Zusammenfassung Gabriel

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2.1 Gabriel: Prävention und Kuration
Impulse für das Gesundheitsverhalten
Damit beobachtend gelernte Verhaltensmöglichkeiten auch tatsächlich in aktives Handeln
umgesetzt werden, müssen Verstärkungsbedingungen gegeben sein. Dies kann geschehen
durch: > Belohnung
> Bekräftigung
Diese Verstärkung kann von innen, sowie von außen kommen.
Bei der sozialen Lerntheorie geht es im Wesentlichen darum, alternative Möglichkeiten der
sozialen Anerkennung und der psychischen und körperlichen Entspannung nahe zu legen. Am
wirkungsvollsten sind Impulse, die Genuss und Lustgewinn versprechen.
Für den Menschen ist es außerdem wichtig, dass er das Gefühl hat, sein eigenes Verhalten
effektiv kontrollieren zu können. Nach Bandura müssen dafür 2 entscheidende Größen
vorhanden sein:
1. Ergebniserwartung: Der Mensch ist meist davon überzeugt, dass Ereignisse in bestimmten
Situationen, z.B. Konzentrationsfähigkeit nach einer Ruhepause, als
Folge ihres eigenen Verhaltens auftritt. Sie erwarten deshalb dieses
Ereignis auch in anderen Situationen. Dieses Verhalten kann die
gesundheitsbezogene Handlungsfähigkeit eines Menschen
beeinflussen, z.B. durch die Erwartungen der Effekte, die durch das
Zigarettenrauchen entstehen.
2. Selbstwirksamkeit: Sie ist eine wichtige Bedingung für Verhaltensänderung, da sie die
Überzeugung des Menschen ist, durch ein bestimmtes Verhalten,
Schwierigkeiten überwinden zu können.
Das wiederholte Ausführen einer Aufgabe kann helfen
Selbstwirksamkeit aufzubauen, indem die Ergebniserwartung
schrittweise verändert wird. Durch wiederholtes Üben eines neuen
Schrittes hin zu einem neuen Verhalten, entwickelt man Sicherheit und
erlangt somit Selbstwirksamkeit über das angestrebte Verhalten.
Das „sozial-kognitive Prozessmodell gesundheitlichen Handelns“ nach Schwarzer integriert,
außer der Ergebniserwartung und der Selbstwirksamkeit, zusätzlich die Handlungsabsicht und
die Handlungsplanung. Um auf etwas Gewohntes oder Reizvolles im eigenen Verhalten zu
verzichten, bedarf es an Motivation und willentlicher Anstrengung, die durch eine eigene
Festlegung der beabsichtigten Handlung oder auch anderen Formen der sozialen Kontrolle
gesichert werden kann.
Die Verarbeitung von Infos und Verhaltensimpulsen ist abhängig von bestimmten
Persönlichkeitsmerkmalen.
Die Persönlichkeitstheorien nehmen an, dass die Gesundheit eines Menschen von seiner meist
angeborenen persönlichen Disposition und seinem „Temperament“ abhängt. Demnach gibt es
verletzliche Personen, die ängstlich sind in ungewohnten Situationen und folglich anfälliger
für gesundheitliche Störungen. Außerdem gibt es die unverletzlichen Personen, die Risiken
ohne psychopathologischen Auffälligkeiten meistern und eine große Widerstandskraft
gegenüber Konflikten und Belastungen aufweisen.
In einer Studie von Werner und Smith wurden Kinder im Zeitraum von 20 Jahren untersucht,
die eine starke Häufung von Risikofaktoren aufzeigten, so z.B. Geburtsschäden, finanzielle
Probleme und Krankheit der Mutter.
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Es zeigte sich, dass ein Teil dieser Kinder in der Lage waren, stark belastende Situationen
effektiv zu verarbeiten, aktiv und produktiv mit ihnen umzugehen. Der andere Teil reagierte
in unterschiedlicher Weise, je nach persönlichen und Sozialisationsbedingungen. Während
Belastung aufdeckende und verstärkende Sozialisationsbedingungen zu Verletzlichkeit führen,
resultieren aus Belastung abschirmenden und abschwächenden Sozialisationsbedingungen
meist unverletzliche Persönlichkeiten. Je nach Grad der Verletzlichkeit kommt es nach dieser
Vorstellung zu einem eher passiven oder aktiven Bewältigungsstil, der zu einer eher gesunden
oder ungesunden Persönlichkeitsentwicklung führen kann.
Theorien der psychischen Gesundheit
Peter Beckers „integrative Persönlichkeitstheorie“: Seine Absicht ist es, die wichtigsten
Eigenschaften des Menschen zu identifizieren, die über die Fähigkeit zum Umgang mit
gesundheitsriskanten Lebensanforderungen entscheiden. Er identifiziert 2 übergreifende
Faktoren zur Beschreibung von Persönlichkeiten:
1. Seelische Gesundheit: Fähigkeit zur Bewältigung externer und interner Anforderungen
2. Verhaltenskontrolle: Zuverlässigkeit, mit der die eigenen Handlungen reguliert werden
können
 Hohe seelische Gesundheit + starke Verhaltenskontrolle = Soziale Anpassung, geprägt
durch Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit
 Hohe seelische Gesundheit + geringe Verhaltenskontrolle = Selbstaktualisierung,
geprägt durch Geselligkeit und Extraversion
 Geringe seelische Gesundheit + starke Verhaltenskontrolle = Gehemmtheit, geprägt
durch Zurückhaltung und Introversion
 Geringe seelische Gesundheit + geringe Verhaltenskontrolle = Zügellosigkeit, geprägt
durch Aggressivität und Erregbarkeit
Dieses Indikatorenmodell wird zunehmend im medizinischen Bereich verwendet. Die
entsprechende Forschung konzentriert sich darauf, Indikatoren für körperliche Gesundheit zu
identifizieren.
Kriterien für subjektiv empfundenes körperliches Wohlbefinden haben sich als wertvolle
Indikatoren für die objektive Gesundheit erwiesen, so die 7 Grunddimensionen nach Franke:
 Zufriedenheit mit dem momentanen Körperzustand
 Gefühl von Ruhe und Muße
 Vitalität und Lebensfreude
 Entspannung
 Genussfreude und Lustempfinden
 Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit
 Angenehmes Körperempfinden
Stress- und Bewältigungstheorien
stellen sich die Frage, wie sich der Mensch mit Anforderungen an die eigene Persönlichkeit
auseinandersetzt, wie er diese verarbeitet und welche gesundheitlichen Folgen sich ergeben.
