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18/07
Sonntag, 20. Mai2007
Pfr. Werner Keitel
Thema: „Durst nach Leben!“
Joh. 7, 37-39
Liebe Gemeinde,
„Durst nach Leben“, mit diesem Slogan wirbt auf großen Plakatwänden eine Mineralwasserfirma für ihr
Produkt. „Durst nach Leben“. Auf den Plakaten sind ein junger Mann oder auch eine junge Frau – beide
Sportler – abgebildet. Sie sind ganz erhitzt. Aus einer Flasche gießen sie frisches Wasser in den weit
geöffneten Mund, das Wasser fließt über das ganze Gesicht, und was überschießt, über den ganzen
Körper. Man sieht diesem Bild an, wie die Personen erfrischt und erquickt werden durch das frische, kalte
Wasser. Hier wird Durst gelöscht!
Dies ist eine tolle Werbung. Sie setzt bei einem Bedürfnis an, das wir alle haben:
Sehnsucht auf, die in uns allen steckt: Durst nach Leben.
Sie nimmt eine
Aber diese tolle Werbung verspricht eben doch auch mehr, als das Mineralwasser halten kann. Ein gutes
Mineralwasser kann zwar Durst löschen, kann erfrischen, auch erquicken, aber es stillt eben nur den
körperlichen Durst.
Wenn es doch so einfach wäre, den Durst nach Leben mit gutem, frischen Wasser zu stillen. Gerne
würden wir jenes angepriesene Mineralwasser kastenweise kaufen, nicht nur trinken würden wir es,
sondern auch darin baden, damit unser Durst nach Leben gestillt wird.
Das Wasser aus der Flasche oder aus dem Wasserhahn löscht den Durst nach Leben nicht. Und deshalb
greifen nicht wenige zur Flasche, die hochprozentigen Inhalt hat. Der Alkohol soll die Wirklichkeit
erträglicher machen. Er überdeckt die Traurigkeit für einige Zeit. Er lässt die Probleme für kurze Zeit in
einem angenehmeren Licht erscheinen. Alles scheint leichter zu gehen. Aber das böse Erwachen folgt mit
tödlicher Sicherheit.
Andere suchen in ihrem Durst nach Leben Erfüllung durch Drogen. Ein bisschen Bewusstseinserweiterung
als Flucht vor dem öden Alltag, der mit seinem fordernden Zugriff nicht mehr auszuhalten ist, gaukelt das
Glück, das Leben vor. Aber bei dieser Flucht kommt ja nichts anderes heraus als das Elend der Sucht.
Freiheit wurde versprochen, härteste Knechtschaft und Abhängigkeit sind der Preis.
Oder erkennen wir uns eher in jenen Zeitgenossen, die wenigstens für ein paar Wochen aus dem tristen
Alltag ausbrechen und im Urlaub alle zuhause üblichen Konventionen hinter sich lassen, wieder? Einmal
im Jahr wenigstens das Leben genießen, nehmen was es bietet, ohne Rücksicht auf Verluste. Und zurück
bleibt ein belastetes Gewissen. Wir werden zu gespaltenen Persönlichkeiten. Der Durst nach Leben bleibt.
Es gibt so viele Versuche, den Durst nach Leben zu stillen. Ob wir uns in die Arbeit stürzen und ohne Rast
und Ruh durcharbeiten, weil wir uns haben einreden lassen, dass dies der Sinn des Lebens sei oder ob wir
uns von jeder vagabundierenden Religiosität einen Zipfel zu erhaschen suchen, der Durst nach Leben wird
so nicht gestillt.
