DIE NATUR ALS EIN WEG ZUR SELBSTERKENNTNIS

Werbung
DIE NATUR ALS EIN WEG ZUR
SELBSTERKENNTNIS
EINE INTERPRETATION VON GOETHES FAUST
Aantal woorden: 27000
Roos Naves
Studentennummer: 01302497
Promotor: Prof. Dr. Benjamin Biebuyck
Masterproef voorgelegd voor het behalen van de graad master in de richting Taalen Letterkunde: Duits en Engels
Academiejaar: 2016 - 2017
2
Verklaring in verband met auteursrecht
De auteur en de promotor geven de toelating deze studie als geheel voor consultatie beschikbaar te
stellen voor persoonlijk gebruik. Elk ander gebruik valt onder de beperkingen van het auteursrecht,
in het bijzonder met betrekking tot de verplichting de bron uitdrukkelijk te vermelden bij het
aanhalen van gegevens uit deze studie.
Het auteursrecht betreffende de gegevens vermeld in deze studie berust bij de promotor. Het
auteursrecht beperkt zich tot de wijze waarop de auteur de problematiek van het onderwerp heeft
benaderd en neergeschreven. De auteur respecteert daarbij het oorspronkelijke auteursrecht van de
individueel geciteerde studies en eventueel bijhorende documentatie, zoals tabellen en figuren. De
auteur en de promotor zijn niet verantwoordelijk voor de behandelingen en eventuele doseringen
die in deze studie geciteerd en beschreven zijn.
3
Danksagung
Für die unterstützende und hilfreiche Arbeit, die Professor Doktor Biebuyck, Daniela Oele, Joan
Botman, Bodo von Plato, Doktor Martina Maria Sam, Gary Vos, Ruben Matthys und Paul van
Panhuys für meine Magisterarbeit geleistet haben, will ich meinen großen Dank aussprechen.
Professor Biebuyck hat mich mit klaren Fragen und wachem Verstand in dem Labyrinth
Faust begleitet. Seine Flexibilität und Geschwindigkeit beim Korrekturlesen waren sublim. Ich
möchte ihm aber nicht nur für seine riesige Unterstützung während des Schreibens dieser
Magisterarbeit danken, sondern auch für die Freiheit, die er mir gegeben hat. Er hat mir erlaubt und
mich darin stimuliert, innerhalb des wissenschaftlichen Rahmens meine eigenen Gedanken zu
finden und zu formulieren.
Daniela Oele möchte ich ganz herzlich danken für ihre Korrektur. Sie hat nicht nur die
Grammatik- und Satzfehler entdeckt und verbessert, sondern sie hat auch als zweite Leserin,
außerhalb des wissenschaftlichen Kontextes, die Begreiflichkeit des Textes überprüft. Ihre
Anweisungen waren mir viel wert.
Meinem liebsten Großvater Joan Botman, danke ich für das gemeinsame unternehmen dieses
Abenteuers. Seine Gedanken über Faust haben mich inspiriert und mir weitergeholfen. Oft haben
mir seine Anweisungen geholfen meine Gedanken zu schärfen, was für mich von großer Bedeutung
war. Die Möglichkeit, dass ich diesen Weg zusammen mit meinem Großvater gehen konnte, ist zu
einer goldenen Erfahrung geworden. Ich danke auch meiner liebsten Großmutter, dass sie Zeit
eingeräumt hat, in der Opa studieren konnte – hoffentlich hilft er nun wieder beim Spülen.
Große Bewunderung habe ich für Bodo von Plato und Doktor Martina Maria Sam. Sie haben
mir eine wertvolle Sichtweise auf den Faust eröffnet, die ich ohne ihre Hilfe nicht so einfach
gefunden hätte. Am Anfang meiner Arbeit haben sie mich motiviert das große Abenteuer anzugehen
und während des Schreibens durfte ich ihnen weitere Fragen stellen. Auch danke ich ihnen für ihr
Vertrauen, ihre große Hilfe und ihre Offenheit.
Danke, Gary Vos, für die Begleitung in die klassische Welt. Die empfohlene Literatur und
die Ermutigungen waren herzerwärmend. Auch möchte ich Paul van Panhuys bedanken. Das
Korrekturlesen seiner Arbeit hat mir in meiner Arbeit weitergeholfen. Ruben Matthys danke ich
sehr für seine Ermutigungen und Entspannungsmomente zwischendurch.
Zuletzt möchte ich meinen Eltern und meinem Bruder danken. Die größte Geduld kam von
4
ihnen. Kein Abenteuer war zu groß – sie haben mich in allem stimuliert und unterstützt. Ohne ihre
Hilfe hätte ich nicht in Gent, Hamburg und Köln studieren können.
5
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
7-11
2. Natur in der Literatur
11-13
3. Goethes Ansichten über die Natur
13-18
3.1 Das Menschenbild der Klassik und bei Goethe
4. Das Motiv der Natur in Goethes Faust
4.1 Distanz zur Natur
18-23
2424-29
4.1.1
Der Erdgeist
29-32
4.1.2
Das Verhältnis Makro- und Mikrokosmos
32-35
4.2 Sehnen nach der Natur
35-41
4.3 Selbstreflexion im brüderlichen Verhältnis zur Natur
41-53
4.3.1
Mephistopheles’ Unverständnis der Natur
53-64
4.4 Erkenntnis durch die Natur
65-75
4.5 Gewaltiges Kolonisationswerk
75-81
5. Schlussfolgerung
81-83
6. Bibliographie
84-87
6
1. Einleitung
„Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen – unvermögend aus ihr herauszutreten, und unvermögend
tiefer in sie hineinzukommen.“1
Diese Aussage von Goethe passt zu dem analysieren des literarischen Werkes der vorliegenden
Magisterarbeit, nämlich dem Faust von Goethe. Obwohl der Leser die Natur nicht direkt mit diesem
Drama assoziieren würde, spielt sie in ihm eine wichtige Rolle. Diese Arbeit will zeigen auf welche
Art und Weise die Natur im Faust eine betreuende und zur Selbsterkenntnis anregende Rolle spielt.
Das Drama Faust inspiriert, konfrontiert und irritiert – manche, die es gelesen haben, wissen
noch immer nicht, was Goethe mit diesem Drama eigentlich sagen wollte, wieder andere trauen sich
nicht einmal ihn zu lesen. Obwohl der Text als komplex und undurchdringlich gilt, haben sich doch
viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit ihm auseinandergesetzt. Auch mich hat Faust
ergriffen. Im Sommer 2016 war ich in Dornach für eine Aufführung des ungekürzten Dramas am
Goetheanum. Nach fünf Tagen Faust ließ er mich nicht mehr los – er war der beste Text für meine
Magisterarbeit. Obwohl ich von meiner Wahl überzeugt war, gab es doch einige Momente der
Verzweiflung, denn Faust fordert einen heraus, er ist mysteriös und durch seine vielen Schichten
schwierig zu erfassen und zu verstehen. Zugleich ist er ein inspirierender Text und zeigte mir neue
Blickrichtungen mit denen ich auf die Welt schauen konnte. Ja, die Auseinandersetzung mit Faust
wurde zu einem persönlichen Bildungs- und Entwicklungsweg. Ein ähnlicher Prozess wie der, der
in Zueignung beschrieben wird, spielte sich auch in mir ab: an manchen Tagen konnte ich Faust
besser verstehen als an anderen Tagen. Faust war für mich auch eine „schwankende Gestalt“, die
ich „fest zu halten“ versuchte. Das Ergebnis dieses innerlichen Ringens ist die vorliegende
Magisterarbeit mit einem neuen persönlichen Blick auf die Welt. Es ist wie Rüdiger Safranski in
Goethe - Kunstwerk des Lebens sagt: “Jede Generation hat die Chance, im Spiegel Goethes auch
sich selbst und die eigene Zeit besser zu verstehen.”2 Ich hoffe, dass das Lesen der vorliegenden
Magisterarbeit für den Leser einen ähnlichen Prozess hervorrufen kann, dass die Beschäftigung mit
dem Faust auch für den Leser eine Bereicherung werden kann.
Es ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, die seelischen Änderungen, die sich in Faust
1
Johann Wolfgang Goethe: Goethes Werke. Band 13. Hrsg. von Dorothea Kuhn. Hamburg: Christian Wegner Verlag
1962, S. 45.
2
Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München: Carl Hanser Verlag 2013, S. 16.
7
innerhalb des Dramas abspielen, anhand seines Verhältnisses und seiner Verbindung mit der Natur,
aufzuzeigen. Dafür habe ich vier Szenen gewählt die detailliert besprochen und miteinander in
Verbindung gebracht werden: „Nacht“, „Vor dem Tor“, „Wald und Höhle“ und „Anmutige
Gegend“. Auch wird anhand einer Analyse des „Hochgebirges“ ein Einblick in seine Entwicklung
gegeben. Der Fokus liegt auf der Entwicklung von Fausts Verhältnis zur Natur und der Entwicklung
seines Selbstbewusstseins. Nicht nur Fausts Verhältnis zur Natur sondern auch die Rolle welche die
Natur selbst in diesem Verhältnis spielt werden hier besprochen. Die Natur wird als Fausts
Betreuerin und Ratgeberin gesehen – sie betreut ihn auf seinem Weg zu einem höheren
Selbstbewusstsein und auf seinem Weg ein harmonisches Verhältnis mit ihr zu finden.
Die folgenden Leitfragen haben die gesamte Arbeit begleitet: Welches Verhältnis hat Faust
zur Natur? Wie ändert sich sein Verhältnis? Was bedeutet das Verhältnis? In „Nacht“ zeigt sich zum
Beispiel eine gewisse Distanz und eine Entfremdung zur Natur. Durch diese Distanz entsteht aber
gleichzeitig die Sehnsucht nach der Natur, die in „Vor dem Tor“ geschildert wird. Das Sehnen führt
dazu, dass Faust in die Natur „aufgenommen“ wird, wodurch ein brüderliches Verhältnis zwischen
beiden entsteht. Die Annäherung findet in der Szene „Wald und Höhle“ statt. Bei jeder Begegnung
mit der Natur erhält Faust neue Erkenntnisse über die Natur und über sich selbst. Jede
Auseinandersetzung mit ihr ist ein nächster Schritt zu einem höheren Bewusstsein. In „Anmutige
Gegend“ wirkt die Natur als ein Spiegel, in dem Faust sich selber wiederfindet – die Natur und Faust
werden zu einer Einheit. Nach diesem Höhepunkt scheint es, als ob Faust seine gewonnenen
Erkenntnisse verliert. Er entwickelt sich zu einer proteusartigen Figur, der in der Entwicklung seines
Ideals Tod und Verderben sät.
In die Diskussion wird Sekundärliteratur integriert, die meine These einerseits bestätigt und
andererseits hinterfragt. Versucht wird, einen kleinen Überblick der Goethe-Forschung über die
gewählten Szenen zu zeigen. Hier soll der Leser wissen, dass die ausgewählte Sekundärliteratur nur
ein kleiner Teil der riesigen Goethe-Forschung ist. Auch meine Magisterarbeit sollte man als einen
winzigen Beitrag zur Goethe-Forschung betrachten. Meine Magisterarbeit ist ein bescheidener
Versuch, das berühmte Drama für den Leser in ein helleres Licht zu rücken und eine neue und
erweiterte Sichtweise bzw. Interpretation aufzuzeigen.
Für die Faust-Forschung scheint sie mir jedoch auch wichtig, da das Motiv der Natur in
Beziehung zu Fausts Entwicklung bisher noch nicht untersucht worden ist. Manche kleinen
Hinweise darauf wurden früher schon gemacht, aber eine zusammenhängende Studie wurde bisher
8
nicht durchgeführt. Diese Magisterarbeit stellt die Rolle der Natur in ihren Brennpunkt und
verbindet sie mit Fausts Entwicklung. Damit versucht sie einen nächsten Schritt zu setzen um diese
Lücke in der Goetheforschung auszufüllen.
Der Leser sollte diese Arbeit als eine literaturwissenschaftliche Analyse der
Betrachtungsweise ansehen, aus der Goethes naturphilosophische Anschauungen entstanden sind
und nicht als eine Arbeit, die Goethes naturphilosophische Anschauungen aus der Dichtung
herauszulesen versucht. Den Landschaftsdiskurs seiner Zeit lasse ich außer acht, obwohl er sehr
interessant wäre. Für diese Arbeit ist er aber nicht relevant, da die analysierten Naturfragmente
entweder in der „wilden“ Natur spielen oder die Natur in einer geistigen Welt entstand und dadurch
nicht in den Landschaftsdiskurs passen würde.
Vielleicht liegt der größte Wert dieser Arbeit darin, dass sie versucht und dazu beitragen will
eine Forschungslücke zu schließen. Seitdem die Welt sich mit stets größer werdenden
Klimaproblemen auseinandersetzen muss, haben sich verschiedene Wissenschaften wieder neu mit
der Beziehung zwischen dem Menschen und Natur auseinandergesetzt. Leitfragen bei diesen
Forschungen sind zum Beispiel: warum fühlt sich der Mensch als ein Herrscher über die Natur und
nicht als ein Teil von ihr?
In der Germanistik hat sich die Forschung bisher nur sehr wenig mit diesen Fragen
auseinandergestzt, schreibt Berbeli Wanning in 2005. Obwohl meine Magisterarbeit zwölf Jahre
später geschrieben wird, hat sich in der heutigen Literaturforschung diesbezüglich noch nicht viel
verändert. Doch besteht mittlerweile mehr Forschung über dieses Thema, aber es bleibt noch wenig:
Es ist erstaunlich, daß sich die geisteswissenschaftliche Forschung bisher nicht in dem
Umfang mit der Thematik beschäftigt hat, wie es angesichts der gesellschaftlichen Realität
geboten wäre. Während verschiedene andere wissenschaftliche Disziplinen bereits auf die
Herausforderungen der ökologischen Problematik reagieren, hat insbesondere die
Germanistik bislang kaum Ansätze gezeigt, die kulturellen und gesellschaftsrelevanten
Implikationen der ökologischen und zivilisatorischen Krise, wie sie in literarischen Werken
reflektiert werden, in ihre Betrachtungen einzubeziehen. Wenn es heute u.a. die Aufgabe einer
ökologisch orientierten Literaturkritik ist, nach der Aufnahme und produktiven Verarbeitung
des ambivalenten Erbes literarischer Tradition durch Gegenwartsautoren zu fragen sowie
deren Anleihen bei Wahrnehmungs- und Ästhetisierungstraditionen mit Blick auf
Landschaftstypen, Darstellungstopoi und Naturmetaphern zu untersuchen, dann fehlen
Studien, die diese Arbeit an den literarischen Texten vergangener Epochen unter den
genannten Prämissen leisten.3
3
Berbeli Wanning: Die Fiktionalität der Natur. Studien zum Naturbegriff in Erzähltexten der Romantik und des
Realismus. Berlin: Weidler Buchverlag 2005, S. 7-8.
9
Diese Magisterarbeit möchte zur gesellschaftsrelevanten Debatte über die Natur und die Ökologie
beitragen. Sie will mit Hilfe ihrer Forschung zum Verhältnis von Mensch und Natur in Goethes
Faust, den Leser bewusst machen, dass jeder Mensch eine eigene Stellung gegenüber der Natur
einnehmen kann und muss. Es gibt Wissenschaftler die in Fausts Entwicklungsweg das Endziel des
Gottseins betonen, wie unter anderen Ulrich Gaier und Jochen Schmidt. In meiner Arbeit werde ich
diese Hypothese ablehnen, denn meines Erachtens will Faust kein Gott werden, sondern sucht in
seiner Antwort „was die Welt zusammenhält“ indirekt auch die Verbindung zu sich selbst. Faust
will keine rein göttlichen Qualitäten gewinnen, sondern seinen eigenen Kern wiederfinden und von
da aus sein Selbstbewusstsein erhöhen. Damit gehört meine Magisterarbeit zur Diskussion über das
principium individuations von Nietzsche. Wann bin ich Ich? Welche Bedingungen gehören zu dem
vollkommenen Ich? Diese Magisterarbeit betont das Menschliche in Fausts Streben und in Fausts
Verbindung mit der Natur. Meiner Meinung nach handelt es sich im Faust nicht darum wie etwas
Göttliches erreicht werden kann, sondern es handelt sich darum, wie das eigene Ich bzw. ein höheres
Selbstbewusstsein gesucht und gefunden werden kann. Durch das ganze Drama des Faust hindurch
läuft ein Entwicklungsweg, dessen Ziel es ist, das vollkommene Ich bzw. Selbstbewusstsein zu
finden. Auch beim Suchen dieses Selbstbewusstseins gleicht der Mensch keinem Gott. Darum wählt
Faust bewusst das Suchen seines eigenen Kerns, da er weiß, dass er nie ein Gott werden kann.
Noch einige wichtige Bemerkungen vorab. Der Naturbegriff in dieser Magisterarbeit geht in
den meisten Fällen von einer geistigen Auffassung der Natur aus. Meine Auffassungen und Goethes
Naturauffassungen gehen von einem Naturbegriff aus, der einen materiellen- und einen
immateriellen Teil beinhaltet. Auch der Mensch wird in dieser Arbeit als ein Wesen von Körper und
Geist aufgefasst. Der immaterielle Aspekt bzw. der Geist der Natur unterscheidet sich vom Geist
des Menschen da sich im Menschen ein eigener, starker Wille zeigt, den die Natur nicht hat. In
Faust und der romantischen Poetik, aber auch heutzutage, wird die Verbindung des Geistigen mit
einem Materiellen hervorgehoben.4
Roden Noel entwickelt in seinem Essay “On the Poetic Interpretation of Nature” einen vergleichbaren Gedankengang:
“I do not mean to say that the animism of savages is a correct creed, for they simply deify phenomena without analysis,
or suspicion that these are largely subjective; nor even do I say that the Pagan poets were correct in their mythological
beliefs; or the mediaevals in their fairy-lore; yet I think they were not far from the truth when they formulated their
conviction that our spiritual kinship with Nature testifies to some spiritual beings like ourselves behind the phenomena
of Nature – the elements, and so called inanimate objects, being only their expression, body, or vesture. Nor do I deem
such a belief at all incompatible with a full recognition of that ever-widening kingdom of physical law, to which modern
Science introduces us: only let Science “stick to her own last!” Quite certainly the ancients were never guilty of
deliberately, in cold blood, inventing a quasi-poetic, or metaphorical diction, which the vulgar were so foolish as to take
4
10
Ich heiße den Leser willkommen und wünsche ihm eine lehrreiche Auseinandersetzung mit
meinem Denken.
2. Natur in der Literatur
“Wir leben mitten in ihr und sind ihr fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis
nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie.”5
Hier folgt eine kleine theoretische Einleitung über das Thema „Natur in der Literatur“ mit dem Ziel
eine kleine Übersicht über die Entwicklungen dieses Themas zu geben.
Die Naturproblematik heutzutage stammt aus der Zeit der Aufklärung. Im Fortgang der
Entwicklung der Vernunft und der Individualisierung richtete sich der Mensch stets mehr auf die
Naturbeherrschung und löste damit den natürlichen Zusammenhang des Menschen mit der Natur
auf. Die Natur wurde zum Objekt über das der Menschen unbeschränkt verfügen konnte. Seitdem
hat sich wenig in der Haltung vieler Menschen gegenüber der Natur geändert. Wanning sieht in den
heutigen Landschaftsdarstellungen den Willen des Menschen um seine Macht über die Natur
auszuüben.6
Die weitere Entwicklung zeigt, wie der Mensch inzwischen ein größeres Selbstbewusstsein
entwickelt hat. In diesem Prozess der Emanzipation, Ende der Aufklärung und Anfang der
Romantik, gewinnt die Natur an Autonomie. Die Natur ist kein Objekt mehr, sondern korrespondiert
mit dem Menschen: „Weder ist sie ausschließlich Ausdruck göttlicher Schöpfungsmacht noch ein
bloßes Objekt der Erkenntnis, sondern eine Welt, die mit den Gefühlen korrespondiert, ein Ort, an
dem das Ich zu sich selbst kommen kann.“ 7
Rousseau baut auf diesem Konzept weiter auf und macht die Natur zu einem sozial
normierenden Prinzip: „In der Begegnung mit ihr soll sich das Gesellschaftswesen Mensch in seinen
for literal fact, as our pseudo-scientific insincerity of unbelief, and incapacity for comprehending other modes of thought
and feeling, now complacently assume. On the contrary, modern Natur-poetry is reverting, though in its own fashion,
and in accordance with other altered convictions of our age, to this primal conception of the ancients. For as Science –
though furnishing in her fairy tales new material for poetry – affords no help to the poetic feeling of life and spirit in
Nature, so neither does a theology which teaches that there is a God external to the world, who once made, and still
possible sustains it. (S. 6-7)
5
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 45.
6
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 12.
7
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 12.
11
natürlichen Zustand zurückverwandeln.“ 8 Je größer die Naturbeherrschung wird und damit die
Unabhängigkeit des Menschen von der Natur, desto größer wird die ästhetische Reflexion über sie.
Die Landschaft wird zu einem ästhetischen Gegenstand, den der Mensch gestalten kann. Dies sieht
man zum Beispiel in der Entwicklung der Garten- und Landschaftskunst. Das Konzept der
Landschaft als räumlicher Totaleindruck verschwand mit der Trennung von Malerei und Poetik, die
mit Lessings Laokoon anfing. Damit wurde die dichterische Landschaft eine Reflexion vom Inneren
des Menschen. 9 Der Mensch sieht in der Landschaft, in der Natur sich selbst und dadurch lernt er
mit sich selbst zu kommunizieren.
Der reale Landschaftsbegriff nimmt auch eine ästhetische Komponente in sich auf. Martin
Seel definiert die Landschaft im Realismus als „von ästhetischer Natur umformte
Lebenswirklichkeit des Menschen.“ 10 Mit der menschlichen Komponente in der natürlich
gegebenen Landschaft entsteht der eigentümliche Doppelcharakter der Landschaft. 11 Georg
Simmel, ein Vertreter der Kultursoziologie, beschrieb die Landschaft als ein Produkt der
Sinneseindrücke. Sie wird zu einem schöpferischen geistigen Akt: „Wir sehen in der Natur im
allgemeinen nur das, was wir zu sehen gelernt haben, und wir sehen es so, wie es der Zeitstil
erfordert.“12
Wanning erklärt, warum die Natur zu einem ästhetischen Objekt und Spiegel des Menschen
wurde. Die Landschaftsdarstellungen in der Malerei und in der Literatur haben darin einen
erheblichen Anteil gehabt. Diese Medien zwangen den Menschen zu sehen, dass die Natur(Darstellung) immer auch ein Produkt der Kultur ist: „Die Natur als Landschaft ist Ausdruck dieser
kulturell geformten Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, sie ist als Realität
zugleich ein Bild, das sich erst im Augenblick der Begegnung gestaltet, eine Sehfigur, die eine
spezifisch menschliche Weise der Naturerfahrung darstellt.“ 13
Obwohl heutzutage das Sehen keine idealisierten Landschaftsträume mehr bilden kann, da
es in der Stadt keine idealen Landschaften mehr gibt, hat der Mensch immer noch die Sehnsucht
nach einer utopischen Landschaft in sich. Die schöne Landschaft ist zu einem Sehnsuchtsbild
8
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 12.
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 15.
10
Martin Seel: Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991, S. 222.
11
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 16.
12
Georg Simmel: “Philosophie der Landschaft”. In: Brücke und Tür. Stuttgart: K. F. Koehler 1957, S. 141-152.
13
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 16.
9
12
geworden, das vielleicht in der Freizeit oder im Urlaub realisiert werden kann. 14
Bis heute ist der Mensch in den Landschaftsdarstellungen, durch die verschiedenen Epochen
hindurch, das zentrale Subjekt geblieben. In der Romantik wurden Vorgänge in der Natur mit den
seelischen Zuständen literarischer Figuren gleichgesetzt. Die Dichter des Realismus setzten sich
gegen die Tradition der Romantiker ab, gebrauchten aber auch das Identitätsdenken bzw. die
Spiegelung einer Persönlichkeit in der Natur im Zusammenhang mit der Naturdarstellung. Der
Bildungsroman verbindet die Natur mit der Subjektschilderung, da sie die Entwicklung des
Protagonisten anhand der Naturdarstellungen zeigt. 15 Die Natur ist also immer ein geliebtes Objekt
für die Darstellung des Selbstbewusstseins gewesen. Auch im Faust zeigt sich diese Tradition.
3. Goethes Ansichten über die Natur
“Ich preise sie mit allen ihren Werken. Sie ist weise und still. Man reißt ihr keine Erklärung vom Leibe, trutzt
ihr kein Geschenk ab, das sie nicht freiwillig gibt. Sie ist listig, aber zu gutem Ziele, und am besten ists, ihre
List nicht zu merken.” 16
Seitdem der Mensch auf der Erde lebt, setzt er sich mit der Natur auseinander. Der Mensch ist für
sein Leben von der Natur abhängig, darum ist sie für ihn zugleich Freund und Feind. Obwohl der
Mensch versucht die Natur zu verstehen und seinen Platz in der Natur und damit in der Welt zu
finden, bleibt die Natur ein „offenbares Geheimnis“. Das Entziffern dieses Geheimnisses ist bis
heute das Thema verschiedener Kulturen und Wissenschaften. Auch Goethe hat sich ausführlich mit
der Natur auseinandergesetzt. Sowohl in seinen naturwissenschaftlichen Studien als auch in seiner
Literatur spielte sie eine wichtige Rolle – Goethe war von der Natur fasziniert.
Die naturwissenschaftliche Forschungsweise hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Die
Naturforscher im 18. Jahrhundert wurden Naturhistoriker genannt. Sie vereinigten noch in ihrer
Naturforschung und ihren Anschauungen noch geisteswissenschaftliche, naturwissenschaftliche
und religiöse Bereiche. Dies im Gegensatz zu der heutigen Forschungsweise, die sich deutlich von
den geisteswissenschaftlichen Wissenschaften abgrenzt. Goethe trennte in seiner Naturanschauung
die Theologie von der Philosophie bzw. von der Theorie, da er die Natur aus sich selbst heraus
14
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 17.
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 23.
16
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
15
13
verstehen wollte und dafür ein eigenes System für sein Denken anwendete. 17 Mit seiner Trennung
von Religion und Wissenschaft stand Goethe zeitlich vor der Entwicklung der modernen
Naturwissenschaften, die erst in ihrer modernen Form im 19. Jahrhundert entstand. 18 Er nannte seine
Methode der Naturbetrachtung Morphologie. Morphologie bedeutet bei Goethe eine Lehre von „der
sich nur im Prozess definierenden Gestalt der Natur.“ 19 Noch bevor Goethe den Begriff
Morphologie verwendete, wurde er auch von anderen Wissenschaftlern benutzt, – C. F. Burdach
wendete ihn zum ersten mal an, für die Lehre von der Gestaltung im Anorganischen und im
Organischen (1817)20 – aber erst seit Goethe findet man diesen Begriff häufiger angewendet in den
Naturwissenschaften. Goethe wird als der Begründer der Morphologie, als einer neuen
Wissenschaft, bezeichnet. Innerhalb der morphologischen Wissenschaften findet man bedeutende
Unterschiede, die durch unterschiedliche religiöse Anschauungen entstanden sind. Albrecht von
Haller, Carl von Linné, René-Antoine Ferchault de Réamur, und Lazzaro Spallanzani sahen in der
Vergleichbarkeit aller Lebewesen den Bauplan Gottes 21, dies im Gegensatz zu Goethe welcher die
Einheit der Lebewesen durch Urbilder der Pflanze und des Tieres begründete. 22 Obwohl Goethe in
seiner Naturbetrachtung keine Theologie verarbeitete, sah er die Natur nicht als ein mechanischund blind wirksames System, sondern als ein alles belebendes Prinzip. 23 Goethe, Schelling und
Hegel suchten nach Formeln der Synthese, in denen schließlich „die Natur als ein unbewußter Geist
verstanden werden kann und Geist als eine bewußte Natur.“24
Um zu den Ergebnissen seiner Morphologielehre zu kommen hat Goethe lange gebraucht –
sein ganzes Leben setzte er sich mit der Natur auseinander. In den Schriften zur Morphologie findet
man Texte aus den Jahren 1776 bis 1832. In seiner Jugend ging er häufig in die Frankfurter Anlagen,
von den „Putz- und Schaugarten des Reichen zu den Obstgärten des für seinen Nutzen besorgten
Bürgers, [...] ja bis zum Gottesacker selbst.“ 25 Während seines Studiums in Leipzig und Straßburg
besuchte er viele (kurfürstliche) Gärten und setzte sich mit dem Gartenlandschaftskunstdiskurs
17
Olaf Breidbach: Goethes Naturverständnis. München: Wilhelm Fink 2011, S. 13.
