beim „Jugend kulturell Förderpreis“ gewann sie 2016 mit dem eingängigen Song in der Kategorie „Acoustic Pop“ den Jurypreis. „Das war so aufregend, meine Eltern sind extra aus England angereist und haben mich zum ersten Mal live spielen sehen“, erzählt sie, „sie waren so stolz auf mich“. Der Wettbewerb wird wie auch die Münchner Festspiel-Nacht von der Uni Credit-Bank ausgerichtet. Mit dem Event will das Geldinstitut „auch Menschen begeistern, die nicht zum klassischen Opernpublikum gehören“, sagt Ulrich Mönius. „Dass das gelingt, erlebe ich danach immer live an den Reaktionen unserer Kunden“, so der Regionalbereichsleiter der Hypo Vereinsbank. Neben Alice Merton singen an dem Freitag auch Mitglieder der Bayerischen Staatsoper, sowie die Sopranistin Annette Dasch, der Tenor Julian Prégardien und der Bariton Michael Nagy. Außerdem präsentieren das Jugendorchester Attacca sowie der Kinder- Klingende Innenstadt: An verschiedenen Orten rund um das Nationaltheater finden diverse Konzertchen und Konzerte statt. FOTO: MARCUS SCHLAF Umsonst und draußen Zur Eröffnung der Opernfestspiele werden bei der Festspielnacht die Grenzen der Klassik und des Musiktheaters örtlich und stilistisch ausgedehnt chor der Bayerischen Staatsoper ihr Können. Die Schriftsteller Albert Ostermaier und Daniela Creszenzio halten darüber hinaus Lesungen im Hugendubel. Der Abend beginnt nach offizieller Eröffnung mit dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, das Arien und Ensembleszenen von Mozart, Bizet und Verdi singt. Anschließend pfeift Nikolaus Habjan auf die Musik – und zwar im wörtlichen Sinne. Denn pfeifend begleitet er die Stücke der Franui – Musicbanda, wenn er dazu nicht gerade seine Puppen tanzen lässt. Denn Fi- gurenspiele sind dem Österreicher ebenso Profession wie das Kunstpfeifen. Für Fans abwechslungsreicher Jazzmusik spielen Flow ihr Programm „Jazz and Renaissance from Italy to Brazil“. Das Duo nimmt seine Zuhörer dabei mit Hilfe von Saxofon und Laute auf eine beschauliche Reise durch Zeit und Welt. Wer noch mehr träumen möchte, kann das bei den Auszügen aus Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz zur Musik von Milhaud und Satie tun, die nicht nur große Märchenfans anspricht. Ein weiteres Angebot für die jüngsten Besucher der Festspiel-Nacht bietet außerdem die Kinderoper im Theatinerhof unter der musikalischen Leitung von Stellario Fagone. Das Jugendorchester Attacca interpretiert im Theatinerhof Mendelssohns Reformationssymphonie. Einige Solisten des Nachwuchsensembles spielen in der Salvatorkirche außerdem Kammermusik für Streich- und Celloquartett. Liebhaber von Blasinstrumenten kommen dagegen beim Holzbläserquintett der Orchesterakademie, die Kompositionen von Haydn und Agay spielen, auf ihre Kosten. Das Ensemble spielt zunächst auf der Plaza in den Fünf Höfen und anschließend in der Salvatorkirche. Für Ulrich Mönius sind besonders die verschiedenen Spielorte des Festivals von besonderer Bedeutung. Dass mitten im Herzen der Stadt Musik gespielt wird, bringe unterschiedlichste Menschen zum Dialog und gemeinsamem Zuhören zusammen. Festspiel-Nacht, Freitag, 30. Juni, 20 Uhr, verschiedene Spielstätten Delikater Schlussakkord Kulinarisches rund um das Nationaltheater Vinothek Vinothek Von der SZ empfohlene Weine entdecken grosser Genuss. 