Ausgangspunkt ist der Verarbeitungsmechanismus von Reizen. Die Außenanforderungen
führen zu einer seelisch-körperlichen Reaktion, die das Ziel hat, die Herausforderung und
Bedrohung zu bewältigen. Die Theorie nimmt an, dass Stress zur Überlebensausstattung des
Menschen gehört. Hat der Mensch jedoch ständig Stress und kann sich nicht mehr entspannen
und regenerieren, wird Stress zum Distress und hat negative, krankheitsauslösende
Wirkungen. Viele Menschen geraten heute leicht in einen Zustand ständigen Stress, der den
Organismus auf Dauer überfordert und zusammen mit anderen körperlichen Risiken (falsche
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Ernährung, Bewegungsmangel, Konsum psychoaktiver Substanzen), zur Entstehung
chronischer Krankheiten führen kann.
Transaktionale und soziale Stressmodelle
nach Lazarus
Die Schwere oder Bedeutung einer externen Belastung hängt davon ab, wie ein Mensch diese
individuell einschätzt und welche Ressourcen ihm für die Bearbeitung zur Verfügung stehen.
In Studien stellte sich heraus, dass ausweichende und vermeidende Verarbeitungsstrategien
sich als nachteilig erwiesen. Besonders günstige Effekte werden dagegen erzielt, wenn
mehrere Bewältigungskompetenzen ineinandergreifen:
 Körperlich-physische Bewältigung
 Kognitiv-intellektuelle Bewältigung
 Seelisch-emotionale Bewältigung
 Soziale Bewältigung
Pearlin; Modell des Belastungs-Überforderungs-Prozesses
Die Belastungen (Stressoren) sind in ein Spektrum von 3 Ereignissen gegliedert:
 Kritische Lebensereignisse, z.B. Verlust einer Bezugsperson, Verlust des
Arbeitsplatzes
 Chronische Spannungen, z.B. Rollenkonflikte wegen Doppelbelastung, andauernde
Konflikte mit dem Partner, langandauernde Krankheiten
 Schwierige Übergänge im Lebenslauf, z.B. vom Jugend- ins Erwachsenenalter, von
der Schule in die Arbeitswelt
Besonders den chronischen Spannungen wurde bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt,
obwohl sie nach Pearlin den Gesundheitszustand längerfristig erheblich beeinflussen.
Das salutogenetische Modell
nach Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe
Salutogenese: > Salus (lt.) = Unverletztheit, Heil, Glück
> Genese (gr.) = Entstehung
Salutogenese stellt den Gegenbegriff zur Pathogenese dar und bringt damit die zentrale
Fragestellung seines Modells in den Vordergrund, warum Menschen trotz einer Vielzahl von
gefährdenden und belastenden Faktoren in allen Bereichen gesund bleiben und Störungen der
Gesundheit positiv ausgleichen können.
Für Antonovsky ist Gesundheit eine dynamische Interaktion zwischen belastenden und
unterstützenden Faktoren. Gesundheit ist also Resultat der jeweils aktuellen Balance zwischen
Risiko- und Schutzfaktoren innerhalb wie außerhalb der Person. Eine klare Grenzlinie
zwischen Gesundheit und Krankheit gibt es demnach nicht.
Die Ressourcen entscheiden, ob sich Belastungen als Gesundheitsstörungen niederschlagen
oder nicht. Zu den Widerstandsfaktoren rechnet er:
 Potentiale des Körpers, die gegen Krankheitserreger und Stressoren immun machen
 Finanzielle Möglichkeiten, mit denen sich physische Sicherheit und gute Ernährung
als für das körperliche und seelische Wohlbefinden wichtige Ressourcen erwerben
lassen
 Intelligenz, im Sinne von Flexibilität und Rationalität der Anpassung an
Lebensbedingungen
 Soziale Unterstützung aus der Umwelt
 Kulturelle Integration, die das Gefühl von Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns
vermittelt
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Stresstheoretische Elemente werden im salutogenetischen Modell aufgenommen, indem
implizit mit einem Belastungs-Bewältigungs-Konzept gearbeitet und nach den Ressourcen
gesucht wird, die den Organismus gegen schwächende Einflüsse widerstandsfähig macht.
Nach Antonovsky wird der Gesundheits- und Krankheitszustand des Weiteren durch eine
psychologische Grundhaltung des Menschen bestimmt, sein Koharänz-Gefühl.
Die Grundhaltung, die Welt als sinnvoll zu erleben, setzt sich aus 3 Komponenten zusammen:
 Dem Gefühl von Verstehbarkeit
 Dem Gefühl von Bewältigbarkeit
 Dem Gefühl von Sinnhaftigkeit
Stärken und Schwächen des Modells: Kritisch lässt sich sagen, dass A. kein in sich
geschlossenes Konzept von psychischer und körperlicher Gesundheit und ihren
Wechselwirkungen vorlegt. Das Koharänz-Gefühl zeigt einen negativen Zusammenhang zu
Maßen der psychischen Gesundheit. Menschen mit einem hohen Koharänz-Gefühl sind
offensichtlich weniger ängstlich und depressiv als andere. Menschen mit hohem KoharänzGefühl nehmen demnach Anforderungen eher als Herausforderung und weniger als Belastung
wahr.
Insgesamt ist das Modell für die interdisziplinäre Theoriebildung und die Entwicklung von
Arbeitskonzepten in Gesundheitsförderung, Prävention oder Psychotherapie sehr anregend.
Psychosomatische und soziosomatische Modelle
In der psychosomatischen Forschung wird dem Einfluss des Psychischen auf das Körperliche
große Bedeutung zugemessen.
Nach von Uexküll können Erkrankungen nicht ausreichend verstanden werden, solange die
Reaktionen des Organismus unabhängig von der kulturellen und sozialen Umwelt analysiert
werden. Er meint, dass man zur Erfassung des kranken Menschen als somato-psycho-soziales
Phänomen Modelle notwendig sind, mit deren Hilfe sich die Zusammenhänge zwischen
diesen drei Bereichen interpretieren lassen.
