091K+S-Abhäng - Supervision

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3.1.5 Körperliche Abhängigkeit
Die körperliche Abhängigkeit ist dann feststellbar, wenn der betroffene Mensch das Suchtmittel absetzt. Sie entsteht durch wiederholten Anwendung des Suchtmittels. Schließlich braucht der Körper den
Stoff. Nach dem Absetzen der Droge treten Entzugserscheinungen
auf. Die Entzugserscheinungen sind leicht zu erkennen. Es können
dabei folgende Symptome auftreten: Beschleunigte Atmung, depressive Niedergeschlagenheit, Schmerzüberempfindlichkeit und Spontanschmerzen, Durchfall, Kältegefühl und Gänsehaut, Schlafstörungen,
starkes Schwitzen und Zittern, Halluzinationen usw. Diese Symptome
verschwinden sofort nachdem der Betroffene wieder Alkohol oder Heroin zu sich genommen hat.
Eine körperliche Abhängigkeit entwickelt sich nicht bei allen
Suchtstoffen. Am bekanntesten ist diese Abhängigkeitsform bei den
Opiaten. Die Heroinabhängigen haben oftmals eine solch große Angst
vor den körperlichen Entzugserscheinungen, daß sie stets versuchen
genügend Stoff in Reserve zu haben, um diese Situation zu vermeiden.
Die Drogenkriminalität hat hier ihre Wurzel. Der Süchtige tut alles,
um dem befürchteten Entzugsschmerz zu entgehen.
Trotz der spektakulären Entzugserscheinungen bei den Heroinabhängigen, muß man allerdings davon ausgehen, daß die Alkoholentzüge die schwierigsten und gefährlichsten sind. Beim Alkohol entwickelt sich eine körperliche Abhängigkeit jedoch meist erst nach langjährigem übermäßigem Mißbrauch. Weil der Körper die oben beschriebene Toleranz entwickelt, benötigt der suchtkranke Mensch
immer mehr, um die ursprüngliche Wirkung zu erzeugen. Manche Alkoholiker benötigen eine solch hohe Dosis, daß sie ihren Nachtschlaf
unterbrechen müssen, um die Entzugserscheinungen zu vermeiden.
Beim Alkoholismus können sich die Entzugserscheinungen bis zu Alkoholdelirium steigern. Dies ist eine lebensgefährliche Geistesstörung,
der der Kranke nur durch eine erneute Zufuhr von Alkohol oder durch
eine intensiv-medizinischen Behandlung entgehen kann.
Das Delirium tremens ist die grausamste Form der körperlichen
Entzugserscheinungen. Dabei treten schwerste Angst- und Unruhezustände auf. Begleitet von Halluzinationen und Sinnestäuschungen sehen die Kranken weiße Mäuse, Spinnen und anderes Kleingetier, oder
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sie erleben andere grausige Geschehnisse. Begleitet wird der Hergang
mitunter noch von epilepsieähnlichen Krampfanfällen mit starken
Schwitzen, Zittern und Fieber. Es treten Kreislaufstörungen mit starken Blutdruckschwankungen auf.
Ein Delirium muß unbedingt intensiv-medizinisch behandelt werden. Tritt keine rechtzeitige medizinische Notfallversorgung auf, so
führt ein Delirium tremens in 20 % der Fälle innerhalb weniger Tage
zum Tode. Auch nach einer gelungen Notfallversorgung können Gehirnschädigungen zurückbleiben. Meistens klingt das Delirium nach
einigen Behandlungstagen wieder ab. In besonders schweren Fällen
kann es schon einmal bis zu zwei Wochen dauern.
Zusammenfassend kann zur körperlichen Abhängigkeit gesagt
werden, daß diese nicht bei allen Suchtmitteln deutlich in Erscheinung
tritt. Opiate und die ihnen verwandten Mittel führen zur körperlichen
Abhängigkeit; ebenso wie Alkohol, Barbiturate (Schlaf- und Beruhigungsmittel) und Tranqulizer (z.B. Valium, Lexotanil).
Bei anderen Drogen wie Haschisch, LSD oder auch dem Kokain
konnte man eine körperliche Abhängigkeit bisher nicht nachweisen.
3.1.6 Psychische Abhängigkeit
Während die körperliche Abhängigkeit recht eindeutig beschrieben
und auch medizinisch gut behandelt werden kann, ist dies bei der psychischen Abhängigkeit viel unklarer und schwieriger.
