Sport 117

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Informationszentrum Epilepsie (ize)
der Dt. Gesellschaft für Epileptologie e.V.
Reinhardtstr. 14
10117 Berlin
Tel: 0700/13141300 (0,12 €/min) Fax: 0700/13141399
Internet: www.izepilepsie.de
Sport und Epilepsie: Risikoeinschätzung und -vorbeugung
Autor: Christian Günther Lipinski, Original 1997, Juni 2009
Zusammenfassung
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Sport und körperliche Aktivität sind vom Kindes- bis zum Seniorenalter auch für Menschen mit einer Epilepsie geeignet,
körperliches und seelisches Wohlbefinden zu steigern.
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Die körperliche Belastung muss immer der Leistungsfähigkeit angepasst werden.
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Gruppenaktivitäten üben einen anregenden Effekt aus.
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Bei jedem Aufenthalt am oder im Wasser ist bei mangelnder Anfallsfreiheit höchste Vorsicht geboten.
Sport und Epilepsie: Risikoeinschätzung und -vorbeugung
Die Menschen arbeiten immer weniger und kürzer – die Gestaltung der Freizeit als wichtiger Lebensinhalt bekommt
dadurch immer mehr Raum. Sport wird nicht nur eng als definierte Sportart angesprochen – vielmehr geht es um
körperliche Aktivität, um Bewegung, das Erleben von Motorik und Spiel, von Leistung und Anstrengung, alleine oder in der
Gruppe. Sport und Spiel bergen darüber hinaus viele Elemente der Kommunikation: nicht nur über Sprache, nein auch
nicht-verbal über Mimik, Gestik, Körpersprache und emotionale Schwingungen beim Schreien, bei Freude, beim Bedauern
oder Ermuntern.
Positive Effekte sportlicher Betätigung
Sportmedizinische Untersuchungen weisen nach, dass regelmäßige körperliche Aktivität zu positiven Effekten führt:
• Verbesserung der Leistungsökonomie des Herzens
• Senkung des Sauerstoffbedarfs des Herzmuskels
• bessere Durchblutung von Gehirn und Extremitäten
• Verminderung der Arteriosklerose
des Körpergewichtes
der Blutfette
• Verbesserung des Selbstgefühls und der sozialen Kompetenz
• Verbesserung der körperlichen Fitness
• Verbesserung des Wohlbefindens nach Sport (Anstieg der β–Endorphine)
• Verminderung von epilepsiespezifischen Potentialen im EEG unter körperlicher Belastung
Allgemeine ärztliche Untersuchungen für den Sport
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Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen:
Sehen
Hören
Entwicklungsstand
Lern-Geistige-Behinderung
Verhalten in der Gruppe
Herz
Kreislauf
Atmung
körperliche Behinderung
Reaktionsvermögen
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Anfallshäufigkeit, Verletzungsrisiko, Vorsichtsmaßnahmen
Nicht verschwiegen werden darf, dass Sport und sportliche Betätigung schon bei Gesunden mit einem erhöhten
Verletzungsrisiko einhergehen.
Manche Menschen mit Epilepsie haben den Eindruck, dass körperliche Belastung und Anstrengung das Auftreten von
Anfällen fördert. In diesen Fällen muss geklärt werden, ob ein woh l d o si er te s T ra in in g die Anfallsbereitschaft
vermindert. (Siehe dazu mit Literaturangaben: Werle, 1994, 23-30)
Grundsätzlich sind alle Sportarten erlaubt. Einschränkungen ergeben sich aufgrund der im Einzelfall zu beurteilenden
Anfallssymptomatik. Für die Einschätzung des Verletzungsrisikos können die arbeitsmedizinischen Leitlinien des
Arbeitskreises zur Verbesserung der Eingliederungschancen von Personen mit Epilepsie (Elsner, H., Thorbecke, R.:
Anfallshäufigkeit und Verletzungsrisiko am Arbeitsplatz. Epilepsie-Blätter 7 (1994) 84-89) genutzt werden.
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Anfallsspezifische Fragen
Kann der Anfallsbeginn mitgeteilt werden (Vorwarnungen, Aura)
Droht Sturz oder Fall?
Laufen unwillkürliche Bewegungen oder unangemessene Handlungen im Anfall ab?
Dämmerzustände mit länger anhaltender Verwirrung und Desorientierung?
Vorausgegangene Unfälle oder Verletzungen im Anfall?