Ausgangspunkt für Ausbruch und Entwicklung von Krankheit ist die Überbeanspruchung
sozialer, psychischer und somatischer Anpassungsfähigkeiten des Menschen als bio-psychosoziales System. Überforderungen, die sich zunächst hauptsächlich auf der körperlichen
Ebene abspielen, können sich auch im psychischen und sozialen Verhalten eines erkrankten
Menschen niederschlagen und umgekehrt.
Entscheidend ist der Vorgang, in dem sich die Beziehungen zwischen Individuum und
Umgebung herstellen und verändern. Gesundsein vollzieht sich demnach als ein ständiger
Auf- und Umbau der konkreten Beziehungen zwischen Mensch und Umgebung mit dem Ziel,
die Befriedigung der vitalen Bedürfnisse und psychisches und körperliches Wohlbefinden zu
ermöglichen.
Unter Kranksein wird gestörte Umweltbildung verstanden, die im positiven Fall über
Alarmreaktionen zur Adaption und damit zur Überwindung der Störung führen kann.
Sozialisationstheorien
Bemühen sich um eine Integration der bisher vorgestellten Elemente und legen den
Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit im
gesamten Lebenslauf.
Die Persönlichkeitsbildung wird in allen Lebensphasen von gesellschaftlichen und natürlichen
Bedingungen, sowie von Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst. Komplexe Wechselwirkung
zwischen Person und Umwelt besteht.
Zentrale These ist, dass der Mensch sich während seines gesamten Lebens in einer ständigen
Auseinandersetzung und im Austausch mit inneren und äußeren Ressourcen befindet, um die
eigene Persönlichkeit aufzubauen und weiterzuentwickeln.
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Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
Nach diesem Modell ist Persönlichkeitsentwicklung eine ständige Abstimmung zwischen den
eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnissen und Möglichkeiten und den Vorgaben
und Angeboten der sozialen Umwelt.
Eine produktive Realitätsverarbeitung gelingt dann, wenn zwischen Belastungen und
Ressourcen ein Gleichgewicht hergestellt werden kann.
Stehen ausreichende innere und äußere Ressourcen zur Verfügung, kommt es zu einem
gesundheitsförderlichen Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung. Ansonsten kann es zu
Störungen kommen.
Wichtig sind die sozialen Ressourcen, die sich aus dem sozialen Netzwerk und der gesamten
Umwelt ergeben und unterstützend auf die Person wirken, aber auch die personalen
Ressourcen, die sich aus den Persönlichkeitsmerkmalen ergeben und Einfluss darauf haben,
wie Dinge bewältigt werden.
Prozessdynamisches Modell für Gesundheitsstörungen
Kommt es zu Anforderungen, die das Verhaltensrepertoire überfordern, so ist die Gefahr
gegeben eine Situation nicht bewältigen zu können. Daraufhin entstehen Abwehr-, Ausweichund Aggressionstendenzen, die bis hin zur psychischen und körperlichen Krankheit führen
können.
In jeder Stufe der Entstehung von Beeinträchtigung setzt ein Suchprozess ein, der eine
Neuorganisation der personalen und sozialen Ressourcen mit sich bringt. Entweder wird die
Beeinträchtigung bewältigt oder aber sie verfestigt sich. Das hängt von der Kraft und der
Wirksamkeit der Ressourcen ab.
Konzepte Selbstbild und Identität
Aus sozialtheoretischer Sicht ist Bewältigungsverhalten nur bei einer subjektiven Kontinuität
des Selbsterlebens (Identität) auf der Grundlage des Selbstbildes möglich. Das Selbstbild
spiegelt die individuelle Bewertung der eigenen Persönlichkeitsmerkmale, sowie die
vergangenen Erfahrungen beim Einsatz von Fertigkeiten/Fähigkeiten in der
Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Realität wider.
Identität ist hergestellt, wenn die Auseinandersetzung mit der äußeren und der inneren
Lebenswelt zu Lösungen geführt hat, die miteinander vereinbar sind.
Identität ist eine Voraussetzung für Gesundheit. Körperliche, seelische und soziale
Gesundheit ist gegeben, wenn ein Mensch konstruktive Sozialbeziehungen aufbauen, die
eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Bedingungen der Lebenswelt anpassen und
dabei die persönlichen Bedürfnisse ausdrücken und Sinnerfüllung finden kann, und dies im
Einklang mit den körperlichen Möglichkeiten.
Interaktions- und Sozialstrukturtheorien
Die strukturfunktionalistische Theorie von Gesundheit und Krankheit
nach Parsons, Sozialwissenschaftler
Er sieht die Persönlichkeit als ein „Spiegelbild“ der Sozialstruktur. Nach dieser Theorie bilden
die gesellschaftlichen Strukturen eine sehr mächtige Umwelt für das Individuum und
bestimmen auch darüber, ob der Mensch gesund oder krank ist. Parsons behauptet, dass in der
heutigen Gesellschaft nur derjenige Mensch gesund sein und bleiben kann, der mit den
Anforderungen der Gesellschaft reibungslos zurechtkommt. Gelingt ihm dies nicht, wird das
Gleichgewicht zwischen dem inneren System und dem sozialen System Gesellschaft gestört
und es kommt zu einer körperlichen oder psychischen Störung.
Krankheit wird definiert als eine generalisierte Störung der Leistungsfähigkeit des
Individuums für die normalerweise zu erwartende Erfüllung von Aufgaben.
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Gesundheit hingegen ist gekennzeichnet durch die Kompetenz eines Menschen organische,
psychische und gesellschaftliche Parameter in einen produktiven Austausch und
wechselseitige Beziehung zu bringen.
Systemtheoretische Modelle von Gesundheit und Krankheit
Diese soziologische Systentheorie führt Parsons Impulse weiter. Jedoch betont sie die
Selbststeuerung von sozialen Institutionen und Organisationen. Die internen und externen
Anforderungen und Belastungen müssen nicht nur von der Person selbst, sondern von allen
beteiligten Systemen verarbeitet werden.
Nach dieser Sicht können strukturelle Bedingungen auf gesellschaftlicher Seite geschaffen
werden, die die Gesundheit des Einzelnen fördern kann, z.B. soziale Sicherheit, Chance zur
Selbstbestimmung und Frieden.
Im systemtheoretischen Denken werden körperliche oder psychische Störungen auf einen
Mangel an Kontrolle des Menschen über ihre Arbeits-, Wohn- und Freizeitbedingungen
zurückgeführt.
