1. Die Garderobe – Einführung Wir begrüßen Sie im Museum des Warschauer Aufstands – ein Museum, das einer der größten Schlachten des Zweiten Weltkriegs gewidmet ist. Am 1. August 1944 treten etwa 25000 leicht bewaffnete Soldaten der konspirativen polnischen Armee zum Kampf gegen die deutsche Übermacht an. Die Zahl der Kämpfer erhöht sich im weiteren Verlauf der Schlacht auf 50000. In zwei Monaten erbitterter Kämpfe gelingt es den polnischen Verbänden, beträchtliche Teile des Stadtgebiets unter ihre Kontrolle zu bringen und dem Gegner schwere Verluste zuzufügen. Die unzureichende Hilfe der Verbündeten, die entschiedene technische Überlegenheit der deutschen Truppen sowie die ungeheure Zahl der Opfer zwingen jedoch das polnische Kommando dazu, den heldenhaften Kampf nach 63 Tagen einzustellen. Die Kämpfe in der Stadt, die nur wenige Tage dauern sollten, ziehen sich über zwei Monate hin. Vom ersten Tag an greifen die Bewohner der Hauptstadt den Aufständischen mit jeder erdenklichen Hilfe unter die Arme. Sie beteiligen sich an den Kampfhandlungen, errichten Barrikaden und legen Vorräte an. Bedroht durch die herannahende Ostfront bieten die Deutschen zahlreiche Eliteeinheiten auf. Sie sollen den Aufstand mit allen Mitteln niederkämpfen und damit ganz Europa ein abschreckendes Beispiel vor Augen führen. In der Praxis bedeutet dies die Vernichtung der Stadt und vielfacher Völkermord. Etwa 180000 Zivilisten kommen in Warschau durch Hitlers Soldaten ums Leben. „Wir wollen frei sein und uns unsere Freiheit selbst verdienen”. Diese Worte von Jan Stanisław „Sobol” Jankowski, dem Beauftragten der polnischen Exilregierung in London und gleichzeitig polnischer Vizepräsident, bilden das Motto der gesamten Austellung. Dieser eine Satz enthält die ganze komplexe Wahrheit über die fünf Jahre dauernde Besetzung Polens und den zweimonatigen Warschauer Aufstand. Die Rebellion ist denn auch keine unkluge, romantisch gefärbte fixe Idee einer Handvoll Verrückter, sondern eine bewußte, wenn auch tragische politische Entscheidung der höchsten im vollen Umfang rechtmäßigen polnischen Führung. Nach den Erfahrungen zweier grausamer Okkupationen – der deutschen und der sowjetischen – ist den Menschen in Polen vollkommen klar, welches Ziel den Sowjets vorschwebte. Sie wissen, dass die von Osten heranrückende Rote Armee nicht darum kämpft, Polen zu befreien, sondern um den faschistischen Totalitarismus durch ihren eigenen, kommunistischen zu ersetzen. Mit dem Ziel, die Hauptstadt aus eigener Kraft zu freizukämpfen, um dann die sowjetischen Truppen als Herr im eigenen Haus zu begrüßen, ist der Warschauer Aufstand der letzte Versuch, Polen vor einer Zwangsherrschaft zu bewahren. 2. Die Vorhalle Ganz am Anfang unseres Besuches im Museum stoßen wir auf das Zeichen des Ankers, eine Kombination der Buchstaben „P” und „W”. Es wird uns auf unserem gesamten Rundweg durch die Ausstellung begleiten. Seit 1942 ist dieses Zeichen des „Kämpfenden Polens” das offizielle Symbol des Polnischen Untergrundstaates. Nahezu täglich in polnischen Städten an die Häuserwände gemalt, bekräftigt es den Widerstand gegen die Aggressoren und den Willen zum Kampf für die Freiheit. Das Haus, in dem das Museum des Warschauer Aufstands untergebracht ist, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts – in den Jahren 1904/05 – errichtet. Es gehört zu den wenigen erhaltenen denkmalgeschützten Industriebauten in Warschau. In den Gebäudehallen befand sich das Transformatorenwerk der Straßenbahn, das im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen stark beschädigt und während des Warschauer Aufstands völlig zerstört wurde. Obwohl die TrafoAnlage nach dem Krieg wieder aufgebaut und zu einem Fernheizwerk umfunktioniert wurde, verliert sie bald ihren Glanz und beginnt zu verfallen. 1 Mit der Entscheidung, hier das Museum des Warschauer Aufstands einzurichten, beginnt eine neu Ära für das Baudenkmal. