Nett, B. & Stevens, G., 2008. Business Ethnography

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Business Ethnography – Aktionsforschung als
Beitrag zu einer reflexiven Technikgestaltung
Bernhard Nett, Gunnar Stevens
Zusammenfassung
Business Ethnography ist eine Konzeption reflexiver Technikgestaltung,
die sich bereits in einer Reihe von soziotechnisch orientierten Technikgestaltungsprojekten bewährt hat. Sie stellt einen eigenständigen Beitrag
technikorientierter Aktionsforschung innerhalb des internationalen Diskurses der Information Systems dar. Nach einem Aufriss verschiedener Konzepte der Aktionsforschung setzt sich der Beitrag mit der aktuell geführten
Diskussion um eine „kanonische“ Aktionsforschung in den Information
Systems kritisch auseinander, die die Aktionsforschung allein auf die Prüfung von Hypothesen verengen möchte. Demgegenüber wird mit der Business Ethnography eine alternative Konzeption vorgeschlagen: ihr Fokus
liegt nicht auf der Prüfung vorab festzulegender Hypothesen, sondern auf
der Rekonstruktion von Lernprozessen, die in Technikgestaltungsprojekten
anfallen. So zielt die Business Ethnography auf eine auch den pragmatischen Projektkontext adressierende Reflexivität der Forschung, in der die
diskursive Verfolgung einer transparenten Expertenrolle selbst zum wichtigen Dokumentations- und Reflektionsgegenstand wird. Dieser kann sowohl von den Projektpartnern wie von der Wissenschaftsgemeinde diskutiert und überprüft werden. Praxisrelevanz gewinnt die Business
Ethnography somit als Konzeption zur Identifikation und systematischen
Entwicklung von im Projektverlauf sich auftuenden Innovationspotentialen.
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Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
1
Einleitung
Die Aktionsforschung wurde von Kurt Lewin in der Psychologie entwickelt (Lewin 1946), danach in ganz verschiedenen Disziplinen adaptiert,
etwa in der Sozialwissenschaft (Moser 1980), der Organisationsentwicklung (Argyris et al. 1985; Trist et al. 1997), der Pädagogik (Altrichter u.
Posch 1990; Kemmis u. Mctaggart 1988; Moser 1978) und anderen Formen der Sozialforschung (Bortz u. Döring 2002). Dabei nahm das Konzept
der Aktionsforschung jedoch ganz unterschiedliche methodische Formen
an.
In der Wirtschaftsinformatik wie auch in der Information Systems1 wurde verschiedentlich auf die Aktionsforschung Bezug genommen (u.a.:
Baskerville u. Wood-Harper 1996; Checkland u. Holwell 1998; Frank et
al. 1999). Insbesondere vor dem Hintergrund der ‚rigor versus relevance’Debatte (Wilde u. Hess 2007) nimmt die Aktionsforschung in der Information Systems eine prominentere Rolle ein (Mårtensson u. Lee 2004). Jedoch treten der Aktionsforschung dabei immer wieder Zweifel an der Wissenschaftlichkeit des interventionistischen Forschungsansatzes (vgl. etwa
Becker 1998) entgegen.
In letzter Zeit hat in der Information System das Konzept der Canonical
Action Research eine gewisse Prominenz (vgl.: Davison et al. 2004) erlangt. Ausgehend von dem Forschungskonzept nach Susman und Evered
(1978) werden fünf Prinzipien guter Aktionsforschung abgeleitet: das
Prinzip expliziter Forscher-Klienten Vereinbarung, das Prinzip des zyklischen Vorgehens, das Prinzip formaler Theorie, das Prinzip des sich aus
der Theorie abgeleiteten Handelns und das Prinzip des Lernens durch anschließende Reflektion (vgl.: Davison et al. 2004, S. 69).
Die benannten 5 Prinzipien werden jedoch nicht als eine Forschungskonzeption verstanden, deren Sinnhaftigkeit im Konkreten jeweils neu ausgewiesen werden muss. Stattdessen wird ein Satz von 31 universell gültigen
1
Die Disziplin der Information Systems im angloamerikanischen Raum kann als
das Gegenstück zur Wirtschaftsinformatik im deutschsprachigen Raum verstanden werden, die sich vor einer ähnlichen Problemlage entwickelt haben. Frank
(2006) weist jedoch auf das unterschiedliche Selbstverständnis beider Disziplinen hin, sowohl was die. methodische und erkenntnistheoretische Ausrichtung
anbelangt. Er spitzt dabei die Unterschiede zu dem Gegensatz „natural science
as model“ vs „research through development“ zu. Um diesen Umstand Rechnung zu tragen, soll im Folgenden von der Wirtschaftsinformatik gesprochen
werden, wenn es sich um Arbeiten aus dem deutschsprachigen handelt und von
der Information Systems, wenn es sich um Arbeiten aus den angloamerikanischen Raum handelt.
1
Einleitung
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Kriterien abgeleitet, mittels dessen die Güte jeglicher Aktionsforschung
bewertet werden soll. Die Kriterien beziehen sich primär auf formale, nicht
auf die inhaltlichen Aspekte und haben dabei meist eine ähnliche Form wie
z.B. das Kriterium 3c, welches das Prinzip formaler Theorien genauer spezifiziert: “3c. Was a theoretically based model used to derive the causes of
the observed problem?” (Davison et al. 2004, S. 74)
Im Gegensatz zu einer ethnographisch orientierten Forschung (vgl.:
Randall et al. 2007) werden hier sensibilisierende Konzepte, die zur ersten
tentativen Erschließung des Gegenstandsbereichs herangezogen werden,
nicht als Theorie gewertet. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer
formalisierten ex-ante-Theoriebildung. Theorien werden in der Canonical
Action Research ganz im Sinne einer (auch die Naturwissenschaften verkürzenden) „natural science as a model“-Tradition der Information Systems (Frank 2006) als ungeschichtlich-allgemeine Kausalbeziehungen von
Naturobjekten verstanden: „CAR [canonical action research] theory commonly takes the following form: in situation S that has salient features F, G
and H, the outcomes X, Y and Z are expected from actions A, B and C.”
(Davison et al. 2004, S. 74)
Hieran zeigt sich, dass sich das Konzept der Canonical Action Research
sich am ‚Behavioral Science’-Ansatz (Hevner et al. 2004) der Information
Systems orientiert. Sie versucht dabei Zweifeln an der Wissenschaftlichkeit aktionsforscherischer Methodik durch ein formalisiertes Vorgehen zu
begegnen, dessen Güte anhand von außen herangetragener Kriterien gemessen werden kann. Des weiteren findet eine einseitige Ausrichtung am
wissenschaftstheoretischen Modell der Hypothesenprüfung (vgl. etwa Ned
2004) statt.
Für die Wirtschaftsinformatik ist jedoch eine solche Verengung weder
wünschenswert, noch stellt sie eine ausreichend methodisch gesicherte Basis für eine am Einzelfall orientierte Forschung dar. Gerade in der konstruktionsorientierten Forschung, die in der Wirtschaftsinformatik sowohl
hohe Praxisrelevanz als auch zentrale wissenschaftliche Bedeutung hat
(Hevner et al. 2004), besteht bei einer solchen methodischen Verengung
die Gefahr, dass gerade spezifisch Neues nicht hinreichend erfasst wird.
Gleiches gilt auch dort, wo die Beachtung der Kontextspezifität bei Projekten zentral ist, wie z.B. bei der Produktion von Individualsoftware, der
Anpassung von Standardsoftware oder abstrakten Referenzmodellen. Eine
am Einzelfall orientierte Forschung spielt ebenso in Fällen eine wichtige
Rolle, bei denen es um das sondierende, iterative Identifizieren von Innovationsmöglichkeiten in einem Feld geht, die es - zum Zwecke der nachträglichen Prüfung ihrer Verallgemeinerbarkeit - zunächst einmal in ihrer
eignen Besonderheit zu erfassen gilt (vgl. etwa Schwabe u. Krcmar 1996).
