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WS 2000/01
Hubert Philipp Weber
Seminar:
Streit in der Theologie als treibender Faktor der Entwicklung
Momente einer Häresiologie von Simon dem Magier bis Tissa Balasuriya.
Denkanstöße
Wenn ich schon Anweisungen gebe: Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht mehr zu eurem Nutzen, sondern zu
eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde
zusammenkommt; zum Teil glaube ich das auch. Denn es muss Parteiungen geben unter euch (de‹ g¦r kaˆ
aƒršseij ™n Øm‹n e‹nai); nur so wird sichtbar, wer unter euch treu und zuverlässig ist.
1 Kor 11,17-19
Es litt die Kirche unter der Verfolgung, und sie wuchs in der Geduld; es litt die Kirche unter der raffinierten
Täuschung der Häretiker, und sie wuchs in der Weisheit; es litt die Kirche an den falschen Brüdern und Heuchlern,
und sie wuchs in der Toleranz.
ANSELM VON HAVELBERG
Als Gläubiger der Thora, als Jude, gehe ich an die Dinge ganz anders heran. In meiner Religion ist der Streit eine
Art Gottesdienst wie das Gebet: eine vernünftige Debatte über wesentliche Fragen, ein Streitgespräch, das vom
Respekt für das Gegenüber geprägt ist und das möglich wird durch eine gemeinsame Ausgangsbasis. Diese Art von
Streit ist nicht nur eine Geste der Ehrerbietung und des Respekts für den anderen, sondern bringt sozusagen die
Gabe des Intellekts auf dem Altar der Thora dar. Ich finde, ein Nichtchrist kann dem, den die Christen Christus
nennen, keine aufrichtigere Ehrbezeigung erweisen als ein gutes, solides Streitgespräch.
JACOB NEUSNER
Da nun die Menschen, und zwar nicht nur die ungebildeten und niedriger denkenden Leute, sondern auch viele von
den griechischen Gelehrten im Christentum etwas Ehrwürdiges sahen, mussten notwendig Sekten entstehen,
keineswegs aus Neigung zu Spaltungen und aus Lust am Streit, sondern weil auch mehrere Gelehrte in die
Wahrheiten des Christentums tiefer einzudringen sich bestrebten. Infolgedessen wurden die Schriften, die von allen
als göttlich anerkannt waren, verschieden ausgelegt, und so entstanden Sekten, benannt nach den Männern, die zwar
den Ursprung der christlichen Lehre bewunderten, aber aus mancherlei Ursachen zu Auffassungen kamen, die
voneinander abwichen. Es wäre aber doch wenig vernünftig, wenn man von der Heilkunde wegen der in ihr
vorhandenen verschiedenen Richtungen nichts wissen wollte oder wenn man nach würdigen Zielen streben und sich
doch mit Hass von der Philosophie abwenden und diesen Hass damit rechtfertigen würde, dass die Philosophen
unter sich vielfach nicht einig seien. Ebenso wenig darf man die heiligen Bücher des Mose und der Propheten wegen
der Sekten verdammen, die unter den Juden entstanden sind.
ORIGENES
Ketzer sind lebensnotwendig für eine Gesellschaft, die nicht in sich erstarren oder sich ins Getto der
Selbstgenügsamkeit zurückziehen will. Christliche Ketzer übernehmen zudem noch eine wichtige Aufgabe: Sie
befragen das ideologische Zentrum, ob es noch die Jesusbotschaft lebe. Diese Frage ist unangenehm – und muss
dennoch gestellt werden in einer Welt, wo Menschen mit Sicherheit und Bequemlichkeit viel mehr im Sinn haben
als mit Jesu Wort und Leben. Viele Ketzer suchen die Jesusbotschaft wieder in ihrer Ursprünglichkeit zu verstehen,
frei von allem Stuck und allen Aufweichungstendenzen, die die Jahrhunderte eingemischt hatten, um sich einerseits
christlich nennen zu dürfen und andererseits nicht allzusehr in ihrer Ruhe belästigt zu werden.
RUPERT LAY
Es gab aber auch falsche Propheten im Volk; so wird es auch bei euch falsche Lehrer geben. Sie werden
verderbliche Irrlehren verbreiten und den Herrscher, der sie freigekauft hat, verleugnen; doch dadurch werden sie
sich selbst bald ins Verderben stürzen. Bei ihren Ausschweifungen werden sie viele Anhänger finden, und
ihretwegen wird der Weg der Wahrheit in Verruf kommen. In ihrer Habgier werden sie euch mit verlogenen Worten
zu kaufen versuchen; aber das Gericht über sie bereitet sich schon seit langem vor, und das Verderben, das ihnen
droht, schläft nicht.
2 Petr 2,1-3
Denn in den Lehrmeinungen der Ketzerschulen, sofern sie nicht völlig taub geworden sind ... findet sich sehr vieles,
das, so unähnlich es auch unter sich erscheint, der Gattung nach mit dem Ganzen der Wahrheit übereinstimmt.
