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ger in seiner Entscheidung eingeschränkt wird, da ein
Wechsel des Produktes bzw. des Anbieters erschwert
wird. Damit wird der Wettbewerb stark eingeschränkt,
da ein Anbieterwechsel erst dann zustandekommt, wenn
die Kosten für das neue Produkt zuzüglich der ursprünglichen Investitionskosten, die nun Sunk costCharakter besitzen, den Nutzen des neuen Produktes
unterschreiten.
Marktanteil
100%
Gewinner
Konkurrenzzone
50%
Verlierer
0%
Zeit
Abb. 2: Auswirkungen positiver Feedbacks auf den Wettbewerb
(Quelle: Shapiro/Varian 1998, S. 177)
Während Wechselkosten die Kundenbindung verstärken
und somit zu einer Verringerung des Wettbewerbs von
der Nachfrageseite beitragen, führen angebotsseitige
Skaleneffekte sowie nachfrageseitige Netzeffekte zu einer Erhöhung der Marktzutrittsbarrieren und damit zu
einer Einschränkung des Wettbewerbs. Mit dauerhaft
steigenden Skalenerträgen geht eine Kostenstruktur
einher, die durch einen hohen Fixkostenanteil und vernachlässigbare variable Kosten gekennzeichnet ist und
zu Größenvorteilen des Anbieters führt. Es ist zu erwarten, dass die Anbieterzahl sinkt. Ebenso verstärken die
von Netzeffekten ausgehenden positiven Rückwirkungen die Tendenz zur Polarisierung des Marktes (vgl.
Abb.2) und schließlich zu seiner (temporären) Monopolisierung. Die monopolähnliche Situation wird lediglich
durch den technischen Fortschritt und die Etablierung
verbesserter Netze sowie durch solche Maßnahmen bedroht, die zu einer Senkung der Markteintrittsbarrieren
führen.
Fazit
Der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere des Internet, gilt als entscheidende Ursache für das in den USA zu verzeichnende nahezu inflationsfreie Wachstum der letzten Jahre.
Zum einen verändern diese neuen Technologien die Infrastruktur, innerhalb derer sich Marktprozesse und
Markttransaktionen abspielen, und tragen somit zur
Senkung von Transaktionskosten und zur Produktivitätssteigerung bei. Die erweiterten Möglichkeiten des
Marktzugangs führen auch zur Intensivierung des Wettbewerbs. Zum anderen zeigt sich, dass in den Märkten,
die an der Bereitstellung der neuen Informations- und
Kommunikationsstrukturen beteiligt sind und die für den
Strukturwandel hin zur Informations- und Wissensgesellschaft stehen (Telekommunikation, Informationstechnik, Medien, Bildung und Teile des Finanzsektors), andere Regeln als auf den klassischen Gütermärkten gelten. Die fundamentalen Marktprozesse werden
hier nicht etwa durch Knappheit und ansteigende Grenzkosten der Produktion bestimmt. Ebenso wenig orientieren sich die Anbieter bei ihrer Preissetzung an Grenzkostenverläufen. Der Kampf um Marktanteile ist vielmehr
durch den Versuch gekennzeichnet, schnell eine kritische Masse zu erreichen, die wiederum Voraussetzung
für das Erzielen positiver Rückkopplungseffekte auf diesen Informationsgütermärkten ist.
Dr. Gerd Nicodemus, Mainz
Literaturempfehlungen:
OECD: The Economic and Social Impact of Electronic Commerce. Paris 2000.
Shapiro,C./Varian, H.R: Information Rules: A Strategic Guide
to the Network Economy. Boston 1998.
Zerdick, A. et al.: Die Internetökonomie. Berlin et al.1999.