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurden die Innenräume nach einem Projekt von Wojciech Obtułowicz erneuert und finden somit eine moderne architektonische Lösung. Unter der dicken Putzschicht kommt die schöne Ziegelfassade zum Vorschein, die charakteristisch ist für die Industrie-Architektur des 19. Jahrhunderts. Das gut bewirtschaftete weiträumige Gelände des Transformatorenwerks wurde in einen Garten umgestaltet, der in seiner Art einmalig ist: den Park der Freiheit, dessen Kernelement die 156 Meter lange Gedenkmauer ist. Sie ist mit grauen Granitplatten-Reihen besetzt, in denen die Namen Tausender Aufständischer verewigt wurden, die im August und September 1944 gefallen sind. Wir laden Sie außerdem jeden Sonntag um 12.30 Uhr zur Heiligen Sonntagsmesse in die Kapelle des Seligen Vaters Józef Stanek ein, die von dem Museums-Kaplan zelebriert wird. 3. Der Aufstand nach 60 Jahren – Telefongeräte Das Regime, das Polen von Stalin nach dem Krieg aufgezwungen wurde, kann die Wahrheit über den Warschauer Aufstand, der letztendlich eine Unterordnung Polens unter die Sowjetunion verhindern sollte, nicht dulden. Deshalb entwarfen die kommunistischen Machthaber viele Jahre lang ein falsches Bild von dem Aufstand, die Aufständischen wurden sogar verfolgt, besonders rücksichtslos gegen Ende der vierziger und zu Beginn der fünfziger Jahre, bis in das Jahr 1956. Oft genügte es, der Heimatarmee anzugehören, um mit dem Tod bestraft zu werden. Nach der sogenannten „Tauwetterphase” 1956 verstummt die Kritik der volkspolnischen Staatsführung an den Aufstands-Teilnehmern, sofern es um die einfachen Soldaten geht. Umso mehr klagt sie jetzt jedoch seine Anführer und die Politiker der polnischen Exilregierung an. Erst nach dem Sturz des kommunistischen Regimes 1989 ist es in Polen möglich, offen alle Aspekte des Warschauer Aufstands zu diskutieren und vollen Ernstes mit der Errichtung eines Museums zu beginnen. Leider vergehen weitere 15 Jahre, bevor das Projekt verwirklicht werden kann. Die feierliche Eröffnung des Museums erfolgt am 31. Juli 2004, am Vortag der 60. Jahresfeier anlässlich des Ausbruchs der Kämpfe um die polnische Hauptstadt. Aus dem Inund Ausland treffen Tausende früherer Aufständischer in Warschau ein. Sie betreten als erste die Hallen ihres Museums, und ihre Erinnerungen, Gedanken und über viele Jahre verborgen gehaltenen Gefühle leben wieder auf... Sie können sich die Erinnerungen der Aufständischen 60 Jahre nach der Rebellion am Telefon erzählen lassen. 4. Saal des Kindersoldaten Durch die Tür rechterhand gelangen wir in den Saal des Kindersoldaten, der für unseren jüngsten Gäste gedacht ist. In diesem Teil des Museums führen wir Jungen und Mädchen im Kindergarten- und Grundschul-Alter in die Geschichte ein. Ihrem Alter angemessen werden hier historische Ereignisse erläutert und die Werte vermittelt, von denen sich die Aufständischen 1944 leiten ließen. An den Wochenenden ist dieser Saal individuellen Gästen vorbehalten: Eltern können dort ihren Nachwuchs der Aufsicht eines erfahrenen Betreuers anvertrauen. Die Kinder können Spielzeug und Spiele aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs nutzen, zeichnen, mit der Nachbildung eines kleinen Aufstands-Theaters spielen, Barrikaden bauen und ihren Altersgenossen von der Pfadfinder-Feldpost nacheifern. In diesem Saal wollen wir auch zeigen, dass die Realität in der von den Kämpfen erfassten Stadt mit Alt und Jung gleichermaßen rücksichtslos umging, von den Jüngsten aber vielleicht noch schrecklicher empfunden wurde, als von den Erwachsenen. Der tägliche Beschuß, 2 Bombardements, die Notwendigkeit, in Kellern hausen zu müssen – dies alles war unfassbar und brachte Tod und Schrecken mit sich... Rettet die Kinder, unsere, eure, polnischen Warschauer Kinder... – so lauten die Leitsätze des Aufstands. Schon in den ersten Tagen werden die sogenannten Milchküchen organisiert, in denen man die für Babys und Kleinkinder so wichtige Milch und Nährstoffe bekommen kann. Alle Warschauer einigt der dringende Wunsch, die Kinder vor der allgegenwärtigen Grausamkeit des Krieges zu schützen. Insbesondere den Jüngsten ist es untersagt, sich den von direkten Kämpfen bedrohten Gebieten auch nur zu nähern. Jeder bemüht sich darum, ihnen wenigstens ein dem Anschein nach normales Lebens zu sichern: Es werden