Psychische oder seelische Abhängigkeit ist das unstillbare Verlangen, den bekannten Effekt des Suchtstoffes erneut zu erfahren und den
Konsum fortzusetzen. Sie ist somit der eigentliche Motor jeder süchtigen Entwicklung. Sie kommt vermutlich dadurch zustande, indem der
Alkohol eben nicht zum Lustgewinn getrunken wird, wie die meisten
glauben. Die Droge verhilft hingegen vielen Menschen, Ängste und
Hemmungen zu überwinden, Einsamkeit zu ertragen, Streß, Minderwertigkeitsgefühle, Spannungen, Versagensängste abzubauen oder zu
überdecken und positive Gefühle zu verstärken. Lustgewinn und
Stimmungsverbesserung werden durch den Alkohol indirekt erzeugt,
weil die negativen Gefühle, die Hemmungen und Ängste unterdrückt
werden. Die Erfahrung, daß Ängste und Spannungen nachlassen und
sich dadurch die Stimmung und die Leistungsfähigkeit verbessern
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läßt, veranlaßt manche Menschen dazu, sich in ähnlichen Situationen
vom Alkohol Hilfe zu erhoffen. Der Alkohol wird von diesen Menschen gewissermaßen wie eine „Krücke“ gebraucht, die ein fehlendes
seelisches Gleichgewicht stützt. Je öfters diese Krücke benutzt wird,
um so weniger werden die eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung unangenehmer Zustände geschult. Nach und nach verkümmern die inneren Bewältigungsfähigkeiten des Individuums und es wird zunehmend
auf seine „Krücken“ angewiesen sein.
Seelische Abhängigkeit entsteht indem natürliche Mittel der Streßund Konfliktbewältigung (z.B. Frustrationstoleranz) durch künstliche
Mittel (Alkohol) ersetzt werden. Vom betroffenen Menschen werden
zunächst die künstlichen Mittel der Problembewältigung als erfolgreicher erlebt.
Eine Kopfschmerztablette läßt den Kopfschmerz nach etwa einer
halben Stunde der Einnahme schwächer werden. Den Schmerz auszuhalten würde vielleicht drei oder vier Stunden dauern. Durch die wiederholte Einnahme der Schmerztablette bildet sich nun einerseits die
Fähigkeit, den Schmerz auszuhalten zurück, und andererseits verliert
auch die Tablette an Wirkung. In Folge davon vermindert sich die
Schmerzschwelle und erhöht sich die Medikamentendosis. Ähnlich
verhält es sich auch beim Alkohol. Ein Junger Mann fühlt sich ängstlich und unsicher wenn er ein Mädchen ansprechen möchte. Er stottert, ist unsicher und dadurch nicht besonders erfolgreich. Nachdem
dieser junge Mann etwas getrunken hatte, verschwand seine Unsicherheit und er war erfolgreich. Ohne Alkohol müßte er vielleicht zunächst einige „Körbe“ einstecken, könnte daraus aber lernen und
schließlich erfolgreich werden. Mit Alkohol hingegen verminderte sich
seine Fähigkeit nüchtern ein Mädchen anzusprechen mehr und mehr
und die Alkoholmenge, die er benötigte, um sich sicher zu fühlen
wurde größer und größer.
Der Kontrollverlust ist das charakteristische Kennzeichen fortgeschrittener psychischer Abhängigkeit. Anfänglich haben die Betroffenen nur ein leichtes Bedürfnis etwas zu trinken, um sich damit wohler
zu fühlen. Später kann sich ein so starker Drang nach Alkohol entwickeln, daß dem Betroffenen alle anderen Dinge gleichgültig werden
und er nur noch mit ungesteuertem Trinken bis zum Vollrausch beschäftigt ist. In manchen Fällen tritt der Kontrollverlust bereits nach
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wenigen Schlucken Alkohol ein. Es wird dann mit großer Gier innerhalb kürzester Zeit sehr viel Alkohol bis zur völligen Betrunkenheit
„gekippt“. In den meisten Fällen tritt dieser Kontrollverlust nach etwa
drei bis vier Gläsern Bier auf. Der Betroffene ist dann nicht mehr in
der Lage mit dem Trinken aufzuhören und trinkt dann viel mehr als er
eigentlich beabsichtigte. Meist endet das dann auch im Vollrausch.