4x im Jahr Entdecken Sie das Degustations-Abo der SZ Vinothek! Ein festlicher Opernbesuch sollte nicht mit dem Schlussapplaus zu Ende sein. Schöner und vor allem genussvoller ist es, den Abend stilvoll kuliarisch ausklingen zu lassen. Rund um das Nationaltheater – und dementsprechend auch mit elegantem Schuhwerk gut zu erreichen – findet man einige der bekanntesten Hotels und Restaurants Münchens; exklusive Inseln der Ruhe und Gastlichkeit. Wie etwa das Hotel Vier Jahreszeiten in der Maximilianstraße. Das „Nach der Oper Arrangement“ (38 Euro) beinhaltet neben einer Antipasti-Auswahl Feines aus der Jahreszeiten-Küche, süße Patisserie-Highlights sowie ein Glas Wein. Im Schwarzreiter Restaurant des Hotels offeriert Küchenchef Anton Pozeg ein DreiGänge-Menü inklusive je einem Glas Champagner und Wein (49 Euro). Für die, die einen kleinen Spaziergang nicht scheuen: Auch der Bayerische Hof am Promenadenplatz bietet im Restaurant „Garden“ ein Opern-Special: Ein DreiGänge-Dinner-Menü nach Wahl des Küchenchefs Axel Vervoordt (43 Euro) – gehobene leichte Küche mit saisonalen Produkten. Japanisch-peruanische Kreationen von Starkoch Nobuyuki Matsuhisa finden Nachtschwärmer in der Bar 31 des Mandarin Oriental in der Neuturmstraße. Die Late Night Bento Box gibt es bis ein Uhr nachts in zwei Varianten: mit Shitake Salat, dem legendären Black Cod und Crispy Rice mit Thunfisch sowie als vegetarische Box mit Shitake Salat, Nasu Miso und Gemüsereis (24 bzw. 22 Euro). Casual fine Dining in noblem Rahmen, Sterneküche oder lieber gepflegte Münchner Gastlichkeit mit einem Hauch mediterranem Flair? Schuhbecks Fine Dining im ehemaligen Münchner Traditionshaus Boettner in der Pfisterstraße hält ebenso wie die Südtiroler Stuben und das Orlando am Platzl die Küche speziell für Festspielgäste länger offen. Zuletzt der Ausgeh-Klassiker mit Logenblick auf das Nationaltheater: das Spatenhaus an der Oper. Hier hat die Küche bis eine Stunde nach Schluss der Aufführungen geöffnet. Neben saisonalen Spezialitäten sind im Spatenhaus vor allem die Bratengerichte wie Sauerbraten, Tafelspitz und Schweinebraten seit Jahren beliebter kulinarischer Schlusspunkt eines Opernabends. ingeborg pils Handkäs’ mit Musik Lassen Sie sich vier Mal im Jahr von neuen Geschmackserlebnissen auf höchstem Niveau überraschen. In unserer aktuellen Edition finden Sie sechs erlesene Winzerweine voller Charakter. Markus Del Monego, Master of Wine hat alle Weine exklusiv für die Süddeutsche Zeitung Vinothek degustiert und verkostet. Wer Hunger fürchtet, bestellt ein Picknick vor Tausende Musikliebhaber werden auch in diesem Jahr wieder schon lange vor Sonnenuntergang auf dem Max-JosephPlatz vor dem Nationaltheater ihre Decken ausbreiten, um in einer ganz besonderen Atmosphäre der Musik zu lauschen. Wer Erfahrung hat, weiß, dass man dabei jedoch nicht von der Kunst allein satt wird. Und so hält der offizielle Ca- Jetzt abonnieren: sz-shop.de/vinothek 089 / 21 83 – 18 30 Ein Angebot der Süddeutsche Zeitung GmbH, Hultschiner Str. 8, 81677 München. Alle angebotenen Weine enthalten Sulfite. Alle Preise in Euro inkl. MwSt. Ab einem Bestellwert von 120 € entfallen die Versandkosten in Höhe von 6,90 €. Bequem: Wer sich sein Picknick nicht selbst zusammenstellen will, kann eine Picknick-Box ordern. FOTO: OH terer der Staatsoper für das Festspielkonzert am Samstag, 24. Juni, und die OpenAir Übertragung des Tannhäuser am Sonntag, 9. Juni, schon eine kompakte Hungerhilfe parat: die Picknickbox für zwei – eine kleine Wundertüte mit bayerischen oder italienischen Spezialitäten. „Bei der Oper für alle herrschen hoffentlich italienische Temperaturen“, wünscht sich Sabrina Gander, Marketingleiterin bei Funk Catering, „und wenn man dann auf seiner Picknick-Decke ,la dolce vita’ vor sich stehen hat, wird der Abend gleich nochmal schöner“. Parmaschinken, Mailänder Salami, TomatenBasilikum-Frischkäse, Cantuccini und mehr bringen südländisches Flair auf die Picknickdecke. Wer es lieber deftig mag, wählt die weißblaue Variante: Fleischpflanzerl, Braten, Obazda, Bergkäse und Radieserl. „So vereinen wir in den unterschiedlichen Boxen zwei Lebensarten, die München ausmachen.