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 51.
19
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 34.
20
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 205.
21
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 205.
22
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 206.
23
Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München: Carl Hanser Verlag 2013, S. 294.
24
Safranski: Goethe, S. 296.
25
Johann Wolfgang Goethe: Goethes Werke. Band 9. Hrsg. von Erich Trunz und Lieselotte Blumenthal. Hamburg:
Wegner 1964, S. 19.
18
14
auseinander.26 Kurz nach seiner Ankunft in Weimar fängt Goethe sein eigenes Gartenprojekt an.
Goethe freut sich über diese Chance: „Sogleich bei meinem Eintritt in den edlen weimarischen
Lebenskreis, ward mir der unschätzbare Gewinn zuteil Stuben- und Stadtluft mit Land- Wald- und
Garten-Atmosphäre zu vertauschen.“27 Im Garten an der Ilm entwickelte Goethe eine enge
Beziehung zur Natur und betrieb eine eigene Gartenkunst. 28 Auf seinen Reisen, besonders der
Italienreise, setzte Goethe sich intensiv mit der Natur auseinander. So entstand sein
Naturverständnis in einem langsamen Prozess des Fühlens, Beobachtens und Denkens. Im Untertitel
zu den Schriften zur Morphologie nennt er es „Erfahrung, Betrachtung, Folgerung. Durch
Lebensereignisse verbunden.“ 29 Über den langen Prozess schreibt er:
Weite Welt und breites Leben,
Langer Jahre redlich Streben,
Stets geforscht und stets gegründet,
Nie geschlossen, oft geründet,
Ältestes bewahrt mit Treue,
Freundlich aufgefaßtes Neue,
Heitern Sinn und reine Zwecke:
Nun! man kommt wohl eine Strecke. 30
Die Natur war für Goethe ein „offenbares Geheimnis“ 31 – das Geheimnis durchschaut der
aufmerksame Beobachter, der bereit ist der Natur „geöffnet“ zu begegnen bzw. mit Interesse und
Unvoreingenommenheit. Um ihre Stimme klar hören zu können, sollte man sie nicht mit anderen
theoretischen oder religiösen Stimmen vermischen. Goethe war der Meinung, dass man die Natur
nur aus ihr selber heraus erfassen und begründen kann und nicht aus einer Systematik.32 Auch in
seinem Faust kleidet Goethe diese Ansicht in die folgenden Worte: „Erkennest dann der Sterne
Lauf, / Und wenn Natur dich unterweist, / Dann geht die Seelenkraft dir auf, / Wie spricht ein Geist
26
Siegmar Gerndt: Idealisierte Natur. Die literarische Kontroverse um den Landschaftsgarten des 18. und frühen 19.
Jahrhunderts in Deutschland. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1981, S. 129.
27
Johann Wolfgang von Goethe: Schriften zur Morphologie. Hrsg. von Dorothea Kuhn. Frankfurt am Main:
Deutscher Klassiker Verlag 1987, S. 407.
28
Gerndt: Idealisierte Natur, S. 85.
29
Goethe: Schriften zur Morphologie, S. 399 und 569.
30
Johann Wolfgang Goethe: “Gott und Welt”. In: Goethe. Gedichte. 1800-1832. Band 2. Hrsg. von Karl Eibl.
Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1988, S. 489.
31
Wolf von Engelhardt: Goethes Weltansichten. Auch eine Biographie. Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger
2007, S. 317.
32
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 27.
15
zum andern Geist.“ (422-425)33 Die Natur lehrt den Menschen eine seelische Verbindung
herzustellen zwischen dem menschlichen Geist und dem Naturgeist. Dies ist eine direkte
Verbindung, die durch andere methodische Rahmen nicht gestört werden muss. Mit Hilfe der
Unterweisung der Natur kann sich der Geist des Menschen erheben und die Verbindung mit der
Natur immer stärker werden.
Um selber zu Erkenntnissen über die Natur zu gelangen, war ihm genaue Beobachtung sehr
wichtig. Die Natur trägt alle Erkenntnisse in sich, man braucht sie nur von seinem Herzen aus
anzuschauen. Goethe meinte, die Natur als ein Ganzes soll man dem Ich entgegenstellen, das sich
öffnen kann und so sich selbst wiederfindet. 34 Nur durch die eigene Offenheit gegenüber der Natur
könne man im Ganzen ihre Teile und in ihren Teilen das Ganze entdecken. Bei der Beobachtung
des Ganzen bzw. der Teile, ist der Mensch imstande sich selbst (wieder)zu finden, da der Mensch
Teil ist von dieser Natur. Dazu schreibt er in einem Gedicht „Ultimatum“: 35
Und so sag’ ich zum letzten Male:
Natur hat weder Kern
Noch Schale;
Du prüfe dich nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist!
„Wir kennen dich, du Schalk!
Du machst nur Possen;
Vor unsrer Nase doch
Ist viel verschlossen.“
Ihr folget falscher Spur,
Denkt nicht wir scherzen!
Ist nicht der Kern der Natur
Menschen im Herzen?36
In Goethes Überlegungen, dass der Mensch durch sein Herz (Inneres) in direkter Verbindung mit
der Natur steht, sehe ich ein Gleichnis im Model des Makro- und Mikrokosmos. Auch in Faust kehrt
dieses Model wieder zurück. Faust lernt sich selbst, durch seine Auseinandersetzung mit der Natur,
besser kennen. Die Natur als Makrokosmos steuert und bildet Fausts Mikrokosmos.
33
Zitate nach: Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte. Sämtliche Werke: Band 7/1. Hsg. von Albrecht Schöne.
Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999.
34
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 14.
35
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 33.
36
Goethe: “Ultimatum”. In: Goethe. Gedichte. Band 2, S. 508.
16
In den Schriften zur Morphologie erforschte Goethe „das Ganze eines jeden lebenden
Wesens oder dessen Gestalt.“37 Aus seiner Naturforschung heraus ergab sich ihm, dass alle Wesen
in Bewegung sein müssen. Die Gestalten ruhen nicht, sind niemals bestehend oder abgeschlossen,
sondern wachsen ständig nach einer vorgegeben Form. In dieser Form bzw. diesem Kern der Natur,
ist der Prozess des Wachsens und Sterbens bestimmt.38 Die Struktur wurde im Wesen der Pflanze
angelegt.39 Ein ähnlicher Aufbau der Natur findet man im Faust wieder: die festen Ur-Ideen im
Reich der Mütter und die Kräfte des Werdens und Sterbens im Erdgeist. „Die Mütter“ sind die
Bewahrer der Kerne bzw. Urbilder. Die bewahrten Formen sind alles was war, was ist und was noch
kommen muss. In den Bewegungen der Mütter sehen wir in ihrem Sitzen ein Bild für die
Vergangenheit, in ihrem Stehen für die Gegenwart und in ihrem Gehen für die Zukunft. Die Mütter
sind zeitlos und ewig: „Euer Haupt umschweben / Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben. / Was
einmal war, in allem Glanz und Schein, / Es regt sich dort; denn es will ewig sein.“ (6439-6432)
Die Mütter stellen ein geistiges Konzept der Natur dar. Zum Reich gibt es keinen Weg: „Ins
Unbetretene, / Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene / Nicht zu Erbittende.“ (6222-6224)
Und die von Mephistopheles beschriebene Landschaft, durch welche Faust zu den Müttern zieht, ist
voller Paradoxe: Bilder des Ozeans, der Welle, von Delphinen, Wolken, der Sonne, des Mondes und
der Sterne gegenüber „ewig leerer Ferne“ (6246), in welcher man den Schritt nicht hört und nichts
Festes findet. Es verwundert einen deswegen auch nicht, wenn Faust sowohl zu den Müttern steigen
als auch zu ihnen versinken kann. Hauptsache ist, man entfliehe dem Entstandenen um zu den
Müttern zu gelangen. Das Ideenreich der Mütter zeigt somit Goethes Weltanschauung der
Urphänomene, in denen die Gebilde der Pflanzen und Tieren bewahrt werden. So findet man im
Faust einige Aspekte seiner Naturtheorie wieder.
Die Natur ist, laut Goethe, durch eine konstante Bewegung gekennzeichnet: „Sie schafft
ewig neue Gestalten; was da ist war noch nie, was war kommt nicht wieder – Alles ist neu und doch
immer das Alte.“40 Die Natur entwickelt sich ständig und ist damit immer neu, aber da sie ihre
Urform in sich trägt, ist sie auch konstant. Breidbach fasst diese paradoxe Beziehung zwischen
konstanter Bewegung und einem festen Kern zusammen als: Die Metamorphose bezeichnet die Idee
37
Engelhardt: Goethes Weltansichten, S. 309.
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 20.
39
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 20.
40
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 45.
38
17
eines durchwaltenden Prozesses, in dem sich die Natur in sich gründet. 41 Jede Stufe ist ein
Organismus an sich in einer Entwicklung zum Ganzen, was sich als Ganzes im Ganzen der
Naturgesamtheit hinzufügt. Die Metamorphose-Lehre gilt sowohl für die Natur als Ganzes, als auch
für die einzelnen Pflanzen an sich. In seinen Heften zur Morphologie definiert Goethe die
Metamorphose innerhalb der Pflanze als folgt:
Die geheime Verwandtschaft der verschiedenen äußern Pflanzenteile, als der Blätter, des
Kelchs, der Krone, der Staubfäden, welch sich nach einander und gleichsam aus einander
entwickeln, ist von den Forschern im allgemeinen längst erkannt, ja auch besonders bearbeitet
worden, und man hat die Wirkung, wodurch ein und dasselbe Organ sich uns mannigfaltig
verändert sehen lässt, die Metamorphose der Pflanzen genannt.42
Die Metamorphose innerhalb der Pflanze kann sich auf dreierlei Art zeigen. Die regelmäßige
Metamorphose ist fortschreitend und verläuft stufenweise zum „Gipfel der Natur“ im Gegensatz zu
der unregelmäßigen Metamorphose die sich durch eine rückschreitende Bewegung kennzeichnet.
Die dritte Variante der Metamorphose ist die zufällige, die durch Kräfte außerhalb der Pflanze
bewirkt wird (z.B. durch Insekten). 43
3.1 Das Menschenbild der Klassik und bei Goethe
“Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte. Sie macht ihn abhängig zur Erde,
träg und schwer, und schüttelt ihn immer wieder auf.”44
Seit der Antike stehen im Mittelpunkt der Diskussion über das Leben der Mensch und die Natur.
Dabei ist die zentrale Frage, was eigentlich die Eigenschaften und Bedingungen eines Menschen
sind. Plato und Sokrates waren die ersten Philosophen, die sich intensiv mit dieser Frage, wer bzw.
was ein Mensch ist, beschäftigt haben. Plato beschreibt in Parmenides die vier Formen des Seins.
John Wild fasst es wie folgt zusammen: „These forms exist imperfectly in individual changing
things. They exist even less perfectly in the imaginal content of our phantasy and sense-experience.
They exist purely and insubstantially as the objects of understanding. Finally they have their source
41
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 35.
Goethe: Schriften zur Morphologie, S. 110.
43
Goethe: Schriften zur Morphologie, S. 110-111.
44
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 46.
42
18
in the unique unity of being itself.“45 [Hervorhebung RN] Faust ist auf der Suche nach dieser Einheit
mit sich selbst. Laut Plato bedeutet sich selbst kennen, dass der Mensch eine Einheit mit seiner
eigenen Seele und seinem Körper bildet:
Sokrates: Was ist nun also der Mensch?
Alkibiades: Das weiß ich nicht zu sagen.
Sokrates: Doch, du weißt es. Nämlich: er ist das sich des Körpers Bedienende.
Alkibiades: Ja.
Sokrates: Was wäre es nun anderes, was sich desselben dient, als die Seele?
Alkibiades: Nichts anderes.
Sokrates: Doch wohl als Herrscherin über ihn?
Alkibiades: Ja.
Sokrates: Und was nun das folgende anlangt, so glaube ich, wird niemand etwa abweichender
Ansicht sein.
Alkibiades: Nun, was denn?
Sokrates: Daß der Mensch von dreien eines sein müsse.
Alkibiades: Welche drei wären das?
Sokrates: Entweder Seele, oder Körper oder beides zusammen als vereinigtes Ganze.46
Welche Umstände bringen ihn zu dieser Einheit? In welchem Moment gelingt es ihm, diese Einheit
zu erreichen? Laut Sokrates braucht man den Dialog mit anderen, um das Ich zu sich selbst kommen
zu lassen. Ein Beispiel solch eines Dialoges auf der Suche nach dem Selbst, beschreibt er in
Apologie. Das Orakel in Delphi sagte zu Sokrates, er sei der schlaueste Mensch auf Erden. Sokrates
glaubt dem Orakel nicht und versucht im Dialog mit anderen sich selbst zu prüfen. Zuerst besucht
er die Politiker, dann die Dichter und zuletzt die Handwerker. Jedes Mal hat er eine ähnliche
Erfahrung – andere sind in bestimmten Bereichen besser als er, aber damit ist der andere als Person
nicht besser als er. Seine Schlussfolgerung lautet dann auch: „Ich richtete also an mich selbst im
Namen des Orakels die Frage, was ich vorziehen würde: der zu bleiben, der ich bisher war, also
weder weise zu sein auf die Art dieser Handwerker noch auch ihren Unverstand zu teilen, oder aber
beides mit ihnen zu teilen. Die Antwort, die ich mir und dem Orakel gab, lautete dahin, es sei besser
für mich, zu bleiben wie ich bin.“ 47 Sokrates braucht den Dialog, um zu dieser Schlussfolgerung
über sich selbst zu kommen. Es ist keine Überraschung, dass er solch eine Schlussfolgerung aus der
Rede des Orakels schließt, denn über dem Eingangstor des Tempel stand geschrieben: „Erkenne
John Wild: Plato’s Theory of Man. An introduction to the realistic philosophy of culture. New York: Octagon
Books 1964, S. 218.
46
Platon. Sämtliche Dialoge. Hrsg. von Otto Apelt. Leipzig: Felix Meiner 1922. Band 3. S. 201.
47
Platon. Sämtliche Dialoge. Hrsg. von Otto Apelt. Leipzig: Felix Meiner 1922. Band 3. S. 32.
45
19
dich selbst“. Es war also Sokrates’ Aufgabe, sich selbst kennen zu lernen, und dies versuchte er
durch den Dialog mit anderen.
Mit der aufgeklärten Philosophie Immanuel Kants wird die Basis für die deutsche klassische
Philosophie gelegt. Von der Aufklärung wurde die Idee der Vervollkommnungsfähigkeit des
Menschen übernommen, die im Menschen eine unendliche Entwicklungsfähigkeit sieht.48 Durch
die Definierung des Vollkommenen, setzte man sich aufs Neue mit der Frage wer bzw. was ein
Mensch ist auseinander. Johann Gottlieb Fichte nimmt Kants Aspekt der Vervollkommnung auf und
sieht im Subjekt den Schöpfer der Welt – der Mensch hat einen freien Gestaltungswillen, der sich
im Ich-Bewusstsein zeigt. 49 In Fichtes Philosophie erreicht das Selbstbewusstsein des Menschen
einen Höhepunkt. 50 Auch in der Philosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel dominiert das
Selbstbewusstsein. Hegel lässt die Entwicklung des individuellen Bewusstseins analog zu dem
Bewusstsein der Menschheit verlaufen. 51 In seiner Phänomenologie des Geistes entwickelt er das
Konzept des Selbstbewusstseins als „die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst.“ 52 Für Hegel ist das
Selbstbewusstsein dem Eintritt in das Reich der Wahrheit gleich, in dem das Bewusstsein aus dem
Wissen von sich selbst besteht.53 Das Bewusstsein des Selbst entsteht aus einer Reflexion von „dem
Sein der sinnlichen und wahrgenommenen Welt.“ 54 Die Welt außerhalb von uns ist eine Bedingung,
um zum Bewusstsein des eigen Selbst zu kommen – Objekte, die sich außerhalb von uns befinden,
und die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, regen uns zur Reflexion an und bringen uns zum
Selbstbewusstsein. Dabei sollte die Wahrnehmung von äußerlichen Erscheinungen eine Einheit mit
dem innerlichen Selbst, dem Selbst, das wahrnimmt, bilden. Um die Einheit entstehen zu lassen,
löst das Selbstbewusstsein den Gegensatz zwischen dem Gegenstand des Wahrnehmens bzw. des
Sinnlichen und dem Wesen bzw. dem Selbst auf.55 Es ist die Begierde jedes Menschen, eine Einheit
zwischen dem Selbstbewusstsein und seinem Wesen zu finden. 56 Innerhalb des Bewusstseins
Erhard Lange: “Das Menschenbild der klassischen deutschen Philosophie – Erbe und Gegenwart.” In: Philosophie
und Humanismus. Beiträge zum Menschenbild der deutschen Klassik. Hrsg. von Erhard Lange. Weimar: Herman
Böhlaus 1978, S. 12.
49
Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, S. 295.
50
Lange: “Das Menschenbild der klassischen deutschen Philosophie – Erbe und Gegenwart.”, S. 14.
51
Lange: “Das Menschenbild der klassischen deutschen Philosophie – Erbe und Gegenwart.”, S. 19.
52
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Werke in zwanzig Bänden. Band 3. Frankfurt am
Main: Suhrkamp 1974, S. 137.
53
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 138.
54
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 138.
55
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 139.
56
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 139.
48
20
unterscheidet Hegel die „Selbständigkeit bzw. Herrschaft“, und die „Unselbständigkeit bzw.
Knechtschaft“ des Selbstbewusstseins.57 Das selbständige Selbstbewusstsein ist identisch mit dem
Ich. Es hebt sich durch eine Erfahrung (von außen), wobei ein anderes (unselbständiges)
Bewusstsein hinzugefügt wird, auf. Dieses andere unselbständige Bewusstsein ist nicht mehr rein
für sich, sondern wird von dem Betrachter als eine „Dingheit“ erfahren bzw. als das Sein eines
Anderen.58 Sowohl der „Herr“ als auch der „Knecht“ sind notwendig für die Entstehung des freien
Selbstbewusstseins. In dem freien Bewusstsein wird das Bewusstsein der „Dingheit“ bzw. Form an
dem Wesen gleich. Es entsteht eine Einheit von Ansichsein und Fürsichsein. In dieser Einheit
entsteht das Denken. 59
Nicht nur die Philosophie trug zu der Entwicklung des Menschenbildes der Klassik bei,
sondern auch die Ästhetik, Kunst und Literatur spielten eine wichtige Rolle: „Der Mensch wurde
zum höchsten Gegenstand der Kunst erklärt; hier war völlige Idealisierung möglich.“ 60 Ein
musterhaftes Beispiel eine künstlerischen Darstellung, in dem der Entwicklungsweg eines
Menschen beschrieben wird, ist Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Wilhelm Meister bricht aus
seinem Elternhaus aus, um sich in der Theaterwelt als Mensch zu bilden. Auch Faust könnte man
als solch ein Projekt der Bildung betrachten, in dem die Hauptfigur mit seinem Kamerad
Mephistopheles in die Welt zieht und während seines Wanderns sich selbst entwickelt. In der
Begegnung mit der Außenwelt und der Natur lernt Faust sich besser kennen, was in manchen Fällen
zur Steigerung des Selbstbewusstseins führt. Hierin folgt Goethe der Philosophie Hegels.
Goethes Auffassung vom Menschen und der Menschheit ist begründet in der Anthropologie
des 18. Jahrhunderts deren inhaltliche Basis die Spannung zwischen dem Menschen und der Natur
ist. Goethes Gedanken sind aus verschiedenen Traditionen hervorgegangen. In der Naturgeschichte
stützte er sich auf Graf von Buffon und Linné, sowie Newton, Kant und Lambert. Wichtige
Zeitgenossen für die Entwicklung seines anthropologischen Denkens sind Herder, Diderot, Pope,
Helvétius, Lessing und Wieland. 61
Bei Goethe ist der Mensch Teil der dynamischen Größe bzw. der Natur: „Er kann die Natur
57
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 145.
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 150.
59
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 156.
60
Lange: “Das Menschenbild der klassischen deutschen Philosophie – Erbe und Gegenwart.”, S. 15-16.
61
Goethe Handbuch. Personen. Sachen. Begriffe L-Z. Band 4/2. Hrsg. von Bernd Witte, Theo Buck, Hans-Dietrich
Dahnke, Regine Otto und Peter Schmidt. Stuttgart: Metzler 1998, S. 691.
58
21
in ihrer Gestalt erfassen und führt so die sich entäußernde Natur in sich zurück.“ 62 Goethe meint,
der Mensch erwachse aus der Natur und könne deswegen nur aus seinen eigenen Erfahrungen die
Natur verstehen. Um zum Naturverständnis zu kommen, solle der Mensch miterleben, mitfühlen
und eine Haltung der Sympathie zeigen; der Mensch solle sich in seinen eigenen Natur- Erfahrungen
wiederfinden.63 Einen ähnlichen Prozess sieht man in Goethes eigener Naturforschung. Seine
Forschung basierte auf einer sorgfältigen Betrachtung der Natur, wobei die Ergebnisse der
Forschung lauter aus seinen eigenen Erfahrungen entstanden.
Goethe betrachtet den Menschen als den höchst organisierten Typus der Natur. Da der
Mensch einen Metamorphose Prozess durchlaufen muss und am Ende stirbt kann er nicht aus der
Natur heraus. Die Form des Menschen liegt auch in der Natur beschlossen, da die Natur, laut Goethe
„die Lebendigkeit der Vielfalt der Formen“ sei. 64 Breidbach fasst zusammen: „Die Natur ist das,
was den Menschen ins Leben setzt.“ 65
Im Abschnitt „Antikes“ in der Schrift von Winckelmann wird nochmals die starke
Verbindung des Menschen mit der Natur betont. In dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur
entsteht Glück, da, wo der Mensch das Weltall bewundert und andersherum:
Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in
einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen
ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst
empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens
und Wesens bewundern. Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonne und Planeten und
Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen
und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewußt seines
Daseins erfreut?66
Voraussetzung für das Gefühl des Menschseins ist das Erfreuen am Ganzen. Das Ganze bzw. die
Natur ist eine Bedingung, um das Gefühl des Menschenseins zu erlangen. Goethe sieht im Menschen
einen faustischen Drang der im Endlichen bzw. seiner direkten Umgebung dieses Unendliche bzw.
dieses Ganze suchen will:
So ists mit aller Bildung auch beschaffen:
62
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 55.
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 62.
64
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 117.
65
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 117.
66
Goethe: “Winkelmann. Antikes.” Band 31. In: Goethes sämtliche Werke. Hrsg. von Gebrüder Kröner. Stuttgart:
Cotta’sche Buchhandlung 1881, S. 14.
63
22
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. 67
Im Menschen lebe das Bedürfnis um sich mit dem Vollkommenen zu beschäftigen und sich so zur
Vollendung zu erheben. Das Vollkommene sei das Unendliche, das man in dem Geistigen finde.
Der Mensch sei aber in seinen Möglichkeiten auf der Erde und durch seine beschränkten Sinne
begrenzt und könne nur die Gesetze wahrnehmen. Das, was uns beschränke, solle man in seine
Möglichkeiten umsetzen, meinte Goethe. Wenn der Mensch ein Teil der Natur ist, wie unterscheidet
er sich dann von dieser Natur? Goethe beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf das
Bewusstsein: nur der Mensch ist mehr als das Ganze, da er zur Ausprägung kommt. 68 Meines
Erachtens meint Goethe mit der Ausprägung diesen Prozess der Selbstbildung und Formung. Der
Mensch ist mehr als die Natur, da er versucht, sich über seine Beschränkungen hinaus zu erheben
und sich mit ihnen auseinandersetzt, während die Natur als Ganzen in sich geschlossen bleibt. Der
Mensch strebt zu einem unbegrenzten Ziel. Auch in Faust findet man dies wieder: Fausts Einstellung
und Haltung geht dahin, eine Antwort auf die Frage zu finden, was die Welt zusammenhält – er will
über die Beschränkungen der Natur hinaus den vollkommene Plan finden. Er setzt sich mit den
Gesetzen der Natur in seinen naturwissenschaftlichen Aktivitäten auseinander. Diese befriedigen
ihn aber nicht und darum geht er auf die Suche nach einer anderen Art und Weise um Antwort auf
seine Fragen zu erhalten, er wählt den Weg der persönlichen Begegnung mit der Natur.
Goethe: “Das Sonnet”. In: Gedichte 1800-1832. Band 2. Hrsg. von Karl Eibl. Frankfurt am Main: Deutscher
Klassiker Verlag 1988, S. 838-839.
68
Breidbach: Goethes Naturverständnis, S. 59.
67
23
4. Das Motiv der Natur in Goethes Faust
4.1 Distanz zur Natur
“Sie freut sich an der Illusion. Wer diese in sich und andern zerstört, den straft sie als der strengste Tyrann.
Wer ihr zutraulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz.” 69
In der Besprechung der „Nacht“ Szene wird die Hinwendung von Faust zur Natur erklärt. Fausts
Distanz und Entfremdung zur bzw. von der Natur und sein Unfriede mit der trockenen Wissenschaft
treiben ihn zum Selbstmord. Er ist auf der Suche nach einer neuen Methode um seine Lebensfrage,
was die Welt zusammenhält, beantworten zu können. Bevor eine eigene Analyse vorgestellt wird,
bespreche ich Jane K. Browns Interpretation der „Nacht“ Szene, welche ich in meine Analyse
integrieren werde. In ihrem Beitrag zu der Goethe Forschung bespricht sie „what Faust wants“, aber
richtet zugleich ihre Aufmerksamkeit auf „how Faust wants [it].“70 Browns Analyse ist ähnlich
meiner eigenen Analyse über Fausts Sehnen, obwohl sie die Natur als „a medium of
transcendence“71 sieht: „Nevertheless, what he seeks in magic is not power or wealth [...], or
knowledge in general, like his pedantic assistent Wagner, or even secret, forbidden knowledge.
Rather he seeks direct vision of nature.“ 72 Interessant ist ihre Besprechung von „a series of five
emotional climaxes“73, welche Fausts Sehen definieren. Die fünf Höhepunkte sind: 1) die Rede zum
Mond, 2) die Besprechung vom Zeichen des Makrokosmos’, 3) der Aufruf des Erdgeistes, 4) die
Rede vor dem Selbstmord und 5) die Beschreibung des Sonnenuntergangs in „Vor dem Tor“. In den
Höhenpunkten wird Fausts Beziehung zur Natur verdeutlicht, die sich dauerhaft verändert. Die
ersten vier werden von dem Wunsch bestimmt zur Integration Fausts mit der Natur. „Vor dem Tor“
zeigt eher ein entspanntes Verhältnis, in welchem Faust sich nicht mehr nach einer Verwobenheit
von sich selbst mit der Natur sehnt. Für alle fünf Höhepunkte aber gilt, dass das Licht eine wichtige
Rolle spielt: „Each time Faust catches sight of something, a light goes on. The imagery thus implies
that he reaches new levels of insight.“74 Brown meint, dass Faust jedes mal eine Wiedergeburt erlebt,
in dem Moment, wo er Licht sieht. Das letzte mal beim Sonnenaufgang erscheint ihm sogar ein
69
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 46.
Jane K. Brown: Goethe’s Faust. The German Tragedy. New York: Cornell University 1986, S. 48.
71
Brown: Goethe’s Faust, S. 53.
72
Brown: Goethe’s Faust, S. 50.
73
Brown: Goethe’s Faust, S. 48.
74
Brown: Goethe’s Faust, S. 51.
70
24
„eternal rebirth into the eternal light of the knowledge of God or the Absolute.“ 75 In der Rede zum
Mond und in der Darstellung vom Zeichen des Makrokosmos’ von Robert Fludd (siehe Feuilleton),
findet Brown Paracelsus’ Konzept von der Natur wieder, welches die Natur als ein Sprungbett zu
dem Höheren deutet. 76 Fludds Zeichen als Symbol für die Natur, zeigt den neoplatonischen Dialog
zwischen der Seele und der Natur (oder Welt) selbst. 77 Brown nimmt diese zwei Elemente des
neoplatonischen Dialogs auf und verbindet sie mit dem Zeichen des Makrokosmos und des
Erdgeistes: „The opposition between macrocosm and earth spirit thus also embodies the opposition
between nature as sign of transcendence and as real world. The two sign contrast not only modes of
perception, [...] but also different directions of striving – upward to the infinite, downward to limited
reality.“78 Brown unterscheidet die Natur als Weg zur Vervollkommnung, von der Natur als einer
realen Welt. Aus meiner Sicht stimmt Browns Analyse der Natur nicht mit Goethes
Naturanschauung überein. Goethe deutet die Natur als eine Einheit, in welcher der Mensch in seinen
realistischen, materiellen Beschränkungen das Höhere bzw. das Geistige finden kann. Innerhalb der
Natur findet man also das Höhere – sie ist kein Sprungbrett zum Höheren, obwohl Brown dies in
ihrer Besprechung hervorhebt.