Gesunde sind für dieses System medizinisch gesehen nicht krank und deshalb uninteressant.
Es geht nur darum den Kranken der Gesellschaft ihre verloren gegangene Leistungs- und
Funktionsfähigkeit wieder herzustellen.
Interaktionstheoretische Modelle der Krankheitsentwicklung
Hierbei wird die enge Begrenzung der strukturfunktionalistischen und systemtheoretischen
Ansätze auf akute Krankheiten zurückgewiesen.
Ist der Mensch in der Rolle des Patienten verändert er seine Selbstdefinition und Identität,
zugleich wird er von seinem sozialen Umfeld anders wahrgenommen.
Die „Grounded Theory“ setzt sich beispielsweise mit dieser Wechselwirkung von
Selbstdefinition und gesellschaftlicher Fremddefinition auseinander und analysiert, was dies
für die Krankheitsbewältigung zu bedeuten hat. Der Patient wird aus dem alltäglichen
Lebenszusammenhang ausgegliedert. Für ihn ist die Diagnose ein Wendepunkt in seiner
Biographie.
Die interaktionistische Theorie beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Therapeuten
und Patient. Gemeinsames Ziel ist die Genesung. Welche Möglichkeiten der strukturell in der
unterlegenen Position befindliche Patient hat, wird thematisiert.
Die „Grounded Theory“ analysiert zudem, wie chronisch Kranke ihr Leben nach einer
einschneidenden Krise wieder aufnehmen und reorganisieren, und dass es dabei unter
anderem auch darauf ankommt, wie die medizinische Behandlung bewältigt wird.
Analysen zum Organisationscharakter von Versorgungseinrichtungen
Unternehmen, Behörden, Schulen, Verbände und Vereine führen jeweils ein Eigenleben. Es
herrschen meist eigene Regeln und Maßstäbe, die nicht unbedingt für das Verhalten des
Einzelnen gelten. Der Mensch, der in einem solchen System arbeitet, ist also gezwungen, sich
dieser Ordnung unterzugliedern, auch wenn es den persönlichen Interessen zuwiderläuft.
Diese Spannung kann Ausgangspunkt für gesundheitliche Störungen sein.
Zum erfolgreichen Leiten eines Unternehmens gehört es demnach, die Anforderungen der
Organisation mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter weitgehend in Übereinstimmung zu
bringen.
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Public-Health-Theorien
Sind interdisziplinär orientiert (Sozialwissenschaft, Psychologie, Wirtschafts- u.
Managementwissenschaft und Epidemiologie) und beziehen sich auf die Entwicklung von
„Public Health“ in den USA und Großbritannien. „Public Health“ (in D als
„Gesundheitswissenschaften“ bekannt) wird definiert als Wissenschaft und Kunst der
Verhütung von Krankheit und der Förderung psychischer und körperlicher Gesundheit der
Bevölkerung durch gesundheitspolitische und sozialpolitische Aktivitäten.
Public-Health-Theorien bemühen sich um Analysen der:
 Bedingungen für Gesundheit/Krankheit der Bevölkerung
 Die Ableitung von bedarfsgerechten Strukturen der Versorgung
 Um Modelle der Funktions- und Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems
Schwerpunkte der sozialepidemiologischen Gesundheitsforschung
Die Methodik der Epidemiologie steht im Vordergrund. Sie analysiert die Verteilung von
Krankheiten in der Bevölkerung und die statistischen Bedingungen dieser Verteilung nach
personalen und sozialen Merkmalen.
Der Unterschied zum kurativen Denken:
 In der Sozial- und Bevölkerungsmedizin steht nicht nur eine Organstörung im
Mittelpunkt, sondern es zählen Merkmale und Verhaltensweisen von Menschen wie
Geschlecht, Alter, Beruf und Lebensstile, um erwartbare Wahrscheinlichkeiten für
Erkrankungen zu erfassen
 Sie konzentriert sich nicht nur auf Diagnose und Therapie eines einzelnen
Krankheitsbildes, sondern achtet auf strukturelle Zusammenhänge, insbesondere die
Erfassung von Risikofaktoren und die Erarbeitung von Strategien zum Abbau von
Risikofaktoren
In der neueren sozialepidemiologischen Forschung werden die Zusammenhänge zwischen
sozialen Ausgangsfaktoren und gesundheitlichen Folgen mit dem „Risikofaktorenmodell“
analysiert. Diese Theorie hat neue Impulse gebracht, da sie zu präventiven Strategien
ermutigt, die einsetzen, bevor irreversible Schäden eingetreten sind.
Das Modell der Risikofaktoren
In einem Überblick hat Waller die wichtigsten bekannten Risikofaktoren medizinischer,
psychischer und sozialer Herkunft aufgelistet und ihnen die eventuell resultierenden
Krankheiten (nach Stand der bisherigen Studien 1991) zugeordnet.
Somit verbindet das Modell zwar medizinische und sozialwissenschaftliche Sichtweisen,
bleibt aber ohne eine erklärende Theorie. Außerdem ist nicht gesagt, dass die Krankheit
unbedingt auftritt bei dem jeweiligen Risikofaktor.
Das Modell stellt nur statistische Korrelationen dar und ist deswegen für die Ableitung von
Konsequenzen für gesundheitspolitische Interventionen nur begrenzt tauglich.
Eine Möglichkeit die konzeptionelle Schwäche des Modells auszugleichen, besteht darin, es
um Elemente der Stresstheorie anzureichern. Schaefer und Blohmke schlagen vor die
primären Risikofaktoren mit den „sekundären“, wie Angst und Unzufriedenheit, zu verbinden,
um die psychische und körperliche Bedeutung der Risikofaktoren besser einschätzen zu
können.
Mit diesem Modell lässt sich z.B. ein Herzinfarkt plausibel auf persönliche und soziale
Ausgangsbedingungen zurückführen. Bei folgenden Ausgangsbedingungen traten laut
Untersuchungen vermehrt Herzkrankheiten auf:
 Bei Persönlichkeitsmerkmalen, wie hoher Ehrgeiz, Unfähigkeit zur Entspannung
oder Ungeduld
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 Bei sozialen Merkmalen, wie widersprüchliche Anforderungen oder hohe
Leistungserwartung
 In der privaten Lebenssituation bei Dauerspannungen und unklaren emotionalen
Erwartungen
Es zeigt sich, dass noch Bedarf an systematischen epidemiologischen Studien zu den
Ursachen von Gesundheitsstörungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen besteht. Dies ist
Gebiet der „Gesundheitssystemforschung“.
