Medizin mit Herz - Sana Kliniken AG

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AUSGABE 04 | 2014
Medizin
mit Herz
Herzgewinnend
Herzergreifend
Herzerfrischend
Zusammen wissen
Ärzte einfach mehr
Die spannende Welt
der Herzchirurgie
Worauf es Kardiologen
wirklich ankommt
« Von der Socke
bis zur Locke.
Das nenne ich
echte Herz- und
Gefäßmedizin. »
Blaubuch.
Von ganzem
Herzen
EDITORIAL
Es gibt nur wenige Wörter, die so kreativ und
vielfältig für Redewendungen und Sprichwörter
verwendet werden. Auf Herz und Nieren wird man
geprüft, so manches Mal rutscht einem das Herz
in die Hose, sein Herz kann man verlieren oder
jemandem schenken, es im Sturm erobern oder
aus ihm keine Mördergrube machen, am Ende
fasst man sich ein Herz oder macht seinem Herzen
Luft. Medizinisch gesehen ist es jedoch nur « ein
Organ, das den Blutkreislauf durch regelmäßige
Zusammenziehung und Dehnung antreibt und in
Gang hält ». Ein gesundes, kräftiges Herz hätte
jeder gerne, oft aber ist es angegriffen und schwach.
Dann stockt einem das Herz vor Schreck. Er oder
sie hat es am Herzen!
Dieses Blaubuch hat sich ganz dem Herzen
verschrieben. Wie es pocht, klopft, hämmert, flattert, unregelmäßig schlägt, bis hin zum Ernstfall,
wo es versagt. Dann treten die Kardiologen und
Herzchirurgen in Aktion. Mit Katheter, Stents und
Ballonen treffen sie im wahrsten Sinne des Wortes
mitten ins Herz und befreien es von lebensgefährlichen Verengungen und Verschlüssen. In
ihrem Beruf zählen Geschwindigkeit, Genauigkeit
und Entscheidungsfreude genauso wie Verantwortung und Vertrauen. Alle Ärzte in diesem Blaubuch fühlen sich dieser Verantwortung gewachsen,
sie nehmen das Herz in beide Hände und sind
mit ganzem Herzen dabei.
Das Blaubuch mit Herz! Begleiten Sie uns
dieses Mal auf eine Reise mitten ins Herz, lernen
Sie die modernen Operationen und Therapien
kennen und erfahren Sie von den besten Chefärzten, was ihnen auf dem Herzen liegt. Die Kardiologie und Herzchirurgie machten derzeit wie-
E D I T O R I A L B L A U B U C H 03
« Ein Blaubuch über Herz
und Gefäße. Wie es pocht,
klopft, hämmert, flattert,
unregelmäßig schlägt,
bis hin zum Ernstfall, wo es
versagt. »
der rasante Fortschritte. Um in dieser Wissenswelt
mithalten zu können, haben die Sana Kardiologen
und Herzchirurgen ein Netzwerk gebildet, um
voneinander und miteinander lernen zu können.
Kooperieren ist überhaupt das große Schlagwort
in der Königsdisziplin der Medizin. Denn das Wissen um das Herz ist mittlerweile so komplex, dass
die einzelnen Spezialisten auf das Wissen ihrer
Kollegen angewiesen sind. Sie haben das Herz,
vom anderen zu lernen und ihren Horizont zu
erweitern. Das kommt am Ende jedem Patienten
zugute, der die beste aller Medizinen für sich in
Anspruch nehmen will.
Dieses Blaubuch ist eine Herzensangelegenheit. Es klärt auf, vermittelt und redet vom Herzen.
Es ist persönlich, medizinisch und voller interessanter Geschichten. Es würde uns freuen, wenn
manchem Leser bei der Lektüre das Herz höherschlägt oder wir gar die Herzen im Sturm erobern
können. Auf jeden Fall freuen wir uns über Ihr
Feedback, denn Sie wissen ja: Sie liegen uns
wirklich am Herzen!
W I R W Ü N S C H E N V I E L S PA S S M I T
UNSEREM VIERTEN BLICK IN DIE ZUKUNFT
D E R G E S U N D H E I T.
HERZLICHST
IHR DR. MICHAEL PHILIPPI
04 B L A U B U C H I N H A LT
Ärzte, die zu Herzen gehen
Menschen und Themen 04 | 2014
OSTHOLSTEIN
THOMAS HOFMANN
H E R Z I N FA R K T N O T FA L L
FRANZ HARTMANN
S TA N D A R D O P E R AT I N G
PROCEDURES
PETER KRAEMER
CARDIOMED NORD
LÜBECK
PINNEBERG
JOACHIM WEIL
R E N A L E D E N E R VAT I O N
VOLKER HIPPLER
WOHNORTNAHE VERSORGUNG
WISMAR
C H R I S T O P H A LT M A N N
HERZRHYTHMUSSTÖRUNGEN
HENRIK SCHNEIDER
VORHOFSEPTUMDEFEKT
DUISBURG
HAMELN
LICHTENBERG
HUBERT TOPP
K AT H E T E R A B L AT I O N
THORSTEN DILL
CARDIALE
RESYNCHRONISIERUNG
OLAF GÖING
FA C H G R U P P E H E R Z M E D I Z I N
REMSCHEID
DIRK FRITZSCHE
MITRALKLAPPENREKONSTRUKTION
DÜSSELDORF
UWE WIEGAND
RHYTHMUSSPRECHSTUNDE
COTTBUS
A X E L H A R N AT H
AORTENKLAPPENSTENOSE
DOROTHEA DREIZEHNTER
HERZNETZ NRW
KRISTIN ROCHOR
MITRACLIPPING
JÜRGEN KRÜLLS-MÜNCH
AORTENKLAPPENSTENOSE
NICOLAS DOLL
TAV I
STUTTGART
WOLFGANG HEMMER
N AT Ü R L I C H E R K L A P P E N E R S AT Z
RUTH STRASSER
HERZINSUFFIZIENZ
DRESDEN
CHRISTOPHER PIORKOWSKI
EKG-CHIP
K L A U S M AT S C H K E
KUNSTHERZUNTERSTÜTZUNGSSYSTEM
I N H A L T B L A U B U C H 05
Inhalt
EDITORIAL VON GANZEM HERZEN SEITE 03
H E R Z M Y T H O L O G I E . D E R M U S K E L , D E R D I E W E LT B E W E G T S E I T E 5 8
06 KOOPERIEREN
08
Reise ins Herz
Vom antiken Herz-Tabu über die erste Blutdruckmessung im Jahr 1733 bis zur heutigen interventionellen
Kardiologie: Eine kleine Geschichte der Herzmedizin.
12 KONZENTRIEREN
IMPRESSUM SEITE 59
44 KOMMUNIZIEREN
4 6 Frank Schwertfeger hatte als Rettungsarzt einen
Unfall. Die Karriere als Allgemeinarzt war zu Ende,
heute ist er Chefkardiologe im Spreewald.
4 7 Hartmut Hanke hat die letzten 25 Jahre Kardiologie
nicht nur begleitet, sondern auch wissenschaftlich
geprägt. Und zwar von A bis Z.
4 8 Jan Torzewski will die kardiologische Versorgungs-
14
Klappe, die erste
Die Ross-Operation wird in Deutschland in nur
wenigen Kliniken angeboten. Zum Beispiel in Stuttgart.
18
Klappe, die zweite
Alte Menschen leiden oft an einer Verkalkung der
Herzklappe. TAVI ist eine neue Operationstechnik.
21
Klappe, die dritte
Wenn die Mitralklappe nicht mehr richtig schließt,
kommt es zu einem gefährlichen Blutstau.
In Cottbus löst man das Problem via Schlüsselloch.
24
Direkter Kontakt zum Herzen
Patienten mit Herzschwäche brauchen enge
Betreuung. In Dresden geht man neue Wege.
30
Versorgung im Netzwerk
Sana betreibt gezielt herzmedizinische Netzwerke
zur besseren Versorgung.
32
Herzmedizin für alle Lebenslagen
Bluthochdruck ist weitverbreitet in Deutschland.
In Lübeck kommt ein neues Verfahren zum Einsatz:
die renale Denervation.
38
Herzen unter Strom
Herzrhythmusstörungen sind heute heilbar.
Mit der Katheterablation setzt man dafür gezielt
Herzgewebe außer Kraft.
qualität im Allgäu entscheidend voranbringen und
verbessern.
4 9 Nour Eddine El Mokhtari forscht über den Einfluss
der Gene auf den Herzinfarkt. Er erhofft sich große
Fortschritte auf diesem Gebiet.
5 0 Für Burkhard Sievers steht die interdisziplinäre
Zusammenarbeit in und außerhalb der Klinik ganz
oben.
5 1 Oliver Hader kümmert sich besonders um die
peripheren, kleinen Gefäße. Und sorgt sich um die
Medizin und Ethik der Zukunft.
5 2 Für Rainer Jaax und Kollegen steht Kooperation
weit oben. Auf diese Weise hat ein kleines Krankenhaus den Wirkungskreis vergrößert.
5 3 Anil-Martin Sinha ist ein vielseitiger Kardiologe. Der
zweifache Doktor — in Medizin und Philosophie — ist
ein Pionier bei Herzrhythmusstörungen.
5 4 Thomas Brummer ist ein Meister der unbüro-
kratischen Lösungen. Mit dem Kardiophone sind
Hausärzte direkt mit ihm verbunden.
5 5 Peer-Ekkehart Waurick ist ein Vorreiter der
Herz-CT-Technologie. So hat er die Effizienz der
Herzkatheterintervention gesteigert.
5 6 Olaf Altmann garantiert in der Lausitz eine
hochrangige medizinische Versorgung. Trotz
Bevölkerungsrückgang.
5 7 Bernd Hardmann hat die Entwicklung des Herz-
ultraschalls von Anfang an miterlebt. Er hat sich
stürmisch entwickelt.
take care … you're
in my heart
KOOPERIEREN
Die Geschichte der Herzmedizin ist geprägt von Pionierleistungen
Einzelner. Die Herzspezialisten der Sana Kliniken gehen heute
andere Wege: Erfahrungen austauschen und voneinander lernen.
08 KOOPERIEREN REISE INS HERZ
REISE INS HERZ
Der wichtigste Muskel
Eine kleine Geschichte der Herzmedizin.
fig.: Herzerkrankungen
steigen mit dem Alter.
Die Fortschritte in der
Kardiologie sind jedoch
bahnbrechend — von
der Diagnose über
die Operation bis zur
Nachbehandlung.
Das Herz ist ein faustgroßer Hohlmuskel. Pro Tag
pumpt er 10.000 Liter Blut durch das Adernetz,
fast vier Millionen Liter im Jahr. Im Brustkorb
schlägt eine pausenlos laufende Hochleistungsmaschine, die schon in der frühen Embryonalentwicklung quasi wie von Geisterhand ihren Betrieb
aufnimmt. Noch keinem Ingenieur ist es gelungen,
diese geniale Pumpenkonstruktion identisch nachzubauen. Kein Wunder, dass die Menschheit das
Herz seit jeher nicht als schlichten Muskelsack
betrachtet, sondern als das geheimnisvollste und
kostbarste Organ schlechthin. Das Herz war und ist
in den meisten Kulturen das wichtigste Symbol. Alle
Sprachen der Welt kennen zahllose Redensarten,
die sich auf das Herz beziehen. Das Herz hüpft,
stockt und bricht, wird schwer, blutet oder fliegt
jemandem zu. Wir nehmen es in beide Hände,
verlieren es oder erobern es im Sturm. Niemand
käme auf die Idee, den Nieren, der Leber oder
dem Gehirn ähnliche Symbolkraft einzuhauchen.
Der besondere Stellenwert des Herzens spiegelt
sich auch in dem Ritual der separaten Herzbestattung wider. Ob Richard Löwenherz, Napoleon
oder Kaiserin Maria-Theresia, die Herzen von
hohen Persönlichkeiten fanden ihre letzte Ruhe
oft weit getrennt von ihren Körpern — beigesetzt
in kostbaren Gefäßen an einem würdigen Platz.
Dieser Herzkult hat den medizinischen Fortschritt eher gebremst als vorangebracht. Jahrtausendelang war das Herz für den ärztlichen
Zugriff tabu, eine Art Schweigegelübde lag über
diesem Organ. Von der Antike bis zur Renaissance
bestritten Gelehrte kategorisch, dass das menschliche Herz anfällig für Schädigungen sein könnte.
« Es ist das einzige aller inneren Organe, das
nicht von Krankheit betroffen werden kann », pos­
tuliert Plinius der Ältere im ersten Jahrhundert
nach Christus. Selbst in der um 1760 erschienenen
berühmten französischen Encyclopédie heißt es:
« Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Krankheiten des Herzens ziemlich selten sind. »
Todesursache Nummer eins
Eine derartige Ignoranz ist in unserer modernen
Gesellschaft nicht mehr vorstellbar. In kaum mehr
als einem Jahrhundert hat die Erforschung des
Herzens und seiner Krankheiten ebenso rasante
Fortschritte gemacht wie die Herzmedizin. Seit
Jahren ist die Zahl der Krankenhausfälle infolge
von Herzkrankheiten rückgängig, auch die Sterblichkeit von herzkranken Patienten ist seit 1970
um 25 Prozent gesunken.
Dennoch gehören Herzprobleme in allen hoch
entwickelten Gesellschaften zu den häufigsten
Krankheiten. Und trotz der Erfolgsgeschichte der
Herzmedizin sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen
hierzulande mit 40 Prozent aller Sterbefälle immer
noch die häufigste Todesursache. Nicht zuletzt
ist das der Preis dafür, dass die Gesellschaft immer älter wird. Aber auch Übergewicht und Bewegungsmangel in sehr jungen Jahren schaffen
die Voraussetzung für spätere Herzkrankheiten.
Das Herz ist eben nicht nur der wichtigste Muskel,
sondern ein recht anfälliges Organ.
R E I S E I N S H E R Z K O O P E R I E R E N 09
Meilensteine der Herzmedizin
Diese Erkenntnis blieb der Medizin durch das
Autopsie­verbot der Kirche über Jahrhunderte verborgen. Erst im 16. Jahrhundert begann sich der
Schleier zaghaft zu lüften. Nachdem der Begründer
der Anatomie, der flämische Arzt Andreas Vesalius,
1543 die erste systematische Darstellung des
menschlichen Innenlebens veröffentlicht hatte,
ließen die Spekulationen über die Funktion des
Herzens allmählich nach.
Den ersten Meilenstein auf dem Weg zu einer
wissenschaftlich begründeten Herzmedizin setzte
William Harvey. 1628 beschrieb der englische Arzt
erstmals den menschlichen Blutkreislauf und versetzte damit die Fachwelt in helle Aufregung. Er
erkannte, dass das Blut, angetrieben vom Herzen,
in einem geschlossenen Gefäßsystem zirkuliert.
Zu Lebzeiten erntete er für seine bahnbrechende
Theorie nur den Spottnamen « Circulator ». Erst
nach seinem Tod setzte sich die Betrachtung des
Herzens als Motor des Blutkreislaufs langsam durch.
Der Wissensgewinn rund um die Herzmedizin blieb
jedoch weiterhin bescheiden. 1733 gelang dem
Briten Steven Hales die erste Blutdruckmessung — ein
brachiales Unterfangen, bei dem er eine Kanüle
in die Halsschlagader eines Pferdes einführte und
den Blutdruck mit einem Glaszylinder ermittelte.
Erst mehr als 150 Jahre später, 1896, erfand der
italienische Arzt Scipione Riva-Rocci die unblutige
Blutdruckmessung mit einer Armmanschette. Nach
ihm wird der gemessene Blutdruck in der Praxis
bis heute RR genannt. Auch ein anderes immer
noch aktuelles herzmedizinisches Diagnosegerät
feierte gegen Ende des 19. Jahrhunderts Premiere: das Stethoskop mit zwei flexiblen Schläuchen.
Sein Vorgängermodell, ein simpler hölzerner Zylinder zum Abhören der Herz- und Lungengeräusche,
hatte der französische Arzt René Laënnec schon
1816 konstruiert. Die schlichte, aber wirksame
Methode der Auskultation hat sich bis heute bewährt. Mithilfe des Stethoskops und des geschulten Ohrs des Arztes lassen sich Defekte der Herzklappen oder der Herzscheidewand ebenso deuten wie Entzündungen des Herzbeutels oder
Gefäßverengungen.
fig.: Herzkatheter,
kombiniert mit modernen
bildgebenden Verfahren,
sind eine schonende
Alternative für die Operation
am offenen Herzen.
« Mit der mutigen Tat eines
Frankfurter Chirurgen schlug
die Geburtsstunde der
modernen Herzchirurgie. »
Doch während die Medizin von heute über ein
reich gefülltes Methodenarsenal zur Behandlung
solcher Herzkrankheiten verfügt, standen die Ärzte
des 19. Jahrhunderts quasi mit leeren Händen
da. Selbst kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts
galten Eingriffe am Herzen als aussichtslos. « Ein
Chirurg, der die Naht einer Herzwunde versuchen
wollte, sollte den Respekt seiner Kollegen sicher
verlieren », so urteilte damals der berühmte Wiener
Hofrat Theodor Billroth.
Der Erste, der mit diesem uralten medizinischen
Dogma brach, war der Frankfurter Chirurg Ludwig
Rehn. 1896 wurde ein junger Gärtnerbursche mit
einem Messerstich in die Brust in seine Klinik
gebracht. Entgegen dem Rat seiner Kollegen
öffnete Rehn den Brustkorb des Schwerverletzten
und schloss die knapp zwei Zentimeter lange
Stichwunde — mit der ersten Herznaht, die jemals
ein Chirurg des Abendlands gewagt hatte. Zur
Verwunderung der Fachwelt erholte sich der fast
ausgeblutete Patient rasch. Mit der mutigen Tat
des Frankfurter Chirurgen schlug die Geburtsstunde der modernen Herzchirurgie. Doch ihre
10 KOOPERIEREN REISE INS HERZ
« Die Herzmedizin hat sich enorm
entwickelt. Umso wichtiger sind
die Zusammenarbeit und der
Austausch zwischen den Ärzten .
Bei Sana gibt es dazu die
Fachgruppe Herzmedizin . Hier
agieren wir in Netzwerkstrukturen
über Klinikgrenzen hinweg. Wir
tauschen uns über unsere
Erfahrungen und Methoden aus
und legen Verfahrensweisen fest.
Durch diese Vernetzung optimieren wir unsere Arbeit und schaffen die bestmögliche Versorgung
für unsere Patienten. »
Dr. Olaf Göing ist seit
Mai 2000 Chefarzt der
Klinik für Innere Medizin II
mit Schwerpunkt
Kardiologie des Sana
Klinikums in BerlinLichtenberg und zudem
seit 2013 Sprecher der
Sana Fachgruppe
Herzmedizin.
größten Triumphe sollte die Herzmedizin erst ab
den 1950er-Jahren feiern.
Die Gefahren, die dem Herzen durch einen
ungesunden Lebensstil drohen, sind heute hinlänglich bekannt: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel, zu viel Alkohol und Stress. Die moderne
Herzmedizin ist auch deshalb so erfolgreich, weil
die Kenntnis der Risikofaktoren für Herzkrankheiten
oft hilft, sie zu lindern oder zu vermeiden.
Dieses Wissen lag nach dem Zweiten Weltkrieg
noch im Dämmerschlaf. Die Gesellschaft genoss
das Wirtschaftswunder und qualmte, schlemmte
und schluckte nach Herzenslust. Für ihre Herzgesundheit aber war das überhaupt nicht lustig.
Allein von 1952 bis 1958 verdoppelte sich die
Zahl der Todesfälle durch Herzinfarkt.
Parallel zu der hochschnellenden Herztodrate
arbeitete die Herzmedizin fieberhaft an neuen
Methoden und Verfahren zur Therapie von Herzkrankheiten. Anfang der 1950er-Jahre setzte sich
die Herzkatheteruntersuchung endgültig durch,
die der deutsche Arzt Werner Forßmann bereits
1929 erfunden hatte. 1952 meldete Denis G. Melrose die erste Herz-Lungen-Maschine zum Patent
an. 1958 implantierte der schwedische Herzchirurg
Åke Senning den ersten Herzschrittmacher. Der
noch junge Patient, der an einer lebensbedrohlichen
Herzblockade litt, starb erst im Alter von 86 Jahren.
