Krankenbericht

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Krankenbericht
über einen Patienten der Chirurgischen Veterinärklinik der ...
Die Untersuchung findet am 5. März 1999 in der Zeit von 9.00Uhr bis 10.00
Uhr in der Kleintierstation von der Unterzeichnenden im Rahmen des III.
Abschnittes der Tierärztlichen Prüfung statt.
Signalement:
Bei dem zu untersuchenden Patienten mit der Stationsnummer ... handelt es
sich um einen kastrierten Europäisch-Kurzhaar Kater mit dem Rufnamen ...
Er ist 8 Monate alt und wiegt ca. 3 kg. Das Fell ist schwarz-grau getigert;
Nase, Pfoten, Brust und Bauch sind weiß.
Das Abdomen des Katers ist großflächig geschoren und im Bereich der
Linea alba ist eineHautnaht von ca. 8 cm Länge zu erkennen, die durch 11
lila Knopfhefte zusammengehalten wird.
Im Bereich der rechten distalen Vordergliedmaße ist ebenfalls eine ca. 3x2
cm große, rasierte Hautfläche sichtbar.
Der Patient trägt einen weißen Kunststoffhalskragen.
Besitzer ist Herr ... aus ...
Anamnese:
Am Samstag, dem 01.05.1999 stürzte der Kater vom Balkon.
Einige Tage später zeigte das Tier blutigen Kot, Hecheln, Maulatmung,
Tachypnoe und Apathie.
Der vorbehandelnde Haustierarzt stellte bei einer Blutuntersuchung erhöhte
Glucose-, AST- und CK-Werte fest. Am Folgetag erhob der Haustierarzt im
Rahmen einer Röntgenuntersuchung den Befund eines Pneumothorax. Bei
einer Röntgenkontrolle am 29.04.1999, ebenfalls durch den Haustierarzt,
wurde eine Zwerchfellruptur diagnostiziert.
Das Tier wurde mit Antibiotika und Diuretika vorbehandelt.
Der Kater wurde am 30.04.1999 an die Justus-Liebig-Universität Gießen
überwiesen. Bei der Einlieferungsuntersuchung wurden folgende Befunde
erhoben:
Die Herztöne waren gedämft. Die Lungenauskultation ergab eine
Überlagerung der Atemgeräusche durch peristaltische Darmgeräusche. Die
Atmung war von abdominaler Betonung. Der Kater zeigte keine
Maulatmung mehr.
Die Blase war mittelgradig gefüllt. Die Palpation des Abdomens zeigte eine
deutliche Verminderung der Tastbarkeit der Bauchorgane; eine kotgefüllte
Darmschlinge war nach cranial verlagert.
Klinische Untersuchung:
Status präsens
Der Kater ist aufmerksam und verspielt, alle vier Gliedmaßen werden
gleichmäßig belastet. Der Ernährungszustand ist mäßig, der Pflegezustand
gut.
Die Pulsfrequenz beträgt 120/min, die Atemfrequenz 30 Züge/min und die
Körperinnentemperatur 37,9°C.
Allgemeine Untersuchung:
Der Hautturgor ist erhalten; die Kapilläre Rückfüllungszeit beträgt ca. 1,5
Sekunden.
Die Episkleralgefäße sind fein gezeichnet und abgesetzt.
Die Schleimhäute sind blaß-rosarot, glatt, glänzend, ohne Auflagerungen.
Haut und Lymphknoten sind o.b.B.
Die Körperoberflächentemperatur ist warm und nimmt zu den Acren hin ab.
Spezielle Untersuchung:
Die beschriebene Naht im Bereich der Linea alba befindet sich präumbilical.
Sie ist acht Zentimeter lang und wird durch elf lila Knopfhefte gehalten. Die
Narbe ist geringgradig verhärtet und links leicht verdickt. Die Wundränder
liegen glatt aneinander.
Es ist kein Ausfluß von Flüssigkeiten feststellbar, ferner keine
Verkrustungen oder Verklebungen.
Die Atmung ist vom costo-abdominalen Typ. Der Auskultationsbefund
ergibt eine gleichmäßige und regelmäßige Atmung und es sind keine
Nebengeräusche mehr feststellbar.
Ergänzende Untersuchungen:
Am 30.04.1999 und
durchgeführt worden.
am
04.05.1999
sind
Röntgenuntersuchungen
Die Aufnahmen vom 30.04. lassen latero-lateral keine abgrenzbare
Zwerchfellkuppel mehr erkennen. Der Thorax weist unregelmäßige
Verschattungen in dem Bereich auf, in dem physiologischerweise die
Zwerchfellkuppel zu sehen sein muß, d.h. im Bereich des Arcus costalis.
Das Herz ist nach dorsal verlagert und befindet sich in mittlerer Höhe des
Thorax.
In der dorso-ventralen Projektion sind im linken Thorax starke
Verschattungen zu erkennen.