Ansätze der Gesundheitssystemforschung
Sie ist 2. Schwerpunkt von Public-Health-Konzepten. Ihr Ziel: Die Analyse der Grundlagen,
Strukturen, Funktionsweisen und Kosten der verschiedenen Teilsysteme des
Gesundheitssystems und der Überschneidungs- und Kooperationsstrukturen zwischen den
verschiedenen Teilsystemen, um die Verbesserung und Weiterentwicklung des
Gesundheitssystems einzuleiten.
Es wird unterschieden zwischen:
 Strukturen: Rahmenbedingungen der Leistungserbringung
 Prozesse: Aktivitäten in der Versorgungseinheit, die auf Realisierung der
angestrebten Ergebnisse hinwirken
 Ergebnisse: Effekte auf den Gesundheitszustand der betroffenen
Versorgungspopulationen
 Die Inbeziehungsetzung zwischen Input und Output von Versorgungseinheiten
Nach Erkenntnissen der Gesundheitssystemforschung darf ein Gesundheitssystem nicht nur
auf die Ausprägungen und Häufigkeiten von Krankheiten in der Bevölkerung ausgerichtet
sein, sondern muss auch die Gesundheitspotentiale der Bevölkerung stärken. Die
Krankenbehandlung soll sich nicht nur auf körperliche, sondern auch auf psychische, soziale
und Umweltbedingungen von Gesundheit beziehen.
Ergebnisse der Gesundheitssystemforschung sprechen für:
 Durchlässige Grenzen zwischen ambulanter u. stationärer Krankenversorgung
 Therapiebereich sollte mit Prävention ebenso verzahnt sein, wie mit Rehabilitation
und Pflege → Sicherstellung einer funktionierenden Arbeitsteilung und in sich
abgestimmte Versorgung
 Bedürfnisse des Patienten müssen im Vordergrund stehen
 Professionelle Hilfe soll dem Patienten Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen, somit hat
Patient die Rolle als „aktiver Mitproduzent seiner Gesundheit“
 Medizinische Versorgung muss eingebettet sein in psychische, soziale, ökologische
und ökonomische Sicherung der Lebensqualität → ideal wären hierfür
multiprofessionelle Teams zur Ergänzung
Neben strukturellen Analysen über das Gesundheitssystem stehen auch Analysen zur
Optimierung der Arbeitsweise einzelner Einrichtungen im Vordergrund. Dabei geht es
hauptsächlich um Fragen des ökonomischen Einsatzes von personellen und sachlichen
Ressourcen und die Überprüfung der Qualität der erzielten Versorgung. Deshalb kommt es zu
einer engen Zusammenarbeit zwischen sozial- und organisationswissenschaftlichen mit
betriebs- und wirtschaftswissenschaftlichen Konzeptionen und Modellen.
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Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention
Konzept einer integrativen Theorie von Gesundheit und Krankheit
Die Übersicht über die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien, hat eine Vielfalt von
Dimensionen gezeigt. Ziel:
 interdisziplinär verwendbares Konzept
 Arbeitsdefinition von Gesundheit/Krankheit, die auf breite
Zustimmung stößt
Die 4 bisher vorgestellten Konzepte haben Gesundheit jeweils anders beleuchtet. Sie
schließen sich gegenseitig nicht aus, lassen sich aber auch nicht zu einem Gesamtbild
vereinen.
Der konzeptionelle Beitrag der einzelnen Theorien
Grundvorstellungen:
 Lern- und Persönlichkeitstheorien sagen aus, dass Persönlichkeitsmerkmale das
Ausmaß der Kompetenzen, mit denen der Mensch versucht Anforderungen zu
bewältigen, vorgeben
 Stress- und Bewältigungstheorien einschließlich der salutogenetischen und
psychosomatischen Theorien behaupten auch, dass es auf die individuelle Kompetenz
zur Auseinandersetzung mit Belastungen ankommt. Sie betonen die wechselseitige
Beziehung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Gesundheit wird verstanden
als immer erneut herzustellender Gleichgewichtszustand
 Sozialisationstheorien erweitern diese Perspektive und betonen den lebenslangen
Prozess der Realitätsverarbeitung und –bewältigung. Es besteht eine dynamische
Balance zwischen Risiko- und Schutzfaktoren. Es gibt Zwischenstadien zwischen
Gesundheit und Krankheit
 Interaktions- und Sozialstrukturtheorien beziehen sich auf institutionelle und
gesellschaftliche Faktoren, die mit Gesundheit und Krankheit in Verbindung stehen.
 Public-Health-Theorien konzentrieren sich auf die Analyse der Zusammenhänge
zwischen sozialen Merkmalen und dem Gesundheitszustand der Bevölkerung und
leiten daraus ab, welche Leistungen das Gesundheitssystem zu erbringen hat
Leitvorstellungen für Gesundheits- und Krankheitskonzepte
 Leitvorstellung 1: Gesundheit ist die gelungene, Krankheit die nicht gelungene
Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen
Gesundheit ist nur gegeben, wenn sowohl körperliche und psychische, als auch soziale
und materielle Umweltanforderungen bearbeitet werden. Die inneren Anforderungen sind
zugleich die Grundausstattung, mit der den äußeren Anforderungen begegnet werden
muss. Die äußeren Anforderungen (ökologisches Umfeld, Wohnbedingungen,
Arbeitsbedingungen, soziale Einbindung, usw.) sind ihrerseits Ressourcen, die der
Mensch zur Verfügung haben muss, um den inneren Anforderungen erfolgreich zu
begegnen. Krankheit kann entsprechend als die nicht gelungene Bewältigung von inneren
und äußeren Anforderungen verstanden werden.
Die Kompetenz, die über die Kapazität der Bewältigung von inneren und äußeren
Anforderungen entscheidet, bildet sich aus personalen und sozialen Ressourcen, aber auch
aus einer positiven Einstellung zu den alltäglichen Herausforderungen und einer
vorhandenen Vorstellung von der Beeinflussbarkeit der eigenen Lebensführung
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 Leitvorstellung 2: Gesundheit als Stadium des Gleichgewichts, Krankheit als
Stadium des Ungleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren
Das Stadium der Gesundheit und das der Krankheit als relative Gleichgewichts- und
Ungleichgewichtsstadien haben eine körperliche, psychische und soziale Dimension, die
in Wechselwirkung miteinander stehen.
