Das Unterrichtsprinzip Üben

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Das Unterrichtsprinzip Üben
1. Begrifferklärung
Bis heute hat sich bislang keine genaue Begriffsdefinition durchgesetzt. Der Begriff Übung wurde
der Umgangssprache entlehnt und zeigt sich mehrdeutig. Er beschreibt verschiedene
Gegebenheiten, wie z. B. Vorgänge (sich üben) und Zustände (Übung haben). Die Übung läßt sich „
als eine bewusst angewandte Weise des Lernens mit dem Ziel der Leistungssteigerung
beschreiben.“ Durch die Übung soll der Lernerfolg kommen, dies begründet die hohe Bedeutung
und die ständige Aktualität des Unterrichtsprinzips der Übung an allen didaktischen Orten.
Üben wird gern mit den Wort der Wiederholung gleichgesetzt. Dies ist aber nicht ganz
unproblematisch. Da die Übung gegenüber der Wiederholung zusätzlich den bewussten Willen zur
Erfolgssicherung und zur Leistungssteigerung beinhaltet.
2. Gründe für zu weniges Üben in der Schule
Es wird immer schwieriger, in der Schule sinnvoll zu üben. Gründe dafür sind:
 Stofffülle der Lehrpläne, die verfügbare Zeit wird zu knapp
 Lehrer verwenden die Übung als Leistungsbewertung – für Schüler wird die Übung zur
Belastung, zumindest dann, wenn die Leistungsbeurteilung auf „Fehler-Fahnung“ beruht.
 Zunehmende Passivität der Schüler (Lehrer ist der „Alleinunterhalter“, soll was bieten)
 keine Bereitschaft bzw. Fähigkeit der Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen zu
können, um die nicht geleistete Übung in der Schule nachzuholen
 vermehrte Konzentrations- und Motivationsschwierigkeiten der Schüler
 durch falsch verstandene Arbeitsblätter, die mit Lückentexten Übungsleistungen auf ein
Minimum reduzieren
 der lokale Ort der Übung liegt meist am Ende einer Unterrichtsstunde
 lernpsychologische Gesetzmäßigkeiten werden missachtet
 ein falsches Verständnis von Übung (Drill, stupide, geistestötende, demotivierende
Wiederholungen)
3. Leitaspekte einer sinnvollen und zeitgerechten Übung
Übung zielt auf Ergebnissicherung und -progression hin. Die Erfolgsicherung durch Übung darf als
wichtiges Prinzip bei der Planung und Durchführung des Unterrichts nicht vernachlässigt werden.
Denn durch die Übung, die mit dem Lernen verbunden ist, kann der Schüler erst erfolgreich
fortschreiten (Progession). Der Lehrer muss hierfür den Schüler vielfältige Möglichkeiten zur
Übung bieten, um einen Lernerfolg den Schüler zu ermöglichen.
Der didaktische Ort der Übung darf nicht immer am Unterrichtsende stehen oder eine Hausaufgabe
sein, da die erfolgten Lernschritte einer reflektierende Besinnung und Sicherung bedürfen. Es
sollten daher im Unterricht immer wieder Übungseinheiten eingefügt werden.
Übung hat auch ein Erziehungsprinzip. Erziehung wird aber erst effektiv sein, wenn die erreichten
Ziele durch Übung gesichert werden. Um Übungsdefizite aus Zeitmangel nicht aufkommen zu
lassen, ist die Geduld des Lehrers als Erzieher sowie die Vorbereitungs- und Planungsarbeit stark
gefordert. Es sollen Werthaltungen, Verhaltensweisen usw. der Schüler entwickelt werden und dies
bedarf meist einer bewussten, häufig wiederholten Einübung.
4. Intentionen des Unterrichtsprinzip der Übung
Vorrangige Absicht der Übung ist die langfristige Bewahrung und Verfügbarkeit des erlernten
Wissens, Könnens, Verhaltens sowie die Anwendung in
verschiedenen Situationen und Progession.
Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl weiterer
möglicher Aufgaben und Ziele der Übung, wie die
nebenstehende Abbildung zeigen soll:
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Ein weiteres wichtiges Ziel der Übung ist auch die Sicherung von Verhaltens- und Arbeitsweisen,
die eine wichtige Bedeutung für ein erfolgreiches Lernen haben.
Je nach den Anforderungen einer Aufgabe unterscheidet sich der Anteil an:
 kognitiven (z. B. Kenntnisse, Erkenntnisse, Einsichten)
 psychomotorischen (z. B. Fähigkeiten, Fertigkeiten, Arbeitstechniken...)
 affektiven (z. B. Einstellungen, Werhaltungen, soziale Verhaltensweisen) Lernzielen.
5. Fundamente unterrichtlicher Übung
a) Lernpsychologische Fundamente
Zu den wichtigsten Lernformen, wie z. B. das Beobachtungslernen, Reiz-Reaktions-Lernen usw.
