Betrachtung der Versuche von BF Skinner

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Betrachtung der Versuche von B.F. Skinner
21. Juni 2004
Pädagogisches Seminar
Proseminar: Zur geschichtlichen Entwicklung des Programmierten Unterrichts
Dozent: Prof. Dr. Hans-Dieter Haller
Referenten:
Thorsten Steinfadt
Christopher Krug
Michael Pfeil
Martin Klein
Gliederung:
1. Biographie B.F.Skinner
Seite 3
2. Skinner und die Verhaltensanalyse
Seite 5
2.1 Definition: Behaviourismus
Seite 5
2.2 Das Forschungsgebiet Skinners
Seite 5
2.3 TEAB, the experimental analysis of behaviour
Seite 6
2.3.1 Klassisches Kondizionieren (Pawlov 1849-1936 )
Seite 6
2.3.2 Instrumentales Konditionieren
Seite 6
2.4. Weltansicht
Seite 8
3. Skinners praktische Versuche mit Tieren
Seite 9
3.1 Der Aufbau einer „Skinner-Box“
Seite 9
3.2 1. Versuch
Seite 10
3.3 2. Versuch
Seite 11
4. Walden Two
Seite 12
4.1 Los Horcones: Eine Walden Two Gemeinde
Seite 13
4.2 Die Beziehung zwischen B.F.Skinner und Los Horcones
Seite 15
Quellenverzeichnis
Seite 16
1. Biographie B. F. Skinner
Burrhus Frederic Skinner wurde am 20. März 1904 in Susquehanna, Pennsylvania geboren. Er
verbrachte dort seine Kindheit und Jugend zusammen mit seinem Vater, der ein Rechtsanwalt
war, seiner Mutter, einer Hausfrau und seinem jüngeren Bruder. Schon in seiner Jugend
konstruierte Skinner allerlei Maschinen und Gerätschaften, welche in ihrer Funktion jedoch
nicht unbedingt von Erfolg gekrönt waren. Skinner besuchte die ansässige High School und
ging später auf das Hamilton College.
Nach Ende der Schulzeit schrieb Skinner einige Zeitungsartikel, er hatte vor, Schriftsteller zu
werden. Er ging für einige Monate nach New York, wo er in einem Buchladen arbeitete. In
dem Buchladen kam er mit Büchern von Pawlov und Watson in Kontakt und so wurde sein
Interesse geweckt. Von ihnen beeindruckt, ging Skinner mit 24 Jahren nach Harvard, wo er
auf Wiliam Crozier traf. Dieser hatte den Lehrstuhl des neuen physiologischen Institutes
übernommen. Crozier beschäftigte sich mit dem Thema „das Verhalten des Tieres als
Ganzes“. Er schenkte dabei jedoch den inneren Prozessen keine Achtung. Skinner
experimentierte mit Ratten, baute mehrere Versuchsmaschinen und entwickelte schließlich
den „cumulative recorder“. Dieses Gerät konnte die Häufigkeit der Reaktionen von Ratten
aufzeichnen. Daraus entwickelte Skinner dann seine Theorien zum operanten Verhalten und
der operanten Konditionierung.
1936 heiratete Skinner mit 32 Jahren Yvonne Blue. Sie zogen nach Minnesota, wo Skinner
einen Job als Lehrer annahm und sich von der Forschung zurückzog. 1938 wurde seine
Tochter Julie geboren. 1943 war Yvonne erneut schwanger. In dieser Zeit erfand Skinner auch
eine Kindergrippe, die sicherer sein sollte, als die herkömmlichen Modelle. Die Grippe hatte
eine Glasscheibe und kam den Versuchsapparaturen Skinners im Aussehen teilweise nahe.
Skinner war stolz auf seine Grippe und schickte einen Artikel an das „Ladie`s Home Journal“,
welches den Titel aus Marketingzwecken in „Baby in a box“ umänderten und abdruckten.
Dadurch, dass die Grippe nun an die „Skinner-Box“ erinnerte, kam es zum Aufkommen von
Gerüchten, welche aber aus der Luft gegriffen waren.
1944 arbeitete Skinner an einem Projekt, welches mit dem zweiten Weltkrieg zusammenhing.
