Predigt - Kirche Maichingen

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Predigt zum Sonntag Sexagesimae am 27.02.2011 zu Mk 4, 26-29
Liebe Gemeinde,
nach der schweren Finanzkrise vorletzten Jahres wurde von der
Bundesregierung Ende 2009 das sog.
Wachstumsbeschleunigungsgesetz verabschiedet.
Logisch betrachtet ist dies ein Unwort. Denn Wachstum kann ja nicht per
Gesetz beschleunigt werden.
Aber es brachte insofern Schwung in die Konjunktur, als dass der Staat
viel Geld in öffentliche Infrastrukturprojekte investierte.
Das Wachstum zu beschleunigen bestimmt oft auch unser Leben.
Obwohl wir immer deutlicher erkennen, dass ein Lebensstil, der
ausschließlich auf Wachstum konzentriert ist, langfristig lebensfeindlich
ist.
Die Folgekosten haben die Generationen nach uns zu tragen.
Die Natur lebt uns dagegen vor, wie gesundes Wachstum funktioniert.
Denn nichts in der Natur wächst ungebremst.
Und wenn es das tut, stirbt ein Organismus so wie beim wuchernden
Wachstum der Krebszellen, die unbehandelt zum Tod führen können.
Von der Ideologie des Wachstums ist leider auch die Kirche nicht
verschont geblieben.
Viele Christen entwickeln Strategien einer wachsenden Gemeinde. Sie
untermauern das Wachstum mit Zahlen: mehr Eintritte, höheres
Spendenaufkommen und so weiter.
Auch der Aufwand für Gottesdienste- so scheint es - wird größer. Eine
Predigt reicht offenbar nicht mehr aus, um Menschen die gute Botschaft
Jesu ans Herz zu legen. Es schleicht sich auch hier der Virus des Immer
mehr, immer greller, immer spektakulärer ein.
Dabei droht das Zentrum in den Hintergrund zu treten, dass nämlich
einzig Jesus Christus es ist, der seine Gemeinde baut und erhält.
Er bestimmt ob und wie schnell wir wachsen.
Dem steht die menschliche Ungeduld im Wege. Sie möchte
Sichtbares vorweisen, sie möchte erkennen, dass Gottes Herrschaft
sich durchsetzt. Hier und heute!
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Dabei tut die Gemeinde vor Ort ja durchaus ein Menge.
Die Auswertung der Gemeindevisitation hat ergeben, dass unser
hiesiges Gemeindeleben lebendig und vielgestaltig ist.
Dafür sind wir sehr dankbar.
Nicht zu vergessen ist der tägliche Einsatz der Frauen und Männer in
Diakonie, in Krankenhäusern und Kindergärten,
in Beratungsstellen, in Schulen und Fortbildungseinrichtungen.
Nicht zu vergessen die zahlreiche ehrenamtliche Mitarbeit in unserer
Gemeinde.
Das heißt doch, dass die Gemeinde vor Ort noch immer den Raum hat,
um ihre Anliegen deutlich zu machen.
Und doch: Leiden nicht viele Christen darunter, dass sich das Reich
Gottes nicht sichtbarer gestalten lässt.
Man mag fragen: Warum fühlt sich noch immer nur ein kleiner
Prozentsatz der getauften Christen zum Gottesdienst eingeladen?
Wer nur auf Wachstum konzentriert ist, gerät schnell in das Hamsterrad
des Leistungsdrucks.
Es wird immer mehr in Kirchen und Gemeinden organisiert, es steigen
die Zahl der Sitzungen, es werden Konferenzen abgehalten.
Und bei alledem müssen in Zeiten der Finanzknappheit immer mehr
Ansprüche und Empfindlichkeiten berücksichtigt werden.
Viele, die aktiv in der Gemeindearbeit stehen, empfinden, dass die Sorge
um die Zukunft der Kirche die Freude des Glaubens viel zu stark
überlagert.
Da mag es für uns heute morgen heilsam sein, wenn wir aus dem
Munde Jesu erfahren, dass wir ganz anders und viel gelassener über
das Reich Gottes in dieser Welt denken dürfen.
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In Markus 4, die Verse 26-29 ist uns dazu folgendes Gleichnis Jesu
überliefert:
Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch
Samen auf´s Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag.
Und der Same geht auf und wächst- er weiß nicht, wie. Denn von selbst
bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den
vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel
hin; denn die Ernte ist da.“
Liebe Gemeinde,
Jesus nimmt alltägliche Erfahrungen auf, dass wir sagen können: Ja, das
kennen wir auch. Wir verstehen, was du meinst.
So auch das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat:
Alle wissen, dass der Landwirt neben dem Fachwissen, viel Geduld und
Gelassenheit braucht bis die Saat aufgeht.
Und wenn das sich nun mit dem Reich Gottes auch so verhält, dann
wissen wir, dass wir auch damit viel Geduld haben müssten.
Doch heute scheint diese Geduld nicht mehr gefragt zu sein. Weder in
der Landwirtschaft noch im Gemeindeleben.
Überall wird gedüngt und manipuliert und immer häufiger ist sogar das
Saatgut gentechnisch verändert.
Man spricht ja von einer Agrarindustrie, in der um maximalen Ertrag
geht.