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Die Zinsparität
Finanztransaktionen dominieren in immer stärkerem Maße die Wechselkursbildung auf
Idennternationale
Devisenmärkten. Diese in der Kapitalbilanz als
Teilbilanz der Zahlungsbilanz erfassten Finanzströme
begründen immer dann ein Gleichgewicht auf den Devisenmärkten, wenn die Ertragsraten internationaler Finanzanlagen ausgeglichen sind. In diesem Fall haben internationale Anleger keine Veranlassung, ihre Vermögensdispositionen umzuschichten und somit auf dem
Devisenmarkt Währungen anzubieten oder nachzufragen. Die Bedingung, dass die erwarteten Ertragsraten
zweier in gleicher Währung denominierter Finanzanlagen ausgeglichen sind, ist als Zinsparitätenbedingung
bekannt.
Erscheinungsformen der Zinsparität
Die Zinsparität beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Wechselkurs zweier Währungen und den Ertragsraten in- und ausländischer Zinstitel. Hierbei wird
Devisenmarkteffizienz unterstellt, so dass der WechWISU
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selkurs jederzeit sämtliche für die Kursbildung relevanten verfügbaren Informationen widerspiegelt. Devisenmarkteffizienz setzt die vollkommene Abwesenheit von
Transaktionskosten und anderer Handelshemmnisse
voraus. Zudem müssen alle Marktteilnehmer identische
Erwartungen hinsichtlich der Wechselkursentwicklung
hegen. Es werden zwei Versionen der Zinsparität unterschieden: die gedeckte und die ungedeckte (gute Lehrbuchdarstellungen zur Zinsparität finden sich z.B. in
Burda/Wyplosz 1994 und Rose/Sauernheimer 1999).
Bei der ungedeckten Zinsparität wird unterstellt, dass
die Wirtschaftssubjekte bei Devisenmarkteffizienz eine
Risikoneutralität im Hinblick auf ihre Vermögensdispositionen aufweisen. Die ungedeckte Zinsparität besagt,
dass eine Inlandsanlage genau die gleiche Ertragsrate erbringen muss wie eine vergleichbare Auslandsanlage unter Berücksichtigung der erwarteten Gewinne oder Verluste aus dem Währungsumtausch . Ist dies nicht der
Fall, so lohnt sich eine Vermögensumschichtung zuguns-
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BEGRIFFE
DIE MAN KENNEN MUSS
Monetary Conditions
Index
inschätzungen über den Kurs der Geldpolitik
E
(neutral, restriktiv oder expansiv in Bezug auf die
Konjunktur) basieren häufig auf dem Vergleich zwischen einem inflationsbereinigten, kurzfristigen Zinssatz — etwa dem für Tages- oder Dreimonatsgeld —
mit dem historischen Durchschnitt. Geldpolitik wirkt
aber nicht nur über die kurzfristigen Zinssätze auf die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage, sondern auch
über die Wechselkurse und durch Beeinflussung der
Anleihe- und Aktienmärkte. Mit Hilfe von Monetary
Conditions Indizes (MCI) wird versucht, die monetären Bedingungen auf breiterer Basis und in einer
Kennzahl zu erfassen. MCI werden als analytisches
Instrument von internationalen Organisationen, einigen Zentral- und vielen Geschäftsbanken verwendet.
Neben kurzfristigen Realzinssätzen fließt der reale
Außenwert der heimischen Währung ein, um so
den Wechselkurskanal geldpolitischer Maßnahmen
zu erfassen. Es ist kein Zufall, dass MCI gerade in der
Geldpolitik kleiner offener Volkswirtschaften mit flexiblem Wechselkurs eine prominente Rolle spielen
oder gespielt haben, sei es als „operating target“ (Kanada, Neuseeland), sei es als Indikator bzw. Informationsgröße (Schweden, Norwegen). In einem MCI
sind all jene monetären Variablen zu berücksichtigen,
denen im Transmissionsprozess herausgehobene
Bedeutung zukommt. Finanzieren sich die Unternehmen in einem Land überwiegend langfristig, so bietet
es sich an, die reale Rendite langfristiger Unternehmensanleihen (oder als Hilfsgröße die Rendite
langfristiger Staatsanleihen) einzubeziehen. Wird
geldpolitischen Vermögenseffekten eine bedeutende Rolle zugemessen, so sollten auch Veränderungen von Aktienindizes oder Immobilienpreisen eingehen.
