Alkohol und Medikamente passen nicht zusammen

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Alkohol und Medikamente passen nicht zusammen
Während einer Arzneimittel-Therapie sollten die Patienten auf Getränke wie Bier und Wein
verzichten
Zusammen sind sie unberechenbar: „Die Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und
Alkohol können vielfältig sein“, betont Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer
(BAK). „Auf der sicheren Seite ist, wer während einer Arzneimitteltherapie überhaupt keinen
Alkohol trinkt.“
Wer auf sein Glas Bier oder Wein nicht verzichten will, sollte sich in der Apotheke nach
möglichen Wechselwirkungen erkundigen. „Das rate ich besonders älteren Patienten“, sagt
Fink.
Viele ältere Menschen sind mehrfach gefährdet. „Sie nehmen oft verschiedene Arzneimittel
gleichzeitig ein und erreichen höhere Blutalkoholspiegel, weil der Wasseranteil in ihrem
Körper geringer ist“, erklärt Professor Helmut Seitz vom Alkoholforschungszentrum der
Universität Heidelberg. „Ihre Organe reagieren zudem empfindlicher auf schädliche Einflüsse
und können Alkohol und Medikamente nicht mehr so gut abbauen.“
Problematisch sei auch, dass Senioren weniger Abwehrmechanismen zur Entgiftung
schädlicher Stoffwechselprodukte haben. Die Wechselwirkungen zwischen Alkohol und
Medikamenten sind komplex und nur schwer vorhersehbar. Bier, Wein und andere
Alkoholika können die Wirkung von Arzneimitteln abschwächen oder verstärken und ihre
Nebenwirkungen verschlimmern.
Als kritisch gelten vor allem Medikamente, die auf das zentrale Nervensystem wirken – etwa
Antidepressiva, Medikamente gegen Parkinson und Epilepsie sowie Schlaf- und
Beruhigungsmittel. Sie alle haben Nebenwirkungen, die das Reaktionsvermögen
einschränken. „Wer abends ein Schlafmittel mit einem doppelten Wodka hinunterspült, ist
morgens garantiert noch müde und darf sich nicht ans Steuer setzen“, sagt BAK-Präsidentin
Fink.
Auch rezeptfreie Antiallergika beruhigen – und diese Nebenwirkung verstärkt sich durch den
Genuss von Alkohol. Einige Medikamente hemmen den Alkoholabbau in der Leber, bei dem
die Zwischenstufe Acetaldehyd entsteht. Diese Substanz reichert sich dann im Körper an und
verursacht Erbrechen, Atemnot und Herzrasen.
„Wer bestimmte Antibiotika oder Mittel gegen Pilzinfektionen einnimmt, verträgt selbst
kleine Mengen Alkohol schlecht“, warnt Seitz. Arzneistoffe wie Metoclopramid, die die
Entleerung des Magens beschleunigen, können den Alkoholspiegel im Blut erhöhen.
Konkurrenz um ein Enzym
Andere Medikamente werden von den gleichen Leberenzymen abgebaut wie Alkohol und
konkurrieren mit diesem um die entsprechenden Bindungsstellen. „Zentral wirksame
Psychopharmaka, Beruhigungsmittel oder das Epilepsiemittel Phenytoin werden langsamer
verstoffwechselt“, erklärt Seitz. „Das kann zu erhöhten Blutspiegeln und einer verstärkten
zentralen Wirkung bis hin zur Atemlähmung führen.“
Bei anderen Mitteln tritt dagegen die umgekehrte Wirkung ein, da regelmäßiger
Alkoholkonsum die Aktivität der Leberenzyme erhöht. „Dadurch werden manche
Medikamente schneller abgebaut und wirken schwächer – etwa der Gerinnungshemmer
Phenprocoumon oder Betablocker wie Propranolol“, sagt Seitz. Diese Wirkung trete bereits
auf, wenn jemand ein bis zwei Wochen lang täglich einen Viertelliter Wein trinke.
Gefährlich wird es, wenn der gesteigerte Stoffwechsel zu giftigen Abbauprodukten führt –
etwa bei dem rezeptfreien Schmerzmittel Paracetamol. „In diesem Fall kann es zu schweren
Leberschäden bis hin zum Leberausfallskoma kommen“, warnt Seitz. „Wer regelmäßig
Alkohol trinkt, sollte deshalb die Hände von Paracetamol lassen.“
Auch aus dem Tuberkulosemittel Isoniazid bilden sich leberschädliche Abbauprodukte. Das
Krebs- und Rheumamedikament Methotrexat dagegen fördert den Umbau von Leberzellen in
funktionsloses Bindegewebe. Alkohol verstärkt diese Nebenwirkung. „So kann in wenigen
Jahren eine Leberzirrhose entstehen“, sagt Seitz.
Für Zurückhaltung bei Wein, Bier und Schnaps spricht noch ein weiteres Argument: „Alkohol
verstärkt viele Krankheiten wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel- und
Herzrhythmusstörungen“, betont Seitz.
Verstärkte Wirkung: Manche Medikamente werden von den gleichen Enzymen abgebaut wie
Alkohol. Ihr Abbau verzögert sich, sie wirken stärker und länger.
Wirkungsverlust: Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht die Aktivität der Leberenzyme. Bei
einigen Medikamenten erfolgt der Abbau daher schneller, sie verlieren ihre Wirkung.
Giftige Abbauprodukte: Beim Abbau mancher Arzneistoffe entstehen giftige Substanzen, die
zusammen mit Alkohol zu schweren Leberschäden führen.
Zellumbau: Das Krebsmittel Methotrexat fördert die Umwandlung von Leberzellen in
funktionsloses Bindegewebe. Alkohol verstärkt den Prozess – das Zirrhose-Risiko steigt.
Alkoholunverträglichkeit: Bestimmte Antibiotika und Antipilzmittel hemmen den
Alkoholabbau.
Barbara Kandler-Schmidt, Apotheken Umschau / Apotheken Umschau, 14.09.2011
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