Brown sieht auch die Wichtigkeit des Motivs der Natur und damit überlappt sich ihre
Analyse mit meiner Analyse. Andererseits unterscheidet sich ihre Interpretation von meiner, da sie
die Natur als Mittel zum Höheren sieht aber nicht auf die Bedingungen zum Gelingen verweist. Die
Auseinandersetzung mit der Natur an sich, ist Fausts einzige Chance mehr über sich und die
Weltzusammenhänge zu erfahren. In seiner Auseinandersetzung mit der Natur zielt er nicht bewusst
auf das Höhere, sondern auf das Finden einer Antwort auf seine Lebensfragen.
Im „Prolog“ haben drei Erzengel in einem Lobgesang die Schöpfung Gottes gerühmt. Der
Blick schweift über die Weite des Kosmos. Aus der Weite verengt sich in der nächsten Szene
„Nacht“ die Wahrnehmung des Raumes zu einem hochgewölbten, engen, gotischen Zimmer. Der
Kontrast zwischen den Räumen der aufeinander folgenden Szenen hängt mit dem Seins-Zustand der
Figuren der Szenen zusammen. Die Erzengel leben als erhabene Wesen im Unendlichen in der Nähe
von Gott im Gegensatz zu dem Menschen Faust, der mit seinem Körper an die Erde gebunden ist.
Obwohl das Zimmer eng und dunkel ist – damit auf Fausts Erdenzustand hindeutend – ist es zugleich
Brown: Goethe’s Faust, S. 52.
Brown: Goethe’s Faust, S. 53.
77
Brown: Goethe’s Faust, S. 55.
78
Brown: Goethe’s Faust, S. 56.
75
76
25
hoch und gotisch. In der hochstrebenden Bewegung der Gotik findet man das Sehnen der Menschen
sich mit einer geistigen Welt verbinden zu können, wieder. Das Zimmer deutet also in seiner
Dunkelheit Fausts Erdenzustand und passiven geistigen Zustand an, zugleich verweist es auf Fausts
(un)bewusstes Sehnen sich mit dem Geistigen zu verbinden.
Im Studierzimmer findet man Faust den unzufriedenen Wissenschaftler der unruhig über
seinen Lebenslauf nachdenkt. Er ist unbefriedigt von dem, was er bis dann erforscht und gelernt hat:
„Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus
studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh’ ich nun, ich armer Tor! / Und bin so klug als wie zuvor“
(354-359) Albrecht Schöne erklärt, dass Faust mit der Philosophie, Juristerei, Medizin und
Theologie alle Fakultäten der Hohen Schulen des Mittelalters durchlaufen hat.79 Obwohl er breites
Wissen gewonnen hat, ist er ein unzufriedener Mensch. Das Wissen hat ihn auf zweierlei Weisen
unbefriedigt gelassen: In materieller Hinsicht hat er nichts gewonnen, und in geistiger Hinsicht sind
seine Lebensfragen unbeantwortet geblieben. Die für ihn wichtigste Frage, seine Lebensfrage bzw.
sein Lebensziel, die ihn durch den ganzen Faust begleiten wird, heißt:
Daß ich nicht mehr, mit sauerm Schweiß,
Zu sagen brauche was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne was die Welt
Im Innersten zusammenhält (380-383)
Faust hat und wird sich sein ganzes Leben mit dieser Frage beschäftigen. Es ist ihm eine Frage auf
Leben und Tod. Seinen Selbstmordversuch am Ende der Szene könnte man mit der Verzweiflung
erklären die Faust bei der für ihn Unlösbarkeit dieser Frage gefühlt hat. Er ist sich nicht sicher, ob
er, nachdem der Erdgeist ihn zurückgewiesen hat, jeweils eine befriedigende Antwort finden wird.
Nicht nur fehlt Faust eine Antwort die ihm die Wissenschaften geben sollten, auch brachte
seine Beschäftigung mit diesen Wissenschaften ihm nur Leere und beraubte ihn seiner Kraft fürs
Leben: „Ich fühl’s, vergebens hab’ ich alle Schätze / Des Menschengeist’s auf mich herbeigerafft, /
Und wenn ich mich am Ende niedersetze, / Quillt innerlich doch keine neue Kraft.“ (1810-1813)
Der negative Effekt seiner wissenschaftlichen Beschäftigungen ist der langsame Tod seines Inneren.
Das Wissen aus den Wissenschaften ist nicht mit einer lebendigen Aktivität verbunden und fühlt
sich deswegen „tot“ an: „Erquickung hast du nicht gewonnen, / Wenn sie dir nicht aus eigner Seele
79
Albrecht Schöne: Goethe Faust. Kommentare. Band 7/2. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1990, S.
210.
26
quillt.“ (568-569) Fausts innerlicher Tod wird in dem Zustand des Studierzimmers widergespiegelt.
Das Studierzimmer ist eng, dumpf und staubig. Er nennt es einen „Kerker“ (398), ein „dumpfes
Mauerloch“ (399) und eine „Mottenwelt“ (659). Das Gefühl einer Gefangenschaft zeigt seinen
geistigen Zustand. Faust hat sich in seinem Denken und Handeln auf die Wissenschaften beschränkt,
die ihn nicht weitergebracht haben, sogar einschränkten.
Für seinen Gefühlszustand benutzt er die Metapher eines Wurmes: ein Wurm, der durch
Staub kriecht. Der Wurm ist, meiner Meinung nach, ein stereotypes Beispiel eines Erdenwesens. Er
lebt in der Erde und ist dadurch eins mit ihr. Fausts Gefühl, er sei ein Wurm, deutet dann darauf hin,
dass er im Materiellen im Erdigen gefangen ist. Er hat seinen Sinn (für Höheres) zugeschlossen,
sagt er später (444). Zugleich kann man aber den Wurm auch als hoffnungsvolles Symbol
betrachten: Der Wurm ist imstande sich durch die Erde hindurch zu bewegen. Obwohl er klein und
verletzlich ist, hat er die Kraft sich durch die feste Materie hindurch zu arbeiten. Der Wurm
symbolisiert somit die Hoffnung, dass Faust sich aus seinem festen Zustand befreien kann. Goethe
selber ist in seiner Forschung über den Wurm auch nicht eindeutig: Einerseits sind es Wesen, die
„in der Gestalt unter den Pflanzen“ stehen, da sie sich nicht verwandeln, andererseits sind sie
verwandelbar und deuten damit auf „eine große bedeutende Stufe der Natur“ hin. 80 Über die
Zweideutigkeit der Szene hinaus, wird Fausts hoffnungslose, eingerostete Situation betont. Der
Schädel auf seinem Schreibtisch ist ein direkter Hinweis auf die tote Materie seiner Beschäftigungen
bzw. auf das tote Gefühl, das er nach seinen wissenschaftlichen Beschäftigungen fühlt. Schöne
benutzt das Adjektiv „naturfern“ um das Zimmer zu beschreiben. 81 Damit meint er meiner Meinung
nach nicht nur die Natur als einen Ort, sondern auch ihre Lebenskräfte und Qualitäten. Die Natur
steht in einem Kontrast zu dem Studierzimmer, da sie immer in Bewegung ist. Goethe nennt diesen
Prozess des Bewegens „die Metamorphose“. Das Bewegen ist in Faust verschwunden – er ist
innerlich zum Stein geworden. Mephistopheles erklärt in „Studierzimmer II“ warum Faust sich
innerlich tot fühlt. Die Wissenschaft trennt, um Forschung zu ermöglichen, das Geistige von den
Sachen: „Wer will was lebendig’s erkennen und beschreiben, / Sucht erst den Geist heraus zu
treiben, / Dann hat er die Teile in seiner Hand, / Fehlt leider! nur das geistige Band.“ (1936-1939)
Brown meint in ihrer Besprechung „What Fausts Wants: „Night“ and „Outside the City
Gate“, dass Faust in den fünf Begegnungen mit dem Licht eine Wiedergeburt erlebt. Aus meiner
80
81
Goethe: Schriften zur Morphologie, S. 359.
Schöne: Goethe. Faust, S. 208.
27
Sicht kann man hier nicht von einer Wiedergeburt sprechen. Eine Wiedergeburt kann erst nach
einem (fast) Tod stattfinden. Mit dem Sehen des Lichtes bzw. in den Momenten der Klärung und
Inspiration, findet bei Faust eine Steigerung oder ein Aufwachen statt von etwas was schon in ihm
war und was durch seine wissenschaftlichen Aktivitäten eingeschläfert war. Hegel beschreibt wie
das Äußere, in diesem Fall das Licht, zur Selbstreflexion ansetzt und so zu einer Erhöhung des
(Selbst)Bewusstseins führt. Für mein Gefühl ist eine Steigerung des (Selbst)Bewusstseins bzw. ein
Aufwachen des Inneren eine plausible Erklärung für Fausts Gefühle des Lebens und keine
Wiedergeburt. Das Motiv der Wiedergeburt findet man zuerst in der ersten Szene von Faust II
„Anmutige Gegend“, wo er deutlich aus einem fast toten Zustand erwacht.
Bisher hat Faust sich sein Wissen nur aus Büchern geholt, um Antworten auf seine Fragen
zu finden. Das Forschen war erfolglos:
Ich stand am Tor, ihr solltet Schlüssel sein;
Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
Geheimnisvoll am lichten Tag
Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. (670-675)
Die (Natur)Wissenschaften haben ihm keinen Schlüssel geboten, um das Rätsel des
Zusammenhangs der Welt zu entziffern. In dem Moment der Erschütterung findet Faust in seinem
größten Sehnen nach einer Antwort – die Natur. Die Welt draußen zieht ihn an. Anstatt aber aus
seinem Zimmer heraus zu kommen, fällt er in seine alte Gewohnheit zurück und schlägt ein Buch
auf. In Nostradamus’ Buch sieht er das Zeichen des Makrokosmos’. Im Moment aber, wo er das
Zeichen des Makrokosmos’ anschaut, fühlt er sich innerlich lebendig werden er fühlt das Leben in
sich wirken – begeistert beschreibt er die Verwobenheit der Elemente. Dann schaut er das Zeichen
des Erdgeistes an es wirkt auf Faust – es reißt an seinem Herzen und gibt ihm Mut herauszugehen.
In der Betrachtung beider Zeichen verbinden (neue) Erkenntnisse sich mit dem Gefühl –
Erkenntnisse im Sinne einer abstrakten Darstellung der Zeichen und ein Erlebnis der belebenden
Wirkung der Elemente und eine belehrende Begegnung im Fall des Erdgeistes. In der Verknüpfung
des Wissens mit dem Inneren bzw. dem Geiste, wird das Wissen also verlebendigt. Faust fühlt den
Unterschied zu seiner alten Methode des Studierens und will sich dem Neuen zuwenden. In dieser
neuen Weise wird er sich in die Natur versetzen und sich von der Natur betreuen lassen – die Natur
wird zu seiner neuen Betreuerin. Faust ist sich aber nicht bewusst, dass es Bedingungen gibt, welche
28
zu einer lehrreichen und erfolgreichen Versetzung in die Natur führen können. In der Begegnung
mit dem Erdgeist klären sich diese Bedingungen.
4.1.1
Der Erdgeist
“Es ist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr und doch rückt sie nicht weiter. Sie verwandelt sich
ewig und ist kein Moment Stillestehen in ihr. Fürs Bleiben hat sie keinen Begriff und ihren Fluch hat sie ans
Stillestehen gehängt. Sie ist fest. Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.” 82
Im vorigen Kapitel wurde Fausts alte und neue Methode aufgezeigt durch welche er die Antwort
auf seine Lebensfrage finden will. Es wurde erklärt, welche Gründe Faust hatte, um auf eine neue
Weise die Antwort auf seine Lebensfrage zu suchen. Um erfolgreich diese neue Richtung gehen zu
können, müssen einige Bedingungen in Acht genommen werden. Diese Bedingungen werden
deutlich in der Begegnung mit dem Erdgeist und im Verhältnis zwischen Makro- und Mikrokosmos.
Nachdem Faust eine neue Art – sich in der Natur zu versetzen – erlebt hat, um so mehr Weltbzw. Naturverständnis zu gewinnen, will er sie sofort praktizieren. Die Natur soll ihn unterrichten
er sieht das Zeichen des Erdgeistes diesem fühlt er sich näher er fühlt Mut und Kraft und deswegen
ruft er ihn herauf. Der Erdgeist kann ihm die Antwort auf seine Lebensfrage geben, so meint Faust.
Sein Versuch scheitert, da Faust innerlich verschlossen ist. Mit verschlossenem Sinn und totem
Herzen (444) ist es unmöglich die Sprache der Geister zu hören und zu verstehen. Kommunikation
mit den Geistern entsteht nur wenn der eigene Geist sich „geöffnet“ hat. Um die Sprache der anderen
Geister empfangen zu können, muss man zuerst den eigenen Sinn und das Herz öffnen. Wegen
Fausts totem Herzen ist der Erdgeist nicht imstande, mit ihm zu sprechen: er fragt Faust, wo er ist,
wer er ist? (494-496) Der Erdgeist versucht mit Faust zu kommunizieren, aber Faust hört und sieht
ihn nicht. Der Erdgeist spürt die Sinnlosigkeit des Versuchs, seine Prinzipien der Natur zu erklären
(501-509), und verschwindet wieder. Faust kann nur den Geist verstehen, dem er in dem Moment
gleicht. Sein (beschränkter) Geist steht weit entfernt von dem allumfassenden Erdgeist.
Obwohl Faust die Kräfte des Erdgeists spürt – „wie nah fühl’ ich mich dir!“ (511) – damit
sich selbst in die Natur versetzend – kann er sie nicht ergreifen. Die Naturkräfte bzw. der Erdgeist
sind ihm zu groß, zu viel, weshalb Faust sie bzw. ihn nicht ertragen kann. Laut Schöne, hat Goethe
82
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 46.
29
das Konzept des Erdgeistes aus einem mythologischen Lexikon von Hederich übernommen.
Hederich erklärt den „Daemogorgon“ auf folgende Weise:
soll so viel als der Erdgeist heißen und wird für das erste und ursprüngliche Wesen aller Dinge
angegeben, welches die dreyfache Welt, nämlich den Himmel, die Erde und das Meer und
alles, was darinnen ist, hervorgebracht hat, dessen Namen man aber eigentlich nicht nennen
durfte [...], der in dem Innern der Erde wohnete und die Ewigkeit und das Chaos zu Gefährten
hatte. [...] An sich aber war dieses Grundwesen nichts anders, als was man die Natur nennet. 83
Obwohl in diesem Zitat geklärt wird, dass der Erdgeist direkt mit der Natur verbunden ist, erklärt
Schöne nicht, auf welche Art und Weise der Erdgeist die Natur repräsentiert bzw. ist. Meiner
Meinung nach kann man den Erdgeist nicht der ganzen Natur gleichsetzen. Im Faust wird gezeigt
wie die Natur aus zwei Elementen aufgebaut ist. Einerseits aus dem Urprinzip – „den Müttern“ –
und andererseits aus den Kräften, die dieses Urprinzip in der Materie entstehen lassen bzw. aus der
Materie wegnehmen. Hier ist der Erdgeist die Kraft in der Natur, die das Werden und Entstehen der
fassbaren Natur ermöglicht. Er ist selbst nicht „die Mütter“ er lässt die Urbilder „der Mütter“ in der
Materie entstehen, ist aber auch zugleich imstande, die Materie aus den Urbildern zu nehmen. Damit
ist er der Schöpfer des Materiellen der Natur:
In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Wehe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit,
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. (501-509)
Um materialisieren zu können, braucht man Tätigkeit. Diese Form der Tätigkeit – die konstante
Bewegung und Umformung – findet man in Goethes Metamorphose. Der Erdgeist ist so die
literarische Ausarbeitung des natürlichen Prozesses der Metamorphose. Die Pflanzen sind in einem
dauerhaften Prozess der Änderung und damit immer tätig. Dieses Umsetzen der Ideen in „Körper“
nennt der Erdgeist seinen „Tatensturm“. Der Erdgeist ist nicht nur für das Lebendige verantwortlich,
sondern er befasst sich auch mit dem Toten: „Geburt und Grab“. In Kombination mit der Metapher
83
Schöne: Goethe. Faust, S. 216.
30
des Webstuhls wird klar, dass der Erdgeist auch in der Zeit schafft – dass er zu tun hat mit Leben
und Sterben.
Faust fühlt sich vom Erdgeist angezogen. Sein totes Inneres wird von den Kräften des
Erdgeistes zerwühlt, und er fühlt wieder sein Herz reißen. Er fühlt, dass sich seine Kräfte steigern
er bekommt Mut: Faust will sich in die Welt wagen und sie entdecken. Die Erde sollte ihn mit
„Weh“ und „Glück“ (465) umarmen, sodass er ihr Wesen kennenlernt. Mit diesem Gefühl des
Lebens begegnet er dem Erdgeist. Warum Faust sich dem Erdgeist gleich fühlt, erklärt Schöne nicht.
Der Teil meiner Erklärung wurde gegeben: Faust hat sich lange Zeit unbefriedigt und tot gefühlt,
und mit der Nähe der Schaffenskräfte des Erdgeistes erwachen seine eigenen Lebenskräfte. Die
neuen Impulse in seinem Inneren machen ihn selbstsicherer und überzeugen ihn, er könnte mit der
Annäherung an die Natur zum Endziel gelangen. Durch dieses Gefühl der Hoffnung und des
Erfolges kann er sich wie ein Gott fühlen.
Die Begegnung mit dem Erdgeist lehrt Faust aber auch, dass er noch einen langen Weg gehen
muss, bevor er zu der wahren Naturerkenntnis gelangen kann. Die wichtigste Lehre, die der Erdgeist
Faust mitgibt, ist die Unfähigkeit Fausts, um sich mit sich selber auseinanderzusetzen: „Du gleichst
dem Geist den du begreifst, / Nicht mir!“ (512-513). Laut Reinhard Buchwald verweist der Erdgeist
hier auf den Charakter des Menschengeistes. Der Menschengeist muss die unfassbaren,
unbegreiflichen Dinge beschränken und systematisieren, sodass er sie verstehen kann. Aber da die
Dinge, womit Faust sich beschäftigt, unfassbar sind, ragen sie über das Menschliche hinaus. 84
Diesen Aspekt des menschlichen Charakters, der über das menschliche Begreifen hinaus will findet
man deutlich bei Faust: Faust versucht das All zu verstehen. Er will das verstehen, was alles
zusammenhält. Dazu hat er sich unglücklicherweise den menschlichen Systemen bzw. den
Wissenschaften zugewendet. Mit dem Versuch alles, auch das All, mit Hilfe der Wissenschaften zu
begreifen – eine „beschränkende“, „einschränkende“ Beschäftigung – verlor er seinen offenen Sinn
und sein Gefühl im Herzen und konnte nur noch den mechanischen Geist verstehen. Mit dem
mechanischen Geist ist der wissenschaftliche, systematisierte Geist gemeint.
Faust kann mit seinem verschlossenen Herzen und seinem toten Sinn nicht mit dem Erdgeist
kommunizieren. Auch gegenüber sich selbst bzw. seinem eigenen Geiste ist er verschlossen. Aus
Unwissen über sich selbst fällt er vom Gefühl ein Gott zu sein zurück in die Materie und er
84
Reinhard Buchwald: Führer durch Goethes Faustdichtung. Stuttgart: Alfred Kröner 1964, S. 38.
31
empfindet Abneigung: „Den Göttern gleich’ ich nicht! Zu tief ist es gefühlt; / Dem Wurme gleich’
ich, der den Staub durchwühlt; / Den, wie er sich im Staube nährend lebt, / Des Wandrers Tritt
vernichtet und begräbt.“ (652-655) Er weiß nicht, wem er gleicht, und wer er ist. In Abneigung,
Enttäuschung und Unvermögen wählt er hoffnungslos den Tod. Der Erdgeist hat Faust gezeigt, dass
er zuerst sein Inneres öffnen sollte, bevor er sich den Strukturen der Welt bzw. dem Unterricht der
Natur zuwenden kann. Das Ergebnis seines Öffnens könnte zum Beispiel seine Begegnung mit „den
Müttern“ sein.
4.1.2
Das Verhältnis Makro- und Mikrokosmos
“Die Menschen sind all in ihr und sie in allen.” 85
In dem Moment, wo Faust das Zeichen des Makrokosmos sieht, fühlt er innerlich neues Leben
fließen:
Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick
Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
Ich fühle junges heil’ges Lebensglück
Neuglühend mir durch Nerv’ und Adern rinnen.
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
Die mir das inn’re Toben stillen,
Das arme Herz mit Freude füllen,
Und mit geheimnisvollem Trieb
Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?
[...] Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo fass’ ich dich, unendliche Natur? (430-455)
Das Zeichen verlebendigt sein Inneres und zeigt ihm ein erklärendes System der Natur. Obwohl
Faust hier eine Antwort auf seine Lebensfrage gefunden hat, kann er sie nicht deuten. Es ist ihm nur
ein Schauspiel bzw. Schein. Trotzdem ist es wichtig die Verbindung zwischen seiner Erquickung
und dem Zeichen zu untersuchen, gerade da Faust das Symbol am Schluss nur als ein Schauspiel
bezeichnet. Mit dieser Abwertung des Zeichens wird wieder einiges über den innerlichen Zustand
Fausts gesagt.
85
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 46.
32
Im Historischen Wörterbuch der Philosophie steht die folgende Definition des Makro- und
Mikrokosmos für die Zeit der Antike und des Mittelalters:
Mit den Begriffen <Ma.> und <Mi.> wird eine Beziehung zwischen der Welt als ganzer (dem
Universum) einerseits und einzelnen Teilen in ihr zum Ausdruck gebracht, und zwar in der
Weise, dass das Universum und der jeweilige Teil als Kosmos, d.h. als nach bestimmten
Prinzipien geordnete Einheit angesehen wird; dabei werden Universum und Teil in Bezug auf
ihre grundlegenden Strukturen als ähnlich oder identisch interpretiert, so dass
Analogieschlüsse vom Teil auf das Ganze und umgekehrt möglich sind. Von besonderer
Bedeutung ist hierbei die Vorstellung des Menschen als Mi. 86
Hier fällt auf, dass Makro- und Mikrokosmos nach Prinzipien geordnet werden und diese sich in
ihren Strukturen gleichen und eine Einheit bilden. Da die Strukturen gleich sind, kann man das
Ganze aus dem Teil verstehen und andersherum. In der Antike äußern sich wichtige Philosophen zu
diesem Thema, zum Beispiel Philon, der behauptete, jeder Mensch sei durch seine Vernunft mit
dem göttlichen Logos verwandt und gleiche in den Gliedern seines Körpers dem ganzen Kosmos,
da die Glieder aus der gleichen Materie bestehe. 87 Die Kirchenväter arbeiteten präziser und
behaupteten: der Mensch sei ein Mikrokosmos, „Der mit den Steinen das Dasein, mit den Pflanzen
das Leben, mit den Tieren die Wahrnehmung und mit den Engeln die Vernunft“ gemein habe. 88 In
der Antike wurde die Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, wie auch im
Mittelalter, relativ positiv gewertet, dies änderte sich in der Renaissance. Das Verhältnis zwischen
einer nicht-menschlichen Welt und dem Menschen, macht ihn in seiner Abhängigkeit von dieser
Welt, zu dem schwächeren Glied: der Mensch ist der abhängige Teil „einer umfassenden, über die
Gestirne hinaus wirkende makrokosmische Weltleitung.“ 89 Die Neuzeit fügt ein neues Element zu
dem Konzept des Mikro- und Makrokosmos’ hinzu. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur
wird in die Definition miteinbezogen. Der Mensch ist sowohl Teil der Natur als auch von ihr
getrennt. Mit der Trennung des Menschen von der Natur, als Teil des Ganzen, wird der Mensch
gezwungen, wieder in die Natur zu gehen, wenn er auf der Suche nach sich selbst ist. Die Natur
wirkt dann als Spiegel des menschlichen Inneren, da sie beide ähnlich aufgebaut sind. Auch im
Faust findet man, meines Erachtens, diese Tendenz wieder – Die Natur bringt den Menschen zur
86
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 640.
Lexikon des Mittelalters. Hrsg. von Charlotte Gschwind-Gisiger und Thomas Meier. München: Artemis & Winkler
Verlag 1993, S. 158.
88
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 641.
89
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 641.
87
33
Selbstreflexion durch seine spiegelnde Funktion. Nikolaus von Kues bestätigt diesen Gedanken in
seiner Beschreibung des Mikrokosmos. In seinem Konzept des Mikrokosmos’ ist der Mikrokosmos
der Mensch, der in sich die sinnliche und die geistige Natur vereinigt. 90 In dem Menschen findet
man die Natur wieder, also ist die Natur auch ein Weg zurück ins Innere des Menschen. Mit der
Naturphilosophie der Romantik wird dieser Aspekt des Verhältnisses Mensch und Natur noch
stärker betont. Herder klagt über das Verlorengehen des Inneren der Natur, da der Mensch die Natur
nur noch naturwissenschaftlich betrachtet. Damit drängt der Mensch sich selbst in eine Position, in
welcher er sich selbst „entweltlicht“. 91 Schlegel und Novalis bleiben bei dem Gedanken, „daß die
Welt im Menschen zentriert und zugleich er ihr Entwurf ist.“ 92 Auch Goethe schließt sich diesen
letzten Gedanken an, wenn er die Naturforscher auffordert, die Natur aus ihrem Inneren heraus zu
betrachten.
Der Naturanschauung Goethes folgend, ist es keine Überraschung, dass Faust beim Sehen
des Zeichens vom Makrokosmos eine innerliche Reaktion verspürt. Trotzdem kann er das Zeichen
nicht als Antwort auf seine Lebensfrage deuten. Er bezeichnet es als ein Schauspiel es ist noch zu
weit weg für ihn. Dies hat, der Logik der Ähnlichkeit vom Makro- und Mikrokosmos folgend mit
seiner eigenen Verbindung zwischen seinem Mikrokosmos und dem Makrokosmos zu tun. Sein
Mikrokosmos ist nicht mehr mit dem Makrokosmos verbunden, da sein Inneres bzw. sein Herz „tot“
ist. Innerlich ist er durch das wissenschaftliche Wissen gestorben und kann deswegen keine
Verbindung zwischen dem Makro- und Mikrokosmos mehr herstellen – er bleibt tagelang in seinem
Zimmer und kommt nicht heraus in die Welt. Das, wovor Herder gewarnt hat, ist passiert. Er hat
seinen Mikrokosmos bzw. sein Selbst, von der Welt bzw. von der Natur abgeschlossen und ist damit
nicht mehr imstande, mit ihr zu kommunizieren. Dies zeigt sich auch in der Begegnung mit dem
Erdgeist. Um die Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos wieder herzustellen, muss Faust
in seiner Seele eine Einheit mit der Natur suchen. Die Natur bleibt ein „offenbares Geheimnis“ bis
sich der Mensch ihr öffnen kann. Nur dann offenbart sich ihm das Geheimnis der Natur und lässt es
sich entziffern. Faust sieht die Wiederherstellung der Verbindung zwischen Makro- und
Mikrokosmos als seinen neuen Auftrag:
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
90
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 644.
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 645.
92
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 645.
91
34
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst’ und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End’ auch ich zerscheitern. (1768-1775)
4.2 Sehnen nach der Natur
“Ihre Krone ist die Liebe. Nur durch sie kommt man ihr nahe. Sie macht Klüfte zwischen allen Wesen und
alles will sich verschlingen. Sie hat alles isoliert um alles zusammenzuziehen.” 93
Faust kommt aus seinem dunklen, engen, „toten“ Zimmer und begibt sich in „Vor dem Tor“ in eine
Gegend außerhalb der Stadt. Der Kontrast der zwei Räume ist groß: In seinem Zimmer versteinert
der alte Faust in Einsamkeit, im Gegensatz zu der Lebendigkeit des Volkes dem er während seines
Spaziergangs in der Natur begegnet.
Der nächste Schritt in Fausts Versuch, eine Antwort auf seine Lebensfrage zu finden, ist
seine neue Anschauungsweise bzw. Methode draußen im Leben in der Natur zu praktizieren. Dazu
muss er aber erst eine neue (geistige) Verbindung zwischen seinem Mikrokosmos und dem
Makrokosmos herstellen. In „Vor dem Tor“ beschreibt Faust sein Sehnen nach dieser Verbindung
bzw. sein Sehnen nach der Natur.