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Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
In diesen Fällen kann nicht auf Abstraktion vom Status quo vertraut
werden2, vielmehr ist hier wegen des Bezugs auf riskante Innovationen die
Entwicklung von Innovationsallianzen notwendig. Während eine methodische Standardisierung bzw. Formalisierung in Einzelfällen unter forschungsökonomischen Gesichtspunkten Sinn machen können, sollte sie
aber nicht als einzig mögliche methodologische Basis generalisiert werden,
da es – wie oben gezeigt – wichtige Teile in der Wirtschaftsinformatik
gibt, die zu allgemeinen Ergebnissen kommen, indem sie Spezifisches im
Einfall adressieren und reflektieren.
Im Rahmen dieses Beitrags soll die Kritik an einer Canonical Action
Research (Davison et al. 2004) genauer dargelegt und mit der Business
Ethnography exemplarisch eine am Einzelfall orientierte Forschungsmethodik der Technikentwicklung vorgestellt werden. Dem Paradigma der
Formalisierung wird hier die Systematisierung der Forschung im Feld auf
der Basis fallbasierter Reflektion entgegengestellt.
Als Fall gilt hier das einzelne Forschungs- und Entwicklungsprojekt, das
sich konzeptionell meist als System der Erarbeitung der Lösung eines vorgegebenen Problems organisiert. In der Praxis wird jedoch oft nicht nur die
Lösung gestaltet, vielmehr entwickelt sich das Problem bzw. dessen
Wahrnehmung im Zuge der Forschung selbst weiter – mitunter ohne das
dies ausgewiesen wird und ohne entsprechende Prozesse systematisch zu
reflektieren.
Im Falle der Business Ethnography wird eine solche Entwicklung des
Problems im Lösungsprozess nicht geleugnet. Vielmehr wird die systematische Erfassung dieser Effekte durch eine reflexive Forschungslogik angestrebt, die zugleich auf eine für die Anwendungspartner kontextgerechtere
Technikgestaltung abzielt.
Im Rahmen dieses Aufsatzes kann und soll der prinzipielle Streit zwischen erkenntnistheoretischen Schulen über die Aktionsforschung nicht
entschieden werden. Es sollen jedoch die forschungspragmatischen Voraussetzungen und theoretischen Implikationen verschiedener Forschungsdesigns rekonstruiert werden. Dabei soll hinterfragt werden, wie „angesichts weit divergierender Anforderungen an die Forschung […] in der
Wirtschaftsinformatik ein reflektierter Methodenpluralismus“ (Frank et al.
1999, S. 152) sinnvoll weiterentwickelt werden kann. Dazu soll die Aktionsforschung als Teil einer interventionsreflexiven Technikgestaltung
nachgezeichnet werden.
2
Anders z.B. als in methodisch konstruierbaren Referenzmodellen.
2
2
Ursprünge und Entwicklungen der Aktionsforschung
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Ursprünge und Entwicklungen der Aktionsforschung
Die Ursprünge der Aktionsforschung liegen in den Arbeiten Kurt Lewins
begründet (Lewin 1946), der eine als Beschreibung des Gegenstandsfeldes
verstandene Modellbildung, die „Diagnose“, von einer darauf zu entwickelnden Strategie, der „Therapie“, unterschied (vgl. Nett u. Stevens
2004). Der damit verbundene empirisch basierte Reflektionsprozess, der
wiederholt durchlaufen werden könne, wurde von Lewin der elektrischen
Steuerungstechnik nachempfunden. Dieser entnahm er auch den Begriff
des „Feedback“ für steuerungsrelevante Informationsrückflüsse. Nach Lewin kann durch initiale Intervention ein Zyklus von Planung, Aktion und
Evaluation angestoßen und dann selbstorganisiert iterativ durchlaufen und
konkretisiert werden. Lewin interessierte sich dafür, weil er mögliche Beiträge sozialwissenschaftlicher Gruppenforschung zur Demokratisierung
suchte (ibid).
Eine starke Motivationslinie für die weitere Verbreitung der Aktionsforschung war Unzufriedenheit mit dem (häufig als unzureichend erfahrenen)
Verhältnis von Theorie und Praxis (Kromrey 2006), insbesondere im Hinblick auf die Forschung, die (nach Definition bestimmter Rahmenbedingungen) häufig auf ein von der Forschungspraxis völlig unabhängiges Registrieren von Eigenschaften einer objektiven Realität verkürzt wurde. Zur
Überwindung einer Naivität im Hinblick auf Wirkungen situierter Forschung auf soziohistorisch geprägte Forschungsgegenstände wurde deshalb eine Allgemeinheit sichernde Reflexivität der Forschung - und damit
Aktionsforschung - gefordert.
Auf Organisationsentwicklung abzielende Fassungen der Aktionsforschung wurden in der Folge an verschiedenen Orten entwickelt, u.a. von
(Trist et al. 1997) am Tavistock-Institut in London sowie von (Argyris et
al. 1985). Daneben ist die Aktionsforschung im Bereich der Schulpädagogik (Altrichter u. Posch 1990; Moser 1978) bekannt, hier besonders stark
in der US-amerikanischen Raum (vgl. Kemmis u. Mctaggart 1988).
Angesichts dieser Vielfalt kann heutzutage nicht mehr von der Aktionsforschung gesprochen werden, sondern es ergibt sich eher das Bild einer
„Familie“ im Sinne Wittgensteins. Unterschiede der Konzepte können entsprechend ihrer Kritik an etablierten Forschungskonzepten und den dagegengestellten Entwürfen nachgezeichnet werden, sowohl hinsichtlich der
wissenschaftstheoretischen oder -ethischen Gegenpositionen, als auch der
forschungspraktischen Implikationen. Die Zugehörigkeit zur Familie ergibt
sich dann schlicht durch den positiven Bezug auf den Begriff Aktionsforschung bzw. Action Research, den Verweis auf die Arbeiten Lewins und
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Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
kritische Einwände gegenüber traditionellen Forschungsmethoden und –
zielen (Frank et al. 1999).
Bei allen Unterschieden herrscht in der Aktionsforschung weitgehende
Übereinstimmung darin, dass der Wissenschaftler die Subjektivität der Akteure, mit denen er in einem Lern- und Gestaltungsprozess verbunden ist,
respektieren und an deren konstruktiver Reflektion mitwirken, sie gegebenenfalls sogar fördern (Lewin) sollte. Partizipation ist von daher für die
Aktionsforschung nicht alleine ein theoretischer Gegenstand, sondern eine
Ebene der Praxis und der möglichen Reflektion für den Forscher.
Ein frühes Beispiel für die Anwendung der Aktionsforschung ist der aus
den Erfahrungen am Tavistock entwickelte ETHICS-Ansatz (Mumford u.
Weir 1979). Er versteht sich als eine Action-Research-orientierte Technik
zur Softwareentwicklung. Eine andere bekannte Spielart ist die SoftSystem-Methodology, die einen allgemeinen interventionistischen Ansatz
organisatorischen Wandels darstellt (Checkland 1981). In der Tradition des
Tavistock Institutes steht der Ansatz der Integrierten Organisations- und
Technikentwicklung (OTE) (Wulf et al. 1999; Wulf u. Rohde 1995). Auf
der Basis dort gesammelter Erfahrungen wurde die Business Ethnography
entwickelt, die in einer Reihe von Projekten zum Einsatz kam (vgl. z.B.
Nett et al. 2002; Nett u. Stevens 2004). Es handelt sich dabei um eine
Konzeption, bei der verschiedene Methoden ethnographischer und partizipativer Feldforschung (Zukunftsworkshops, Interviews, Artefaktanalysen,
teilnehmende Beobachtung und ähnliche) projektbezogen kombiniert und
mit den beteiligten Projektpartnern umgesetzt werden sollen.