(siehe Psychologievorlesungen) zählt auch das Lernen durch Übung. Die verschiedenen
Lerntheorien versuchen die vielfalt der Lernformen zu berücksichtigen, zu ordnen. Eine einheitliche
allgemein verbindliche Theorie gibt es nicht. Die Lerntheorien lassen sich aber auf zwei Ansätze
zurückzuführen.
Der behavioristische Ansatz (u.a. Assoziationtheorien) beschäftigt sich vor allem mit beobachtbaren
Lernprozessen.
Der kognitivistische Ansatz untersuchen menschliche Wahrnehmungsabläufe sowie
Informationsverarbeitungs- und Verstehensprozesse. Sie gehen von komplexen Lernstrukturen (die
nicht auf Assoziationsprozessen basieren) und problemlösenden Denken aus.
Für die Schule von Bedeutung ist mehr der kognitivistische Ansatz, da die Sachverhalte mehr auf
Verständnis von Gesetzmäßigkeiten und Regeln abzielen und somit besteht das Lernen vor allem
im Aufbau von kognitiven Strukturen.
b) Lernbiologische Fundamente
Das folgende soll einen Überblick zum Gedächtnis geben. Die Eingabe der Informationen erfolgt
über die Sinnesorgane (Auge, Nase, Ohr und Haut). Diese Informationen gehen ins
Ultrakurzeitgedächtnis. Hier werden die eingehenden Informationen gefiltert. Es gehen nur
Informationen durch, die von Bedeutung sind. Hier findet auch keine Codierung statt. Das
Ultrakurzeitgedächtnis hat also eine Filterfunktion (es gelangen nur wichtige Informationen ins
Gedächtnis, Unwichtiges wird zur Kapazitätsentlastung abgeblockt). Danach gelangen die die
Informationen ins Kurzeitgedächtnis. Diese können durch Wiederholungen gehalten werden und je
länger sich die Informationen im Kurzzeitgedächtnis aufhalten, desto besser sind sie im
Langzeitgedächtnis haltbar. Aber wenn neue Informationen kommen, dann verschwinden die alten
Informationen, da dass Kurzzeitgedächtnis nur eine bestimmte Speicherkapazität besitzt. Danach
werden einige Informationen im Langzeitgedächtnis gespeichert. Dieses hat eine nahezu
unbegrenzte Kapazität und die gespeicherten Inforamtionen gehen kaum verloren. Voraussetzung
dafür aber ist, dass die Informationen lange genug im Kurzzeitgedächtnis waren.
„Je engmaschiger die Vernetzung und Wechselwirkungen mit bereits bekannten
Vorstellungsmustern und der Realität erfolgen, desto erfolgreicher gelingt Lernen.“ (Seibert S. 234)
Folgende lernbiologische Erkenntnisse sind wichtig zu einem erfolgreichen Lernen (aus Seibert
S.234f):
 Der Wert des zu Übenden muss einsichtig sein.
 Der weitere sinnhafte Zusammenhang muss als Vernetzungshilfe erkennbar sein.
 Positive Situationen und Emotionen bewirken Hormonreaktionen, welche die Aufnahme- und
Abrufbereitschaft erhöhen.
 Assoziationsmöglichkeiten unterstützen die Aufmerksamkeit und Speicherung.
 Die Einschaltung möglichst vieler Sinne ermöglicht die mehrfache und damit sichere
Verankerung des Gelernten.
 Die Kenntnis und Berücksichtigung des je individuellen Lerntyps (mehr visuell oder auditiv,
haptisch, kommunikativ, motorisch... kombiniert) steigert die Lerneffizienz.
6. Die Übung im praktischen Unterrichtsvollzug
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a) Wesentliche Vorbedingungen unterrichtlicher Übung
Die wesentliche Vorbedingung zum Üben ist die Einsicht in die und das Verstehen der zu übenden
Sache. Daher ist vorher zu prüfen, ob beim Schüler eine Einsicht vorliegt. Denn durch eine Übung
ohne Einsicht kann zwar u.U. eine quantitative Wissenssteigerung erfolgen, aber das angeeignete
Wissen kann kaum reflektiert und auf andere Bereiche übertragen werden. Außerdem besteht die
Gefahr beim Einüben von Unverstandenem die Festigung von Fehlern, die den weiteren Lernerfolg
meist hartnäckig entgegenstehen, was dann zu Misserfolgen führen kann. Üben kann aber auch ein
Verstehen bewirken.
Eine weitere Vorbedingung ist, dass die Übung nicht am Ende einer Unterrichtsstunde stehen sollte,
sondern im Verlauf der Unterrichtsstunde sinnvoll eingesetzt werden.
b) Gebote der Übung im Schulunterricht
 Die Schüler sollten eine innere Bereitschaft zur Übung zeigen, damit der Erfolg der Übung
erhöht wird. Ist dies nicht der Fall, muss versucht werden die Schüler zu motivieren. Die
Bedeutung, Notwendigkeit und Sinn der Übung müssen den Schülern plausibel sein.
 Der Erfolg der Übung wird erhöht, wenn es mit einem hohen Grad der Selbststätigkeit
verknüpft ist (z. B. lautes Hersagen, statt leises Lesen). Was selbsttätig erarbeitet wurde,
haftet länger in Gedächtnis als vom Lehrer vorgegebenes.
