Prof

Werbung
Prof. Dr. S. Weigelin-Schwiedrzik
Sommersemester 2000
Vorlesung: Einführung in die chinesische
Geschichte des 20.Jahrhunderts
Teil VIII: Der Bürgerkrieg zwischen der Nationalregierung und den Truppen der KPCh:
Vorspiel und Entscheidungsschlacht um die Macht auf dem chinesischen Festland 1
Die Phase zwischen 1945 und 1949 gliedert sich in vier Abschnitte:
1. August 1945 bis November 1946: Interimsphase nach der japanischen Kapitulation:
Koalitionsregierung oder Bürgerkrieg
2. Ende 1946 bis Spätsommer 1947: Beginn des Bürgerkrieges: Offensive der
Regierungstruppen, strategischer Rückzug der „Volksbefreiungsarmee“
3. Herbst 1947 bis Frühjahr 1948: Vorstoß der Volksbefreiungsarmee in von der
Nationalregierung gehaltenes Territorium, Zurückdrängung der Regierungstruppen
in die Defensive
4. März 1948 bis Oktober 1949: Militärische Eroberung des chinesischen Festlandes
durch Truppen der Volksbefreiungsarmee
In diesem Zusammenhang sind zwei Fragen von grundlegender Bedeutung:
1. Warum kam es im Jahr 1945 nach der japanischen Kapitulation nicht zur Bildung einer
Koalitionsregierung zwischen Guomindang und KPCh, obwohl beide Seiten beteuerten,
daß dies die für China beste Lösung sei?
2. Warum ist es der Nationalregierung nicht gelungen, ihren 1946 verkündeten Plan, die
Kommunistischen Truppen innerhalb von 8 bis 10 Monaten zu besiegen, umzusetzen?
Zur Beantwortung der ersten Fragen muß untersucht werden, inwieweit die Bildung einer
Koalitionsregierung im Interesse der beiden möglichen Koalitionspartner stand und inwiefern
sie gegen deren Interessen verstieß.
Was spricht für eine Koalitionsregierung auf Seiten der Nationalregierung?
1. Der Friedenswille der Bevölkerung nach langem und verlustreichen Krieg gegen Japan.
2. Die schwierige ökonomische Lage als Folge des Krieges: hohe Staatsverschuldung – hohe
Inflation
3. Das gewachsene Prestige der Kommunistischen Partei
4. Die militärische Stärke der von der Kommunistischen Partei geführten Truppen
5. Die Herrschaft der KPCh über ein großes Territorium in Chinas Norden
6. Die Haltung der USA, die auf eine Zusammenarbeit der Parteien drängte
Was spricht auf Seiten der Nationalregierung gegen eine Koalitionsregierung?
1
Zur weiteren Information vgl. Suzanne Pepper: The KMT-CCP conflict 1945-1949. In: John K. Fairbank und
Abert Feuerwerker (eds.): The Cambrdige History of China. Vol 13, Republican China 1912-1949, Part 2,
S.723-788.
1
1. Die Befürchtung, eine gute Chance zu verlieren, in der Auseinandersetzung mit den
Kommunisten einen Sieg zu erringen (schließlich war die Guomindang international auf
dem Höhepunkt ihres Ansehens angelangt: unter ihrer Führung war China als Sieger aus
dem zweiten Weltkrieg hervorgegangen, die ungleichen Verträge waren annulliert worden,
China hatte seine Souveränität wiedererlangt und zugleich die Aufmerksamkeit der USA
für seine inneren Probleme gewonnen.)
2. Die Befürchtung, die Kommunistische Partei könne in einer Koalitionsregierung erstarken.
3. Die Befürchtung, die Zusammenarbeit mit der KPCh könnte die Fraktionierungen
innerhalb der GMD verstärken.
4. Die Befürchtung, wegen der Koalition mit Kommunisten an Vertrauenswürdigkeit und
damit an Unterstützung seitens der USA einzubüßen.
Was spricht auf Seiten der KPCh für die Bildung einer Koalitionsregierung?
1. Der Friedenswille der Bevölkerung nach langem und verlustreichen Krieg gegen Japan.
2. Die selbst entworfene politische Strategie, nach der in China nicht die Durchführung der
sozialistischen Revolution, sondern das Nachholen der bürgerlich-demokratischen Phase
auf der Tagesordnung stand.
3. Die Möglichkeit, als Gegengewicht zur engen Bindung an die SU eine gedeihliche
Kooperation mit den USA zu entwickeln.