Baskerville und andere haben sich in verschiedenen Artikeln mit der
Aktionsforschung als Methode für die Information Systems auseinandergesetzt (u.a. Baskerville u. Pries-Heje 1999; Baskerville u. Wood-Harper
1996; Lee et al. 1995). Sie kommen dabei zu dem Schluss: “We suggest
that action research, as a research method in the study of human methods,
is the most scientifically legitimate approach available. Indeed, where a
specific new methodology or an improvement to a methodology is being
studied, the action research method may be the only relevant research
method presently available” (Baskerville u. Wood-Harper 1996)
Auch in Deutschland hat im Zuge der Bestimmung der wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Wirtschaftsinformatik ebenfalls eine Auseinandersetzung mit der Aktionsforschung stattgefunden (vgl. etwa Frank
1999). Sie stand dabei vor dem Hintergrund, dass ein verbreiteter Ansatz
der Wirtschaftsinformatik die Referenzmodellierung vorhandener Organisationen anstrebt. Diese soll den betrieblichen Akteuren durch Abstraktion
allgemeiner Funktionsbeziehungen ihrer Organisation Möglichkeiten betrieblicher Entwicklung aufzeigen. Demgegenüber wurde auf die Komple-
3
Kanonische Aktionsforschung: Königsweg oder Variante?
51
xität sozialer Systeme hingewiesen, die durch mathematische Modellierung und Laborexperimente oft nur unzureichend zu fassen sind (Galliers
u. Land 1987). Positivistischen Ansätzen wurden hermeneutische gegenübergestellt, die sich u.a. auf das Verständnis von Einzelfällen konzentrieren sollen (vgl. etwa Budde u. Züllinghoven 1990).
3 Kanonische Aktionsforschung: Königsweg oder
Variante?
In einem einführenden Tutorial legt Baskerville allgemeine methodologische Grundpositionen der Aktionsforschung dar, die seiner Ansicht nach
aus dem interventionistischen Vorgehen folgen: „Three unavoidable
effects are the adoption of an interpretivist viewpoint of research enquiry,
the adoption of an idiographic viewpoint of research enquiry, and the acceptance of qualitative data and analyses.” (Baskerville 1999). Im Hinblick auf organisationale Kontexte betonen (Baskerville u. Wood-Harper
1996) unter Bezug auf (Gummesson 1988), dass sich Aktionsforschung
gerade durch diese Anerkennung der Einzigartigkeit sozialer Praktiken
vom kommerziellen Beraterwesen unterscheidet. Daraus wird abgeleitet,
dass die Beschreibung der bedeutungsvollen Handlungen am besten in der
Sprache der Akteure geschehen soll. Hierdurch wird den Besonderheiten
der Kontexte am Besten Genüge getan, obwohl dies eine Standardisierungen der Begriffe erschwert. Deshalb ist die Aktionsforschung auf qualitative analytische Verfahren wie Hermeneutik, Dekonstruktion oder theoretisches Vergleichen angewiesen.
Gleichzeitig haben (Baskerville u. Wood-Harper 1996) auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass die Aktionsforschung trotz ihrer Nähe
zur Technikentwicklung eher selten in der Angewandten Informatik genutzt wird. Dies führen sie auf Mängel der Aktionsforschung selbst zurück. In ihrer Analyse machen sie verschiedene Gründe aus, die unter anderen eine ablehnende Haltung innerhalb der Wissenschaftsgemeinde
erklären könnten:
 Borniertheit gegenüber neuen Forschungsansätzen: „Philosophical supremacy refers to the refusal of scientists to accept any knowledge
founded in any alternative philosophy of science other than their own”
(Baskerville u. Wood-Harper 1996).
 Fehlen wissenschaftlicher Strenge, insbesondere im Hinblick auf die
Befolgung wissenschaftlicher Standards. Dieser Vorbehalt drückt sich in
dem Vorwurf aus, Aktionsforschung sei „consulting masquerading as
research“ (Baskerville u. Wood-Harper 1996).
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Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
 Mangelnde Generalisierbarkeit der kontextgebundenen Aktionsforschung
 Dilemmatische Doppelbelastung der Aktionsforscher: „the practical
pressures that interfere with the conduct of ‚a disinterested pursuit of
knowledge’“ (Baskerville u. Wood-Harper 1996).
Auch wenn ganz verschiedene Gründe für die noch geringe Verbreitung
der Aktionsforschung angeführt werden, dominiert am Ende eine fundamentale Kritik an der bestehenden Aktionsforschung: „Unfortunately the
lack of scientific discipline may be due – to a lack of scientific discipline“
(Baskerville u. Wood-Harper 1996).
Obwohl die Anerkennung der Einzigartigkeit sozialer Praktiken als eine
der Kernelemente der Aktionsforschung betrachtet wird, ist es erstaunlich,
dass Baskerville et al. wissenschaftliche Strenge vollständig in einer fallunabhängigen Formalisierung und Standardisierung der Aktionsforschung
sehen. Aktionsforscherische Prozessmodelle sollen als kanonisch orientierter Action-Research Prozess (Davison et al. 2004) wissenschaftliche
Strenge garantieren (Lee et al. 1995). Besonders bei (Ned 2004), der die
Aktionsforschung von den drei Gefahren uncontrollability, contingency
und subjectivity bedroht sieht, zeigt sich, dass die Aktionsforschung dabei
am Leitbild experimenteller Laborforschung und gemäß deren Gütekriterien von Kontrollierbarkeit, Wiederholbarkeit und Objektivität ausgerichtet
werden soll.
Damit wird die Forderung nach einem vorab zu explizierenden theoretical problem statement (Baskerville u. Wood-Harper 1996) und die Reduktion wissenschaftlichen Lernens auf theoretisches Hypothesentesten begründet: “One of the most important differences between the diagnosis
stage of an action research project and the advice stage of a consulting project is the careful theoretical foundation of diagnoses. The theoretical
foundation must be presented as a premise if the experiment (the intervention action) is to remain valid as research.”(Baskerville u. Wood-Harper
1996 Hervorhebung vom Autor).
Interpretativen Methoden wird damit zwar eine wichtige Bedeutung in
technikgestaltender Aktionsforschung eingeräumt. Ihrer Solidität für wissenschaftliche Erkenntnis wird dennoch ganz über den Weg getraut. Reflexive Verfahren scheinen nur im Vorhof der Erkenntnis- und Urteilsbildung geduldet zu werden, als wissenschaftlicher Forschung im strengen
Sinne wird jedoch Aktionsforschung erst dann, wenn sie im Modus experimentelle Hypothesenprüfung verfährt.
Unter der Hand wird damit eine Transformation der Aktionsforschung
in ein hypothesenprüfendes Feldexperiment im konventionellen Sinn vorgenommen. Die (implizit bleibende) Begründung für eine solche „Kanoni-
3
Kanonische Aktionsforschung: Königsweg oder Variante?
53
sierung“ überzeugt jedoch nicht: Erst wird von geringer Verbreitung auf
geringe Qualität geschlossen, diese dann – noch spekulativer – auf fehlende Formalisierung zurückgeführt, und schließlich – wiederum unausgewiesen – als natürliche Lösung des behaupteten Formalisierungsbedarfes Prüfung vorab festzulegender Hypothesen unterstellt.
Die Forderung nach einer prinzipiellen Reproduzierbarkeit von Forschung ist jedoch im Hinblick auf fallbasierte Forschung zumindest problematisch: auch etwa in der Geschichtswissenschaft sind Forschungsgegenstände
nicht
beliebig
reproduzierbar ohne
dass
der
Geschichtswissenschaft Wissenschaftlichkeit abgesprochen werden müsste. Die dichotomische Entgegensetzung zwischen idiographischen und
nomologischen Wissenschaften hilft dabei wenig, weil sie unterschlägt,
dass zum einen einzelfallbezogene, historische Erklärungsansätze nicht
ohne Referenzen auf Allgemeinheit auskommen, und zum anderen auch
naturwissenschaftliche Forschungen empirische Gesetzesaussagen nur auf
der Basis letztlich kontingenter Praxiserfahrungen konstruieren können.