1961 implantierten die beiden Amerikaner Albert
fig.: Innovative Impulse:
Wenn das Herz aus dem
Takt gerät, helfen implantierbare Herzschrittmacher
oder Defibrillatoren.
R E I S E I N S H E R Z K O O P E R I E R E N 11
Starr und Lowell Edwards zum ersten Mal eine
künstliche Herzklappe. Und 1967 erregte Christiaan Barnard mit seiner ersten Herztransplantation in Kapstadt weltweit Aufsehen. Zehn Jahre
später gelang dem Kardiologen Andreas Grüntzig
die erste Ballondilatation zur Aufdehnung verengter
Herzkranzgefäße, und er entfesselte den Siegeszug der interventionellen Kardiologie. 1990 erhielt
ein Kind am Deutschen Herzzentrum in Berlin das
erste Kunstherz zur Überbrückung der Wartezeit
auf ein Spenderherz. Mit der ersten minimalinvasiven Bypassoperation begann vier Jahre später
die Ära der « Schlüsselloch-Chirurgie ».
High Tech und High Touch
Die Reise durchs Herz führt Forscher inzwischen
bis in die molekularen Strukturen der Herzmuskelzellen und bis in das menschliche Genom. Und
dank der Fortschritte in der Herzmedizin ist diese
Reise kaum noch ein hoch riskantes Abenteuer,
sondern ein recht sicheres Unterfangen. Bei allen
High-Tech-Errungenschaften der Kardiologie und
der Herzchirurgie setzt die moderne Herzmedizin
aber auch verstärkt auf « High Touch ». Das Herz
gilt nicht länger nur als funktioneller Muskel, sondern als ein höchst empfindsames Organ, das in
enger Beziehung mit der Gefühlswelt steht. Die
junge Disziplin der Psychokardiologie widmet sich
diesem komplexen Wechselspiel zwischen dem
Herzen und der Seele. Und die psychosoziale
Betreuung von Herzpatienten wird als immer wich-
« Die Reise durchs Herz führt
Forscher inzwischen bis in die
molekularen Strukturen der
Herzmuskelzellen und in das
menschliche Genom. »
tiger erachtet. Zu Recht, denn Sorgen, Ängste
und Verunsicherungen sind bei Herzpatienten
besonders groß, deshalb ist ihre fürsorgliche
Begleitung ein oft noch unterschätzter Baustein
des Behandlungskonzepts. Die Herzmedizin von
morgen wird offenbar nicht nur als Gerätemedizin
reüssieren, sondern auch als Medizin mit Herz.
fig.: Mit wenig belastenden
Verfahren lassen
sich defekte Herzklappen
dauerhaft ersetzen
oder reparieren.
Die Sana Fachgruppe Herzmedizin
Dr. Christoph Altmann
Duisburg
Dr. Olaf Altmann
Lausitzer Seenland
Klinikum
Dr. Thomas Brummer
Biberach
Prof. Dr. Thorsten Dill
Düsseldorf - Benrath
Prof. Dr.
Nicolas Doll
Stuttgart
Prof. Dr. Nour Eddine
El Mokhtari
Imland GmbH
Prof. Dr. Dirk Fritzsche
Cottbus
Dr. Olaf Göing
Lichtenberg
Dr. Oliver Hader
Regio Klinikum
Elmshorn
Prof. Dr.
Hartmut Hanke
KOK
Dr. Bernd Hardmann
Cham
Dr. Axel Harnath
Cottbus
PD Dr. Franz Hartmann
Ostholstein Klinik Eutin
PD Dr.
Thomas Hofmann
Regio Klinikum
Pinneberg
Dr. Rainer Jaax
Hürth
Prof. Dr. Harald Klepzig
Offenbach
Dr. Jürgen
Krülls-Münch
Cottbus
Prof. Dr.
Klaus Matschke
Dresden
PD Dr. Christopher
Piorkowski
Dresden
PD Dr.
Henrik Schneider
Wismar
Dipl.-Med.
Frank Schwertfeger
Dahme-Spreewald
Prof. Dr.
Burkhard Sievers
Remscheid
Prof. Dr. Dr.
Anil-Martin Sinha
Hof
Univ.-Prof. Dr.
Ruth Strasser
Dresden
Dr. Hubert Topp
Hameln-Pyrmont
Prof. Dr. Jan Torzewski
Kempten
Dr. PeerEkkehart Waurick
Dahme-Spreewald
Prof. Dr. Joachim Weil
Lübeck
Prof. Dr. Uwe Wiegand
Remscheid
It feels like …
my heart is broken
KONZENTRIEREN
Herzmedizin ist nicht gleich Herzmedizin. Jede Krankheit hat fast ihre
eigene Disziplin. Eines aber gilt für alle: Im entscheidenden Augenblick
muss das Richtige entschieden werden.
14 KONZENTRIEREN WOLFGANG HEMMER / NICOLAS DOLL
fig.: 100 Kilometer auf dem Rennrad — für Dirk Larsen kein Problem, seit sein Aortenklappendefekt von einem Stuttgarter Herzspezialisten « repariert » wurde.
W O L F G A N G H E M M E R / N I C O L A S D O L L K O N Z E N T R I E R E N 15
BIOLOGISCHE LÖSUNGEN FÜR HERZKLAPPEN
Klappe, die erste:
Haute Couture fürs Herz
Mit raffinierten Operationstechniken reparieren Stuttgarter Herzspezialisten defekte Aortenklappen ohne körperfremde Implantate.
Eigentlich wusste Dirk Larsen seit seinem 18.
Lebensjahr, dass sein Herz nicht ganz in Ordnung
ist. Damals wurde ein leichter Aortenklappendefekt festgestellt — Ursache unbekannt. Doch der
sportliche Unternehmer aus Hamburg fühlte sich
jahrelang fit — bis er mit 46 Jahren plötzlich einen
Augeninfarkt erlitt. Dieser akute Verschluss einer
Augenarterie führt zur plötzlichen Sehverschlechterung, Ursache ist meistens eine Herz-KreislaufErkrankung. Bei Larsen diagnostizierten die Ärzte
eine schwere Verkalkung der Aortenklappe, ein
operativer Eingriff war unumgänglich.
« Bei der Implantation einer künstlichen Herzklappe hätte ich lebenslang Blutgerinnungshemmer nehmen müssen, diese Abhängigkeit wollte
ich auf keinen Fall », erzählt Larsen. Aber auch
eine biologische Klappe aus tierischem Gewebe
war für ihn keine gute Alternative, weil solche
Implantate bei relativ jungen Menschen nur begrenzt haltbar sind.
Herzklappentausch statt Klappenersatz
Die rettende Lösung fand Larsen bei Prof. Dr.
Wolfgang Hemmer, Leitender Arzt Spezielle Herzklappenchirurgie in der Sana Herzchirurgie Stuttgart. Er ist weltweit einer der wenigen langjährig
erfahrenen Spezialisten für die Ross-Operation,
die in Deutschland nur wenige Herzzentren anbieten. Bei diesem komplexen Eingriff, benannt nach
seinem Erfinder Donald Ross, spendet sich der
Patient den Ersatz für die defekte Aortenklappe
quasi selbst.
« Für sonst gesunde Patienten im jungen und
mittleren Alter ist diese Operation der beste Weg »,
erklärt Hemmer. « Weil wir keinen Fremdkörper
implantieren, brauchen sie keine Blutgerinnungs-
« Für sonst
gesunde
Patienten im
jungen und
mittleren Alter
ist die RossOperation
der beste
Weg. »
Prof. Dr. Wolfgang Hemmer
Leitender Arzt Spezielle
Herzklappenchirurgie
Sana Herzchirurgie Stuttgart
mittel, und die transplantierte körpereigene Klappe funktioniert sehr zuverlässig und dauerhaft. »
Im Prinzip geht es bei der Ross-Prozedur um
einen Klappentausch: Der Herzchirurg entfernt
die defekte Aortenklappe und ersetzt sie durch
die anatomisch fast identische Pulmonalklappe
des Patienten. An deren Stelle wird eine pulmonale Spenderklappe eingesetzt — ein sogenannter Homograft, der aus explantierten Herzen
gewonnen wird. Der Clou des « Ventiltauschs »:
Die anfälligere Spenderklappe leistet ihre Dienste
im mechanisch weniger belastenden Niederdrucksystem des rechten Herzens und ist somit sehr
haltbar. Die « geswitchte » eigene Lungenklappe
wiederum hält dem hohen Blutdruck des linken
Herzens problemlos stand und passt sich der
16 KONZENTRIEREN WOLFGANG HEMMER / NICOLAS DOLL
« Eine sehr geübte
Hand ist oberste
Voraussetzung für
das Gelingen dieses
anspruchsvollen
Eingriffs, denn wenn
etwas schiefgehen
würde, hätte der
Patient gleich
zwei Herzklappenprobleme. »
Prof. Dr. Nicolas Doll
Ärztlicher Direktor und Chefarzt
Sana Herzchirurgie Stuttgart
Arnies Ross-Kur
Öffentlich sprach er
nicht darüber, doch
Arnold Schwarzenegger
wusste von seinem
angeborenen Herzfehler.
Mit 50 Jahren riet ihm
sein Arzt, die defekte
Aortenklappe mit einer
Ross-Operation zu
kurieren. Schwarzenegger legte sich unters
Messer — doch der
Eingriff misslang. Seitdem schlägt sein Herz
mit zwei körperfremden
Klappenimplantaten.
neuen Position sogar an, indem sie sich zunehmend verdickt.
Herzklappen nachhaltig rekonstruieren
Die Operation dauert etwa vier Stunden und fordert dem Chirurgen eine Vielzahl von diffizilen
Schnitten und Nähten ab. « Eine sehr geübte Hand
ist oberste Voraussetzung für das Gelingen dieses anspruchsvollen Eingriffs, denn wenn etwas
schiefgehen würde, hätte der Patient gleich zwei
Herzklappenprobleme », sagt Prof. Dr. Nicolas
Doll, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Sana
Herzchirurgie Stuttgart. Komplikationen sind bei
den mittlerweile fast 700 Patienten, die in Stuttgart in 20 Jahren nach der Ross-Methode operiert wurden, nur sehr selten aufgetreten. « Wir
kontrollieren alle Fälle nach und dokumentieren
die Ergebnisse in einem unabhängigen Register.
Es zeigt sich, dass unsere Patienten hinsichtlich
der Lebensqualität und Lebenserwartung nicht
von der gesunden Bevölkerung zu unterscheiden
sind », so Hemmer.
Übrigens setzen die Stuttgarter Herzchirurgen
auch bei der Behandlung von Patienten mit einer
reinen Insuffizienz der Aortenklappe bevorzugt
auf den Erhalt der eigenen Herzklappe statt auf
Klappenersatz. Diese Undichtigkeit kann zum
Beispiel durch den mit Abstand häufigsten angeborenen Herzfehler entstehen, die bikuspide
Aortenklappe, bei der statt drei nur zwei Klappentaschen ausgebildet werden.
Rund zwei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, doch oft tritt die Störung erst im
Erwachsenenalter auf. Sofern es der Gewebezustand dann zulässt, werden die undichten
Aortenklappen mit verschiedenen Operationsverfahren repariert und in ihrer Funktion wiederhergestellt. « Die Versorgung mit einer künstlichen
oder biologischen Klappe wäre zwar unkomplizierter, doch für die meisten Patienten ist die
Rekonstruktion der eigenen Klappe die nachhaltigere Lösung », meint Doll.
Das sieht auch Dirk Larsen so. Zehn Tage
nach der Ross-Operation und nach drei Wochen
Reha konnte er wieder mit vollem Einsatz arbeiten. Wenige Wochen später stand er wieder auf
dem Snowboard. Und heute geht Larsen auch
nach 100 Kilometern auf dem Rad die Puste nicht
mehr aus. Nur eine 25 Zentimeter lange Narbe
erinnert ihn noch an den komplizierten Eingriff.
« Ansonsten habe ich keinerlei Einschränkungen
und fühle mich topfit. »
W O L F G A N G H E M M E R / N I C O L A S D O L L K O N Z E N T R I E R E N 17
HERZKLAPPEN
Schleusen, die das Leben regeln
Herzklappen arbeiten wie Rücklaufventile und sorgen
für den richtigen Blutfluss
SCHEMA
pe
p
lkla
fig. links: Jede Herzhälfte
hat eine Segelklappe und
eine Taschenklappe. Die
Segelklappen zwischen
Vorhof und Kammer heißen links Mitralklappe und
rechts Trikuspidalklappe.
Die Taschenklappen liegen
jeweils zwischen Kammer
und Gefäß und heißen links
Aortenklappe und rechts
Pulmonalklappe.
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fig. oben: Das rechte Herz
(blau) befördert sauerstoffarmes Blut aus dem Körper
in die Lunge. Dort wird es
mit Sauerstoff angereichert
und strömt über das linke
Herz (rot) und die Aorta in
den Körper.
kla
ral
Mit
FÜLLUNGS- UND AUSWURFPHASE
fig. 01: Diastole: Blut
fließt durch geöffnete
Segelklappen in die
Kammern, die Taschenklappen sind geschlossen.
fig. 02: Systole: Auswurfphase, bei der Blut in
die Aorta gepumpt wird.
Geschlossene Segelklappen verhindern
Blutrückfluss.
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rechte Herzkammer
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02
linke Herzkammer
rechte Herzkammer
linke Herzkammer
Die fünf häufigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland
Wenn der Lebensmotor nicht mehr rundläuft
1. Bluthochdruck
Die mit Abstand
häufigste Herz-Kreislauf-Erkrankung. Etwa
20 Prozent aller
erwachsenen Deutschen leiden darunter,
im Alter sogar deutlich
mehr. Die Hälfte der
Betroffenen ahnt lange
nichts von diesem
« silent killer ».
2. Koronare
Herzerkrankung
Über drei Millionen
Menschen in Deutschland sind von Engstellen oder Verschlüssen
der Herzkranzgefäße
betroffen, die schlimmstenfalls zum plötzlichen
Herztod führen können.
3. Herzklappenerkrankung
Bei rund zwei Prozent
der über 55-Jährigen
und rund 13 Prozent
der über 75-Jährigen
arbeiten die Herzklappen nicht effizient
genug, um den Blut­kreis­lauf konstant zu
halten.
4. Herzinsuffizienz
Etwa zwei Millionen
Deutsche leiden an
chronischer Herzleistungsschwäche, einer
Erkrankung, bei der
die Pumpleistung des
Herzens eingeschränkt
ist und immer weiter
nachlässt.
5.Herzrhythmusstörungen
Herzrhythmusstörungen
wie etwa das Vorhofflimmern gehören zu
den häufigsten Gründen
für den Arztbesuch.
Weltweit sind etwa
5,5 Millionen Menschen
von Vorhofflimmern
betroffen.
18 K O N Z E N T R I E R E N A X E L H A R N AT H / J Ü R G E N K R Ü L L S - M Ü N C H
A O R T E N K L A P P E N E R S AT Z P E R K AT H E T E R
Klappe, die zweite: Minimale
Schnitte — maximale Wirkung
Viele hochbetagte Menschen leiden an einer Verkalkung der
Aortenklappen. Dank eines schonenden Eingriffs gewinnen sie
heute Lebensqualität und Lebensjahre.
Für die Patientin war es buchstäblich kurz vor
zwölf. Einen Tag vor Silvester wird die 77-Jährige
in das Sana-Herzzentrum in Cottbus eingeliefert.
Die Diagnose: hochgradige Aortenklappenstenose
mit beginnendem Lungenödem und nur noch 20
Prozent Herzpumpleistung, dazu schwere Diabetes
und gestörte Nierentätigkeit. Das Ärzteteam um Dr.
Axel Harnath, leitender Oberarzt der Kardiologie,
entscheidet sich rasch für einen Eingriff. Kaum
eine Stunde später hat die Patientin eine neue
Herzklappe, und ihr Zustand ist wieder stabil. « In
diesem Fall war die kathetergestützte Intervention
das einzig mögliche lebensrettende Verfahren »,
so Harnath. « Eine konventionelle Operation am
offenen Herzen und mit mehrstündiger Vollnarkose
hätten wir nicht riskiert. »
Die Aortenklappenimplantation mittels Herzkatheter, kurz TAVI, ist eine schonende Behandlungsoption, die sich speziell für ältere, schwer
kranke Patienten eignet. Der Eingriff am schlagenden Herzen geschieht meist ohne Vollnarkose. Über einen wenige Zentimeter kleinen Schnitt
in der Leiste schiebt der Kardiologe unter Röntgenkontrolle einen Katheter durch die Aorta bis
in die Herzkammer. An der Katheterspitze sitzt
ein Ballon, der sich in der Aortenklappe aufdehnt
und die Verengung öffnet. Dann wird der Klappenersatz millimetergenau in Position gebracht
und automatisch aufgespannt. Das Implantat, eine
Bioklappe aus Schweinegewebe, drückt die verkalkte Aortenklappe an die Gefäßwand und nimmt
seine Arbeit als Druckventil unmittelbar auf. Die
Intervention, bei der auch ein Herzchirurg mitwirkt,
erfolgt in einem Hybridoperationssaal, der neben
dem Katheterplatz auch mit dem Operationsinventar für eine notfalls nötige chirurgische Interfig.: TAVI schont ältere Patienten: kein großer Eingriff, aber mit höchstem Erfolg.
A X E L H A R N A T H / J Ü R G E N K R Ü L L S - M Ü N C H K O N Z E N T R I E R E N 19
vention ausgestattet ist. Nach einem Tag auf der
Intensivstation und einigen weiteren Tagen unter
stationärer Beobachtung kann der Patient die
Klinik verlassen — mit deutlich weniger Beschwerden und einer viel besseren Vitalität.
« Vor dem Eingriff hatte ich bei der kleinsten
Anstrengung Atemnot und kam vor Schwäche
kaum mehr aus dem Sessel. Jetzt kann ich sogar
wieder wandern gehen », erzählt Friedrich Popp,
der in Cottbus mit der TAVI-Methode behandelt
wurde. Das schonende Katheterverfahren erwies
sich für den 71-jährigen Patienten als Therapie
der Wahl, weil er wegen anderer Herzerkrankungen
bereits mehrfach operiert worden war. Auch in
diesem Fall wäre die Operation am offenen Herzen zu riskant gewesen. Andererseits war die
Verkalkung der Aortenklappe bereits so weit fortgeschritten, dass sich der Gesundheitszustand
des Patienten ohne Ersatzklappe rapide verschlechtert hätte.
« Ohne Behandlung liegt die Lebenserwartung
dieser Erkrankten bei maximal zwei Jahren. Die
Prognose für sie ist mindestens so schlecht wie
bei Krebserkrankungen », erklärt Dr. Jürgen KrüllsMünch. Der Chefarzt der Cottbuser Kardiologie
betont aber, dass die kathetergestützte Behandlungsoption nicht für jeden Patienten geeignet ist
und nur in spezialisierten Zentren durchgeführt
werden sollte.
Für den Behandlungserfolg entscheidend ist
das enge Zusammenwirken von Kardiologen und
Herzchirurgen, sowohl beim Eingriff selbst als
auch bei der Diagnostik. Zunächst beurteilt das
« Eine konventionelle Operation
am offenen Herzen und mit
mehrstündiger Vollnarkose ist
bei vielen Patienten zu riskant. »
Dr. Axel Harnath
Leitender Oberarzt Kardiologie
Sana-Herzzentrum Cottbus
Framingham — Mekka der Herzforscher
Eine amerikanische
Kleinstadt bei Boston
hat die moderne
Herzmedizin maßgeblich vorangebracht.
Jeder zweite Bewohner
zwischen 30 und 62
Jahren, insgesamt
etwa 6.000 Bürger von
Framingham, wurde
seit 1948 regelmäßig
von Forschern des
National Heart Institute
untersucht und befragt.
Zunächst war das
Ziel, herauszufinden,
warum Herz-KreislaufErkran­kun­gen in der
Nachkriegszeit deutlich
zugenommen hatten.