 Leitvorstellung 3: Es existieren Stadien von relativer Gesundheit/Krankheit,
wobei objektive und subjektive Kriterien in die Definition mit eingehen
Es gibt eine objektive und eine subjektive Bewertung von Gesundheits- und
Krankheitsstadien, die sich auf allen drei Dimensionen voneinander unterscheiden
können. Vor allem die Lern- und Persönlichkeitstheorien und Stress- und
Bewältigungstheorien betonen die Bedeutung der subjektiven Einschätzung der
Gesundheit. Studien zeigen, dass die subjektive Einschätzung die objektive Krankheit in
vielen Fällen vorhersagen kann.
Die Bestimmungen von subjektiver und objektiver Gesundheit müssen sich nicht voll
entsprechen. Es ist möglich, dass ein Mensch sich subjektiv krank fühlt, objektiv aber
keine körperlichen Befunde nachweisbar sind.
 Leitvorstellung 4: Gesundheit und Krankheit sind Reaktionen auf
gesellschaftliche Gegebenheiten, insbesondere im wirtschaftlichen, ökologischen
und bildungsbezogenen Bereich
Die Ausprägung von Gesundheit/Krankheit bei dem einzelnen Menschen und in der
Gesamtbevölkerung spiegelt den Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Verhältnisse.
In der heutigen modernisierten Gesellschaft schwinden zunehmend feste soziale Muster
im privaten und beruflichen Lebenslauf und verlässliche, allgemeingültige Werte und
Normen für das eigene Verhalten. Entsprechend steigt der Bedarf an eigener Orientierung.
Daraus können sich jedoch Überforderungen ergeben, die zu körperlichen oder
psychischen Gesundheitsstörungen führen können.
Eine konsensuelle Definition von Gesundheit
Aus den Leitvorstellungen lässt sich folgende Definition von Gesundheit ableiten:
„Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren, das
eintritt, wenn einem Menschen eine Bewältigung sowohl der inneren (körperlichen und
psychischen) als auch äußeren (sozialen und materiellen) Anforderungen gelingt.
Gesundheit ist ein Stadium, das einem Menschen Wohlbefinden und Lebensfreude
vermittelt.“
Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention als
Interventionsstrategien
Die zentralen Strategien der Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention stellen
Interventionen in helfender, unterstützender, steuernder, kontrollierender und
korrigierender Absicht dar. Ziel: In den Prozess der Entstehung von Gesundheitsstörungen
einzugreifen, um ihn entweder schon im Vorfeld oder im Frühstadium vorbeugend
abzubrechen oder ihn in seiner Dynamik zu mindern und möglichst rückgängig zu
machen.
Es werden dringend neue Konzepte der Gesellschafts- und Sozialpolitik gesucht, die an
der Absicherung gegen elementare Risiken (Absicherung gegen Krankheit, Unfall,
Arbeitslosigkeit, usw.) festhalten, aber zugleich die Mitgestaltung aller Beteiligten
herausfordern. Die entscheidende Funktion aller sozialpolitischen Aktivitäten sollte die
Hilfe zur Selbsthilfe sein, die nur möglich ist, wenn durch eine Intervention die Kräfte der
Selbstregulation und Problemlösung nicht geschwächt, sondern gestärkt werden.
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Konzept der Gesundheitsförderung
Das Konzept „Gesundheitsförderung“ stellt Hilfe zur Selbsthilfe in den Vordergrund und
überwindet die traditionelle wohlfahrtsstaatliche Politik, die nur auf Abschirmung von
Lebensrisiken setzt, zugleich aber die Kräfte zur Selbsthilfe schwächt. Es ist wie, wenn
einem Kind oder Jugendlichen alle zur Entwicklung gehörender Herausforderungen und
Belastungen in schützender Absicht abgenommen werden → es erlahmen die Kräfte zur
Krisenbewältigung. Der Begriffsbestandteil „Förderung“ ist positiv und drückt aus, dass
anregende und unterstützende Impulse – und nicht nur schützende oder sichernde, die
dadurch nicht ausgeschlossen werden – im Vordergrund stehen.
Definition „Gesundheitsförderung“: „Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen
Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen
und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“ (WHO)
Diese Def. zeigt 2 Ziele:
 Stärkung der individuellen Kompetenzen zur Auseinandersetzung mit
Krankheitsrisiken
 Gesundheitsgerechte Gestaltung der sozialen und natürlichen Umwelt, um gute
Bedingungen für die Gesundheit der Bevölkerung zu schaffen
Abgrenzung von Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention
Krankheitsprävention lässt sich in drei Schritte unterscheiden:
 Primäre Prävention: versucht das Auftreten einer Krankheit ganz zu vermeiden, durch
z.B. Aufklärung in der Bevölkerung
 Sekundäre Prävention: versucht das Ausmaß der Ausbreitung und Dauer einer
Krankheit zu reduzieren. Wichtigste Aufgabe ist die frühe und schnelle Behandlung
einer Gesundheitsstörung. Um Krankheitsfrühstadien zu erkennen, werden geeignete
Testverfahren entwickelt
 Tertiäre Prävention: versucht die Schwere einer Krankheit oder ihre Verschlimmerung
zu reduzieren. Ziel ist es, nach Möglichkeit die Funktionsfähigkeit und Lebensqualität
wieder herzustellen.
Der Unterschied Gesundheitsförderung/Krankheitsprävention liegt also in der
Zielrichtung:
 Ansatzpunkt der Krankheitsprävention liegt im Abbau von
Krankheitsrisiken
 Ansatzpunkt der Gesundheitsförderung liegt im Aufbau von
Gesundheitspotentialen
Zwei Formen von Gesundheitsgewinn:
 Gesundheitsförderung als Gesundheitsgewinn, indem die sozialen und materiellen
Ausgangsvoraussetzungen für Gesundheit, durch das Angebot von angemessener
Ernährung, Hygiene, Bildung, Arbeit, … verbessert werden.
 Krankheitsprävention als Gesundheitsgewinn, indem individuelles Ernährungs- oder
Hygieneverhalten direkt beeinflusst wird und die Vermeidung von Stress- und
Risikoverhalten im Vordergrund steht. Drängt das Ausmaß der vorhandenen
Krankheitsrisiken zurück und stärkt somit die Gesundheitspotentiale.