für sie Marionetten-Theaterstücke, Spiele und Vergnügungen organisiert und kleine illustrierte Blätter wie „Jawnutka” oder „Dziennik Dziecięcy” („Kinder-Zeitung”) herausgegeben. So können die Kleinsten wenigstens kurzzeitig in eine Traum- und Phantasiewelt eintauchen. Nicht alle Kinder jedoch beobachten die Ereignisse um sich herum aus der Distanz. Viele von ihnen helfen den Aufständischen auf ihre Weise. Noch sehr jung, mit kaum mehr als zehn oder zwölf Jahren versuchen sie, ihren Beitrag zum Sieg zu leisten. Oft handelt es sich dabei um Waisenkinder, die während der Okkupation mitunter ihre ganze Familie verloren haben. Mit ihrer Hilfe konnte schon in den ersten Augusttagen die Pfadfinder-Feldpost entstehen. Von Tag zu Tag kommen neue junge Helfer dazu, die sich als Kuriere zwischen den kämpfenden Verbänden zur Verfügung stellen oder Zivilisten durch die Kanalwege in Sicherheit bringen. Man erlaubt ihnen nicht, zu kämpfen, aber niemand kann sie daran hindern, Lebensmittelpakete und Benzinflaschen zu befördern oder Meldungen weiterzugeben. Zu ihnen gehört auch der Patron des Saals des Kindersoldaten, Korporal Witold Modelski, genannt „Warszawiak”, ein zwölfjähriger „Verbindungsmann” zwischen den Bataillonen „Gozdawa” und „Parasol”. Als jüngster Aufständischer für seinen Mut mit dem Tapferkeits-Kreuz ausgezeichnet, kommt er bei der Verteidigung einer der letzten Aufstands-Schanzen im Stadtteil Czerniaków am 20. September 1944 ums Leben. Alle Gegenstände im Saal des Kindersoldaten sind seinen jungen Besuchern frei zugänglich, fast alles kann zum Zweck des Lernens Teil des Spiels sein. Hier befinden sich auch Original-Exponate, darunter ein kleines Blatt Papier mit einem Gebet, das ein achtjährigen Mädchens für ihren Vater schrieb, bevor er sich dem Aufstand anschloß. Voller Rührung steckt er es in sein Portemonnaie, das er in der linken Brusttasche aufbewahrt. Während des Kampfes wird er von einer Kugel getroffen, die genau an dem mit kindlicher Schrift geschriebenen Gebet zum Stehen kommt. Der Vater des Mädchens überlebt den Aufstand, und fast 60 Jahre später stiftet die Verfasserin ebenjenes Zettelchen mit dem Gebet unserem Museum; die ausgefransten Ränder, die Sie in der linken Ecke des Blattes sehen können, sind Spuren der Kugel, die ihr Ziel nicht erreicht hat. Das zweite Ausstellungsstück ist ein Kinderspielzeug – eine Holzlokomotive. Keine deutschen Patrouille schenkte dem kleinen Jungen im Kinderwagen und seinem Spielzeug Beachtung. So konnten Verbindungsleute dem polnischen Untergrund gefahrlos geheime Meldungen zuspielen, die sie in einer Aushöhlung der Lokomotive verwahrten. 5. Das Monument Zentraler Punkt des Museums ist ein Stahlmonument, das alle Ebenen der Ausstellung vertikal durchläuft. Der von Durchschüssen gelöcherte meterlange Obelisk, „das schlagende Herz des kämpfenden Warschau” ist mit Inschriften der noch verbleibenden Tage des Aufstands versehen. Wenn man sein Ohr an eine der Einschußstellen hält, kann man die „Laute des Aufstands” hören: das Rattern der Waffen, Fragmente von Liedern und Gebeten, Bekanntmachungen im Radio oder das Dröhnen der Bomben. 3 6. Kriegsausbruch und Okkupation Am 1. September 1939 greifen deutsche Truppen Polen an. Die Verteidigung leistet entschlossen Widerstand. Nach dem verräterischen Angriff der Roten Armee im Osten des Landes am 17. September ist das Schicksal Polens endgültig besiegelt. Im Herbst 1939 herrschen zwei Okkupanten über die polnische Gesellschaft: die Sowjetunion und das Dritte Reich. Warschau befindet sich in einer besonders schweren Lage. Die Deutschen wollen die polnische Nation, deren Herz die Hauptstadt ist, um jeden Preis vernichten. Von Ende Mai bis Herbst 1940 führen sie in Warschau eine sogenannte „Ausserordentliche Befriedungsaktion” durch, die die Ausrottung der polnischen Intelligenz zum Ziel hat. Es kommt zu Massenverhaftungen und -exekutionen. Die meisten Inhaftierten werden von den Deutschen in Palmiry erschossen, wo am 20. und 21. Juni 1940 358 Personen im Kugelhagel sterben, unter ihnen der frühere polnische Parlamentspräsident Maciej Rataj und Janusz