In einen MCI fließen die Abweichungen zwischen den
Werten der Transmissionsvariablen und festzulegenden Referenzwerten ein. Ob sich das Niveau eines
MCI oder nur seine Veränderung interpretieren
lässt, hängt davon ab, wie die Referenzwerte gewählt
werden. Entsprechen sie den Werten einer beliebig
gewählten Basisperiode, so sind nur Veränderungen
des MCI interpretierbar, die monetären Bedingungen
lassen sich also als expansiver oder restriktiver als zuvor bezeichnen. Nützlicher ist es, wenn die Referenzwerte neutrale monetäre Bedingungen widerspieten der Anlage mit der höheren erwarteten Rendite. Dieser
Prozess kommt erst dann zum Erliegen, wenn die Renditen ausgeglichen und die Wirtschaftssubjekte damit indifferent hinsichtlich einer Vermögensanlage im In- und Ausland sind. Im Gegensatz zur ungedeckten Zinsparität wird
das Risiko des Währungsumtausches bei der gedeckten
Zinsparität durch ein Währungssicherungsgeschäft eliminiert. Die Annahme der Risikoneutralität kann hierbei
aufgegeben werden.
Die ungedeckte Zinsparität
Die ungedeckte Zinsparität kann wie folgt aufgezeigt
werden. Es sei A der in Inlandswährung denominierte
geln, denn in diesem Fall lässt sich auch das Niveau
des MCI interpretieren, die monetären Bedingungen
lassen sich also als neutral, expansiv oder restriktiv
einordnen. Allerdings ist das Niveau eines MCI stets
mit Vorsicht zu interpretieren, da sich neutrale Referenzwerte für die Transmissionsvariablen letztlich
nicht eindeutig und auf die Nachkommastelle genau
ermitteln lassen.
Die einzelnen Komponenten des MCI sind entsprechend der Stärke ihres Einflusses auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu gewichten. Die Gewichte
lassen sich ökonometrisch schätzen, wobei allerdings unterschiedliche Spezifikationen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können. Problematisch ist auch, dass eine Konstanz der Gewichte im
Zeitablauf unterstellt wird, die in der Realität nicht unbedingt gegeben ist. Zur Deflationierung kommen
verschiedene Preisindizes in Frage (BIP-Deflator,
Verbraucherpreisindex, Verbraucherpreisindex ohne
verschiedene volatile Komponenten), die jeweils
spezifische Vor- und Nachteile aufweisen.
Von allen Transmissionsgrößen der Geldpolitik sind
allein die kurzfristigen Zinssätze unmittelbar durch
die Zentralbank zu steuern. Alle anderen Größen
(langfristige Zinssätze, Wechselkurse, Vermögenspreise) werden von der Zentralbank zwar beeinflusst,
zuweilen auch dominiert, aber nicht gesteuert. Daher
messen MCI mehr als den Kurs der Geldpolitik, nämlich die monetären Rahmenbedingungen insgesamt.
Es ist durchaus möglich, dass die Geldpolitik — gemessen am kurzfristigen Realzins — restriktiv ist, die
monetären Bedingungen insgesamt aber expansiv
sind. So lässt sich für den EWU-Raum argumentieren, dass die Geldpolitik der EZB Anfang April 2001
bei einem realen Hauptrefinanzierungssatz von etwa
3,25% (4,75% abzüglich der Kerninflationsrate von
1,6 v.H.) leicht restriktiv angelegt ist, die monetären
Bedingungen insgesamt aber aufgrund des schwachen Euro und der im langfristigen Vergleich nicht
übermäßig hohen langfristigen Realzinssätze expansiv sind.
Gerade in solchen Fällen liefern Monetary Conditions
Indizes nützliche Informationen zur Einschätzung der
künftigen Konjunktur, die bei reiner Fixierung auf
kurzfristige Realzinssätze leicht übersehen werden.