Anfallsauslösende Faktoren, z.B. psychischer Stress, körperliche Anstrengung, sensorische Reize, Hyperventilation?
Dauer bis zur Wiederherstellung aller Körperfunktionen?
Tageszeitliche Häufung der Anfälle?
• Anfallshäufigkeit und Vorsichtsmaßnahmen
In folgenden Fällen sind keine besonderen, epilepsiespezifischen Vorsichtsmaßnahmen erforderlich.
Anfallsfreiheit seit einem Jahr nach operativer Therapie
Anfallsfreiheit seit 2 Jahren unter Pharmakotherapie
Anfälle nur aus dem Schlaf heraus seit 3 Jahren
Epileptische Symptome, bei denen Bewusstsein und Haltungskontrolle erhalten sind und die Handlungsfähigkeit
nicht beeinträchtigt ist.
Treten Anfälle mehrfach pro Monat, mehrfach pro Woche oder täglich auf, so ist (je nach Anfallsablauf) mehr oder weniger
engmaschige Überwachung und Beaufsichtigung erforderlich.
Bei täglichen Anfällen besteht (abhängig vom Anfallsablauf) eine besondere Aufsichtspflicht mit Hilfestellung. Beim
Schwimmen ist eine 1:1-Betreuung erforderlich. Besondere Risiken hängen meist von Anfallstyp ab (etwa Absencen mit
Tonusverlust oder astatische Anfälle). Hier können Unfall- und Verletzungsgefahr durch Vermeiden von bestimmten
Sportarten gering gehalten werden.
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Risikoeinschätzung nach Anfallsart
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Erlaubt eine ausreichend lange Aura es dem Betroffenen, andere auf sich aufmerksam zu machen oder sich in
Sicherheit zu bringen, so braucht ein Ansprechpartner nur in der Nähe zu sein.
Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein, aber Sturz und gestörter Willkürmotorik verlangen eine Aufsichtsperson.
Anfälle mit gestörtem Bewusstsein (mit und ohne Sturz), mit unangemessenen Handlungen oder Verhalten
bedürfen immer einer engmaschigen Überwachung.
Die größten Vorsichtsmaßnahmen sind bei häufigen Anfällen, die mit Bewusstseinsverlust, Sturz und
unangemessenen Handlungen einhergehen, erforderlich.
Vorsichtsmaßnahmen bei einzelnen Sportarten
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Ballspiele: Insbesondere bei Fußball sind Kopfbälle zu vermeiden, obwohl es dabei selten zu Traumen kommt.
Reiten: Auch beim Longieren und Voltigieren ist immer eine geeignete Schutzkappe zu tragen.
Wintersport: Sturzhelm beim Skilaufen, ggf. auch beim Schlittschuhlaufen.
Geräteturnen: Einstellung von Barren und Reck auf entsprechende Brusthöhe, Unfallverhütung durch Matten.
Bergwandern: Lockere Fixierung mit Reepschnur.
Fahrradfahren: Sturzhelm.
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Sport am und im Wasser
Liegt keine Anfallsfreiheit (s.o.) vor, ist eine kontinuierliche Beaufsichtigung während des Aufenthalts am oder im Wasser
erforderlich. Der Betroffene kann sich durch eine auffällige Badekappe erkenntlich machen. Schwimmhilfen
(Schwimmkragen) sind angezeigt. Bei offenen Gewässern (Segeln, Surfen) ist das Tragen einer Schwimmweste notwendig.
Wegen der Glitzereffekte der sonnenbeschienenen Wasseroberfläche ist das Vorliegen von Fotosensibilität zu überprüfen.
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Epilepsie und Leistungssport
Bei guter medikamentöser Einstellung kann auch Leistungssport betrieben werden.
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Epilepsie und körperliche Behinderung
Etwa 1/3 aller Epilepsien geht auf eine früher stattgehabte Hirnschädigung zurück, so dass wir von Residual- Epilepsien
sprechen oder bei noch aktiver hirnorganischer Störung von einer symptomatischen Epilepsie. Durch die Hirnschädigung
sind meist noch weitere Areale und Zentren betroffen worden, so dass es zu zusätzlich Störungen kommt, meist im Bereich
der Motorik.
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Halbseitenlähmung (Hemiparese)
Lähmung beider Beine (Disparese oder Querschnittslähmung)
Lähmung von Armen und Beinen (Tetraparese)
Gleichgewichtsstörungen (Ataxie)
Koordinationsstörungen (Bewegungsstörungen)
andere neurologische Störungen
Für Anfallskranke, die z.B. schon vor dem Auftreten der Anfälle sportlich sehr engagiert waren, sollte nach
Möglichkeiten gesucht werden, ihren Sport weiterhin zu betreiben.