Zur Einleitung wird hier erst ein Essay von Kaspar H. Spinner besprochen, indem er das
Thema „Literatur und Raum“ im Allgemeinen beschreibt und darin auch einige Beispiele aus
Goethes Faust I verarbeitet. In „Vor dem Tor“ wird Faust gezeigt, der seinen „Kerker“ verlassen
hat und sich jetzt in der Natur befindet, da begegnet er einer Gesellschaft, die draußen das Osterfest
feiert. Die Auferstehung Christi wird eng mit der räumlichen Konstellation im Text verknüpft:
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes-Banden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle an’s Licht gebracht. (921-928)
93
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
35
Spinner argumentiert, der Raum zeige den Unterschied zwischen Faust und Wagner: Faust will sich
mit dem Raum, an den er gebunden ist, nicht begnügen, im Gegensatz zu Wagner, der Räumlichkeit
nicht ästhetisch wahrnimmt und deswegen nichts vom Raum verlangt. Da Faust die Räume
ästhetisch betrachtet und ständig seine Unzufriedenheit über sie äußert, werden sie zum Symbol
seiner Sehnsucht. Faust sehnt sich nach Höherem und will dies fliegend erreichen. 94
Das Fest der Auferstehung Christi, fällt zusammen mit dem innerlichen Auferstehen von
Faust. Das „tote“ Innere von Faust sehnt sich nach der Natur, in welcher er das erquickende Leben
und neue Erkenntnisse finden will. In der Naturbeschreibung spiegelt sich Fausts (innerlicher)
Zustand. Da wo Faust neues Leben spürt, zeigt die Natur auch neues Leben. Der Frühling vertreibt
den Winter, und „überall regt sich Bildung und Streben“ (912):
Vom Eise befreit sich Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtig Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben (904-913)
Sowohl Schöne als auch Gaier achten nicht auf diese Parallele, obwohl es meines Erachtens deutend
wirkt. Die Spiegelung und Übereinstimmung mit dem Inneren von Faust in der Beschreibung der
Räume um ihn herum ist frappant und wichtig. Dies führt uns auch wieder zurück auf die Theorie
des Makro- und Mikrokosmos, in welcher der Mensch die Natur in sich selbst hat und sie als Spiegel
seines Selbst erleben kann.
Nach der Beschreibung der lebendig werdenden Natur und des fröhlichen Feierns des Volkes
ruft Faust Wagner zu: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ (940) Die Verse, die hierauf
folgen, erklären Fausts Menschenbild. Er beschreibt Wagner seine Fehler, die er durch die
Wissenschaften gemacht hat und hofft noch „aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen.“ (1065)
Kaspar H. Spinner: “Literatur und Raum”. In: Theorien der Literatur. Grundlagen und Perspektiven. Hrsg. von
Günter Butzer und Hubert Zapf. Tübingen: Francke 2009, S. 122-127.
94
36
Fausts Menschenbild wird von zwei Richtungen in seiner Seele geprägt, im Gegensatz zu Wagners
Menschenbild der nur „eine“ Seele erlebte. Fausts Sehnsucht besteht aus zwei Komponenten: die
eine Seite der Seele will sich mit der Erde verbinden, die andere Seite der Seele will
hinausschweben. Wagner als Mensch ist mit der irdischen Seele, mit den „toten“ Wissenschaften,
zufrieden: „Du bist dir nur des einen Triebs bewußt; / O lerne nie den andern kennen!“ (1110-1111),
sagt Faust.
Fausts Spaltung seiner Seele entsteht bei ihm durch die Spiegelung mit der Natur, in der
Faust beide Elemente findet: die Natur zeigt ihm das Irdische und das Geistige zugleich. Aber wo
die zwei Elemente in der Natur harmonisch zusammenleben, da streiten sie in der Seele von Faust.
In der Abendsonne beschreibt Faust die „feste“ Natur, mit der er sich direkt auseinandersetzen kann:
Ich säh’ im ewigen Abendstrahl
Die stille Welt zu meinen Füßen,
Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,
Den Silberbach in goldne Ströme fließen.
Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten
Vor den erstaunten Augen auf.“ (1068-1083)
Faust durchläuft mit seinem Blick die ganze Natur, die vor ihm liegt. Vertikal geht sein Blick vom
Tal zur Höhe der Berge und horizontal beschreibt er die Landschaft bis hin zum ausgestreckten
Meer. Wenig später in der Beschreibung der Natur zeigt Faust das geistige Element der Natur. Das
Geistige zeigt sich im Unvermögen es greifen zu können – Faust kann es nicht erfassen: „Ein
schöner Traum, indessen sie entweicht. / Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht / Kein
körperlicher Flügel sich gesellen.“ (1089-1091)
In der Natur findet Faust zwei Aspekte, die er beide erleben und entdecken will – in ihm leben
zwei Sehnsüchte:
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.
O gibt es Geister in der Luft,
Die zwischen Erd’ und Himmel herrschend weben,
37
So steiget nieder aus dem goldnen Duft
Und führt mich weg, zu neuem buntem Leben! (1112-1121)
Sowohl Gaier als auch Schöne gehen davon aus, dass Goethe für das Konzept der zwei Seelen die
Idee aus Platons Phaidros genommen hat.95 Platon beschreibt in 247a-b die Reise der Götter im
Himmelwagen. Am Ende der Reise durch den Himmel, im Moment aber, wo sie wieder heimwärts
kehren wollen, unterscheiden sich innerhalb der Reisegesellschaft zwei Gruppen: „dann gehen zwar
der Götter Wagen mit gleichem wohlgezügeltem Gespann immer leicht, die andern aber nur mit
Mühe. Denn das vom Schlechten etwas an sich habende Roß, wenn es nicht sehr gut erzogen ist von
seinem Führer, beugt sich zum Boden hinunter und drückt mit seiner ganzen Schwere, woraus viel
Beschwerde und der äußerste Kampf der Seele entsteht.“ 96 Eine Gruppe bleibt also näher bei der
Erde im Gegensatz zu der Gruppe die sich wieder leicht himmelwärts wenden könnte. So
unterscheidet Platon zwei „Seelenrosse“. Eines ist charakterlich gut, das andere nicht, es ist
widerstrebend. Das gute Ross gehorcht und gibt immer nach. Das schlechte Ross springt und strebt
mit aller Gewalt vorwärts (254a). 97 Im Folgenden wird eine Verbindung gesucht zwischen Platons
„Seelenrossen“ und den zwei Seelenkräften in Faust. Das ruhige Ross gehorcht und formt so eine
Einheit mit seinem Führer. Man könnte sagen, dieses Ross ist ohne einen eigenen Willen. Das
andere Ross widerstrebt dem Willen seines Führers und zeigt damit deutlich einen eigenen Willen.
Da es eigene Ziele setzt, versucht es auch diese Ziele zu verwirklichen. Damit symbolisiert das
schlechte Ross eine tätige Seelenkraft im Vergleich zum guten Ross das mehr oder weniger passiv
ist. In der Beschreibung im Faust könnte man eine ähnliche Trennung von zwei Konzepten finden:
Der Erdgeist als die aktive Kraft, der die Urbilder „der Mütter“ entstehen lässt und verkörpert, und
die passive Kraft „der Mütter“, welche die Urbilder bewahrt. Das aktive Ross symbolisiert meines
Erachtens die irdischen Kräfte, wie zum Beispiel den Erdgeist. Das passive Ross ähnelt meiner
Meinung nach einem nicht-irdischen Geist, wie zum Beispiel „die Mütter“.
Mit dieser Unterscheidung und Trennung zeigt Faust sein eigenes Mensch-Sein: Der Mensch
muss tätig sein – „Allein der neue Trieb erwacht“ (1085) – und ist noch nicht imstande diese
95
Ulrich Gaier: Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Erster Teil. Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart:
Reclam 2001, S. 88.
Vgl.: Schöne: Goethe. Faust, S. 240.
96
Platon: “Phaidros”. In: Sämtliche Werke. Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia, Phaidros. Hrsg. von
Ursula Wolf. Hamburg: Rowohlt 2008, S. 568.
97
Platon: “Phaidros”, S. 576.
38
Tätigkeit mit seinen geistigen Quellen in Harmonie zu bringen, wodurch die beiden Seiten der Seele
sich immer streiten. Dieser Streit in der Seele zieht sich durch den ganzen Faust hindurch.
Faust bittet die „Geister in der Luft“ nieder zu steigen und ihn zu einem „neuem buntem
Leben“ zu führen. Im Goethe Wörterbuch werden verschiedene Definitionen von dem Geist
gegeben. Die für uns interessanteste ist:
„in (mehr od minder) personalen u gestalthaften Vorstellungen: geistiges, geisthaftes Wesen,
metaphys Macht; vielfältig charakterisiert, häufig ‚gute, böse G-er’, auch ‚himmlische, zarte,
liebliche, gütige, wohlwollende, tätige, wohltätige, unsichtbare, falsche G-er’ ua (1) übersinnl,
übernatürl Wesen, Dämon, imaginierte Erscheinung; meist mit magischen, zauberischen
Kräften, bes in der Tradition (oft miteinander verflochtener) hermetisch-pansophischer,
jüdisch-christl u volkstüml Vorstellungen (a) in der Natur, in den Elementen, im Universum
waltendes, wirkendes Geisterwesen (Elementar-, Naturgeist); ganz überwiegend in ‚Faust’ 98
Was mich aber am meisten interessiert ist die Verbindung die Faust mit der Natur sucht. Faust ruft,
mit oder ohne Absicht, die Naturgeister an, um mit ihrer Hilfe den Prozess der Verbindung zwischen
Mikro- und Makrokosmos wieder herzustellen. Der Ruf an die Naturgeister zeigt, dass Faust im
Zusammenhang mit der Natur zu sich selber kommen will. Hier folgt Goethe dem Gedanken von
Makro- und Mikrokosmos.
Eine der letzten Bemerkung in der Besprechung von „Vor dem Tor“, ist die Haltung von
Faust gegenüber der Natur. Faust äußert sich leidenschaftlich über die Landschaft und die Sonne –
seine Beschreibungen sind von Sehnsüchten und Herzergießungen begleitet. Er will fliegen: „O daß
kein Flügel mich vom Boden hebt, / Ihr nach und immer nach zu streben!“ (1074-1075). Er fühlt
sich getrieben, und fühlt in sich den Wunsch, hinauf und vorwärts zu wollen. Faust folgt seinem
Trieb und will mit der Natur zusammenschmelzen. Wagner kann diesen Gefühlen und Sehnsüchten
von Faust nicht folgen und sagt ihm: „Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden, / Doch solchen Trieb
hab’ ich noch nie empfunden.“ (1100-1101) Brown ist der Ansicht, dass die Haltung von Faust in
„Vor dem Tor“ eher entspannt und distanzierter sei. Für mich wird in dieser Szene mehr Fausts
leidenschaftliche Haltung gegenüber der Natur betont. Seine Gesinnung gegenüber der Natur ändert
sich während „der Nacht“ und „Vor dem Tor“ von einer theoretischen Betrachtung der Zeichen des
Makrokosmos, zu einem gefühlsmäßigen und emotionalen Trieb – Faust will sogar in die Natur
98
Goethe Wörterbuch. 3. Band. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der
Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Stuttgart:
Kohlhammer 1998, S. 1317.
39
aufgenommen werden, in dem er sie trinken will. (1086) Das Benehmen gegenüber der Natur ändert
sich, Browns Gedanke folgend, aber es wird intensiver und innerlicher anstatt distanzierter und
entspannter.
In Spinners Essay über Fausts ästhetisches Verhältnis zu den Räumen, kann ich mich seiner
Ansicht anschließen. Faust verbindet sich mit dem Raum und beschreibt ihn deswegen mit ganzem
Herzen. Spinner sieht ein Gleichnis zwischen der Naturbeschreibung in „Vor dem Tor“ und Die
Leiden des jungen Werthers. Die Räume und die Raumwahrnehmung in Die Leiden des jungen
Werthers werden laut Spinner von „Entgrenzungsphantasien“ geprägt. Befreiung und Schweben
lösen Werther von der Erdenschwere los, wodurch er seine Richtung verliert. In Die Leiden des
jungen Werthers zeigt sich in dem Stadt-Land-Motiv der Gegensatz, der Faust auch in seinem
Erleben des Zimmers und während des Spaziergangs erlebt: Die Natur gibt die Möglichkeit, zu
fliegen, im Gegensatz zu der Stadt die als unangenehm und fest bezeichnet wird. 99 Spinner zitiert
eine Textstelle aus Die Leiden des jungen Werthers, die dieses Gefühl von Freiheit und Leidenschaft
zeigen soll:
Nachts nach eilf rannt ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die
wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehn, über Äcker und Wiesen und Hecken
und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes. Und
wenn denn der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir
hinaus die Flut in fürchterlichen herrlichen Widerschein rollte und klang, da überfiel mich ein
Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach! Mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund, und
atmete hinab! hinab, und verlor mich in der Wonne, all meine Qualen all meine Leiden da
hinab zu stürmen, dahin zu brausen wie die Wellen. 100
Obwohl das Motiv des Fliegens in dieser Beschreibung nicht vorkommt, kann man trotzdem die
Ähnlichkeit der Beschreibung der Natur erkennen mit den Gefühlen die der Protagonist erlebt. In
beiden Fällen stürzt der Protagonist sich leidenschaftlich in die Natur hinein und verbindet sich ganz
und gar mit ihr. Die Folge ist eine prägnante, leidenschaftliche Beschreibung der Natur. Faust steht
wie in „Sturm und Drang“ ihr gegenüber und fühlt sie im eigenen Herzen. Die Natur bedeutet an
diesem Punkt noch eine Verbindung mit seinem Gefühl. Später im Faust wird sich diese Haltung
gegenüber der Natur ändern.
99
Spinner: “Literatur und Raum”, S. 123.
Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Hrsg. von Karl Richter. Band 6/1. München 1986, S. 273-274.
100
40
In 3.1 und 3.2 wurden die räumlichen Kontraste zwischen „Nacht“ und „Vor dem Tor“
gezeigt. Fausts innerliche Auferstehung verläuft parallel mit dem Fest der Auferstehung Christi und
mit dem Erwachen der Natur im Frühling. In der Natur erlebt Faust sein Menschsein. Fausts
Menschsein fühlt er noch als zwei Seelen: ein Teil der Seele fühlt sich mehr verbunden mit der Erde,
der andere Teil der Seele will himmelwärts streben. Mit Platons Phaidros wurde die Parallele
zwischen den zwei Seelen und den zwei Rossen aufgezeigt. Faust hat den ersten Schritt in dem
Praktizieren sich der Welt, also der Natur zu öffnen gemacht. In der Natur hat er einen Teil seines
Selbst gefunden und damit hat er sich mehr als Selbst definieren können. Dies hat er nur in
Verbindung mit der Natur machen können. Die Natur hat ihm ein Stück seines Selbst
zurückgegeben. Obwohl er also einen Schritt näher an sich herangekommen ist, indem er sich der
Natur angenähert hat. Aber er hat noch eine lange Entwicklung zu durchlaufen, bevor er in
Harmonie mit der Natur aus ihr heraus Erkenntnisse über sich selbst gewinnen kann.
4.3 Selbstreflexion im brüderlichen Verhältnis zur Natur
“Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen durch die sie fühlt und spricht.” 101
Besonders in der Romantik wurde die Natur zum Ort der (Selbst)Reflexion. Zwischen der Natur
und der kulturellen und industriellen Gesellschaft wurde eine Spaltung erlebt. Dies führte zu einer
Unzufriedenheit aus der heraus eine Suche der Menschen nach Harmonie im Verhältnis zur Natur
entstand. Ein illustrierendes Beispiel ist Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Wanderer über dem
Nebelmeer“ (1817-1818) auf welchem die Natur als ein Ort der Reflexion dargestellt wird. Ein
Mann steht oben auf einem Felsrücken und schaut in die Ferne vor ihm und unter ihm liegen die
Wolken. Friedrich malte eine Figur, die mit der Natur in einem Zwiespalt lebt: Einerseits ist sie Teil
der Natur, da sie sich allein in der Natur befindet, andererseits steht sie außerhalb von ihr, getrennt
durch kulturelle Symbole wie z.B. die Kleidung. Hugh Honour und John Fleming schreiben dazu:
Zijn [Friedrichs] figuren staan op zichzelf, alsof ze op een of andere manier buiten het
landschap staan – zoals de man in De wandelaar boven de nevelen -, zijn van deze noch van
gene wereld en balanceren op de rand van de realiteit. Bewegingsloos en alleen staan zij daar
101
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
41
en lijken zowel in als buiten de natuur, en thuis en tegelijk vreemd te zijn. Het zijn symbolen
van tweeslachtigheid en vervreemding. 102
Die (Selbst)Reflexion liegt, laut Michael Edward Gorra, in dem kantischen Element des Gemäldes.
Das Gemälde macht den Prozess des Selbst anschaulich: „It is the most iconic German painting
since Dürer, a picture that seems to encapsulate the whole of European Romanticism; an image of
the Kantian sublime, as if in gazing out at this white and formless haze the wanderer were peering
into the murky deep of his own mind.“103 Gorra macht auf die Wiederholung des Motivs in anderen
Kulturformen aufmerksam: „Looking at it, I think of Wordsworth on Snowdon, at the end of The
Prelude, his vision of ‘a silent sea of hoary mist/... [of] solid vapours stretched,/ In Headlands,
tongues, and promontory shaped.’“ 104 Er nennt auch Goethe, der das Motiv der (Selbst)Reflexion in
seine Werke aufnimmt. Safranski analysiert zum Beispiel in Die Leiden des jungen Werther die
Natur als einen Ort des Bekenntnisses. Das Bekenntnis entsteht aus einem Hin und Her zwischen
inniger Verschmelzung und Abstoßung der Natur. Werther will mit dem schwankenden
Gefühlsbezug brechen und in einen lebendigen Austausch mit der Natur treten. 105 Ein anderes
Beispiel eines deutschen Schriftstellers, der das Motiv benutzt, ist Karl Philipp Moritz. In seinen
Schriften zur Ästhetik und Poetik wird die Natur ein Ort der Reflexion und Mittel zur Flucht aus der
Gesellschaft. Die Natur dient als die Lehrerin des Protagonisten:
Ich will sie [die Natur, die Lehrerin] am Wasserfall, in der Dunkelheit des Waldes und in ihren
Höhlen und Felsengrotten belauschen – ich will sie beschwören, mir das undurchdringliche
Geheimniß meines Daseyns aufzuschließen. So lange will ich aus ihrem reinen Lichtstrom
schöpfen, bis meine Gedanken klar genug sind, um den milden Strahl der Wahrheit
aufzufassen. 106
Auch die englischsprachigen Schriftsteller wie Shelley, Wordsworth, Keats und Robert Browning
aus der Romantik sahen die Natur als einen Ort der Spiegelung und ließen ihre Protagonisten in der
Natur zu sich selbst kommen. Roden Noel schreibt im Artikel „On the Poetic Interpretation of
Nature“: „Nature and man are elder sister and younger brother; she wakes intelligence and will in
him; he knows himself in knowing her. [...] Universal Nature, who is one with us, constitutes,
102
Hugh Honour und John Fleming: Algemene Kunstgeschiedenis. Amsterdam: Meulenhoff 2009, S. 625.
Michael Edward Gorra: The Bells in Their Silence. New Jersey: Princeton University Press 2004, S. xii.
104
Gorra: The Bells in Their Silence, S. xii.
105
Safranski: Goethe, S. 298.
106
Karl Philipp Moritz: Schriften zur Ästhetik und Poetik. Hrsg. von J. Schrimpf. Tübingen: Max Niemeyer 1962, S.
45.
103
42
nourishes, creates us; while we in her constitute, nourish, create ourselves, one another, and her.“ 107
Englischsprachige Literatur sieht die Natur eher als eine mütterliche Figur, die den Menschen
körperlich und geistig versorgt. Goethe und Moritz sehen das anders, sie sehen die Natur als eine
selbständige Figur, die den Menschen geistig als Betreuerin unterstützten kann, wenn der Mensch
dazu bereit ist.
Nach dem Kuss im „Gartenhäuschen“ finden wir Faust allein in der Natur wieder. In einem
Monolog von vierunddreißig Versregeln beschreibt er die Natur, sein Verhältnis zu ihr und was er
aus der Begegnung mit ihr lernt. Er erforscht und fühlt die Natur und setzt sich intensiv mit ihr
auseinander. Durch diese gründliche Auseinandersetzung realisiert sich Faust, dass er niemals ein
vollkommener Mensch werden kann bzw. niemals den Zustand eines Gottes erreichen kann. Indem
er sich dieser Tatsache bewusst wird, gerät Faust in Verzweiflung und in diesem Moment da er sich
unsicher fühlt, erscheint Mephistopheles. Er will Faust aus seiner Isolation holen und ihn in die
Gesellschaft zurückführen. Mephistopheles versteht Fausts Wunsch, sich mit der Natur
auseinandersetzen zu wollen, nicht. Grund für sein Unverständnis ist die Distanz die er gegenüber
der Natur hat. Er kann Fausts Verbindung zur Natur nicht mitfühlen da er sie selbst nicht hat.
Hierdurch interessiert es ihn nicht, was Faust in der Natur erlebt und darum bezeichnet er ihn als
einen Dummkopf.
Binder meint, das Hauptthema der Szene wäre die belehrende Funktion der Natur in Fausts
Prozess zum (Selbst)Bewusstsein:
Die Szene „Wald und Höhle“ kann gesehen werden als in der Gang der Handlung
eingeschobene Parenthese, die es ermöglicht, auf Dimensionen von Fausts Bewusstsein
aufmerksam zu machen. [...] als ob es darum ginge, in einem literarischen Experiment zu
überprüfen, zu welcher Wahrheit oder zu welchen Wahrheiten man gelangen könne, wenn
man „die schöne Natur“ als „Lehrerin“ akzeptiert. 108
Meines Erachtens liegt das Thema der Szene auf dem worauf Binder oben verweist. Meine Analyse
der „Wald und Höhle“ Szene ist, dass Faust in ein brüderliches Verhältnis zur Natur tritt und daraus
Selbsterkenntnis gewinnt, sie zeigt den nächsten Schritt Fausts in seinem Prozess zum
(Selbst)Bewusstsein und damit stimmt sie mit Binders Analyse überein.
107
Roden Noel: Essays on Poetry and Poets. London: Kegan Paul 1886, S. 2-3.
Alwin Binder: “’Seiner Rede Zauberfluß.’ Uneigentliches Sprechen und Gewalt als Gegenstand der “Faust”-Szene
“Wald und Höhle.’” In: Goethes Jahrbuch. Hrsg. von Karl-Heinz Hahn. Göttingen: Wallsteinverlag 1989 (106), S.
211-213.
108
43
Die Szene besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil des Monologs wird eine Analyse der Natur
gegeben und diese geht dann über in eine Selbstreflexion. In dieser Selbstreflexion dankt Faust dem
Erdgeist für seine Gabe durch welche er in die natürliche Existenz versetzt werden konnte. Im
zweiten Teil des Monologs und in der restlichen Szene bzw. in dem Dialog zwischen
Mephistopheles und Faust wird die Problematik von Fausts Bewusstsein gezeigt. 109 Die Problematik
von Faust bzw. Mephistopheles, zeigt sich in dem Unterschied ihrer Haltung gegenüber der Natur.
Dieser Unterschied wird im nächsten Unterkapitel ausgearbeitet.
Binder bezeichnet „Wald und Höhle“ als eine Parenthese. Eine Parenthese ist ein
eingeschobener Teil eines Satzes, oder ein Komma bzw. Gedankenstrich um eine Pause im Text
einzufügen. Er sieht „Wald und Höhle“ als einen unerwarteten Bruch in der Gretchen-Geschichte.
Die Beschreibung der Entwicklung von Gretchens Tragödie wird für kurze Zeit gestoppt. Grund für
den Bruch ist Fausts Flucht aus der Gesellschaft, meint Heinz Hamm. Faust versucht seine
Verbindung mit Gretchen zu lösen und sie möglichst schnell zu vergessen. 110 Faust fürchtet, er
könne Gretchen durch seine Lust und sein Begehren in Gefahr bringen und mit seinem
draufgängerischen Benehmen alle Konventionen brechen und so dem Ruf Gretchens schaden.
Interessant ist die Parallele zu Goethes eigenem Leben – er flüchtet nach Italien, um sich von einer
Liebesbeziehung zu distanzieren:
Auf der einen Seite der Wille, den Poeten und Künstler in sich wieder zu wecken, einige
Werke zum Abschluss zu bringen, um frei für Neues zu werden, auf der anderen Seite das
Sehnsuchtsland Italien – das waren die beiden Hauptmotive seiner Reise. Dazu kam das
Verlangen nach einstweiligem Abstand von den Amtsgeschäften und – von Charlotte.111
Charlotte ist Goethes größte Liebe, aber sie ist verheiratet und damit nicht für ihn zu haben. Seine
leidenschaftliche Liebe zu Charlotte muss ein Ende nehmen, will Goethe ihr und sich nicht schaden.
Im Hinblick auf Gretchens Geschichte könnte man die Szene tatsächlich als eine Parenthese
betrachten. In Hinsicht auf Fausts eigene Entwicklung und seine Verbindung mit der Natur ist diese
Szene ein schöner nächster Schritt nach dem was Faust in „Vor dem Tor“ erlebt hat und damit keine
Parenthese.
Hans Jaeger: “Der ‘Wald-und-Höhle’-Monolog im ‘Faust’”. In: Aufsätze zu Goethes ‘Faust I’. Hrsg. von Werner
Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 432.
110
Heinz Hamm: Goethes “Faust”. Werkgeschichte und Textanalyse. Berlin: Volk und Wissen 1986, S. 73.
111
Safranski: Goethe, S. 318.
109
44
Nicht nur wollte Faust sich in seiner Flucht von Gretchen trennen, meint Hamm, sondern er
sei auch zur Natur geflüchtet da er sich von allen Menschen abschließen wolle. 112 Meines Erachtens
ist die Flucht kein Versuch sich von der Menschheit bzw. von den Menschen abzuschließen, sondern
ist die Flucht ein Versuch sich von der Gesellschaft und ihren Konventionen abzugrenzen. Man
könnte behaupten, Fausts Flucht sei erfolgreich da er sich in die Natur begibt, ohne Konventionen.
Aber, Hamms Interpretation folgend, ist sie doch, auf diese Weise gesehen, erfolglos, da Faust sich,
meines Erachtens, bewusst mit dem Thema Menschheit auseinandersetzt. Die Schlussfolgerung
seines Nachdenkens richtet sich zum Beispiel auf den Menschen im Allgemeinen: „O daß dem
Menschen nichts Vollkomm’nes wird, / Empfind’ ich nun.“ (3240-3241)
Die Reflexion über die Menschheit wird durch die Natur angeregt – Mensch und Natur sind
miteinander verbunden. Die Verbundenheit zwischen beiden zeigt sich nicht nur in dem Inhalt der
Szene, sondern auch in Goethes Sprache und Stil. Zum Beispiel in der Beschreibung des Sturms
wird der Wald personifiziert und mit dem Menschlichen verknüpft – die Bäume werden zu Personen
innerhalb einer Gesellschaft. Laut Binder hat Faust auch sich selber als Baum im Wald personifiziert
als eine Riesenfichte die Gretchen mit sich ins Unglück hinunter zieht:
Hier ist die verheerende Wirkung des Sturms die Bedingung dafür, daß Faust seiner selbst
ansichtig wird. Das ist dann nachvollziehbar, wenn Faust das Stürzen der Riesenfichte als
Abbild seiner eigenen Situation sieht. Demgemäß beschreibt er den Naturvorgang als einen
Gewaltakt im sozialen Bereich, indem er von Nachbarästen und Nachbarstämmen spricht, so
daß deutlich wird, daß im Walde eine dem Walde analoge Gesellschaft bedeuten soll.113
Binder weist auf die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, die in Goethes Sprachgebrauch
betont wird. Meiner Meinung nach zeigt das Bild des Waldes analog an die Gesellschaft, dass es
eine Unmöglichkeit ist sich als Mensch in der Natur von dem Thema Menschsein abzuschließen.
Vielmehr sucht Faust in seinen Reflexionen bewusst das Thema Menschsein auf. Die Natur als
konventionsloser Ort stellt sich als neutraler Ort dar, in dem die Reflexion frei entstehen kann.
