POLEN-„Krakau, eine Stadt im Fokus des Katholizismus“

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klang der kulturen - kultur des klanges
Krakow - POLEN
„Von den polnischen Geigln zur katholischen Kirchenmusik“
Valentin Bakfark (um 1528-1576)
Giovanni Valentini (um 1582/83-1649)
Czarna Krowa für Laute solo
Salmi, Hinni, Magnificat, Antifone, Falsibordone et
Motetti, Venezia 1618:
„Confitebor tibi Domine“ für Sopran und B.c.
Mikołaj Zieleński
Communiones totius anni, Venezia 1611:
„Video caelos apertos“ für Sopran und Orgel
Motetti e Sonate concertati, Venezia 1624:
„Cantate Jubilate” für Sopran, Violine und B.c.
Tarquinio Merula (um 1594/95-1665)
Heinrich Döbel (1651-1693)
Sonate in A Dur für Violine solo und B.c.
Johann Nauwach (um 1595-nach 1644)
Libro primo di Arie passeggiate, Dresden 1623:
“Tempesta di dolcezza” für Sopran und Basso continuo
Sonata detta la Polaca für 2 Violinen und Basso
Carlo Farina (um 1600-1639)
PAUSE
Anonym
aus der Jagiellonenbibliothek
Pagamoszka, Ach, méczek, Taniec, Serce miwziela M.B
Canzona für 2 Violinen und Basso continuo
Marcin Mielczewski (?-1651)
Silvius Leopold Weiss (1686-1750)
Suonata „L`Infidèle“:
Entrée, Courante, Musette, Menuet, Sarabande,
Paysanne
Johann Daniel Georg Speer (1636-1707)
Musicalisch-Türckischer Eulenspiegel:
Pholnisch Ballet
„Lompyn erzehlet seinem Heren, wie eine tapffere
Dame, einem ruhmräthigen Venus-Narren Hörner
aufsetzt.“
Proportion
Pholnisch Ballet, samt der Proportion
ARS ANTIQUA AUSTRIA
Leitung: Gunar Letzbor
Betrachtungen vom Podium herab:
Live-CD Aufnahmen stellen den Musiker immer wieder vor die Entscheidung, sich ganz normal
dem Konzerterlebnis hinzugeben oder immer ein vorsichtiges Augenmerk auf die schlackenfreie
Interpretation der Musik zu legen.
Der besondere Wert einer Live-CD liegt doch in der Vermittlung der Einzigartigkeit einer
Konzertsituation. Emotionen, die nur in der Interaktion mit dem Publikum entstehen, wirken auf
den Klang der Instrumente, verleiten zu besonderen Energieausbrüchen, ermöglichen unmittelbaren
Kontakt zur Seele der Musiker. Aber auch äußere Einflüsse wie Feuchtigkeit, Kälte, Wärme oder
Lärm wirken sich unmittelbar auf die Wiedergabe aus.
Die einzige Möglichkeit, auf die Gestaltung einer Live-CD im Nachhinein Einfluß zu nehmen, ist
die Auswahl der CD-werten Musikstücke aus dem Konzertprogramm.
Der Käufer einer produzierten CD erwartet eine möglichst vollkommene Interpretation eines
Musikstückes. Mit Recht bemängelt er außermusikalische Mängel wie schlecht ansprechende
Saiten, störende Geräusche, eine nicht schlackenreine virtuose Passage oder ein auch nur leicht
verstimmtes Instrument am Ende eines Stückes. In einer CD Produktion müssen solche Störungen
natürlich beseitigt werden. Die modernen technischen Möglichkeiten lassen eine solche
Optimierung auch ohne größere Probleme zu, die nötige Qualität der Musiker vorausgesetzt.
Gunar Letzbor
* * *
So wie im süddeutsch-österreichischen Raum hatte sich im 16. Jahrhundert auch in Polen
der Protestantismus besonders im Volk und Landadel verbreitet, hier allerdings in der Spielart des
Calvinismus, und ebenso wurde er im 17. Jahrhundert durch eine „katholische Erneuerung“
(Gegenreformation) ausgemerzt. Seitdem ist Polen ein stark katholisches Land geblieben, mit
ausgeprägter Frömmigkeit weiter Teile der Bevölkerung. Die meisten der Stücke des Programms
stammen aus dieser Zeit und sind von weitgereisten Komponisten verfasst, die entweder aus dem
heutigen Polen stammten oder dort mehr oder weniger lang wirkten und Katholiken waren oder (im
Fall Nauwach) werden mussten – mit Ausnahme von Speer. Italiener waren an den
Habsburgerhöfen und in Polen in diesen Jahren besonders beliebt, da sie nicht nur als Vermittler des
modernen Stils dienten, sondern noch dazu als zuverlässige Katholiken galten.