Stattdessen macht Jesus Christus
1. das Angebot: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“
Das ist eine ganz provozierende Einladung, ein Angebot, das er ganz kämpferisch macht. Er ist beim 7tägigen Erntefest, dem Laubhüttenfest, in Jerusalem. Das Fest neigt sich dem Ende zu. Aber der letzte
Tag ist gleichzeitig der Höhepunkt des Festes. Die Priester machen einen feierlichen Umzug um den
Brandopferaltar. Aus der Siloaquelle war Wasser geschöpft worden. Und jetzt gießen sie es aus den
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goldenen Krügen über dem Altar aus. Die Festpilger stimmen ein Lied aus dem 12. Kapitel des Buches
Jesaja an: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen...“
Und mitten hinein in diese feierliche Liturgie, als ausgesprochener Störenfried, ruft Jesus: „Ihr seid im
Irrtum mit eurem ganzen frommen Treiben, ihr seid im Irrtum, wenn ihr noch immer den Segen der
kommenden Heilszeit mit euren Riten und Liturgien herbeisehnt. Was ihr sucht und was ihr braucht,
Wasser des Lebens, das den Durst des Lebens stillt, das findet ihr nur bei mir. Ganz exklusiv. Nur ich
kann es euch geben.“
Die versammelte Festversammlung reagiert völlig konsterniert. Ist hier ein wild gewordener Randalierer,
den man zur Ordnung rufen muss? Oder hat man es mit einem anmaßenden Spinner zu tun? Dann muss
er weg. Und so beschließt die religiöse Führungselite, ihn zu beseitigen.
Andere sind vom Angebot Jesu fasziniert und voller Fragen: Sollte also die Heilszeit schon angebrochen
sein, und sollte er etwa wirklich der Messias sein? Mehr als dieser Jesus verspricht, kann doch auch der
Messias nicht bringen.
Aber Jesus verweigert sich allen verteidigenden Gesprächen. Die Zeit für langwierige Erklärungen und
theologische Streitgespräche ist jetzt nicht da. Wer keinen Durst nach Leben hat, der mag ohne ihn
auskommen. Wer satt ist, braucht kein Wasser. Wem nichts fehlt, soll kein Mangel aufgeschwätzt werden.
Aber wer Lebensdurst hat, der soll kommen und trinken und satt werden. Wer nicht bloß ein bisschen vom
Leben will, sondern das Leben selbst, wird eingeladen. Wem die Lebensmittel zu wenig sind, den bittet er:
Komm, trinke bei mir, und du bekommst Leben im Vollsinn.
Der Kirchenvater Augustin hat gesagt: „Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.“ Das ist es...“bis
es Ruhe findet in dir“, bis der Lebensdurst gestillt ist bei dir, der Quelle des Lebens. Bis unser Leben
angeschlossen ist an den Quell, der aus der Ewigkeit kommt und deshalb ewiges Leben gibt.
Große Worte sind das, aber sind es auch gedeckte Worte? Kann man sich auf sie verlassen?
Ja, man kann. Johannes, der uns Jesu Einladung und Versprechen bezeugt, hat erlebt, dass Jesus nach
seiner Kreuzigung nicht im Grabe geblieben ist, sondern an Ostern auferstanden ist. Damit wurde Jesus
ins Recht gesetzt, die Vergebung der Schuld wurde in Kraft gesetzt und alle Verheißungen Jesu wurden
so bestätigt.
Wir sind also eingeladen! Wir werden von der erquickenden Wirkung dieses Lebenswassers dann etwas
spüren, wenn wir trinken. Wir werden dann erfahren, dass der Durst des Lebens gestillt wird, wenn wir
kommen. Wir werden dann merken, aus welch trüben Pfützen wir geschöpft und getrunken haben, wenn
wir uns bei Jesus satt trinken.
2. Jesus macht uns zu „Durstlöschern“
„Wer an mich glaubt..., von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen...“
Wer von Jesus mit dem Wasser des Lebens gesättigt ist, der kann dies nicht für sich selbst behalten. Er
wird es weiterströmen lassen.
Wie sich das ereignet, haben wir alle schon an einem Römischen Brunnen beobachtet: Er hat drei
übereinander liegende Schalen. Das Wasser strömt aus der Mittelsäule in die oberste Schale, diese füllt
sich und gibt das überströmende Wasser an die darunter liegende zweite Schale ab. Diese dann, wenn sie
überläuft an die letzte, größte Schale.