In dem Motiv des Rückzugs und in dem Spiel der (Selbst)Reflexion zwischen Natur und
Mensch, liegt der Makro- und Mikrokosmosgedanke aus der Romantik: Der Mensch als isolierter
Mikrokosmos lebt in seiner mechanisierten Welt von der Natur getrennt. Ursprünglich waren
Mensch bzw. Mikrokosmos und Natur bzw. Makrokosmos eine Einheit. Will der Mensch in einer
112
113
Hamm: Goethes “Faust”, S. 72.
Binder: “Seiner Rede Zauberfluß”, S. 217.
45
gesunden Verbindung mit sich selbst leben bzw. eins sein mit sich selbst, muss er versuchen die
Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wiederherzustellen. Dieser Prozess des
Widerherstellens findet durch das erneuerte Verbinden mit der Natur statt, indem der Mensch als
ein mikrokosmisches Wesen, sich wieder mit dem großen makrokosmischen Ganzen verbindet. Auf
diesen Prozess weist auch Noel hin: der Mensch kennt sich selbst, indem er die Natur kennt – „he
knows himself in knowing her.“114 Die Idee der Verbundenheit zwischen Mensch und Natur stammt
aus dem Atlantis-Mythos der Romantiker: Der Atlantis-Mythos spielt im „goldenen Zeitalter“ in
dem die Menschen und die Tiere und Pflanzen in einer Einheit und Harmonie lebten. In dieser
Urnatur kam jeder Organismus aus der gleichen Quelle, wodurch auch die Sprache der Natur
gleichkam der Sprache des Menschen. 115 Die blaue Blume aus Novalis Heinrich von Ofterdingen
ist ein Symbol für diese Zeit. Die Blume besteht aus einer Mischung von Mensch und Pflanze.
Mathilde, der Mensch in der Blume, lebt als harmonisches Paar mit der Blume zusammen.
In Fausts Zurückkehren in die Natur gewinnt er Selbsterkenntnis, Erkenntnisse über die
Menschheit und Naturerkenntnis. In diesem Prozess des Gewinnens ist das brüderliche Verhältnis
zur Natur unentbehrlich. Ohne dieses Verhältnis wären die neuen Erkenntnisse nicht möglich.
Teil der Selbsterkenntnis ist das Erkennen der Gabe vom Erdgeist. Er wird sich der
Veränderungen bewusst, die sie in ihm bewirkt hat: „Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir Alles,
Warum ich bat.“ (3217-3218) In der Sekundärliteratur gibt es keine Übereinstimmung in der
Auslegung, was die Gabe des Erdgeistes genau ist. Viele Wissenschaftler deuten die Gabe als das
neue Lebensgefühl, das Faust in sich verspürt, laut Hans Jaeger. 116 Kritik zu dieser Interpretation
gibt es aber auch: Faust hat den Erdgeist nicht um dieses Lebensgefühl gebeten. In dieser
Inkongruenz zwischen der Bitte und Gabe, liegt für diese Kritiker der Grund, die „Wald und Höhle“
114
Im Historischen Wörterbuch der Philosophie wird folgende Erklärung vom Mikro- Makrogedanken aus der
Romantik gegeben: “Mit Herder und der romantischen Naturphilosophie erneuert sich das Interesse an der Thematik:
Die Klage über das durch die Naturwissenschaften verlorene ‘Innere’ der Natur verbindet sich mit Versuchen, der
Entmenschlichung des Kosmos und Entweltlichung des Menschen entgegenzuwirken, mindestens aber eine die
Naturkomponente einbegreifende Anthropologie zu entwickeln. J. G. Herder werden die Grundworte mechanischer
Naturerklärung Veranlassung, überall in der Natur “Ähnlichkeit mit uns zu fühlen”. […] Der Gedanke sympathetischer
Beziehung zwischen allen Teilen des Universums, der Gedanke, daß die Welt im Menschen zentriert und zugleich er
ihr Entwurft ist: der derart umgeschaffene Korrespondenzgedanke findet sich, nuanciert, bei J.W. Goethe, bei Fr.
Schlegel (“Der Mensch ist ein Mi.; zur Char[akteristik] d[es] Universums”) und – besonders ausgeprägt – bie Novalis
(“Unser Körper ist ein Teil der Welt – Glied ist besser gesagt. Es drückt schon die Selbständigkeit.”).”
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 646.
115
Simone Malaguti: “Die Suche nach dem Glück in der deutschen Literatur. Zur Bedeutung der blauen Blume in
Novalis’ Heinrich von Ofterdingen. In: Pandaemonium germanicum 2005 (9), S. 212.
116
Jaeger: “Der ‘Wald-und-Höhle’-Monolog im ‘Faust’”, S. 430.
46
Szene als „einen Fremdkörper in dem Drama“ 117 zu betrachten. Meines Erachtens gibt es keine
Inkongruenz mit dem Rest des Dramas. „Wald und Höhle“ ist ein unentbehrlicher Schritt in Fausts
Entwicklungsprozess, da hier zum ersten Mal ein Moment von Belehrung durch die Natur
stattfindet. Der neue Schritt – das öffnen des Geistes um die Natur empfangen zu können – ist Faust
nur durch die Gabe vom Erdgeist gelungen. Der Erdgeist hat Faust die Öffnung seines Geistes in
der „Nacht“ Szene sozusagen aufgetragen. Er trieb Faust an sich selber zu entwickeln. Ohne diese
Anweisung hätte Faust keine Entwicklung durchgemacht. Die Gabe ist also die Anregung vom
Erdgeist und das Ergebnis der Anregung.
Das Ergebnis der Erfüllung von der Bedingung des Erdgeists wird am Anfang von Fausts
Monolog beschrieben:
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir Alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freund’s zu schauen. (3217-3224)
Da, wo Faust in „Nacht“ den Erdgeist nicht schauen konnte, kann er ihn jetzt in der Begegnung mit
der Natur erkennen und schätzen. Faust ist imstande die Lehren der Natur zu hören und innerlich zu
verarbeiten. Dieser Schritt von einer Abwendung zu einer Eröffnung der Natur und einer Begegnung
mit ihr, hat Faust in sich selbst vollzogen. Der Erdgeist zeigte Faust in der „Nacht“-Szene die
Notwendigkeit bzw. Bedingung, dass er sein Herz öffnen muss um eine lehrreiche Begegnung mit
der Natur zu haben. Faust beweist in der gelungenen Begegnung mit der Natur bzw. dem Naturgeist
in „Wald und Höhle“, dass er sich in dem Umgang mit anderen Menschen und mit sich selbst,
positiv verändert hat. Das Ansetzen zu diesem Prozess und die Auswirkung desselben ist meiner
Meinung nach die Auslegung der Gabe.
117
Jaeger: “Der ‘Wald-und-Höhle’-Monolog im ‘Faust’”, S. 430.
47
Zu dem Fortschritt Fausts war die Liebe für und von Gretchen unentbehrlich. In dieser Liebe
lernt Faust sich einem anderen Menschen gegenüber zu öffnen – er ist dadurch imstande, sein Herz
mit jemandem zu teilen:
O schaudre nicht! Laß diesen Blick,
Laß diesen Händedruck dir sagen,
Was unaussprechlich ist:
Sich hinzugeben ganz und eine Wonne
Zu fühlen, die ewig sein muß! (3188-3192)
Gretchens Liebe bricht sein verschlossenes, „totes” Herz auf, sodass er (sich mit) anderen und sich
selbst besser verstehen bzw. verbinden kann. Durch die Liebe wird Faust aufgefordert sich Gretchen
hinzugeben. Ohne „sich hinzugeben ganz“ wäre die Liebe nicht möglich gewesen. Jaeger sagt zu
der Bedeutung, welche die Liebe zu Gretchen hat: „Die Zuwendung zu einem anderen Menschen
brach Fausts überwiegend egozentrische Natur und ermöglichte ihm, Verbundenheit mit aller
lebender Natur zu fühlen.“118 Die Bedingung des Erdgeistes ist erfüllt worden und deswegen bringt
sie Faust eine fruchtbare und lehrreiche Auseinandersetzung mit der Natur bzw. mit dem Naturgeist
in „Wald und Höhle“.
Die Begegnung mit der Natur findet an einem Ort statt, der sich als Geborgenheit
charakterisieren lässt. Wald und die Höhle sind „geschlossene“ Räume, in denen man von der Weite
und Offenheit des Raumes abgeschlossen wird und den Horizont nicht mehr sehen kann. Dieser Ort
liegt in der Landschaft, die in „Vor dem Tor“ beschrieben wurde. Aus der Weite heraus wird der
Ort verdichtet zu einem grünen „wilde[n] Berg“ (1081). Diese einschränkende bzw.
zusammenziehende Bewegung läuft durch den ganzen ersten Teil des Dramas hindurch: aus der
Weite des Kosmos heraus im „Prolog“ bis hin zu einer Landschaftsbeschreibung in „Vor dem Tor“
bis zu einem spezifischen Ort in dieser Landschaft in „Wald und Höhle“. Mit einem zentrierten
Blick richtet sich der Erzähler immer mehr auf Fausts Verbindung mit der Natur, sein Verhältnis
zur Natur wird immer genauer betrachtet und detaillierter beschrieben. Es ist, als ob diese sich
zusammenziehende Bewegung Fausts Suche nach sich selbst spiegelt – auch Faust versucht immer
näher an sein Inneres heran zu kommen.
Interessant an der Ortbeschreibung ist einerseits die Gegenüberstellung zwischen Wald und
Höhle und andererseits die Verbindung des großen, wilden Waldes mit der kleinen, beschützenden
118
Jaeger: “Der ‘Wald-und-Höhle’-Monolog im ‘Faust’”, S. 431.
48
Höhle. Der Wald wirkt als eine Welt an sich, die Faust noch nicht beherrscht – der Sturm zwingt
ihn um Schutz in der Höhle zu suchen, da er sonst dem Sturm ausgeliefert ist. Wald und Höhle sind
unmittelbar miteinander verbunden, denn ohne den Sturm im Wald würde Faust wahrscheinlich die
Höhle nicht gefunden habe oder nicht in der Höhle geruht haben. Die Höhle als Raum ist eine Welt
in sich; sie ist in ihrer Ruhe und Geborgenheit der Gegensatz zum stürmischen Wald:
Und wenn der Sturm im Walde braus’t und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend nieder streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert:
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich. (3228-3234)
Die Art und Weise wie die Höhle mit dem Wald verbunden ist, weist in die Richtung von der
Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos hin. Es zeigt sich hier die starke
Verbindung, von dem was in der Außenwelt passiert, mit dem was in der Höhle passiert. Beispiele
sind die Schatten des Mondlichts oder die von außen angeregte Reflexion. Zugleich sind es aber
zwei unterschiedliche Welten, die in sich selbst bestehen und darin auch ein Ganzes bilden. In der
Höhle kann Faust sich vor dem Sturm schützen. Die Verbundenheit und gleichzeitig das
Unterschiedliche von Mikro- und Makrokosmos nennt man das Korrelationsverhältnis:
Im Mi.-Motiv tritt nicht nur der Gedanke zurück, daß der Mensch als Teil des Weltganzen
dieses repräsentiert, es verbinden sich in ihm auch der Naturbegriff der Renaissance und ihr
humanitas-Gedanke in der Weise, daß der Mensch als Bild der Natur sowohl auf sie bezogen
bleibt wie von ihr unterschieden wird, daß die Abhängigkeit der „kleinen“ von der „großen
Welt“ in ein Korrelationsverhältnis überführt wird, in dem menschliche Bewußtheit und
Gestaltungskraft der Naturbestimmtheit gegenüber mindestens gleichgewichtig auftreten. 119
Das Korrelationsverhältnis gilt auch für den Bezug zwischen Faust und dem Wald. Faust wird von
der Natur beeinflusst und kann ihr auch in seiner Höhle nur teilweise entkommen. Andererseits
schließt er sich von der Gewalt der Natur in Isolation ab. In dieser Isolation entsteht seine innerliche
Reflexion bzw. die Reflexion „in seiner eigenen Brust“. Diese Selbstreflexion ist aber durch die
Natur außerhalb der Höhle angeregt worden. Obwohl Binder die Begriffe Mikro- und Makrokosmos
für das Verhältnis von Faust zur Natur nicht benutzt betont er aber doch die Verbundenheit und das
119
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer, S. 643.
49
gemeinsame Naturprinzip in der Seele und in der Natur: „Daß sich Faust eigner Brust Geheime tiefe
Wunder (V. 3233 f.) dadurch öffnen, daß er äußere Naturvorgänge reflektiert, zeigt, wie Faust
wirkende Natur und wirkende menschliche Seele als Kräfte begreift, die sich gegenseitig
interpretieren, weil sie Formen eines einzigen Naturprinzips sind.“ 120
Der Sturm zwingt Faust in einen kleinen Raum. Diesen kompakten Raum kann man als das
Innere von Faust interpretieren. Einmal in der Höhle bzw. einmal in sich gekehrt, reflektiert Faust
über sich selbst. Diese Reflexion findet gleich nach der Reflexion über die Natur statt, in der er die
„Reihe der Lebendigen“ kennengelernt hat, angetrieben durch die stürmischen Kräfte. Nicht nur die
Höhle kann symbolisch gelesen werden, auch der Sturm im Wald. Die Liebeserlebnisse mit
Gretchen haben Faust durcheinandergebracht. Lust und Begierde wühlen in seinem Inneren – ein
Sturm der Gefühle. In solch einem Zustand ist für Faust die Lösung sich in die Natur zurückzuziehen
um dann in ihr sich selbst zu finden.
Und wenn der Sturm im Walde braus’t und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaraste
Und Nachbarstämme quetschend nieder streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert:
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich. (3228-3234)
Das Fausts Reflexion durch die Natur angeregt wird, deutet auf die große Verbundenheit beider
Wesen hin – eine Verbindung von Makro- und Mikrokosmos. Die Außenwelt bewirkt in Faust eine
innerliche Bewegung, sein Anschauen der äußeren Natur bewirkt die Reflektion über die
Menschheit. Mit der Erforschung der Formen und Ur-Ideen der Natur realisiert er sich, dass der
Mensch ein dauerhaftes Projekt ist, dass niemals das Vollkommene erreichen kann: „O daß dem
Menschen nichts Vollkomm’nes wird, / Empfind’ ich nun.“ (3240-3241) Durch das Betrachten der
äußeren Natur kommt er zu dieser Schlussfolgerung. Dieser Satz ist entscheidend in der
Argumentation gegen die Interpretationen, die Faust als einen Menschen sehen, der auf der Suche
nach einem göttlichen Zustand ist. Faust realisiert sich, dass der Mensch niemals vollkommen
werden kann bzw. niemals einem Gott gleichen kann. Die Unmöglichkeit als Mensch vollkommen
zu werden impliziert auch den ewigen Prozess des Menschen – der Mensch befindet sich immer in
120
Binder: “Seiner Rede Zauberfluß.”, S. 215.
50
einer Entwicklung. Faust ist sich dessen bewusst und versucht dann auch in seiner weiteren
Entwicklung nicht mehr diesen göttlichen Zustand zu erreichen. Solch ein Ziel ist sinnlos. Vielmehr
richtet er sich auf einen Fortschritt in seiner eigenen Entwicklung. Sein Projekt richtet sich auf das
erhöhen seines Selbstbewusstseins. Das Selbstbewusstsein bzw. das Ich, das er in seinen
wissenschaftlichen Aktivitäten verloren hat, versucht er wiederzufinden. Die Natur hilft ihm nicht
nur bei dieser Entwicklung, sondern sie hilft ihm auch indem sie ihm ständig neue Lebenskräfte
schenkt.
Die Begegnung mit der Natur und dem Naturgeist ist gelungen, da Faust durch sie mehr
Selbsterkenntnis gewinnt. Nur in der Harmonie mit der Natur kann er diese Erkenntnisse gewinnen.
Auch über die Natur als makrokosmische Welt gewinnt Faust zweierlei Erkenntnisse die aber viel
miteinander zu tun haben. Erstens gewinnt er Erkenntnisse über die Natur als Ding und zweitens
über die Natur als Ur-idee. Faust ist nur imstande diese Erkenntnisse zu gewinnen weil die Natur,
als seine Betreuerin, ihm diese Erkenntnisse vermittelt. Diese zwei Themen findet man in seiner Art
und Weise des Dankes wieder. Faust bedankt sich bei dem Geist nicht nur für das wahrnehmen der
materiellen Seite der Natur – „Nicht / Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur“ (3221-3222)
[Hervorhebung RN], wobei „kalt“ auf die Festigkeit der Materie verweist und „staunend“ auf dem
Blick eines Beobachters, der die Materie mit dem Auge wahrnimmt. Sondern auch für das
Hineinschauen können in das Materielle wodurch er ins Inneren bzw. in den Kern der Natur schauen
konnte: „Vergönnest mir in ihre tiefe Brust / Wie in den Busen eines Freund’s zu schauen.“ (32233224) [Hervorhebung RN] Wobei die Brust den Kern bzw. die Idee der Natur symbolisiert. Der
Erhabene Geist ist also imstande, sowohl die materielle Form als auch die immaterielle Form der
Natur zu zeigen.
Mit der „materiellen“ Seite der Natur hat Faust in der Begegnung mit der „Reihe der
Lebendigen“ zu tun:
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
[...]
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber: schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust. (3225-3239)
51
Die Reihe der Lebendigen sind die Wesen, die mit der Erde verbunden sind, in der Luft fliegen
können und im Wasser leben. Diese Naturwesen bestehen bzw. wurden schon vom Erdgeist geformt
und stellen sich jetzt an Faust vor. Die „immaterielle“ Seite der Natur bzw. die geistigen Formen
oder Ur-Ideen der Natur sieht Faust in den silbernen Gestalten im Mondenlicht:
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber: schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust. (3235-3239)
Im Licht des Mondes wird Faust die Vorwelt der Natur gezeigt. Die silbernen Gestalten sind, meines
Erachtens, ein Hinweis auf die Ur-Kerne der Natur, welche die Mütter bewahren. Das reflektierende
und zugleich durchsichtige des Silbers verweist sowohl auf das, was besteht – es reflektiert das –
und auf den geistigen (durchsichtigen) Aspekt der Idee der Dinge. Die durchsichtigen Gestalten
betonen die immaterielle Seite der Gestalten. Die Gestalten sind noch nicht in der materiellen Welt
zur Entstehung gekommen. Die Vorwelt ist das Reich der Mütter, in dem diese „Gestalten“ sind. In
den silbernen Gestalten findet Faust den Ursprung der Dinge. Indem er sich dieses Ursprungs
bewusst wird, realisiert er sich, dass sich der Mensch durch Einflüsse aller Art, zum Beispiel
mephistophelische Einflüsse verändern kann.
In der Begegnung mit den Naturwesen erhält Faust einen intimen Blick in das Wesen der
Naturgestalten, sodass er sich wie ihr Bruder fühlt. In dem brüderlichen Verhältnis gleicht er den
Naturwesen. Gleich bedeutet aber nicht Einsein – eine Einheit entsteht, wenn Mensch und Natur
zusammenschmelzen und als ein Wesen funktionieren – sondern nah an der Natur. Faust betrachtet
die Szene noch als Mensch, der über die Natur steht, wenn er sagt: „Gabst mir die herrliche Natur
zum Königreich, / Kraft, sie zu fühlen, zu genießen.“ (3220-3221) Er ist also näher an die Natur
herangekommen, formt aber noch keine Einheit mit ihr. Die Idee eines Familienverhältnisses
zwischen Tier und Mensch entstand laut Schöne, während des osteologischen Studiums von Goethe,
was er gleichzeitig mit dem Schreiben an „Wald und Höhle“ ausführte. 1784 entdeckte er den
Zwischenkieferknochen der oberen Kinnlade, damit konnte er die Kluft zwischen dem Os
intermaxillare der Schildkröte und dem des Elefanten, durch eine Reihe von Formen die sich
dazwischen stellen, verbinden. 121 Durch einen Beweis, dass es auch am menschlichen Schädel solch
121
Schöne: Goethe. Faust, S. 315.
52
einen Teil gibt führte er die „Reihe der Lebendigen“ vom Tier zum Menschen. Die leitende Idee in
den osteologischen Studien war die der Geschichte: die Idee einer großen Kette von Lebewesen.
Diese Kette von Lebewesen implizierte auch, dass der Mensch sich aus dem Tierreich entwickelt
hat.122
Gleich nach dem Erlebnis in der Natur erscheint Mephistopheles. In der folgenden
Begegnung durchschaut Faust Mephistopheles’ Arbeitsweise: die Erniedrigung durch die Lüste
bzw. das Begehren. Ohne den Dialog mit der Natur hätte Faust diese Schlussfolgerung nicht machen
können. Die unterschiedlichen Haltungen gegenüber der Natur zeigen wie nah Faust an die Natur
herangekommen ist, und wie fern Mephistopheles ihr steht.
4.3.1
Mephistopheles’ Unverständnis der Natur
“Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft.” 123
Die Landschaft ist seit Petrarca ein Mittel um die Zeit, das Selbst und das Göttliche darzustellen.
Abhängig von der Zeitepoche übte entweder der Aspekt der Zeit, oder der Aspekt des Selbst oder
der Aspekt des Göttlichen mehr Einfluss aus und spielte in der Konstruktion der
Landschaftsdarstellungen eine dominantere Rolle. Weil eine Landschaftsdarstellung frei aufgebaut
werden kann ist sie ein gutes Mittel um Ideen auszudrücken – Landschaften wurden zu
Darstellungen des Subjekts.124 Vom Barock bis zur Sturm-und-Drang Periode tritt hauptsächlich das
Element des Göttlichen in ihren Darstellungen hervor: in ihr konnte das Göttliche geschaut
werden.125 Im achtzehnten Jahrhundert erreichte die Kunst der Landschaftsdarstellungen ihren
Höhepunkt, weil der Mensch eine zentrale Stellung in ihr einnahm: „With the final liberation of the
subject and the simultaneuos spiritualization of the landscape by the divine presence in real time,
eighteenthcentury landscape-writing attains its apogee.“ 126 Das deutlichste Beispiel einer
Landschaftsbeschreibung, in der das Selbst eines Menschen die wichtigste konstruierende Rolle
122
Safranski: Goethe, S. 299.
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 46.
124
Jeremy Adler: “Time, Self, Divinity: The Landscape of Ideas from Petrarch to Goethe.” In: Landschaft und
Landschaften im achtzehnten Jahrhundert. Hrsg. von Heinke Wunderlich. Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter
1995, S. 26.
125
Adler: “Time, Self, Divinity: The Landscape of Ideas from Petrarch to Goethe.”, S. 37.
126
Adler: “Time, Self, Divinity: The Landscape of Ideas from Petrarch to Goethe.”, S. 45.
123
53
einnimmt, findet man in Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers: „the most subjective
character in German literature defines himself primarily in relation to the landschape, and the extent
of his subjectivity determines the unusual importance which the landscape assumes.“ 127 Hier ist die
Landschaft die Dialogpartnerin des Selbstes – in ihr findet der Protagonist eine Partnerin mit deren
Hilfe er sich selbst reflektieren kann.
Um Mephistopheles Wesen und Eigenschaften zu charakterisieren wollen wir seinen Dialog
mit der Natur analysieren. Es wird versucht aus den Natur- und Landschaftsbeschreibung in Goethes
Faust, die mit Mephistopheles zusammenhängen, das Wesen des Mephistopheles zu konstruieren.
Die Natur wirkt auch für ihn als ein Spiegel und als eine Partnerin. Aus der Art und Weise des
Verhältnisses von Mephistopheles gegenüber der Natur zeigt sich sein Wesen, das für das
Verständnis von Fausts’ Verhältnis zur Natur wichtig ist. Das Verhältnis von Mephistopheles mit
der Natur steht dem Verhältnis was Faust mit ihr hat, polar gegenüber.
Nach Fausts Monolog in „Wald und Höhle“, der das Erforschen der Natur und eine
Selbstreflexion beinhaltet, kehrt Mephistopheles zurück auf die Bühne. Dann entsteht ein Dialog
zwischen ihnen von den Ideen über die Natur und über seine Liebe für Gretchen. In diesem Dialog
wird die Schärfe seines Bewusstseins und seine Ansichten über die Natur geprüft, denn
Mephistopheles’ Ideen über die Natur unterscheiden sich von Fausts Ideen, sodass Faust sich
gezwungen sieht, über seine eigenen Überzeugungen nachzudenken. Binder meint, der Dialog sei
eine Reflexion auf Fausts erhabene Sichtweise der Natur und zugleich eine Herunterführung dieser
Sichtweise.128 Meiner Meinung nach ist die Szene „Wald und Höhle“ keine Herunterführung,
sondern eine Bestätigung seiner Haltung der Natur gegenüber. Faust hat ein offenes Wesen, er
interessiert sich für die Welt und strebt nach einer Verbindung mit ihr um sie dadurch besser kennen
zu lernen. Seine offene Haltung unterscheidet sich von der des Mephistopheles, der sich in sich
selbst eingeschlossen hat und dadurch keine Verbindung mit der Welt eingeht und sich auch nicht
weiter entwickeln kann. Im Gegensatz dazu wird Fausts offenes Wesen mit neuen Lebenskräften
und neuen Erkenntnissen über sich selbst und die Welt belohnt. Im Folgenden wird der Unterschied
angeschaut zwischen der Haltung von Faust und der von Mephistopheles gegenüber der Natur. Es
wird ein Artikel von Jane K. Brown „Mephistopheles the Natur Spirit“ besprochen, der eine
Meinung vertritt, die meiner eigenen Meinung polar gegenübersteht.
127
128
Adler: “Time, Self, Divinity: The Landscape of Ideas from Petrarch to Goethe.”, S. 48.
Binder: “Seiner Rede Zauberfluß.”, S. 220.
54
Brown behauptet in ihrem Artikel Mephistopheles sei, wie der Erdgeist, ein Naturgeist. Ihr
Hauptgedanke lautet:
I think [...] that Mephisto’s illusion is not necessarily negative. Taken to its logical conclusion
this reasoning can be more simply formulated by saying that Mephisto is Faust’s mediator to
the world. I would like here to push this position even further, and argue not only that
Mephisto is neither evil nor destructive, but that he has an astonishing amount in common
with the more conventional nature spirit Ariel.129
Ein Naturgeist ist, laut Brown, eine Kraft, die den inneren Mechanismus der Erde freilegt. Die
Freilegung geschieht in einer Bewegung des Webens: der Erdgeist webt zum Beispiel „the living
garb of the Godhead at the loom of time.“130 Die Tätigkeit des Webens charakterisiert die kreative
Natur bzw. die natura naturans, im Gegensatz zur natura naturata welche die passive Form der Natur
ist.131 Mephistopheles sei ein Naturgeist, da er auch Kräfte des Freilegens in sich trägt zum Beispiel
wenn er das Gold in der Erde zeige: „Mephistopheles is indeed a nature spirit, for he enables Faust
to perceive nature infused with spirit (or mind or the Absolute). Here he does it in the most obvious
way possible, by revealing the gold shining in the depths, just as he had once before when he and
Faust were climbing the Brocken to the Walpurgis Night celebrations.“ 132 Eine andere Eigenschaft
eines Naturgeistes sei, laut Brown, die Eigenschaft um innerhalb der Zeit bzw. dem Temporalen der
Erde zu handeln. Ein Geist, der in der Ewigkeit lebe, habe eine ganz andere Erfahrung von der Zeit,
vielleicht sogar keine, im Gegensatz zu einem Geist der auf der Erde lebe. Das bedeutendste Beispiel
eines Naturgeistes sei, laut Brown, der Naturgeist Ariel der zu den höheren Schichten in der Natur
gehöre. Er sei ein kreativer Naturgeist, der zwischen der Ewigkeit und der Erde hin und her webe
Jane K. Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.” In: Studies in Romanticism. Boston: Boston University 1985
(24), S. 476.
130
Brown: Goethe’s Faust, S. 55.
131
Brown: Goethe’s Faust, S. 55.
Spinoza schreibt als Erster über natura naturans und natura naturata in seinem Werk Die Ethik: “Bevor ich weiter gehe,
will ich hier auseinandersetzen, was wir unter “schaffende Natur” (natura naturans) und was wir unter “geschaffene
Natur” (natura naturata) zu verstehen haben, oder eigentlich bloß daran erinnern. Denn wie ich glaube, ergiebt sich
bereits aus dem Bisherigen, daß wir unter “schaffende Natur” das zu verstehen haben, was in sich ist und durch sich
begriffen wird, oder solche Attribute der Substanz, welche ewiges und unendliches Wesen ausdrücken, d.h. […] Gott,
sofern er als freie Ursache betrachtet wird. Unter “geschaffene Natur” aber verstehe ich alles dasjenige, was aus der
Notwendigkeit der Natur Gottes folgt, d.h., alle Daseinsformen der Attribute Gottes, sofern sie als Dinge betrachtet
werden, welche in Gott sind, und welche ohne Gott weder sein noch begriffen werden können.”