Die Wahl fiel auf
Framingham, weil die
Bevölkerungsstruktur
dort exakt dem
amerikanischen
Durchschnitt entsprach.
Den Studienpionieren
verdankt die Nachwelt
sowohl den Begriff
« Risikofaktor » als auch
die Erkenntnis, dass
Rauchen, fettreiche
Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel Herz und
Gefäße schädigen.
Seit ihrer Geburtsstunde
haben sich mehrere
Zehntausend Bürger
von Framingham der
Forschung zur Verfü-
gung gestellt. Heute gilt
die Framingham Heart
Study (FHS) als eine
der wichtigsten
Medizinstudien weltweit.
Mittlerweile rekrutieren
die Forscher bereits die
Enkelgeneration — um
die Rolle der Gene
bei Herz-KreislaufErkrankungen besser
zu verstehen.
fig.: Mit regelmäßigen
Röntgen- und Blutuntersuchungen ebenso wie mit
Befragungen zu den
Lebensgewohnheiten der
Probanten wollten die
Forscher der FraminghamStudie die Ursachen für
Herzkrankheiten ergründen.
In den 1950er-Jahren erkrankte daran jeder vierte
Mann über 55 Jahren.
20 K O N Z E N T R I E R E N A X E L H A R N AT H / J Ü R G E N K R Ü L L S - M Ü N C H
Ärzteteam gemäß dem Alter und den Begleitkrankheiten des Patienten, ob
eher ein Katheterverfahren oder eine herzchirurgische Operation empfehlenswert ist. Dabei orientieren sie sich an europäischen Leitlinien und einem
Punktesystem, das die Risiken einer Operation beschreibt. « Die Leitlinien
geben einen sinnvollen Rahmen vor, lassen dem Herzteam aber den Spielraum, nach dem physischen und psychischen Gesamtbild des Patienten
zu urteilen », so Harnath. Wichtig seien auch die Einbindung des Patienten
in das familiäre Umfeld und seine Kommunikationsfähigkeit, ergänzt KrüllsMünch: « Es wäre ein völlig falscher Weg, wenn Angehörige den kathetergestützten Eingriff für ihre Verwandten einfordern, obwohl diese in ihrer
Wahrnehmung bereits sehr eingeschränkt sind. »
In Deutschland werden mittlerweile knapp ein Drittel aller Aortenklappenersatz-Operationen kathetergestützt vorgenommen. Das heißt aber
nicht, dass die Kardiologen die Herzchirurgen auf diesem Gebiet arbeitslos
machen. Vielmehr haben Studien gezeigt, dass noch vor kaum einem Jahrzehnt 30 Prozent der älteren Patienten mit Aortenklappenstenose überhaupt
nicht versorgt wurden, weil der chirurgische Eingriff persönlich nicht gewünscht oder aus ärztlicher Sicht zu riskant gewesen wäre. Diesen Hochrisikopatienten kann dank der TAVI-Intervention heute geholfen werden.
Ohne diesen Eingriff hätte die Notfallpatientin vom Silvestervortag das
neue Jahr wohl nicht mehr erlebt. Dank ihrer neuen Herzklappe kann sie
ihren Alltag nun wieder selbständig meistern.
« Ohne Behandlung liegt die Lebenserwartung von Patienten mit
schwerer Aortenklappenverkalkung
bei maximal zwei Jahren. »
Dr. Jürgen Krülls-Münch Chefarzt Kardiologie Sana-Herzzentrum Cottbus
Heldentat fürs Herz
fig.: Schon während seiner Studienzeit hat sich
Werner Forßmann mit der
Herzdiagnostik beschäftigt. Doch seine Idee, das
Herz mit einem Katheter
zu untersuchen, wurde
jahrzehntelang nicht ernst
genommen.
fig.: Das Röntgenbild
der ersten Herzkatheteruntersuchung im Frühjahr
1929: Über den Oberarm
schob Forßmann den
Gummischlauch 65
Zentimeter weit bis in die
rechte Herzkammer vor.
Mit dem verwegenen
Experiment wollte
Werner Forßmann
Karriere machen: Im
Sommer 1929 schlich
sich der junge Assistenzarzt in einen
Operationssaal, schnitt
sich in die Ellenbeuge
und trieb den Schlauch
eines Harnkatheters
durch die Armvene bis
zur rechten Herzkammer vor. Seinen
heroischen Selbstversuch dokumentierte er
mit einem Röntgenbild
und einem Aufsatz, der
sofort das Aufsehen der
Boulevardpresse
erregte. Weniger
begeistert war sein
Chef, der berühmte
Ferdinand Sauerbruch
von der Berliner
Charité. Er entließ den
beherzten Mediziner
mit den Worten: « Mit
solchen Kunststückchen habilitiert man sich
im Zirkus und nicht an
einer anständigen
deutschen Klinik! »
Erst 27 Jahre später
wurde seine Geschichte
zur Legende: 1956
erhielt Forßmann den
Medizin-Nobelpreis — für die Erfindung
des Herzkatheters.
D I R K F R I T Z S C H E / K R I S T I N R O C H O R K O N Z E N T R I E R E N 21
REKONSTRUKTION UND MITRACLIP
Klappe, die dritte:
Segelkunststücke
Viele Menschen leiden unter einer Insuffizienz der Mitralklappen.
In Cottbus werden zur Behandlung neuartige Verfahren eingesetzt.
Ihre Form ähnelt einer Bischofsmütze — der Mitra, daher der Name Mitralklappe. Die Herzklappe zwischen dem linken Vorhof und der linken Kammer
des Herzens hat eine ziemlich komplexe dreidimensionale Struktur. Sie
besteht aus dem Klappenring sowie einem vorderen und einem hinteren
Klappensegel, das an Sehnenfäden hängt. Diese sind mit Vorwölbungen
des Herzmuskels der linken Herzkammer verbunden. Sobald auch nur
ein einzelnes Element dieser Struktur geschädigt ist, arbeitet der gesamte
Mitralklappenapparat nicht mehr richtig.
Im Gegensatz zur Aortenklappe, bei der meistens
eine zu enge Öffnung Probleme macht, ist die
Mitralklappe oft nicht dicht genug. Wenn dieses
Ventil nicht mehr richtig schließt, fließt das Blut mit
jedem Herzschlag in den Vorhof zurück und kann
sich bis in die Lunge stauen. Etwa zehn Prozent
aller über 75-Jährigen sind von einer solchen Mitralklappeninsuffizienz betroffen. Sie leiden bei
fig.: Im Rahmen von regelmäßigen MitraClip-Konferenzen arbeitet die Kardiologin mit einem Herzchirurgen zusammen. Dabei wägen die Ärzte das operative
Risiko des Patienten und die Erfolgschancen der unterschiedlichen Methoden gegeneinander ab.
22 KONZENTRIEREN DIRK FRITZSCHE / KRISTIN ROCHOR
geringsten Belastungen unter Atemnot und an
Ödemen in den Beinen oder im Bauch. « Die Mitralklappenchirurgie hat in den vergangenen Jahren
innovative und schonende Operationsverfahren
ohne Öffnung des gesamten Brustkorbes entwi-
« Mit der Mitralklappenchirurgie
können wir gerade den älteren
Patienten gut helfen. »
Prof. Dr. Dirk Fritzsche
Chefarzt der Herzchirurgie
Sana-Herzzentrum Cottbus
Herzklappe aus dem Bioreaktor
Man nehme Zellen
aus dem Blut oder dem
Knochenmark eines
Erkrankten, siedle sie
auf einem Gerüst in
Herzklappenform an
und lasse sie in einem
Bioreaktor in einer
pulsierenden Nährflüssigkeit zu einer
echten Herzklappe
heranwachsen.
Noch stecken solche
Methoden zur Züchtung von körpereigenen
Ersatzklappen in
den Kinderschuhen.
Im Tierversuch mit
Schafen und Ratten
haben Forscher
weltweit bereits Erfolge verbucht.
Auch die Idee von gezüchteten Herzklappen
für Menschen ist mehr
als eine Vision.
In den Laboren funktioniert sie bereits.
ckelt, mit denen wir gerade den älteren Patienten
sehr gut helfen können », erklärt Prof. Dr. Dirk
Fritzsche, Spezialist für minimalinvasive Eingriffe
am Herzen und Chefarzt der Herzchirurgie am
Sana-Herzzentrum Cottbus.
Dort werden 84 Prozent der Mitralklappen­
patienten mit der « Chirurgie durchs Schlüsselloch » behandelt, gut 20 Prozent mehr als im
Bundesdurchschnitt. Dabei muss die Mitralklappe
oft gar nicht ersetzt werden, sondern kann je
nach Klappenschaden mit verschiedenen Operationsmethoden « repariert » werden. Bei diesen
Rekonstruktionsverfahren führt der Weg zum
Herzen über einen etwa fünf Zentimeter kleinen
Schnitt an der rechten Brustwand. Der Herz­
chirurg operiert mit speziellen endoskopischen
Instrumenten und mithilfe einer Videokamera.
Das erlaubt besonders exakte Reparaturen, weil
das Operationsfeld zehnfach vergrößert und gut
ausgeleuchtet auf dem Monitor erscheint.
Nach der erfolgreichen Rekonstruktion wird
ein künstlicher Mitralklappenring eingenäht, der
dafür sorgt, dass die Klappensegel stabil bleiben
und gut schließen. Als eine der ersten deutschen
Kliniken setzt das Cottbuser Herzzentrum einen
neuartigen Klappenring ein, der nach dem Eingriff
am schlagenden Herzen unter Ultraschallkontrolle von außen justiert werden kann. « Damit können
wir das Operationsergebnis noch weiter perfektionieren », so Fritzsche, der diese Operation in
Cottbus erstmals vorgenommen hat. Selbst wenn
die Mitralklappeninsuffizienz später wieder auftritt,
kann der Ring ohne weitere Operation ambulant
von außen über zwei Elektroden nachgestellt
werden.
Es gibt allerdings Patienten, denen selbst das
minimalinvasive chirurgische Verfahren zur Rekonstruktion der Mitralklappe nicht zumutbar ist,
etwa Hochbetagte mit zahlreichen Begleiterkrankungen, Patienten mit hochgradiger Herzschwäche oder mehrfach am Herzen Voroperierte. Dank
eines neuartigen kardiologischen Verfahrens
können auch diese Hochrisikopatienten in Cottbus
versorgt werden. Beim Mitraclipping wird die undichte Mitralklappe verengt, indem die Klappensegel bei schlagendem Herzen mit einer oder
mehreren Klammern zusammengeheftet werden.
Über einen nur einen Zentimeter langen Schnitt
in der Leiste und mittels eines steuerbaren Katheters wird der Clip millimetergenau platziert.
D I R K F R I T Z S C H E / K R I S T I N R O C H O R K O N Z E N T R I E R E N 23
Eine Vollnarkose ist nötig, weil die Bildgebung mittels
einer in die Speiseröhre eingeführten Schluck­
ultraschallsonde geschieht. « Diese Sonde zeigt
ein räumliches Bild vom Herzinneren, deshalb
können wir die Bewegung der Mitralklappe genau
verfolgen und den Clip an der undichtesten Stelle
anbringen », erklärt Dr. Kristin Rochor, Oberärztin
der kardiologischen Klinik.
Deutlich geringere Klappeninsuffizienz
Beim MitraClip-Eingriff, der zwischen zwei und drei
Stunden dauert, arbeitet die Kardiologin mit einem
Herzchirurgen zusammen, auch die Auswahl der
geeigneten Patienten geschieht gemeinsam im
Rahmen von regelmäßigen MitraClip-Konferenzen.
Dabei wägen die Ärzte das operative Risiko des
Patienten und die Erfolgschancen der unterschiedlichen Methoden gegeneinander ab.
Zwar kann das Mitraclipping die Klappeninsuffizienz deutlich verringern, aber meist nicht
ganz beheben. Doch die deutlich verbesserte
Lebensqualität rechtfertigt den Eingriff bei der
entsprechenden Patientengruppe, meint Rochor:
«Einer meiner Patienten hat es so ausgedrückt:
Vor dem Clipping habe er nur noch bis zur nächs­
ten Woche gedacht, danach wieder bis zum nächs­
ten Jahr und darüber hinaus. »
« Einer meiner Patienten hat es
so ausgedrückt: Vor dem
Clipping habe er nur noch bis
zur nächsten Woche gedacht,
danach wieder bis zum nächs­
ten Jahr und darüber hinaus. »
Dr. Kristin Rochor
Oberärztin Kardiologie
Sana-Herzzentrum Cottbus
Mitralklappen-Clipping
Klammern für die Segelklappen
DER EINGRIFF
fig. 01: Zwischen linkem
Vorhof und linker Herzklappe
dient die Mitralklappe als
Einlassventil. Schließt
01
sie nicht mehr dicht,
ist der Blutfluss
gestört.
fig. 02: Der MitraClip wird
über einen flexiblen Katheter
ins Herz gebracht. Beim
Zurückziehen des Katheters
greift der Mechanismus die
Klappensegel und fixiert sie
an der undichten Stelle.
02
fig.: Der weniger als ein
Zentimeter kleine MitraClip,
hier mit geöffneten Cliparmen,
besteht aus einer KobaltChrom-Verbindung mit
Polyesterbeschichtung.
24 KONZENTRIEREN RUTH STRASSER
fig.: Dorit Grahl (links), zertifizierte
Herzinsuffizienzschwester, in der
gemeinsamen Telefonvisite mit
Prof. Dr. Ruth Strasser.
Das Call-and-Care-Konzept
TELECOACHING – DIE IDEE
fig.: Während des stationären Aufenthalts erhält
der Patient Kontakt zur
zertifizierten Herzinsuffizienzschwester sowie
Schulung am Tablet-PC.
fig.: Die Herzinsuffizienzschwester berät
und schult ihre Patienten
regelmäßig per TabletPC. Im Bedarfsfall
koordiniert sie die Zusammenarbeit der betreu-
enden Ärzte in Praxis
und Klinik. Der direkte
Blickkontakt mit den
Patienten hilft bei der
Einschätzung ihres
Befindens und schafft
Vertrauen.
fig.: Das ärztliche Team
in der Klinik erhält
von der Herzinsuffizienzschwester regelmäßig Informationen
über den Patientenzustand und steht zur
Verfügung, wenn Spezialistenrat gefragt ist.
fig.: Der Haus- oder
Facharzt wird informiert,
wenn der Patient
eine schnelle ärztliche
Vorstellung benötigt,
da eine neue Dekompen­
sation droht.
R U T H S T R A S S E R K O N Z E N T R I E R E N 25
TELECOACHING BEI HERZINSUFFIZIENZ
Direkter Kontakt zum Herzen
Patienten mit Herzschwäche brauchen eine engmaschige Betreuung.
Das Herzzentrum Dresden geht ganz neue Wege.
ACE-Hemmer, Betablocker, AT1-Antagonisten,
Aldosteron-Antagonisten, Diuretika, Mineralocorticoide oder Blutgerinnungshemmer sind die
Standardpräparate zur Therapie der chronischen
Herzinsuffizienz. Bis zu einem Dutzend Medikamente müssen Patienten mit Herzschwäche
jeden Tag einnehmen — exakt dosiert, zuverlässig
und meist ein Leben lang. Ein Medikamentenmarathon, der ohne eiserne Disziplin kaum zu
bewältigen ist. Das gilt auch für viele andere
Verhaltensregeln, die bei Herzinsuffizienz zu befolgen sind, damit die Krankheit nicht entgleist.
Zum Beispiel die tägliche Bewegung — obwohl
jeder Schritt schwerfällt. Oder der Verzicht auf zu
viel Flüssigkeit — obwohl herzschwache Patienten
ständig Durst haben. Oder die kontinuierliche
Gewichtskontrolle, die salzarme und maßvolle
Ernährung, die Aufmerksamkeit hinsichtlich der
Bildung von Ödemen — und dies alles, obwohl
die Betroffenen oft niedergeschlagen, antriebslos
und nicht selten sogar depressiv sind.
« Ein Großteil der Herzinsuffizienzpatienten ist
mit dem täglichen Management seiner Erkrankung
restlos überfordert », so Prof. Dr. Ruth Strasser,
Direktorin der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie und Ärztliche Direktorin des Herzzentrums
Dresden. « Um sie zu informieren, zu motivieren,
zu geleiten und aufzubauen, braucht es eine intensive und langfristige Betreuung über den Hausarztbesuch hinaus. Auch die Notwendigkeit, eine
drohende Dekompensation frühzeitig zu erkennen,
ist unsere zentrale Aufgabe. »
Diese Ziele stehen im Mittelpunkt eines von
Strasser initiierten Forschungs- und Behandlungskonzepts, das derzeit in Dresden mit Leben gefüllt
wird. Die Vision: Über ihren Fernsehbildschirm
oder einen Tablet-Computer erhalten Herzinsuffizienzpatienten neben Informationen zu ihrer
Krankheit einen direkten Draht zu speziell ausge-
bildeten Insuffizienzschwestern. Diese zertifizierten Betreuungsexpertinnen
spielen eine Schlüsselrolle beim Telecoaching: Sie kontaktieren die Patienten
nach dem Klinikaufenthalt regelmäßig zu festen Terminen, beantworten
Fragen und holen Informationen über deren Befinden und Verhalten ein.
Gibt es Probleme mit der Tabletteneinnahme? Wie funktioniert das Bewegungsprogramm? Kontrolliert der Patient regelmäßig sein Gewicht?
Solche Themen wird die Herzinsuffizienzschwester Dorit Grahl künftig
regelmäßig per Videotelefonie abklären und protokollieren. « Wenn der Patient etwa rasch zunimmt, hat sich möglicherweise Wasser in seinem Körper
eingelagert. Dann rate ich ihm zu einem Arztbesuch oder bitte den Hausarzt,
einen Termin zu vereinbaren », erklärt Grahl. Das Wissen über das komplexe
Krankheitsbild Herzinsuffizienz hat sie sich bei einer drei­monatigen speziellen
Ausbildung angeeignet, die sie mit der Abschlussprüfung und dem Zertifikat
der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie abgeschlossen hat.
Telecoaching verbessert die medizinische und ärztliche Betreuung
Ihre künftige Betreuungsklientel lernt Grahl bereits vor der Klinikentlas­
sung persönlich kennen und kann ein vertrauensvolles Verhältnis zu den
Patienten aufbauen. Bei Bedarf steht sie ihren Patienten auch außerhalb
der vereinbarten Coaching-Termine mit Rat und Tat zur Seite, kann gegebenenfalls Experten des Herzzentrums zum Gespräch hinzuholen und
Kontakte zu niedergelassenen Ärzten vermitteln. Dieses engmaschige
und flächendeckende Kommunikationsnetz ist das Herzstück des Telecoaching-Projekts.« Es ersetzt den Arzt nicht, kann aber Notfallsituationen
vorbeugen und Krankenhausaufenthalte vermeiden », so Strasser. « Die
Standardmedikamente zur Therapie der
Herzinsuffizienz
AT1-Blocker/ ACE-Hemmer:
Bewirken eine Gefäßerweiterung und
damit eine Entlastung des Herzens
(genannt Nachlastreduktion).
Betablocker: Verlangsamen den
Herzschlag und bremsen den
schädlichen Sympathikotonus (die
schädlichen Stresshormone).
Diuretika: Reduzieren die Salzund Wasserüberladung in der
Herzinsuffizienz und lindern dadurch
die Luftnot und die Ödeme.
Mineralocorticoide: Unterstützen
die Wirkung der AT1-Blocker und
ACE-Hemmer und reduzieren
Salz- und Wasserüberladung.
Nachweislich sind AT1-Blocker, ACEHemmer und Betablocker lebensverlängernde Medikamente für Patienten mit
Herzinsuffizienz.