Dabei sollten Tauben dazu konditioniert werden, Bomben zu leiten. Das Projekt wurde jedoch
aufgrund eines anderen Projekts eingestellt (Radar). Skinner zog jedoch wichtige
Erkenntnisse aus dem Projekt. Ab dieser Zeit benutzte er nur noch Tauben, anstatt Ratten für
seine Experimente, weil diese sich viel leichter konditionieren lassen.
Im Jahre 1945 ging Skinner nach Bloomington, Indiana, wo er einen Lehrstuhl am dortigen
psychologischen Institut der Universität bekam. Zwei Jahre später, 1947 ging er nach Harvard
und wurde 1948 Mitglied des psychologischen Instituts. Aus einer Vorlesung, die er hier hielt,
wurde eines seiner wichtigsten Bücher „Science and Human Behaviour“ zusammengestellt.
Im gleichen Jahr wurde auch sein Roman „Walden Two“ veröffentlicht.
Als Skinner 1953 anlässlich des Vatertages, eine Mathestunde seiner Tochter besuchte, fiel
ihm die mangelnde Qualität der Unterrichsmethoden auf, die dem Wissen der Forschung nicht
angemessen waren. Daraufhin begann er mit der Konstruktion einer Lehrmaschine. In drei
Jahren Arbeit entstand „Programmed instruction“. Was einen großen Einfluss auf
die
Entwicklung des programmierten Unterrichts hatte. Die Maschine teilte den Stoff in kleine
Sequenzen auf, die behandelt werden mussten. Das Problem, das Skinner im Unterricht
aufgefallen war, war dass die Kinder zu wenig Feedback bekamen, ob ihre Schritte richtig
waren. Außerdem war das Feedback in zu großen Abständen gewählt. Bei Skinners Maschine
war es so, dass je mehr richtige Antworten von den Kindern gegeben wurden, desto weniger
Hilfe wurde angeboten. Die Industrie wollte die Maschine nicht herstellen, allerdings gab es
Bücher nach diesem Prinzip (programierter Unterricht). Ab 1968 wurde die Produktion
jedoch eingestellt. Heute kommen diese Unterrichtsmethoden durch den Einsatz von
Computern wieder vermehrt auf, somit hatte Skinner also einen großen Einfluss auf die
Pädagogik.
Skinner veröffentlichte noch zahlreiche Bücher bis zu seinem Tod am 18. August 1990. Er
war 1989 an Leukämie erkrankt.1
1
http://www.bfskinner.org
2. B.F. Skinner und die Verhaltensanalyse
2.1 Definition: Behaviourismus
Der Behaviourismus (B.) ist eine in den USA positivistisch geprägte Richtung der
Psychologie (Beginn 1900; Watson, Hull, Thorndike), die vornehmlich das
Verhalten(Reaktion) von Mensch und Tier auf Einflüsse(Reize) der Umwelt untersucht (ReizReaktions-Psychologie), und das Verhalten als ausschließlich exogen bedingt erklärt.
Der B. ist im Grundsatz mechanisch: Mensch und Tier werden als eine Art von Maschine
gesehen, die als passiver Mechanismus auf Einwirkungen reagiert.
Methodisch ist der B. streng empirisch ausgerichtet, lehnt Introspektion als
unwissenschaftlich ab und bestreitet die wissenschaftliche Gültigkeit von Aussagen über
solche Tatbestände wie Bewusstsein, Denken, Fühlen und Empfinden. Im radikalen B. wird
sogar das seelische Eigenleben des Menschen als nicht existent abgelehnt.
Erst im Neo- B. (Skinner) werden auch zur Erklärung von Verhalten sog. innere Variablen,
soweit sie aus den äußeren Verhalten geschlossen werden können, berücksichtigt, und das
einseitige Reiz-Reaktionsmodell abgelöst von einem komplexen Modell der Wechselwirkung
von Organismus und Umwelt. Aber auch Skinner glaubt, dass bei entsprechender
Umweltkontrolle Verhalten beliebig planbar ist (Verhaltenstechnologie).