Was spricht auf Seiten der KPCh gegen eine Bildung der Koalitionsregierung?
1. Die Befürchtung, eine günstige Gelegenheit zu verpassen, die eigenen Kräfte vor allem in
territorialer Hinsicht zu vergrößern (Übernahme ehemals japanisch besetzten Territoriums
durch die kommunistische Verwaltung, Entwaffnung der japanischen Armee und
Übernahme der Waffen)
2. Die Befürchtung, für Mißwirtschaft, Korruption und Inflation usw. als Partner in der
Koalitionsregierung mitverantwortlich gemacht zu werden (Prestigeverlust).
3. Die Befürchtung, als Preis für die Teilnahme an der Koalitionsregierung, zu viel
Territorium abgeben zu müssen.
4. Die Befürchtung, den Rückhalt unter der ländlichen Regierung zu verlieren, wenn ein Teil
der eigenen Truppen demobilisiert werden müßte und wenn aus Gründen der
Rücksichtnahme gegenüber den Interessen der GMD die Landreform nicht weiter
radikalisiert werden könnte.
Beide Seiten liebäugeln mit der Möglichkeit der Koalitionsregierung und scheuen doch vor
einer solchen Lösung zurück. Zwar stehen international noch die Zeichen auf Zusammenarbeit,
drängen vor allem die USA ihre Verbündeten in China, sich auf die Zusammenarbeit mit den
Kommunisten einzulassen, und schlägt Stalin den chinesischen Kommunisten die Teilung des
Landes vor, doch gerät das Hin und Her zwischen den möglichen Verbündeten allzu schnell zu
einem taktischen Spiel um die besten Voraussetzungen für die Liquidierung des jeweiligen
Gegners. Dabei sind die
Argumente für eine Koalitionsregierung auf Seiten der Nationalregierung stärker als auf
Seiten der KPCh. Voraussetzung für diese Erkenntnis ist allerdings eine Einschätzung des
Kräfteverhältnisses zwischen KPCh und GMD, in der der KPCh eine vergleichsweise große
Kraft zugebilligt wird. Mit einiger Wahrscheinlichkeit konnte diese Einschätzung von Seiten
der Nationalregierung nicht vorgenommen werden. Erstens hätte sie ein Eingeständnis der
eigenen Schwäche bedeutet, und zum zweiten stand hier der unabweisbare internationale
Erfolg der Nationalregierung, auf den sie so lange hingearbeitet hatte, im Wege. Während
jedoch die Nationalregierung, nachdem sie sich zum Bürgerkrieg entschlossen hatte
(November 1946), gezwungen war, so schnell wie möglich einen Sieg zu erringen, würde die
KPCh selbst dann nicht in erhebliche Schwierigkeiten geraten, wenn sie keinen schnellen Sieg
2
zu erreichen in der Lage war. Dementsprechend wurde die Nationalregierung als Initiator
der Bürgerkrieges in der Öffentlichkeit eingeschätzt, was ihre Legitimität angesichts einer
friedenshungrigen Bevölkerung erheblich untergrub. Damit hatte sie das Spiel um die
moralische Macht im Lande bereits zu Beginn des Bürgerkrieges gegen sich entschieden.
Zur Beantwortung der zweiten Frage nach den Gründen für die Niederlage der
Nationalregierung sind militärische, politische, ökonomische und moralische Gesichtspunkte
zu beachten.
1.Militärische Gesichtspunkte:
Zwar gelang es in der ersten Phase der Auseinandersetzung den Truppen der
Nationalregierung, die Überhand über die militärischen Auseinandersetzungen zu bewahren
und einen Sieg nach dem anderen zu erringen. Kommunistische Truppen zogen sich aus vielen
wichtigen Städten, die ehemals unter ihrer Kontrolle gestanden hatten, zurück. Doch wurde
dabei auf Seiten der Nationalarmee nicht beachtet, daß es sich hierbei um einen strategischen
Rückzug handelte.
Während die Nationalarmee auf breiter Front angriff, zogen sich die Truppen der VBA
geschickt zurück, um an solchen Stellen konzentriert die Schlacht zu suchen, wo es ihnen
günstig erschien. Als Ergebnis verloren die VBA Truppen zwar an Territorium, sie hatten aber
weniger Verluste an Waffen und Soldaten einzustecken als die Truppen der Nationalarmee.