26 KONZENTRIEREN RUTH STRASSER
Zahl der Erkrankten steigt sprunghaft, und ohne
solche innovativen Ansätze werden wir diese
Menschen kaum mehr angemessen betreuen
können. Insbesondere in Regionen, in denen die
flächendeckende und engmaschige Betreuung
der Patienten gefährdet ist. »
Patienten als aktive Partner in ihrer Krankheit
« Ein Großteil der Herzinsuffizienzpatienten ist mit dem täglichen
Management seiner Erkrankung
restlos überfordert. »
Univ.-Prof. Dr. Ruth Strasser
Ärztliche Direktorin und Direktorin der Klinik für
Innere Medizin und Kardiologie
Herzzentrum Dresden
Tatsächlich ist Herzinsuffizienz in Deutschland
derzeit die häufigste Ursache für eine Krankenhauseinweisung. Etwa 1,3 Millionen Menschen sind
davon betroffen, jährlich kommen etwa 300.000
neue Patienten hinzu. Oft leiden sie zudem unter
Begleiterkrankungen wie Herzrhythmusstörungen,
Blutarmut oder Lungen- und Nierenerkrankungen.
Für die Behandlung der Herzmuskelschwäche
gibt es zwar immer bessere Therapien, doch man
weiß inzwischen auch, dass sie nachhaltig nur
erfolgreich sind, wenn die Patienten selbst zu
aktiven und wissenden Partnern ihrer Krankheit
werden. Auch dabei hilft Telecoaching: Es trainiert das Selbstvertrauen der Betroffenen und
den selbstverantwortlichen Umgang mit ihrer
Krankheit. Sie entwickeln ein besseres Verständnis für einen gesunden Lebensstil. Sie lernen,
die Alarmzeichen für eine Verschlechterung zu
deuten. Und sie verstehen, dass nur ein einziges
vergessenes Medikament eine lebensbedrohliche
Krankheitseskalation und einen erneuten Krankenhausaufenthalt auslösen kann.
step 03 — Das erschöpfte Herz
step 02 — Teufelskreis Herzinsuffizienz
Wenn das Herz wegen
eines beschädigten
Herzmuskels , ver­
ursacht etwa durch
Bluthochdruck,
Arteriosklerose oder
Herzklappenerkrankungen, nicht mehr genug
Blut in die Organe
pumpt, aktiviert der
Körper verschiedene
Notfallmaßnahmen.
Bestimmte Botenstoffe
treiben das Herz zu
mehr Leistung an.
Weitere Botenstoffe
hemmen die Flüssigkeitsausscheidung der
Nieren , um den
Blutdruck trotz schwacher Herzleistung
aufrechtzuerhalten.
Dieses Alarmsystem
hilft zwar kurzfristig,
doch es endet längerfristig in einem Teufelskreis, der das Herz
immer weiter schwächt.
Mit Medikamenten kann
diese Abwärtsspirale
durchbrochen werden.
sinkende
Herzleistung
(Herzzeitvolumen)
step 01 — Erkrankungen
beschädigen den
Herzmuskel
— step 12 step 11 — verschlechterte
Pumpmechanik
step 10 —
step 08 — Ausschüttung
step 09 — step 04— steigende
Sympathikusaktivität,
Ausschüttung von
Stresshormonen
step 06 — Dehnung der
Herzwände
Überladung des
Gefäßsystems
(führt zu Ödemen)
verringerte
Gewebedurchblutung
von Hormonen, die
Wasser und Blutsalze
im Gefäßsystem
zurückhalten
erhöhter
Gefäßdruck
step 05— steigender
Puls und
Blutdruck
step 07— Nierenfunktion
verschlechtert sich
C H R I S T O P H E R P I O R K O W S K I / K L A U S M A T S C H K E K O N Z E N T R I E R E N 27
T E L E M O N I T O R I N G G I B T H E R Z PAT I E N T E N S I C H E R H E I T
Elektronische Schutzengel
Keine Zukunftsmusik: Miniwächter im Patientenherz,
die biologische Signale direkt in die Klinik senden.
Fast 10.000 Kilometer Luftlinie trennen Dr.
Christopher Piorkowski und seine Patientin, und
doch hat er ihre Herzaktivität jederzeit im Blick. Die
junge Frau hat eine Herzmuskelerkrankung, die zu
lebensbedrohlichen Kammerrhythmusstörungen
führen kann. Deshalb ist sie am Herzzentrum
Dresden mit einem implantierbaren Defibrillator
versorgt worden. Das etwa münzgroße Gerät,
auch ICD genannt, ist mit einem Schrittmacher
vergleichbar, es beendet auftretende Rhythmusstörungen automatisch durch Stromimpulse und
verhindert einen drohenden Herzstillstand. Normalerweise kommen die Träger solcher Implantate
alle drei Monate zur Nachkontrolle in die Klinik,
so Piorkowski, Leitender Arzt der Abteilung für
Invasive Elektrophysiologie: « Doch weil diese
Patientin in Brasilien lebt, haben wir ihr eine
Übertragungseinheit mitgegeben, mit der die
Überwachung ihres Gesundheitszustands und
der Gerätefunktion auch über große Distanzen
hinweg funktioniert. »
Dem Notfall zuvorkommen
Telemonitoring — die Fernüberwachung von Patienten mit Implantaten wie Herzschrittmacher,
Defibrillatoren oder EKG-Rekorder — diente ursprünglich vor allem der technischen Gerätekontrolle.
Inzwischen sind die Implantate aber so « intelligent »
geworden, dass sie mittels Sensoren nicht nur
sich selbst, sondern auch Vitalparameter wie die
Herzfrequenz, den Blutdruck oder die Atemfrequenz des Patienten überwachen können — rund
um die Uhr und « just in time ».
Was vor wenigen Jahren wie Science-Fiction
klang, ist heute klinische Realität. Kürzlich hat
Piorkowski erstmals einen neuartigen EKG-Chip
implantiert, der so winzig ist, dass er mit einer
Spritze unter die Haut in die Brust des Patienten
injiziert wird. Dieser Minirekorder zeichnet nun
« Wir erkennen an den Aufzeichnungen zum Beispiel die
Vorzeichen eines Schlaganfalls oder Hinweise auf ein gefährliches Kammerflimmern. »
PD Dr. Christopher Piorkowski
Leitender Arzt Invasive Elektrophysiologie
Herzzentrum Dresden
28 K O N Z E N T R I E R E N C H R I S T O P H E R P I O R K O W S K I / K L A U S M AT S C H K E
pausenlos den Herzrhythmus auf und überträgt
die Messdaten über eine Sendestation in festgelegten Intervallen an das Herzzentrum. Sobald der
« elektronische Schutzengel » auf dem häuslichen
Nachttisch des Patienten auffällige Werte sendet,
erhalten die Kardiologen Rückmeldung und vereinbaren kurzfristig einen Termin in der Klinik.
« Wir erkennen an den Aufzeichnungen zum
Beispiel die Vorzeichen eines Schlaganfalls oder
Hinweise auf ein gefährliches Kammerflimmern »,
erklärt Piorkowski. « Davon profitieren zum Beispiel Patienten mit Verdacht auf seltene Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern oder unklare
Ohnmachtsanfälle. » Auch bei schwerer Herzinsuffizienz werden in manchen Fällen Defibrillatoren
oder kardiale Resynchronisierungssysteme
(s. S. 42) implantiert, die sowohl den Herzschlag
überwachen als auch den Gesundheitszustand
der Erkrankten laufend kontrollieren. Die Miniwächter liefern neben dem Herzfrequenzprofil
oder den Blutdruckwerten inzwischen sogar Hinweise auf die Entstehung von Lungenödemen.
Das Bestechende an der Telemonitoring-Nachsorge: Sie erfasst diese biologischen Warnsignale,
bevor der Patient überhaupt erst merkt, dass
etwas nicht in Ordnung ist. Und die Ärzte können
der Verschlechterung der Krankheit rechtzeitig
zuvorkommen, etwa durch Anpassung der Me-
dikamente. Das medizinische Frühwarnsystem
zeigt nachweislich Wirkung: Laut einer neuen
Studie haben telemedizinisch betreute Patienten
mit einer schweren Herzinsuffizienz und einem
implantierten Defibrillator nicht nur einen stabileren Krankheitsverlauf, sondern ihre Erkrankung
endet auch wesentlich seltener tödlich.
Günstigere Prognosen, mehr Sicherheit, verbesserte Lebensqualität — für Herzpatienten mit
implantierten Aggregaten ist Telemonitoring eine
effiziente und wirksame Betreuungsoption. Doch
läuft die technische Fernüberwachung nicht Gefahr, zum Beziehungskiller zwischen Arzt und
Patienten zu werden? Ganz im Gegenteil, meint
Piorkowski: « Wenn das Telemonitoring im klinischen
Alltag konsequent und verlässlich umgesetzt wird,
dann intensiviert sich das Arzt-Patienten-Verhältnis sogar. » Zum Beispiel bei einem seiner Patienten, dessen EKG-Rekorder außergewöhnlich
oft Störsignale sendete. Nach etlichen Telefonaten konnten Arzt und Patient die « Störenfriede »
ausfindig machen — glücklicherweise nicht im
Herzen des Patienten, sondern in seinem Radio­
wecker und seinen Kühlschrankmagneten. Jetzt
ist der Rekorder nachjustiert, und alle können
wieder ruhig schlafen. Offenbar bleibt der Kontakt
von Mensch zu Mensch trotz aller technischen
Errungenschaften in der Medizin unersetzlich.
Hochleistungsorgan Herz
Feinfühliger Schwerstarbeiter im Dauerbetrieb
Zirka 100.000 Mal
schlägt das Herz jeden
Tag, über 35 Millionen
Mal im Jahr. Pro Minute
pumpt es fünf bis sechs
Liter Blut durch die
Adern, rund 8.000 Liter
täglich. Bei einem
70­-Jährigen sind das
seit der Geburt über
200 Millionen Liter — genug, um mehr als
drei große Tankschiffe
zu füllen.
Für diese Mammut­
leistung wendet das
Herz täglich etwa so
viel Energie auf, wie
benötigt wird, um einen
Güter­­waggon einen
Meter hochzuheben .
Im Laufe eines Lebens
schlägt das Herz mehr
als drei Milliarden Mal.
Damit erzeugt der
faustgroße Muskel aus
eigener Kraft fast so
viel Energie wie die
Jahres­leistung einer
modernen Windkraftanlage .
C H R I S T O P H E R P I O R K O W S K I / K L A U S M A T S C H K E K O N Z E N T R I E R E N 29
« Das menschliche
Herz ist keine
simple mechanische Pumpe,
sondern ein hochkomplexes Organ,
das kaum mit
einem künstlichen
‹ Ersatzteil › zu
imitieren ist. »
Prof. Dr. Klaus
Matschke
Ärztlicher Direktor
der Klinik für
Herzchirurgie
Herzzentrum
Dresden
HERZUNTERSTÜTZUNGSSYSTEME
Zusatzmotor für
schwache Herzen
Künstliche Ersatzherzen sind immer noch Vision.
Eine Art Hilfspumpe kann Leben retten.
Ist die Herzinsuffizienz so weit fortgeschritten, dass der Erkrankte nur noch
mit einer Herztransplantation zu retten ist, kann die lange Wartezeit auf
ein Spenderorgan mit einer Art « Zusatzmotor » überbrückt werden. Das
Kunstherz-Unterstützungssystem ist eine mechanische Pumpkammer unter der Bauchdecke, die das Blut durch einen Zugang an der Herzspitze
absaugt und über einen Schlauch oberhalb der Herzklappe in die große
Körperschlagader leitet. Das System erhöht die Herzleistung und entlastet
den Herzmuskel, der natürliche Herzschlag bleibt aber unverzichtbar, weil
nur die Pulswelle des Herzens das Blut bis in die Kapillaren des Blutkreislaufs pumpen kann. Ein elektronisches Steuersystem überwacht die Arbeit
der Pumpe, die durch Batterien angetrieben wird. Beide Komponenten
trägt der Patient außerhalb des Körpers in einem Halter oder Rucksack.
Herzunterstützungssysteme arbeiten sehr zuverlässig, nachteilig sind jedoch Infektionsrisiken an den Austrittsstellen der Kabel und die zwingende
Einnahme von Blutgerinnungshemmern.
Wird es in Zukunft ein komplett künstliches Ersatzherz geben? « Das
menschliche Herz ist keine simple mechanische Pumpe, sondern ein hochkomplexes Organ, das kaum mit einem künstlichen ‹ Ersatzteil › zu imitieren
ist », so Prof. Dr. Klaus Matschke, Direktor der Klinik für Herzchirurgie am
Herzzentrum Dresden. « Außerdem ist die Hemmschwelle hoch, weil das
menschliche Herz vollständig entfernt und durch eine Maschine ersetzt
würde – ein einziger technischer Ausfall, und der Patient wäre tot. »
Die Weste fürs Leben
Etwa 100.000 Menschen
erliegen jährlich in
Deutschland dem
plötzlichen Herztod .
Oft ist die Ursache eine
Herzrhythmusstörung ,
die zum Herzstillstand
führt. Falls rechtzeitig
ein Defibrillator zur Hand
ist, kann der Patient
gerettet werden, doch
mit jeder Minute ohne
Versorgung sinken seine
Überlebenschancen
um zehn Prozent. Weit
besseren Schutz bietet
ein implantierter
fig.: Wenn die LifeVest
Anzeichen eines
gefährlichen Kammerflimmerns erkennt,
startet sie automatisch einen
Behandlungsmodus.
Defibrillator , aber nicht
in jedem Fall ist die
dauerhafte Implantation
sinnvoll. Solche Patienten
können zuverlässig mit
LifeVest geschützt
werden, einem auf dem
Brustkorb getragenen
Defibrillator, der lebensbedrohliche Rhythmusstörungen automatisch
erkennt und per Stromstoß beendet.
30 KONZENTRIEREN PETER KRAEMER / VOLKER HIPPLER / DOROTHEA DREIZEHNTER
G E M E I N S A M S TA R K
Versorgung im Netzwerk
— ein Ausblick
Wird künftig jeder Patient vom rasanten Fortschritt der
Herzmedizin profitieren? Warum nicht!
Dr. Dorothea
Dreizehnter
Generalbevollmächtigte
Region
NordrheinWestfalen
Volker Hippler
Generalbevollmächtigter
Region Nord
Dr. Peter Kraemer
Projektleiter und
Direktor
(administrativ)
CardioMed Nord
Die Zahl der Herzpatienten wird durch die steigende Lebenserwartung weiter zunehmen und damit auch der Versorgungsbedarf. Gefragt sind kluge
Strategien zur Bewältigung dieser Zukunftsaufgabe — zum Beispiel durch
die Entwicklung neuer Versorgungslandschaften über Krankenhausgrenzen hinweg. Ein Gespräch mit den Initiatoren kardiologischer Netzwerke
innerhalb der Sana Kliniken AG.
CardioMed Nord ist eine neuartige Vernetzung zwischen verschiedenen Sana Kliniken in Schleswig-Holstein und MecklenburgVorpommern. Wie funktioniert die Zusammenarbeit konkret?
Volker Hippler: Wir haben das Wissen und die Erfahrungen der Herzmedizin an unseren Standorten in Lübeck, Eutin und Oldenburg, Wismar
sowie Elmshorn und Pinneberg gebündelt. Die dort ansässigen Chefärzte
für Kardiologie leiten gemeinsam das Kompetenzzentrum Sana CardioMed
und kooperieren eng mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
und dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Lübeck sowie
mit Internisten und Hausärzten vor Ort. Nach wie vor halten natürlich alle
beteiligten Krankenhäuser die kardiologischen Grund- und Schwerpunktleistungen vor, damit die Patienten im Notfall unmittelbar und qualitativ
hochwertig versorgt werden können. Spezialisierte Angebote wie die Elektrophysiologie oder die Behandlung von Vorhofseptumdefekten bieten die
erfahrenen Experten in den jeweiligen Häusern zusätzlich standortübergreifend in der gesamten Region an.
Wie profitieren die Patienten von dieser Vernetzung?
Sie erhalten bei CardioMed Nord qualitativ sehr hochwertige medizinische
Leistungen aus einer Hand und in der Nähe ihres Wohnorts. Im Verbund
können die beteiligten mittelgroßen Krankenhäuser ein durchgängiges Behandlungskonzept mit gemeinsamen Qualitätsrichtlinien anbieten, das alle
medizinischen Aspekte abdeckt — von der Erstdiagnose über die Grundbehandlung bis hin zu hoch spezialisierten Eingriffen und zur Nachsorge.
Derzeit knüpfen wir das kardiologische Netz auch mit den niedergelassenen
Ärzten noch dichter, denn nur so können Herzkrankheiten schnell erkannt
und behandelt werden.
Wie wirkt sich die neue Kooperation auf den Klinikalltag aus?
Dr. Peter Kraemer: Wir hören immer wieder, dass diese Vernetzung der
Motivation von Ärzten und Mitarbeitern einen Schub gegeben hat. Sie ma-
P E T E R K R A E M E R / V O L K E R H I P P L E R / D O R O T H E A D R E I Z E H N T E R K O N Z E N T R I E R E N 31
chen die Erfahrung, dass man im Verbund einfach
stärker ist und mehr bewegen kann. Außerdem hat
der Zusammenschluss zum Kompetenzzentrum
die Attraktivität der einzelnen Kliniken bezüglich der
Aus- und Weiterbildung erhöht. Durch die Erweiterung unseres kardiologischen Leistungsspektrums
bieten wir nun spannende Arbeitsplätze mit guten
Zukunftschancen.
Auch im Herznetz Nordrhein-Westfalen
haben mehrere Krankenhäuser ihre kardiologische Expertise gebündelt. Welches Ziel
verfolgt dieser Zusammenschluss?
Dr. Dorothea Dreizehnter: Mit dem Herznetz NRW
verfolgen wir eine Idee, die sich von herkömmlichen
Netzwerkaktivitäten grundsätzlich unterscheidet.
Ein zentraler Punkt unseres Ansatzes ist, dass
der Spezialist zum Patienten kommt und nicht wie
üblich umgekehrt. Wir setzen dieses Thema derzeit konsequent für das Fachgebiet Rhythmologie
um. Prof. Dr. Wiegand, der diese Fachabteilung
in Remscheid leitet, ist einer der wenigen ausgewiesenen Experten in Deutschland. Da liegt es
nahe, dass er seine Expertise auch Patienten in
Hameln, Duisburg und Düsseldorf anbietet, und
zwar direkt vor Ort. Dadurch haben erstens die
Patienten kürzere Wege, und zweitens trägt er
sein Spezialwissen und seine Erfahrung in die
Teams an den jeweiligen Standorten. Das verbessert die Qualität der Ausbildung — auch durch
die Zunahme der Fallzahlen — und generiert neue
Experten auf dem immer wichtiger werdenden
Gebiet der Rhythmologie.
Deutet diese neue Rolle des « mobilen
Spezialisten » einen Paradigmenwechsel in
der Organisation der Versorgung an?
Durchaus. Mit dem « Silodenken » innerhalb der
klinischen Versorgung, also dem isolierten Nebeneinander der verschiedenen Fachgebiete, werden
die Herausforderungen der Zukunft kaum zu bewältigen sein, gerade in der Kardiologie mit ihrem
immensen Patientenzuwachs und ihren immer
komplexeren und oft auch interdisziplinären Diagnosen und Therapien. Entlang dieser Behandlungswege brauchen die Ärzte eine hohe Flexibilität und
Kooperationsbereitschaft — stets zum Wohl des
Patienten. Diesen ganzheitlichen Ansatz möchten
wir im Herznetz Nordrhein-Westfalen künftig auch
in anderen Fachbereichen verfolgen.
Herzbericht 2013
Ost-West-Gefälle bei Herzkrankheiten
837
Stationäre
Behandlungsfälle
Herzkrankheiten je
100.000 Einwohner
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80
Immer weniger Deutsche
sterben an HerzKreislauf-Erkrankungen,
doch bei der Herzgesundheit gibt es deutliche
regionale Unterschiede.
Zu diesem Ergebnis
kommt der Herzbericht
2013 der Deutschen
Herzstiftung. Die Bewohner östlicher Bundes­
länder wie Sachsen oder
Mecklenburg-Vorpommern
etwa sind deutlich
häufiger wegen Herzkrankheiten im Krankenhaus als die Bevölkerung
von Hamburg, Bayern
oder Baden-Württemberg.
Die Ursachen: In
ländlichen Gebieten ist
das medizinische
Versorgungsnetz längst
nicht so dicht wie in den
großen Ballungsgebieten.