Spinoza: Die Ethik. Hrsg. von J. Stern. Leipzig: Reclam 1909, S. 57.
129
132
Brown: Goethe’s Faust, S. 156.
55
und Kräfte aus beiden Quellen benütze. 133 Durch diese bemittelnde Position zwischen Natur und
Übernatur habe Ariel beide Eigenschaften in sich aufgenommen.
In ihrem Artikel verweist Brown außerdem auf eine Verbundenheit von Mephistopheles mit
Gott durch die Natur. Sie sagt, dass sowohl Gott als auch Mephistopheles in ihrer Sprache
Metaphern aus der Natur anwenden, um die Menschen zu beschreiben. Die Natur wird damit zu
einem (sprachlichen) Raum, in dem Mephistopheles und Gott miteinander verbunden sind und in
dem auch der Mensch lebt. 134 Die Natur verbinde Mephistopheles, Gott und den Menschen. Brown
sieht in der Symbolik von Fausts und Mephistopheles’ Rhetorik ihr Argument bestätigt, denn jedes
mal wenn Faust die Natur als Person direkt anspräche, tauche Mephistopheles als Antwort auf der
Bühne auf. Ein Beispiel sei die Szene „Vor dem Tor“, in der Faust die „Geister in der Luft, / Die
zwischen Erd und Himmel weben“ (1118-1119), anzusprechen versuche und gleich danach
Mephistopheles erscheine. Oder in „Wald und Höhle“ wo direkt nach Fausts Naturerlebnis,
Mephistopheles auf der Bühne erscheine und damit Fausts Naturerlebnis störe und ihn wieder
zurück in die Gesellschaft hole.
Browns zweites Argument richtet sich auf die Eigenschaft die Mephistopheles am meisten
charakterisiert – das Feuer. Mittels des Feuers verbindet Brown Mephistopheles mit dem Guten. Die
Sonne und der Erdgeist trägen nämlich auch das Feuer als ihr eigenes Element in sich. 135
Mephistopheles Reich sei die Natur und sei nicht das Reich außerhalb der Natur: „Mephisto
routinely has control of the natural world – imagery of the four elements organizes the song of his
spirits (ll. 1447 ff.), his „magic carpet“ flies on hot air, rats enable him to escape from Faust’s room
– but he possesses remarkably litte power in the social realm.“ 136
Mephistopheles sei ein erfolgreicher Schauspieler und ein einflussreicher Regisseur – er
beeinflusse Situationen, indem er sich als jemand anders ausgäbe oder indem er ein kleines
Theaterspiel innerhalb des gesamten Dramas veranstalte. Brown weist auf den Einfluss hin den
Mephistopheles hat beim zustande kommen der Liebe zwischen Gretchen und Faust:
„Mephistopheles has only to make availabe one of many possible women in the real world to stage
for Faust a play in which he can encounter the ideal he was unable to take possession of for himself
Brown: Goethe’s Faust, S. 140.
Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.”, S. 476.
135
Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.”, S. 478.
136
Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.”, S. 479.
133
134
56
in „Night“.”137 Brown sagt, Gretchen sei eine Sirene, die Faust dazu verführen will zu sagen
„[v]erweile doch, du bist so schön“ (1700). Sie schließt dann ihren Artikel ab mit der Behauptung,
dass sowohl Faust als auch Mephistopheles ein Naturgeist sei: „Goethe’s poetic world is peopled
rather with complex combinations, with „nature spirits“ – sometimes they are named Ariel,
sometimes Faust, and sometimes Mephistopheles.“ 138
Meines Erachtens sind sowohl Mephistopheles als auch Faust keine Naturgeister – es sind
Figuren, die sich entweder mit den Naturgeistern verbinden können und dadurch imstande sind eine
Verbindung zur Natur herzustellen oder es sind Figuren, die sich von der Natur ausgrenzen und ihre
Position innerhalb der Gesellschaft einnehmen. Mephistopheles lebt außerhalb des Einflussbereichs
der Natur, da er seine Rolle in der Gesellschaft zwischen den Menschen sieht. Seine Kräfte richten
sich auf die Menschen, im Zwischenmenschlichen kann er seine Kräfte walten lassen außerhalb von
menschlichen Beziehungen ist er ohnmächtig und ahnungslos. Er sagt über sich:
Ich bin der Geist der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles was entsteht
Ist wert daß es zu Grunde geht;
Drum besser wär’s daß nichts entstünde.
So ist denn alles was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element. (1338-1344) [Hervorhebung RN]
Sünde und Zerstörung und das Böse sind Vernichtungsmomente innerhalb der Gesellschaft der
Menschen, in denen entweder ihr Verhältnis zu Gott oder ihr Verhältnis zueinander verletzt wird.
Albert Fuchs zählt die menschlichen Verneinungs- bzw. Vernichtungsmomente, von Faust und
Mephistopheles auf, die im Drama beschrieben werden: Mephistopheles versucht Gretchen zu
verderben (2663 f., 2735 f., 3328 f., 3343). Er ermordet ihren Bruder Valentin (3711). Er unterstützt
den Kaiser in seinem Verhalten, das die allgemeine Anarchie vermehrt (z.B. das Geld und die damit
zusammenhängende Inflation, 4876-4884). Er tötet in Fausts Auftrag Philemon, Baucis und ihren
Gast (11350-11369)139 und so weiter. Kurz, Mephistopheles’ Handeln zeigt Vernichtung –
Zerstörung von intermenschlichen oder übermenschlichen Beziehungen.
Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.”, S. 485.
Brown: “Mephistopheles the Nature Spirit.”, S. 490.
139
Albert Fuchs: “Mephistopheles. Wesen, Charakterzüge, Intelligenz. Seine geheime Tragödie. Das Problem seiner
Rettung.” In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft
1991, S. 349.
137
138
57
Eudo C. Mason charakterisiert Mephistopheles’ Vernichten als eine planmäßige Zerstörung.
Mephistopheles fungiere als Regisseur um ausgedachte Plänen lenken zu können. Ein Beispiel von
Mephistopheles als Regisseur, der den Verlauf die Geschehnisse lenke, sei die Liebe von Gretchen
zu Faust. Mephistopheles nehme die Rolle eines Regisseurs an, weil er Gretchen als ein Werkzeug
in seinem Spiel betrachte. Die Zerstörung dieses Mädchens sei von Mephistopheles geplant und
durchgesetzt, wobei das Endziel die schwärzeste Schuld von Faust sei: „Die Tatsache, daß sie
[Gretchen] fromm und unschuldig ist, macht sie durchaus nicht [...] zu einem untauglichen
Werkzeug für Mephistos Absichten, es macht sie vielmehr zum idealen Werkzeug dafür.“ 140
Mephistopheles nutze Gretchen bewusst aus, um seine Pläne mit Faust ausarbeiten zu können. Die
Tatsache, dass er die Rolle des Regisseurs einnimmt, um eine menschliche Beziehung zu
beeinflussen, weist nochmals auf Mephistopheles’ Rolle innerhalb der Gesellschaft hin und nicht
auf eine Rolle innerhalb der Natur. Die Objekte seiner Regie sind die Menschen und ihre Gefühle –
seine aktiven Kräfte können sich ausleben in einer Gruppe von Menschen und nicht in der Natur.
Damit zeichnet sich Mephistopheles nicht als Geist der „natura naturans“ aus, sondern als eine
kreative, schöpferische Kraft in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Ein Grund für die Vernichtungen, die er innerhalb der Gesellschaft und nicht in der Natur
anrichtet, ist seine Ohnmacht gegenüber der Natur. Er hat nicht genug Kraft, die Natur zu
beeinflussen oder Prozesse innerhalb der Natur zu verändern, geschweige denn die Natur als eine
kreative, „webende“ Kraft zu beeinflussen oder in ihr als ein Naturgeist zu wirken:
Was sich dem Nichts entgegenstellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt,
So viel als ich schon unternommen,
Ich wußte nicht ihr beizukommen,
Mit Wellen, Stürmen, Schütteln, Brand,
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben.
Wie viele hab’ ich schon begraben!
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
So geht es fort, man möchte rasend werden!
Der Luft, dem Wasser, wie der Erden
Entwinden tausend Keime sich,
Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten! (1363-1376)
Eudo C. Mason: “Mephistos Wege und Gewalt”. In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von Werner Keller.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 535.
140
58
Hier beschreibt Mephistopheles wie erfolglos er mit seinen Aktionen gegen das Leben der Natur ist.
Seine Versuche, sie zu zerstören, haben keinen Erfolg, da sie ihm in ihren (Lebens)Kräften
überlegen ist. Das (neue) Leben ist immer da und besiegt stets die Zerstörungen des Mephistopheles.
In der Natur ist er erfolglos, in der Gesellschaft der Menschen aber nicht. Die Zerstörungen in der
Gesellschaft sind unumkehrbar. Mephistopheles ist nicht imstande innerhalb der Natur zu
vernichten oder zu erschaffen; er ist ohnmächtig gegenüber der Natur. Damit stimmt Browns These,
Mephistopheles sei ein Naturgeist, meines Erachtens nicht.
In der Gesellschaft hat Mephistopheles Macht und Einfluss, darum fühlt er sich wohl in ihr.
Das zeigt sich unter anderem dadurch, dass er Faust in die Gesellschaft hineinholen will, anstatt ihn
in der Natur allein zu lassen, wie in „Wald und Höhle“. Gleich nach seinem Monolog erinnert er
ihn an Gretchen und beschreibt sie als ein hilfloses, einsames, sehnendes Mädchen. Das tut er weil
er damit bei Faust Begehren und Mitleid für Gretchen erwecken will. Die Gesellschaft bietet
intermenschliche Aktivitäten die Mephistopheles beeinflussen und in die er eingreifen kann. Fausts
Kerker, in dem er sich von der Welt isoliert, hat keinen Reiz für Mephistopheles. Der Kerker ist ein
langweiliger Raum, da er nur eine Person, Faust, beherbergt. Das Verhältnis zwischen Faust und
Wagner ist statisch – interessante intermenschliche Kontakte und Beziehungen gibt es nicht. Für
Reize muss also Mephistopheles Faust aus seinem Kerker herausholen und zwischen die Menschen
bringen: „Ich renne zu und bin ein rechter Mann, / Als hätt’ ich vier und zwanzig Beine. / Drum
frisch! Laß alles Sinnen sein, / Und g’rad’ mit in die Welt hinein!“ (1826-1829)
Dass Mephistopheles Faust aus der Natur heraus in die Gesellschaft hereinholt, ist also nicht
verwunderlich. Aber warum fühlt Mephistopheles sich in der Natur so ohnmächtig? Der erste Grund
ist die Diskrepanz die wischen der Natur und dem Wesen des Mephistopheles liegt denn er kann
sich gefühlsmäßig nicht mit ihr verbinden, wodurch mitfühlen mit der Natur unmöglich wird. Laut
Fuchs ist der Mangel an Intelligenz bei Mephistopheles der Grund, warum er sich nicht mit der
Natur verbinden kann. Mephistopheles ist sich seiner beschränkten Intelligenz bewusst und gibt zu,
dass seine Intelligenz zu gering ist, um Ordnung, Gefüge und Sinn der Schöpfung „in ihrer
Grenzenlosigkeit“ verstehen zu können. 141 Durch einen Mangel an Verbundenheit mit der Natur ist
die Natur für Mephistopheles langweilig und fremd. Dies im Gegensatz zu Faust, der die Natur
genießt und gern in ihr forscht und sie gern miterlebt. Oskar Seidlin analysiert das Benehmen des
141
Fuchs: “Mephistopheles. Wesen, Charakterzüge, Intelligenz.”, S. 353.
59
Mephistopheles als nicht-weltlich. Mephistopheles grenzt sich durch sein Nichtverbundensein mit
der Natur auch vom Kosmos ab „indem er sich als den Außer- und Anti-Kosmischen offenbart und
definiert.“142 Der Unterschied in der Haltung von Faust und Mephistopheles gegenüber der Natur
zeigt sich deutlich beim Spaziergang im Harzgebirge. Mephistopheles würde am liebsten so schnell
wie möglich am Ziel sein, während Faust den Spaziergang ausnutzen will, um die Natur zu erleben
und sie zu erforschen. Das Ziel des Mephistopheles ist offensichtlich nicht das Natur(Erlebnis),
sondern das spätere Zusammenkommen der magischen Wesen bzw. die Feier in der
Walpurgisnacht:
MEPHISTOPHELES
Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
Ich wünschte mir den allerderbsten Bock.
Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.
FAUST
So lang’ ich mich noch frisch auf meinen Beinen fühle,
Genügt mir dieser Knotenstock.
Was hilft’s daß man den Weg verkürzt! –
Im Labyrinth der Täler hinzuschleichen,
Dann diesen Felsen zu ersteigen,
Von dem der Quell sich ewig sprudelnd stürzt,
Das ist die Lust, die solche Pfade würzt!
Der Frühling webt schon in den Birken
Und selbst die Fichte fühlt ihn schon;
Sollt’ er nicht auch auf unsre Glieder wirken? (3835-3847)
Die Erfahrungen die Faust in der Natur hat sind anders, er fühlt, wenn er sich mit ihr verbindet,
Kraft und neues Leben in sich regsam werden gemäß der Natur. Beispiele sind die Szene in „Vor
dem Tor“, „Wald und Höhle“ und „Anmutige Gegend“. Nach jedem Naturerlebnis fühlt Faust neue
Lebenskräfte in sich einströmen: „Verstehst du, was für neue Lebenskraft / Mir dieser Wandel in
der Öde schafft? / Ja, würdest du es ahnen können, / Du wärest Teufel g’nug mein Glück mir nicht
zu gönnen.“ (3278-3281) Mephistopheles dagegen ist kalt und fühlt sich unwohl in der Natur. Sein
Gefühl des Unbehagens innerhalb der Natur wird in der „Klassische Walpurgisnacht – Peneius“
geschildert. Mephistopheles befindet sich in einer für ihn fremden (klassischen) nordischen
Landschaft und er verirrt sich in dem kahlen schroffen Gebiet. Von Anfang an ist die Landschaft
für ihn kalt.
Oskar Seidlin: “Das Etwas und das Nichts”. In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von Werner Keller. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 367.
142
60
Das Unbekannte macht ihn unsicher und er fühlt sich unbequem:
Und wie ich diese Feuerchen durchschweife,
So find’ ich mich doch ganz und gar entfremdet,
Fast alles nackt, nur hie und da behemdet (7080-7082)
Das Gefühl des Fremdseins ändert sich auch nicht wenn er sich längere Zeit in dieser Landschaft
aufhält. Mephistopheles lernt sie nicht kennen und passt sich nicht an sie an er kann sich nicht an
sie gewöhnen. Sein Wohlbehagen liegt noch immer bei der Landschaft seiner Heimat:
DRYAS:
In Deinem Lande sei einheimisch klug,
Im fremden bist du nicht gewandt genug.
Du solltest nicht den Sinn zur Heimat kehren,
Der heiligen Eichen Würde hier verehren.
MEPHISTOPHELES
Man denkt an das was man verließ,
Was man gewohnt war bleibt ein Paradies. (7959-7664)
Umgekehrt ist es bei Faust. Interessanterweise fühlt Faust sich immer wohl in einer neuen
natürlichen Umgebung, obwohl die Landschaften und Orte, in denen er sich befindet, ständig
wechseln. Jede neue Landschaft wird erst detailliert beschrieben und erforscht, wodurch eine
Gewöhnung auftritt. Ein deutliches, noch nicht besprochenes Beispiel ist die Szene „Arkadien“. In
der dritten Szene des zweiten Teils beschreibt Faust die neue Landschaft, die zu seinem Schloss
gehört. Die Landschaft zeichnet sich durch Leben, Fruchtbarkeit und Frische aus: „Und mütterlich
im stillen Schattenkreise / Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm; / Obst ist nicht weit, der
Ebnen reife Speise, / Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.“ (9546-9549) Nicht nur die
Beschreibung der Landschaft zeigt wie er sich an sie gewöhnt in dem er sie kennenlernt – er sieht
die Natur als eine Mutterfigur und darum fühlt er sich mit ihr verwandt – sondern auch der Stil
seines Sprachgebrauchs weist darauf hin. Goethe lässt an dieser Stelle zwei semantische Felder sich
überlappen, das von der Landschaft, Malerei, Hirten- und Schäferdichtung mit dem semantischen
Feld der Emotionen. Damit zeigt er die Verschmelzung von Fausts Geist mit der Landschaft. In der
Aussage „arkadisch frei sei unser Glück“ wird „arkadisch“, ursprünglich ein Begriff aus der
Landschaftskunst, für eine Beschreibung der Gefühle von Faust benutzt.
61
Das Glück von Faust zeigt sich in der Beschreibung der Umgebung:
Gelockt auf sel’gem Grund zu wohnen,
Du flüchtetest ins heiterste Geschick;
Zur Laube wandeln sich die Thronen,
Arkadisch frei sei unser Glück! (9570-9573)
Die arkadische Szene, eine ideelle Landschaft, weist nicht nur auf das Gefühl des Wohlbehagens
hin, sondern auch auf die Idealisierung der Liebe. Die Natur wird zum Spiegel des idealen Paars
Faust und Helena – die Liebe von Faust und Helena ist traumhaft schön sowie die perfekte idyllische
Landschaft.
Auch für Mephistopheles wirkt die Landschaft als ein Spiegel: Mephistopheles reist alleine
in den Norden und erlebt sein Gefühl des Fremdseins in der kahlen, nackten Landschaft. Sie wirkt
auf ihn unecht und verfälscht, wie auf einem Maskenball, wo die Menschen sich als eine andere
Person zeigen. Hier kehrt das Motiv des Schauspielers und Regisseurs von Brown wieder.
Mephistopheles als Regisseur und Schauspieler seiner Stücke lügt den Menschen etwas vor, so
erlebt er auch die Landschaft als eine falsche Gegend die ihn täuscht und beängstigt:
MEPHISTOPHELES sich schüttelnd
Viel klüger, scheint es, bin ich nicht geworden;
Absurd ist’s hier, absurd im Norden,
Gespenster hier wie dort vertrackt,
Volk und Poeten abgeschmackt.
Ist eben hier eine Mummenschanz
Wie überall ein Sinnentanz.
Ich griff nach holden Maskenzügen
Und faßte Wesen daß mich’s schauerte....
Ich möchte gerne mich betrügen,
Wenn es nur länger dauerte.
sich zwischen dem Gestein verirrend
Wo bin ich denn? Wo will’s hinaus?
Das war ein Pfad, nun ist’s ein Graus.
Ich kam daher auf glatten Wegen,
Und jetzt steht mir Geröll entgegen. (7791-7804)
Die Landschaft ist ihm fremd und absurd; er ist orientierungslos. Daher ist es keine Überraschung,
wenn Mephistopheles in dieser Landschaft die Phorkyaden trifft, denn die Phorkyaden sind die
Hässlichkeit selber.
Wenn man Mephistopheles’ feindliche Haltung gegenüber der Natur versteht, dann wird es
62
einfacher seine ironische Beschreibung von Faust in „Wald und Höhle“ zu erklären. Aus seinem
Unvermögen Fausts Gefühle und Stimmungen gegenüber der Natur mitfühlen zu können, stellt er
Faust als einen Toren dar, der auf der Suche nach einem „überirdisches Vergnügen“ ist, nach einer
Form des Göttlichen:
Ein überirdisches Vergnügen!
In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen,
Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwühlen,
Alle sechs Tagewerk’ im Busen fühlen,
In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,
Bald liebewonniglich in alles überfließen,
Verschwunden ganz der Erdensohn,
Und dann die hohe Intuition –
Mit einer Gebärde
Ich darf nicht sagen wie – zu schließen. (3282-3292)
Mephistopheles kann nicht verstehen, wie die Reflektion über der Natur in eine Reflektion von dem
eigenen Selbst übergehen kann, da er selbst keine Verbindung mit der Natur fühlt – er kennt nicht
das, was Faust genießen will und weiß nicht was er von der Natur lernen kann.
Zum Schluss wird ein letztes Argument Browns widerlegt. Brown schreibt, Mephistopheles
erscheine immer auf der Bühne in dem Moment, wo Faust direkt zur Natur spräche. Daraus schließt
sie, dass Mephistopheles ein Naturgeist sei, der manchmal eine ähnliche Rolle wie Ariel einnimmt.
Meiner Meinung stimmt dieses Argument nicht. Es ist eher die Unsicherheit von Faust, die entsteht
wenn er der Natur begegnet, die Mephistopheles ausnutzt, um Faust beeinflussen zu können. Die
erste Begegnung von Faust und Mephistopheles findet in der Natur statt. Faust hat in „Vor dem Tor“
zweierlei Kräfte in der Natur entdeckt, die er auch in sich selbst spürt – zwei Seelenkräfte. Mit dieser
Reflektion über sein Selbst wird Faust unsicher. In ihm findet ein Kampf zwischen den zwei
Seelenkräfte statt und er fühlt sich in diesem unentschlossenen Kampf unwohl: „O glücklich! wer
noch hoffen kann / Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen. / Was man nicht weiß das eben
brauchte man, / Und was man weiß kann man nicht brauchen.“ (1064-1067) Gerade dann, wenn
Faust unstabil und dadurch beeinflussbar ist, kommt Mephistopheles auf die Bühne. Das gleiche
Muster wiederholt sich in „Wald und Höhle“. Faust kommt durch eine Reflektion über die Natur
bzw. eine Reflektion über sich Selbst in eine unstabile und unsichere Position. Die Natur zeichnet
sich durch Vollkommenheit aus, da sie beide Kräfte, beschrieben in „Vor dem Tor“ – seelische und
63
irdische Kräfte –, in Harmonie in sich trägt. Faust ist sich schließlich seiner Unvollkommenheit als
Mensch bewusst: „O daß dem Menschen nichts Vollkomm’nes wird, / Empfind ich nun.“ (32403241) Die Unstabilität vergrößert sich durch die Unsicherheit die er Gretchen gegenüber hat: „So
tauml’ ich von Begierde zu Genuß, / Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde.“ (3249-3250)
Genau in dieser Situation der Unsicherheit und Unstabilität taucht Mephistopheles wieder auf.
Brown hat also Recht, dass es ein Muster gibt, nach dem Mephistopheles die Natur als
Begegnungsort mit Faust auswählt. Dies hat aber meines Erachtens nichts mit Mephistopheles als
Naturgeist zu tun, sondern mit der Unstabilität Fausts, wodurch er einfacher zu lenken und zu
beeinflussen ist.
Brown plädiert in ihrem Artikel dafür, dass Faust auch ein Naturgeist sei. Sie sieht in Faust
(Natur)Kräfte, mit deren Hilfe er die Natur entziffern könne. Mit diesen Kräften könne er auch
imstande sein in der Natur zu „weben“ und sie zu lenken. Mephistopheles ist dazu aber nicht
imstande: er ist der Natur gegenüber ohnmächtig. Seine Zerstörungen sind sinnlos, da die Natur in
ihrem Sein viel mehr Lebenskräfte beinhaltet als Mephistopheles an Zerstörungskräfte hat. Brown
argumentiert, Mephistopheles benähme sich als ein Naturgeist, da er immer auf Fausts Anrede der
Natur reagiere. Jedes mal wenn Faust die Natur anspräche, erscheine Mephistopheles auf der Bühne.
Meiner Meinung nach entsteht diese Reaktion nicht aus Mephistopheles’ Verbundenheit mit der
Natur, sondern aus seinem Willen um Faust zu beeinflussen. Faust ist nach einer Begegnung mit
der Natur unsicher und unstabil, wodurch er einfacher manipuliert werden kann. Brown bezeichnet
einen Naturgeist als eine Kraft zwischen dem Ewigen und der Erde, als eine Kraft, die in der Natur
mit dem Ewigen und den endlichen Elementen Neues schöpfen kann. Doch Mephistopheles kann
nur seinen Einfluss in zwischenmenschlichen Beziehungen gelten lassen. Die Natur ist ihm fremd
und absurd, da er nicht imstande ist mit ihr mitzufühlen oder sie zu verstehen. Sie wirkt als sein
Spiegel: die Natur lügt ihn mit ihren Landschaften an die für ihn nicht wirklich sind und ihn betrügen
wollen. Dieses Lügen und Betrügen ist aber eine charakteristische Eigenschaft des Mephistopheles,
dass zeigen uns die Reflexion die wir über sein Wesen und die Landschaft gemacht haben. Lügen
und betrügen als Mittel der Lenkung ist nur sinnvoll innerhalb einer Gesellschaft – in der Natur
wäre es sinnlos. Zwischen den Menschen und ihren Beziehungen, baut Mephistopheles und Faust
sein Königreich auf.
64
4.4 Erkenntnis durch die Natur
“Durch ein paar Züge aus dem Becher der Liebe hält sie für ein Leben voll Mühe schadlos. […] Alles ist
immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit. Sie ist gütig.” 143
In der frühen Romantik, in der Zeit von Novalis und Tieck, wird die Natur als ein Ausdruck einer
höheren Wirklichkeit gesehen. In dieser höheren Wirklichkeit bilden Geist, Mensch und Natur eine
Einheit. Novalis geht zum Beispiel von einer Verwandtschaft von Mensch bzw. Geist und Natur aus
wie Wanning darlegt:
Die ästhetische Rekonstruktion unter dem romantischen Postulat des allumfassenden und
einzigen Ganzen schließt notwendig das Göttliche ein, weil sie aus systemimmanenten
Gründen jenes nicht als Unterschiedenes, d.h. als Prinzip der Differenz, eskamotieren darf.
Dementsprechend erhebt die dialektische Einbindung funktionaler Naturdarstellung bei
Novalis, deren drei Schritte das Menschlich-Subjektive, das Naturhaft-Objektive sowie die
göttliche Subjekt-Objekt-Identität umfassen, einen Wahrheitsanspruch, der die
hintergründige, verborgene Wahrheit des Aufeinanderverwiesenseins von Mensch und Natur
ausdrückt.144
In der frühen Romantik, gehören der Mensch und die Natur als eine Einheit zusammen. In Novalis
Erzählungen aber auch in seinem Heinrich von Ofterdingen und Die Lehrlinge von Sais klinkt das
Grundmotiv „verlorenes, mythisch ausgemaltes goldenes Zeitalter hindurch, in dem Mensch und
Natur noch vereinigt waren.“145 Das in Einheit lebende Urvolk sprach eine „heilige Sprache“, die
„das glänzende Band jener königlichen Menschen mit überirdischen Gegenden und Bewohnern
gewesen war.“146 Für mich ist das deutlichste Symbol dieser Einheit bei Novalis, die blaue Blume
in Heinrich von Ofterdingen. Heinrich träumt von Mathilde, die als Mensch in einer blauen Blume
lebt – die Blume und sie sind eins. Heinrich entscheidet sich sie zu suchen:
’Das erste und einzige Fest meines Lebens’, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein war,
und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte. ‚Ist mir nicht zumute, wie in jenem
Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare Zusammenhang ist zwischen
Mathilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem Kelche sich mir entgegenneigte, es
143
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 75.
145
Hans-Joachim Mähl: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis. Studien zur Wesensbestimmung der
frühromantischen Utopie und zu ihren ideengeschichtlichen Voraussetzungen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1994,
S. 354.
146
Mähl: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis, S. 355.
144
65
war Mathildes himmlisches Gesicht, und nun erinnerte ich mich auch, es in jenem Buch
gesehn zu haben. 147
Dieses Zusammenschmelzen des Menschen mit der Natur ist genau das, was auch in „Anmutige
Gegend“ passiert. Faust wird durch die Natur aufgenommen und verschmilzt mit ihr zu einer
Einheit.
