Norbert Finzsch: Konsolidierung und Dissens

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Norbert Finzsch: Konsolidierung und Dissens. Nordamerika von
1800 bis 1865 (= Geschichte Nordamerikas in atlantischer
Perspektive von den Anfängen bis zur Gegenwart; Bd. 5),
Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2005, VIII + 926 S.,
ISBN 978-3-8258-4441-7, EUR 86,90
Rezensiert von:
Georg Schild
Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Mit seinem Buch "Konsolidierung und Dissens" legt Norbert Finzsch den
fünften Band einer auf insgesamt acht Bände angelegten Reihe dreier
Autoren zur Geschichte der Vereinigten Staaten vor. Auf gut 700 Seiten
Text entfaltet der Verfasser ein beeindruckendes Panorama der
Entwicklungen in Amerika von der Wahl Präsident Thomas Jeffersons bis
zum Ende des Bürgerkrieges.
Die wichtigsten Probleme, vor denen Amerika in den Jahren 1800 bis
1865 stand, waren Folge der raschen Expansion in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Während sich das Territorium des Landes zu Beginn der
Amtszeit Jeffersons noch auf Gebiete östlich des Mississippi beschränkte,
dehnte es sich in den folgenden fünfzig Jahren durch den Kauf des
Louisiana-Gebietes von Frankreich (1803) und als Folge des Krieges
gegen Mexiko (1846-48) bis zum Pazifischen Ozean hin aus. Damit einher
ging ein enormes Bevölkerungswachstum. Betrug die Zahl der Einwohner
1800 erst 5 Millionen, waren es am Vorabend des Bürgerkrieges 32
Millionen und 1870 bereits 40 Millionen. Gespeist wurde diese Zunahme
unter anderem durch Immigrationswellen, die zwischen 1820 und 1870
nicht weniger als 7 Millionen Iren, Deutsche und Angehörige anderer
Nationalitäten nach Amerika brachten. Gleichzeitig wurde Amerika
urbaner. Während es 1810 weniger als 50 Städte mit mehr als 2.500
Einwohnern gab, waren es 1860 bereits fast 400.
Diese dynamische Entwicklung führte zu einer Reihe von
gesellschaftlichen Konflikten. Ab den 1840er-Jahren organisierten sich in
den USA fremdenfeindliche und antikatholische Gruppierungen wie die
American Party (Know Nothings), die eine weitere Einwanderung nach
Amerika begrenzen wollten. Zum zentralen Konfliktpunkt entwickelte sich
jedoch der sektionale Gegensatz zwischen Nord und Süd in der Frage der
Sklaverei. Die Südstaaten glaubten, ihre ausgedehnten Baumwoll-,
Zucker- und Tabakplantagen nur mit Sklaven bewirtschaften zu können.
Im Norden machte sich ab 1830 wachsender politischer und moralischer
Protest gegen die Institution Sklaverei bemerkbar. Der Konflikt drohte die
weitere Entwicklung Amerikas zu lähmen, weil die Aufnahme weiterer
Staaten in die Union (und damit die wirtschaftliche Erschließung des
Westens) unter dem Vorbehalt stand, die politische Machtverteilung
zwischen freien und sklavenhaltenden Staaten nicht zu verändern. Bis in
die 1850er-Jahre hinein gelang dies nur durch Vereinbarungen, die von
den Zeitgenossen als bloße Kompromisse betrachtet wurden (Missouri
Compromise, Compromise of 1850), weil sie das grundsätzliche Problem
der Sklaverei nicht lösten.
1860 wurde mit Abraham Lincoln ein Politiker zum Präsidenten gewählt,
der sich zeitlebens kritisch zur Sklaverei geäußert hatte, wenngleich er
nicht zu den führenden Abolitionisten des Landes zählte. Unmittelbar
nach seiner Wahl verkündete South Carolina den Austritt aus der Union.
Bis Mai 1861 unternahmen zehn weitere Staaten diesen Schritt. Ihnen
war die Aufrechterhaltung der Sklaverei wichtiger als der Fortbestand der
Vereinigten Staaten. Der Norden nahm die Sezession jedoch nicht hin und
kämpfte in einem Bürgerkrieg für die Wiederherstellung der Union und
(explizit ab 1863) für die Beseitigung der Sklaverei. Der Krieg, der
mindestens einer halben Million Menschen das Leben kostete, war die
bislang größte Herausforderung für die Vereinigten Staaten. Die
Erinnerung daran weckt auch heute noch das Trauma einer gespaltenen
Nation.
Der Verfasser stellt die Entwicklungen und Probleme Amerikas im 19.
Jahrhundert in beeindruckender Detailfülle dar. Größere Zeitabschnitte
wie die Zeitalter Jeffersons und Andrew Jacksons werden ebenso
souverän behandelt wie zentrale Ereignisse, etwa die Kriege von 1812
und 1846. Aber auch Aspekte des täglichen Lebens abseits von Krisen
und Konflikten werden umfassend erörtert. Der Verfasser betrachtet das
Bildungssystem Amerikas, gesellschaftliche Reformbemühungen
(temperance), die Ausbreitung unterschiedlicher Religionsgemeinschaften
und christlicher Utopien (Shakers, Oneida) sowie Entwicklungen im
Wirtschafts- und Transportwesen.