Der oben erwähnte junge Mann trank vor seinen Besuchen im Jugendfreizeitheim zunächst etwa ein bis zwei Dosen Bier auf einer nahegelegenen Parkbank. Dabei war er stets in Gesellschaft von anderen Besuchern des Jugendclubs. Danach ging er leicht und beschwingt zur Disco-Veranstaltung des Jugendclubs und fühlte sich den
Mädchen gegenüber recht frei und ungehemmt. Nach einiger Zeit verstärkte sich aber sein Verlangen nach Bier, nachdem er zwei Dosen
getrunken hatte. Dann merkten ihm die Mädchen seinen Alkoholkonsum an und begannen sich etwas von ihm zu distanzieren. Dies führte
bei ihm zu einer erneuten Dosissteigerung mit den Folgen noch stärkerer Betrunkenheit, wodurch die Ablehnung noch mehr anstieg.
Schließlich endeten seine Besuche im Jugendclub meistens schon vor
dem Club auf der Parkbank. Der Sozialarbeiterin des Jugendclubs erzählte er später, daß er nach zwei Dosen Bier erst richtigen Durst bekommen habe. An der nahegelegenen Tankstelle versorgte er sich
dann gewöhnlich mit weiteren zwanzig Dosen Bier, die er auf der
Parkbank leerte, nachdem die anderen Jungendlichen zum Großteil
bereits fort waren. Schließlich besorgte er sich noch kleine Schnapsflaschen und torkelte dann randalierend zum Jugendclub, wo er dann
wegen des Randalierens fast regelmäßig von der Polizei abgeholt
wurde und erst am nächsten morgen wieder in der Ausnüchterungszelle erwachte. An sein krakeelen konnte er sich meistens nicht mehr erinnern. Er blieb dann in der Regel an den nächsten Tagen nüchtern
aber bereits am nächsten Wochenende trat nach zwei Bieren der gleiche Effekt wieder ein.
Beim Kontrollverlust tritt das eigentliche Trinkmotiv völlig in den
Hintergrund. Es geht nur noch um den Alkohol selbst. Der Abbau von
Hemmungen den Mädchen gegenüber wurde für den Jugendlichen mit
jedem Bier weniger wichtig. Das Trinken als solches bestimmte nun
ausschließlich sein Denken und Handeln. Dies sind nun die deutlichen
Anzeichen einer psychischen Abhängigkeit, einer Alkoholsucht.
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Diese psychische Abhängigkeit findet sich bei den allermeisten
Drogen. Beim Kokain kann sie bereits nach einmaligem Gebrauch
auftreten. Aber auch bei den sogenannten weichen Drogen muß in einigen Fällen von einer psychischen Abhängigkeit ausgegangen werden. Kennzeichnend dafür ist, wenn sich das gesamte Denken und
Handeln der Person nur noch um die Droge und deren Gebrauch dreht
und soziale Beziehungen dahinter verblassen.
Psychische und physische (körperliche) Abhängigkeit bedingen
sich gegenseitig und stehen in enger Verbindung. Die meisten Suchtmittel, die eine körperliche Abhängigkeit erzeugen, bewirken auch eine starke seelische Abhängigkeit. Während allerdings die körperliche
Abhängigkeit recht schnell „geheilt“ werden kann, benötigt die seelische Abhängigkeit eine sehr langwierige Therapie, die oft über Jahre
dauern kann und nach deren Abschluß, nach heutigem Wissensstand,
nur eine dauerhafte Abstinenz vor erneutem Rückfall in eine Sucht
schützen kann. Da diese psychische Abhängigkeit so tiefgreifend in
die Persönlichkeit der betroffenen Menschen eingreift, reicht die Therapie in einer Fachklinik fast nie aus, um eine dauerhafte Abstinenz zu
gewährleisten. Ambulante Nachsorge und besonders die Integration in
eine Selbsthilfegruppe, nach einer stationären Therapie, können die
Abstinenz stabilisieren. Psychologisch gesehen hat die regelmäßige
Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe die Funktion einer „Krücke“,
die das noch geschwächte Ich des abstinenten Alkoholikers, anstelle
des Suchtmittels, stützt. Dies ist besonders eindrucksvoll bei den
Anonymen Alkoholikern zu beobachten.
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