Predigt Lukas 2,41-53 „Der Neugierige“ (Reihe: „Jesusgesichter“ I)

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Predigt Lukas 2,41-53 „Der Neugierige“ (Reihe: „Jesusgesichter“ I)
Liebe Gemeinde
Die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel, die einzige Geschichte
übrigens, die von Jesu Kindheit erzählt, führt über die Frage des
Ablösungsprozesses von Eltern und Kindern hinaus. Sie kann für Menschen
jeden Alters Impulse für die Entwicklung im Glauben geben.
Zunächst hören wir sie aber natürlich aus unserer je eigenen, unterschiedlichen
Lebenssituation heraus.
Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie es damals war, als Sie selbst vom Kind
zum Erwachsenen wurden. Oder Sie erlebten oder erleben es gerade jetzt bei
den eigenen Kindern oder Grosskindern. Oder beobachten diesen Übergang bei
Familien im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, in der Stadt.
Malen wir uns darum zunächst mal die Situation vor Augen: Jesus steht als
Zwölfjähriger an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Im Judentum ist man mit
13 erwachsen – man durfte damals dann sogar schon heiraten.
Was da berichtet wird – dass ein Jugendlicher den Eltern verloren geht, im
wörtlichen und im übertragenen Sinn –, kommt vor.
Ein 12-Jähriger bleibt an einem solchen Fest nicht immer an der Seite der Eltern.
Da ist ein Markt, viele Menschen, Stände mit allerlei Waren, Musik. Und es war
damals für die meisten die einzige Gelegenheit im Jahr, von ihrem
Landstädtchen wie auch Nazaret eines davon war, wegzukommen. Dass Jesus
im Gewühl verschwand, musste also seine Eltern noch nicht beunruhigen – und
auch nicht unbedingt, als sie ohne ihn auf ihren Heimweg Richtung Nazaret
aufbrechen mussten. Da das halbe Städtchen Nazaret nach Jerusalem gepilgert
war, würde er sich wohl Nachbarn oder Freunden angeschlossen haben. Dann
aber, als sie am Abend des ersten Rückreisetages wieder auf ihre Verwandten
und Bekannten stiessen und er war nicht unter ihnen, da hat sie das dann schon
beunruhigt. (Per SMS schnell nachzufragen, war damals halt noch keine
Möglichkeit.) Das Schlimmste an ihrem langen Weg zurück nach Jerusalem
wird wohl nicht die Distanz gewesen sein, sondern die Sorge um ihren Sohn:
Hatte er sich verlaufen? War er verunglückt? Oder gar überfallen und
zusammengeschlagen worden? Würden sie ihn je wiedersehen?
Wie schön ist es für uns Eltern, wenn unsere Kinder gut zurückkommen von
einer Reise; wie beunruhigend, wenn wir mal einige Tage nichts von ihnen
hören, wenn sie weg sind. Wer selber Kinder hat, kann die Gefühle von Jesu
Eltern wohl gut nachvollziehen.
Endlich, nach drei langen Tagen, finden sie ihn wieder: nicht am Jahrmarkt, wo
sie ihn wohl vermutet hatten, sondern im Tempel! Und, mit einem
verständlicherweise vorwurfsvollen Unterton stellt Maria ihren Sohn zur Rede,
macht ihm den Schmerz und die Angst, den sie als Eltern durchlitten haben,
bewusst.
Jesus auf der anderen Seite versucht – wie es scheint, vergeblich – seinen Eltern
deutlich zu machen, dass er seinen eigenen Weg gehen musste.
Hand aufs Herz, liebe Eltern: Im Prinzip wünschen wir unseren Kindern, wenn
sie erwachsen werden, dass sie ihre eigenen Wege suchen und finden. Und doch:
Tun wir uns nicht manchmal schwer damit, sie wirklich loszulassen, besonders
wenn sie auf ihrem Weg weit von uns weggehen, sei es, geografisch gesehen, sei
es, dass sie sich von dem entfernen, was uns selbst wertvoll und wichtig ist?