Von daher bedarf die Prüfung der wissenschaftlichen Allgemeinheit
empirisch basierter Aussagen insbesondere der Rekonstruktion der theoretischen wie praktischen Situiertheit der Empirie, ohne deren Kenntnis die
Rationalität der damit verbundenen Geltungsansprüche nicht geprüft werden kann. Zur Rekonstruktion empiriegestützter Lernprozesse in Technikentwicklungsprojekten können diese als (möglicherweise iterativ angelegte) Sequenzen von Planung, Aktion und Evaluation interpretiert und so die
Quellen von Lernprozessen und deren gedeutete Fassung in Bezug gesetzt
und nachvollzogen werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die entsprechenden Prozesse der Planung, Aktion und Evaluation diskursiv, dokumentiert und transparent ablaufen: dies zu garantieren ist daher Kernaufgabe aktionsforscherischer Reflexivität, die methodisches, aber als solches
eben nicht vollständig situationsunabhängiges Vorgehen erfordert.
Wenn stattdessen die Canonical Action Research auf ein hypothesenprüfendes Feldexperiment hinausläuft, werden mögliche Lernprozesse auf
antizipierte Fragestellungen begrenzt und damit die Möglichkeit der Prüfung der Situiertheit der Forschung ohne Not beschränkt - und dies, obwohl wissenschaftstheoretische Arbeiten zeigen, dass wichtige Bereiche
der Erkenntnisentwicklung gerade auf unerwarteten Erfahrungen beruhen
(Hoffmann 2005). „Planung“ bei der Aktionsforschung bedeutet inhaltlich
die Planung der Intervention, nicht eine der Analyseergebnisse: Letztere
werden nur insofern „geplant“, als für sie Diskursivität, Dokumentation
und Transparenz des Vorgehens gesichert werden müssen.
Bei der Canonical Action Research wird Professionalisierung allein in der
Kanonisierung der Methoden und deren standardisierter, fallunabhängigen
„Anwendung“ gesehen. Demgegenüber werden Ausbildung und Prüfung
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Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
eines aktionsforscherischen Habitus vollständig ignoriert. Dieser ist jedoch
von immenser Wichtigkeit, weil Reflexivität fortwährender Überprüfung
dessen bedarf, was die Orientierung an Diskursivität, Dokumentation und
Transparenz im gegebenen Kontext jeweils bedeutet. Vom professionellen
Aktionsforscher als Mitwirkenden an einer sozialen Praxis im Feld einerseits und Teil einer wissenschaftlichen Community andererseits wird deshalb als spezifische Kompetenz ein doppelter Habitus3 verlangt, „dessen
beide Seiten sich gegenseitig relativieren und somit nur als antinomische
Einheit fungieren können“ (Helsper 2001).
Zur Vermittlung beider Habitusformen bedarf der Aktionsforscher zudem eines Handlungsrahmens, der ihm eine methodische Reflektion seines
Handelns erlaubt4. Dabei gilt es, die Reflektionen und ihre Ergebnisse nach
zwei Seiten abzusichern: zum einen nach Innen, indem sie den Partnern im
Feld kommuniziert und damit einer kritischen Prüfung im Feld unterzogen
werden können; zudem nach Außen, indem der Feldforscher die Ergebnisse der Reflektionen im wissenschaftlichen Diskurs zur Prüfung durch die
Wissenschaftsgemeinde einbringt.
Statt wissenschaftliche Strenge und Praxisrelevanz apriorisch entgegen
zu setzen (rigor vs. relevance), sollte nach Möglichkeiten wissenschaftlicher Strenge für eine einzelfallorientierte Forschung gesucht werden, die
auch gegenüber ihren impliziten, forschungspragmatischen Voraussetzungen lernfähig bleiben muss.5 Während es deshalb prinzipiell erfreulich ist,
wenn die Aktionsforschung zunehmend auch methodologisch thematisiert
wird (und es auch durchaus möglich ist, dass das Konzept der Canonical
Action Research für bestimmte Fragestellungen und bestimmte Praxiskonstellationen gute Forschung und für die Praxis relevante Ergebnisse
3
4
5
Ein „wissenschaftlich-reflexiver Habitus“ und ein „Habitus des routinisierten,
praktischen Könnens“.
Eine solche Prüfung hat auch zum Ziel, den spezifischen Fall nicht einen vorgegebenen Schema bzw. den eigenen Vorurteilen zu opfern. Die Besonderheiten
und das damit verbundene Erfahrungspotential des Falls sollen einzelfallorientiert aufgeschlossen werden können. Durch eine Prüfung von Seiten der Projektpartner und der Wissenschaftsgemeinde kann unseres Erachtens der Consulting-Verdacht viel stärker entkräftet werden als durch einen Prozessstandard,
der u.U. in vielen Fällen gar nicht eingehalten werden kann bzw. werden sollte.
Durch methodisch angeleitete Reflektion authentischen Datenmaterials und gemeinsame Forschungspraxis mit erfahrenen Forschungsmitgliedern können Novizen die Kernkompetenzen aktionsforscherischen Handelns praxisnah erlernen,
die die Voraussetzung für eine Ausbildung des „doppelten Habitus“ darstellen.
Einhaltung standardisierter Arbeitsschritte sollte nicht mit wissenschaftlicher
Strenge verwechselt werden. Insbesondere für die Entwicklung des doppelten
Habitus hilft experimentelle Hypothesenprüfung wenig.
4
Die Business Ethnography
55
liefert6), muss sie jedoch in Technikgestaltungsprojekten nicht notwendigerweise als hypothesenprüfendes Feldexperiment konzipiert werden. Der
alternative Ansatz der Business Ethnography soll dies im Folgenden verdeutlichen.
4
Die Business Ethnography
Business Ethnography versteht sich als Beitrag zu einer Technikgestaltung,
die ihre Produkte in einer soziotechnischen Perspektive als auch organisational bedeutsam reflektiert und als solche den Anwendungspartnern präsentiert. Da sie dabei den praxisreflexiven, kritischen Umgang mit dem
Einzelfall (dem gemeinsamen eigenen Projekt) in den Vordergrund stellt,
unterscheidet sie sich von der Canonical Action Research. Wo bei letzterer
eine bestimmte (hypothesengestützte) Form der Prüfung von a priori als
allgemein verstandenen (sozio-) technischen Lösungsvorschlägen im Vordergrund steht, geht Business Ethnography umgekehrt vor: Hier werden
die projektspezifischen Erfahrungen mit dem Feld und der darin situierten
eigenen Aufgabe als fortschreitende Rekonstruktions-, Dokumentationsund Analyseaufgabe betrachtet, und das Allgemeine so im Besonderen
entwickelt.
Basal für die Business Ethnography ist dabei die Unterscheidung zwischen explizit formalisierten Konzeptualisierungen der relevanten Arbeitsteilung (die formale Organisation, wie sie sich etwa in Rollendefinitionen,
Organigrammen, Verantwortlichkeiten u.ä. niederschlägt und von den
Akteuren i.d.R. auch als Erstes kommuniziert wird) und empirisch feststellbaren Arbeitspraktiken und –routinen der Akteure. Auf der Basis dieser Entgegensetzung kann die multiperspektivisch wahrgenommene formale Organisation rekonstruiert, durch ethnographische Beobachtung
ergänzt und ihre Selbstorganisation durch systematische Verfremdung ggf.
so irritiert werden, dass sich durch diskursive Problematisierung Möglichkeiten innovativer Antizipationen ergeben.