Kusociński, Goldmedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen. Ein ähnliches Ziel – die Liquidierung der polnischen Eliten – verfolgte auch der zweite Okkupant, die Sowjetunion. Im Frühjahr 1940 ermordet das NKWD auf Befehl Stalins in der Gegend von Katyn, Miednoje und Charkow über 20000 polnische Gefangene, zumeist Reserveoffiziere. Unter den Zivilisten finden vor allem Beamte, Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, aber auch Wissenschaftler und Künstler den Tod... Mit Beginn der Besetzung Polens wird Vermögen widerrechtlich beschlagnahmt, Straßennamen werden umbenannt, und in den Schaufenstern der Geschäfte und Cafés, auf Spielplätzen und sogar auf Parkbänken ist immer häufiger die Aufschrift „Nur für Deutsche” zu lesen. Von Monat zu Monat wächst die Zahl der Verhaftungen, öffentlicher oder geheimer Hinrichtungen sowie der Razzien, die oft mit der Verschleppung zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich enden. 7. Der Polnische Untergrundstaat Der polnische Staat bleibt jedoch bestehen – in der Konspiration, gelenkt von seiner rechtmäßigen obersten Führung, die ihre Amtsgeschäfte im Exil fortsetzt: dem Präsidenten, der Regierung und dem Oberbefehlshaber. Die höchste Macht im Polnischen Untergrundstaat übt der Bevollmächtigte der Regierung für das besetzte Land aus. Er leitet die konspirative Schaltzentrale der Zivilverwaltung, die von den verschiedenen Bereichen des vom Besatzer verbotenen öffentlichen Lebens organisiert und unterstützt wird. Besonders zu erwähnen ist das dichte Netz geheimer – auch höherer – komplett zusammengefasster Schulen, die der Ausbildung von Jugendlichen dienen. Ähnlich leistungsfähig funktioniert die Rechtssprechung, die im Untergrund ihre Urteile verkündet – Todesurteile für Verräter und Kollaborateure inbegriffen. Im Gefüge des Polnischen Untergrundstaates gibt es auch eine militärische Organisation, die immer mehr an Stärke gewinnt – die Heimatarmee, die größte Untergrund-Streitmacht im besetzten Europa. 1944 gehören ihr etwa 400000 Soldaten an. Ihr Hauptziel ist der Kampf für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Diese Untergrundarmee rüstet sich mit Waffen aus, schult ihre Soldaten, unternimmt Störaktionen, betreibt einen Geheimdienst und bereitet dabei den bewaffneten nationalen Aufstand vor. 8. Das Getto Es sind die Juden, die in den von Deutschland unterworfenen Gebieten am grausamsten behandelt werden. Mit Beginn der Okkupation werden sie gewaltsam von den Deutschen in Gettos umgesiedelt – das erste wurde bereits im Oktober 1939 in Piotrków Trybunalski 4 eingerichtet. Weitere entstehen bald darauf. Im Herbst 1944 richten die Deutschen das größte aller abgetrennten Wohnviertel für die jüdische Bevölkerung ein: das Warschauer Getto. Unter unmenschlichen Bedingungen müssen sich annähernd 450000 – nicht nur Warschauer – Juden auf engsten Raum drängen. Im Unterschied zu den deutsch besetzten Ländern im Westen wird in Polen jede Hilfeleistung für Juden mit dem Tod bestraft. Auf der WannseeKonferenz im Januar 1942 beschließen die Deutschen ein Programm zur sogenannten „Endlösung der Judenfrage”. Dabei handelt es sich um einen beispiellosen Plan zur Ermordung aller Juden in Europa. Bald darauf werden die Gettos aufgelöst und die jüdische Bevölkerung in die Vernichtungslager deportiert. Als die Deutschen beginnen, das Warschauer Getto endgültig zu liquidieren, kommt es dort zu einem Aufstand. Trotz schlechter Bewaffnung und zahlenmäßiger Unterlegenheit kämpfen die jüdischen Verbände fast einen Monat – vom 19. April bis 16. Mai 1943. Nach der Zerschlagung des Aufstands reißen die Deutschen das Getto systematisch nieder und machen somit einen ganzen weitläufigen Stadtteil dem Erdboden gleich. 