“ Die Picknickboxen können online reserviert und am Veranstaltungsabend vor Ort abgeholt werden (www.funk-catering.de/oper-fuer-alle). Der Eintritt für beide Musik-Events ist kostenlos. Entsprechend groß ist auch der Andrang. Deshalb Picknick-Box vorbestellen, sich rechtzeitig ein schönes Platzerl sichern und mit allen Sinnen den Abend genießen. ingeborg pils Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne? Seit 2002 aktiv als Ausführender, aber als Musik- und Opernliebhaber schon seit meiner Kindheit. Welche Partie muss in Ihrer Karriere noch folgen? Im Italienischen hoffentlich endlich mal der „König Philipp“ und der „Fiesco“. Im Deutschen möchte ich mich unbedingt einmal dem „Barak“ stellen und dann gäbe es noch den „John Claggart“ in „Billy Budd“, eine Rolle, die mich in ihrer Abgründigkeit zutiefst fasziniert und reizt. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Der „Pogner“ in den neuen „Meistersinger von Nürnberg“ in Bayreuth und der „Fasolt“ im „Rheingold“ ebendort. Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Neben meiner Familie gibt es einige treue Fans, was mich sehr freut und der Kreis wird erfreulicherweise auch immer größer. Klar ist man gelegentlich auch mal mit Zuschriften konfrontiert, aber wirklich Unangenehmes, in dem Sinne, dass ich mich nicht abgrenzen müsste, habe ich bis jetzt noch nicht erlebt. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Momentan reisebedingt ein hoher CO2Ausstoß, so dass man in Zusammenhang mit der ausgeblasenen, intonierten Luft, wie ich das Singen auch manchmal gerne scherzhaft nenne, ab und an durchaus zum Klimaproblem werden kann ... Was folgt auf den Schlussapplaus? In München nach einem kurzen Bühnentür- Small-Talk meist eine längere Autofahrt. Der österreichische Bass Günther Groissböck ist als Wassermann in Dvořáks „Rusalka“ zu hören. FOTO: BAYERISCHE STAATSOPER Was folgt? Oksana Lyniv Seit wann folgen Sie dem Ruf der Bühne, also Ihrer inneren Stimme, die Sie zur Oper brachte? Seid ich 18 bin und meine erste Oper, Gounods „Faust“, studiert habe. Welches Stück muss in Ihrer Karriere noch folgen? Ich habe noch viele Traumstücke. Was folgt für Sie auf die Münchner Opernfestspiele? Im August startet zum ersten Mal das von mir gegründete LvivMozArt Festival was dem jüngeren Sohn von Mozart, Franz Xaver und seinem künstlerischen Wirken im ukrainischen Lemberg gewidmet ist. Wer reist Ihnen zu Engagements hinterher und werden Sie manchmal sogar auf unangenehme Weise von Fans verfolgt? Ich freue mich immer, wenn mein Partner mitkommt, besonders freue ich mich, wenn meine Eltern mich besuchen und ich bin sehr froh, dass viele meiner Freunde ihre Reisen extra zu meinen Auftritten hin organisieren. Das schenkt mir Unterstützung, Inspiration und man fühlt sich nicht so einsam, auch, wenn man lange nicht zuhause ist. Was sind die Folgen einer Bühnenkarriere? Man gehört nicht mehr sich selbst, sondern ordnet alles unter. Was folgt auf den Schlussapplaus? Kommt darauf an, wie die Vorstellung war. Nach einem anstrengenden Abend kommen Albträume, nach einem euphorischen große Freude über diesen Beruf. Oksana Lyniv dirigiert „Greek“ im Postpalast und „Lucia di Lammermoor“ im Nationaltheater. FOTO: WILFRIED HÖSL IMPRESSUM Sonderveröffentlichung der Süddeutschen Zeitung zu den Münchner Opernfestspielen 2017 Chefredaktion: Kurt Kister, Wolfgang Krach Verantwortlich: Susanne Hermanski Redaktion: Susanne Hermanski, Egbert Tholl, Rita Argauer Gestaltung: Christopher Stelmach Verlag: Süddeutsche Zeitung GmbH Geschäftsführer: Stefan Hilscher, Dr. Karl Ulrich Anzeigen: Jürgen Maukner (verantwortlich) Anschrift von Redaktion und Verlag: Hultschiner Straße 8, 81677 München Druck:Süddeutscher Verlag Zeitungsdruck GmbH