Business Ethnography unterscheidet sich damit sowohl von Konzeptionen, die sich auf die Prüfung vordefinierter Variablensets in geschlossenen
Experimentalanordnungen (Feldexperiment) beschränken, als auch von
solchen, die die Aktivität des Forschers im Feld als bloße Deskription beschreiben. Business Ethnography versteht ihre Feldforschung vielmehr als
reflexive praktische Intervention in sozioökonomischen Kontexten und
Die entsprechenden Bedingungen zu klären wäre jedoch Aufgabe der Proponenten der kanonischen Aktionsforschung.
6
56
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
sieht sich deshalb als interventionistische Forschung im Sinne von (Argyris et al. 1985).
Das bedeutet für die Business Ethnography, dass die eigene Intervention
im Feld projektspezifisch kommuniziert und mit den vorfindlichen Akteuren diskutiert wird. Die Dokumentation der damit zusammenhängenden
Projektinteraktionen ist integraler Bestandteil der Business Ethnography.
In den entsprechenden Dokumentationen und Interpretationen sieht Business Ethnography ihren Forschungsbeitrag, den sie transparent der Kritik
unterwirft: sowohl bzgl. der projektspezifischen Rationalität durch diskursive Validierung von Seiten der Anwendungspartner, wie auch bzgl. der
allgemein - wissenschaftlichen Rationalität durch Diskursivierung in der
Wissenschaftsgemeinde. Dadurch werden zwar nicht die Projekte selbst
reproduzierbar, doch ihre Lern- und Entscheidungsgrundlagen, die späteren Forschern nachvollziehbar und kritisierbar gemacht werden.
Als Schnittstelle zwischen der Wissenschaftsgemeinde und den Projektpartnern wirkend, kann Business Ethnography Konflikte begleiten und dokumentieren und ihre entsprechende Aufgabe als Mediation (Alexander et
al. 2006) im Feld anlegen. Das gilt insbesondere auch für solche Konflikte,
wie sie in der Regel im Prozess der Technikentwicklung verbunden sind.
Zu diesen beansprucht Business Ethnography eine relationale Positionierung im Feld, verpflichtet sich mithin darauf, Partialinteressen transparent
im Sinne des doppelten Habitus auf das gemeinsame Projekt hin auszurichten, ein Anspruch, dessen Realisierung selbst Teil diskursiver Prüfund Aushandlungsprozesse ist - und damit der Dokumentation und Reflektion. In diesem Sinne stellt jedes Projekt der Business Ethnography in dem
Sinne ein „qualitatives Experiment“ dar, als versucht wird, Technikentwicklung als reflexiven partizipativen Prozess zu organisieren und dabei
zu analysieren, welche Erfordernisse und Wirkungen dies zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Anwendungsfelder hat.
Die Dokumentation der eigenen Aushandlungsprozesse, mit denen der
doppelte Habitus (beteiligter Anwendungspartner und Vertreter der Wissenschaft) in der eigenen Rolle des Aktionsforschers kommuniziert und
gesichert wird, stellt also den Verlauf des i.d.R. konfliktären Verständigungsprozesses dar und liefert so wissenschaftliche Daten, die zur Weiterentwicklung der Business Ethnography, aber auch im Hinblick auf das zu
entwickelnde Projekt analysiert werden können. Diese Analysen mit einzelfallorientierten Verfahren stehen dabei auch der Reinterpretation anderer Forscher offen. Damit wird das Verfahren soweit nachvollziehbar, wie
das unter den gegebenen Umständen nötig und möglich ist. Ausgangspunkt der Business Ethnography ist dabei die Unterscheidung zwischen
formalen Organisationsmodellen und situierten Handlungspraktiken, die
4
Die Business Ethnography
57
nicht als mechanische „Ausführung“ der formalen Vorgaben, sondern als
kreative, praktische Intelligenz in situierten Handlungskontexten gesehen
werden.
Wie oben bereits angemerkt, gilt das potentiell auch für die eigene Praxis, die folglich auch dokumentiert werden muss. Da Praxis, z.B. Technikentwicklung, auch praktische Expertise im Sinne eines knowing-how erfordert (Ryle 1949), verkürzt die Darstellung der Ingenieursarbeit als
„bloße Anwendung“ naturwissenschaftlicher Gesetze nicht nur ein angemessenes Verständnis von entsprechender professioneller Arbeit, sondern
erschwert auch deren sinnvolle Weiterentwicklung. Dieses Defizit bemüht
sich die Business Ethnography durch Aufdeckung der praktischen Expertise von Experten zu füllen, und diese in ihrem Verhältnis zu kanonischem
Wissen deutlich zu machen.
Inter-organisationale, über die Wissenschaftsgemeinde umgesetzte
Kommunikation und Analyse erfolgreicher praktischer Wissensaustauschprozesse kann nicht nur im Einzelfall, sondern auch allgemein innovationsförderlich sein und das allgemeine Bewusstsein von Veränderungspotentialen und –notwendigkeiten unterstützen. Business Ethnography
versteht sich deshalb zum einen als Akteur im Feld, der - wie die andern
Akteure auch - aus den Erfahrungen zum Verhältnis von Organisationsformen und Arbeitspraktiken lernt und sie mit den Beteiligten gemeinsam
auswertet und mit umsetzen muss. Zugleich hat die Business Ethnography
jedoch im Rahmen ihrer dokumentierten Mediationsrolle die Aufgabe,
Verallgemeinerungsfähigkeit gewonnener Ergebnisse zu prüfen.
Wissenschaftler wie Kurt Lewin und Pierre Bourdieu verstanden unter
Feldern intersubjektive soziale Felder. Business Ethnography pointiert dies
als Projektkontext der Technikentwicklung, der als konkrete Forschung a
priori riskant und kontextgebunden ist und insbesondere nicht forschungsunabhängig sein kann. Abgeschlossenheit und strukturelle Integration,
Existenzbedingungen von Systemen, können in Projekten angestrebt werden, dürfen aber nicht als per se gegeben unterstellt, sondern müssen anhand empirischer Daten des Feldes untersucht werden. Es kann sein, dass
ganz andere Faktoren als erwartet wirksam sind und dass deshalb das Projekt nicht als System, sondern als Funktion äußerer Kräfte abläuft. So etwas kann bei in-situ-Forschungen nicht ausgeschlossen werden, kann jedoch durch wissenschaftliche Reflektion analysiert und zur Basis von
Lernprozessen gemacht werden, wie sie die Business Ethnography anstrebt.
Vielfach werden Organisationen als „soziotechnische Systeme“ (Ropohl
1999) beschrieben, um den situierten Charakter ihrer Selbstorganisation zu
charakterisieren. Das ist gegenüber isolierten technischen Betrachtungsweisen zwar ein Fortschritt, aber doch insofern eine problematische Per-
58
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
spektive, als hier das Gleiche wie bei Projekten gilt: sie wollen und können
systemisch integriert sein – das kann jedoch auch ein bloßer, kontrafaktischer Anspruch sein.
Für die Business Ethnography sind Konzeptionen oder Modelle auf der
einen und Praxis auf der anderen Seite nicht dasselbe. Deshalb fokussiert
Business Ethnography auf die empirische Erhebung der Praktiken unterhalb der Ebene der formalen Konzeption – auch beim eigenen Projekt. Ein
zu erforschendes Praxisfeld ist daher die eigene Sinngebung des Projekts,
die sich im Lauf von Projekten in der Regel erfahrungsbasiert verändern
kann.
