[Argos]. Ein Gespräch mit Ernst Krenek.

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Jonny, der Jazz, die Opernbühnen und die Menschen.
Ein Gespräch mit Ernst Krenek.
In: Der Tag, Wien, 18.12.1927, S. 12
Wir sitzen im menschenleeren Spielzimmer eines Ringstraßen-Cafés, von fern klingt
das einförmige Geräusch des Betriebs in die ‚Einsamkeit‘. „Sehen Sie“, sagt Krenek, „diese
Selbstverständlichkeit, mit der wir hier unseren Kognak trinken, diese unkomplizierten
Vorgänge, wie der Kellner uns bedient, wie wir zahlen, wie wir aufstehen, wie wir von
unseren Mitmenschen behandelt werden, die innere Zweckmäßigkeit, die unseren Alltag
durchpulst, war es vor allem, die in mir die Idee des Jonny reifen ließ. Vier Jahre sind es her,
als die ersten Umrisse der Handlung in meinem Innern sich verdichteten, als die Figuren aus
dem ungeformten Nichts in meine Welt traten. Ich habe eine große Wandlung, eine
grundlegende Umstellung meines Ich, meines Empfindens, meiner Anschauungen über
Kunst, Leben und Menschen durchmachen müssen, ehe ich an die Ausführung des Werkes
schritt. Und von da an bis zum Abschluß der Dichtung und der Komposition war noch ein
weiter Weg.
Ein Wust von Mißverständnissen hat den weiten Weg des ‚Jonny‘, der über
neunundfünfzig Bühnen innerhalb eines Jahres gegangen ist, begleitet. Und weniger die
wenigen ablehnenden Stimmen, als vielmehr die der Wohlwollenden, der ehrlich
Begeisterten, haben dazu beigetragen, dieses Werk und meine Einstellung zu ihm,
überhaupt meine ganze Einstellung als Komponisten, vor der breiten Öffentlichkeit in ein
durchaus falsches Licht zu rücken. Man stempelte mich kurzerhand zu einem
Erfolgskomponisten, zu einem Artisten, der, mit besonderen Bühnenkenntnissen
ausgerüstet, eine Revue geschrieben hat, in der es nicht um ein Erlebnis, sondern nur um
den Publikumserfolg geht.
Das ist falsch. Aber ich kann mich gar nicht darüber erregen, wenn ich die Dinge
betrachte, wie sie gekommen sind. Denn auch ich war vor meinem Pariser Aufenthalt1, der
einen entscheidenden Einschnitt in meinem Leben bedeutet, auf einem ähnlichen
Standpunkt, wie das deutsche Publikum und – auch die Kritik bis zu den ersten
Musikschriftstellern hinauf. Auch für mich war früher die Idee eines Kunstwerkes das
Primäre, dem sich alle anderen Faktoren, der Theaterapparat und die Menschen, zu beugen
hatten. Das ist deutsch.
Nach jenem erwähnten Pariser Aufenthalt aber, als ich zum Theater kam und
Kapellmeister und Dramaturg in Kassel und später in Wiesbaden wurde, als ich an der
lebendigen Theaterarbeit teilnehmen durfte, als ich die unsagbaren Klüfte zwischen den
Werken und den tatsächlichen Erfordernissen der Bühne sah, und weiters die Divergenz
1
Bezieht sich auf seinen Parisaufenthalt vom Spätherbst 1924, bei dem er u.a. mit Darius Milhaud bekannt
wurde, dessen „Fähigkeit, erstaunliche Mengen interessanter, ‚moderner‘ und trotzdem ‚brauchbarer‘ Musik
hervorzubringen“ Krenek ausdrücklich bewunderte. Vgl. E. Krenek: Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die
Moderne. Hamburg 1998, S. 489.