Der B. ist von besonderer Bedeutung für die Ethologie und die Erforschung des Denkens.2
2.2 Das Forschungsgebiet Skinners
Skinner ist der berühmteste Repräsentant der wissenschaftlichen Psychologie ( Untersuchung
des menschlichen Verhaltens, eigene Wissenschaft ab 1879, Begründer: Wilhelm Wundt). Er
war 1975 der bekannteste Wissenschaftler in der USA.
Seine akademische Karriere basierte auf der Erforschung von operantem Konditionieren, d.h.
Verhaltensänderung eines Organismus durch positiven oder negativen Einfluss, und seiner
Arbeit an Verstärkungsmöglichkeiten, genannt: Die Experimentelle Analyse des Verhalten
2
Udo von der Burg und Heinrich Kreis (Hg) , Pädagogik-Seminar. Lexikon zur Pädagogik, Düsseldorf, 1982, S.
27- 28.
bzw. natürliche Wissenschaft des Verhalten ( engl. The experimental analysis of behaviour =
TEAB).
Verhaltensforscher glauben, dass sie mit TEAB jedes menschliche Verhalten erklären können
und dass die Probleme zwischen Psychologie und Gesellschaft gelöst werden können.
Skinner und Freuds Theorien bestimmen stark das Bild der Psychologie in der Öffentlichkeit.
Stanovich nennt dies 1989 das „ Skinner- Freud- Problem“, denn Skinners TEAB hatte relativ
wenig Einfluss innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie.
2.3 TEAB, the experimental analysis of behaviour
In der Psychologie gibt es zwei Arten von assoziativem Lernen:
2.3.1 Klassisches Konditionieren (Pawlov 1849-1936 )
Klassisches Kondizionieren behandelt die Entwicklung von reflektierten Antworten/
Reaktionen zu Stimuli. Pawlov z. B. fand heraus, dass eine unkonditionierte reflexive
Speichelbildung des Hundes auf Fleischpulver so konditioniert werden kann, dass sie dann
auftritt, wenn der Hund ein bestimmtes Geräusch hört. Die Konditionierung passiert dann,
wenn das Geräusch direkt vor der Erscheinung des Fleischpulvers eingespielt wird. Nach
regelmäßiger Kombination dieser beiden Reize (Geräusch, Fleisch), genügte schließlich nur
das Geräusch, um Speichelbildung hervorzurufen. Stärkster Befürworter des klassischen
Konditionierens war John B. Watson (1878-1958) Er behauptete, dass das gesamte
menschliche Verhalten durch klassisches Konditionieren erklärt werden kann und dass auch
emotionale Reaktionen konditioniert werden können (Watson zeigte dies 1920 am Beispiel
eines Kindes, welches durch ein Geräusch Angst bekommt. Wird das Geräusch mit einer
weißen Ratte kombiniert, so genügt schließlich nur die Ratte, um Angst zu erzeugen.).
2.3.2
Instrumentales Konditionieren 3
2. Lerntyp: Das Eigenverhalten des Organismus ist bedeutend für eine Verhaltensreaktion.
Edward L. Thorndike (1874-1949) dokumentierte die Rolle des Verhaltens beim Lernen. Er
formulierte das Gesetz der Wirkung: Die Wirkung einer Reaktion auf die Umwelt bestimmt,
3
B.F. Skinner, Wissenschaft und menschliches Verhalten, Kindl Verlag, München 1973
ob eine Stimulus- Reaktion-Verbindung geschaffen werden kann und ob ein Verhalten unter
gleichen Umständen wahrscheinlich wieder auftritt. Skinner folgte Thorndike. Er nennt
instrumentelles Konditionieren operantes Konditionieren4.
Skinners operantes Konditionieren: Ein Operant ist eine identifizierbare Einheit des
Verhaltens, für welche kein entsprechender Stimulus ermittelt werden kann. Ein Verstärker ist
zudem bedeutsam. Wenn Operant und Verstärker nun zusammen auftreten, so kann das
darausfolgende Ergebnis die Wahrscheinlichkeit näher bestimmen, ob genau dieses operante
Verhalten wieder auftritt. Die Kombination aus Reaktion des Operanten und Verstärkung
wird „Zwei- Bedingungen- Eventualität“ gennant.