Der entsprechende Lernprozess wird in Forschungs- und Entwicklungsprojekten oft beiseite geschoben, oft aus Angst, praxisgestütztes Lernen
würde weniger als Ausweis solider Forschung denn als Naivität früherer
Vorannahmen gewertet. Demgegenüber ist die explizite nachträgliche Rekonstruktion solcher Lernprozesse ein zentrales Anliegen der Business
Ethnography. Ein „soziotechnisches System“ ist für sie dabei nur ein Modell auf der Basis einer blitzlichtartigen Momentaufnahme des Gegenstands, das Verhältnisse in einem soziotechnischen Feld, dem projektrelationalen Ausschnitt der Wirklichkeit - aus dem Kontext der sich ändernden
Projektpraxis gerissen - repräsentieren kann. Systeme (ob in Organisation
oder Technik) gehören für die Business Ethnography zur Welt der Modellierung; in der Welt der Praxis hat man es demgegenüber mit Feldern zu
tun, deren systemische Integration theoretisch nur beansprucht, aber nur
praktisch geprüft werden kann.
Durch diese Differenzierung zwischen Feld und System macht die Business Ethnography die Tatsache fruchtbar, dass das Verhältnis zwischen
Technikentwicklung und ihrem Kontext oft erst im Verlauf des Projekts
durch die Arbeiten am Fall erkennbar wird (vgl. Fischer 1999). Dessen
Rekonstruktion macht dabei zum einen sichtbar, was im Projekt gelernt
wurde.
Zugleich erlaubt die Rekonstruktion, sich in der Praxis entwickelnde innovative Potentiale auszuweisen, die auf Grund der Rekonstruktion hinsichtlich ihres Geltungsbereichs hin geprüft werden kann. Dabei stellen
Projekte mit industriellen Anwendungspartnern eine unverzichtbare Möglichkeit für solch situierte Forschung dar.
Im Forschungsdesign wird jedoch vielfach gerade den situierten Charakter von Projekten und den damit verbundenen Lernprozessen nicht genügend Beachtung geschenkt. Und das, obwohl gerade diese Erfahrungen für
praxisorientierte Ingenieurwissenschaften besonders wichtig sein können
und in der Regel keiner Geheimhaltung unterliegen müssten, wenn entsprechende Forschungsinteressen mit den Anwendungspartnern abgespro-
5
Erkenntnisgewinn am Fall des eigenen Projekts
59
chen wurden. Will man Erfahrungen zum situierten Charakter des eigenen
Projekts wissenschaftlich ausweisen, so bedarf es im Nachgang deren systematischer Rekonstruktion, bei der es jedoch ratsam ist, sie von vorneherein zu organisieren und zu vereinbaren. Dafür kann die Business Ethnography eine zentrale Rolle spielen.
5
Erkenntnisgewinn am Fall des eigenen Projekts
Nutzungsantizipationen können nützliche und unvermeidbare Vorgriffe
sein, ohne die vollständige, klare, eindeutige, dokumentierte und widerspruchsfreie Anforderungen gar nicht entwickelt werden können. Sie basieren auf soziotechnischen Produktantizipation – als Repräsentationen zukünftiger Wirklichkeit bleiben sie jedoch immer nur vorläufige Modelle.
Die empirische Forschung der Business Ethnography fokussiert deswegen
auf das soziotechnische Feld, das durch das Projekt aufgespannt wird, und
sucht in diesem Rahmen Lernprozesse und deren sich im Zeitverlauf entfaltenden Implikationen; sie sucht mithin das, was sich nicht aus der Theorie herleiten lässt, sondern Teil der praktischen Erfahrung im Feld ist und
die Dynamik von Modellierungsiterationsnotwendigkeiten bestimmt.
Die Rekonstruktion dessen, was schließlich als Produkt entwickelt wurde oder was eine solche Realisierung gerade verhindert hat, erlaubt der Business Ethnography analytische, über das Projekt hinausweisende Typisierungen konkreter Einflussfaktoren. Deren Allgemeinheit kann dann zum
Gegenstand entsprechender Diskurse einer, die präsentierte Analyse kritisch reflektierenden und mit Ergebnissen anderer Projekte vergleichenden
Wissenschaftsgemeinde werden. Von daher generiert Business Ethnography auch einen Beitrag zur Grundlagenforschung, der analytisch zu
trennen ist von ihrem „angewandten“ Forschungs- und EntwicklungsBeitrag zum einzelnen Technikentwicklungsprozess selbst.
Als Projektpartner dokumentiert der Business Ethnograph die Verhältnisse und Entwicklungen von Projekten, damit die Projektpartner darauf
aufbauend erfolgreich die weitere Entwicklung vorantreiben können. Als
Forschung analysiert die Business Ethnography derartige Erfahrungen gerade auch im Falle von Problemen. Der Input der Business Ethnography in
Projekte besteht von daher zum einen in der Analyse und Validierung der
multiperspektivisch wahrgenommenen Arbeitsteilung gemäß ihrer formalen Ebene (Arbeitsorganisation) wie ihrer situativen Ebene (Arbeits- bzw.
Kooperationspraktiken), sowie in einer gewünschten Stärkung der Selbsthandlungsfähigkeit der Beteiligten; zugleich können die entsprechenden
60
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
Ergebnisse zu einer kritischen Diskussion in der Wissenschaftsgemeinde
genutzt werden.
6
Illustration der Business Ethnography
Im Folgenden soll anhand des gut dokumentierten Forschungsprojekts
OrgTech die Business Ethnography als eine Konzeption reflexiver Technikgestaltung illustriert werden. OrgTech war ein von EU-Kommission
und vom Land NRW gefördertes Projekt (Laufzeit: 1.01.1998 bis zum
31.12.2000), welches die Telekooperation zwischen Unternehmen erforschte (vgl.: Iacucci et al. 1998). Auf Seiten der Wissenschaft beteiligten
sich die Universität Bonn, das Fraunhofer IGD, das Zentrum für Graphische Datenverarbeitung (ZGDV), Technologie-Zentrum Informatik der
Universität Bremen (TZI), sowie die beteiligungsorientierte Unternehmensberatung MA&T Aachen GmbH. Anwendungspartner in diesem Projekt waren ein Hüttenwerk im Ruhrgebiet, sowie zwei externe Ingenieurbüros, die zusammen eine Planungsgemeinschaft bildeten.
In Vorgesprächen wurde mit Projekt- und Anwendungspartnern sowie
dem Projektträger eine Aktionsforschung auf der Basis einer Anwendung
des Konzepts der Integrierten Organisations- und Technikentwicklung
(OTE) konzipiert. Dabei sollten synchrone Kooperationswerkzeuge für eine inter-organisationale Kooperation zwischen der Instandhaltungskonstruktion eines großen Industrieunternehmens und externen Ingenieurbüros auf der Basis einer ethnografischen Untersuchung der existierenden
Kooperationsformen entwickelt werden.
Auf der Basis des so etablierten Arbeitsbündnisses und des Forschungsauftrags wurden Interviews mit Mitarbeiten der verschiedenen Anwendungspartner durchgeführt, wobei in jedem der beteiligten Büros mindestens ein Interview geführt wurde (in den meisten mehrere). Diese folgten
einem halbstandardisierten Interviewleitfaden, der Fragen zur Arbeitspraxis, der technischen Infrastruktur und typischen Kooperationsproblemen
enthielt. Zudem wurden Verbesserungswünsche und Ideen erfragt. Die Interviews dauerten zwischen 45 und 90 Minuten und fanden an den Arbeitsplätzen der Beschäftigten statt. Sie wurden mit stenographiert, zusätzlich auf genommen und anschließend inhaltsanalytisch aufgearbeitet.
Zusätzlich wurden Möglichkeiten begleitender informeller Gespräche genutzt, Projekttreffen (Jours Fixes) der Planungsgemeinschaft beobachtet
und kooperationsrelevante Materialien ausgewertet (vgl.: Nett et al. 2000)
Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass die antizipierte Techniknutzung
die Unterstützung asynchroner Kooperationsformen voraussetzte. Aus die-
7
Resumee
61
sem Grunde wurde technische Kompetenz für asynchrone Kooperation im
Projekt organisiert und der Forschungsfokus unter Rücksprache mit den
Anwendungspartnern und dem Projektträger entsprechend erweitert. Auf
Grund des so geänderten Arbeitsauftrags wurde sich intensiv mit den existieren Praktiken, den Zugang zu materiellen Ressourcen zu kontrollieren
auseinandergesetzt.