Im Zusammenhang mit Violinmusik und -bau ist erwähnenswert, dass sowohl Martin
Agricola 1545 synonym über „Polische Geigen / vnd kleine handgeiglein“ schreibt als auch
Michael Praetorius 1618 davon spricht, dass Stadtpfeifer die Violinen „Geigen oder Polnische
Geigeln nennen: Vielleicht daher / daß diese Art erstlich aus Polen herkommen seyn sol / oder daß
daselbsten ausbündige treffliche Künstler off diesen Geigen gefunden werden.“ Polnische Geigen,
der sogenannte „Polnische Bock“ (eine Sackpfeife) und die charakteristischen Rhythmen der
polnischen Volkstänze blieben noch lange die Kennzeichen dieser Nation im übrigen Europa.
*
Valentin Bakfark wurde kurz vor 1530 in Kronstadt in Siebenbürgen in eine
deutschstämmige Lautenistenfamilie geboren, wurde am ungarischen Königshof ausgebildet und
1649 vom König von Polen in Krakau angestellt. Reisen führten ihn bald nach Frankreich und
Italien, und 1566 nahm ihn Kaiser Maximilian II. in Wien in seine Dienste. Bakfark fiel aber in
Ungnade und übersiedelte 1571 nach Padua, wo er sechs Jahre später samt seiner Familie einer
Pestepidemie zum Opfer fiel. Das in Krakau handschriftlich überlieferte Stück mit dem seltsamen
Titel Czarna krowa (Schwarze Kuh) ist eine Bearbeitung einer anonymen Komposition oder eher
eines Volkslieds, dessen Teile im vierstimmigen Satz mehrfach variiert und wiederholt werden. Die
immer wiederkehrenden paarweisen Tonwiederholungen sind offenbar ein Kennzeichen dieser
Vorlage.
Giovanni Valentini wurde um die Jahre 1582/83 geboren und in Venedig bei Giovanni
Gabrieli ausgebildet. Seine erste längere Anstellung als Organist hatte er am polnischen Königshof
zwischen 1605 und 1615, der um diese Zeit von Krakau nach Warschau wechselte; auch in Wilna
hielt sich Valentini mit König Sigismund III. Wasa auf. Anschließend ging er in die stark von
Italienern dominierte Hofkapelle des Schwagers dieses Königs, Erzherzog Ferdinands in Graz, der
1619 als Kaiser seinen Hofstaat mit nach Wien nahm. 1626 avancierte er zum kaiserlichen
Kapellmeister, und diese Stellung hatte er bis zu seinem Tod 1649 inne. Ferdinand II. und sein Sohn
Ferdinand III. schätzten ihn außerordentlich, was aus riesigen Geldgeschenken und seiner
Ernennung zum kaiserlichen Rat ersichtlich wird. Er war nicht nur als vielseitiger und hochbegabter
Komponist, sondern auch dichterisch tätig und schrieb unter anderem Libretti für musikdramatische
Aufführungen beim Heiligen Grab vor Ostern (Sepolcri). In seiner Grazer Zeit ließ er in Venedig
eine Sammlung mit Kirchenmusik drucken, die den kurzen Psalm „Confitebor tibi, Domine“ für
Tenor und Generalbass enthält; nach dem Brauch der Zeit konnte er auch eine Oktav höher von
einem Sopran gesungen werden. Die Musik folgt hier den wechselnden Affekten des Textes und
setzt häufig Rezitativstil ein; harmonische Extravaganzen wie das zweimalige E-Dur bei der
abschließenden Anrufung „Miserere mei Domine“ in dem g-Moll-Stück sind typisch für Valentinis
Stil.
Mikołaj Zieleński ist uns nur durch einen 1611 in Venedig erschienenen Druck bekannt.