Und ganz ähnlich wie bei Jesus mag es dann von Seiten unserer Jugendlichen
tönen: „Ihr versteht mich halt nicht.“
Der Weg, den Jesus gehen musste, führte ihn also in den Tempel: Da konnte er
die Fragen stellen, die ihn im Zusammenhang mit Gott und der Welt
beschäftigten, konnte diskutieren mit den Lehrern – sozusagen ein
konzentriertes Stück Konfirmandenunterricht, was sich da abspielte.
Nicht dass alle Jugendlichen in seinem Alter den gleichen „Zug“ in den Tempel
hätten wie Jesus. Aber dass die meisten ebenfalls von grundsätzlichen Fragen
bewegt werden – Fragen über ihr Leben, ihre Zukunft, über Gott und das Gute
und Böse auf der Welt, das beobachte ich schon so, etwa bei meinen
Konfirmandinnen und Konfirmanden – auch wenn sie solche Fragen nicht
immer zuvorderst auf der Zunge haben.
Betrachten wir die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel aber nun
noch einmal – und diesmal mit etwas Abstand: Welche Impulse gibt sie uns –
auch solchen, die nicht Jugendliche oder Eltern sind – für die Entwicklung
unseres Glaubens?
Da spielt schon mal der Anlass der Reise nach Jerusalem eine Rolle: das
Passafest. Es ist das höchste Fest, zu welchem Jesus mit seiner Familie aus
Nazaret und Menschen aus dem ganzen Land nach Jerusalem pilgern. Das
Passafest erinnert daran, dass die Israeliten, bevor sie aus Ägypten auf ihren
langen Weg durch die Wüste aufgebrochen sind, ungesäuertes, also im Grunde
genommen „unfertiges“ Brot gegessen haben.
Das heisst doch: All das, was unfertig ist in unserem Leben, all das, was
vielleicht noch unausgegoren ist, was nicht einfach rund und schön und geordnet
ist, muss uns nicht daran hindern, zu feiern. Ein solches Fest gibt die Kraft,
aufzubrechen – im Vertrauen, dass Gott mit uns ist: auf dem Weg ins
Erwachsenenleben hinein, bei jedem neuen Auszug, bei jedem Exodus, zu dem
uns die Umstände des Lebens manchmal zwingen oder den wir aus freien
Stücken unter die Füsse nehmen.
Und jedes Jahr wird dieses Passafest gefeiert, es ist eine inzwischen
Jahrtausende alte Tradition. Das gibt Sicherheit, und es verbindet mit den
anderen Mitfeiernden. Das ist „Religio“, Religion, im lateinischen Wortsinn:
Rückbindung. Das jährliche Feiern eines Festes gibt Halt im Jahreslauf und im
Leben überhaupt, denken wir etwa an das Weihnachtsfest bei uns mit all seinen
Bräuchen.
Beim Passafest ist es auf eine heilsame Weise paradox: Gerade das wichtigste
Fest der jüdischen Tradition will immer neu den Mut geben, aufzubrechen ins
Leben hinaus, in der Zuversicht, dabei auch Gott immer wieder auf neue Weise
erfahren zu können. Die Erinnerung an die Geschichte vom Auszug des Volkes
Israel, von seiner Befreiung aus der Sklaverei will Menschen, will auch uns
immer neu auf den Weg in die Freiheit führen und das Vertrauen schenken, dass
Gott mit uns unterwegs ist. Gerade die Rückbindung an die Vergangenheit kann
also eine gute Zukunft eröffnen.
Und Jesus hat in der Tat, ohne die Tradition über Bord zu werfen, einen neuen,
einen eigenständigen Aufbruch gewagt, einen Aufbruch im Glauben.
Wie ein solcher Aufbruch vor sich gehen kann, das zeigt unsere Geschichte sehr
schön. Jesus hört im Tempel zu. Einfach zuhören zunächst, die Ohren offen
halten, die Gedanken an sich herankommen lassen. Und dann spüren: Das löst
Fragen aus bei mir. Da werde ich neugierig, will weiterbohren, will mehr
wissen. Fragen stellen und nicht locker lassen.