Besonders hervorzuheben ist die ausführliche Darstellung zum
Hintergrund und zum Verlauf des Bürgerkrieges. Sie kann als
mustergültiges Beispiel für eine sich ergänzende Darstellung von
Ereignissen und Strukturen angesehen werden. Bevor der Bürgerkrieg auf
den letzten 120 Seiten des Buches im Detail beschrieben wird, sind dem
Leser die zahlreichen mittelbaren und unmittelbaren Ursachen für den
Konflikt (Sklaverei, Abolitionismus, unterschiedliche wirtschaftliche
Entwicklungspfade in Nord und Süd, Entwicklung des Parteiensystems,
Lincolns Wahlkampf 1860 usw.) bereits vor Augen geführt worden.
An dieser Stelle sei nur auf die Ausführungen zur Abolitionistenbewegung
hingewiesen, mit denen der Verfasser die Vielschichtigkeit
zeitgenössischer Erörterungen über Sklaverei und ihre Abschaffung
deutlich macht. Mit dem Verbot der Einführung weiterer Sklaven 1807
hatten die Abolitionisten einen frühen Sieg errungen. Die Hoffnung, dass
sich das Problem der Sklaverei damit von selbst lösen würde, erfüllte sich
jedoch nicht. Die Zahl der Sklaven wuchs auch ohne weiteren Import in
den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts an. Damit sanken die
Chancen einer Sklavenbefreiung, weil ihre Arbeitskraft für den Süden
immer wichtiger wurde und weil auch die weiße Bevölkerung des Nordens
gegenüber einer Freilassung aller Sklaven Bedenken hatte. Die meisten
Nordstaaten hatten die Sklaverei zwar Ende des 18. Jahrhunderts
abgeschafft, dennoch waren Schwarze dort nicht willkommen. So sah das
Konzept des Abolitionismus lange Zeit die Deportation aller freigelassenen
Sklaven nach Afrika vor. In den 1830er-Jahren radikalisierten sich die
Auffassungen im Norden und im Süden. William Lloyd Garrison publizierte
ab 1831 die Zeitschrift The Liberator; zwei Jahre später wurde die AntiSlavery Society gegründet. Als Reaktion darauf verhärtete sich auch die
Positionen des Südens. Auf die Frage, ob die Tätigkeit der Abolitionisten
für den Ausbruch des Bürgerkrieges verantwortlich war, äußert sich der
Verfasser zurückhaltend und sieht darin eine "notwendige, aber nicht
hinreichende Bedingung für den Krieg" (559).
Der Verfasser trägt der Bedeutung des Bürgerkrieges als zentralem
Ereignis der amerikanischen Geschichte, in dem unterschiedliche
gesellschaftliche, wirtschaftliche und moralische Entwicklungen früherer
Jahrzehnte kulminieren, Rechnung. Was man sich jedoch gewünscht
hätte, wäre eine weitergehende interpretatorische Einordnung des
Konfliktes in die Geschichte Amerikas. War der Krieg bereits bei der
Gründung der USA angelegt, weil sich die Verfassungsväter 1787 nicht
klar für ein Verbot der Sklaverei ausgesprochen hatten? Oder stellt der
Bürgerkrieg eine notwendige Konsequenz aus der fortschreitenden
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Differenzierung des Landes seit
1800 dar? Müssen wir, mit anderen Worten, die gesamte erste Hälfte des
19. Jahrhunderts als antebellum period verstehen? Oder wäre der Krieg
durch kurzfristige politische Zugeständnisse des Südens abzuwenden
gewesen? Die Begriffe "Konsolidierung" und "Dissens", die dem Buch den
Titel gaben, bieten sich für eine solche Interpretation an. Im Vorwort
(eine Einleitung, in der der Verfasser sein wissenschaftliches Vorgehen
kritisch reflektiert, fehlt leider) definiert der Verfasser "Konsolidierung" als
"fortschreitende soziale Differenzierung im Innern" (1). Es bleibt jedoch
offen, wer die Träger dieser Entwicklung waren und welche Interessen sie
dabei leiteten. Damit bleibt auch unklar, ob für den Verfasser
"Konsolidierung" und "Dissens" zwei unterschiedliche Konzepte sind. Hat
es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Änderung der Politik fort von der
Konsolidierung hin zum Dissens gegeben? Oder beschreiben beide
Begriffe die zwei Seiten einer einzigen Entwicklung? Müssen nicht alle
Entwicklungen Amerikas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Westexpansion, Industrialisierung usw. - sowohl als Konsolidierung des
Staates im Innern als gleichzeitig als Schritt hin zum Dissens zwischen
Nord und Süd betrachtet werden?
Das vorliegende Buch über die Entwicklung der USA von 1800 bis 1865
wird sich schnell zu einem führenden Referenzwerk in deutscher Sprache
entwickeln. Die Behandlung des umfangreichen Stoffes ist beeindruckend.
Die chronologische Einteilung der Kapitel und das ausführliche
Inhaltsverzeichnis machen das Werk trotz seines Umfanges sehr
übersichtlich. Der Text ist hervorragend lesbar und wird vervollständigt
durch einen nützlichen Anhang und ein beeindruckendes
Literaturverzeichnis. Wenn etwas das Lesevergnügen stört, dann sind es
die schlecht reproduzierten Karten und der sehr hohe Preis des Buches.
Redaktionelle Betreuung: Nikolaus Buschmann
Empfohlene Zitierweise:
Georg Schild: Rezension von: Norbert Finzsch: Konsolidierung und Dissens.
Nordamerika von 1800 bis 1865, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2005,
in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: <http://www.sehepunkte.
de/2007/02/8552.html>
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