Nach Schätzungen der kommunistischen Seite lagen die Verluste des ersten Bürgerkriegsjahres
bei 780.000 Soldaten der Nationalarmee und 300.000 Soldaten der VBA. Da somit die Truppen
der Nationalarmee bereits erheblich geschwächt worden waren, konnte nun in die zweite Phase
der Auseinandersetzung, des Territorialgewinns in bisher von der Nationalregierung
beherrschten Gebieten, begonnen werden. Als Ergebnis des zweiten Jahres meldete die
Regierungsseite, die Truppen der Nationalarmee seien gegenüber 1945 um ein Drittel dezimiert
worden, bei 2.18 Millionen Soldaten standen nur 980.000 unter Waffen. Auf Seiten der VBA
betrug die Truppenstärke 1.56 Millionen Mann an regulären Truppen, 700.000 irreguläre
Truppen , davon insgesamt 970.000 unter Waffen. Schließlich meldete die kommunistische
Seite, daß weitere 1.6 Millionen Zivilisten die Armee unterstützten. Damit waren für die
Kommunistische Seite die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß sie zur regulären
Kriegsführung übergehen und die Entscheidungsschlacht mit den Truppen der
Nationalregierung suchen konnte. Die Niederlage der Guomindangregierung war in erster
Linie eine Niederlage auf dem Schlachtfeld.
3. Politische Gesichtspunkte
Die Regierung hat in den Augen der Bevölkerung gegen deren erklärten Willen den Krieg
angefangen und ist nicht in der Lage, ihn zum Sieg zu führen (doppelter Legitimitätsverlust).
Die Regierung kämpft nur um den Erhalt der eigenen .Macht und tut nichts für das Wohl der
Bevölkerung (Handlungsunfähigkeit)
Dem wachsenden Widerstand gegen die Politik der Regierung kann diese nichts als blanke
Repression entgegensetzen. Sie isoliert sich zunehmend von der städtischen Bevölkerung, die
zuvor ihr stärkster Rückhalt war.
Dabei treibt sie alle Gegner, auch die, welche gar nichts mit den Kommunisten gemein hatten,
in die Arme der Kommunisten (Isolation).
Die politische Instabilität und der Bürgerkrieg beeinträchtigen die Investitionstätigkeit, die
Arbeitslosigkeit in den Städten nimmt zu, die Inflation steigt, die Regierung weiß nicht, wie sie
diesen Problemen Herr werden soll (Inkompetenz).
Im Zuge des entstehenden kalten Krieges gewinnt die Auseinandersetzung in China an
internationaler Bedeutung, doch gelingt es der Nationalregierung nicht, dies innenpolitisch zu
ihren Gunsten umzusetzen.
3
Die Niederlagen auf dem Schlachtfeld wurden somit nicht durch politische Erfolge
wettgemacht. Die militärische Schwäche fand vielmehr ihre Fortsetzung im politischen
Bereich.
4. Ökonomische Gesichtspunkte
Das schwerstwiegende Problem im ökonomischen Bereich ist das Mißverhältnis von
Staatseinnahmen und Staatsausgaben, das durch die Situation des Bürgerkrieges noch
verstärkt wird. Da es unter den gegebenen Umständen keine grundsätzliche Lösung des
Problems geben kann, druckt der Staat zunehmend Geld und heizt damit eine Hyper-Inflation
an. Dabei verliert die Nationalregierung insbesondere die Unterstützung der Mittelschichten,
sie beeinträchtigt aber auch das Vertrauen der Hochfinanz und befördert einen
investitionsfeindlichen Umgang mit den ohnehin knapp bemessenen Kapitalressourcen.
Spekulanten nutzen die Situation aus, um durch Monopolisierung von Ressourcen
(insbesondere Reis) die Preise auf die Spitze zu treiben, was auf Seiten der Bevölkerung zu
Hungeraufständen, Demonstrationen und Streiks führt und, da die Regierung mit diesen
Phänomenen nicht umzugehen weiß, von der Bevölkerung als Ausdruck von deren
Inkompetenz betrachtet wird.