Unterschiedliche Ansätze der gesundheitsbezogenen Intervention
Krankheitsprävention bezieht sich auf die Änderung des Gesundheitsverhaltens und die
Beeinflussung personaler Faktoren. Es wird versucht die Fähigkeiten und Kompetenzen
zu stärken, damit innere und äußere Anforderungen im Gleichgewicht zu halten sind.
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Gesundheitsförderung dagegen bezieht sich nicht direkt auf das Gesundheitsverhalten,
sondern mehr auf die Änderung der Gesundheitsbedingungen und die Beeinflussung
sozialer Faktoren und das Versorgungsangebot.
Strategien der Veränderung des Gesundheitsverhaltens
Es werden Strategien der Krankheitsprävention vorgestellt, die direkt auf das Verhalten
von Menschen gerichtet sind. Sie werden in 3 Schritten vorgestellt:
1. Ansätze der Gesundheitserziehung, durch Vermittlung von Wissen, Einstellungen
und Verhaltensroutinen, die der Gesundheit förderlich und vorbeugend gegen
Krankheiten sind
2. Es sollen Wissen und Fähigkeiten aufgebaut werden, um mit bereits eingetretenen
Gesundheitsstörungen zurechtzukommen und sie selbstständig und
selbstverantwortlich zu bewältigen
3. Strategien, die die Kompetenz vermitteln wollen, sich über Angebote und
Leistungen der Gesundheitsversorgung zu informieren und selbstgesteuert zu
nutzen
Stärkung individueller Kompetenzen durch
Gesundheitserziehung
Gesundheitserziehung bezeichnet alle Strategien der Stärkung der Persönlichkeit durch
Wissens- und Kompetenzvermittlung, um die Selbstorganisation des
Gesundheitsverhaltens und die Gestaltung gesundheitsrelevanter Umweltbedingungen zu
ermöglichen.
Autoritative Konzepte der Gesundheitserziehung
Man ging in den 70er Jahren davon aus, dass Aufklärung durch Wissensvermittlung zu
einer vernunftorientierten Ausrichtung der individuellen Lebensweise führen würde. Die
Gesundheitserziehung in diesem Sinne sollte wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln
und wurde auch deshalb maßgeblich von medizinischen Fachberufen durchgeführt. Die
Vermittlungsmethode war auf Abschreckung und Vermeidung lebensgefährdender
Risikofaktoren ausgerichtet. Als „autoritativ“ wurde sie bezeichnet, wegen ihrer
Orientierung an der unbefragten Autorität von wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Kritik der autoritativen Gesundheitserziehung
Kritik an diesem Konzept kam in den 80er Jahren in Bezug auf die Ausrichtung an dem zu
einfachen Risikofaktoren-Modell. Selbst bei einem erfolgreichen Zurückdrängen von
Risikofaktoren, besteht keine Garantie, dass die „bekämpften“ Krankheiten auch wirklich
ausbleiben.
Risikoverhalten muss aber sozialpsychologisch als ein Bewältigungsversuch bewertet
werden (Bsp.: Ein Raucher weiß auf rationaler Ebene auch, dass das Rauchen schädlich
ist. Subjektiv bewertet er das Rauchen in Stresssituationen aber als entspannend). Das
zeigt, dass die Information in der Regel nicht dazu ausreicht, das gesundheitsgefährdende
Verhalten zu verändern.
Die autoritative Gesundheitserziehung ist immer in Gefahr, wegen ihrer belehrenden
Grundhaltung einen normativen Charakter anzunehmen.
Das Konzept der partizipativen Gesundheitserziehung
Die Orientierung dieser Gesundheitserziehung schloss sich den Konzepten der Stress- und
Bewältigungstheorien und der Sozialisationstheorie an. Schwerpunkt liegt darauf, die
Kompetenz des Einzelnen zu stärken, um sich mit den körperlichen, psychischen und
umweltbezogenen Faktoren auseinanderzusetzen, die die eigene Gesundheit bestimmen.
Dieses Konzept setzt also bei der Motivation eines Menschen an, sein Verhalten selbst zu
steuern. Jeder Einzelne behält die Autonomie über das eigene Verhalten und bestimmt
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selbst, wobei er sich informieren und beraten lässt. Des Weiteren konzentriert es sich nicht
auf die Symptome, sondern auf die Ursachen dafür, also wie sich ein Mensch mit seiner
Lebenssituation auseinandersetzt. Die individuellen Kompetenzen der
Problembewältigung sollen gestärkt werden, so dass es zu einer aktiven und produktiven
Form der Auseinandersetzung kommt.
Gegenüberstellung:
Ziel
Pädagogische
Orientierung
Didaktik
Autoritatives Konzept
Vermeidung von
gesundheitsgefährdendem
Verhalten durch direkte
Beeinflussung
Persönliches Verhalten als
Direktverantwortung für die
Gesundheit
Autoritativ
„Risikofaktorenmodell“
Moralisch-ethische Bewertung
Pädagoge als Rollenmodell
Erfolgskriterien Änderung des
Gesundheitsverhaltens
Partizipatives Konzept
Entwicklung von
gesundheitsförderndem Verhalten
durch Stärkung von Kompetenzen
Gesundheitsverhalten als
Ausdrucksform von
Lebensbewältigung
Partizipativ
Infos über Krankheitsprozesse
Angebot der Beratung durch
Gesundheitsfachleute
Pädagoge als Partner
Kompetenz bei der Bewältigung
von Gesundheitsstörungen
Gesundheitserziehung als Stärkung individueller Kompetenzen
Vor allem die didaktischen Modelle der „sozialen Immunisierung“ und der Vermittlung
von „Life Skills“ haben sich in der Praxis bewährt:
 Soziale Immunisierung bezieht sich auf die Jugendlichen, die oft durch Gruppendruck
gesundheitsschädlich beeinflusst werden. Es werden soziale Fertigkeiten geübt und
Handlungsempfehlungen vermittelt, um dem Gruppendruck standhalten zu können.
 Life Skill Ansatz konzentriet sich auf die Entwicklung allgemeiner
Bewältigungskompetenzen. Es geht um die Förderung von persönlichen und sozialen
Kompetenzen zur Auseinandersetzung mit Alltagsanforderungen. Ziel ist es, solche
Verhaltensweisen aufzuzeigen, die ähnlich attraktiv oder sogar attraktiver sind als die,
die gesundheitsriskant sind.