Bei den Aufnahmen vom 04.05. ist die Zwerchfellkuppel deutlich
abgegrenzt erkennbar.
Sie wölbt sich kuppelförmig in den Thorax vor.
Das Herz liegt ventral dem Sternum auf.
Diagnose:
Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Zwerchfellruptur, oder auch
eine Hernia falsa, mit intrathorakalem Vorfall von Bauchorganen und daraus
resultierender Kompression und Striktur der vorgefallen Organe.
Differentialdiagnosen:
1.) Pleuraergüsse (Hydrothorax, Pyothorax, Hämothorax, Chylothorax)
2.) Pneumothorax
3.) Hernia diaphragmatica (= echte Zwerchfellhernie)
4.) Torsio ventriculi et dilatatio ( Magenerweiterungs- und DrehungsKomplex)
5.) Raumfordernde Prozesse der caudalen Lungenabschnitte
Prognose:
Die Prognose ist im allgemeinen vorsichtig bis günstig. Sie wird
mitbestimmt vom Umfang des Polytraumas und von der Schädigung der
Lunge, sowie Ausmaß der Schädigung der vorgefallenen Organe.
Die Mortalitätsrate ist deutlich erhöht, wenn die Operation in den ersten 24
Stunden nach dem Unfall durchgeführt werden muß.
Danach sind die Heilungsaussichten umso besser, je früher der chirurgische
Eingriff erfolgt. Überleben die Patienten die 24. Stunde nach der Operation,
ist die Prognose relativ gut. Häufigste postoperative Komplikationen sind
Schock, Lungenödem, Pneumo- oder Hämothorax oder gehen vom
begleitenden Polytrauma aus.
Therapie:
Therapeutisch ist eine Operation unumgänglich. Dafür ist eine AtropinPrämedikation und eine schonende, Atmung und Kreislauf nicht belastende
Sedation nötig. Die Intubation sollte schnell erfolgen, da sich die Atmung
aufgrund der Lageveränderung des Patienten rapide verschlechtern und
sogar sistieren kann.
Bei der Operation erfolgt der Zugang - wie bei diesem Patienten - über die
Linea alba oder transthorakal. Die vorgefallenen Organanteile - bei diesem
Patienten der gesamte Dünndarm, Milz, Netz und Magen - müssen reponiert
werden. Hierbei besteht die Gefahr einer Atem- und/oder Kreislaufreaktion
aufgrund der plötzlichen Druckentlastung von Lunge, Herz und großen
Gefäßen.
Der Riß bestand im linken Zwerchfellpfeiler und wurde mit 20 Einzelheften
genäht.
Der Bauch wurde mit einer Sultanschen Diagonalnaht, der Unterbauch
fortlaufend und die äußere Haut mit Einzelheften genäht. Als Nahtmaterial
wurde Polysorb verwendet.
Die Nachsorge besteht in einer Atem- und Kreislaufkonrolle, einer KontrollRöntgenuntersuchung und einer ca. einwöchigen antibiotischen Nachbehandlung, z.B. mit
Ampicillin.
Epikrise:
Bei einer Zwerchfellruptur handelt es sich um eine erworbene, traumatisch
entstandene Zusammenhangstrennung im Zwerchfell mit Vorfall von
Baucheingeweiden in die Brusthöhle, meist bei polytraumatisierten Tieren.
Ursache ist immer ein Trauma, das bei geöffneter Glottis und gleichzeitigem
plötzlichen Anstieg des abdominalen Druckes zu einer Hernia
diaphragmatica falsa führt, weil im Thorax kein adäquater Gegendruck
vorhanden ist.
Im Vordergrund steht der Verlust an Atemvolumen durch den Teilverlust
des
intrathorakalen
Unterdruckes,
durch
Lungenkollaps
und
Kompressionsatelektasen, sowie die Raumforderung der vorgefallenen
Organe, welche durch Kompression der großen Venen den Rückfluß zum
Herzen und dadurch das Herzzeitvolumen reduzieren.
Dadurch kommt es wiederum zu Hypoxie und Azidose, was letztlich zum
Schock führt.
Ileussymptome deuten auf Magen- oder Darminkarzerationen hin, die bei
längerem Bestehen zu Infarzierungen und ischämischen Nekrosen führen.
Strangulationen von Leber und Milz führen zu Transsudation und
Hydrothorax, Rupturen dieser Organe zu inneren Blutungen. Wird die Leber
stranguliert kann dies Gerinnungsstörungen und Gallepleuritis zur Folge
haben. Als Spätfolge kann sich ein hepatoenzephales Syndrom mit
neuromuskulären Symptomen manifestieren.
Verschleppte, unerkannt gebliebene Zwerchfellrupturen können gerade bei
Katzen auftreten und entweder gar keine oder unspezifische Symptome
verursachen, wie z.B. rezidivierende oder in ihrer Intensität zunehmende
Verdauungs-, Atem- oder Herz-Kreislaufbeschwerden.
Gez. ...
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