Dr. Holger Sandte, Düsseldorf
Literaturempfehlungen:
Deutsche Bundesbank: Taylor-Zins und Monetary Conditions Index. Monatsbericht der Deutschen Bundesbank, April 1999, S. 47 - 63.
Gerlach, S./Smets, F.: MCIs and monetary policy. In: European Economic Review, Vol. 44 (2000), S.1677 1700.
Meulenbroek, A./van de Wijngaert, R.: How Stimulative
are Monetary Conditions in Europe and the US? In:
ABN AMRO Economic Perspectives, February 2000,
S. 43 – 48.
Anlagebetrag eines internationalen Investors, der für
eine Zeiteinheit zu Anfang der Periode t angelegt und zu
Anfang der Periode t+1 wieder liquidiert werden soll. Bei
einer Inlandsanlage ergibt sich nach Beendigung des
Anlagezeitraums der Auszahlungsbetrag ( 1 + r t ) ⋅ A , wobei rt den Zinssatz im Inland während der Periode t angibt.
Wird der Betrag während der Periode t stattdessen im
Ausland angelegt, so beläuft sich die Auszahlung auf
A ⋅ (1 + r*) ⋅ ee
---t
t+1 .
et
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Dabei bezeichnet e t den aktuellen Wechselkurs in Preisnotierung (Auslandswährung in Einheiten der Inlandswährung, z.B. €/$). Hierbei ermittelt der Quotient den Anlagebetrag in Einheiten
der Auslandswährung, r*t ist der
e
Auslandszins und e t + 1 ist der erwartete Wechselkurs in
der Folgeperiode, in der die Anlage wieder in heimische
Währung zurückgetauscht wird. Werden die Renditen
der In- und Auslandsanlage gleichgesetzt, so ergibt sich
die Bedingung der ungedeckten Zinsparität unmittelbar
als
e
( 1 + r t ) = ( 1 + r *t ) ⋅ e t + 1
bzw. nach Erweiterung des Quotienten als
e

e t + 1 – e t
( 1 + r t ) = ( 1 + r *t ) ⋅  1 + --------------------- .
et 

Näherungsweise folgt damit
e
et + 1 – et
*
r t = r t + ---------------------.
et
Der Quotient gibt hierbei die prozentuale Wechselkursänderungserwartung an. Erwarten die Marktteilnehmer
also beispielsweise eine zweiprozentige Abwertung der
heimischen Währung über den gegebenen Anlagezeitraum, so werden sie nur dann bereit sein, in die inländische Anlage zu investieren, wenn der Inlandszins genau
um zwei Prozentpunkte höher liegt als der Auslandszins.
Falls der Inlandszins dem Auslandszins entspricht, folgt
aus der ungedeckten Zinsparität die Bedingung
e
e = et + 1 , d.h., das für die nächste Periode erwartete Niveau des Wechselkurses entspricht gerade seiner aktuellen Realisation. Wird nun angenommen, dass bei identischer Verzinsung der Inlands- und der Auslandsanlage
e
das Niveau des erwarteten Wechselkurses et + 1 oberhalb der Realisation des aktuellen Wechselkurses liegt,
so ist die Bedingung der ungedeckten Zinsparität zunächst verletzt. In diesem Fall erwarten die Marktteilnehmer eine Abwertung der heimischen Währung und es erscheint für die inländischen Anleger lohnenswert, Vermögen in der ausländischen Anlage zu binden. Somit
kann der bei identischer Verzinsung relativ zur Inlandsanlage in der Folgeperiode in der Auslandwährung anfallende verzinste Auszahlungsbetrag in einen wegen
der Abwertung größeren Betrag der Inlandswährung zurückgetauscht werden. Die ausländischen Anleger werden aber ebenfalls die in ihrem Land aufgelegte Anlage
präferieren, da ein Kapitalexport in der Folgeperiode
durch den aus Sicht des Auslands ungünstigeren Wechselkurs unattraktiv erscheint. Da nun aber sowohl Inländer wie Ausländer die ausländische Anlage wählen,
steigt unmittelbar die Nachfrage nach der Auslandswährung, so dass die heimische Währung abwertet wird.