Uninspirierend ist dagegen das Zusammensein mit einem Menschen, der keine
Fragen hat, nur Antworten, der altklug bloss seine Sicht der Welt darstellt und
von allem zu wissen vorgibt: „So ist es.“
Die Begegnung zwischen Jesus und den Lehrern im Tempel jedoch ist ein
lebendiger Austausch. Sie beschränkt sich nicht darauf, dass er als Knabe bloss
fragt und die Erwachsenen auf alles eine Antwort aus dem Ärmel schütteln
könnten.
Nein, das Gespräch geht offenbar hin und her. Jesus bringt seinen Verstand ein,
wirft selber auch seine Antworten in die Runde. Und er muss nicht der einzige
Jugendliche bleiben, auf dessen Fragen und Antworten zu hören auch für
Erwachsene sich lohnt!
Jesus tut, was Theologie tut: Er befragt das religiös Selbstverständliche. Er geht
gedanklich über den blossen Vollzug der Religion und ihrer Bräuche hinaus. Er
befragt den Brauch, das, „was immer schon so war“. Theologie ist das kritische
Nachdenken über das Religiöse. Und wie diese Geschichte zeigt, soll sie nicht
einfach Fachleuten überlassen werden, liebe Theologen-Kolleginnen und
-Kollegen, wenn ich Sie so ansprechen darf. Für uns alle, die wir einen
mündigen Erwachsenenglauben leben wollen, gehört es also dazu, dass wir
unsere Religion nicht nur ausüben, sondern auch fragend, suchend, diskutierend
uns damit auseinander setzen.
Was dabei entsteht, ist wie eine Helix, eine dreidimensionale Spirale, einer
Wendeltreppe ähnlich: Fragen treiben Antworten hervor, Antworten wecken
wieder neue Fragen. Es ist nicht so, dass die Einen die Fragen haben und die
Anderen die Antworten. Vielmehr haben beide beides. Darum ist es ganz
natürlich, dass viele Fragen erst nach und nach aufkommen, im Lauf des
Lebens, und nicht schon von Anfang an da sind. Auch bei Glaubensfragen ist
das so.
Im Lauf der drei Tage – drei ist übrigens die Zahl für das Spirituelle, das
Göttliche – kommt es zu einer für die Eltern nicht schmerzlosen Ablösung:
Jesus wird sich bewusst: Sein Weg führt immer stärker weg von den eigenen
Eltern, sein göttlicher Vater wird immer wichtiger für ihn. Vielleicht können wir
unsere Kinder aber doch besser loslassen, wenn wir darauf trauen, dass sie
Gotteskinder sind und bleiben, und wir Erwachsene ebenfalls – und zwar so, wie
es uns aus dieser Geschichte entgegenkommt:
Als erwachsen werdendes Gotteskind ist Jesus gerade nicht unmündig und still.
Ein Gotteskind stellt erwachsene Fragen an die Religion; liebt die religiöse
Tradition und das kritische Nachdenken darüber; will nicht nur Stimmungen und
Gefühle erleben, sondern möchte auch verstehen, was ihm Gott, der Grund
seines Lebens, bedeutet.
Und dann? Die Geschichte berichtet zum Schluss, Jesus sei wieder mit seiner
Familie nach Nazaret zurückgekehrt – „gehorsam“, wie es heisst.
Ich war als Jugendlicher ein bisschen enttäuscht von diesem Schluss: Ist von
diesem neugierigen, spannenden, diskutierenden Jesus nichts mehr da? Kehrt er
einfach wieder schön brav in den Schoss der heiligen Familie zurück?
Wenn ich heute darüber nachdenke, habe ich den Eindruck: So einfach ist es
nicht. Er kehrt als ein anderer zurück, er weiss nun von mehr. Äusserlich
gesehen ändert sich nicht viel. Bis er etwa 30 ist, lebt er in den ärmlichen
Verhältnissen seiner Heimatstadt Nazaret.
Vielleicht ist das auch eine Möglichkeit für uns: Dass wir uns, unser Leben lang,
ohne dass wir die Türen zuschlagen müssten zu den Menschen um uns, ruhig
und unspektakulär entwickeln, gute eigene Wege im Leben und im Glauben
einschlagen. Und dabei wie es von Jesus heisst „zunehmen an Weisheit und
Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“
Amen.
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