9. Aktion „Gewittersturm” 1943 tritt der Krieg in eine neue Phase ein. Den Alliierten gelingt eine Offensive in Italien und im Fernen Osten. Nachdem die Rote Armee die Deutschen in der Schlacht bei Kursk besiegen konnte, nimmt sie ihren Marsch nach Berlin auf. Die Frage lautet nun nicht mehr ob, sondern wann die Deutschen der Übermacht der Verbündeten unterliegen würden. Am 25. April 1943 brechen die Sowjets die diplomatischen Beziehungen zur polnischen Exilregierung ab. Als Vorwand dient ihnen der von den Deutschen gemachte Fund im Wald von Katyn. Dort entdeckten sie in Massengräbern die 1940 auf Befehl Stalins bestialisch ermordeten Offiziere der Polnischen Streitkräfte. Wochen später verhaften die Deutschen mit Hilfe von Kollaborateuren den Kommandanten der Heimatarmee, General Stefan „Grot” Rowecki. In Gibraltar fällt der Oberbefehlshaber und Premierminister General Władysław Sikorski einem tragischen Unfall zum Opfer. Auf der internationalen Bühne verschlechtert sich die Lage Polens entscheidend, weil sich immer deutlicher abzeichnet, dass die Alliierten eine neue Haltung zur Frage der polnischen Ostgrenzen eingenommen haben. Das sowjetische Militär, das auf seinem Marsch nach Westen Polen von der deutschen Besatzung höchstwahrscheinlich befreien wird, erweist sich nicht als Polens Verbündeter. Diese Entwicklung zwingt die polnische Regierung im Exil und im Land dazu, ihre Pläne eines allgemeinen Aufstands aufzugeben. Die Heimatarmee macht sich nunmehr bereit zu einer subversiven Sabotage-Aktion unter dem Decknamen „Gewittersturm” („Burza”). Das Hauptkommando der Heimatarmee plant mit seiner Aktion „Gewittersturm” Militärschläge gegen die sich im Zuge der Frontverschiebung nach Westen zurückziehenden deutschen Verbände, um dann die Herrschaft über die frei werdenden Gebiete zu übernehmen und diese unverzüglich unter die polnische Amtsgewalt zu bringen. Die polnische Führung geht davon aus, dass sie den sowjetischen Truppen nach ihrem Eintreffen in Polen als offizieller Souverän über ihr eigenes Territorium entgegentreten wird. Nachdem die Rote Armee am 4. Januar 1944 die Vorkriegsgrenzen der 2. Polnischen Republik überschreitet, äußert sich die Aktion „Gewittersturm” in einer Reihe lokaler Aufstände, die die von Ost nach West vorrückende Front begleiten. Dem Kampf schließen sich aufeinanderfolgend die Heimatarmee-Verbände in Wolhynien, in den Gebieten Wilna und Lemberg sowie im Raum Lublin an. Obwohl die Heimatarmee die Städte Wilna und Lemberg befreite und auch mit den sowjetischen Truppen gut zusammenarbeitete, führten die militärischen Erfolge leider nicht zur Verwirklichung der politischen Ziele. Der Ausgang war jedes Mal gleich: Verbände des sowjetischen Sicherheitsdienstes verhafteten die polnischen Führungsorgane, sowohl die zivilen als auch die militärischen. Die Soldaten der Heimatarmee wiederum wurden 5 gewaltsam entwaffnet und entweder in die Weiten Russlands ins Gefangenenlager verschleppt oder zwangsweise in die Armee Berlings eingegliedert. 10. Vor der Stunde „W” Um die Situation in Warschau kurz vor der Stunde „W” und im Verlauf der einzelnen Tage des Aufstands zu veranschaulichen, haben wir für Sie Kalenderblätter zum Sammeln vorbereitet und in der Ausstellung verteilt. Zusammengenommen umfassen sie den Zeitraum vom 27. Juli bis zum 5. Oktober, und auf jedem Blatt finden Sie kurze Informationen über die wichtigsten Ereignisse, die sich an ebendiesem Tag auf den Straßen dieser unbesiegbaren Stadt abgespielt haben. Die gesammelten Kalenderblätter bieten Ihnen nicht nur einen besseren Überblick über die Geschichte des Aufstands, sondern sind auch ein besonderes Andenken an unser Museum. Wenn wir die weiß-rote Linie überschreiten, betreten wir die Zone der letzten Augenblicke vor dem Ausbruch des Warschauer Aufstands. Als Ende Juli 1944 von der Ostfront schlechte Nachrichten für Deutschland eintreffen, beginnt in Warschau die Evakuierung der deutschen Verwaltung und der Hilfsdienste. Es herrscht Verwirrung. Nach einigen Tagen, am 27. Juli, bekommen die Deutschen ihre Panik wieder in den Griff: Polizeikräfte und SS kehren in die Stadt zurück. Zur Vermeidung bewaffneter Ausschreitungen beruft der Gouverneur des Warschauer Distrikts, Dr. Ludwig Fischer, per Verfügung 100000 Polen zu Befestigungsarbeiten ein. Dieser Befehl wird von den Warschauern spontan ignoriert. Zur gleichen Zeit rufen die Sowjets und polnische Kommunisten zum Kampf gegen die Deutschen auf und klagen dabei die Heimatarmee an. In den von der Roten Armee besetzten