Die frühe Romantik und andere literarische Strömungen, versuchen in ihren Beschreibungen
die Natur als einen Teil des Menschen zu charakterisieren. Die Natur wird zum Subjekt. Die
Grundidee bei der Charakterisierung für die Romantiker ist dabei „die logische Rückführung der
Natur und des empirischen Subjekts auf die Ebene der transzendentalen Subjektivität, die nicht als
Ich oder Selbstbewusßsein, sondern als (ästhetisches) Produzieren gedacht wird.“ 148 Sowohl dem
Menschen als auch der Natur wurde das Selbstbewusstsein entnommen, wodurch eine
Verschmelzung möglich war. In „Anmutige Gegend“ ist das Entgegengestellte wahr: Faust gewinnt
gerade durch die Verbindung mit der Natur an Selbstbewusstsein. Zunahme von Selbstbewusstsein
und eine Verschmelzung mit der Natur sind nur möglich, wenn der Geist mit der Natur verwandt
ist. Novalis erklärt seine eigenen Gedanken anhand der Philosophie Fichtes. Fichte nennt den
Prozess des Verlorengehens des Selbstbewusstseins um zu einer Einheit mit anderen Elementen zu
kommen, den subjektiven Idealismus. Der subjektive Idealismus ist eine Konstruktion von einem
Ich und einem Nicht-Ich. Das Ich setzt sich ein Nicht-Ich. Das Nicht-Ich ist nicht von sich und von
nichts außerhalb seines selbst abhängig. Dadurch, dass sich das Ich ein Nicht-Ich setzt, begrenzt es
sich. Wo die Grenze des Ichs liegt, hängt von der Person ab. Über die Grenze schreibt Fichte: Das
Ich ist endlich, weil es begrenzt seyn soll; aber es ist in dieser Endlichkeit unendlich, weil die Grenze
ins unendliche immer weiter hinaus gesetzt werden kann. Es ist seiner Endlichkeit nach unendlich,
und seiner Unendlichkeit nach endlich. 149
Aus dieser Opposition arbeitet Novalis die Gegensätzlichkeit des Ichs und der Natur heraus,
„dessen ursprüngliche, magische Einheit ein gegenseitiges Symbolisieren im Sinne einer WechselRepräsentanz erlaubt.“150 Mit dem Wechsel-Repräsentanten meint Novalis, laut Wanning, einen
Teil des Ganzen, die beide das Ganze bzw. die hohe Wirklichkeit repräsentieren können. Zum
147
Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Stuttgart: Reclam 2013, S. 105.
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 76.
149
Johann Gottlieb Fichte: Sämtliche Werke. Band 1. Hrsg. von J. H. Fichte. Berlin: Verlag von Veit und Comp 1845,
S. 257.
150
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 84.
148
66
Beispiel der Mensch oder die Blume sind beide ein Wechsel-Repräsentant der blauen Blume und
sie können beide das Ganze bzw. die blaue Blume repräsentieren. Die Teile können abwechselnd
für das Ganze stehen. Zu Fichtes Theorie der Gegensätze in einem Ganzen – Novalis’ Variante mit
der Opposition des Ichs und der Natur – gehört das universale Analogiedenken. In diesem Denken
hebt Novalis die Parallele zwischen dem Organismus der Natur einerseits und dem Denken des
Menschen andererseits hervor. Er betont die Gemeinsamkeit, aus der alles begründet wird. Diese
Urquelle formt auch die Basis des Atlantis-Mythos. Die Verbundenheit zwischen Natur und
Menschen setzt voraus, dass der Geist des Menschen mit der Natur verbunden ist, wodurch der
Mensch „aus dem Studium der Natur ebenso Aufschlüsse über sein eigenes Inneres gewinnen
kann.“151 Hegel beschreibt in Die Phänomenologie des Geistes, wie dieser Prozess funktioniert, und
dass man tatsächlich aus der Gemeinsamkeit Selbstbewusstsein gewinnen kann. Objekte außerhalb
von uns bewirken in uns eine Selbstreflexion. Bevor das Selbstbewusstsein gesteigert werden kann,
soll eine Einheit zwischen dem Äußeren und dem Inneren entstehen. 152 Novalis und Hegel haben
vergleichbare Ideen über die Existenz der höheren Wirklichkeit bzw. über diese Gemeinsamkeit;
beide glauben aber an eine andere Konsequenz dieser Gemeinsamkeit. Novalis deutet auf den
Verlust des Subjekts hin, während Hegel die Gewinnung des Selbstbewusstseins betont. In der
Analyse der Szene „Anmutige Gegend“ wird Hegels These durch die Steigerung des
Selbstbewusstseins bei Faust, bestätigt.
Faust liegt in der Dämmerung auf einem „blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig,
schlafsuchend“. Um ihn schwebt ein Kreis von Geistern und anmutigen kleinen Gestalten. Der
Kontrast zu dem Ort der vorigen Szene könnte nicht größer sein. In der letzten Szene vom ersten
Teil des Dramas versucht Faust Gretchen aus dem kalten und feuchten Kerker zu befreien. Sie
weigert sich, mitzukommen, wodurch ihr Tod unvermeidlich wird. Mephistopheles hilft Faust
schließlich aus dem Kerker heraus zu kommen, sodass er nicht verhaftet werden kann. Faust fühlt
eine schwere Schuld, da er das Leben Gretchens zerstört hat. Mephistopheles’ Plan ist gelungen:
Faust hat die schwerste, schwärzeste Schuld auf sich geladen. Diese Szene spielt in einem locus
terribilis, während „Anmutige Gegend“ in einem locus amoenus stattfindet. Locus amoenus
bedeutet aus dem Lateinischen „lieblicher Ort“ bzw. „anmutige Gegend“. Locus terribilis bedeutet
„schrecklicher Ort“. Der Ort liegt nicht fest, aber eines haben alle loci amoeni gemeinsam. Für die
151
152
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 85.
Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 139.
67
Idylle gibt es drei Grundbestandteile: Lagerplatz, Bäume und Wasser. Dazu gehören auch mehrere
Annehmlichkeiten wie bequeme Rast, Schatten, Geräusche und Wasserbewegungen. 153 In einer
Beschreibung eines locus amoenus werden fast nie die einmaligen Details aufgenommen, da der
Schriftsteller versucht, in ihnen ein Maximum an Schönheit und Annehmlichkeit zu vereinigen. 154
So schließt in der Regel die Naturschilderung die Realität aus und wird die Beschreibung der Natur
zur subjektiven Schilderung eines Ideals. Für die Präzisierung der loci amoeni werden hier auch die
Merkmale des loci terribiles beschrieben. Der locus terribilis ist abgeschlossen und verborgen – oft
werden Bäume als Umgrenzung benutzt. Durch den abgeschlossenen Charakter des loci terribiles
sind die Orte dunkel. Dazu ist der Klageort wüst und öde. Die Orte liegen oft außerhalb der
bewohnten und aufgesuchten Stätten in entlegenen Regionen. Da sie entlegen liegen, ist die
Einsamkeit an diesen Orten am größten. 155 Der Ort terribilis ist wie ein Kerker – die Person in
diesem Raum ist umschlossen und von der Welt abgeschnitten. Der Kontrast zu dem Ort in
„Anmutiger Gegend“ ist groß: „Als abgelegener, dichter, dunkler und verborgener Wald ist er
nämlich das genaue Gegenteil des in der Nähe von zivilisierten Gegenden liegenden lichten,
schattenspendenden, erquickenden Hains, wie er seit der Antike im Verband des locus amoenus
auftaucht.“156
Im Vergleich zu dem ersten Teil fällt auf, dass Faust in „Anmutige Gegend“ die Natur nicht
aufgesucht hat, sondern dass die Natur zu ihm gekommen ist. Faust hat sich selbst nicht bewusst in
die Natur versetzt, wie in „Vor dem Tor“ und „Wald und Höhle“, sondern ist im bewusstlosen
Zustand in die Natur versetzt worden. Das Zusammenkommen der Natur mit Faust, ohne Fausts
direkten Willen, ist für mich ein Zeichen der Zuwendung von beiden Seiten. Faust hat sich innerlich
für die (geistigen) Kräfte der Natur geöffnet, und die Naturgeister haben Fausts Zuwendung zu ihnen
gespürt. Wo es in „Wald und Höhle“ noch eine Diskrepanz zur Natur gab ist diese Diskrepanz in
„Anmutige Gegend“ aufgehoben. Mit dem beidseitigen Vertrauen passt die Natur, als ein
Heilungsort, perfekt zu dem Zustand in dem sich Faust in diesem Moment befindet. Gaier bemerkt,
dass der locus amoenus den reinen Naturcharakter des Ortes betont. Der Naturcharakter ist neutral
153
Klaus Garber: Der Locus amoenus und der locus terribilis. Bild und Funktion der Natur in der deutschen Schäferund Landlebendichtung des 17. Jahrhunderts. Köln: Böhlau-Verlag 1974, S. 87.
154
Garber: Der Locus amoenus und der locus terribilis, S. 88.
155
Garber: Der Locus amoenus und der locus terribilis, S. 240-243.
156
Garber: Der Locus amoenus und der locus terribilis, S. 243.
68
und so für die Erquickung Fausts geeignet. 157
Mit der Erquickung soll Faust neue Lebenskräfte empfangen. Dazu muss sein Herz
besänftigt werden: „Besänftiget des Herzens grimmen Strauß, / Entfernt des Vorwurfs glühend bittre
Pfeile, / Sein Innres reinigt von verlebtem Graus.“ (4623-4625) Das Besänftigen bedeutet, dass
Fausts Schuldgefühl weggenommen werden muss, er soll die schrecklichen Erlebnisse mit Gretchen
vergessen. Um dies zu ermöglichen, baden ihn die Elfen im Tau aus „Lethes Flut“. Mit „Lethes
Flut“ verweist Goethe auf die griechische Mythologie, in der die toten Seelen mit Charon die Flut
überqueren müssten, um in Hades’ Reich zu kommen. Bei der Berührung des Wassers verschwinden
alle Erinnerungen. Das Ergebnis der ganzen Erquickung ist die Rückgabe des heiligen Lichts. Mit
Licht meint, meiner Meinung nach, Goethe hier, das Leben mit seinen Kräften und geistigen
Inspirationen. Es ist das Lebenslicht, das Faust zum Menschen macht.
Die Elfen sind zusammen mit den (geistigen) Naturkräften für die Heilung Fausts
verantwortlich. Die Elfen kann man als Naturgeister betrachten, da sie imstande sind, die Kräfte der
Natur für die Besserung Fausts zu steuern und einzusetzen. Gaier bezeichnet den Besserungsprozess
als „ein[en] reine[n] Naturvorgang ohne eine Spur christlichen Mitleids.“ 158 Die Elfen versorgen
Faust in vier Wachperioden: „Vier sind die Pausen nächtiger Weile, / Nun ohne Säumen füllt sie
freundlich aus.“ (4626-4627) Zuerst soll er einschlafen, zweitens wird die Vergessenheit geschaffen,
drittens wird der Krampf gelöst und seine Glieder gestärkt, und viertens wird ihm schließlich das
Licht wiedergegeben. 159 Nach Eckermanns Angabe überschrieb Goethe die vier Strophen in seinem
ersten Entwurf mit kleinen Titeln: Serenade (Abendmusik), Notturno (Nachtmusik), Matutino
(Morgengesang) und Reveille (Weckruf). 160 Die Überschriften geben deutlich die Atmosphäre der
Strophen an und verweisen zugleich auf den Verlauf der Zeit während des ganzen Prozesses.
Neben den Andeutungen der Zeit und der Atmosphäre verbindet Goethe den Prozess mit den
Naturelementen. Die Genesung ist mit den vier Elementen verknüpft: 1) Die Luft, wird in der
Dämmerung mit „[s]üße[n] Düfte“ und „Nebelhüllen“ (4636) gefüllt. 2) Das Feuer findet man in
dem Licht der Sterne und in den kleinen Funken: „Schließt sich heilig Stern an Stern, / Große
Lichter, kleine Funken, / Glitzern nah und glänzen fern“ (4643-4645). 3) Die Erde wird in ihren
157
Ulrich Gaier: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Zweiter Teil.
Stuttgart: Philipp Reclam 2004, S. 24.
158
Gaier: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Zweiter Teil, S. 30.
159
Gaier: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Zweiter Teil, S. 27.
160
Schöne: Goethe Faust. Kommentare. Band 7/2, S. 405.
69
Lebens- und Wachstumskräfte dargestellt: „Täler grünen, Hügel schwellen, / Buschen sich zu
Schatten-Ruh“ (4654-4655) und 4) das Wasser, das für die Spiegelung der Sterne im See sorgt:
„Glitzern hier im See sich spiegelnd“. (4646) Die Kräfte der Elemente und ihr Einfluss auf den
Heilungsprozess bei Faust werden nicht direkt beschrieben. Die ganze Genesung findet außerhalb
der Sicht des Lesers statt. Stattdessen schildert Goethe das Voranschreiten des Prozesses mithilfe
von Naturmetaphern. Er schildert die Schritte des Heilungsprozesses anhand des Verlaufs der Zeit
in der Natur. Auf diese Weise wird die Natur zum Spiegel von Fausts Genesung. Die Analogie
zwischen Fausts Heilung und dem Gang in der Natur zeigen, wie nah sie sich einander genähert
haben. In „Wald und Höhle“ gab es eine bedeutsame Distanz zwischen Faust und der Natur, wo der
Unterschied zwischen Mensch und Natur noch deutlich anwesend war. In „Anmutige Gegend“ ist
die Distanz zwischen beiden aufgehoben und formen sie eine Einheit.
Kurt May schreibt in seiner Monografie Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet über die
Einheit von Faust und der Natur. Seine These unterstützt er mit einer Analyse des literarischen
Sprachgebrauchs. In den verschiedenen Stilmitteln und dem Verweben von diesen Mitteln findet
May einen Hinweis darauf, dass die geistige Welt die irdische Welt mit ihren Kräften durchdringt.
Das Verweben bzw. das Hineindringen von höheren Kräften in die irdischen Kräfte beginnt am
Anfang der Szene:
Die Stimme setzt hoch ein im Beginn der Strophe und hält sich in der ganzen ersten Hälfte in
der gleichen Höhe schwebend, um dann in allen folgenden Zeilen bald über eine Steigung
innerhalb der Verszeilen (Elfen – heilig), bald vom ersten Wort der Zeile ab in Stufen abwärts
zu sinken; so geht die Tonbewegung, der melodische Bogen – im großen Zuge gesehen – von
oben nach unten. Auch der aus dem schwebenden Verharren in der Höhe herabsteigende Ton
wirkt also symbolisch mitgestaltend, indem er mit seinen Mitteln das Motiv der äußeren und
inneren Bewegung im Raum von oben nach unten ausdrucksvoll prägt.161
Nicht nur der melodische Verlauf der Stimmhöhe, sondern auch die Weise, worauf die Stimme
benutzt werde, singend oder sprechend, stellen laut May die harmonisierende, zusammenbringende
Bewegung von oben nach unten dar. Die Abwechslung von Lied- und Sprechversen verweise auf
die Einwirkung der oberen auf die untere Welt. Die lyrischen Gesangsstrophen würden
ausschließlich von den elementarischen Geister bzw. Elfen benutzt. 162 Und der Mensch Faust
161
162
Kurt May: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet. München: Carl Hanser Verlag 1962, S. 15.
May: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet, S. 12.
70
gebrauche seine Stimme ausschließlich sprechend. Die Abwechslung der ineinander verketteten
Lied- und Sprachverse verweise auf das Verweben von der oberen mit der unteren Welt. 163 Auch in
den in einander verketteten metrisch-rhythmischen Schemata von den gesprochenen und
gesungenen Versen sieht May eine Annäherung des Geistigen in den Menschen:
Die metrischen Rhythmen der Szene sind der trochäische Viertakter, kreuzweis gereimt, in
den lyrischen Gesangsstrophen der Geister und der jambische Fünftakter in der Reimbindung
der Terzine für den Monolog der Stimme des Menschen. Aber der jambische Vers erscheint
schon, vordeutend auf Faust – wenn auch mit freier Reimfolge, ohne die strophische Bindung
und in den letzten Verszeilen verkürzt – in jenen ersten Sprechversen des Luftgeistes, in denen
die erste Hinwendung auf Faust hin vollzogen wird (4621ff.). So sind auch die metrischrhythmischen Schemata bedeutsam ineinander verkettet; auch in ihrer Naturgeister mit dem
Menschen auf Grund der Verwandtschaft aus, darüber hinaus die innere Ausrichtung, das
Zudringen der Geisterwelt hin auf den Menschen. 164
Die Naturgeister wirken auf Faust und verschmelzen dadurch mit seinem Wesen. In dem
Augenblick wo Faust zu sprechen anfängt, findet May typische Redemittel der Naturgeister vor.
Faust habe die Art und Weise, wie die Geister reden bzw. singen, in seine eigene Sprache
übernommen. Die Sprache sei ein Indiz dafür, dass Faust und die Natur kurzfristig eine Einheit
geworden seien, sagt May:
Die erste entscheidende Erkenntnis aus der Sprachgestalt des Terzinenmonologs ist diese:
Faust steht nicht als ein ganz Anderer, Eigener und Fremder in dieser Natur. Er offenbart sich,
so wie er zu sich gekommen ist, als ein Glied unter anderen im Organon der natura naturans.
In seiner Rede wiederholt sich das Grunderlebnis der ewig schaffenden Natur, das uns die
Geisterszene vorher geschenkt hat, und zwar zusammen mit ihren Ausdrucksmitteln. 165
Faust zeigt in der Aufnahme von Sprachelementen aus der Natur, dass er eine Einheit mit ihr
gefunden hat. Durch diese Harmonie hat Faust Sprach- und Willenselemente der Natur übernommen
und im Moment des Aufwachens strömen neue Lebenskräfte in ihn ein. Aufs Neue hat ihm die Natur
Kräfte zum Leben geschenkt. Faust erkennt, dass es die Natur war, die ihm diese Lebenskräfte
geschenkt hat. Diese Erkenntnis kann nur stattfinden, weil Faust eine höhere Stufe des Bewusstseins
erlangt hat. Durch sein höheres Selbstbewusstsein bzw. durch den höheren Grad der Selbstkenntnis
kann Faust die Einflüsse der Natur in sich unterscheiden:
163
May: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet, S. 13.
May: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet, S. 13.
165
May: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet, S. 28.
164
71
Du Erde warst auch diese Nacht beständig
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben. – (4681-4685)
Die Parallelen zwischen Faust und der Natur die sich in der Erquickung zeigen, sind aufs Neue ein
Zeichen für die kurzfristige Einheit von Faust mit der Natur. Fausts Entwicklung verläuft in
„Anmutige Gegend“ analog zu den Geschehnissen in der Natur. Mit den neuen Lebenskräften
erwacht auch der alte Wille Fausts, der sofort das alte Ziel des Strebens aufnimmt. Faust ist fest
entschlossen „[z]um höchsten Dasein“ zu streben. Das Erreichen des höchsten Daseins gehört zu
der Antwort auf seine Lebensfrage, was die Welt zusammenhält. Lernt er sich selbst bzw. seinen
Mikrokosmos erkennen, wenn er sein höchstes Sein erreicht hat, dann weiß er auch was den
Makrokosmos zusammenhält. Wenn der Mikrokosmos vollkommen entwickelt ist, muss der
Makrokosmos als Spiegel des Mikrokosmos auch durchschaubar geworden sein.
Das höchste Dasein bedeutet meiner Meinung nach das „Da-Sein“. Es geht um eine Form
des Bewusstseins – der Mensch ist sich seines „Seins“ bewusst. Das höchste Dasein ist also die
höchste Form des Selbstbewusstseins, das ein Mensch auf der Erde erreichen kann. Schöne gibt eine
andere Erklärung des „höchsten Daseins“. Für ihn ist das „höchste Dasein“ der Endpunkt von Fausts
Entwicklung, an dem er ein vollkommener Faust geworden sei.166 Auf welche Weise Schöne
„vollkommen“ gemeint hat, erläutert er nicht. Hier folgt deswegen meine Interpretation von
„vollkommen“. Der Weg zur Vollkommenheit fängt bei der Unvollkommenheit an in der Szene
„Vor dem Tor“. Da beschreibt Faust den fortwährenden Streit in seinem Innern:
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt, mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen. (1110-1117)
Faust lebt in einem fortwährenden innerlichen Streit. Der Streit bzw. die Unruhe in seinem Inneren
fordert ihn auf um stets weiter zu streben. Faust will zum höchsten Dasein streben. Die Erlösung
dieser Unruhe ist, meines Erachtens, das höchste Dasein. Eine Harmonie, eine Einheit zwischen den
166
Schöne: Goethe. Faust, S. 408.
72
zwei Seelenkräften, die er in sich spüren kann, wäre der letzte Schritt zur Vollkommenheit. Dann
könnten vollkommene Ruhe und Glückseligkeit entstehen. Er nimmt diese Harmonie in seinen
Erlebnissen in der Natur wahr. Die Begegnung mit der Natur in „Anmutige Gegend“ ist dabei am
wichtigsten. In dieser Begegnung wird er eins mit ihr und ist dadurch imstande, die Harmonie
innerhalb der Natur zu ergreifen und zu verstehen. Geistige und irdische Kräfte arbeiten in
harmonischem Einklang zusammen: die Naturgeister bzw. die Elfen bilden mit den irdischen
Kräften eine Partnerschaft, die in einer harmonischen Bewegung Faust heilen kann. Die
Bewegungen von der Zeit und dem Wachstum in der Natur, die von den geistigen Kräften gesteuert
werden, verlaufen symmetrisch und harmonisch. Alles formt eine Einheit – ein Paradies:
In Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen,
Der Wald ertönt von tausendstimmigem Leben
Tal aus, Tal ein ist Nebelstreif ergossen,
Doch senkt sich Himmelsklarheit in die Tiefen,
Und Zweig und Äste, frisch erquickt, entsprossen
Dem duft’gen Abgrund wo versenkt sie schliefen;
Auch Farb’ an Farbe klärt sich los vom Grunde,
Wo Blum’ und Blatt von Zitterperle triefen,
Ein Paradies wird um mich her die Runde. (4686-4694)
Die Himmelsklarheit, als eine geistige Kraft, wirkt in die irdischen Kräfte hinein, sodass die Erde
aufwachen kann. Alle Kräfte wirken harmonisch zusammen. Diese Einheit, dieses
Zusammenwirken ist für Faust das Ziel seines Strebens: er will zu dem höchsten Bewusstsein
gelangen, in dem all seine Kräfte im Zusammenklang wirken.
Die Natur als Einheit in sich, wird als reines Licht repräsentiert. Die Sonne ist das saubere Licht,
das am hellsten über die Erde scheint. Ihr Getöse ist eine Metapher für die Kräftigkeit des Lichts –
das Licht ist rein und dadurch sehr kräftig. Der Mensch als Kontrast dazu lebt in einem „farbigen
Abglanz“ dieses Lichtes:
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich diesem Sturm entsprießend
Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
73
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben. (4715-4727)
Die Natur in ihrem Licht steht dem Menschen in seiner Farbigkeit gegenüber. Zugleich sind sie aber
eins, da die Farbe aus dem Licht hervorkommt. Die Verfärbung des reinen Lichts entsteht bei der
Vermischung des Lichts mit der Finsternis – nur an der Grenze zwischen Licht und Finsternis
entstehen Farben. Das entdeckte Goethe bei einem Prisma- Experiment.167 Die Trübe im Lichte ist
das Symbol für den Streit im Inneren des Menschen. Das reine Licht ist das Geistige, ist das
Urphänomen, das sich nicht mehr zerlegen und auf etwas anderes zurückführen lässt. 168 In dem
Trüben bzw. auf der Grenze von Licht und Dunkel lebt der Mensch, der sowohl das Licht bzw. das
Geistige, als auch die Finsternis bzw. das Irdische in sich trägt. Da der Mensch auf der Grenze lebt
und beides in sich trägt, gibt es innerhalb des Menschen immer eine Suche, einen Streit zwischen
beiden Elementen. Es hängt von der Person ab, ob sie sich dem Licht oder der Finsternis zuwendet,
sagt Goethe: „Lieben und Hassen, Hoffen und Fürchten sind auch nur differente Zustände unsres
trüben Inneren, durch welches der Geist entweder nach der Licht- oder Schattenseite hinsieht.
Blicken wir durch diese trübe organische Umgebung nach dem Lichte hin, so lieben u hoffen wir;
blicken wir nach dem Finsteren, so hassen und fürchten wir.“ 169 Nur wenn dieser Streit aufgelöst
worden sei und der Mensch innerliche Harmonie gefunden habe, ist er imstande, das reine Licht zu
schauen. Da Faust diese Stufe der Vollkommenheit bzw. des Bewusstseins noch nicht erreicht hat,
ist er auch nicht imstande, die Sonne zu schauen. Zugleich versteht er, weshalb er als Mensch in
einem Abglanz lebt, da er in der Natur erlebt hat, wie irdische und geistige Elemente in Harmonie
sich verweben und er als Mensch beide Kräfte streitend in sich trägt.
Mit dem Wissen, dass der Mensch in einem Abglanz der vollkommenen Harmonie lebt, kann
man den Satz „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis“ (12104-12105) erklären. Das
Vergängliche ist die Farbe, die sich durch eine leichtere oder schwerere Mischung, mit der
Finsternis, ändern kann. Das Vergängliche sind also alle Menschen und Wesen, die diese Farben
tragen, bzw. alle Wesen, die sowohl das Geistige als auch das Irdische in sich haben. Das Licht ist
ewig und bleibt unverändert, auch wenn sich die Farbe verändert und verschwindet. Das Licht, das
167
Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, S. 489-492.
Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, S. 489.
169
Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, S. 482.
168
74
Geistige, ist ewig. Der Mensch, die Pflanze, das Tier sind vergängliche Wesen, die aber eine ewige
Ur-Idee des Lichtes sind. Das Vergänglich ist also ein Abglanz oder ein Gleichnis der Ur-Idee bzw.
das Lichtwesen der Dinge. Die Erde ist vergänglich, aber in ihrem Licht lebt die Erde ewig.
In „Anmutige Gegend“ wird Faust die Harmonie und die Einheit der Natur gezeigt, indem die Natur
Faust in sich aufnimmt. Die gegenseitige Hingabe stellt sich in der Spiegelung vom Zustand Fausts
und der Natur dar. Faust wird zu einem neuen Menschen und in der Natur geht die Sonne auf und
fängt ein neuer Tag an. Faust lernt das Wesen der Natur kennen und daraus gewinnt er neue
Erkenntnisse. Er muss aber für sein eigenes höheres Dasein nach noch mehr Harmonie streben. Nur
dann wird das Streben aufgehoben und kann Faust in dem Licht der Natur in Glückseligkeit leben.
Faust ist auf einem Höhenpunkt seines Verhältnisses mit der Natur angekommen. Der Ort wo sich
die Szene abspielt, nämlich auf der Spitze eines Berges, weist darauf hin. Nach der Szene „Anmutige
Gegend“ und nach der Begegnung mit den Müttern wird Fausts Verhältnis zur Natur jedoch immer
schlechter.
Zum Schluss noch eine kritische Anmerkung: Faust erfährt die Einheit mit der Natur in
einem unbewussten Zustand. Die Harmonie wird also erreicht, während Faust sich nicht von seinem
eigenen Ich bewusst ist. In dem Moment, wo Faust wieder aufwacht und sich seiner selbst bewusst
wird, zerstört sein Wille einen Teil dieser Einheit. Fausts Wille um weiter zu streben bringt ihn, in
der Szene „Hochgebirge“, zuletzt aus dem Gleichgewicht in seinem Verhältnis mit der Natur.
4.5 Gewaltiges Kolonisationswerk
“Sie läßt jedes Kind an sich künsteln, jeden Toren über sich richten, tausend stumpf über sich hingehen und
nichts sehen, und hat an allen ihre Freude und findet bei allen ihre Rechnung. Man gehorcht ihren Gesetzen,
auch wenn man ihnen widerstrebt, man wirkt mit ihr, auch wenn man gegen sie wirken will.” 170
Eine Wolke kommt heran und setzt Faust auf einem Felsplateau ab, er befindet sich im Hochgebirge.
Gezwungenerweise musste er sich von Euphorion und Helena verabschieden. Jetzt steht er wieder
alleine da. Im ersten Teil des Dramas und in „Anmutige Gegend“ strebte er zu einem höheren
Selbstbewusstsein. Es war sein Ziel, sein Herz und seinen Geist wiederzufinden und sie in Harmonie
zu bringen mit seinen irdischen Trieben. Im zweiten Teil scheint der Fortschrittsgedanke sich
170
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
75
umzukehren – anstatt noch weiter die Verbindung bzw. die Einheit mit der Natur zu suchen beginnt
Faust das Natürliche zu vernichten und zu zerstören. Daraus entsteht die Frage, warum sich Fausts
Haltung gegenüber der Natur verändert hat. Karl Philipp Moritz gibt indirekt Antwort auf diese
Frage in seiner Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“. Diese Schrift aus dem Jahr
1786 entstand in Zusammenarbeit mit Goethe in Rom. Sie war für Goethe sehr wichtig, da sie zu
seiner inneren Wandlung in Rom gehörte. Einige Teile aus dieser Schrift veröffentlichte er später
in der Italienischen Reise.171 Im Kapitel „Die Unschuldswelt“ entfaltet Moritz den Gedanke, dass
der Mensch bestimmt ist, Gott gleich sein zu wollen. Der Mensch ist aber nicht imstande zu
erschaffen, also muss er vernichten: „Da wir nicht Schöpfer werden konnten, um Gott gleich zu
seyn, wurden wir Zernichter; wir schufen rückwärts, da wir nicht vorwärts schaffen konnten.“ 172
Binder folgt Moritz’ Gedanke und schließt dann aus „Wald und Höhle“, dass man im zweiten
Teil von Faust Hinweise auf die kommende Zerstörungstendenz finden kann. Binder verweist auf
die gewalttätige Sprache in „Wald und Höhle“, die mit Fausts Leidenschaften zusammenhängt.