Zu dieser Zeit war er Organist und Kapellmeister des Primas von Polen, des Erzbischofs von
Gniezno, Wojciech Baranowski, in dessen Residenz in Łowicz. In den zwei Teilen sind Offertoria
bzw. Communiones totius anni publiziert, jene für zwei bis drei Chöre und Orgel, diese für ein bis
sechs Singstimmen und Instrumente. „Video caelos apertos“ ist eine Communio für das Fest des
Heiligen Stephan, gesetzt für Sopran und Orgel in strenger vierstimmiger Polyphonie.
Tarquinio Merula, geboren um 1595 in Cremona, war in seiner Jugend Organist in dieser
Stadt und in Lodi. Schon 1621 trat er eine Stelle als Kirchen- und Kammerorganist des Königs von
Polen Sigismund III. an, war also ein Nachfolger von Giovanni Valentini. 1626 kehrte in seine
Heimatstadt zurück und wirkte dort und in Bergamo als Kirchenkapellmeister. Sein Schaffen
umfasst geistliche und weltliche Vokalwerke, Instrumental- und Orgelkompositionen und schließt
sich dem progressiven Stil Venedigs an, wie ihn Monteverdi repräsentierte. Cantate iubilate ist ein
Lobpreis der göttlichen Dreifaltigkeit. Merulas Vertonung wurde während seiner Zeit in Warschau
gedruckt und ist mit Sopran, einer konzertierenden Violine und Generalbass besetzt. Die im geraden
Takt komponierten Abschnitte des Textes werden viermal von dem gleichen Alleluia im 3/2-Takt
gefolgt. Sie sind als planmäßige Steigerung angelegt: zuerst wechseln Stimme und Violine einander
über einem Ciacona-Bass ab, die Preisung von Gott Vater beginnt homophon dreistimmig, die des
Sohnes setzt Kontrapunktik zwischen Continuo und Sopran ein, die des Heiligen Geistes zwischen
allen drei Stimmen.
Heinrich Döbel wurde als Enkel Paul Sieferts, des Organisten der Marienkirche, um 1651
in Danzig geboren. 1666 wurde er für zwei Jahre an den Hof von König Jan Kazimierz engagiert,
dann bis 1675 von Graf Andrzej Potocki. König Jan Sobieski gestattete ihm eine Europarundreise,
die ihn zwischen 1676 und 1679 nach Breslau, Leipzig, Prag, Wien, Paris und London führte.
Anschließen versah er bis zu seinem Tod Anfang 1693 das Organistenamt in Danzig. Seine
einzigen erhaltenen Kompositionen sind in der so bedeutenden Sammlung des Fürstbischofs Karl
von Liechtenstein-Castelcorno in Kremsier erhalten. Die erste der vier Violinsonaten zeigt die
Orientierung Döbels an Vorbildern wie Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich I. F. Biber. Auf
eine punktierte Einleitung folgen ein 12/8-Takt-Satz in eigenartig hinkendem, einförmigem
Rhythmus und als zentraler Hauptsatz Variationen über einen einfachen, in vier Takten
absteigenden Basso ostinato, in sich steigender Bewegung bzw., nach einer Beruhigung gegen
Schluss, Doppelgriff- und Akkordspiel. Das kurze Finale gipfelt in effektvoll raschen Figurationen.
Johann Nauwach war gleich alt wie Merula, also etwa Jahrgang 1595, und stammte aus
Sachsen. Schon als Kapellknabe war er in Dresden. Der Kurfürst von Sachsen sandte ihn 1612 nach
Turin und Florenz, wo er sechs Jahre lang Lauten- und wohl auch Gesangsunterricht nahm und die
neue italienische Musik kennenlernte. Nach seiner Rückkehr nach Dresden wurde er als
Kammermusiker angestellt und veröffentlichte 1623 eine Sammlung italienischer Madrigale und
Arien für Solostimme mit Basso continuo, die unter dem Einfluss von Giulio Caccini entstanden
waren. Er ist nicht, wie man noch in den neuesten Musiklexika lesen kann, um 1630 in Dresden
gestorben, sondern war von 1636 bis 1645 als Tenor und/oder Instrumentalist am Wiener Kaiserhof
angestellt. Da dies für einen Protestanten zur Zeit der militanten Gegenreformation kaum möglich
war, konvertierte er mit Frau und Kind zum katholischen Glauben. Als Kammerdiener der
Erzherzogin Cäcilia Renata, der er auch war, ging er mit ihr nach ihrer Hochzeit mit dem König von
Polen 1637 nach Warschau, scheint aber – wie ihre übrige musikalische Begleitung – bald wieder
nach Wien zurückgekehrt zu sein. Ein Madrigal ist zu hören: „Tempesta di dolcezza“, das mit viel
vokaler Virtuosität die emotionalen Wirkungen eines Kusses schildert.