Gebieten übernimmt das von Moskau gesteuerte Polnische Komitee zur Nationalen Befreiung die Macht. Die Sowjets stoßen bis an die Weichsel vor, und in Warschau gehen Gerüchte um, sie seien bereits in die Vorstadt am rechten Flußufer einmarschiert. In dieser Situation gibt der Kommandant der Heimatarmee, General Tadeusz „Bor” Komorowski nach Absprache mit Vizepremier Jan Stanisław „Sobol” Jankowski, dem Bevollmächtigten der polnischen Regierung für das besetzte Land, für Dienstag, den 1. August 1944, 17.00 Uhr den Befehl zu einer bewaffneten Aktion mit dem Decknamen Stunde „W”. Einen Tag vor Ausbruch des Warschauer Aufstands dienen in den polnischen Streitkräften im Warschauer Bezirk der Heimatarmee etwa 50000 Soldaten. Es fehlt ihnen allerdings wichtiges Zubehör und die nötige Ausrüstung mit Waffen; nur etwa 10 Prozent aller Aufständischen sind bewaffnet. Genau umgekehrt sieht die Lage beim Okkupanten aus. Ende Juli 1944 verfügt die deutsche Garnison in Warschau über annähernd 20000 bestens ausgerüstete und ausgebildete Soldaten, die sämtliche Objekte der Stadt mit strategischer Bedeutung besetzt halten. Darüber hinaus können die Deutschen auf ihre schweren ArtillerieGeschütze und die Luftwaffe zurückgreifen. Trotz dieses gewaltigen Ungleichgewichts von Schlagkraft und Kriegsgerät nehmen die Aufständischen am 1. August ihren Kampf auf, der 63 Tage dauern wird... 11. Die Stunde „W” Zu ersten Gefechten kommt es bereits drei Stunden vor der Stunde „W”. Trotz des Verlustes des Überraschungsmomentes und Problemen mit Bewaffnung und Informationsfluß, begeben sich um 17.00 etwa 23-25000 Soldaten der Heimatarmee in den Kampf. Am ersten Tag der Rebellion bringen die Aufständischen den deutschen Truppen empfindliche Verluste bei: Schätzungen zufolge finden etwa 500 Soldaten den Tod. Die 6 Aufständischen haben mit rund 2000 Gefallenen jedoch wesentlich höhere Verluste zu beklagen. Die während der ersten Kämpfe eroberten Gebäude verschaffen den Polen keine taktischen Vorteile. Dennoch gelingt es ihnen, drei Viertel ihrer Hauptstadt zu besetzen – fast die gesamte Altstadt, das Zentrum von Żoliborz und einen Großteil der Stadtmitte, mit dem damals höchsten Gebäude Warschaus, dem Prudential, auf dem bereits wieder die weiß-rote Flagge weht. Die Deutschen leisten jedoch an einigen Dutzend Widerstandspunkten heftige Gegenwehr und behalten weiterhin die Kontrolle über die Stadt. Strategisch wichtige Objekte bleiben in ihrer Hand: Brücken, Bahnhöfe, Flugplätze, zahlreiche Verwaltungsgebäude und Kasernen. 12. Druckerei Als Teil des Kampfes gegen die polnische Identität werden seit den ersten Monaten der Besatzung die unabhängigen polnischen Verlage und Zeitungen liquidiert. Das gedruckte Wort wird zu einem wichtigen Instrument der deutschen Politik gegenüber dem unterworfenen Land. Fast 40 Pressetitel, die in polnischer Sprache herausgegeben werden, nutzen die Deutschen während der gesamten Okkupation zu Propagandazwecken. Die Polen bezeichnen sie gemeinhin als Hetzblätter, deren Lektüre verpönt ist. Sie enthalten zahlreiche Beiträge, die in der polnischen Gesellschaft die Überzeugung festigen sollen, ihr Land sei unfähig, eine eigenständigen Existenz zu führen. Gleichzeitig versuchen diese Blätter das Idealbild einer unbesiegbaren deutschen Armee und Besatzungsmacht vorzutäuschen. Als Reaktion auf die wachsende Beschränkung und Schließung unabhängiger polnischer Zeitungen kommt es zu einer raschen Entwicklung der geheimen Verlagsbewegung: Die verschiedenen Untergrund-Organisationen betätigen sich jetzt auch als Herausgeber von Zeitungen und Zeitschriften. Sie decken die deutschen Kriegsverbrechen auf, die vor der polnischen Gesellschaft geheimgehalten werden und informieren über Erfolge der Alliierten. Die Übermittlung von Informationen, die helfen sollen, den Patriotismus zu stärken, ist ebenfalls Aufgabe der Untergrundblätter, die in gewaltigen Auflagen gedruckt werden. Allein in Warschau erscheinen während der Okkupation über 700 Titel und zahlreiche Bücher, darunter die berühmten Steine für die Schanze (Kamienie na szaniec) von Aleksander Kamiński. Eine Sensation