Das Verhalten ist nicht direkt bestimmt von dem „provozierenden“ Stimulus. Der
discriminative Stimulus (Umweltstimulus, welcher der Reaktion voraus geht, also:
Hungergefühl) dient als Indikator, welcher anzeigt, wann das Verhalten verstärkt wird und
wann das Verhalten auftritt. Eckstein der Theorie Skinners ist also die „ Drei- BedingungenEventualität“ ( mit dem discriminativen Stimulus).
Der Versuch der TEAB ist am besten charakterisiert mit den methodischen Anweisungen von
Skinner:
1. Ergebnisse sollten sich ausschließlich auf direkt beobachtbare Phänomene berufen.
2. Psychologie ist eine unabhängige Wissenschaft des Verhaltens, die sich weder auf
subjektiv-mentale Vorgänge noch auf spekulative- psychologische Mechanismen
beruft.
3. Das ursprüngliche Datum soll Maßstab sein: Die Entwicklung der TEAB muss immer
in Bezug dazu gesetzt werden.
Um das operante Konditonieren zu erforschen, erfand Skinner die „Skinner Box“. Diese ist
eine schalldichte Box mit einer Apparatur der Futteranforderung für eine Ratte bzw . Taube.
Komplexe Varianten der Futteranforderung sind möglich ( z.B. nach bestimmter Zeit kommt
Nahrung oder nach häufigem Drücken ). Die Versuche wurden mit Ratten und Tauben im
Labor durchgeführt, nicht mit Menschen.
Erfolge:
1. Die Umwelt bestimmt das Verhalten (Knopf drücken - Futter erhalten).
2. Zusätzliche Verhaltensmuster wurden beobachtet (Stimulus-Equivalenz).
4
Robert W. Proctor und Daniel J. Weeks (Hg.), The goal of B.F. Skinner and Behaviour Analysis, New York,
1990, S. 3-17.
3. Die Tiere werden von Menschen kontrolliert.
4. Die Ergebnisse lassen sich auch in anderen Bereichen verwenden ( Erziehung,
Verbesserungsmaschinen…).
Probleme gibt es bei der Forschung mit Menschen.
2.4 Weltansicht
Skinner und div. Verhaltensforscher schlagen eine Weltansicht vor, in welcher Skinners
behavioristische Prinzipien für das gesamte menschliche Verhalten gültig sind. Methoden
sollten in der Technologie angewendet werden, um die Gesellschaft zu kontrollieren und um
Verhaltensweisen der Menschen vorherzusagen.5
5
Robert W. Proctor und Daniel J. Weeks (Hg.), The goal of B.F. Skinner and Behaviour Analysis, New York,
1990, S. 3-17.
3. Skinners praktische Versuche mit Tieren:
3.1 Der Aufbau einer „Skinner-Box“:
Vom Grundaufbau her ähneln sich alle Boxen Skinners, einzelne Bestandteile sind jedoch von
Versuch zu Versuch verschieden. Es handelt sich immer um einen abgegrenzten Raum für das
jeweilige Versuchstier, der entweder zur Seite hin Einblick gewährt, z.B. durch Glaswände,
oder mit Hilfe einer Kamera eine Beobachtung des Versuchtieres möglich macht. Es gibt
meistens ein Futtermagazin, das benutzt wird, um dem Versuchstier die Belohnung
zukommen zu lassen. (positive Verstärkung) Ausserdem sind für gewöhnlich Schalter,
Signallampen oder Lautsprecher an der Innenseite des Raumes angebracht, um dem
Versuchstier Reize jeglicher Art zukommen zu lassen. Bei einigen Versuchen stehen die Tiere
auf einem Drahtgitter, das es ermöglicht Reize in Form leichter Stromstöße zu verabreichen.
(negative Verstärkung) Die Apparaturen sind derartig gebaut, dass der Versuchsleiter, wenn
er die entsprechenden Einstellungen vorgenommen hat, nicht mehr weiter in den Versuch
eingreifen muss. D.h. ein Eingreifen des Versuchsleiters wird von dem Versuchstier nicht
wahrgenommen, was ansonsten das Ergebnis des Versuches verfälschen könnte.