Außerdem gibt es große
regionale Unterschiede
bei der Altersstruktur,
itt
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Bu
dem Sozialstatus und
dem Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung.
32 KONZENTRIEREN JOACHIM WEIL / THOMAS HOFMANN / HENRIK SCHNEIDER / FRANZ HARTMANN
AM BEISPIEL SANA CARDIOMED NORD
Herzmedizin für alle Lebenslagen
Ob chronische Herzkrankheit, herzmedizinischer Notfall oder
angeborener Herzdefekt — Kardiologen und Herzchirurgen können
immer wirksamer helfen.
fig.: Herzgesundheit ist ein wichtiges Thema für alle — von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter.
J O A C H I M W E I L / T H O M A S H O F M A N N / H E N R I K S C H N E I D E R / F R A N Z H A R T M A N N K O N Z E N T R I E R E N 33
R E N A L E D E N E R VAT I O N
Hilfe, der Arzt kommt!
Auf Herz und Nieren
Mindestens zwölf Millionen Deutsche haben einen zu hohen Blutdruck. Ein
Kardiologe in Lübeck behandelt die Krankheit mit einem neuartigen Eingriff.
Die Redensart « jemand auf Herz und Nieren prüfen » macht auch medizinisch Sinn, denn beide
Organe beeinflussen sich vielfach gegenseitig.
Zum Beispiel sind die Nieren maßgeblich an der
Regulierung des Blutdrucks beteiligt. Dabei spielen hormonelle und neuronale Regelkreise eine
wichtige Rolle. Bluthochdruck kann zum Beispiel
durch eine ungewöhnlich hohe Reizübertragung
der Nerven zwischen Nieren, Herz und Gehirn
entstehen. Auf dieser Erkenntnis fußt die renale
Denervation, ein minimalinvasives Katheterverfahren zur Behandlung von Bluthochdruck. Bei
dem Eingriff wird ein steuerbarer Katheter mit
Elektrodenspitze durch die Bauchschlagader bis
zur Nierenarterie vorgebracht. Dort appliziert der
Kardiologe mit der Elektrodenspitze an mehreren
Stellen hochfrequente Energie und verödet durch
die entstehende Hitze das Nervengeflecht an der
Außenwand des Gefäßes. Diese « Denervation »
schaltet die Verbindung zwischen Nierennervenfasern und Gehirn dauerhaft aus und damit auch
jene neuronalen Überaktivitäten, die Bluthochdruck
verursachen können. Die Nieren selbst bleiben
unversehrt.
Bluthochdruck einfach wegoperieren? Ganz so
einfach ist es nicht, erklärt Prof. Dr. Joachim Weil:
« Das Verfahren ist nur für Patienten sinnvoll, die
eine therapieresistente Hypertonie haben, deren
Blutdruck also trotz der Einnahme von drei oder
mehr unterschiedlichen Medikamenten konstant
über 160 mmHg liegt. »
Der Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie an den Sana Kliniken Lübeck ist deutschlandweit einer der erfahrensten Experten für diesen
Eingriff, dem stets sorgfältige Voruntersuchungen
vorausgehen sollten. Ist der Bluthochdruck zum
Beispiel durch Schilddrüsenüberfunktion oder andere behandelbare Ursachen bedingt, gibt es
wirksamere Therapieoptionen. Auch ist nicht
gewährleistet, dass alle Patienten gleich gut auf
die renale Denervation ansprechen, die Erfolgsquote des Verfahrens liegt derzeit bei etwa 70
Prozent. Das zeigen auch neuere Daten aus den
USA. Letztlich ist die Methode derzeit nur indiziert,
wenn der Blutdruck nicht anders in den Griff zu
bekommen ist. Nach dem Eingriff stellt sich der
Effekt auf den Blutdruck erst nach ein bis drei
Monaten ein, durchschnittlich erreichen die Pati-
Die ärztliche Dienstkleidung
ist eigentlich recht zweckmäßig, kann aber auch zu
Fehldiagnosen führen.
Wissenschaftlich erwiesen
ist das Phänomen der
Weißkittelhypertonie bei der
Blutdruckmessung. Bei
jedem fünften Patienten
treiben Stress oder gar
Panik beim Anblick des
Doktors im Arztkittel die
Blutdruckwerte nach oben.
Überprüft der Patient
seinen Blutdruck dann zu
Hause, sind die Werte ganz
normal.
« Wenn ein Blutdruck
von 140 mmHg in
mittleren Jahren überschritten wird, genügt
ein weiterer Anstieg
von 10 mmHg, um das
Schlaganfallrisiko
zu verdoppeln. »
Prof. Dr. Joachim Weil
Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie
Sana Kliniken Lübeck
34 KONZENTRIEREN JOACHIM WEIL / THOMAS HOFMANN / HENRIK SCHNEIDER / FRANZ HARTMANN
enten eine Senkung von 25 mmHg. Voraussetzung für den dauerhaften
Erfolg ist allerdings, dass sie weiterhin Medikamente nehmen und ihren
Lebensstil blutdruckfreundlich umstellen — etwa durch Gewichtsabnahme,
mehr Bewegung oder eine salzarme Ernährung.
Dass die Volkskrankheit Bluthochdruck so weitverbreitet ist, liegt letztlich
auch daran, dass viele Menschen die damit verbundenen Risiken gewaltig
unterschätzen, meint Weil: « Wenn ein Blutdruck von 140 mmHg in mittleren
Jahren überschritten wird, genügt ein weiterer Anstieg von 10 mmHg, um
das Risiko für einen Schlaganfall zu verdoppeln. Das ist ein enormer Stellhebel. » Aber auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Bereits bei einer
relativ geringen Blutdrucksenkung reduzieren sich die Risiken für gefährliche
Folgeerkrankungen signifikant. Die größte Zukunftsaufgabe in Sachen Bluthochdruck ist für Weil deshalb neben der Entwicklung von maßgeschneiderten Medikamenten und anderen innovativen Verfahren schlicht und
einfach die konsequente Prävention von Kindesbeinen an.
Zauberflöte gegen Bluthochdruck
Musik von Mozart, Bach
und Händel senkt den
Blutdruck und die Herz­frequenz. Forscher
haben festgestellt, dass
der Genuss von
klas­sischer Musik HerzKreiskreislauf-Erkrankungen lindern kann — ganz ohne Risiken
und Nebenwirkungen.
Doch es muss nicht
immer Klassik sein.
Studien haben nachgewiesen, dass
sogar wilde HeavyMetal-Songs den
Blutdruck senken
können.
Geschmackssache
eben — meinen die
Forscher.
Musik, so die Erklärung,
beeinflusst das vegeta­
tive Nervensystem und
damit auch indirekt das
Herz-Kreislauf-System.
I N N O VAT I V E I N FA R K T V E R S O R G U N G
Rendez-vous im
Katheterlabor
Beim Herzinfarktnotfall zählt jede
Minute. Ein Projekt in Pinneberg
zeigt, wie die Rettung in der Klinik
beschleunigt werden kann.
Der Notruf kommt um sechs Uhr morgens — ein
älterer Mann mit starken Brustschmerzen und
Atemnot braucht dringend Hilfe. Kaum zwölf Minuten
später trifft der Rettungsdienst ein. Das EKG zeigt
die typischen Zacken eines ST-Hebungsinfarkts.
Der Notarzt weiß, dass bei dieser Art von Herzinfarkt keine Zeit zu verlieren ist. Zumeist ist ein
Herzkranzgefäß komplett verschlossen, und mit
jeder Minute verschlechtert sich die Prognose
dieser Patienten. Unverzüglich ruft der Rettungsdienst den diensthabenden Arzt der Intensivstation
des Regio Klinikums Pinneberg an. Während der
Rettungswagen wenige Minuten später startet,
informiert der Intensivmediziner die Kollegen in
der Kardiologie. Eine knappe halbe Stunde später
bringt der Rettungsdienst den Patienten direkt ins
bereits vorbereitete Katheterlabor und übergibt
ihn nach kurzer Rücksprache dem Kardiologenteam. Über einen Katheter wird das verschlossene
Herzkranzgefäß des Infarktpatienten mit einer
Ballonaufdehnung und einer Stent-Implantation
wieder eröffnet. Um 7.30 Uhr, nur 90 Minuten nach
dem Notruf, ist der Patient gerettet. Normalerweise
Männerherzen
Mythos Managerkrankheit
Lange galt der Manager
mit eng getaktetem
Terminkalender als
typischer Herzinfarktkandidat. Doch Studien
haben gezeigt, dass
das Gegenteil gilt: Je
niedriger der soziale
Status und der Bildungsstand, desto
höher das Infarktrisiko.
Inzwischen ist die
Wahrscheinlichkeit,
einen Herzinfarkt zu
erleiden, für Arbeiter
zwei- bis dreimal höher
als für Manager .
Forscher haben herausgefunden, dass
nicht der hektische
Arbeitstag das Problem
ist, sondern die langfristig starke Arbeitsbelastung bei gleichzeitig
empfundener Arbeitsplatzunsicherheit.
Außerdem ist ein
ungesunder Lebensstil — Rauchen, schlechte
Ernährung und Über-
gewicht — bei Arbeitern
weit mehr verbreitet als
in höheren sozialen
Schichten. Menschen
mit niedrigem Einkommen, Bildungsniveau
und Berufsstatus sind
häufiger betroffen von
Herzinfarkt und anderen
Krankheiten.
J O A C H I M W E I L / T H O M A S H O F M A N N / H E N R I K S C H N E I D E R / F R A N Z H A R T M A N N K O N Z E N T R I E R E N 35
beginnt die Katheterbehandlung von Herzinfarkten in Deutschland erst nach gut zwei Stunden.
« Durch den direkten Weg ins Katheterlabor
entfallen der Aufenthalt in der Notaufnahme und
die Ableitung eines weiteren EKG », erklärt Dr.
Thomas Hofmann, Chefarzt der Kardiologie am
Regio Klinikum Pinneberg. « Durch die Einführung
dieses Projektes konnten wir in Pinneberg die
Zeit vom ersten Patienten-Rettungsdienst-Kontakt
bis zur Wiedereröffnung der verschlossenen Koronararterie in unserem Herzkatheterlabor von
ursprünglich im Mittel 126 Minuten auf aktuell 82
verringern. »
Das multizentrisch durchgeführte Qualitätsprojekt FITT-STEMI zur Optimierung der Behandlungszeiten beim akuten Herzinfarkt wurde von
Prof. Karl Heinrich Scholz (Hildesheim) entwickelt,
inzwischen nehmen deutschlandweit etwa 50
Kliniken daran teil. Das Regio Klinikum Pinneberg
war eines der ersten, das sich daran beteiligt hat,
und dieses Projekt auch der Öffentlichkeit vorgestellt hat — mit einer unvermuteten Resonanz. Die
Zahl der Patienten mit Herzinfarktsymptomen,
die ohne Einschaltung des Rettungsdienstes in
die Notaufnahme kommen, habe sich seitdem
mehr als halbiert, so Hofmann: « Optimal wäre
aber, wenn alle Betroffenen wissen, was beim
Verdacht auf Herzinfarkt zu tun ist: Egal ob nachts
oder am Wochenende: Sofort die 112 anrufen
und professionelle Hilfe anfordern. Das erspart
das Risiko, auf dem Weg in die Klinik zusammenzubrechen, ebenso wie den Zeitverzug in der
Notaufnahme und rettet Menschenleben. »
« Durch den direkten Weg ins
Katheterlabor entfallen der
Aufenthalt in der Notaufnahme
und die Ableitung eines
weiteren EKG. »
PD Dr. Thomas Hofmann
Chefarzt der Kardiologie
Regio Klinikum Pinneberg
Frauenherzen
Weibliche Infarkte kommen durch die Hintertür
Der Herzinfarkt ist
keineswegs wie oft
vermutet eher eine
Männersache. Auch bei
Frauen sind Infarkte
und Schlaganfälle in
Deutschland inzwischen
die häufigsten Todesursachen. Der Herzinfarkt
kündigt sich bei ihnen
allerdings oft mit ganz
anderen Warnzeichen
an als bei Männern.
Häufig sind es untypische Symptome wie
Atemnot, Schwäche,
Übelkeit, Magenverstimmungen, Schlafstörungen und körperliche
Erschöpfung. Und
häufig treten diese
Vorzeichen bereits bis
zu einem Monat vor
dem eigentlichen Infarkt
auf. Auch den typischen
starken Schmerz im
Brustkorb verspüren
Frauen seltener,
stattdessen haben sie
eher ein Druck- und
Engegefühl. Viele
Frauen schätzen diese
gefährlichen Symptome
als eher harmlos
ein — wohl auch ein
Grund dafür, dass
inzwischen mehr
Frauen als Männer an
Herzinfarkt sterben .
36 KONZENTRIEREN JOACHIM WEIL / THOMAS HOFMANN / HENRIK SCHNEIDER / FRANZ HARTMANN
FRÜH ERKANNT — GUT GEBANNT
Beschirmte
Herzen
Defekte des Vorhofseptums gehören zu den häufigsten angeborenen
Herzfehlern. Manche lassen sich sogar
ohne Herzoperation korrigieren.
« Je frühzeitiger der Herzfehler
behandelt wird, desto
besser ist die Belastbarkeit der
Patienten. »
PD Dr. med. habil. Henrik Schneider
Chefarzt der Kardiologie
Sana Hanse-Klinikum Wismar
« Für den allgemeinen Arzt sind angeborene Herzerkrankungen von extrem geringem Interesse.
Fälle, die das Erwachsenenalter erreichen, sind
äußerst selten. » Seinerzeit waren die Worte des
berühmten Internisten William Osler sehr realistisch. Heute, gut ein Jahrhundert später, leben
in Deutschland etwa 300.000 Menschen mit angeborenen Herzfehlern — und viele führen ein
ganz normales Leben bis ins hohe Alter. Zum
Beispiel jene 70-Jährige, die nach Jahrzehnten
ohne Beschwerden immer öfter Atemnot hatte.
Bei der Herzultraschalluntersuchung im Sana
Hanse-Klinikum Wismar stellte sich heraus, dass
sie ein etwa sechs Millimeter großes Loch in der
Trennwand zwischen den beiden Herzvorhöfen
hatte — einen sogenannten Atriumseptumdefekt.
« Solche Zufallsbefunde sind bei diesem angeborenen Herzfehler nicht selten », sagt der behandelnde Kardiologe und Chefarzt der Klinik für
Kardiologie, Dr. Henrik Schneider. « Bei vielen
Patienten kann das Herz die Symptome bis ins
sechste Lebensjahrzehnt gut kompensieren, doch
danach werden sie immer stärker. »
Wie entstehen angeborene Herzfehler?
Das Herz ist das
allererste Organ, das
während der Embryonalentwicklung ausgebildet wird — und
gleichzeitig dasjenige,
bei dem die meisten
Fehlbildungen auftreten.
Bereits in der dritten
Schwangerschaftswoche entwickelt sich die
Herzhöhle, und die
Zellen, die zum Herzmuskel heranwachsen,
beginnen rhythmisch zu
pulsieren. Das Herz ist
zu dieser Zeit ein etwa
zwei Millimeter langer,
gebogener Schlauch.
Durch komplizierte
Drehungen bildet sich
das Herz schließlich
vollständig aus. Viele
Herzfehler entstehen in
dieser Entwicklungsphase, zwischen der
dritten und siebten
Schwangerschafts­
woche. Die Ursachen
dafür sind in den
meisten Fällen unklar.
In Deutschland kommt
jedes 100. Baby mit
einem Herzfehler zur
Welt, etwa 75 bis 80
Prozent müssen operiert
werden.
fig.: Der Herzschlag des
Embryos ist ab der achten
Schwangerschaftswoche auf
dem Ultraschall erkennbar,
ab der 16. Woche auch ein
Herzfehler.
J O A C H I M W E I L / T H O M A S H O F M A N N / H E N R I K S C H N E I D E R / F R A N Z H A R T M A N N K O N Z E N T R I E R E N 37
Kleine Vorhofseptumdefekte verursachen auch
langfristig kaum Beschwerden, doch ab einer
gewissen Größe ist der Blutfluss im Herzen gestört. Weil der Blutdruck im linken Vorhof etwa
sechsmal höher ist als im rechten, strömt eine
gewisse Blutmenge durch das Loch in den rechten Vorhof und die rechte Kammer bis in den
Lungenkreislauf. Dadurch gelangt weniger Blut in
den Körperkreislauf, und die erhöhte Blutmenge
belastet das rechte Herz und die Lungengefäße.
Wegen der ständigen Volumenüberlastung vergrößert sich das rechte Herz und bildet eine Rechtsherzinsuffizienz aus, außerdem sklerosieren die
Lungengefäße.
Schlimmstenfalls tritt die gefährliche Eisenmenger-Reaktion ein: Wenn der Blutdruck in der
Lunge den des Körperkreislaufs übersteigt, fließt
das Blut irreversibel von rechts nach links statt
umgekehrt. Weil das Blut dadurch weniger Sauerstoff anreichert, wird die Haut der Betroffenen
bläulich. Dann hilft nur noch die Transplantation
des Herzens und der Lunge. « Solche dramatischen
Krankheitsverläufe sind heute aber selten, durch
die intensive medizinische Beobachtung von
Säuglingen und Kleinkindern werden die meisten
angeborenen Herzfehler rechtzeitig erkannt und
behandelt », so Schneider
Standardisierte Entscheidungspfade verbessern die Qualität
Nach Schema SOP
Geballtes Expertenwissen auf einem Blatt
Papier — die sogenannten Standard Operating
Procedures , kurz SOP,
sind schriftlich fixierte
Abläufe, die den Ärzten
helfen, sich beim
Erkennen und Behandeln von Krankheitssymptomen auf das
Wesentliche zu
konzentrieren und
richtige Prioritäten zu
setzen.
Kommt etwa ein Patient
mit Thoraxschmerzen
in die Notaufnahme,
arbeitet das Behandlungsteam rasch und
systematisch ein festgelegtes Untersuchungsschema ab.
Wenn sich der Verdacht
auf Herzinfarkt zunächst
nicht bestätigt, weiß
jeder im Team, dass zur
Kontrolle nach vier
Stunden ein weiteres
EKG und eine Blutentnahme folgen müssen.
« Die SOPs schaffen
reproduzierbare Qualität
und verbessern die
Effizienz des ärztlichen
Handelns », erklärt Dr.
Franz Hartmann,
Chefarzt der Kardiologie in den Sana Kliniken
Ostholstein. Der Patient
profitiert dabei auch
von der besseren
Organisation seines
Klinikaufenthaltes.
Wartezeiten etwa
verkürzen sich und
Doppeluntersuchungen
Defektverschluss mit Schirmchen
Eine der häufigsten Formen des Vorhofseptumdefekts kann heute sogar mit einem schonenden
Kathetereingriff behandelt werden. Über einen
kleinen Schnitt in der Leiste schiebt der Kardiologe den Katheter über die Vene bis in den linken
Vorhof. Dann führt er ein zusammengefaltetes
Doppelschirmchen, Occluder genannt, durch den
Defekt hindurch, spannt es auf und verschließt
damit das Loch von beiden Seiten. « Die Wirkung
des Eingriffs hängt wesentlich davon ab, wie weit
die Schädigung des rechten Herzens fortgeschritten ist », erklärt Schneider. « Je frühzeitiger der
Defekt behandelt wird, desto besser ist die Belastbarkeit der Patienten. » So wie bei jener jungen
Frau, die während ihrer Schwangerschaft plötzlich
eine massive Rechtsherzschwäche bekam. Bei
der Untersuchung entdeckten die Ärzte einen 20
Millimeter großen Vorhofseptumdefekt. Nach der
Entbindung hat das Wismarer Kardiologenteam
den Defekt mit einem Schirmchen verschlossen,
nun kann die Patientin ohne Risiko weitere Kinder
bekommen.
« Standardisierte Behandlungsabläufe
schaffen
reproduzierbare Qualität
und verbessern
die Effizienz
des ärztlichen
Handelns. »
PD Dr. Franz Hartmann
Chefarzt der Kardiologie
Sana Kliniken Ostholstein, Klinik Eutin
werden vermieden.