Dieser Prozess wird solange anhalten, bis die aktuelle
Realisation des Wechselkurses auf dem Niveau des
erwarteten Wechselkurses angelangt ist. Erst dann
verschwindet der erwartete Verlust aus dem Währungstausch und inländische wie ausländische Anleger sind
wieder indifferent im Hinblick auf die Inlands- und die
Auslandsanlage. Zugleich ist die Gültigkeit der Zinsparität wiederhergestellt.
Die gedeckte Zinsparität
Bei der ungedeckten Zinsparität wird davon ausgegangen, dass die Marktteilnehmer die Unsicherheit des
Währungsumtausches bei der Auslandsanlage selbst
tragen, das Wechselkursrisiko ist damit ungedeckt. Nun
lässt sich das Währungsrisiko aber durch Inanspruchnahme des Devisenterminmarktes reduzieren oder —
je nach Laufzeit — sogar eliminieren. Hierzu wird die in
Auslandswährung denominierte (sichere) Auszahlung
der Auslandsanlage bereits heute auf Termin verkauft.
Der Umtauschkurs ist dabei der Terminkurs , der sich
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auf dem Devisenterminmarkt bildet. Wird der Terminkurs
in Periode t für das Tauschgeschäft in Periode t + 1 als
f t , t + 1 geschrieben, so beträgt der in Inlandswährung
ausgedrückte, sichere Rückfluss der Auslandsanlage
A ⋅ (1 + r*) ⋅ f
---t
t, t + 1 .
et
Werden nun wieder die Renditen der In- und Auslandsanlage gleichgesetzt, so ergibt sich die Bedingung der
gedeckten Zinsparität als
f t, t + 1
*
.
( 1 + r t ) = ( 1 + rt ) ⋅ -------------et
Näherungsweise folgt damit
* f t, t + 1 – e t
.
rt = r t + -----------------------et
Falls der Inlandszins dem Auslandszins gleich ist, folgt
aus der gedeckten Zinsparität die Bedingung
e t = f t , t + 1 , so dass der aktuelle Wechselkurs (Kassakurs) gerade dem Terminkurs entspricht. Wird nun angenommen, dass bei Zinsgleichheit der Terminkurs höher liegt als der aktuelle Wechselkurs, so dass e t < f t, t + 1 ,
dann wird die Auslandsanlage relativ zur Inlandsanlage
attraktiver, da die Auslandswährung per Termin mehr
Einheiten der Inlandswährung erbringt, als sie am Kassamarkt heute kostet. Bei international identischer Verzinsung lohnt sich somit die Auslandanlage sowohl für
inländische als auch für ausländische Anleger. Die mit
der Auslandanlageentscheidung einhergehenden (kursgesicherten) Geldexporte ins Ausland lassen den Kassakurs so lange ansteigen, bis die gedeckte Zinsparität
wieder erfüllt ist.
Der wesentliche Unterschied zwischen der gedeckten
und der ungedeckten Zinsparität liegt in der Akzeptanz
bzw. Vermeidung des Wechselkursrisikos. Während die
gedeckte Zinsparität aufgrund der Abwesenheit des
Wechselkursrisikos ein reines Arbitragegleichgewicht
darstellt, liegt der ungedeckten Zinsparität aufgrund des
Wechselkursrisikos ein Spekulationsgeschäft zugrunde.
Empirische Relevanz und
Anwendungsmöglichkeiten der Zinsparität
In empirischen Studien hat sich herausgestellt, dass die
Bedingung der gedeckten Zinsparität als erfüllt angesehen werden kann. Gleiches gilt aber nicht uneingeschränkt für die Bedingung der ungedeckten Zinsparität
(siehe z.B. Jarchow 1997). Ineffizienzen der Devisenmärkte und nicht risikoneutrales Verhalten der Marktteilnehmer werden als Ursachen dafür gesehen, dass die
Bedingung der ungedeckten Zinsparität nicht erfüllt ist.