Gesundheitserziehung als Unterrichtsfach
Über die Umsetzung von Gesundheiterziehung im schulischen Bereich gibt es nicht nur
innerhalb D, sondern auch innerhalb der EU unterschiedliche Auffassungen. In keinem
deutschen Bundesland gibt es Gesundheitserziehung als ein eigenes Unterrichtsfach.
Umfassende Konzepte der Gesundheitserziehung
Die Erlebnispädagogik von Hahn, 1924:
 Körperliches Training für körperliches und seelisches
Wohlbefinden. Durch Bewegung sollen die natürlichen
Aggressionsimpulse und inneren Spannungen abgebaut werden, so
dass sie sich nicht depressiv gegen das eigene Ich oder aggressiv
gegen andere wenden können.
 „Expedition in unbekanntes Terrain“ für Mut und Selbstvertrauen,
um sich mit Konflikten und neuartigen Situationen
auseinandersetzen zu können
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 „Ganzheitliches Lernen“: Bildung und Erziehung der gesamten
Persönlichkeit mit „Hirn, Herz und Hand“.
 „Dienst am Nächsten“, um soziale Verantwortlichkeit erfahrbar zu
machen. Durch Infos und Aufklärung erreicht man nur
oberflächlich, durch tatkräftiges Handeln aber erlebt man die
Zusammenhänge nachdrücklich
Diese 4 Komponenten sind auch heute noch vorbildlich für die Gesundheitserziehung.
Verhaltenstheoretische Modelle für die Gesundheitserziehung
2 der besonders einflussreichen Modelle (Modelle der Lern- und
Persönlichkeitstheorie), die bisher als Intervention eingesetzt wurden, werden
beispielhaft vorgestellt:
 Das Gesundheits-Erwartungs-Modell (Health Belief Model)
 Das Stufenmodell von Verhaltensänderungen (Model of Stages of Change)
Dem „Health Belief Model“ liegt die lerntheoretische These zugrunde, jeder Mensch strebe
aus eigenem Antrieb optimale Gesundheit an und versuche, Krankheit zu vermeiden.
Komponenten, die in diesem Modell beachtet werden:
 Die Bedrohung durch eine Krankheit: Subjektive Einschätzung des
Risikos, von einem bestimmten Krankheitszustand betroffen zu sein
→ Interventionsmöglichkeit: Risikopopulation mit Anfälligkeit zu
identifizieren
 Die Schwere der Krankheit: Persönliche Einschätzung an der
Krankheit tatsächlich zu erkranken
→ Interventionsmöglichkeit: Konsequenzen verdeutlichen, die ein
Risikoverhalten hat
 Der Nutzen einer helfenden Handlung: Subjektive Einschätzung,
welche Folgen eine Verhaltensänderung haben könnte
→ Interventionsmöglichkeit: Über geeignete Verhaltensänderungen
aufklären, positive Effekte verdeutlichen
 Hindernisse für die helfende Handlung: Die eigene Annahme, wie
hoch die subjektiven Kosten des empfohlenen Verhaltens sind
→ Interventionsmöglichkeit: Hindernisse für eine
Verhaltensänderung identifizieren und durch Beratung und
Angebot von Alternativen ausräumen
 Selbstwirksamkeit: Das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, ein
Verhalten zu zeigen, das notwendig ist, um ein bestimmtes Ergebnis
zu erzielen
→ Interventionsmöglichkeit: Soziale Verstärker für die
Verhaltensänderung setzen, Modelllernen fördern, Hinweise für
die Gesundheitsselbstbeobachtung geben
Die Leistungsfähigkeit des Health Belief Models
Es handelt sich um ein rationales Verhaltensmodell, das noch einige Züge der autoritativen
Konzeption der Gesundheitserziehung enthält. Durch die Komponente „Selbstwirksamkeit“
erhält das Modell aber Anschluss an die Kompetenzorientierung.
Dieses Modell ermöglicht eine pragmatische aber theoriegeleitete Planung von Programmen
der Gesundheiterziehung.
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Das Modell der Entwicklungsstufen des Verhaltens
Dieses Modell geht von der These aus, dass Verhaltensänderungen sich in einer Folge von
einzelnen Stufen entwickeln, die konsequent aufeinander aufbauen.
Das Modell basiert auf Annahmen über die Grundlagen menschlicher Verhaltensänderung
und den ihr am besten entsprechenden Interventionen. Verhaltensänderung ist demnach ein
Prozess, der 5 aufeinander folgende Stufen durchläuft:
 Prä-Kontemplation: Auf dieser Stufe besteht noch keine Absicht
das Verhalten zu verändern. Menschen verdrängen unangenehme
Erfahrungen, die mit diesem Verhalten verbunden sind.
→ Interventionsmöglichkeit: Bedürfnisse und Verhaltensmotive
erkunden, um evtl. Ansatzpunkte für Einstellungsänderungen zu
identifizieren
 Kontemplation: Auf dieser Stufe besteht die grundsätzliche Absicht
das Verhalten in naher Zukunft zu verändern. Es sind Vor- und
Nachteile der Verhaltensänderung bewusst.
 Vorbereitung: Die Absicht besteht in naher Zukunft definitiv das
Verhalten zu ändern. Die Verhaltensänderung wird konkret erwogen
und in Gedanken durchspielt.
 Handlung: Einleitung und Durchführung von Verhaltensänderungen
 Aufrechterhalten: Auf dieser Stufe geht es darum, das eingeleitete
Verhalten beständig aufrechtzuerhalten und Rückfälle zu
vermeiden. Schritt für Schritt wird Selbstsicherheit zum Beibehalten
der Verhaltensänderung aufgebaut.
Veränderungsparameter, die notwendig sind, um von einer Stufe zur nächsten vorzurücken:
 Bewusstwerdung
 Erleichterung wahrnehmen
 Selbstevaluation
 Evaluation der Umwelt
 Selbstmanagement
 Helfende Beziehungen
 Gegenkonditionieren
 Kontingenzmanagement: Gesundes Verhalten vermehrt verstärken
 Stimuluskontrolle: Reize vermeiden, die an das ungesunde Verhalten erinnern
Ziel ist die Entwicklung „maßgeschneiderter“, an individuelle Entwicklungsstufen
angepasster Interventionsprogramme.
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