 Der Zeitpunkt der Primärrepetition ist möglichst am nächsten Tag zu wählen, da das
Vergessen anfangs am stärksten ist. Eine zu späte Wiederholung bzw. Übung entspricht meist
einem Neulernen.
 Für das Faktenwissen ist es günstig, wenn häufige Wiederholungen, Übungen und
Anwendungen stattfinden und zwar am besten mit mäßigen Inhalt, aber dafür regelmäßig.
 Das Behalten des Gelernten wird erschwert, wenn danach gleich wieder aufregende und
spannende Kenntnisse aufgenommen werden.
 Nach dem Üben sollten Pausen eingelegt werden.
 Das Üben fällt leichter, wenn zuvor Gesetzmäßigkeiten, Oberbegriffe usw. des anzueigneten
Inhaltes gebildet worden sind.
 Sogenannte Eselsbrücken helfen beim Üben.
 Übungserfolge sind notwendig, sie motivieren zum Weitermachen. Aber ohne
Unterforderung.
 Besonders hoch ist der Lernerfolg, wenn über einen längeren Zeitraum häufiger kurze
Übungen erfolgen. Umfangreiche aber seltene Übungen führen zu deutlich geringeren Erfolg.
 Auf eine Fehlervermeidung ist zu achten, denn erlernte Fehler sind schwer wieder zu löschen.
Daher sollte immer eine Kontrolle erfolgen.
 Für das Behalten des Gelernten ist es gut, wenn der neue Inhalt mit bekannten älteren Wissen
verknüpft werden kann.
 Eine Ähnlichkeitshemmung ist zu vermeiden. Denn das Erlernen von ähnlichen Inhalten führt
zu Verwechslungen.
 Es sollte nach Möglichkeit ganzheitlich geübt werden, das heißt, es sollte der gesamte
Übungstoff und nicht nur ein Teilaspekt mit einbezogen werden.
 Es ist auf die verschieden Lerntypen zu achten. Also möglichst mit vielen Sinnen arbeiten.
Die Übungsformen sollten abwechslungsreich sein.
 Die Übungsamosphäre sollte freudig und angstfrei sein.
 Das Vergessen spielt auch eine Rolle. Strukturierte und sinnvolle Inhalte werden länger
behalten als unstrukturierte, sinnlose.
 Nur was dauerhaft reaktiviert wird, wird länger bzw. dauerhaft behalten.
Nachzulesen auch in H. Meyer: Unterrichtsmethoden II Praxisband S.167 ff, Cornelsen-Verlag, 2.Auflage
c) Formen der Übung und Abhängigkeit von der Intention
 Apponierte Übung: Jedem Lernschritt werden sofortige kurze Übungsfolgen beigefügt, als
erste Sicherung gegen unmittelbares Vergessen.
 Direkte Übung: Neugelerntes soll vor dem schnellen Vergessen bewahrt werden und dazu im
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Langzeitgedächtnis verankert werden.
Disponierte Übung: Durch planmäßiges und gleichmäßiges wiederkehrendes daber aber
jeweils kurzes Üben soll Lernen zeiteffizienter geschehen und dauerhaftes Behalten erzielt
werden.
Latente Übung: Bei vielen Aktivitäten tritt der Effekt überwiegen unbemerkter, zum Teil
vielfältiger Übung auf. Intentionsfernes wird ebenso mit eingeübt und sollte daher im voraus
bedacht und genutzt (oder bei Unerwünschtem nach Möglichkeit verhindert) werden.
d) Die Multilokalität der unterrichtlichen Übung
Der Übung im Unterricht darf kein fester didaktischer Ort zugewiesen werden.
Die apponierte Übung sollte an mehreren und verschiedenen Stellen einer Unterrichtstunde
stattfinden.
Die direkte Übung kann je nach Aktivität der Schüler an jeder Stelle des Unterrichts erfolgen.
Für die disponierte Übung eignet sich der Unterrichtsanfang oder -ende.
e) Zusammenfassende Verdeutlichung der Faktoren der Übung
7. Grenzen der Erfolgsicherung und -progression durch Übung
Dieses Unterrichtsprinzip allein vermag in der Regel weder Lernerfolg noch Erfolgsprogression
ermöglichen.
Der Lernerfolg und der Lernfortschritt tritt dann ein, wenn das Unterrichtsprinzip der Übung mit
anderen Unterrichtsprinzipien sinnvoll gekoppelt werden. Außerdem müssem bedeutende Faktoren
und Erkenntnisse z. B. aus der Lernspychologie, -biologie ... die entwicklungsbedingte
Lebensgeschichte der Schüler, die konkrete Schulsituation berücksichtigt werden.
Der Erfolg wird gemindert, wenn es zu einer einseitigen Polarisierung oder Unkenntnis von den
Grundsätzen des Übungsprinzipes kommt.
Übungserfolge können aber auch durch genetische Bedinungen, das psychische und physische
Befinden, das Lebensalter, individuelle Werthaltungen gemindert oder gar verhindert werden.
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