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Weiterführende Materialien
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Camenzind, H.: L´enfant épileptique et le travail judicieux avec le cheval. Bulletin d´ information de la Ligue Suisse contre l´ Epilepsie
19 (1992)
Elsner, H., Thorbecke, R.: Anfallshäufigkeit und Verletzungsrisiko am Arbeitsplatz. Epilepsie-Blätter 7 (1994) 84-89
Guttmann, L.: Sport für Körperbehinderte. Urban und Schwarzenberg, München 1979
Körper, Bewegung, Gesundheit. Geo-Wissen 1 (1994)
Linschoten, R.V., Backx, F.J.G., Mulder, O.G.M., Meinardi, H.: Epilepsy and sport. Sports medicine 10 (1990) 9-19
Lipinski, C.G.: Welche Sportart bei welcher Anfallsart? Epilepsie-Blätter 3 (1990) 41-46
Nakken, K.O., Bi∅rholt, P.G., Johannessen, S.I., Lind, E.: Effect of physical training on aerobic capacity, seizure occurrence, and
serum level of antiepileptic drugs in adults with epilepsy. Epilepsia 31, 1 (1990) 88-94
Sport und Epilepsie. Ein Update. X. Weiterbildungsveranstaltung des Sportärztebundes Westfalen, 4.-5.11.95. Epilepsie-Blätter 8
(1995)
Sport, Spiel, Freizeit. einfälle, 58 (1996) 22-39
Werle, J. (Hrsg): Bewegung, Sport und Epilepsie. Erfahrungen – Konzepte – wissenschaftliche Ansätze. Inst. für Sport und Sportwiss.
der Univ. Heidelberg, Heidelberg 1994
Worms, L.: Bedeutung körperlicher Belastung beim Anfallsleiden. Sporttherapie in Theorie und Praxis 5 (1989) 2-9
Worms, L.: Behinderte erleben Sport und Spiel. Bethel-Beiträge 43. Bethel-Verlag, Bielefeld 1990
Video
Sport bei Epilepsie / A sporting chance (1994/20 Min.). Zu beziehen über: Ciba Geigy, 79662 Wehr.
Der Film ist in der Präsenzvideothek des Informationszentrum Epilepsie, Internet: www.izepilepsie.de , auszuleihen.
Informationsblätter
Folgende Informationsblätter behandeln angrenzende Themen:
094 Anfallsbegünstigende Umstände, 116 Reisen
Adressen
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Bewegungs- und Sporttherapeutischer Dienst v. Bodelschwinghsche Anstalten, Dr. Lutz Worms, Karl-Siebold-Weg 7, 33617 Bielefeld,
tel 0521/1444381,
Webseite: http://www.behindertenhilfe-bethel.de/htm/fr-sportdienst.htm
Fachkrankenhaus Neckargemünd GmbH, Im Spitzerfeld 25, 69151 Neckargemünd, tel 06223/892122, fax 06223/892122 Webseite:
www.srh.de unter Neckargmünd
Institut für Sport und Sportwissenschaft, Universität Heidelberg, Jochen Werle, Im Neuenheimer Feld 700, 69120 Heidelberg, tel
06221/564648, fax 06221/564346 Webseite: http://www.issw.uni-heidelberg.de/
Deutscher Rollstuhl-Sportverband e.V., Friedrich Alfred Str. 10, 47055 Duisburg, tel 0203/7381-625, fax 0203/7381-629 , Webseite:
www.drs.org
Hinweise
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„Jan Boklöv ist Weltcupsieger im Skispringen – er ist es, der den V-Stil kreiert hat – und er ist epilepsiekrank. Ganz unbefangen
spricht er über seine Krankheit und ist damit auch im menschlichen Bereich Weltklasse!“ aus: Stuttgarter Zeitung, 17.12.1992
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Informationen über Epilepsie sind auch erhältlich über:
Deutsche Epilepsievereinigung/einfälle, Zillestr. 102 10585 Berlin, tel 030/3424414, fax 030/3424466; Internet: www.epilepsie.sh;
Stiftung Michael, Münzkamp 5, 22339 Hamburg, tel 040/538-8540, fax: 040/538-1559, Internet: www.Stiftung-Michael.de
Herausgeber: Dt. Gesellschaft für Epileptologie
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