Des weitern wurden die im Feld vorherrschenden Vorstellung hinsichtlich einer Zugriffskontrolle auf elektronische Ressourcen in der Telekooperation näher analysiert. Dabei wurde zunächst versucht die Vorstellung
in die Sprache gängiger Zugriffskontroll-Modelle zu übersetzen. Zwar war
dies bis zu einen gewissen Grad möglich, jedoch wurde die eigentliche Intention so nicht vollständig erfasst. Aus diesem Grunde wurde die Vorstellung im Feld weder vorschnell unter in der Wissenschaft bekannten Kategorien subsumiert, noch einfach als ‚Critical Case’ (Yin 2003) für die
Falsifikation eines Hypothesentest herangezogen. Vielmehr wurde versucht, die sich im Fall offenbarende Eigenständigkeit mit Hilfe rekonstruktionslogischer Analysemethoden sichtbar zu machen und auf Grundlage
dessen ein erweitertes Modell der Zugriffskontrolle zu entwickeln (vgl.:
Nett et al. 2005; Stevens u. Wulf 2002).
Durch die Anwendung der Business Ethnography wurde also vermieden, dass an den praktischen Bedarfen der Anwendungspartner vorbei entwickelt wurde. Vielmehr konnte erst auf diese Weise aufgedeckt werden,
dass vorherige Produktantizipationen unvollständig gewesen waren.
Wäre streng entlang eines formalen Prozessmodells vorgegangen worden, hätte die Gefahr bestanden, dass ein nicht kontextgerechtes synchrones Werkzeug entwickelt worden wäre, dessen Praxisuntauglichkeit erst
im Rahmen einer Evaluation am Projektende entdeckt worden wäre. Fast
noch schlimmer als die so vergeudeten Ressourcen, wäre dabei aber die
Tatsache gewesen, dass das Projekt nicht genutzt worden wäre, über das
Besondere des Falls zu reflektieren und die erworbene Erfahrung anderen
Projekten zugänglich zu machen.
7
Resumee
Wenn (Baskerville u. Wood-Harper 1996) auf Probleme der Aktionsforschung in Technikentwicklungsprojekten verweisen, sollte diese Kritik
ernst genommen werden. Die insbesondere in der Information Systems
neuerdings propagierte Canonical Action Research scheint dabei der, von
Frank (2006) konstatierten, methodischen und erkenntnistheoretischen
Ausrichtung der (auch die Naturwissenschaften verkürzenden) „natural
62
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
science as a model“ Tradition verhaftet zu sein. Folgt man demgegenüber
dem Paradigma des „research through development“, scheint der im Wort
‚kanonisch’ steckende exklusive Anspruch auf wissenschaftliche Gültigkeit jedoch fraglich. Insbesondere für den Bereich, der an offenen Erkenntnis- und Entwicklungsprozessen orientierten Aktionsforschung stellt
die vorgeschlagene Formalisierung des Forschungsprozesses und die Reduzierung auf Hypothesenprüfung keine geeignete methodische Verbesserung dar.
Die Business Ethnography bemüht sich bereits vom Projektbeginn an
um die Sicherung der Voraussetzungen zur Reflektierbarkeit des authentischen, situierten Einzelfalls, anhand dessen neue Erfahrungen gesammelt
und mit den Projektpartnern auf das Verallgemeinerbare hin analysiert
werden sollen. Sie hält es dafür für unnötig, die Forschungsfragen ex ante
festzulegen und damit die Aktionsforschung statt als qualitatives Experiment als hypothesenprüfendes Feldexperiment anzulegen: statt auf einmalige ex-ante-Organisation der Forschung vertraut Business Ethnography
auf die Möglichkeit, F&E-Prozesse prozessbegleitend reflexiv zu organisieren und entsprechende Erfahrungen durch Dokumentation des gemeinschaftlichen Reflektionsprozesses auch Außenstehenden nachvollziehbar
werden zu lassen.
Die Business Ethnography, für die die fortwährende Interpretation und
Kommunikation der eigenen Rolle ein zentraler Teil ihrer Dokumentations- und Analysearbeit ist und die im Sinne reflexiver Professionalität auf
ein praktisches Respektieren der Selbstorganisationsfähigkeit möglichst aller Akteure im Projekt abzielt, sieht in einer stärkeren Verankerung der
von Baskerville selbst angegebenen Basismethoden (Hermeneutik, Dekonstruktion oder theoretisches Vergleichen) in die Aktionsforschung eine
sinnvolle Alternative zu einer Verkürzung der Aktionsforschung auf ein
hypothesenprüfendes Feldexperiment.
8
Nachwort
63
Tabelle 1. Vergleich zwischen der Canonical Action Research und der Business
Ethnography
Canonical Action
Research
Business Ethnography
Rolle des Wissenschaft- ex-ante fixiert, formal dynamisch, Ergebnis von Aushandgeregelt
lungsprozessen
lers im Feld
Forschungslogik
Qualitätssicherende
Strategien
induktiv, subsumtionslogisch
Prozesss-orientiert,
formale Standardisierung
hermeneutisch bzw. abduktiv, rekonstruktionslogisch7
Subjekt-orientiert, diskursive Validierung
Aus den unterschiedlichen Verständnis von Praxis und sich dort vollziehenden Entwicklungsprozessen ergeben sich gewichtige Differenzen, sowohl in der methodischen als auch praktischen Ausrichtung zwischen der
Kanonischen Aktionsforschung und der Business Ethnography. Einige dieser Differenzen sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
Insbesondere für eine an Innovation ausgerichtete Wirtschaftsinformatik
scheint uns eine reflexive Aktionsforschung ein hohes Potential zu bieten.
Diese für eine praxisnahe Organisations- und Technikentwicklung fruchtbar zu machen und methodisch weiterzuentwickeln, sehen wir als eine
spannende Herausforderung für die Forschung und Lehre der Wirtschaftsinformatik an.
8
Nachwort
Dieser Artikel („Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu
einer reflexiven Technikgestaltung)“ wurde auf der MKWI 2008 in Garching vorgestellt und diskutiert. Dabei stieß der Beitrag zum einen auf Interesse am praktischen Einsatz von Business Ethnography, zum andern auf
Fragen danach, warum Business Ethnography auf zwei Ergebnisse abzielt
(ein Produkt und eine Dokumentation): sollten beide in einem guten Design nicht in eins fallen?
7 Hinsichtlich des Vergleichs subsumtionslogischer versus rekonstruktionslogischer Forschung siehe (Oevermann 2000,2002). Bzw. zum wissenschaftstheoretischen Abduktion als einer Logik der Entdeckung siehe (Kelle 2007; Paavola
2004)
64
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
Wir möchten diese Anmerkungen zum Anlass nehmen, im Hinblick auf
beide Punkte einige Ergänzungen vorzustellen, beginnend beim praktischen Einsatz von Business Ethnography.
Am einfachsten kann man Business Ethnography verstehen als ein projektbegleitendes partizipatives Verfahren, bei dem eine Planungsübereinkunft von Akteuren in einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt
dadurch angereichert wird, dass diese in einem ersten Schritt in einzelne
Sichten dekonstruiert, in einem zweiten analysiert, und in einem dritten
Schritt von den Akteuren gemeinsam diskutiert und operationalisiert wird.