1
zwischen dem Resultat der Bühnenwirkung und der tatsächlichen Empfindungswelt des
naiven Publikums, empfand ich den Wunsch, ein Werk zu schreiben, dessen Anlage von
vornherein all diesen Hindernissen Rechnung trug, sie ausschloß. So ist mein ‚Jonny‘ förmlich
auf der Bühne entstanden, das Erlebnis von früher ist durch das spätere abreagiert.
Ich habe viel und oft über die Jazzattrappe dieser Oper sprechen und schreiben
müssen. Erlassen Sie es mir diesmal. Jeder Einsichtige wird erkennen müssen, daß in einer
Welt der Selbstverständlichkeit, der Einfachheit und Zweckmäßigkeit, in der meine Oper
spielt - und wozu sollte ich auch eine fremde, griechische oder orientalische, oder historische
Atmosphäre aufbieten, um vom Publikum ein unnötiges Plus an Umstellung zu verlangen? –
der Jazz ein Bestandteil ist wie ein Tisch, ein Smoking und andere Requisiten.
Aber der deutsche, so stark im Spekulativen, im Theorem befangene Geist hat eine
Weltanschauungssache aus dem Ganzen gemacht. Schlagworte, nichts als Schlagworte, die
mich begleiten!
Dieser Hang zum Schweren, Gründlichen, Ethischen, zur Doktrin, zur Philosophie, hat
bekanntlich auch das deutsche Theaterwesen gründlich infiziert. So haben gerade mittlere
Opern und kleine Opernhäuser wie Leipzig, Hamburg, Mainz, Mannheim, Frankfurt,
Wiesbaden usw. mein Werk glänzend herausgebracht, weil man ohne viel Spekulation die
sehr wichtigen Regievorschriften beachtet hat. In Berlin hingegen, an einer der größten
Bühne [n] des Reichs, tat der Regisseur zu viel des „Guten“ und das Resultat war eine
Überinszenierung, die der ganzen Aufführung schadete. In Kassel wurde ‚Jonny‘ gerade
während einer Lohnbewegung aufgeführt. Um die Theaterarbeit zu sabotieren, beschädigte
jemand die Waberlohe in der ‚Walküre‘, sodaß der ganze Feuerzauber verdorben wurde. Am
nächsten Tag mußte meine Oper daran glauben. Denn jemand durchschnitt das Seil, an dem
der Expreßzug im letzten Bild bewegt werden sollte.
‚Jonny‘ liegt hinter mir. Es ist der Ausfluß, sagen wir die Abreaktion einer Epoche, die
hinter mir liegt, wie der große Gegensatz zwischen Romantik und Gegenwartsgefühl, den die
großen Massen im Begriff sind zu überwinden. Und es bedeutet mir reine Freude, wenn ich
den Theaterapparat, die Sänger, das Orchester, den Kapellmeister und den Regisseur glatt
und reibungslos an meinem Werke arbeiten sehe. Wie speziell die großen
Sängerpersönlichkeiten an der Wiener Staatsoper, wie Vera Schwarz, Elisabeth Schumann,
Alfred Jerger, Hans Duhan und Pataky, aus ihrer persönlichen Auffassung immer mehr in die
meinige, hier durch den glänzenden Regisseur Dr. Wallerstein2 verkörpert, hineingeraten. Ich
freue mich schon auf die Orchesterproben mit Kapellmeister Heger, auf die fabelhaften
Dekorationen von Professor Strnad, die ich zwar noch nicht gesehen, aber aus ihrer
Andeutung bei den Proben im Prinzip als sehr richtig angelegt erkannt habe.
2
Lothar Wallerstein (1882, Prag – 1949, New Orleans), von 1927-1938 Oberspielleiter an der Wiener
Staatsoper; 1939 Flucht ins US-Exil aufgrund seiner jüd. Abstammung; von 1941-46 Regisseur an der
Metropolitan Opera in New York. 1928 verantwortete er auch die Uraufführung von Strawinskys Oedipus Rex.
2
Ich hoffe, daß diese Aufführung nicht nur mir, sondern auch den Wienern ein frohes,
heiteres Erlebnis bedeuten wird.
Argos
3
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