Neuere empirische Studien von Ayuso und Restoy
(1996) sowie Huisman et al. (1998) deuten aber darauf
hin, dass selbst die ungedeckte Zinsparität für eine Reihe von Währungsrelationen, insbesondere jene innerhalb des Europäischen Währungssystems der 80er und
90er Jahre, recht gut approximiert wird.
Die Zinsparitätenbedingung wird häufig als integraler
Modellbaustein moderner Wechselkurstheorien zugrunde gelegt. So basiert sowohl das monetaristische
Wechselkursmodell als auch das Dornbusch Modell
überschießender Wechselkurse (siehe z.B. Gärtner
1997) auf der Annahme der ungedeckten Zinsparität.
Desweiteren kann die Zinsparität auch auf empirische
Wechselkursfragen angewendet werden.
So lassen sich z.B. im Zusammenhang mit der Frage
nach der Glaubwürdigkeit von Währungsbändern bei
unterstellter Gültigkeit der Zinsparitätsbedingung (unbeobachtbare) Wechselkursänderungserwartungen aus
(beobachtbaren) Zinsdifferenzialen deduzieren (vgl.
Svensson 1991). Ein Währungsband ist demnach aus
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der Sicht der Marktteilnehmer immer dann glaubwürdig,
wenn das Niveau des erwarteten Wechselkurses innerhalb der festgelegten Bandbreiten liegt.
PD Dr. Bernd Kempa, Essen
Literaturempfehlungen:
Ayuso, J./Restoy, F.: Interest Rate Parity and Foreign Exchange Risk Premia in the ERM. In: Journal of International Money and Finance, Vol. 15 (1996), S. 369 - 382.
Burda,M./Wyplosz, C.: Makroökonomik — Eine europäische
Perspektive. München 1994.
Gärtner, M.: Makroökonomik flexibler und fester Wechselkur-
se. 2. Aufl., Berlin 1997.
Huisman, R./Koedijk, K./Kool, C./Nissen, F.: Extreme Support for Uncovered Interest Parity. In: Journal of International Money and Finance, Vol. 17 (1998), S. 211 - 228.
Jarchow, H.J.: Rationale Wechselkurserwartungen, Devisenmarkteffizienz und spekulative Blasen. In: WIST, 26. Jg.
(1997), S. 509 - 516.
Rose, K./Sauernheimer, K.: Theorie der Außenwirtschaft. 13.
Aufl., München 1999.
Svensson, L.E.O.: The Simplest Test of Target Zone Credibility. In: IMF Staff Papers, Vol. 38 (1991), S. 655 - 665.
AKTUELLE EXAMENSTIPPS
Die Themen im Sommer 2001
Wirtschaftspolitische Ereignisse und Diskussionen liefern häufig den Prüfungsstoff in mündlichen und
schriftlichen Examen. Wer demnächst in eine Prüfung geht, sollte sich mit den hier besprochenen Themen
vertraut machen. Die angegebene Literatur bietet Gelegenheit, tiefer in die einzelnen Themenbereiche einzudringen.
1. Thema: Langfristige Phillips-Kurve
Erläutern Sie algebraisch die auf der Phillips-Kurve
beruhende standardmäßige Bestimmung der Arbeitslosenrate, bei der die Inflation stabil ist, im Rahmen des NAIRU-Konzeptes der „non-acceleratinginflation-rate of unemployment“. Wann kann es zu einem längerfristigen Trade-off zwischen höherer Arbeitslosigkeit und höherer Inflationsrate kommen?
Der moderne Modellrahmen zur Analyse struktureller Arbeitslosigkeit integriert zentrale Grundgedanken der
makroökonomischen Debatte der sechziger Jahre um
den Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, der in der modifizierten Phillips-Kurve von Samuelson und Solow postuliert wird und der kurzfristig tatsächlich existiert, und die von Friedman und Phelps geäußerte Kritik, die eine langfristig vertikale Phillips-Kurve
unterstellt (vgl. zu einer aktuellen Lehrbuchdarstellung
Hanusch et al. 2000, S. 375 - 405).