Die Dekonstruktion als erster Schritt wird dabei in der Form von Interviews mit den Akteuren umgesetzt, in denen deren Sicht der Projektübereinkunft, aber auch Erwartungen, Wünsche und Befürchtungen in teilstrukturierten Interviews erhoben werden. Damit eine derartige
„Enteignung des Wissens“ überhaupt möglich ist, müssen die Interviewten
die Rolle der Interviewer (aner-) kennen, akzeptieren bzw. hinterfragen
und mit ausgestalten. Dafür ist notwendig, dass diese Rolle in ihrer Bedeutung für das Projekt von Anfang an deutlich dargestellt wird – und dafür
wiederum, dass es eine solche Bedeutung für das Projekt überhaupt gibt,
dass die Rolle des Business Ethnographen also mit dem Projektziel verknüpft (also nicht bloß deskriptiv) angelegt ist. Die Interviews mit den
Akteuren der Planungsübereinkunft können dabei durch ethnographische
Beobachtungen angereichert werden.
In der zweiten Phase werden die einzelnen Sichten zusammengefügt.
Dazu wird auf der einen Seite die relevante formale Organisation nachmodelliert, zum anderen werden die Praktiken und Singularitäten unterhalb
der expliziten formalen Organisation aufgenommen, die gemäß der Erfahrung der Interviewten als potentiell wichtig bei der Durchführung des Projekts gesehen werden. Dadurch basiert das entsprechende Gesamtbild auf
der Summe der Einzelsichten, die aber als Multiperspektivität des Feldes
zusammengestellt i.d.R. sowohl die Problemtiefe der Einzelsichten wie
auch die der gemeinsamen Diskussionen übersteigen und daher den Beteiligten als Überraschendes, als verfremdetes Eigenes, gegenübertreten
kann.
Dazu müssen die Ergebnisse der Analysephase den Beteiligten jedoch
zunächst auf einem Workshop oder einer vergleichbaren Veranstaltung
präsentiert werden. Durch die sich daraus ergebende Diskussion kann zum
einen die Business Ethnography validiert, zum andern aber von den Akteuren operationalisiert werden. Die kollektive Entscheidungsfindung erlaubt
dabei die Wiederaneignung der durch die Analyse entfremdeten Projektwahrnehmung. Die Akteure selbst können aus der Summe der Teile (den
8
Nachwort
65
Interviewergebnissen) so ein „Mehr“ machen, eine Konkretisierung bzw.
Anpassung ihrer ursprünglichen Planungsübereinkunft.
Elemente der Business Ethnography finden sich in gutem Projektmanagement vor allem im Forschungs- und Entwicklungsbereich. In der Business Ethnography werden diese Elemente jedoch systematisch und reflexiv organisiert. Aufgrund des situierten und diachronen Charakters der
Business Ethnography kann sie Lernprozesse in F&E-Projekten anstoßen,
dokumentieren und analysieren. Vergleicht man dies mit der Cartesischen
Beschreibung wissenschaftlicher Analyse als Zerlegen von Problemen in
atomare Teile, Lösung und Neusynthese, so besteht die Ähnlichkeit in der
Abfolge der De- und Rekonstruktion. Doch auch der Unterschied ist aufschlussreich: bei Descartes kennt der Analytiker das Problem und damit
dessen atomare Elemente, sucht nur nach einer Lösung, bei der Business
Ethnography hingegen reflektiert er die gemeinsame Problemstellung.
Damit trägt die Business Ethnography der Tatsache Rechnung, dass
F&E-Prozesse insofern „Wissensarbeit“ darstellen, als darin oft interdisziplinäre Teams ihre jeweilige Expertise synthetisieren müssen. Deren
Verständnis-, Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse können durch die
Business Ethnography organisiert und dokumentiert werden. Entsprechende Expertenkooperation kann in der Praxis i.d.R. durchaus mit Phänomenen wie Entscheidungshierarchien, Zeitproblemen und Unvollständigkeit
der Informationen umgehen, nicht jedoch mit einer prinzipiellen Überflüssigkeit der Expertise. Daher ist die „atomare Ebene“ für die Business Ethnography die individuelle Sicht der Beteiligten und deren darin wirksame
Erfahrung, und zwischen De- und Rekonstruktion geht es entsprechend
nicht allein um Lösungen für bereits bekannte Probleme, sondern um umfassende Analyse.
Aus dem Vorgesagten ergeben sich auch Rückschlüsse für die Frage
nach der Dualität der Ergebnisse (Produkt und Bericht) der Business Ethnography. Technikentwicklung als industrielle Massenproduktion zielt auf
vollständig wiederholbare Fertigung von bekannten, normierbaren Produkten. Demgegenüber kann Auftragsproduktion auf die Erstellung einzigartiger, innovativer Produkte gerichtet sein. In beiden Fällen (wenn auch unterschiedlich) ist die Spezifikation eines bisher nicht bekannten und
erprobten Produkts mit dem Problem konfrontiert, dass der Wirkzusammenhang über die Produktnutzung nur in Teilen vom Planer antizipiert
werden kann (etwa in Rollenkonzepten o.ä.). Von daher wird der Wirkzusammenhang des Produkts auf den antizipierten Funktionszusammenhang
der Produktantizipation verkürzt. Doch unerwartete Designimplikationen
können sich im Nachgang – und außerhalb antizipierter Forschungsmethodik - herausstellen.
66
Business Ethnography – Aktionsforschung als Beitrag zu einer reflexiven
Technikgestaltung
Aus diesem Grunde spielen bei innovativen Produkten bekanntermaßen
iterative Prozesse eine wichtige Rolle: mit ihrer Hilfe kann aus Fehlern gelernt und das eigene F&E-Projekt ggf. sinnvoll umorientiert werden. Business Ethnography unterstützt einen solchen Iterationsprozess (und könnte
ad infinitum wiederholt und in evolutionäre Prozesse eingebracht werden),
der dabei so organisiert wird, dass entsprechende Lernprozesse schnell und
effektiv umgesetzt werden können. Damit kann Business Ethnography die
Möglichkeit unerwarteter Handlungsfolgen nicht ausschalten, aber eine
wissenschaftlich seriöse und produktive Umgangsweise dafür entwickeln
und einen indirekten, aber zentralen Beitrag zum Produkt liefern.
Business Ethnography versteht sich dabei als wissenschaftliche Methode. Von daher bescheidet sie sich nicht damit, einen produktrelevanten
Lernprozess in einem F&E-Projekt mitorganisiert zu haben, sondern sieht
ihre Aufgabe auch darin, diesen Lernprozess wissenschaftlich fruchtbar zu
machen. Daher stellt sie ihre Dokumentation entsprechender Lernprozesse
der scientific community zur Diskussion. Einerseits wird so praktisches
Designwissen wissenschaftlich vermittel- und analysierbar, was der Praxisnähe der wissenschaftlichen Ausbildung zugute kommen kann. Umgekehrt kann dabei auch das initiale Projekt, dessen Lernprozesse wissenschaftlich rekonstruiert und analysiert wurden, durch die wissenschaftliche
Diskussion angeregt und weiter entwickelt werden. Als Entwicklungsbeitrag hilft Business Ethnography also den Projektpartnern bei der Produktfindung und –Entwicklung, als Forschungsbeitrag rekonstruiert sie die dabei auftretenden Lernprozesse für die wissenschaftliche Öffentlichkeit.
Damit ergibt sich die Dualität ihrer Ergebnisse (technisches Produkt und
Bericht) aus dem Zusammenhang singulärer F&E-Projekte und der angestrebten Allgemeinheit wissenschaftlicher Erkenntnis. Business Ethnography versteht sich daher als eine mögliche Vermittlungsform zwischen
der Mikroebene von F&E-Projekten und der Makroebene wissenschaftlicher Öffentlichkeit. Als solche beansprucht sie im Methodenpluralismus
der Wissenschaft nicht, die Patentlösung für Technikentwicklung
schlechthin, wohl aber, eine systematische beteiligungsbasierte wissenschaftliche Forschungskonzeption für innovative F&E-Projekte besonders
im Bereich der Softwareentwicklung zu sein.
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