Carlo Farina wurde um 1600 in Mantua geboren und führte offenbar ein unstetes
Wanderleben: Er war zwischen1625 und 1628 Konzertmeister am sächsischen Hof in Dresden unter
der Leitung des berühmten Heinrich Schütz; in den Jahren 1631 und 1632 finden wir ihn als Geiger
in der Kapelle der Kirche Madonna della Steccata in Parma, und 1636/37 fand er eine Anstellung
als städtischer Musiker in Danzig. Sein im Juli 1639 verfasstes Testament weist ihn dann als
Musiker der Kaiserin Witwe Eleonora in Wien aus, der er mindestens vier Monate lang gedient
hatte; kurz darauf starb er, wohl in Wien. Seine fünf in Dresden während seiner dortigen Tätigkeit
gedruckten Sammlungen mit Violinmusik zeichnen sich durch Verbindung italienischer und
nordeuropäischer Züge, durch den hohen Stand der Violintechnik und den Einsatz ungewöhnlicher
Spieltechniken (im bekannten Capriccio stravagante) aus. Die Sonata detta la Polaca entspricht in
ihrer Aneinanderreihung kurzer kontrastierender Abschnitte dem in dieser Zeit gängigen Typus der
jungen Gattung. Zwischen die affekthaltigen Adagio-Teile sind bewegtere eingeschaltet, in denen
die beiden Violinen parallel geführt werden oder einander abwechseln. Den stärksten Kontrast setzt
der tänzerische Dreierrhythmus, der zunächst als Galliarde in strengen Viertaktgruppen, dann aber
auch als Mazurka, auch in typischen Dreitaktern, erscheint. Sonst könnte man auf der Suche nach
den im Titel angesprochenen polnischen Charakteristika vielleicht noch die volksmusikalischen
Tonwiederholungen ansprechen.
Marcin Mielczewski ist erstmals 1632 als Mitglied der königlichen Hofkapelle in Warschau
nachweisbar; von 1645 bis zu seinem Tod 1651 leitete er die Musik des Bruders des Königs,
Bischof Karol Ferdynand Wasa, der meist in Warschau und Umgebung residierte. Sein reiches
Schaffen weist ihn als einen der führenden polnischen Komponisten seiner Zeit aus. Die Canzona a
2 besteht aus vielen kurzen Abschnitten, die polnische Volkslieder und -tänze zitieren, darunter
auch solche im Mazurka-Rhythmus. Dem entsprechend sind die Violinen auch meist in Terzen
geführt, nur selten dialogisierend oder imitierend, und der Bass begnügt sich mit einfachsten
harmonischen Schritten oder nach Art des Dudelsacks liegenden Tönen. Ebenfalls aus der
Volksmusik stammt die kleinräumige Wiederholungstechnik. Die Vielgliedrigkeit mit Wechsel
zwischen geradtaktigen und Dreiertakt-Abschnitten und die Wiederkehr des Anfangs am Schluss
entsprechen der Gattung der italienischen Canzona.
Die Lebenszeit des bedeutendsten Lautenisten und Komponisten für dieses Instrument in
seiner Zeit, Silvius Leopold Weiss, deckt sich fast genau mit der von Johann Sebastian Bach.
