Die vorliegende Arbeit »Deutsche Sinngabe Partei – eine fiktionale

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Universität Osnabrück| WS 2008/2009 | Praktisch-Methodische Prüfung im Fach Kunst
Visuelle Medien | Daniel Torrado Hermo | Prüfer: Prof. Claude Wunschik
Die vorliegende Arbeit »Deutsche Sinngabe Partei – eine fiktionale Partei erteilt den
Auftrag einer Wahlkampfplakatreihe«, ist von der Kombination von Schrift und Bild
geprägt. Entgegen der Konvention will ich den Auftritt zunächst verrätseln – wie die E.ON
AG es mit ihren monochromroten Plakaten und Inseraten getan hat. Ich habe mich dafür
entschieden, Bild und Text – fast von Anfang an – so zu kombinieren, dass die mutmaßliche
Referenz zwischen Bild und Sprache mal mehr, mal weniger vorhanden ist. Dies geschieht
mit der Absicht, eine Offenheit der Gesamtaussage zu erzeugen. — Ein Vergleich: Jemand,
der einen Roman liest, sieht Bilder vor seinem geistigen Auge, die inhaltlich den geistigen
Bildern des Romanschreibers ähneln, formal aber eine andere Ausprägung haben. Dieses
Ziel, dass eben eigene Gedanken zu den Plakatmotiven entstehen, weil sie den unbedarften
Betrachter scheinbar alleine lassen, ist die erklärte Absicht der offen gehaltenen Motive (es
gibt auch »geschlossene«).
Wesentliche und mit der Zeit wiedererkennbare Gestaltungsmittel sind die Schriftarten
Futura Book (und oblique) und Futura Extra Bold sowie die Calibri und Calibri Bold,
Outlines und hinter die Schrift gelegte Schatten sowie hinterlegte Flächen zur Texthervorhebung. Die Abkürzung des Parteinamens, desip., ist in der Neuropol gesetzt. Ein weiteres
Gestaltungsmittel ist die Bildästhetisierung durch die Anwendung von verschiedenen Bildfiltern mithilfe eines Bildbearbeitungsprogramms. Da die desip. – die Deutsche Sinngabe
Partei – einen sozialplastischen Ansatz im gedachten Sinne von Joseph Beuys verfolgt, ist
diese Form der Ästhetisierung ein Hinweis auf den Kunst-Hintergrund.
Das wesentlichste wiedererkennbare Gestaltungsmittel ist aber der orangefarbene Punkt
der Interpunktion. Orange ist die eigentliche Corporate-Design-Farbe der Partei. Der
orangefarbene Punkt soll also ein Wiedererkennungsmerkmal sein – und er ist auch in der
Abkürzung des Parteinamens enthalten. Der freie Umgang mit dem Punkt – d.h., ob er
beispielsweise orange, dunkelgelb oder herbstorange gefärbt wird – soll den ästhetischen
Gesamtanspruch unterstreichen.
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Deutsche Sinngabe Partei – eine fiktionale Partei erteilt den Auftrag einer Wahlkampfplakatreihe
Das dramaturgische Mittel der Reihung ist neben einer mal gestalterisch, mal inhaltlich
bestimmten Abfolge der Reihe ihre Veröffentlichungsart: Jedes Motiv soll zeitversetzt
erscheinen.
Ein weiteres Mittel zur Spannungserzeugung ist die unterschiedliche Farbgebung der
monochromen Balken, die die Bildhöhe einiger Motive reduzieren. Konventionellerweise
wären die Bildhöhen überall gleich und die Balken einheitlich in Corporate-Design-Farben
gehalten. Hier in dieser Reihe werden die Bildausschnitte individuell und dramaturgisch
absichtsvoll gestaltet. Die Farbgebung der teilweise daraus resultierenden Balken an der
Ober- und Unterseite werden von dem Bild bestimmt.
Diese Form der Mitbestimmung ist nicht einfach ein willkürlicher Bruch mit der Technik des Corporate Designs, sondern sie steht analog zu dem Willen der Partei, dem Volk die
verstärkte Mitbestimmung (zum Beispiel durch Volksentscheide) der Politik zu ermöglichen.
Der augenscheinliche Bruch unterstreicht den Willen zu einer ästhetischen Politik unter
Verzicht auf eine gegängelte Ästhetik, die sich einem Willen unterwerfen muss, der um den
Preis der Schönheit Eigenes durchsetzen will und damit seine Unfähigkeit zur Korrespondenz entlarvt. Korrespondenz ist aber ein wesentliches Kernstück der Politik der desip.
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass geeignete Motive wie zum Beispiel das
Iduna-Hochhaus oder das Rathaus bei einer bundesweiten Kampagne ausgetauscht werden
können, um eine effektive Regionalisierung zu gewährleisten. Da nicht eine bestimmte
Bevölkerungsgruppe angesprochen werden soll, changieren die Inhalte und Gestaltungsansätze. Es geht darum, möglichst individuell gestaltete Einzelplakate zu entwickeln.
Dieser Ansatz soll unterschwellig auch ein politisches Ziel der Partei spiegeln: er zielt auf
die Stärkung des Gemeinwohls ab – durch die spezifische Förderung des Individuums.
Dass dieser Ansatz nicht dezidiert deutlich gemacht wird, ist auf die Wahl eines Werbekonzepts zurückzuführen, das das Unbewusste (zumindest spekulativ) einkalkuliert.
Insgesamt soll es den Rezipienten je nach Horizont ermöglichen, weitere Bedeutungsebenen anhand ihrer individuellen Wahrnehmungen zu betreten …
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Fortsetzung von Seite 2 / Anhang
Ein Beispiel:
Plakat 2 – Arbeit hat ihren Preis: Das »ihren« im Titel kann auf die Arbeit als auch auf
die Arbeiter selbst hinweisen.
Die Arbeiter stehen nicht nur für die Arbeit, sondern auch für Generationen. Der eine
prüft, der andere führt die vordergründige Arbeit aus, der andere lernt durch Beobachtung.
Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass besonders auf mögliche Gefahren innerhalb des
Lernprozesses (in diesem Fall ein eventueller Sturz) hingewiesen wird. Und es soll in diesem
Zusammenhang im Unterbewusstsein auch das Gefühl für die Wichtigkeit des älteren
Arbeiters entstehen. Auch wenn er nicht mehr so körperlich leistungsfähig ist, hat er neben
der eigentlichen Arbeit nicht nur die wichtige Arbeit der Qualitätsprüfung zu leisten,
sondern ist durch seine Erfahrung auch ein Sicherheitsfaktor. Das Fazit hier ist: Der
Lernende wie auch der Prüfer leisten wichtige Arbeit im Hintergrund, so dass die Arbeit
insgesamt auch ihren Preis, nämlich den aller drei Arbeiter hat. Jemand, der diesen
Gedankengang nicht hat, wird das Plakat in seiner vordergründigen Aussage trotzdem
ansatzweise verstehen.
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