Nach Friedman wird unabhängig davon, wie hoch die jeweilige Inflation ist, langfristig — also bei korrekten Erwartungen — stets die durch strukturelle Faktoren determinierte „natürliche Arbeitslosenrate“ realisiert. Sie
ist durch einkommenspolitische Maßnahmen nicht veränderbar, „sondern kann allenfalls durch Maßnahmen
der Arbeitsmarktpolitik, welche Informationsunvollkommenheiten am Arbeitsmarkt abbauen, beeinflusst werden“ (Tomann 1997, S. 132).
Der für die aktuelle Modellbildung wegweisende „strukturalistische“ Phelps-Ansatz arbeitet hingegen mit der
Annahme vermachteter Güter- und Arbeitsmärkte mit einer Arbeitslosenrate, bei der die Inflationsrate stabil
ist (NAIRU-Konzept) . Er beschreibt ein Rationierungsgleichgewicht mit struktureller Unterbeschäftigung. Die
NAIRU wird aus einer modifizierten und um die Erwartungsbildung erweiterten Phillips-Kurve hergeleitet, also
aus einer Funktion, die von einem funktionell negativen
Zusammenhang zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote ausgeht und von einer funktionell positiven
Verknüpfung von Inflationsrate und erwarteter Inflation.
Die einfachste lineare algebraische Form sieht folgendermaßen aus (vgl. Lindbeck 1999, S. 3 f.):
π = – h . ALQ i + j . π e
π ist die tatsächliche Inflation, ALQ steht für Arbeitslosenquote und π e ist die erwartete Inflation. Für gegebene
Werte der positiven Parameter h, i und j lässt sich die
Gleichung als eine Schar von negativ geneigten kurzfristigen Phillipskurven darstellen. Die jeweils verschiedenen Kurven werden unter sonst gleichen Bedingungen
durch einen unterschiedlichen π e -Wert definiert (höhere
Inflationserwartungen führen zu weiter vom Ursprung
entfernt liegenden kurzfristigen Phillips-Kurven). Es wird
angenommen, dass die ökonomischen Akteure langfristig eine vollständige Kompensation für eine höhere erwartete Inflation fordern. Also gilt j = 1 in der langen
Frist. Zudem wird die Annahme getroffen, dass die ökonomischen Akteure langfristig keine systematischen Erwartungsfehler machen (rationale Erwartungsbildung). Folglich gilt: π = π e . Die einzige Arbeitslosenrate,
die mit beiden Annahmen kompatibel ist, ist AL * = i/h.
Dabei steht AL * für die gleichgewichtige oder strukturelle
Arbeitslosenrate und entspricht der NAIRU. Geometrisch ist die NAIRU eine langfristig vertikale Phillipskurve im π-AL-Diagramm bei AL *. Nur bei Punkten auf dieser Vertikalen wird sich keine Lohn-Preis-Spirale nach
oben (links von AL * ) oder nach unten (rechts von AL* ) entwickeln. Da die Inflation in diesem Standardmodell langfristig unabhängig von der Höhe der Arbeitslosigkeit ist,
besteht kein langfristiger Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit .
Es existieren allerdings empirische Hinweise dafür, dass
die durch die Annahme rationaler Erwartungen wegdefinierte Geldillusion in der Praxis eine Rolle spielt (vgl. Tyran 2001) und daher die Unterstellung adaptiver Erwartungsbildung (also Lernen nur aus Fehlern der Vergangenheit) modelltheoretisch zu rechtfertigen ist. Einige Studien stellen die Bedeutsamkeit der Hysteresiseffekte heraus. Danach gilt in unserem Kontext: Negative
Auswirkungen auf die Inflation (Beschäftigung) einer
Volkswirtschaft bleiben auch dann bestehen, wenn der
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