3.2 Versuch 1
Eine Taube befindet sich in einem Standart-Experimentierraum, einer geschlossenen
rechteckigen Kammer oder Box. Die Taube pickt gelegentlich gegen eine kleine runde
Scheibe. Das Futtermagazin arbeitet automatisch; es macht unmittelbar im Anschluß an ein
Picken gegen die Scheibe (die Reaktion) Futter zugänglich. Es ist festzustellen, dass die
Taube, wenn sie gegen die Scheibe gepickt und Futter erhalten hat, bald wieder pickt (und
Futter erhält und wieder pickt u.s.w.), das heißt, die Rate oder Frequenz des Picken hat sich
erhöht. Da die Rate sich erhöht, wenn Futter auf die Reaktion erfolgt, sagt man, dass das
Futter die Reaktion verstärkt. Das Futter wird als Verstärker bezeichnet und das Ergebnis als
Verstärkung. Da die Reaktion nicht durch einen auslösenden Stimulus erzeugt wird, sagt man,
dass sie emittiert wird. Solch eine Art des Verhaltens, das auf die Umwelt einwirkt,
bezeichnet man als operandes Verhalten.
Wenn die Taube, nachdem der Operant (Picken gegen die Scheibe) konditioniert worden ist,
kein Futter mehr für das Picken erhält, dann nimmt die Rate, mit der die Reaktionen emittiert
werden, ab, bis sie schließlich der niedrigen Rate entspricht, die vor der Konditionierung
bestand. Diesen Prozeß bezeichnet man als Löschung.6
James G. Holland, B.F. Skinner, „Analyse des Verhaltens“ Urban &Schwarzenberg, München-Berlin-Wien,
1974
6
3.2 2. Versuch
Wie man einen Hund dressiert, einen Türknopf mit der Schnauze zu berühren:
Nötig ist ein Verstärker, der sehr schnell dargeboten werden kann wenn das Verhalten
emittiert wird. Ein konditionierter Verstärker ist dazu am geeignetsten, z.B. ein hörbarer
Stimulus, wie das Klicken eines „Blechfrosches“. Der Hund wird konditioniert indem
unmittelbar bevor er einen kleinen Bissen mit Futter in die Schale bekommt ein
Klickgeräusch mit dem Blechfrosch erzeugt wird. Dies wird so lange wiederholt, bis der
Hund sich zur Schüssel bewegt, wenn er den Blechfrosch hört. Nun wird jede Bewegung des
Hundes mit dem Blechfrosch verstärkt, wenn er sich in Richtung Tür bewegt. Er bekommt
keine Verstärkungen für Bewegungen, die von der Tür wegführen. Es wird langsam das
Verhalten des „sich der Tür Näherns“ und danach das Verhalten des „sich an den Türgriff
heranbewegens“ geformt. Schließlich wird nur noch dann eine Verstärkung gegeben, wenn
der Hund die Tür mit der Schnauze berührt. Diese allmähliche Verschiebung des Kriteriums
für die differentielle Verstärkung bezeichnet man als sukzessive Annäherung. Der gesammte
Vorgang nimmt nur wenige Minuten in Anspruch. Wenn eine neue Reaktion konditioniert
werden soll, kann eine erste Reaktion eine Hilfe ,oder ein Erschwernis sein, je nachdem ob
die beiden Reaktionen gemeinsame Elemente enthalten oder nicht.7
James G. Holland, B.F. Skinner, „Analyse des Verhaltens“ Urban &Schwarzenberg, München-Berlin-Wien,
1974
7
4. Walden Two
Walden Two ist der Name eines Romans von Burrhus Frederic Skinner. Skinner schrieb
Walden Two 1945, bevor der Roman drei Jahre später veröffentlicht wurde.
Walden Two fasst die Erkenntnisse des amerikanischen Psychologen über die Möglichkeiten
menschlichen Zusammenlebens zusammen. Er erschafft eine Gemeinde von circa 1000
Personen, die ihr tägliches Leben nach den neuesten Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie
gestalten. Skinner beschreibt die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben, die zum einen
das Überleben der Gemeinde, zum anderen das der gesamten Weltbevölkerung sichern sollen.
Die Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Bestreben hat, so wenig wie
möglich Müll zu verursachen und den täglichen Konsum ebenfalls gering zu halten. Die
Einwohner teilen sich jegliche Form von Arbeit. In der gemeinschaftlichen Erziehung der
Kinder versucht man, die Heranwachsenden Tugenden, wie beispielsweise Geduld, zu lehren.