Geduld und Gelassenheit sind längst keine Kennzeichen heutiger
Landwirte mehr, die in einem gnadenlosen Wettbewerb stehen.
In anderen Berufszweigen sieht es nicht viel anders aus.
Deswegen ist die Gleichnis Jesu in seiner Bildsprache gar nicht mehr
ohne weiteres nachzuvollziehen.
Der Sinn erschließt sich nicht mehr ohne weiteres von selbst.
Voller Ungeduld wird allerorten darauf gewartet, dass endlich geerntet
werden kann- nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich. Aber genau
diese Erwartungshaltung erfüllt unser Gleichnis nicht.
Jesus wendet sich gegen die Ungeduld und die Machermentalität in
Gemeinden und Kirchen, mit der das Reich Gottes herbeigearbeitet und
herbeiorganisiert werden soll.
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Was Jesus sagen will, ist im Grunde ganz einfach:
Es liegt allein in Gottes Willen begründet und nicht bei euch und euren
Vorstellungen, wann sein Reich Gottes vollendet sein wird.
Es kommt im Glauben auf Gelassenheit und Gottvertrauen im Hinblick
auf die Zukunft an- wie die eines Bauern vor zweitausend Jahren,
der sein Korn einfach wachsen lässt und auf die Ernte wartet.
Unser Auftrag ist und bleibt es, den Samen des Evangeliums auszusäen.
Wo und wie dieser aufgeht, liegt nicht in unserer Hand.
Ich muss nicht entscheiden, ob Menschen den richtigen Glauben haben
oder nicht. Welch eine Freiheit, die mir Gott in meinem Dienst schenkt.
Das zentrale Wort in unserem Gleichnis lautet im Griechischen
automatos. Übersetzt heißt es: von selbst.
Alles auf Erden braucht Zeit zum Wachsen.
Aber lassen wir uns und dem Reich Gottes überhaupt noch Zeit und
Raum zum Wachsen?
Die Verheißung ist so klar formuliert in unserem Gleichnis:
Gottes Reich ist in Jesus bereits gesät worden. Nun will es in uns
wachsen.
Vielleicht werden wir durch dieses Gleichnis von der selbstwachsenden
Saat angeregt sensibler dafür, dass der Schlüssel vieler unserer
Lebensfragen und Lebensrätsel in der Geduld liegen mag.
Geduld bedeutet dann eben auch, mich befreien zu lassen von der
Haltung, dass alles nur von meinem Wollen, Machen und Entscheiden
abhängt!
Liebe Gemeinde, erfahren wir es denn nicht immer wieder, dass das
eigentlich Bedeutsame, wie zum Beispiel die Liebe und der Glaube aus
der Tiefe herauswächst? Und was aus der Tiefe wächst, braucht seine
Zeit und ist Geschenk.
So wie die Liebe, der Glaube, das Vertrauen, die Hoffnung- diese
Lebenspfeiler können wir nicht machen.
Und auf noch etwas weist uns das Gleichnis von der selbstwachsenden
Saat hin:
So wie das Korn in der Erde seinen Rhythmus des Wachsens hat, so
verhält es sich auch mit dem Reich Gottes.
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Das ist eine eindrückliche Parallele aus dem natürlichen Bereich der
Schöpfung: Gott selber gibt sich hinein in diese Wachstumsprozesse des
Lebens, die bestimmt sind durch den Rhythmus von Tag und Nacht, von
Säen, Reifen und Ernten.
Wenn wir dieses Gleichnis z.B. auf die Erziehung unserer Kinder
übertragen, dann wird noch deutlicher, wie wichtig gerade die Geduld ist.
An meinen Kindern lerne ich jeden Tag, dass jedes seine eigene Zeit
braucht, um die Welt wahrzunehmen und Neues zu lernen.
Wie oft bin ich mit meinen Plänen, Erwartungen und Wünschen den
Kindern voraus.
Es ist nicht einfach, etwas wirklich in Ruhe wachsen zu lassen, was ganz
anders werden will als das, was ich mir vorgestellt habe.
Die Reformpädagogin Maria Montessori hat entdeckt, dass Kinder in den
sog. sensiblen Phasen besonders nachhaltig lernen. Diese Phasen sind
in jedem Kind angelegt. Wir brauchen dafür nur die nötige Sensibilität
und den Raum, um Kinder lernen zu lassen.
Je mehr wir lernen, solchem Wachsen wieder Freiräume zu gewähren,
desto stärker wird unser Leben vom Vertrauen geprägt sein, dass Gott
auch in deinem und meinem Leben wachsen möchte.
Wir sollten Gott seine eigene Geschichte mit uns lassen, damit das
wachsen kann, was er zur Ernte bringen möchte.
Die Saat seines Reiches geht dort auf, wo wir gelassen sind, weil wir
wieder unterscheiden können zwischen dem, was zu tun und dem,
was zu lassen ist.
Deshalb wünsche ich uns, dass wir unser Christsein gelassener leben,
weil nicht wir es sind, die Gottes Reich erarbeiten.
Gleichwohl lässt die Einsicht, dass das Reich Gottes am Wachsen ist,
hoffen, dass nichts unabänderlich sein muss, sondern alles neu werden
kann. Amen.
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