Erfahrene Ärzte
formulieren die jeweilige
SOP unter Berücksichtigung des aktuellen
Fachwissens.
Auch eher seltene
Aspekte einer Erkrankung sind in den
Entscheidungspfaden
berücksichtigt und
müssen nicht extra
nachgelesen werden.
Trotz aller Standardi­­­sierung bleibt die
individuelle Situation
des Patienten stets
im Fokus , meint
Dr. Hartmann. « Die
Orientierung an
festgelegten Abläufen
ersetzt natürlich nicht
das ärztliche Denken. »
38 K O N Z E N T R I E R E N U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A LT M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L
« Heute lassen sich Herzrhythmusstörungen immer
öfter nicht nur lindern,
sondern wirklich heilen. »
Prof. Dr. Uwe Wiegand
Chefarzt Rhythmologie und Elektrophysiologie
Sana-Klinikum Remscheid
fig.: Die Behandlung von Herzrhythmusstörungen ist ein komplexes Thema. Umso wichtiger ist das persönliche Beratungsgespräch zwischen Rhythmologe
und Patient im Rahmen der Rhythmussprechstunde.
U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A L T M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L K O N Z E N T R I E R E N 39
ELEKTRIKER DES HERZENS
Herzen unter Strom
Die kardiologische Elektrophysiologie hat die Behandlung von
Herzrhythmusstörungen revolutioniert: Nur ein kleiner Eingriff — und
das Herz schlägt wieder im richtigen Takt.
Ruhig, rhythmisch und regelmäßig begleitet der
Herzschlag den Menschen — von der fünften Schwangerschaftswoche bis zum letzten Atemzug. Das
fortdauernde Pumpen des Herzens ist kaum spürbar
und entzieht sich weitgehend dem willentlichen
Einfluss. Wenn dieser vertraute Rhythmus aber
durcheinanderkommt — wenn das Herz plötzlich
rast, stolpert oder stockt —, sind die Betroffenen
oft zutiefst beunruhigt und verunsichert.
Dass das Herz hin und wieder aus dem Takt
gerät, muss noch kein Hinweis auf eine ernsthafte
Störung sein. Solche gelegentlichen « Fehlzündungen » seien ganz normal, sagt Prof. Dr. Uwe
Wiegand, Chefarzt des Spezialbereichs Rhythmologie und Elektrophysiologie am Sana-Klinikum
Remscheid: « Bei anhaltenden Beschwerden muss
die Herzrhythmusstörung aber von einem Fach-
mann sehr exakt diagnostiziert und therapiert
werden. Das ist eine äußerst komplexe Aufgabe,
allein schon wegen der vielfältigen Ursachen,
Entstehungsorte und Ausformungen dieser Erkrankung, deren Bandbreite von eher harmlos
bis lebensgefährlich reicht. »
Regelmäßige Rhythmussprechstunden
Der Rhythmologe Wiegand ist ein sehr erfahrener
Spezialist in dieser Disziplin, der sich seit mehr
als 20 Jahren mit Unregelmäßigkeiten der elektrischen Erregung des Herzens und deren Therapie
beschäftigt. Sein Fachgebiet vertritt Wiegand nicht
nur in Remscheid, sondern an allen Sana Standorten in Nordrhein-Westfalen. Zum Beispiel bietet
der « Elektriker des Herzens » alle zwei Wochen
eine spezielle Rhythmussprechstunde im Sana
fig.: Das Elektrokardiogramm
(EKG), eingeführt 1903
von Willem Einthofen, zeichnet die Summe der elektrischen Aktivitäten aller
Herzmuskelfasern auf.
So funktioniert die Elektrik des Herzens
Präzisionsarbeit beim Herzschlag
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Das Herz verfügt über
Millionen einzelner
Herzmuskelzellen, die
innerhalb von 0,1
Sekunden gleichzeitig
aktiviert werden
müssen. Für diese
Synchronschaltung
sorgt ein komplexes
System von spezialisierten Herzmuskelzellen. Elektrischer
Taktgeber ist der
Sinusknoten an der
Wand des rechten
Vorhofs.
Von dort gelangt die
elektrische Erregung
zum Atrioventrikularoder AV-Knoten an der
Grenze zwischen
rechtem Vorhof und
rechter Kammer. Der
AV-Knoten leitet den
elektrischen Impuls
weiter zum HIS-Bündel ,
das in der Scheidewand
zwischen Vorhöfen und
Kammern verläuft.
Dort teilt es sich in
einen rechten und einen
linken Kammerschenkel,
auch Tawara-Schenkel
genannt. Diese
verlaufen entlang der
Kammerscheidewand
Richtung Herzspitze
und zweigen sich dort
weiter in die PurkinjeFasern auf. Von dort
aus gehen die Erregungen direkt auf die
Kammermuskulatur
über.
40 K O N Z E N T R I E R E N U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A LT M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L
EKG-Ableitungen direkt aus dem Herzen und spürt
damit die Entstehungsorte der elektrischen Fehlimpulse millimetergenau auf. In den meisten Fällen
schaltet er sie anschließend auch gleich aus. Wiegand ist der behandelnde Spezialist für diese Katheterablation, deshalb kann er die Patienten in der
Rhythmussprechstunde darüber detailliert informieren. « Die Patienten schätzen sehr, dass derjenige,
der die Behandlung später durchführt, im Vorfeld
auch der Beratungspartner ist. So entsteht ein persönliches Vertrauensverhältnis, das gerade für
Herzpatienten sehr wichtig ist », so Dr. Christoph
Altmann, Chefarzt der Kardiologie im Sana Klinikum
Duisburg, der die Patienten für die Rhythmussprechstunde anhand der Diagnosen im Vorfeld auswählt.
Störquelle außer Gefecht
« Die Patienten schätzen sehr,
dass derjenige, der die
Behandlung später durchführt,
im Vorfeld auch der
Beratungspartner ist. »
Dr. Christoph Altmann
Chefarzt der Medizinischen Klinik I
Sana Klinikum Duisburg
Klinikum Duisburg an und erspart den Patienten
damit den meist langen Weg zum Experten. Viele
Erkrankte, die zu der Beratung kommen, leiden
unter Vorhofflimmern — der häufigsten Herzrhythmusstörung, von der in Deutschland etwa eine
Million Menschen betroffen sind. Im Gegensatz
zum Kammerflimmern ist diese Erkrankung nicht
akut lebensbedrohlich, doch die Patienten haben,
neben quälender Atemnot und Schwindelanfällen,
oft ein erhöhtes Schlaganfallrisiko.
Wenn die Behandlung mit Medikamenten keine
Besserung mehr bringt, klärt Wiegand anhand der
Krankengeschichte, der Begleiterkrankungen, der
EKG-Befunde und anderer diagnostischer Ergebnisse, ob im nächsten Schritt ein Termin für eine
elektrophysiologische Untersuchung sinnvoll ist.
Bei diesem Katheterverfahren misst der Arzt
Vorhofflimmern ist nur eine von vielen Herzrhythmusstörungen, die mit der Katheterablation behandelt
werden können. Das Verfahren wird vor allem bei
Tachykardien eingesetzt, das sind Rhythmusstörungen, bei denen das Herz zu schnell schlägt. Dazu
gehören etwa Vorhofflattern, Rhythmusstörungen,
die vom AV-Knoten ausgehen, aber auch solche,
die in der Herzkammer entstehen.
Ursprünglich ist die elektrophysiologische
Untersuchung, kurz EPU, vor allem ein Diagnose­
verfahren, bei dem der Arzt die Leitungszeiten im
Herzen misst und das Herz mit elektrischen Impulsen stimuliert, um der Rhythmusstörung auf
die Spur zu kommen. Heute ist die EPU fast immer auch mit der Ablation, also der Verödung der
Störquelle durch Hochfrequenzstrom oder Kälte,
verbunden. Mit einer etwa vier bis acht Millimeter
kleinen Katheterspitze setzt der Kardiologe Punkt
für Punkt jenes Herzgewebe außer Gefecht, das
die Fehlleitungen in der Herzelektrik verursacht.
« Durch die Vernarbung schaffen wir quasi eine
Isolierungsschicht, die keine Impulse mehr durchlässt », erklärt Wiegand. Die Behandlung im
Katheterlabor dauert in der Regel ein bis zwei
Stunden und ist für den Patienten völlig schmerzlos.
Sehr gute Erfolgsraten
« Die Katheterablation hat in den vergangenen
Jahren rasante Fortschritte gemacht. Umso wichtiger
ist es, dass ein ausgewiesener Experte diesen
Eingriff macht. Das gibt auch unseren Patienten
das nötige Gefühl der Sicherheit », sagt Dr. Hubert
Topp, Chefarzt der Kardiologie am Sana Klinikum
U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A L T M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L K O N Z E N T R I E R E N 41
Pulsierende Vielfalt
« Die Katheterablation hat
rasante Fortschritte gemacht.
Umso wichtiger ist es, dass
ein ausgewiesener Experte
diesen Eingriff macht. »
Das Pulsmessen ist
eines der ältesten
diagnostischen Verfahren und spielt bis heute
eine wichtige Rolle bei
der Diagnose von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dabei beurteilt
der Mediziner neben
Pulsfrequenz und
Pulsrhythmus auch die
Art des Pulsschlags ,
etwa ob er « weich »,
« schwach » oder
« schwirrend » ist.
Wichtig zu wissen: Der
Puls « tickt » keineswegs
so einheitlich wie ein
Uhrwerk. Bei Säuglingen
ist er fast doppelt so
hoch wie bei Erwachsenen, bei Männern
langsamer als bei
Frauen, und Ausdauersportler liegen mit 32 bis
Dr. Hubert Topp
Chefarzt der Kardiologie
Sana Klinikum Hameln-Pyrmont
Hameln-Pyrmont, das bei der EPU ebenfalls auf
die Expertise des Rhythmologen Wiegand setzt.
Am erfolgreichsten ist die Katheterablation bei
AV-Knotentachykardien, zusätzlichen Leitungsbahnen des Herzens und bei Vorhofflattern. Sehr
gute Erfolge werden auch beim anfallsweisen
Vorhofflimmern erzielt. Diese Rhythmusstörung
wird durch Extraschläge aus den Lungenvenen
ausgelöst. Bei der Ablation werden diese Blutgefäße
elektrisch vom linken Vorhof abisoliert. Die Extraschläge aus der Tiefe der Lungenvene erreichen
den Vorhof dann nicht mehr und können kein Vorhofflimmern mehr auslösen. Diese Art von Ablation
ist mittlerweile der häufigste Eingriff des Rhythmologen. Auch Herzflattern kann sehr wirksam mit
der EPU behandelt werden. Diese Herzrhythmus-
störung entsteht durch eine kreisende Störerregung
im rechten Vorhof. Bei der Ablation wird der störende Erregungskreis durchtrennt, und der Patient ist von seinem Herzflattern befreit.
Etwas schwieriger sind die Verhältnisse bei
anhaltendem Vorhofflimmern. Hier müssen neben den Lungenvenen auch Teile des rechten
und linken Vorhofs gezielt verödet werden. Dafür
ist manchmal ein zweiter Eingriff nötig.
« Unterm Strich liegen die Erfolgsraten der
Katheterablation je nach behandelter Herzrhythmusstörung zwischen 70 und 99 Prozent », so
Wiegand. « Und das ist das Besondere dieses
Eingriffs — ich kann Herzrhythmusstörungen
damit immer öfter nicht nur lindern, sondern
wirklich heilen. »
45 Schlägen pro
Minuten deutlich unter
dem Durchschnittswert
von etwa 70 Schlägen
pro Minute. Manche
Menschen haben
genetisch bedingt eine
höhere oder niedrigere
Pulsfrequenz als
normal, krank sind sie
deshalb aber nicht.
In der Traditionellen
Chinesischen Medizin
ist die Pulsmessung
übrigens bis heute das
wichtigste Diagnosewerkzeug für Krankheiten aller Art. Ein
erfahrener Therapeut
unterscheidet bis zu 32
Pulsqualitäten und
zieht daraus medizinische Rückschlüsse.
42 K O N Z E N T R I E R E N U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A LT M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L
CARDIALE RESYNCHRONISIERUNGSTHERAPIE
Ein Dirigent für die Herzkammern
Bei jedem dritten Patienten mit Herzschwäche pumpen die linke und
die rechte Kammer nicht mehr synchron. Mit einem neuartigen Implantat
arbeiten sie wieder in Einklang.
fig.: Physischer
oder psychischer
Herzschmerz?
Den Herzinfarkt hatte er überlebt, doch auch Monate
später ging es dem 56-jährigen Handelsvertreter
so schlecht, dass er nicht wieder arbeiten konnte. Bei dem schweren Infarkt war ein großer Teil
des Herzmuskelgewebes abgestorben, deshalb
pumpte sein Herz nur noch mit halber Leistung.
« Beim EKG zeigte sich dann eine Störung der
Reizleitung im Herzen, die bei Herzinsuffizienzpatienten nicht selten ist — ein sogenannter
Linksschenkelblock », sagt Prof. Dr. Thorsten Dill,
Chefarzt der Inneren Medizin am Sana Krankenhaus Düsseldorf-Benrath. « Durch diese Störung
kontrahieren sich die beiden Herzkammern für
Sekundenbruchteile nicht mehr gleichzeitig, das
Blut pendelt zwischen den Kammern hin und her,
und die Pumpleistung des Herzens ist deutlich
herabgesetzt. » Noch vor wenigen Jahren konnte
solchen Patienten nur noch mit einer Herztransplantation geholfen werden. Heute sorgt eine Art
Schrittmacher in Streichholzschachtelgröße dafür,
dass die Herzkammern wieder synchron arbeiten.
Bessere Pumpleistung
Bei der cardialen Resynchronisierungstherapie,
kurz CRT, stimulieren Elektroden am rechten
Vorhof, der rechten Herzkammer und über der
Seitenwand der linken Kammer das Gewebe, und
« triggern » damit die zeitgleiche Kontraktion. Über
einen kleinen Hautschnitt am Brustkorb führt der
Kardiologe dünne Drähte in die Herzvene ein und
Psychokardiologie
Ein Herz und eine Seele
Das Herz ist ein
Seismograf der Gefühle,
davon zeugen Redensarten wie « Das ist mir
zu Herzen gegangen »
oder « Es hat mir das
Herz gebrochen ». Auch
wissenschaftlich ist die
enge Verbindung
zwischen der Gefühlswelt und dem Pump­
organ erwiesen. So
können der Verlust des
Lebenspartners oder
andere seelische
Notlagen Herzkrankheiten verursachen, etwa
das Broken-HeartSyndrom .
Die infarktartige Störung
wird durch Stresshormone ausgelöst, die Teile
der Herzmuskelzellen
lahmlegen.
Auch traumatische
Ereignisse wie
Natur­katastrophen
oder Terroranschläge
wirken sich auf die
Herzgesundheit der
Bevölkerung aus:
Nach 9/11 registrierten
amerikanische Kardio­
logen mehr als doppelt
so viele gefährliche
Herzrhythmusstörungen
als zuvor, ähnliche
Folgen hatte der
Reaktorunfall von
Fukushima.
Ein weiteres Risiko für
Herzerkrankungen sind
Depressionen — und umgekehrt sind
Herzinfarkt oder
Herzschwäche nicht
selten der Auslöser von
Depressionen.
Inzwischen widmet sich
sogar ein medizinisches
Spezialgebiet den
Zusammenhängen
zwischen Herz und
Psyche. Die Psychokardiologie erforscht
diese Wechselwirkungen und hilft den
Patienten, ihre Herzkrankheit besser zu
verstehen und zu
verarbeiten.
U W E W I E G A N D / C H R I S T O P H A L T M A N N / H U B E R T T O P P / T H O R S T E N D I L L K O N Z E N T R I E R E N 43
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lenkt die Elektroden an ihren Einsatzort. Dann
schließt er die Elektroden an den Schrittmacher an,
der zwischen dem Brustmuskel und der Haut fixiert
wird. Anschließend testet das Behandlungsteam,
wie viel elektrische Energie für die korrekte Kontraktion des Herzens nötig ist, und das Gerät wird
entsprechend justiert.
Das CRT-Implantat kann aber nicht nur die
Pumpleistung des Herzens verbessern, sondern
die Patienten auch vor dem plötzlichen Herztod
schützen. Solche speziellen Schrittmacher sind
mit einem Defibrillator kombiniert, der lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen erkennt und
sie mit leichten Stromstößen beendet.
Auch der Düsseldorfer Herzinfarktpatient wurde mit einem solchen Kombinationsimplantat
versorgt, denn ein geschädigter Herzmuskel erhöht
das Risiko für den plötzlichen Herztod.
Nach wenigen Wochen ging es ihm wieder so
gut, dass er zurück in den Beruf konnte, berichtet
Dill: « Dank CRT können wir Schwerkranken mit
relativ einfacher Technik eine sehr hohe Lebensqualität zurückgeben. Das ist ein wirklich großer
Fortschritt. »
« Dank CRT
können wir
Schwerkranken
mit relativ einfacher Technik
eine sehr hohe
Lebensqualität zurückgeben. Das ist
ein wirklich großer
Fortschritt. »
Prof. Dr.
Thorsten Dill
Chefarzt der
Medizinischen
Klinik
Sana Krankenhaus DüsseldorfBenrath
Herzfrequenz bei Mensch und Tier
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Das Gesetz des Herzschlags
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gilt: Je kleiner das
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KOMMUNIZIEREN
Was liegt eigentlich Herzchirurgen und Kardiologen am Herzen? Wir
haben zwölf Chefärzte und leitende Ärzte befragt und einen Blick in die
nächste Zukunft gewagt.
46 KOMMUNIZIEREN FRANK SCHWERTFEGER
S P R E E WA L D K L I N I K L Ü B B E N
Immer das Gute
sehen
Frank Schwertfeger hatte als Rettungsarzt einen Unfall. Die Karriere als
Allgemeinarzt war zu Ende, heute ist er
Chefkardiologe im Spreewald.
Klinikum Dahme-Spreewald,
Spreewaldklinik Lübben
Schillerstraße 29
15907 Lübben
Telefon 03546 75-0
www.klinikum-ds.de
Als Notarzt im Einsatz einen Verkehrsunfall erleiden. Frank Schwertfeger hat es am eigenen Leib
erleben müssen: Danach war alles anders. Die
Karriere als Allgemeinmediziner war aufgrund der
Verletzungen erledigt. Trotzdem hat sich Schwertfeger durchgebissen. Er wurde Assistenzarzt für
Innere Medizin im damaligen Kreiskrankenhaus
in Lübben, später Facharzt für Angiologie und
Oberarzt für Kardiologie. « Als Stationsarzt in der
Kardiologie war ich sofort begeistert. Ein sehr
abwechslungsreiches und rasantes Arbeitsfeld.
Schnell und richtig entscheiden ist der Gradmesser für Erfolg. »
Im Spreewald kennt man den Chefarzt überall. Denn die Leidenschaft für die Notfallmedizin
ist geblieben, jahrelang war Schwertfeger trotz
seines Unfalles Leiter des Rettungsdienstes. In
dieser Zeit hat er überdies viel Aufklärung betrieben. In Patienten- und Stammtischseminaren
genauso wie im engen Kontakt mit den Hausärzten
in der Region. « Der entscheidende Fortschritt
war, die Sterblichkeitsrate bei Herzinfarkt im
Spreewald zu senken. »
Heute kümmert sich Schwertfeger unter
anderem um das Phänomen des kryptogenen
Schlaganfalls, der immerhin fast ein Drittel aller
Schlaganfälle umfasst. « Die Neurologen können
ihn nicht richtig erklären, und die Ursachen sind
nicht genau nachzuweisen. » Schwertfeger leitet
ein Pilotprojekt mit der Implantation von Aufzeichnungsrekordern, die nachweisen, ob nicht Vorhofflimmern oder anderen Rhythmusstörungen
dafür Auslöser sein können.