Conrad Ferdinand Meyer beschreibt diesen Vorgang in seinem bekannten Gedicht treffend so:
„Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund, die, sich verschleiernd, überfließt in
einer zweiten Schale Grund. Die Zweite gibt, sie wird zu reich, der Dritten ihre Flut, und jede nimmt und
gibt zugleich und strömt und ruht.“
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„...und jede nimmt und gibt zugleich...“ Das ist das Geheimnis eines von Jesus beschenkten Menschen. Er
nimmt und gibt in einer Person. Ganz von selbst, ganz ohne Krampf, ohne zusätzliche Appelle „Du sollst,
du müsstest eigentlich...“ ganz ohne zusätzliche Anstrengung. Ein solcher Mensch kommt gar nicht auf
den Gedanken, etwas zurückhalten zu wollen. Er freut sich, dass es strömt.
Solche Menschen sind für ihre Mitmenschen eine richtige Wohltat, eine richtige „Erquickung“ Wo sie sind,
da ist Freiheit und Freude. Sie strahlen Fröhlichkeit aus. Man ist gerne in ihrer Nähe. Sie wirken
verbindend und versöhnend. Alle Miesepetrigkeit weicht in ihrer Gegenwart. Ihre Heiterkeit wirkt
ansteckend. Wenn sie da sind, wird Hoffnung wach, und alle Resignation weicht.
Das bewirkt aber nicht ihr Naturell. Sie haben nicht einfach ein sonniges Gemüt. Es ist vielmehr so, dass
das Lebenswasser, das sie bei Jesus trinken, durch sie hindurchfließt zu den anderen. Sie sind wie die
Schale, die weitergibt, wie das „Rohr, durch das das Wasser fließt“ (Luther). Sie haben etwas von der Art
Jesu und können sie weitergeben.
Der Apostel Paulus kann sagen: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal. 2, 20)
Einer wird dem anderen zum Christus: Da kommt einer mit einem schuldbeladenen Gewissen und bittet
um Vergebung, und wir dürfen im Namen Jesu zusprechen: Dir sind deine Sünden vergeben. – Ströme
lebendigen Wassers. Ein anderer ist völlig resigniert und sieht keinen Ausweg, und wir können ihm eine
Perspektive aufzeigen, weil bei Jesus die Hilfe nicht erschöpft ist. Ich selbst habe erfahren, wie mir ein
Freund zum Christus wurde dadurch, dass er mir in einer Situation völliger Überarbeitung gesagt hat: Du
bist doch immer zuerst Kind Gottes und dann erst sein Knecht. Welche Befreiung war das damals –
Ströme lebendigen Wassers übermittelt durch einen Bruder!
Was ist das für eine Verheißung für unser Leben! Und wie kann sie in Erfüllung gehen?
Der heutige Sonntag trägt den Namen EXAUDI – Herr, höre meine Stimme! Er lädt uns also ein zum
Gebet. Bezogen auf unser Thema kann das konkret heißen:
„Herr, du siehst meine kleine Kraft; mein Unvermögen. Du kennst meine guten Vorsätze und mein immer
neues Versagen. Herr, wir sind auf dich und deine Kraft angewiesen, wenn sich etwas ändern soll bei mir
und bei deiner Kirche und in deiner Welt. Du hast doch zugesagt, deinen Heiligen Geist zu senden, die
Kraft, die uns verändert. Sende ihn auch zu uns, damit wir nicht außengeleitete Persönlichkeiten sind,
sondern innengeleitete, von ihm geleitete. Veni creator spiritus – Komm, Schöpfer Geist und erneuere
deine Kirche, und fange bei mir an!“
Durst nach Leben – Jesus ruft und verspricht: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke, und von des
Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
Amen.
Herausgeber:
Evang. Brüdergemeinde Korntal, Saalstr. 6, 70825 Korntal-Münchingen
Tel.: 07 11 / 83 98 78 - 0, Fax: 07 11 / 83 98 78 – 90; e-Mail: [email protected]
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