Dein Spiegel, Juli 2014

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BEINAHE
IN FREIHEIT
Hier ist es gemütlich:
Die Schimpansen fühlen
sich draußen in der Natur
wohl. Früher waren sie
als Haustiere bei reichen
Familien eingesperrt oder
mussten im Zirkus
auftreten.
Auf einem riesigen Freigelände in Afrika leben 130
Schimpansen. Sie sind zwar gefangen, aber es geht
ihnen gut. Früher wurden sie von Menschen gequält.
Freunde:
Sebastian Louis
und Cindy.
FOTOS: THILO THIELKE
ie beiden verstehen sich gut.
Entspannt lehnen Sebastian
Louis und die Schimpansendame Cindy Rücken an Rücken im
Gras und genießen den Sonnenschein.
Weit und breit ist kein Wärter zu sehen. Es ist ein Bild des Friedens – und
doch ist Sebastian Louis aus Berlin
ganz schön mutig. Denn Schimpan-
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sen sind etwa siebenmal so stark wie
Menschen. Ihr Gebiss ist so kräftig
wie das eines Löwen.
Seit zehn Jahren lebt Cindy nun
schon in einem riesigen Freigehege.
Es befindet sich im Norden Sambias,
direkt an der kongolesischen Grenze
– mitten in Afrika also. „Chimfunshi“
heißt die Anlage, sie ist die Heimat
von rund 130 Schimpansen. Cindy
und die anderen leben nicht frei.
Aber es geht ihnen hier besser als
in ihrem vorherigen Leben. „Die
meisten kommen aus schlimmen Verhältnissen“, erzählt Sebastian Louis.
„Viele wurden gequält, und einige
haben ihre Eltern durch Wilderer
verloren.“
Cindy zum Beispiel gehörte reichen Franzosen, die in dem afrikanischen Land Elfenbeinküste lebten.
Wilderer hatten Cindy als Baby von
den Eltern geraubt und an Menschen
verkauft. Drei Jahre später wollten
diese den Schimpansen nicht mehr
haben und gaben ihn an Tierschützer
ab.
Etwa ein Drittel der Tiere in Chimfunshi kommen aus der Nähe, aus
dem Land Kongo. Dort leben Schimpansen in Freiheit, werden aber oft
von Wilderern gejagt. Andere Tiere
wurden aus Neuseeland, Haiti oder
Dubai zu den Tierschützern gebracht.
Louis kümmert sich seit drei
Jahren intensiv um die Schimpan-
sen aus dem Waisenhaus. Eigentlich
lebt er in Berlin und arbeitet als
Unternehmensberater. Doch 2011
starb plötzlich sein älterer Bruder
Stephan – und der hatte bereits
vor vielen Jahren von Chimfunshi
erfahren und es sich zur Aufgabe
gemacht, den Schimpansen zu
helfen.
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Jetzt will Sebastian Louis das
Lebenswerk seines Bruders fortsetzen, und deshalb fährt er mindestens zweimal im Jahr nach Sambia und
verbringt mehrere Wochen mit den
Schimpansen. „Diese Arbeit hat mir
die Augen geöffnet“, sagt Sebastian
Louis, „wir müssen viel mehr tun, um
die Menschenaffen zu beschützen.“
Und Schutz ist nötig: Weil die Menschen immer mehr Flächen des Urwalds besiedeln, bleibt weniger Raum
für die Tiere. Außerdem machen Wilderer Jagd auf die großen Affen: Das
Trauriger Blick: Die Schimpansen haben Schlimmes erlebt. Jetzt
müssen sie erst wieder lernen, Menschen zu vertrauen.
Fleisch der erwachsenen Tiere wird oft
gegessen, die Jungen werden als Haustier gehalten oder an Zoos verkauft.
In arabischen Ländern oder in
China finden es einige reiche Leute
schick, einen Schimpansen als Haustier zu haben. Das 13-jährige Schimpansenmädchen Alice beispielsweise
lebte bei einer Familie, aß mit den
Menschen und schaute gemeinsam
mit ihnen fern. Am Ende konnte sie
sogar die Fernbedienung bedienen.
Das klingt vielleicht ganz süß, ist aber
überhaupt nicht artgerecht.
In Chimfunshi dürfen sich die Tiere
von den früheren Qualen erholen.
Das 40-jährige Schimpansenmännchen
Toto etwa. Jahrelang war Toto in
einem Zirkus im südamerikanischen
Chile gehalten worden. Er musste Bier
trinken, Zigaretten rauchen und sich
zum Gespött der Besucher machen.
In Freiheit lebt Toto auch heute
nicht. Auch heute stößt er noch an
Zäune. Aber heute hat er viel, viel
mehr Platz als früher. Und die Menschen quälen ihn nicht mehr, sie beschützen ihn.
Thilo Thielke
DAS AFFENDORF
In dem Dorf leben Menschen
und Schimpansen. Die Kinder
der Tierpfleger haben dort
sogar eine eigene Schule.
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Vor mehr als 30 Jahren töteten
Wilderer die Familie des Schimpansenbabys Pal. Eine Kugel
hatte die Mutter des Jungtiers
getötet und Pals rechten Kiefer
durchschlagen. Damals kümmerte sich die Engländerin Sheila
Siddle um das Tier und zog den
kleinen Schimpansenjungen mit
der Flasche auf.
Pal überlebte, und Sheila beschloss, eine Auffangstation für
Schimpansen zu gründen. Das
war der Beginn von Chimfunshi.
Mittlerweile ist Chimfunshi ein
großer Betrieb. 70 Familien leben
auf dem Gelände – also fast 400
Personen. 60 Angestellte kümmern sich um die 130 Schimpansen. Es gibt sogar eine eigene
kleine Schule für die Kinder und
eine Rinderzucht mit rund 600
Tieren. „Noch lebt Chimfunshi
überwiegend von Spenden und
der Unterstützung aus dem Ausland“, sagt Sebastian Louis. „Die
Rinderzucht soll den Menschen,
die in Chimfunshi leben, nun die
Möglichkeit geben, den Betrieb
selbst zu finanzieren.“
Sambia
FOTOS OBEN: THILO THIELKE; CHIMFUNSHI (U.)
Mahlzeit! Wenn der Tierpfleger kommt,
wird es an der Essensausgabe voll.
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