Handout - Technische Universität Braunschweig

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Hein Retter
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„Nun aber bleiben: Glaube, Erziehung, Demokratie, diese drei.“ Dilemmata der Pädagogik Deweys im Zeichen ihrer
Historisierung  Handout zum Vortrag, am 8.7.2014, Katholische Universität Eichstätt
John Dewey sah Demokratie nicht nur als Ideal von community, sondern war (mit Blick auf ein Vorbild wie R.W. Emerson)
überzeugt „that democracy is neither a form of government nor a social expediency, but a metaphysic of the relation of man
and his experience to nature“ (MW 6, S.135).  Teil 1: Demokratie- und Pragmatismusbegriff Deweys; Teil 2: Statements
zu „Erfahrung“; Teil 3: Dewey und das Bildungselend der Afroamerikaner  pädagogische Dilemmata.
Ergebnisse (Teil 3): Deweys Idee ethnischer Integration war demokratisch. Bei Afroamerikanern sorgte die Idee jedoch
für Probleme. Der schwarze Historiker Carter G. Woodson kritisierte 1933, dass Lehrpläne und öffentliche Erziehung allein
der Kontrolle der Weißen unterstehen. Schwarze lernen durch die öffentliche Erziehung weiße Ideologie, ohne etwas über
Vergangenheit und Gegenwart aus ihrer eigener Sicht zu erfahren. An den Colleges für Schwarze müssen schwarze
Dozenten zu den Lehrbüchern der Weißen greifen  andere gibt es nicht. Das Wenige was man dort über Colored People
liest, rechtfertige ‚weißes’ Handeln und weist den Schwarzen ihren untergeordneten Platz in der Gesellschaft der Weißen
zu. Der „miss-erzogene“ Schwarze sei ein Opfer des ihn unterdrückenden Systems. Woodson vertrat die These: Der nicht
durch öffentliche Schulen erzogene Schwarze ist erfolgreicher bei der Gewinnung eigenen Selbstbewusstseins.i Auch
W.E.B. Du Bois sah das, was „von oben“ als „Toleranz“ von Weißen gepredigt wurde, kritisch: Schwarze Jungen und
Mädchen hätten vor allem erfahren, in der öffentlichen Schule von weißen Mitschülern angespuckt zu werden, die ihre
Überlegenheit beweisen, indem sie „Nigger“ noch treten, wenn sie schon unten liegen. ii Das war Alltag. Doch für Dewey
war der Schulalltag von Schwarzen kein Thema  mit einer Ausnahme: Die Public School Nr. 26 von Indianapolis im
ärmsten Wohnbezirk der Stadt besuchten nur Schwarze. Dewey und seine Tochter Evelyn sahen in dieser Schule (im Buch
„Schools of Tomorrow“, 1915) ein Zukunftsmodell. Der schwarze Schulleiter betrieb eine vorberufliche Ausbildung,
welche Jungen an handwerkliche Berufe, Mädchen an hauswirtschaftliche Arbeit heranführte  und dies ganz im Dienst der
community, in enger Kooperation mit den Kleinbetrieben der Nachbarschaft. Ausgespart im Bericht der Deweys blieb ein
Hinweis auf (a) die segregationsbedingte rassische Dominanz der Weißen, die das soziale Klima der Stadt prägte, (b) das
Faktum, dass Schwarze hier besonders gründlich lernten, was sie schon als Sklaven taten: Handarbeit.  Bei steigenden
Bildungsanforderungen der Gesellschaft besaß die Masse der Schwarzen wegen fehlender Bildung keine Chance zu beruflichem Aufstieg. Die Folgen dieser das Bildungsschicksal der Afroamerikaner bestimmenden Sicht weißer Bildungsexperten
waren fatal. Deweys Progressivismus habe die soziale Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß gefestigt, kritisierte Feinberg 1975.iii  Erst die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahren führte zu einer starken schwarzen Bildungsexpansion.
Dewey sah die öffentliche Schule als sozialen Embryo der demokratischen Gesellschaft, vermied es aber, diese Vision
angesichts zahlreicher sichbarer und unsichtbarer Rassenschranken detaillierter Prüfung auszusetzen. Der Schwede Gunnar
Myrdal betonte 1944 in seiner großen Studie einmal mehr, „The Negro Problem“ sei das Basisdilemma der USA.iv Dasselbe
hatte 1906 der amerikabegeisterte Schriftsteller H.G. Wells („Die Zeitmaschine“) erklärt, der während seines USA-Besuchs
auch Jane Addams und Booker T. Washington sprach und das tieftraurige Buch über „The Souls of Black Folk“ von W.E.B.
Du Bois las. Für die Afroamerikaner empfand der bekennende Sozialist Wells größte Hochachtung, die er im Norden der
USA bei Weißen meist vermisste, während ihm im Süden verstärkt Hass auf die ‚Negroes’ begegnete. Wells nannte in
seinem Bericht, „Die Zukunft Amerikas“ (dt. 1911), die Dinge beim Namen, Dewey tat dies öffentlich nicht (mit wenigen
Ausnahmen in Andeutungen). Deweys Pädagogik ist nicht nur verheißungsvoll, sondern auch lehrreich hinsichtlich einer
Tendenz zu sozialer Amnesie. Dieser Begriff fokussiert die Folgen eines angepassten Umganges mit offiziell tolerierten,
doch faktisch nicht willkommenen Minderheiten durch ihre weitgehende Nichterwähnung. Im öffentlichen Diskurs
unsichtbar, besitzt die Leidensgeschichte dieser Ethnien keine iddentitätsstiftende  da nicht anerkannte  kollektive
Erinnerung. Es bleibt der Glaube an Deweys Erziehungs- und Demokratiekonzept: Eingedenk der Verheißung des guten
Lebens soll er Kraft verleihen, den sozialen Herausforderungen der Zeit handelnd zu begegnen. Doch der („weiße“)
community-Geist des 19. Jahrhunderts, der Deweys Demokratiebegriff prägte, hat sich im sozialen Niedergang der Nation
bei steigender Armut weitgehend verflüchtigt (George Packer: Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika.
Frankfurt/M. 2014, sowie Interview mit G.P.: Süddeutsche Zeitung, 24.6.14, S. 11.  Vgl. ferner die TV-Serie „The Wire“).
HEIN RETTER, Zur Ethnozentrik der Erziehungsphilosophie John Deweys.  https://www.tu-braunschweig.de//hispaed/personal/hretter
i
Carter G. Woodson: The Mis-education of the Negro. Washington D.C.: The Associated Publishers. 1969 (amerik. Erstdruck 1933).
Du Bois, zit. in Woodson, a.a.O. (Anm. 1), XV (= Introduction, by Charles H. Wesley/Thelma D. Perry). Primärquelle: W.E.B. Du
Bois: Does the Negro Need Separate Schools? Journal of Negro Education, 4. Jg. 1935, S. 328-329.  Du Bois’ Eintreten für schulische
Segregation 1934 führte zu seinem Rückzug von der NAACP. Vgl. dazu Davison M. Douglas: Jim Crow Moves North. The Battle over
North Western School Segregation, 1865-1954. Cambridge: Cambridge University Press, 2005, S. 201.
iii Walter Feinberg: Reason and Rhetorik. The Intellectual Foundations of 20th Century Liberal Educational Policy. New York: John
Wiley, 1975, S. 108-111.
iv Gunnar Myrdal: An American Dilemma. The Negro Problem and Modern Democracy. New York: Harper & Row, 1962 (orig. 1944),
ii
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