Geboren 1687 in Groß-Kottkau bei Breslau als Sohn eines Lautenisten, trat er schon als
Siebenjähriger vor Kaiser Leopold I. auf und war 1706 in Diensten von Carl Philipp von der Pfalz,
der in Breslau residierte. 1710-1714 lebte er bei Prinz Alexander Sobieski in Rom, nach dessen Tod
er in den Dienst des Pfälzers zurückkehrte, doch nun in dessen Residenz Innsbruck. Seit 1717 war
er Mitglied der kurfürstlichen Kapelle in Dresden, wo er 1750 starb. Reisen führten ihn nach Prag,
Wien, München, Berlin und nach Leipzig zu Bach. Die meisten seiner zahlreichen Kompositionen
sind Suiten wie die in a-Moll mit dem Titel L’Infidèle, die Treulose. Gespielt wird eine in Dresden
überlieferte Fassung mit ungewöhnlicher Satzfolge für das von Weiss entwickelte Instrument mit
zusätzlichen Basssaiten. Die Entrée ist im typisch französischen punktierten Rhythmus gehalten,
die Courante dagegen entspricht dem italienischen Typus mit weitgehend gleichmäßiger
Bewegung. In der Sarabande setzt Weiss eine Häufung von harmonischen Überraschungen ein, wie
etwa den Beginn des zweiten Teils mit einem verminderten Septakkord, gefolgt von einer
absteigenden Kette von Sekundakkorden. Der dritte und der letzte Satz deuten darauf hin, dass die
Treulose im ländlichen Milieu zu suchen ist: Musette ist ein pastoraler Tanz, der in die
Nachahmung einer im höfischen französischen Milieu beliebten Sackpfeife immer wieder einen
Bordun (ausgehaltene Töne im Bass) einsetzt und rhythmisch wie melodisch einfach gehalten ist,
und die Paysanne (Bäuerin oder ländliches Stück) zeichnet den bäuerlichen Charakter durch
stampfende Bewegung und kleinräumige Wiederholungen, beide Sätze durch geschärfte
Dominantklänge.
Daniel Georg Speer wurde 1636 im schlesischen Breslau geboren und war seit seinem
achten Lebensjahr Vollwaise. Bis 1664 führte er ein wildes Wanderleben, das er in drei autobiographischen Romanen beschrieben hat, die sich durch lokale Dokumente verifizieren lassen.
Nach Jahren in Polen und in der damals ungarischen Slowakei, wo er zum Trompeter und
Trommler ausgebildet wurde, kam er bis nach Rumänien und vielleicht sogar zu den Türken in
Konstantinopel. In den Jahren 1664-1666 war er Stadt- und Kirchenmusiker in Stuttgart; nach
einem Jahr in Tübingen wurde er für kurze Zeit Kirchenmusiker und Lehrer an der Lateinschule in
Göppingen; erst nach einigen Jahren in anderen schwäbischen Städten kehrte er 1673 dorthin
zurück. In den 80er Jahren veröffentlichte er Kirchenmusik, Quodlibets – darunter den MusicalischTürckischen Eulen-Spiegel -, ein Lehrwerk und politische Schriften. Wegen letzterer wurde er 1689
zunächst in Arrest gesetzt und dann verbannt. Erst 1694 konnte er als Kantor nach Göppingen
zurückkehren, wo er 1707 im damals relativ hohen Alter von 71 Jahren von seinem abenteuerlichen
Leben Abschied nehmen musste.
Der wichtigste seiner Romane ist der 1683 in Freiburg anonym gedruckte Ungarische oder
Dacianische Simplicissimus, der natürlich in der Nachfolge von Grimmelshausens berühmtem,
ebenfalls autobiographischem Schelmenroman Der Abentheuerliche Simplicissimus (1669) steht.
Dass der anonym erschienene Musicalisch-Türckische Eulen-Spiegel ... Auß Dem Welt-bekandten
Ungarischen Kriegs-Roman extrahiret und ... in Druck herauß gelassen Von dem bekandten
Dacianischen Simplicissimo in Güntz, 1688, vom selben Autor stammt, unterliegt nach diesen
Formulierungen keinem Zweifel. „Dacianisch“ bezieht sich auf Dacien, das sich ungefähr mit dem
heutigen Rumänien deckt und in dem sich der von Speer Lompyn genannte schlaue Schelm auch
herumtreibt; Speer selbst ist dort in den 1650er Jahren als Trompeter und Instrumentalist
nachweisbar. Diese Publikation enthält 41 Instrumental- und zwölf Vokalsätze. Die Besetzung ist
meist je zwei Violinen und Violen und Basso continuo. Die sehr einfachen, syllabischen Gesänge
mit Erzählungen über die Abenteuer des Schelms Lompyn im Stil des deutschen Lieds dieser Zeit
werden von Nationaltänzen umrahmt, die fast alle geradtaktig sind und von je einem „Proporz“,
also ihrer Umrhythmisierung in den Dreiertakt, gefolgt werden. Davon sind zwei polnische Ballette
zu hören, deren „Proportionen“ auch deutlich die rhythmischen Kennzeichen der Mazurka tragen.
Herbert Seifert
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