« Keine Macht der
Ohnmacht. Mit implantierten Monitoren
überwachen wir den
Herzrhythmus als
Einflussgröße für
Schlaganfall. »
Dipl.-Med. Frank Schwertfeger
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und
Angiologie, Chefarzt, Leitender Notarzt
Die Zukunft der Kardiologie ist bereits Wirklichkeit,
sagt der Herzmediziner. « Die Nanotechnologie
wird immer mehr Einzug halten. Zum Beispiel bei
den Schrittmachern. Mit einem Katheter setzt man
jetzt schon den Schrittmacher direkt im Herzen
ab. » Die Unvernunft der Menschen hinsichtlich
der Risikofaktoren wird sich nicht ändern. « Und
mit der Zunahme des metabolischen Syndroms
tickt die nächste Zeitbombe für Herzinfarkt und
Schlaganfall. »
H A R T M U T H A N K E K O M M U N I Z I E R E N 47
KARL-OLGA-KRANKENHAUS STUTTGART
Das gesamte Gefäßsystem
Hartmut Hanke hat die letzten 25 Jahre Kardiologie nicht nur begleitet,
sondern auch wissenschaftlich geprägt. Und zwar von A bis Z.
Bereits in der elften Klasse war für Hartmut Hanke
klar: « Ich will Kardiologe werden. » Als Leistungssportler faszinierte ihn das Wissen rund um Herz
und Kreislauf. Und es ließ ihn nie mehr los. Nur
einmal, es war im praktischen Jahr seines Medizinstudiums, zog es ihn in die Orthopädie. Aber die
Attraktivität der Herzmedizin war schließlich stärker.
« Die interventionelle Kardiologie ist bis heute mein
Ding. » Hanke war immer mit ganzem Herzen dabei.
Sei es bei den ersten Tierexperimenten rund um
die Erforschung der Restenose, dann die Laserangioplastie, bei der es um das Weglasern von
Engstellen in den Koronargefäßen geht, bis hin zu
den Excimer-Lasern in der modernen Gefäßmedizin.
Vor allem aber hat Hanke die dynamische
Entwicklung der interventionellen Kardiologie als
Wissenschaft miterlebt. Wobei, wie er zugibt,
immer ein Problem blieb, egal ob Anfang der
1980er-Jahre mit dem Aufdehnen von Engstellen
durch die Ballondilatation oder ob zehn Jahre
später durch das Weglasern und die intravasale
Bestrahlung: 40 bis 50 Prozent der Gefäße verengten sich anfangs wieder. « Erst die Stents
brachten die Revolution », betont Hanke. Die Res­
tenoserate ging auf acht bis zwölf Prozent zurück.
« Heute haben wir eine 90-Prozent-Langzeitsicher-
heit für den Patienten. » Und schon stehen die
nächsten Innovationen bereit. « Der nächste Sprung
sind die auflösbaren Stents. Auch die Akuttherapien
beim Herzinfarkt werden sich verbessern. »
Und die Zukunft im Karl-Olga-Krankenhaus?
« Wir betreiben hier nicht nur Kardiologie und Angiologie, sondern Gefäßmedizin allgemein. Die
Gefäßchirurgie ist ganz eng mit der Kardiologie
verknüpft. Das garantiert eine interdisziplinäre
Behandlung der Patienten auf gemeinsamer Station mit gemeinsamen Besprechungen und Visiten. »
Hinzu kommt der Einsatz des neuen ExcimerLasers, der nicht nur Schrittmachersonden entfernt,
die verwachsen sind. Eine Technologie, die übrigens jetzt auch bei Gefäßverengungen am Bein
wieder zum Einsatz kommt.
Kritisch steht Hanke hingegen dem Einsatz
moderner herzmedizinischer Technologien für
Gesunde gegenüber, nur um sie präventiv zu
begleiten. » Es ist nicht sinnvoll, dass bei jedem
über 40-Jährigen als Screening etwa ein KoronarCT durchgeführt wird. Da muss ein Krankheitsfall
dahinterstehen, sonst ist der kostenintensive
Einsatz der Ressourcen nicht zu rechtfertigen. »
Die Gefahr einer Zweiklassenmedizin, so Hanke,
sei ihm einfach zu groß.
« Die beste Vorbeugung gegen Herzinfarkt ist, dass der Patient gesund lebt.
Ein täglicher Spaziergang von einer
halben Stunde rettet bereits Leben. »
Prof. Dr. Hartmut Hanke
Facharzt für Innere Medizin, Chefarzt Innere Klinik II, Kardiologie, Angiologie und
Internistische Intensivmedizin
Karl-Olga-Krankenhaus
Hackstraße 61
70190 Stuttgart
Telefon 0711 2639-0
www.karl-olga-krankenhaus.de
48 KOMMUNIZIEREN JAN TORZEWSKI
HERZ- UND GEFÄSSZENTRUM OBERALLGÄU-KEMPTEN
Stark im Kommen
Jan Torzewski will die kardiologische
Versorgungsqualität im Allgäu entscheidend voranbringen und verbessern.
Herz- und Gefäßzentrum
Oberallgäu-Kempten
an der Klinik Immenstadt
Im Stillen 3
87509 Immenstadt
Telefon 08323 910 8950
am Klinikum Kempten
Robert-Weixler-Straße 50
87439 Kempten / Allgäu
Telefon 0831 530 2217
www.hgz-oa.de
Der Kemptener Kardiologe hat ein großes Ziel.
Er will das Allgäu mit seinen 500.000 Einwohnern und Millionen Touristen herzmedizinisch
auf Vordermann bringen. « Bislang gab es hier
keine optimale Versorgung. » Was wiederum
mit dem weitverbreiteten Stadt-Land-Gefälle in
Deutschland zu tun hat. Für Torzewski war es
jedoch die entscheidende Herausforderung. Im
Jahr 2008 ist er mit seinen beiden Chefarztkollegen Wulf Ito und Martin Karch ins Herz- und
Gefäßzentrum Oberallgäu mit den Standorten
Kempten und Immenstadt gegangen. « Ich wollte
immer Internist werden und manuell tätig sein. »
Zuvor war er auf wissenschaftlicher Wanderschaft: Studium in Mainz, Forschungsaufenthalt
in Cambridge und schließlich kardiologische
Fachausbildung in Ulm. Torzewski war einige
Jahre in der experimentellen Forschung aktiv.
Vor allem in der Erforschung der Gefäßverkalkung. Heute, sagt er, habe sich die medizinische
Perspektive geändert. Gefäßerkrankungen werden direkter mit entzündlichen Prozessen in
Zusammenhang gebracht. « Demnach ist die
Arteriosklerose eine Entzündungskrankheit. Eine
Entzündung in der Arterienwand. » Das Neue
daran: Mitschuldig sind womöglich Moleküle, die
diese Entzündung auslösen.
Fast perfekt
« Einer dieser Entzündungsfaktoren ist das Creaktive Protein, das CRP, das in der Leber gebildet wird und sich in den Gefäßen ablagert. »
Für Torzewski stellt sich in Zukunft die Frage,
ob man mit einer therapeutischen Hemmung
dieses Moleküls die Krankheit beeinflussen kann.
« Wir sind der Arteriosklerose neuartig
auf der Spur. In den
letzten 15 Jahren
hat ein Paradigmenwechsel in Diagnose
und Therapie
stattgefunden. »
Prof. Dr. Jan Torzewski
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und
Intensivmedizin, Chefarzt
Das Allgäu hat es ihm bereits in jungen Jahren
angetan. Seine Bundeswehrzeit verbrachte er in
den deutschen Alpen, heute lebt er mit Familie
und Kindern in dieser wunderschönen Gegend.
« Ein fast perfekter Ort, um aufzuwachsen », fügt er
hinzu. Jan Torzewski will daraus kardiologisch den
perfekten Ort machen. Dazu gehören die Einführung moderner kardiologischer Techniken wie der
Herzklappenersatz durch die Leiste, resorbierbare
Stents und auch eine optimale Notfallmedizin.
« Es ist wichtig, dass zum Beispiel die Herzinfarktpatienten die Kliniken früh genug erreichen.
Das Notfallnetzwerk muss auch Menschen oben
in den Bergen schnellstens versorgen. »
N O U R E D D I N E E L M O K H T A R I K O M M U N I Z I E R E N 49
IMLAND KLINIK RENDSBURG UND ECKERNFÖRDE
Wir stehen erst am Anfang Nour Eddine El Mokhtari forscht über den Einfluss der Gene auf
den Herzinfarkt. Er erhofft sich große Fortschritte auf diesem Gebiet.
Nour Eddine El Mokhtari hatte am Ende des
Medizinstudiums eine klare Erkenntnis: « Jetzt
kannst du in jede Fachrichtung gehen. » Er wurde
Kardiologe. « Es hat mich gereizt, auch notfallmedizinisch tätig sein zu können. » Aber noch mehr
angetan war er von der handwerklichen Fingerfertigkeit in der Herzmedizin. « Wir Kardiologen
sind einerseits Klempner. Wir beschäftigen uns
mit der Durchgängigkeit und Funktion von Rohren
und Pumpen. Andererseits sind wir Elektriker, die
sich mit Reizleitungen und Rhythmusstörungen
beschäftigen. »
Das richtige Werkzeug
El Mokhtari ist ein selbstkritischer Arzt. Vieles, was
das Herz betrifft, so sein Credo, ist noch unerforscht.
« Wir wissen bis heute eigentlich nicht genau, warum die Arterienverkalkung stattfindet. » Darüber
hinaus sei wenig bekannt, wie unser genetischer
Bauplan in die individuellen Krankheiten eingreift.
« Wir wissen im Alltag nur, welches Werkzeug wir
für welchen Nagel nehmen müssen. » Deshalb
forscht El Mokhtari intensiv an der Universität Kiel,
welchen Einfluss die Genetik auf Herz-Kreislauf-
Erkrankungen hat. Aktuell haben Forscher wie
er ungefähr 70 verschiedene Stellen mit Genen
identifiziert, die mit dem Herzinfarkt assoziiert sind.
« Es gibt speziell ein bisher unbekanntes Gen, das
offenbar einen Einfluss hat. » Deshalb ist es in
naher Zukunft so wichtig, die Funktion der Gene
zu entschlüsseln. « Dann könnten wir verstehen,
warum ein Herzinfarkt überhaupt entsteht. » Und
das ist dringend geraten. Denn Herzinfarkt und
Schlaganfall sind ein Übel moderner Zivilisation.
« Dadurch, dass die Menschen immer älter werden, haben diese Erkrankungen überhaupt die
Chance, aufzutreten. »
Im Klinikalltag stehen für El Mokhtari die Bedürfnisse der Patienten und Angehörigen im Blickpunkt. Ihnen gerecht zu werden, ist sein höchstes
Ziel. « Wir wollen den Patienten so behandeln,
wie er sich das wünscht. » Dabei verfinstert sich
sein Gesicht etwas. « Trotz ökonomischer
Herausforderungen muss die Qualität der Krankenversorgung und Ausbildung im Vordergrund
stehen. » Als Mediziner und Ökonom mit einem
MBA sieht er keinen immanenten Widerspruch
in Ökonomie und Qualität.
imland Klinik Rendsburg
und Eckernförde
Lilienstraße 20–28
24768 Rendsburg
Telefon 04331 200-0
www.imland.de
« Mit diesem Wissen über
die Genetik werden wir
zukünftig das Risiko für die
Entstehung eines Herzinfarkts verringern können. »
Prof. Dr. Nour Eddine El Mokhtari
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Intensivmedizin, Chefarzt
50 KOMMUNIZIEREN BURKHARD SIEVERS
SANA-KLINIKUM REMSCHEID
Über den Tellerrand
Für Burkhard Sievers steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit in und außerhalb der Klinik ganz oben.
Sana-Klinikum Remscheid
Burger Straße 211
42859 Remscheid
Telefon 02191 13-4000
www.sana-klinikumremscheid.de
Burkhard Sievers weiß, wovon er spricht. Er ist
in einem Ärztehaushalt groß geworden. Seine
Eltern betrieben eine Hausarztpraxis im Westfälischen. Schon mit 16 war ihm klar, dass er
Medizin studieren wollte. Sein Vater schickte ihn
in den Sommerferien zum Pflegepraktikum in ein
Krankenhaus. Für das Medizinstudium zog es
ihn nach Göttingen, die Doktorarbeit hingegen
schrieb er in Paderborn. Natürlich über ein kardiologisches Thema.
Der besondere Reiz der Kardiologie liegt für
Sievers in der Möglichkeit, einem Patienten schnell
helfen zu können. « Sie verbindet die diagnostische mit der interventionellen Medizin », sagt
er und fügt augenzwinkernd hinzu: « Und sie ist
nicht so blutig wie die Chirurgie. » Kardiologie,
so Sievers, ist echtes Handwerk: « Mit minimalinvasiven Methoden kann man die kleinen Gefäße
am Herzen reparieren oder Herzklappen ersetzen.
Das setzt Fingerfertigkeit und Handwerk voraus. »
On the road, aber noch nicht am Ziel
Der Fortschritt in technischer Hinsicht ist rasant.
« Die diagnostischen, bildgebenden Techniken haben
sich schnell entwickelt. Heute gibt es gestochen
scharfe Bilder von Herz und Gefäßen, die früher
nicht möglich waren. » Überdies habe sich, so
Sievers, die Kathetertechnik immens verbessert.
Die Schnittstelle der kardiovaskulären Bildgebung
und der interventionellen Kardiologie fasziniert
den Remscheider Chefarzt am meisten. « Vor
allem bei Klappenerkrankungen wird die Wahl
des richtigen Klappentyps und der richtigen Klappengröße immer wichtiger, zum Wohle des Patienten. » Dafür ist eine moderne, optimale hybride
Bildgebung Voraussetzung. Was die Erforschung
des Herzens insgesamt betrifft, « sind wir on the
road, aber noch lange nicht am Ziel ». Vieles sei
noch unerforscht, insbesondere auf dem Gebiet
der strukturellen Herzerkrankungen.
Ein Jahr ist Sievers nun in Remscheid. Er
hat viel verändert. « Das komplette Leitungsteam
mit flacher Hierarchie sowie ausgewählte Schwerpunkte wie Pneumologie und Angiologie wurden
neu strukturiert und etabliert. » Ein besonderes
Anliegen ist ihm die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Haus und mit externen Kliniken, etwa
mit der Uniklinik in Köln. Hintergrund: Um eine
kardiologische Abteilung dieser Größe erfolgreich
zu betreiben, benötigt man « ein Team von Spezialisten, die hervorragend zusammenarbeiten.
Da muss man Berührungsängste und Verteilungskämpfe in den Hintergrund stellen. »
« Mich begeistern die schnelle Entscheidung und der schnelle Erfolg
am Patienten. In der Kardiologie und
Angiologie ist das nachhaltig möglich. »
Prof. Dr. Burkhard Sievers
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Hypertensiologie, Notfallmedizin, Chefarzt
O L I V E R H A D E R K O M M U N I Z I E R E N 51
REGIO KLINIKUM ELMSHORN
Der Mann
fürs Feine
Oliver Hader kümmert
sich besonders um die
peripheren, kleinen
Gefäße. Und sorgt sich
um die Medizin und
Ethik der Zukunft.
Oliver Hader ist Gefäßmediziner. Was er sofort
betont, wenn er als Kardiologe angesprochen wird.
In Zürich und Berlin hat er sein Handwerk gelernt.
Die Kardiologie ist eher mitgelaufen, « Herz und
Gefäße gehören nun mal zusammen », sagt er.
Hader war in den letzten Jahrzehnten immer
hautnah dabei, wenn Innovationen passierten.
Egal ob im Züricher Universitätsspital, wo der
Ballonkatheter erfunden wurde, ob in den 1990ern,
als die Stents ihren Siegeszug antraten, oder
heute, wo die ersten Stents aus Milchsäure benutzt werden, die sich innerhalb von sechs bis
zwölf Monaten komplett auflösen. Und so die
Gefäßeigenschaften nicht dauerhaft verändern
und erneut einsetzbar sind, wenn Wiederverengungen der Gefäße auftreten. Haders Leidenschaft
gehört den peripheren und kleinen Gefäßen.
Verantwortungsvoll handeln
« Früher », sagt Hader, « hat man am Kniegelenk
aufgehört, unterhalb waren die Gefäße zu klein.
Heute kann man mit filigranen Kathetern auch
am Unterschenkel und Fuß tätig werden. » Zum
Beispiel bei der Schaufensterkrankheit. Dabei
handelt es sich um eine Durchblutungsstörung
in den Beinarterien. Die Muskulatur erhält zu
wenig Sauerstoff, der Patient muss wegen der
einsetzenden Schmerzen regelmäßig stehen
bleiben. Und betrachtet in dieser Zeit, wenn
vorhanden, ein Schaufenster. « Heute kann man
« Die Gesellschaft steht vor einer
schwierigen Frage: Welchen
Patienten werden extrem teure
Ressourcen zur Verfügung
gestellt? Konkret: Tauscht
man die Herzklappe bei einem
90-Jährigen noch aus? »
Dr. Oliver Hader
Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkte Angiologie, Kardiologie,
Internistische Intensivmedizin, Chefarzt
diese Krankheit sehr gut behandeln. » Und so
manches Raucherbein oder mancher diabetische Fuß kann vor der Amputation bewahrt
werden. Hader will das Angebot in seiner Klinik
up to date halten. Dazu gehören natürlich auch
neue Technologien in der Kardiologie wie der interventionelle, kathetergestützte Klappenersatz,
die Resynchronisationstherapie oder die neuen
Antikoagulanzien, die gerade die blutverdünnende
Therapie revolutionieren.
Und er will auch morgen verantwortungsvoll
mit den neuen Techniken in der Herz- und Gefäßmedizin umgehen. « Denn nicht alles, was
geht, ist auch sinnvoll. » Bei jedem Patienten
muss der Ressourceneinsatz individuell beantwortet werden. « Eine Debatte, die wir führen
müssen. »
Regio Klinikum Elmshorn
Agnes-Karll-Allee 17
25337 Elmshorn
Telefon 04121 798-0
www.klinikum-elmshorn.de
52 KOMMUNIZIEREN RAINER JAAX
SANA KRANKENHAUS HÜRTH
Tägliches Bemühen
Für Rainer Jaax und Kollegen steht
Kooperation weit oben. Auf diese
Weise hat ein kleines Krankenhaus
den Wirkungskreis vergrößert.
Sana Krankenhaus Hürth
Krankenhausstraße 42
50354 Hürth
Telefon 02233 594-0
www.sana-huerth.de
« Eigenbrötlerei passt nicht mehr in die Zeit. Kooperationen nutzen allen, vor allem den Patienten. »
Rainer Jaax wird grundsätzlich, wenn er über
medizinische Kooperationen spricht. Denn für sein
Krankenhaus sind sie längst kein Fremdwort mehr.
In Hürth arbeitet man beispielsweise mit einer
kardiologischen Großpraxis zusammen, die in drei
Nachbarstädten vertreten ist. « Damit haben wir
unser Einzugsgebiet vergrößert », sagt Jaax. Die
Kooperation mit benachbarten Unikliniken laufe
sowieso gut, vor allem bei der interventionellen
Behandlung von Herzklappenfehlern. Und auch
mit dem Sana-Klinikum Remscheid stehe man
in engem Austausch.
Ein Urgestein in der Kardiologie
Vor über 30 Jahren hat Rainer Jaax mit allgemeiner, innerer Medizin begonnen. Dann wurde
er, wie er sagt, « dem kardiologischen Chefarzt
zugeordnet ». Die Karriere nahm ihren Lauf. Sein
Fazit nach dieser Zeit ist eindeutig: « Patienten
mit damals kurzer Lebenserwartung leben heute
deutlich länger, und besser. » Und Jaax weiß genau,
wovon er spricht. Sein damaliger Chef gehörte in
Nordrhein-Westfalen mit zu den ersten Ärzten, die
1985 Ballonkatheterausdehnungen durchgeführt
haben. Eine sofortige Hilfe für Angina-pectorisPatienten. « Das war unglaublich. » Viele Jahre
hat sich Jaax mit der Herzschrittmachertherapie beschäftigt. Von den Einkammer- zu den
Zweikammerschrittmachern über implantierbare,
automatische Defibrillatoren bis heute zu den
Dreikammerschrittmachern, welche die Herzinsuffizienztherapie erheblich verbessert haben.