von internationalem Rang sind zweifellos die Zeitungen des Warschauer Aufstands, die vom 1. August bis 5. Oktober 1944 erscheinen. Trotz schwerster Bedingungen in der umkämpften Hauptstadt werden insgesamt 167 verschiedene Titel vertrieben. Es herrscht eine für Kriegszeiten ungewöhnliche Pressefreiheit und Demokratie – Blätter aller politischen Richtungen sind im Umlauf, mit Beiträgen von Redakteuren unterschiedlichster Weltanschauungen. Die Zeitungen des Aufstands unterscheiden sich deutlich von denjenigen, die während der Konspiration erschienen. Ihr Format und Umfang unterliegen einem laufenden Wandel. Keine der Zeitungen hat ihre feste Auflagenhöhe. Die höchsten Auflagenzahlen können auf dem Höhepunkt der Presseverbreitung Mitte August die publizistischen Informations-Blätter verzeichnen, unter anderem das offizielle Presse-Organ der Regierungsvertretung für das besetzte Land „Biuletyn Informacyjny”, mit 20000-28000 und „Rzeczpospolita Polska” mit 10000 Exemplaren. Weil es in den letzten Tagen der Kämpfe zu Engpässen bei der Versorgung mit Papier kommt, erscheinen viele Zeitungen nunmehr als Plakate, die ringsum an die Häuserwände geheftet werden. In der eingeschlossenen und vom Rest der Welt abgeschnittenen Stadt war die Presse ein überaus wichtiges Instrument zur Beeinflussung von Stimmungen und Einstellungen, sowohl bei den kämpfenden Einheiten als auch bei der Zivilbevölkerung. Mit ihrer Berichterstattung aus Warschau, Polen und der ganzen Welt erhielt sie maßgeblich den Kampfgeist der 7 Menschen aufrecht. Die aktuellen Nachrichten bezog sie vor allem aus abgehörten ausländischen Radiosendern, Materialien von Kriegsberichterstattern sowie der von Stanisław Ziemba geleiteten Polnischen Telegraphen-Agentur. Trotz der parlamentarischen Erklärung von 1947 und der 1952 verabschiedeten Verfassung, die beide die Presse- und Meinungsfreiheit garantieren, führt die polnische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg eine weitreichende Zensur ein, die vom Hauptamt für die Kontrolle von Presse, Publizistik und Aufführungen überwacht wird. In Anknüpfung an die Tradition der polnischen Untergrundverlage kursieren von 1975-1989 in Polen Publikationen aus dem sogenannten zweiten Umlauf, einem Netz inoffizieller Verlage, die zahlreiche kostbare Bücher herausgeben, unter anderem Warschaus einsamer Kampf (Samotny bój Warszawy) von Tadeusz Żenczykowski und Tadeusz Komorowskis Untergrundarmee (Armia Podziemna). 13. Die Freude der Aufständischen Mit Euphorie reagieren die Soldaten und Einwohner Warschaus auf den Ausbruch des Aufstands. Es herrscht die allgemeine Überzeugung, dass er unwiderruflich ein siegreiches Ende der Kämpfe herbeiführt. Die nach 5 Jahren grausamer Okkupation wieder gewonnene Freiheit berauscht die Menschen ebenso wie die Möglichkeit, einen offenen Kampf gegen dem verhassten Feind aufzunehmen. Die bis dahin im Untergrund aktive polnische Zivilverwaltung arbeitet nunmehr öffentlich. Ihre Anweisungen werden von den Warschauern aufopferungsvoll befolgt. Dank der spontanen Hilfe der Zivilbevölkerung kann das Leben im freien Warschau rasch reorganisiert werden. Es entstehen Krankenhäuser, Abteilungen der Flugabwehr, der Druck und Vertrieb der Presse wird wieder aktiviert und zwei AufstandsRundfunksender in zügigem Tempo instand gesetzt. Ganz Warschau steht zusammen im Kampf für die Freiheit. Plänen der Heimatarmee-Führung zufolge soll der Aufstand in Warschau nicht länger als einige Tage dauern, bis die Einheiten der Roten Armee die Stadt erreicht haben. Nach zahlreichen Offensiven beherrschen die Aufständischen am 4. August drei Stadtregionen: die Innenstadt und einen Teil Wolas, die Altstadt und Powiśle, Dolny Mokotów sowie Żoliborz – insgesamt fast drei Viertel des Stadtgebiets. Die Sowjets unterbrechen ihre Offensive jedoch und denken nicht daran, den Aufständischen zuhilfe zu kommen, die nun aus Mangel an Waffen und Munition und angesichts der wachsenden deutschen Übermacht ihre Angriffe einstellen und sich in die Verteidigung zurückziehen müssen. Es beginnt das Warten auf eine Offensive vom gegenüberliegenden Weichselufer. 