CLEMENS VON ALEXANDRIEN
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Des II Puncts, von den verketzerten Personen
1. OB nicht (wenn gleich gerne zugestanden wird, daß einige solche leute wircklich geirret, oder sonst zu viel
geredet oder gethan das sie nicht verantworten können) dennoch insgemein sie alle anders anzusehen und zu
beschreiben wären, als wohl bißhero von ihren anklägern geschehen?
2. Ob nicht gleich nach einführung der sünden in die welt durch des teuffels neid und mord an Abel der anfang
gemacht worden daß der stärckere böse den schwächern und frommen unterdrucket, und ob nicht durch alle zeiten
mit diesem proceß continuiret worden sey?
3. Sonderlich, ob nicht der Herr Christus selber wegen seines eifers über das hauß Gottes und zeugnisses wider die
verderbte Priesterschafft zu Jerusalem als ein gotteslästerer verdammt und erwürget worden? Und ob er, der
sanfftmüthige Heyland, selbst andere zu kätzern gemacht, oder nicht vielmehr als ein gedultiges Lamm sich
verkätzern und verwerfen lassen?
4. Ob nicht über alle seine treue Apostel, zeugen und nachfolger (als eben die unmündigen, denen der Vater die
geheimnisse offenbaret) eben dieselbe leiden ergangen da sie ohne und ausser denen ordentlichen ämptern gegen die
ordentlichen Priester und Lehrer unter Juden und Heyden auffgetreten und gezeuget, auch so wenig als ihr meister
jemand auf die folgende antichristische art verkätzert?
GOTTFRIED ARNOLD
Lass dich nicht ein auf törichte Auseinandersetzungen und Erörterungen über Geschlechterreihen, auf Streit und
Gezänk über das Gesetz; sie sind nutzlos und vergeblich. Wenn du einen Sektierer einmal und ein zweites Mal
ermahnt hast, so meide ihn. Du weißt, ein solcher Mensch ist auf dem verkehrten Weg; er sündigt und spricht sich
selbst das Urteil.
Tit 3,9-11
Ich will die Frage, ob man die Lektüre ketzerischer Bücher erlauben soll, nicht entscheiden. ich frage nur, ob man,
falls sie verboten wird, in das Verbot auch die Bücher der Strenggläubigen, die jene widerlegen, einbeziehen muss.
Wenn die Strenggläubigen in ihren Widerlegungen, wie es ihre Pflicht ist, die Argumente der Ketzer in ihrem vollen
Wortlaut anführen, so scheint es, als könnte man uns ebenso gut die Werke der Ketzer selbst lesen lassen.
Artikel zum Stichwort „Ketzer“ aus DIDEROTS ENCYCLOPÉDIE
Ketzerei soll nicht allein das heißen, was unser Volk jetzt Ketzerei nennt – das macht zur Ketzerei, was es nur will –
, sondern was die Schrift Ketzerei nennet, wie Paulus Tit 3, 10f. lehret: „Einen ketzerischen Menschen meide, wenn
er einmal und abermal ermahnt ist, und wisse, dass ein solcher verkehret ist und sündigt, als der sich selbst verurteilt
hat.“ Das Wörtlein „Häresie“ kommt aus der griechischen Sprache „haerein“, das heißt erwählen, erlesen,
aussondern. Daher ist „Haeresis" (Ketzerei) eine besondere, erwählte, selbst erdachte, eigene Lehre und Weise zu
leben und zu glauben, neben der allgemeinen Weise.
MARTIN LUTHER
Häresie nennt man die nach Empfang der Taufe erfolgte beharrliche Leugnung einer kraft göttlichen und
katholischen Glaubens zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer solchen Glaubenswahrheit;
Apostasie nennt man die Ablehnung des christlichen Glaubens im ganzen; Schisma nennt man die Verweigerung der
Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche.
CIC 1983 Can. 751
Ferner darf das Wort des Hieronymus, nach dem die Kirche niemanden verfolgt, nicht so verstanden werden, dass
die Kirche generell keinen verfolgt, sondern dass sie niemanden ungerecht verfolgt. Denn nicht jede Verfolgung ist
schuldhaft, sondern wir verfolgen die Häretiker mit Grund, wie auch Christus leibhaftig die verfolgt hat, die er aus
dem Tempel trieb.
Die Priester sollen nicht eigenhändig Waffen benutzen; aber ihnen ist es erlaubt, andere zu ihrer Benutzung zur
Verteidigung gegen Unterdrücker und zur Bekämpfung der Feinde Gottes anzustacheln.
Decretum Gratiani
Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral
in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem
Evangelium nicht entsprechen. Hilf uns Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig.
Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen bisweilen Methoden
der Intoleranz zugelassen. Indem sie dem großem Gebot der Liebe nicht folgten, haben sie das Antlitz der Kirche,
deiner Braut, entstellt. Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm unseren Vorsatz an, der Wahrheit in der
Milde der Liebe zu dienen und sich dabei bewusst zu bleiben, dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft der Wahrheit
selbst durchsetzt.
Zweite Vergebungsbitte des Papstes am 12. März 2000
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