« Die Lebensqualität
und -erwartung von
Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz
wird sich in den
nächsten Jahren
weiter verbessern. »
Dr. Rainer Jaax
Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie
Er kennt die ganze Bandbreite der modernen
Herzmedizin. Sein Credo lautet: « Man muss bei
jedem Patienten alle Erkenntnisse zur Anwendung
bringen. Das komplette Spektrum bereithalten,
aber letztlich eine individualisierte Medizin anstreben. Ich will den letzten Feinschliff genau
abgestimmt auf das Krankheitsbild erreichen. »
Das erfordert einen hohen Einsatz. Die Balance
zwischen Arbeit, Freizeit und Fortbildung wird
zunehmend schwierig. « Man muss sich täglich
bemühen », meint Jaax zum Abschluss.
A N I L - M A R T I N S I N H A K O M M U N I Z I E R E N 53
SANA KLINIKUM HOF
Damit das Herz nicht
aus dem Takt gerät!
Anil-Martin Sinha ist ein vielseitiger Kardiologe.
Der zweifache Doktor — in Medizin und Philosophie — ist ein Pionier bei Herzrhythmusstörungen.
« Schon immer hat mich die Funktionsweise
dieses nimmermüden Muskels fasziniert. » AnilMartin Sinha zeigt Respekt und Demut, wenn
er von der unglaublichen Sisyphosleistung des
Herzmuskels spricht. Seine Arztreise als Kardiologe begann er in den 1990ern. Es waren die
Jahre des goldenen Zeitalters in der Herzmedizin: Stents, Schrittmacher und Defibrillatoren
hielten verstärkt Einzug in den kardiologischen
OP-Alltag. Hinzu kam die Kathetertechnik in der
Therapie von Herzrhythmusstörungen. « Echte
Pionierarbeit », lächelt Sinha.
Ein Herz für Rhythmustherapie
Der zweifache Doktor (in Medizin und Philosophie) und Professor für Innere Medizin ist auch
als praktischer Krankenhausarzt nicht eingleisig unterwegs. Als Gründer und Sprecher des
Herzinfarktnetzwerks Hochfranken interessiert
er sich vor allem für die Therapie des akuten
Herzinfarkts, aber auch für die Einpflanzung von
Verschlusssystemen, etwa bei angeborenen
Löchern in der Herzscheidewand. Darüber hinaus schlägt sein Herz für die Rhythmustherapie
mit Schrittmachern. Im Blickpunkt stehen dabei
Patienten mit Herzmuskelschwäche. « Meistens
mit verzögerter Erregungsleitung, weil der Muskel
ausgeweitet ist », sagt Sinha.
Hilfe bringt die kardiale Resynchronisationstherapie. Dabei wird ein elektrischer Bypass mittels Schrittmacherelektrode gelegt, wodurch der
Pumpmechanismus des Herzens wieder resynchronisiert und damit gesteigert wird. Dies bewirkt
auch eine Verbesserung des sogenannten
Schlafapnoesyndroms. Hier war Professor Sinha
der weltweit Erste, der diesen Zusammenhang
beschrieben hat.
Wenn Professor Sinha in die Zukunft blickt,
verweist er auf eine optimale kardiologische Versorgung der Region, in der man sich auf immer
mehr ältere, multimorbide Patienten einstellen
muss. « In der Altersmedizin gelten etwas andere
Gesetze. »
« Daneben wird es in Zukunft
ältere Menschen mit gesundem
Herzen geben, die in Job und
Freizeit voll aktiv sein können. »
Prof. Dr. Dr. Anil-Martin Sinha, MBA
Klinik für Kardiologie, Nephrologie, Pneumologie und Internistische Intensivmedizin, Chefarzt
Sana Klinikum Hof
Eppenreuther Straße 9
95032 Hof
Telefon 09281 98-3505
www.sana-klinikum-hof.de
54 KOMMUNIZIEREN THOMAS BRUMMER
SANA KLINIKUM BIBERACH
Wir hören gut zu
Thomas Brummer ist ein Meister
der unbürokratischen Lösungen.
Mit dem Kardiophone sind Hausärzte
direkt mit ihm verbunden.
Sana Klinikum Biberach
Ziegelhausstraße 50
88400 Biberach
Telefon 07351 55-1220
Hand aufs Herz! Thomas Brummer schmunzelt.
« Im Alltag haben Haus- und Krankenhausärzte
bisweilen den Wunsch, sich schnell mal abzusprechen und sich auf eine gemeinsame Behandlungsstrategie festzulegen. » Insbesondere bei
akuten kardialen Fragen ist ein direkter Draht zum
Spezialisten hilfreich. Aber: « Man hängt endlos
in der Schleife. »
Nun hat Brummer Abhilfe geschaffen. « Einer
der Kardiologen im Klinikum hat immer das smarte Kardiophone bei sich, so sind wir für die Haus­
ärzte erreichbar. Viele Fragen lassen sich sofort
am Telefon klären, und dem Patienten ist rasch
und unbürokratisch geholfen. » Das hat in der
Region eingeschlagen. In der Kardiologie, so
Brummer, muss jeder Arzt aufgrund des rasanten
Fortschritts immer am Ball sein. Das betrifft insbesondere die Krankenhausärzte. « Gut, dass wir
bei Sana deutschlandweit so gut miteinander
vernetzt sind. »
Nicht selten besucht man Kollegen in anderen Regionen, um mehr zu erfahren oder sich
technologisch fortzubilden. Denn eines ist klar:
Nur wer als Klinik vorne dranbleibt, gewinnt im
ärztlichen Wettbewerb den Patienten von morgen.
« In Zeiten überbordender Bürokratie
brauchen wir für
unsere Patienten
unbürokratische
Lösungen. »
Dr. Thomas Brummer
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie,
Angiologie, Intensivmedizin, Chefarzt
Die fitten Alten kommen
Weshalb Brummer in Biberach in den nächsten
Jahren auch die Elektrophysiologie vorantreiben
will. « Ein weiterer Baustein, eine noch bessere
Versorgung sicherzustellen. » Was auch nötig ist,
denn die Patientenzahl steigt seit einigen Jahren.
Und die haben Ansprüche.
Brummer ist überzeugt: « Die nächste Generation,
die auf uns zukommt, sind die fitten Alten, die
eine optimale Versorgung bis ins höchste Alter
wollen und auch verdienen. Auch auf dieses
Patientenkollektiv wollen wir in Zukunft optimal
vorbereitet sein. »
P E E R - E K K E H A R T W A U R I C K K O M M U N I Z I E R E N 55
ACHENBACH KRANKENHAUS KÖNIGS WUSTERHAUSEN
Mehr Herz-CT wagen
Peer-Ekkehart Waurick ist ein Vorreiter der Herz-CT-Technologie.
So hat er die Effizienz der Herzkatheterintervention gesteigert.
Wenn der neue Großflughafen in Berlin eröffnet
wird, kommt mehr Arbeit auf Peer-Ekkehart Waurick
und seine Kollegen zu. Denn notfallmedizinisch
werden sie auch für das Berliner Prestigeobjekt
zuständig sein, übrigens wie aktuell bereits für
den Flughafen in Berlin-Schönefeld. Patienten
mit Herzproblemen werden dann in den besten
Händen sein. Denn ein Herz-CT modernster Art
kann eine schnelle Diagnose bei Brustschmerzen
« Mit dem Herz-CT
kann man einen
arteriosklerotischen
Prozess sicher
ausschließen. »
Dr. Peer-Ekkehart Waurick
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie,
Intensivmedizin, Chefarzt
erstellen, ohne dass man gleich eine invasive
Katheteruntersuchung durchführen muss. Das
gilt natürlich nur für Patienten ohne Herzinfarkt.
Peer-Ekkehart Waurick ist von diesem Ansatz
überzeugt. « Zuerst die effiziente Herz-CT-Diagnostik, dann gezielt intervenieren! » Kein Wunder,
dass die Interventionsquote in seinen Krankenhäusern im Landkreis Dahme-Spreewald viel
niedriger als anderswo liegt. Der Herzkatheter
kommt dort fast nur zum Einsatz, wenn eine Intervention nötig ist. « Mit dem Herz-CT kann man
einen arteriosklerotischen Prozess und Anomalien
ausschließen », fügt Waurick hinzu, « wir sehen
Wandstruktur, Umgebung und Verlauf der Gefäße
viel besser als im Herzkatheter. » Die Vordiagnostik, so Waurick, könne deshalb viel besser über
das Herz-CT abgewickelt werden.
Medizinisch eine Revolution
Waurick ist ein Kardiologe par excellence. Als
junger Arzt war er am Deutschen Herzzentrum
in Berlin, zunächst in der Herzchirurgie, dann in
der Transplantationsmedizin, bevor er sein Herz
im Unfallkrankenhaus in Berlin an die Kardiologie
verloren hat. Für ihn habe in den letzten Jahren
« eine Revolution » stattgefunden. Die Herzchirurgie
trifft mit komplexeren Operationen auf kränkere
Patienten. Die Kardiologie hingegen entlastet die
Chirurgie mit neuen, schonenden, minimalinvasiven Methoden.
Die Kombination aus moderner Diagnostik,
einer Kardiologie auf höchstem Niveau sowie einer
zukunftsorientierten Patientenversorgung will
Waurick weiter stärken. « Wir wollen mehr Telemedizin bei Patienten mit chronischer Herzschwäche,
die Schrittmachermedizin ausbauen und moderne
Medizintechnik sinnvoll einsetzen », antwortet er
abschließend auf die Frage nach der Zukunft.
Klinikum Dahme-Spreewald,
Achenbach Krankenhaus
Köpenicker Straße 29
15711 Königs Wusterhausen
Telefon 03375 288-0
www.klinikum-ds.de
56 K O M M U N I Z I E R E N O L A F A LT M A N N
LAUSITZER SEENLAND KLINIKUM
Mehr für weniger
Olaf Altmann garantiert in der Lausitz
eine hochrangige medizinische Versorgung. Trotz Bevölkerungsrückgang.
Lausitzer Seenland Klinikum
Maria-Grollmuß-Straße 10
02977 Hoyerswerda
Telefon 03571 44-0
www.seenlandklinikum.de
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, könnte man
bei Olaf Altmann sagen. « Mein Vater war auch
Angiologe und Kardiologe. Er ist mein Vorbild
gewesen. » Kein Wunder, dass Altmann seine
medizinische Karriere in der Universitätsklinik
Dresden begann, dort zunächst in der Gastroenterologie, dann kam er über die internistische
Intensivmedizin zur Kardiologie. Die Zeiten in
und rund um Dresden waren Mitte der 1980er
herzmedizinisch noch hart.
« Ich habe erlebt, wie hilflos wir akuten Herzerkrankungen gegenüberstanden. » In Dresden
gab es damals keine Möglichkeit für eine interventionelle Behandlung. Der erste Herzkatheter
wurde erst 1988 eingesetzt. « Berlin und Leipzig
wären zwei der wenigen Städte gewesen, aber
weit weg. » Und dort gab es schnell Kapazitätsgrenzen bei der Patientenversorgung. Die traurige
Folge: « Ab einem bestimmten Alter sind die Leute auf der Strecke geblieben. »
Qualität ist Trumpf!
Nach der Wende erlernte der Arzt mit einem Stipendium der Deutschen Herzstiftung die interventionellen Therapien. Und erlebte hautnah mit, wie
die moderne Herzmedizin die Lebenserwartung
betroffener Patienten erheblich vergrößerte. Doch
das nächste Problem steht längst vor der Tür.
« Die Lausitz ist eine relativ schwierige Gegend,
geprägt von einem starken Bevölkerungsrückgang. » Hoyerswerda hat mittlerweile über die
Hälfte seiner Bevölkerung verloren.
Zwischen Cottbus und Dresden müssen Altmann und seine Kollegen eine große Fläche mit
einer dünner werdenden Besiedelung betreuen.
Und gleichzeitig eine hochrangige medizinische
Betreuung aufrechterhalten. Hinzu kommt, dass
« Die Innere
Medizin ist die
Krone der
Medizin. Und
die Kardiologie
das Kreuz
dieser Krone. »
Dr. Olaf Altmann
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie,
Angiologie, Chefarzt
die Zahl der niedergelassenen Ärzte ebenfalls
sinkt. Doch Altmann ist ein Kämpfer. « Man muss
sich eben mit Qualität behaupten. » Was ihm
derzeit ebenfalls Sorge bereitet, ist die steigende
Zahl junger Patienten mit schweren Herzerkrankungen. « Menschen mit einem extrem hohen
Risikoverhalten », fügt Altmann etwas zerknirscht
hinzu.
B E R N D H A R D M A N N K O M M U N I Z I E R E N 57
SANA KLINIKEN DES LANDKREISES CHAM
Luft und Leben
Bernd Hardmann hat die Entwicklung des Herzultraschalls von
Anfang an miterlebt. Er hat sich stürmisch entwickelt.
Bernd Hardmann hatte als 14-Jähriger ein nachdrückliches Erlebnis. Sein Vater musste reanimiert
werden. Von da an war ihm klar, dass er Herzmediziner werden wollte. Sein Antrieb bis heute:
« Den Leuten wieder Luft und Leben geben. » Dafür
muss man in der Kardiologie « schnell handeln,
da geht es häufig um die Wurst ». Als junger Kardiologe hat er sich besonders für Herzinsuffizienz
und Kunstherz begeistert. Mittlerweile hat es den
gebürtigen Düsseldorfer in den Bayerischen Wald
verschlagen. Dort ist er zuständig für die Krankenhäuser in Roding, Cham und Bad Kötzting.
Zwei medizinische Leidenschaften pflegt
Hardmann ganz besonders. Einmal die Herzultraschalldiagnostik, die eine stürmische Entwicklung
genommen hat. « Man kann heute alle Herzfunk­
tions­störungen mit Ultraschall diagnostizieren, auch
Herzklappenerkrankungen. Seit einigen Monaten
steht hier ein 4-D-Echo, das Bilder wie ein Kernspingerät macht. » Den Herzkatheter brauche man,
so Hardmann, nur noch für die Diagnostik der
Koronargefäße. Alle Herzfunktionsstörungen seien
hingegen mit dem Herzultraschall zu erkennen.
« Heute ist der Ultraschall eine eigene Disziplin
geworden. » Zum Zweiten setzt sich Hardmann
weiterhin stark mit den Themen Herzinsuffizienz,
Transplantation und Kunstherz auseinander.
Höchste Dringlichkeit
Im Krankenhaus Roding arbeitet man eng mit
der Uniklinik Regensburg zusammen. Von dort
werden Hardmann Patienten mit schwerster
Herzinsuffizienz geschickt, die für eine baldige
Transplantation gelistet sind. « High urgency »,
heißt das im Fachjargon, was allerdings immer
noch eine Wartezeit von sechs Monaten bedeutet.
Entscheidend ist, diese Patienten über die Zeit
zu bringen. Oder vielleicht so gut zu therapieren,
dass sie wieder von der High-urgency-Liste herunterkommen.
Vor allem brennt Hardmann das Patientenverhalten in der Region auf den Nägeln. « Herzerkrankungen werden hier oft sehr spät erkannt.
Es herrscht die Mentalität vor: Passt scho. Typisch
sind deshalb fortgeschrittene Herzschwächen. »
Dennoch: Die Lebens- und Arbeitsqualität vor Ort
habe ihn restlos überzeugt. « Da habe ich wirklich
zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. »
« Die Entwicklung des Herz­
ultraschalls ist grandios.
Früher waren die Geräte so
groß wie ein Kleiderschrank,
heute sind sie nur doppelt so
groß wie ein iPhone. »
Dr. Bernd Hardmann
Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Kardiologie, Chefarzt
Krankenhaus Cham
August-Holz-Straße 1
93413 Cham
Telefon 09971 409-0
www.diekliniken.de
58 BLAUBUCH INS HERZ
Herzmythologie
Der Muskel, der die Welt bewegt
Die wohl früheste
Darstellung des
Herzens fand sich in
der Höhle von Pindal in
Nordspanien. Die
Zeichnung zeigt ein
Mammut mit rotem
Fleck auf der Brust und
ist um 15.000 v. Chr.
entstanden.
Im antiken Griechenland wurden das Herz
und die Brust als
Zentrum der Gemütsbewegungen betrachtet,
als Schauplatz für
Streit, Freude, Spontanität, Triebe und
Leidenschaft.
Die Sprachforschung
geht davon aus, dass
weltweit kein Wort
häufiger in Wendungen
oder Sprichwörtern
vorkommt wie Herz.
Seit den ersten PCs ist
♥ sogar als Sonderzeichen programmiert:
man drücke einfach
Alt + 3 auf dem
Ziffernblock.
fig.: « Herz mit
Flammen » — bei
Seeleuten galt
diese Tätowierung oft
der Liebe zum
Meer oder den
Liebsten in der
Heimat, denen
man ewige
Treue schwören
wollte.
Bei den Menschenopfern der Azteken
überreichten Priester
das Herz einer Sonnengottheit. Dem Glauben
nach musste die Sonne
mit Menschenherzen
genährt werden, damit
sie die Erde erleuchten
kann.
Im Alten Testament ist
das Herz der Sitz der
inneren Wahrheit und
der Einsicht . Bis heute
spiegelt sich die Sicht in
der englischen und
französischen Wendung
für « auswendig
lernen »: « to learn by
heart », « apprendre par
cœur ».
Die Minnesänger und
Troubadours des
Mittelalters besangen
das Herz als Symbol
der Erotik und des
verführerischen Spiels.
Populäre Illustration für
Liebesszenen ist das
rote Efeublatt — als
Sinnbild für das
liebende Herz.
Im alten Ägypten galt
das Herz als Zentrum
der Vernunft, des
Denkens, des Überlegens und als unbestechlicher Zeuge des
Charakters. Deshalb
wurde es Verstorbenen
entnommen und
gewogen. Ein guter
Mensch zeichnete sich
durch ein großes,
gewichtiges Herz aus.
S E I T E R U B R I K 59
Blaubuch im Dialog
Was liegt Ihnen am Herzen? Ihre Fragen zur Herzmedizin.
Diskutieren Sie mit!
Impressum
Hier endet die vierte Ausgabe des Blaubuchs. Doch die Reise geht weiter.
Herausgeber:
Sana Kliniken AG
Oskar-MessterStraße 24
85737 Ismaning
Wir freuen uns sehr auf Ihre Meinung.
Leserbriefe, Reaktionen, Lob und Kritik sowie Themenvorschläge
richten Sie bitte an [email protected]
Leitung
(verantwortlich):
Dr. Michael Philippi
Susanne Heintzmann
Andrea Roth
Magazinentwicklung:
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Murmann Verlag,
Hamburg
Gundula Englisch
Autoren und
Redaktionsteam:
Gundula Englisch
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Susanne Heintzmann
Andrea Roth
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Stuttgart
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Die Sana Kliniken wurden 1976 gegründet und werden von 30 privaten
Krankenversicherungen getragen. Wir behandeln sowohl gesetzlich wie
privat versicherte Patienten.
Foto/Illustration:
Andreas Elsner,
Bernhard Kahrmann,
Darius Ramazani,
Ulf Salzmann,
Christoph SchulzHamparian,
Katrin Stangl
S. 1, 6, 12, 22, 28, 33,
34, 41, 44: Thinkstock
S. 16: Dale Frost of the
Port of San Diego / Wikimedia
S. 17, 20, 39: Wikimedia
S. 17: iStockphoto
S. 19: picture alliance/
AP Images
S. 23: Abbott
S. 25: Fotolia
S. 28: 123RF
S. 32, 36, 58: Corbis
Internet:
www.sana.de
KOOPERIEREN
« Auf dem Gebiet der
Herzmedizin ist eine
Reihe von neuen
Technologien zu verzeichnen, die erstaunliche
Ergebnisse erzielen. »
KONZENTRIEREN
« Das menschliche Herz ist
keine simple mechanische
Pumpe, sondern ein hochkomplexes Organ, das
kaum mit einem künstlichen
‹ Ersatzteil › zu imitieren ist. »
KOMMUNIZIEREN
« Die beste Vorbeugung gegen Herzinfarkt ist, dass der
Patient gesund lebt. Ein täglicher Spaziergang von einer
halben Stunde rettet bereits
Leben. »
www.sana.de
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