Wie schon in der Nankinger Dekade - und das wäre etwas, was die Nationalregierung mit Hilfe
der Koalitionsregierung hätte vermeiden können - führt der Bürgerkrieg dazu, daß der
Regierung keinerlei fiskalische Mittel zur Verfügung stehen, mit deren Hilfe sie die
ökonomischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politik hätte schaffen können. Im
Gegenteil: Der "Verlust des himmlischen Mandates" stand in allen Bereichen drohend
am Horizont: die Territorialgewinne der kommunistischen Armee zeigten, daß die
Nationalregierung nicht mehr in der Lage war, das Land unter sich zu einen; die
ökonomischen Probleme brachten die Unfähigkeit mit sich, die Bevölkerung angemessen
zu ernähren. Beides zusammen wurde als Ausdruck einer politischen Unfähigkeit
gewertet, gegen die die Guomindang kein Mittel aufzuweisen hatte.
5. Moralische Gesichtspunkte
Als Kriegsbeginner ist die Nationalregierung von Anfang an in einer moralisch unterlegenen
Situation. Dabei spielte auch die Tatsache eine Rolle, daß China zwar als Sieger aus dem
2.Weltkrieg hervorgegangen war, daß der Krieg aber keine solidaritätsstiftende,
vereinheitlichende Wirkung auf die Gesamtbevölkerung ausüben konnte, da er nicht einheitlich
als von der Nationalregierung geführter Verteidigungskrieg betrachtet werden konnte. Das
Argument, das Tschiang Kaishek immer wieder vortrug, daß China nur mit ausländischer Hilfe
den Krieg gegen Japan gewinnen könnte, konnte ihm auch als „Drückbergertum“ und
„Ausverkauf der Nation“ ausgelegt werden, zumal die Präsenz amerikanischer Truppen in
China und die starke Einflußnahme der USA nach Ende des zweiten Weltkrieges in die
Richtung zu weisen schienen, daß zwar die „alten“ Imperialisten China nun verlassen hätten,
dafür sich aber die USA in den Vordergrund dränge.
Da die Nationalregierung alle Proteste gegen ihre Politik als pro-kommunistisch einschätzt,
obwohl dem nicht so ist, manövriert sie sich immer mehr in die Position dessen, der nicht zum
Wohle der Bevölkerung, sondern im Sinne des eigenen Machterhalts kämpft. Dies ist ein
fundamentaler Verstoß gegen eine konfuzianisch geprägte politische Kultur, in der
Machtstreben tabuisiert und Einsatz für das Gemeinwohl hoch plaziert ist. Einsatz für das
Gemeinwohl heißt dabei insbesondere zu garantieren, daß die Bevölkerung genug zu essen hat.
Diese Garantie konnte die Nationalregierung weder gegenüber der Bevölkerung als Ganzes
noch gegenüber den eigenen Truppen abgeben. Gleichzeitig verfügte sie aber auch nicht über
die moralische Kraft, die Vertreter der politischen und ökonomischen Elite auf einen am
Gemeinwohl orientierten asketischen Lebensstil zu verpflichten. Im Gegenteil: Die mit der
4
Nationalregierung verbundenen Eliten versuchten unter Hintanstellung der
gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisse jeweils individuell den größten Nutzen aus der Situation
zu schlagen und verschärften damit das Mißtrauen der Bevölkerung gegenüber den führenden
Kreisen.
Die moralische Schwäche der Guomindang hatte sie seit Beginn der Nankinger Dekade
begleitet. Die Partei war wohl nie stark genug, um selbst ihre Mitglieder davon zu überzeugen,
sich ihr gegenüber loyal zu verhalten. Zugleich erwies sie sich im Gegensatz zu den
Kommunisten als unfähig, jene symbolische Kohärenz zu schaffen, die jede politische
Macht in einem Land wie China schaffen muß, um sich durchsetzen zu können. Je mehr
der Bürgerkrieg voranschritt, um so mehr glich die Situation in China jenen Zeiten, welche
schon immer vor den jeweiligen Dynastiewechseln geherrscht hatten. Die Zentralregierung
verliert in allen Bereichen an Legitimität, sie verliert die Kontrolle über das Territorium und
letztlich auch den moralischen Anspruch auf Herrschaft. Damit hat das Gegenzentrum eine
Chance, sich selbst als Fokus und Anziehungspunkt zu profilieren, und Schritt für Schritt
wechseln zunächst einzelne Personen, dann ganze Bevölkerungsschichten, zuletzt relevante
Teile der Eliten "das Pferd" und bekunden ihre Loyalität zu dem sich auf die Weise
herausbildenden neuen Machtzentrum: die Revolution als Verschiebung des
Kräfteparallelogramms.
6. Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas
Die Machtübernahme der Kommunistischen Partei Chinas beginnt im Norden Chinas. Dort
hatte die KPCh während des von ihr so genannten "Anti-japanischen Krieges" die meisten
Stützpunkte aufgebaut, dort hatte sie - obwohl die von den USA gestützten Truppen der
Guomindang wie auch die SU dies zu verhindern suchten - von der Entwaffnung der
japanischen Truppen am meisten profitiert, dort hatte sie ihre Machtbasis. Dabei folgt sie bei
der Ausdehnung ihrer militärischen Macht dem Grundprinzip, vom Land aus die Städte zu
erobern, d.h. durch "Besetzung" der ländlichen Gebiete die jeweiligen Städte von ihrem Umfeld
abzuschneiden, dadurch die Versorgung der Städte zu gefährden und diese damit letztlich zu
zwingen, sich dem Druck der kommunistischen Truppen zu ergeben. Nicht alle Städte konnten
auf die Weise "friedlich" eingenommen werden, doch zeigte sich, daß dadurch Kraft gespart
und die Konzentration auf wesentliche Entscheidungsschlachten ermöglicht wurde.
Zugleich verlor die Nationalregierung auf die Weise immer mehr an Territorium, an Autorität
und Kontrolle. Als diese 1948 den Rückzug an die "Peripherie", auf die Insel Taiwan nämlich,
zu planen beginnt und sukzessive durchführt, ist dies ein deutliches Eingeständnis ihrer
Schwäche. Die Kommunistische Partei und ihre Truppen ziehen von der Peripherie in das
Zentrum der Macht, die Nationalregierung weicht aus dem Zentrum und zieht sich in die
Peripherie zurück. Interessanterweise vermeiden die chinesischen Kommunisten die
Etablierung ihrer Macht in der ursprünglich von der Guomindang zur Hauptstadt erkorenen
Stadt Nanking. Sie tragen ihrer gut entwickelten Machtbasis im Norden Chinas und ihrem
wichtigsten Verbündeten, der SU, Rechnung und machen mit Ausrufung der Volksrepublik
China am 1.10.1949 wieder Peking zur Hauptstadt.
Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht das ganze Territorium Chinas unter
kommunistischer Vorherrschaft steht, so signalisiert die Gründung der VR China doch so etwas
wie den Abschluß des Reichseinigungsprozesses, der von der Guomindang mit dem
Nordfeldzug angestrebt, aber nicht im vollen Umfange vollzogen, nun als im wesentlichen
abgeschlossen betrachtet werden kann. Dabei kommt der Kommunistischen Partei die
Tatsache, daß sie ihre Revolution als Invasion von innen gestaltete, bei der Machtübernahme
und Machtkonsolidierung wesentlich zugute. Wo immer die Armee ein Territorium in Besitz
nimmt, schafft sie die Voraussetzungen dafür, daß hier die Partei eine Zelle aufbauen kann.
Erstmalig in der chinesischen Geschichte hat damit die Zentralregierung einen oder
gleich mehrere Agenten vor Ort in den Bereichen, die bisher stets der gesellschaftlichen
5
Selbstorganisation überlassen geblieben waren. Die vom weiterziehenden Militär
zurückgelassenen Kader sind häufig vor Ort fremd - ein Zustand, der sich nach 1949 schnell
ändern wird, da es die Kader in ihre Heimatorte zurückzieht - , d.h. sie kennen den
Loyalitätskonflikt nicht zwischen einer Zentralregierung, die sie ernennt und die Umsetzung
ihrer Politik vor Ort verlangt, und den lokalen Interessen, denen sich lokale Kader in ihrer
Verwurzeltheit vor Ort verpflichtet fühlen. Die Legitimität der ortsfremdem Kader entspringt
vielmehr ihrer Loyalität zur siegreichen Armee und Partei sowie der mit dem Einzug der
Truppen sofort beginnenden Revolution auf dem Land, in deren Verlauf der Grund und Boden
an die Bauern verteilt wurde.
Mit dem Rückzug der Zentralregierung in die Peripherie und der dort sich nicht nur
etablierenden, sondern über die zeit auch konsolidierenden Macht, bleibt ein Stachel im Fleisch
der auf Reichseinigung bedachten Strategie der Kommunistischen Partei, ganz abgesehen
davon, daß sie im Jahr 1949 keinen Versuch unternimmt, die Kolonialherrschaft über
Hongkong und Macao zu beenden.
6
Herunterladen