Moritz versucht mit der Analyse der gewalttätigen Sprache und den zerstörenden Leidenschaften
von Faust zu zeigen, mit welcher ungeheuren Wucht der Sprecher auf das Leben von anderen
einwirken kann. Er deutet auf Faust zerstörenden Drang hin: „Je mehr Faust den Göttern nah’ und
näher sein will, also danach strebt, die Welt zu durchschauen und zu beherrschen, desto mehr ist er
der unmündige, unfreie Unmensch, der der angestrebten Größe wegen Menschen zu Grunde richten
und dadurch ‚vernichten’ muß.“ 173 Fausts Streben den Göttern näher zu kommen misslinge,
wodurch er sich (unbewusst) gezwungen sähe, in der Zerstörung das Schöpferische und das
Göttliche zu finden.
Meiner Meinung nach hat die Zerstörung nichts mit dem Streben zum Göttlichen zu tun.
Streben gehört zu Faust, aber er strebt nicht zum Göttlichen. Eher sucht er Wege, um die Harmonie,
die in der Natur besteht, auch in sich selbst zu finden. Kurz war er dazu imstande in der Szene
„Anmutige Gegend“. Danach besucht er die Mütter, bei denen er das Konzept der Ur-Ideen der
Dinge und Wesen kennen lernte. Der Kontakt mit den Müttern ist der letzte Schritt in seinem Prozess
zum vollkommenen Selbstbewusstsein. Nachdem Euphorion stirbt und er Helena verabschiedet hat,
gewinnt der Einfluss von Mephistopheles stets mehr an Kraft und die irdischen Einflüsse und Fausts
171
Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie, S. 359.
Moritz: Schriften zur Ästhetik und Poetik, S. 56.
173
Moritz: Schriften zur Ästhetik und Poetik, S. 56.
172
76
Begierden nehmen immer mehr zu.
In dem Moment, wo die Wolke wegzieht bzw. Helenas Einflussbereich verschwindet, nimmt
Mephistopheles’ Einfluss zu. Die Wolke zeigte das Bild einer schönen Frau namens Juno, Leda oder
Helena, das langsam auseinanderfällt. Faust ist nicht länger im Bereich der reinen Schönheit sondern
er steht jetzt auf einem „starke[n], zackige[n] Felsen-Gipfel“ (10038), mitten auf der Erde. Dies ist
der Moment wo die Wirkung von Fausts zweiter, niederstrebender irdischer Seelenkraft immer
stärker wird. Seine hinaufstrebende Seelenkraft ist mit der Wolke „weggeflogen“ und spielt in dem
Rest des Stückes keine wichtige Rolle mehr. Gaier verweist auf die Wirkung der zweiten,
niederstrebenden irdischen Seelenkraft für den vierten und fünften Akt:
Die erste der drei Teilszenen (V. 10039-127) spaltet die spirituell-sinnliche Einheit von Fausts
zwei Seelen, die er in dem „Stück“ Helena noch gehalten hatte, in einen himmlischen und
einen höllischen Teil auf; „das Beste meines Inneren“ (V. 10066) wird von dem
Margaretenwölkchen in den Äther fortgezogen, der Rest steht auf dem „Grund der Hölle“ (V.
10072) und wird von Mephistopheles, der in Form von „Tumult, Gewalt und Unsinn“ (V.
10127) seine Beteiligung an der Welt nachweist, energisch auf sein Dasein in dieser Welt des
Fortschritts hingewiesen. 174
Charakteristisch für die irdische Seelenkraft ist die Tat. Die irdische Kraft will konkretisieren und
kann dies nur in Taten. Ein gutes Beispiel der Tatkraft ist die Rolle des Erdgeistes. Der Erdgeist ist
der Geist, der mit den irdischen Kräften die Ur-Ideen entstehen lässt und sie konkretisiert. Faust ist
von diesem gleichen Drang des Realisierens erfüllt – er muss seine Ideale in die Realität umsetzen,
eine neue Wirklichkeit schöpfen und seine Wahrheit erschaffen:
MEPHISTOPHELES
Errät man wohl wornach du strebest?
Es war gewiß erhaben kühn.
Der du dem Mond um so viel näher schwebest,
Dich zog wohl Deine Sucht dahin?
FAUST
Mit nichten! Dieser Erdenkreis
Gewährt noch Raum zu großen Taten.
Erstaunenswürdiges soll geraten,
Ich fühle Kraft zu kühnem Fleiß. (10177-10184)
Faust betont in seiner Antwort auf Mephistopheles’ Frage, dass er seine Tätigkeit nur auf der Erde
174
Gaier: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Zweiter Teil, S. 188.
77
entwickeln kann. Es ist die irdische Seelenkraft, die in seinen Plänen angesprochen wird und in der
Ausführung eine bedeutende Rolle spielt. Mephistopheles kann einen starken Einfluss auf diese
Kraft ausüben, da die irdische Kraft auch Gefühle des Begehrens und das Verlangen nach Macht
beinhaltet. Der Einfluss von Mephistopheles wird sichtbar in der Art und Weise, wie Faust seine
Pläne realisieren wird – mit Betrug und Gewalt.
Bis zum vierten Akt des Dramas wurde die Natur als ein harmonisches liebevolles Wesen
dargestellt welches bereit war um Faust zu betreuen. In der Begegnung mit ihr empfing er neue
Lebenskräfte und steigerte sich sein Selbstbewusstsein. Diese Darstellung der Natur ändert sich ab
dem vierten Akt. Die Natur wird als ein zerstörerischer, lebensbedrohender, gewalttätiger
Mechanismus dargestellt. Sie wird zu einem Monstrum, das von dem Menschen gezähmt werden
soll.
Mein Auge war aufs hohe Meer gezogen,
Es schwoll empor, sich in sich selbst zu türmen.
Dann ließ es nach und schüttete die Wogen,
Des flachen Ufers Breite zu bestürmen.
Und das verdroß mich. Wie der Übermut
Den freien Geist, der alle Rechte schätzt,
Durch leidenschaftlich aufgeregtes Blut
Ins Mißbehagen des Gefühls versetzt.
Ich hielt’s für Zufall, schärfte meinen Blick,
Die Woge stand und rollte dann zurück,
Entfernte sich vom stolz erreichten Ziel;
Die Stunde kommt, sie wiederholt das Spiel. (10198-10209)
Das Wasser ist eine Gefahr für die Küste, da es sie zerstören kann. Faust will den ungezähmten
Naturkräften eine menschliche Ordnung gegenüberstellen, sodass er imstande sein wird sie zu
beherrschen. Das Ergebnis des Unterdrückens der Naturelemente ist das Erlangen von Herrschaft
und Eigentum. In der gewählten Unterdrückungsordnung wird die Natur in Elemente aufgeteilt und
mittels Techniken beherrscht. Faust benutzt mehrere Techniken, die ihm helfen werden, die Natur
zu besiegen: Wasserbaukunst, Deichbau, Entwässerungsarbeiten, Hafenbau, Sumpftrockenlegung
und Kanalbau.175 Auf diese Art teilt Faust die Natur in Teile auf und nimmt ihre Einheit. Faust strebt
nach einer Kontrolle über die Natur, indem er sie zuerst in Teile zerlegt. Dieses Muster findet man
auch am Anfang des Dramas: Faust erforscht mit seinen fachspezialisierten Studien die Welt. Jedes
175
Schöne: Goethe. Faust, S. 652.
78
Fachstudium richtet sich auf einen Teil des Ganzen. Mit der Ausübung dieser aufgeteilten bzw.
spezialisierten Wissenschaften verlor Faust das Gefühl für das Ganze und damit zugleich den
Kontakt zu seinem Selbst und zur Natur. Dieser Prozess des Verlorengehens der Verbindung mit
dem irdischen und geistigen Ganzen wird hier aufs Neue in Gang gesetzt.
Mit der Kolonisierung der Natur will Faust seine ideale Kolonie schaffen. In seiner Kolonie
sind die Menschen frei, zu handeln und zu wohnen. Das Land ist fruchtbar und die Umgebung
behaglich. So hat er für alle ein Paradies geschaffen:
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn
Das Letzte wär das Höchsterrungene.
Eröffn’ ich Räume vielen Millionen,
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde
Sogleich behaglich auf der neuesten Erde,
Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,
Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft.
Im Innern hier ein paradiesisch Land,
Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,
Und wie sie nascht gewaltsam einzuschließen,
Gemeindrang eilt die Lücke zu verschließen.
Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Da ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß. (11559-11576)
Faust sieht in seinem Projekt die Eroberung der Natur. Alles muss für das erfolgreiche
Zustandekommen des Plans zur Seite geschoben werden. Das alte Paar Baucis und Philemon,
verliert in diesem Tatensturm sogar ihr Leben.
Besessen von seinem Tatendrang wird die Natur auseinandergezogen. Die aufgeteilte Natur
ist einfacher zu besiegen als die Natur in ihrer Ganzheit und Harmonie. Die irdische Seelenkraft
spielt hierbei eine entscheidende Rolle, sie ist die Kraft, die in ihrer Begeisterung, die Erde
umschlingen zu können, Faust zu extremen Taten anregt. Dazu kommt der Einfluss des
Mephistopheles, der die Ideen von Faust bis ins Extreme durchführt und durch seinen teuflischen,
zerstörerischen Einfluss werden die Taten aus ihrem Zusammenhang gerissen und ohne die
eigentlichen Wünsche von Faust, ausgeführt. In dieser Extremität und durch diesen konstanten
Tatendrang wird Faust gefühlsmäßig abgestumpft. Faust hat den Kontakt zu der zweiten,
hinaufstrebenden Seelenkraft verloren und damit auch die Harmonie in sich selbst. Plato sagte, der
79
Mensch sei eine Einheit mit sich selbst, wenn er in Harmonie mit seiner Seele sei. 176 In folgender
Aussage von Faust wird deutlich, dass er nicht in Harmonie mit seiner Seele lebt und sich auf diese
Weise auch kein Menschen nennen kann. Erst am Ende wird er sich des Ungleichgewichts in seinem
Inneren bewusst:
Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen;
Stünd ich, Natur! vor dir ein Mann allein
Da wär’s der Mühe wert ein Mensch zu sein. (11404-11407)
In einem letzten bewussten Moment des Sprechens ruft er die Natur an. Er realisiert sich welchen
großen Fehler er gemacht hat: er hat sich mit der Magie eingelassen und damit die Verbindung zum
Natürlichen verbrochen. Hätte er Mephistopheles’ Magie nicht benutzt, so würde er immer noch in
Harmonie mit der Natur leben.
Mephistopheles’ magische Kräfte bestehen teilweise aus Magie und teilweise aus Techniken
und Maschinen, die Faust für das Bauen seiner Paläste und Bauwerke braucht. Baucis beschreibt
den magischen Fortschritt des Projektes wie folgt:
Tags umsonst die Knechte lärmten,
Hack und Schaufel, Schlag um Schlag,
Wo die Flämmchen nächtig schwärmten
Stand ein Damm den andern Tag.
Menschenopfer mußten bluten,
Nachts erscholl des Jammers Qual,
Meerab flossen Feuergluten,
Morgens war es ein Kanal. (11123-11130)
Die Feuerglut könnte ein Verweis auf die Magie sein, – die Flämmchen, das Element des
Mephistopheles, schweben und bauen ohne Zubehöre Paläste – und sie sind auch ein Verweis auf
das Feuer der dampfgetriebenen Maschinen. Eine eindeutige Erklärung gibt es aber nicht. Auch
Gaier fällt die Doppeldeutigkeit auf: „Es ist aber möglich, dass er während der Nachtschicht die
misstrauische Baucis diesen maschinellen Betrieb oder aber höllische Zauberkünste beobachten
lässt.“177 Wenn es Maschinen sind, dann hilft uns die Philosophie der Romantik um Fausts Fall zu
erklären. Die Romantiker betrachteten die Technik als Gefahr für die Menschen. Herder zum
176
177
Platon. Sämtliche Dialoge. Hrsg. von Otto Apelt. Leipzig: Felix Meiner 1922. Band 3. S. 201.
Gaier: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der Tragödie Zweiter Teil, S. 229-230.
80
Beispiel erklärte wie die Menschen sich „entweltlichen“ würden wenn sie durch die Mechanik von
der Natur Abstand nähmen. 178 Die Angst der Romantiker ist bei Faust Wahrheit geworden – er hat
sich aufs Neue von der Harmonie der Welt und damit von der Harmonie in seinem Inneren
distanziert.
Durch das studieren der Wissenschaften hoffte Faust sich selbst und die Welt besser
verstehen zu lernen. Als er aber keine befriedigenden Antworten erhielt, hat er sich von ihnen
abgewendet und sich dem Leben und der Natur zugewendet, in der Hoffnung auf diese Weise die
Welt und sich selbst besser verstehen zu lernen. Dann kommt er aber wieder zurück zur
Wissenschaft und Technik. Durch den Einfluss des Mephistopheles wurde die Diskrepanz zur Natur
immer größer und damit auch zu seinem Innern. Die Dominanz von Fausts zweiter, irdischer Seele
hat die Harmonie in ihm selbst zerstört.
5. Schlussfolgerung
“Sie hat mich hereingestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr. Sie mag mit mir
schalten.” 179
Diese Magisterarbeit hat die Verbindung des Menschen mit der Natur erforscht. Die
Auseinandersetzung mit der Natur wurde eine Auseinandersetzung mit dem Kern des Menschen. In
und mit der Natur fand bei Faust eine Bewusstwerdung statt. Das Ergebnis verwundert Wanning
nicht:
Die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur ist zugleich eine Auseinandersetzung
mit dem Bewußtsein, das er von ihr hat. Sie führt ihn schließlich zu einer Auseinandersetzung
mit sich selbst. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich ab, daß die ökologische Krise
im Kern eine Krise des Bewußtseins im Umgang mit der Natur ist. Wir sind gezwungen,
gewohnte Lebensweisen zu ändern und das vorherrschende Naturverständnis zu
modifizieren.180
In den letzten Jahren gibt es immer mehr Studien über die Natur, die uns die heutigen ökologischen
Problemen bewusst werden lassen. Auf unterschiedliche Weise wird heutzutage über die
Beziehungen des Menschen mit der Natur nachgedacht, um damit zu Lösungsansätzen der
178
Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 645.
Goethe: Goethes Werke. Band 13, S. 47.
180
Wanning: Die Fiktionalität der Natur, S. 7.
179
81
zunehmenden ökologischen Problematik kommen zu können. Auch Goethe formulierte indirekt
eine Lösung in Faust. Die Verbesserung des Verhältnisses des Menschen mit der Natur könne ihn
zu einer eigenen Bewusstwerdung bringen und damit zu einem besseren Menschen werden lassen.
Diese Bewusstwerdung muss aber bei jedem einzelnen Menschen beginnen, er muss bereit sein sich
darauf einzulassen.
Das Ziel von Faust war, zu untersuchen was die Welt im Innersten zusammenhält. Um die
Antwort zu finden, setzte er sich mit sich selbst und der Natur auseinander. Lernt man den
Mikrokosmos besser kennen, dann ist auch der Makrokosmos verständlicher und andersherum. Was
die Welt zusammenhält, ist also zugleich eine Frage nach dem, was den Menschen zusammenhält.
Aus der Begegnung mit den Naturgeistern und der Begegnung mit der Natur, lernte Faust die
Harmonie zwischen irdischen und geistigen Kräften kennen. Aus dieser Harmonie entstand eine
innerliche Harmonie, Glückseligkeit und eine Form des höchsten Bewusstseins. Dieser Prozess
begann, nachdem Faust entdeckte, dass er die Verbindung zu sich selbst und der Natur verloren
hatte und er sich sehnte, diese wiederherzustellen, er baute sich auf Fausts Verhältnis zu sich selbst
auf: Jedes Mal, wenn Faust ein besseres und bewussteres Verhältnis zu sich selbst fand, öffnete sich
ihm die Natur bzw. der Makrokosmos. Die irdische Seelenkraft unter dem Einfluss von
Mephistopheles unterbrach die höhere Entwicklung von Faust und übernahm am Ende die Richtung.
Faust ist ein Panorama von Naturbildern und zugleich ein Panorama von Bildern des Selbst.
Die Natur funktioniert als Reflexion, aber zugleich auch als selbständiges Wesen, das imstande ist,
Faust zu betreuen. Ohne die Betreuung der Natur, ohne ihre Lebenskräfte und Weisheiten wäre
Faust nicht imstande gewesen, sich selbst zu einer höheren Stufe des Bewusstseins zu bringen.
Durch die Begegnung mit der Natur wird Faust zur Reflexion gezwungen und durch sie lernt er sich
selbst und die Natur besser kennen. Fausts Ziel, zu entdecken, was die Welt zusammenhält, wird
auch eine Entdeckung seines Selbst. Nietzsches principium individuations wird bis zum Ende
untersucht und in der Praxis durchgeführt: wann bin ich Ich? Fragt Faust sich immer wieder. Sogar
sein letzter Satz handelt von dem “Prinzip Mensch”. Das Ziel ist also nicht das Göttliche, sondern
das höchste Menschsein, das durch das höchste Selbstbewusstsein erreicht werden kann.
Das höchste Selbstbewusstsein liegt in der Harmonie zwischen seinen zwei Seelenkräften:
der hinaufstrebenden Kraft und der hinunterstrebenden irdischen Kraft. Kurzfristig erreichte Faust
diese Stufe des Bewusstseins in Harmonie mit der Natur. Nur im Zusammenklang mit der Natur
und nur mit ihrer Betreuung war Faust imstande sich selbst zu entwickeln und ein vollwertiger
82
Mensch zu werden. Es ist wie Hegel sagte, der Mensch brauche das Äußere um zur Selbstreflexion
und zum Selbstbewusstsein zu kommen. Die Natur hat sich in Faust als das betreuende Äußere
profiliert. Ohne den Dialog mit der Natur wäre Faust nicht imstande gewesen, die kurzfristige
Harmonie in sich selbst und mit der Natur zu erreichen. Obwohl es Anweisungen gibt, dass in der
Frühromantik das Ideal der Einheit von Menschen und Natur gesucht wurde, ist Goethe in seiner
Natur- und Menschenphilosophie kein Romantiker. Seine Ideale verweisen nicht auf das goldene
Zeitalter in dem alle Elemente die gleiche Sprache sprachen und wo Menschen und Tiere eine
Einheit bildeten, sondern Goethe deutet auf eine Harmonie hin, in der sowohl der Mensch als auch
die Natur eine eigene Einheit sind, aber zugleich in Harmonie mit dem großen Ganzen leben. Eine
Zukunft worin der Mensch und die Natur geistig und irdisch im Zusammenklang mit einander leben
ohne zusammenschmelzen zu müssen.
Goethe formulierte in seinem kanonischen Drama eine Lehre für alle Menschen, die
heutzutage sehr aktuell ist: Will der Mensch sein Verhältnis zu der Welt verbessern, so muss er
zuerst das Verhältnis zu sich selbst verbessern. Nur so ist die Natur imstande, den Menschen zu
betreuen und ihn zu seiner Vollkommenheit zu begleiten. Nur so ist der Mensch imstande, die Welt
und die Natur in ihrer Schönheit und in ihrer Harmonie zu erkennen. Safranski formulierte in seiner
Biographie über Goethe: „Jede Generation hat die Chance, im Spiegel Goethes auch sich selbst und
die eigene Zeit besser zu verstehen.“ Die Auseinandersetzung mit Faust wurde auch für mich zu
einer innerlichen Entwicklung. Ich wurde mir meiner eigenen Haltung gegenüber der Natur und
gegenüber mir selbst bewusster. Faust kann ein Beispiel für jeden sein, der sich zu einem
vollkommenen Menschen entwickeln will, der seinen Platz in der Welt kennt und mit Respekt vor
ihr und vor sich selbst handeln will.
83
6. Bibliographie
Primärliteratur
1. Fichte, Johann Gottlieb: Sämtliche Werke. Band 1. Hrsg. von J. H. Fichte. Berlin: Verlag
von Veit und Comp 1845.
2. Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Texte. Band 7/1. Hrsg. von Albrecht Schöne. Frankfurt
am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1999.
3. Goethe, Johann Wolfgang: Gedichte 1800-1832. Band 2. Hrsg. von Karl Eibl. Frankfurt am
Main: Deutscher Klassiker Verlag 1988.
4. Goethe, Johann Wolfgang: Schriften zur Morphologie. Hrsg. von Dorothea Kuhn. Frankfurt
am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1987.
5. Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Band 6/1. Hrsg. von Karl Richter. München
1986.
6. Goethe, Johann Wolfgang: Goethes Werke. Band 13. Hrsg. von Dorothea Kuhn. Hamburg:
Christian Wegner Verlag 1962.
7. Goethe, Johann Wolfgang: Goethes sämtliche Werke. Band 31. Hrsg. von Gebrüder Kröner.
Stuttgart: Cotta’sche Buchhandlung 1881.
8. Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes. Werke in zwanzig Bänden.
Band 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974.
9. Moritz, Karl Philipp: Schriften zur Ästhetik und Poetik. Hrsg. von J. Schrimpf. Tübingen:
Max Niemeyer 1962.
10. Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Stuttgart: Reclam 2013.
11. Platon: “Phaidros”. In: Sämtliche Werke. Lysis, Symposion, Phaidon, Kleitophon, Politeia,
Phaidros. Hrsg. von Ursula Wolf. Hamburg: Rowohlt 2008.
12. Spinoza: Die Ethik. Hrsg. von J. Stern. Leipzig: Reclam 1909.
84
Sekundärliteratur
1. Adler, Jeremy: “Time, Self, Divinity: The Landscape of Ideas from Petrarch to Goethe.” In:
Landschaft und Landschaften im achtzehnten Jahrhundert. Hrsg. von Heinke Wunderlich.
Heidelberg: Universitätsverlag C. Winter 1995, S. 25-50.
2. Binder, Alwin: “’Seiner Rede Zauberfluß.’ Uneigentliches Sprechen und Gewalt als
Gegenstand der “Faust”-Szene “Wald und Höhle.’” In: Goethes Jahrbuch. Hrsg. von KarlHeinz Hahn. Göttingen: Wallsteinverlag 1989 (106), S. 211-229.
3. Breidbach, Olaf: Goethes Naturverständnis. München: Wilhelm Fink Verlag 2011.
4. Brown, Jane K.: Goethe’s Faust. The German Tragedy. New York: Cornell University 1986.
5. Brown, Jane K.: “Mephistopheles the Nature Spirit.” In: Studies in Romanticism. Boston:
Boston University 1985 (24), p. 475-490.
6. Buchwald, Reinhard: Führer durch Goethes Faustdichtung. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag
1964.
7. Engelhardt, Wolf von: Goethes Weltansichten. Auch eine Biographie. Weimar: Verlag
Hermann Böhlaus Nachfolger 2007.
8. Fischer, Paul: Goethe-Wortschatz. Ein sprachgeschichtliches Wörterbuch zu Goethes
sämtlichen Werken. Leipzig: Emil Rohmkopf Verlag 1929.
9. Fuchs, Albert: “Mephistopheles. Wesen, Charakterzüge, Intelligenz. Seine geheime
Tragödie. Das Problem seiner Rettung.” In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von Werner
Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 348-361.
10. Gaier, Ulrich: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der
Tragödie Erster Teil. Stuttgart: Philipp Reclam 2001.
11. Gaier, Ulrich: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Faust. Der
Tragödie Zweiter Teil. Stuttgart: Philipp Reclam 2004.
12. Garber, Klaus: Der Locus amoenus und der locus terribilis. Bild und Funktion der Natur in
der deutschen Schäfer- und Landlebendichtung des 17. Jahrhunderts. Köln: Böhlau-Verlag
1974.
13. Gerndt, Siegmar: Idealisierte Natur. Die literarische Kontroverse um den Landschaftsgarten
des 18. und frühen 19. Jahrhunderts in Deutschland. Stuttgart: Metzlersche
Verlagsbuchhandlung 1981.
85
14. Gorra, Michael Edward: The Bells in Their Silence. New Jersey: Princeton University Press
2004.
15. Honour, Hugh und Fleming, John: Algemene Kunstgeschiedenis. Amsterdam: Meulenhoff
2009.
16. Hamm, Heinz: Goethes “Faust”. Werkgeschichte und Textanalyse. Berlin: Volk und Wissen
1986.
17. Hoffman, Ulrich: “Mephistoles: ‘Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war.’” In:
Goethe Jahrbuch. Hrsg. von Walter Keller. Göttingen: Wallstein Verlag 1992 (109), S. 5760.
18. Jaeger, Hans: “Der ‘Wald-und-Höhle’-Monolog im ‘Faust’” (1967). In: Aufsätze zu Goethes
‘Faust I’. Hrsg. von Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991,
S. 428-442.
19. Lange, Erhard: “Das Menschenbild der klassischen deutschen Philosophie – Erbe und
Gegenwart.” In: Philosophie und Humanismus. Beiträge zum Menschenbild der deutschen
Klassik. Hrsg. von Erhard Lange. Weimar: Herman Böhlaus 1978, S. 9-21.
20. Mähl, Hans-Joachim: Die Idee des goldenen Zeitalters im Werk des Novalis. Studien zur
Wesensbestimmung der frühromantischen Utopie und zu ihren ideengeschichtlichen
Voraussetzungen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1994.
21. Malaguti, Simone: “Die Suche nach dem Glück in der deutschen Literatur. Zur Bedeutung
der blauen Blume in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen. In: Pandaemonium germanicum
2005, 207-225.
22. Mason, Eudo C.: “Mephistos Wege und Gewalt”. In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von
Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 521-543.
23. May, Kurt: Faust II. Teil. In der Sprachform gedeutet. München: Carl Hanser Verlag 1962.
24. Noel, Roden: Essays on Poetry and Poets. London: Kegan Paul 1886.
25. Rowe, Christopher: “Self-Examination”. In: The Cambridge Companion to Socrates. Hrsg.
von Donald R. Morrison. New York: Cambridge University Press 2011, S. 201-214.
26. Safranski, Rüdiger: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. München: Carl Hanser
Verlag 2013.
27. Schmidt, Jochen: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen – Werk – Wirkung.
München: C. H. Beck 2001.
86
28. Schöne, Albrecht: Goethe Faust. Kommentare. Band 7/2. Frankfurt am Main: Deutscher
Klassiker Verlag 1999.
29. Seel, Martin: Eine Ästhetik der Natur. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1991.
30. Seidlin, Oskar: “Das Etwas und das Nichts”. In: Aufsätze zu Goethes Faust I. Hrsg. von
Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991, S. 362-368.
31. Simmel, Georg: “Philosophie der Landschaft”. In: Brücke und Tür. Stuttgart: K. F. Koehler
1957.
32. Spinner, Kaspar H.: “Literatur und Raum”. In: Theorien der Literatur. Grundlagen und
Perspektiven. Hrsg. von Günter Butzer und Hubert Zapf. Tübingen: Francke 2009, S. 117129.
33. Tausch, Harald: Die Architektur ist die Nachtseite der Kunst. Erdichtete Architekturen und
Gärten in der deutschsprachigen Literatur zwischen Frühaufklärung und Romantik.
Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2006.
34. Wanning, Berbeli: Die Fiktionalität der Natur. Studien zum Naturbegriff in Erzähltexten der
Romantik und des Realismus. Berlin: Weidler Buchverlag 2005.
35. Wild, John: Plato’s Theory of Man. An introduction to the realistic philosophy of culture.
New York: Octagon Books 1964.
36. Goethe Handbuch. Personen. Sachen. Begriffe L-Z. Band 4/2. Hrsg. von Bernd Witte, Theo
Buck, Hans-Dietrich Dahnke, Regine Otto und Peter Schmidt. Stuttgart: Metzler 1998.
37. Goethe Wörterbuch. 3. Band. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Wissenschaften, der Akademie der Wissenschaften in Göttingen und der Heidelberger
Akademie der Wissenschaften. Stuttgart: Kohlhammer 1998.
38. Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1980.
39. Lexikon des Mittelalters. Hrsg. von Charlotte Gschwind-Gisiger und Thomas Meier.
München: Artemis & Winkler 1993.
87
88
Herunterladen