Sie sollen lernen, mit zerstörerischen Emotionen, wie Eifersucht, umgehen zu können.
Der Name des Romans entstammt der Vorlage des 1854 erschienenen Buchs „Walden“ von
Henry David Thoreau. Thoreau, amerikanischer Philosoph, schildert seine Erlebnisse am
Walden-See nahe Boston. Zwei Jahre lebte er dort isoliert von der Zivilisation in einer Hütte
aus Holz, die er sich selbst gebaut hatte. Er versorgte sich selbst und schrieb seine
Erfahrungen in „Walden“ nieder. Im Gegensatz zu Thoreaus Buch beschreibt Skinner die
Suche mehrerer Menschen nach einem freien, unabhängigen Dasein.
Skinner wählt den Ich-Erzähler Burris als Protagonisten. Er ist Professor der Psychologie und
bekommt Besuch von seinem früheren Studenten Rogers. Dieser hat aus Zeitungsberichten
erfahren, dass T.E. Frazier, ebenfalls Psychologe, Gründer der Gemeinde Walden Two ist.
Die Mitglieder von Walden Two sollten nach eigenen Regeln leben. Durch Rogers inspiriert,
bewirbt Burris beide bei Frazier und wird vom Gründer für einige Tage nach Walden Two
eingeladen. Burris, Rogers und vier weitere Personen folgen der Einladung. Frazier erklärt
den Besuchern, dass das Areal, auf dem sich Walden Two befindet, von den Gründern
aufgekauft wurde. Die Häuser sind aus gepresstem Lehm gebaut worden. Die etwa 1000
Einwohner von Walden Two haben alle einen gleichberechtigten Anteil an jeglichem Besitz
in der Gemeinde. Eine Währung gibt es nicht. Je nach Schwierigkeit der Arbeit bekommen
die Einwohner Arbeitspunkte.
Auch die Erziehung der Kinder wird auf alle Gemeindemitglieder gleichsam verteilt. So
haben auch kinderlose Einwohner Verantwortung für die Nachkommen von Walden Two zu
übernehmen und müssen sich in einer Mutter- bzw. Vaterrolle zurechtfinden. Man verzichtet
nach den Skinnerschen Erkenntnissen bei der Kindererziehung auf Strafen und Androhungen.
Stattdessen zieht man die von Skinner experimentell erforschte Positive
Verhaltensverstärkung heran.8
4.1 Los Horcones: Eine Walden Two Gemeinde
Los Horcones ist eine Walden Two Gemeinde.9 Sie wurde 1973 von sieben Mitgliedern
geplant, darunter ehemalige Lehrer und Psychologen des Zentrums für Kinder mit
Verhaltensstörungen. Los Horcones befindet sich im Norden von Mexico in Hermosillo. Der
Name Los Horcones bedeutet auf deutsch: die Säulen. Im Oktober 1974 zogen die ersten
Menschen in die Gemeinde ein. Eine sehr enge Verbindung zu den Lehren von Skinner ist bei
den Gründungsmitgliedern vorhanden gewesen.
Aus drei verschiedenen Gründen wurde die Comunidad de Los Horcones ins Leben gerufen.
Zum einen wollten die Einwohner aus akademischem Hintergrund eine neue
Gesellschaftsform errichten, jenseits der „mainstream culture“10. Des Weiteren verfolgte man
persönliche Gründe, wie die Nähe zur Natur, die stärkere Einbeziehung bei der Erziehung der
Kinder sowie die Chance; sich selbst besser kennen zu lernen. Schliesslich gab es noch
soziale Gründe für die Errichtung von Los Horcones. Unglücklich mit den Erfahrungen im
Alltag suchten die Gründer nach Möglichkeiten; soziale Probleme, wie Armut, Hunger,
Krankheit, Diskriminierung, Gewalt etc. zu lösen, selbst wenn diese sie nicht direkt betrafen.
Ähnlichkeiten mit Skinner werden bei dessen folgendem Zitat deutlich.
8
Vgl.: http://www.urbia.de/service/homepages/walden2
http://www.loshorcones.org.mx.introduction.html
10
http://www.loshorcones.og.mx/briefhistory.html
9
„Not only can we not face the rest of the world while consuming and polluting as we do, we
cannot for long face ourselves while acknowledging the violence and chaos in which we live.
The choice is clear: either we do nothing and allow a miserable and probably catastrophic
future to overtake us, or we use our knowledge about human behavior to create a social
environment in which we shall live productive and creative lives and do so without
jeopardizing the chances that those who follow us will be able to do the same. Something like
Walden Two would not be a bad start.” (B.F. Skinner, 1978, S.66).11
In Los Horcones wird kooperativ gelebt. Oberstes Ziel ist das Gemeinschaftsgefühl.
Nahrungsmittel, Verantwortungen und Pflichten werden, wie alle anderen Dinge, in einer
ruhigen, wettbewerbsfreien Gemeinschaft aufgeteilt. Mit dieser Grundlage soll Unterschieden,
die zu aggressivem Verhalten führen, entgegengewirkt werden.
Los Horcones versteht sich als eine experimentelle Kultur, die es als nötig erachtet; den
Lebensstil zu ändern, um soziale Probleme zu lösen. Stellvertretend für eine dieser
Änderungen sei an dieser Stelle die Erziehung der Kinder in Los Horcones genannt. Nach der
Meinung der Einwohner kann man ein besseres Familienleben nur dadurch erwirken, indem
man soziale Bedingungen schafft, die es den Eltern ermöglichen; viel Zeit mit ihren Kindern
zu verbringen. Aus diesem Grunde herrschen in Los Horcones Arbeitsstrukturen, die dem
Einzelnen genug Zeit für Privates lassen.
Die Gemeinde sieht sich aber nicht als die perfekte Gesellschaftsform. Man soll nicht
schließen, dass alle Mitglieder den idealen Gemeinschaftssinn entwickelt haben. Los
Horcones sieht sich als Versuch einer besseren Gesellschaft für alle Menschen.12
11
12
http://www.loshorcones.og.mx/briefhistory.html
http://www.loshorcones.org.mx.introduction.html
4.2 Die Beziehung zwischen B.F. Skinner und Los Horcones
Seit Beginn von Los Horcones bestand zwischen der Gemeinde und Skinner ein enges
Verhältnis, das bis zu seinem Tode 1990 andauerte. Per Briefverkehr erkundigte sich der
amerikanische Psychologe regelmäßig über Fortschritte und Probleme in der mexikanischen
Gemeinde und berichtete ausführlich über seine neuen Projekte.
Jedes Jahr traf er auf Mitglieder der Gemeinde bei Versammlungen der Association for
Behavior Analysis (ABA) und der American Psychological Association (APA).13 In einem
Bericht der New York Times äußerte er sich über die Erziehung der Kinder in Los Horcones
wie folgt: „They do a wonderful job with their children. They make an effort not to punish
children, and it shows, I` ve never seen a group of kids who so genuinely loved each other and
were so cooperative with each other. Nobody is quite as systematic about it as they are. They
are intelligent and dedicated…” (The New York Times, Science section. Nov.7,1989.)
In einem Brief an die Gemeinde erklärt Skinner: “What you have done have been one of the
nicest things in my life to reflect on and I thank you all.” (20.11.1989).
13
http://www.loshorcones.org.mx/BFSkinner.html
Quellenverzeichnis:
B.F. Skinner, „Wissenschaft und menschliches Verhalten“, Kindl Verlag, München, 1973
James G. Holland, B.F. Skinner, „Analyse des Verhaltens“ Urban &Schwarzenberg,
München-Berlin-Wien, 1974
Robert W. Proctor und Daniel J. Weeks (Hg.), The goal of B.F. Skinner and Behaviour
Analysis, New York, 1990, S. 3-17.
Udo von der Brug und Heinrich Kreis (Hg), Pädagogik-Seminar. Lexikon zur Pädagogik,
Düsseldorf, 1982
Benutzte Internetadressen (Stand Mai/Juni 2004):
http://www.bfskinner.org
http://www.urbia.de/service/homepages/walden2
http://www.loshorcones.org.mx.introduction.html
http://www.loshorcones.og.mx/briefhistory.html
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