14. Der Fahrstuhl Wenn Sie mit dem Fahrstuhl ins Zwischengeschoß des Museums fahren, können Sie das berühmte Lied der Aufständischen Hej chłopcy, bagnet na broń (Hej, Jungs, pflanzt das Bayonett auf) von Krystyna Krahelska hören, die der Bildhauerin Ludwika Nitschowa 1936 Modell stand für ihre Arbeit am Denkmal der Warschauer Sirene an der Weichsel. Eine Kopie der Sirene präsentieren wir Ihnen im Zwischengeschoß. Entlang der Fahrstuhlsscheiben können Sie durch eine Glaswand hindurch alle originalen Armbinden aus dem Aufstand betrachten, die sich gegenwärtig im Museum befinden, darunter die mit der Nummer 1 versehene Binde des Kommandeurs General Antoni „Monter” Chruściel. 15. Die Kämpfe im August 8 Wir befinden uns hier zwischen den Schaukästen mit Uniformen und Waffen aus dem Aufstand. Fast während der gesamten Besatzungszeit werden die Heimatarmee-Soldaten im Untergrund mit Waffen versorgt. Die Zahl der seit September 1939 gelagerten Waffen ist entschieden zu niedrig, also müssen weitere käuflich erworben oder dem Feind abgenommen werden. Versorgungsquellen finden die Soldaten in Flugzeugabwürfen der Alliierten, ferner konstruieren sie in Untergrund-Werkstätten die Maschinenpistole „Błyskawica” und stellen Granaten her. Daher rührt auch die uneinheitliche Bewaffnung der verschiedenen AufstandsGruppierungen. Die Ausstellung zeigt die interessantesten und in jenen Tagen charakteristischsten Exponate, unter ihnen auch eines der besten Maschinengewehre des Zweiten Weltkriegs – die deutsche MG 42 sowie die in den Untergrund-Werkstätten angefertigten polnischen „Sten” und „Błyskawica”. Hochinteressant in Aussehen und ihrer Konstruktion sind auch die im Aufstand gebastelten Granaten Filipinka, Sidolówka und Karbidówka. Zur Zerschlagung des Aufstands stellt das deutsche Kommando eine aus verschiedenen Kampfeinheiten gebildete Korpsgruppe unter der Führung des SS-Generals Erich von dem Bach auf. Am 5. August unternehmen die deutschen Verbände einen Gegenschlag von Westen und greifen die Stadtteile Ochota und Wola an, mit dem Ziel, zwei von West nach Ost führende Hauptverkehrswege Warschaus unter ihre Gewalt zu bringen. Ferner wollen sie eine Verbindung zur im Stadtzentrum abgeschnittenen Gruppe von General Reiner Stahel freikämpfen. Nach erbitterten Kämpfen gegen die Aufständischen nehmen die russisch-ukrainischen Einheiten RONA am 11. August Ochota ein. Zu demselben Zeitpunkt fällt Wola in die Hände der Deutschen, die bis zur stark befestigten Altstadt, eine Bastion der Aufständischen, vordringen. Indem sie Hitlers verbrecherischen Befehl ausführen, jeden Warschauer Bewohner zu töten, begehen die zur Befriedung Ochotas eingesetzten deutschen Verbände zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung. In Wola hingegen führen sie eine planmäßige Vernichtungs-Aktion durch. Da es ihnen nicht gelingt, die Altstadt in einem Schlag einzunehmen, beginnen die Deutschen mit der systematischen Zerstörung der Häuser. Die polnischen Positionen werden mit schweren Geschützen beschossen, unterstützt von Bombardierungen aus der Luft. Nach mehrtägigem Artilleriebeschuß holt der Feind am 19. August zum Sturm auf die belagerte Altstadt aus. Wiederholte Versuche der anderen Aufstands-Gruppen, dem umzingelten Stadtteil zur Hilfe zu kommen, enden in einem Fiasko. Nach langen und erbitterten Kämpfen nehmen die Deutschen schließlich am 2. September die letzte polnische Bastion in der Altstadt ein. Mit der neu angewandten Defensivtaktik haben die Aufständischen nur in der Innenstadt Erfolg. Am 11. August erobern sie den Staszic-Palast, am 20. August das gewaltige PASTGebäude in der Zielna-Straße und am 23. August die Heilige-Kreuz-Kirche und die PolizeiKommandantur in der Krakowskie Przedmieście-Straße. Die geringe Truppenstärke der Aufstands-Kämpfer in den übrigen Stadtvierteln macht es den Polen schwer, die Verteidigung zu verstärken und die effektive Zufuhr von Nachschub sicherzustellen. Die Aufständischen unternehmen zwei große Offensiv-Aktionen in Żoliborz: zwei Angriffe auf den Danziger Bahnhof in der Nacht vom 20. auf den 21. August und am 22. August sowie den Versuch, mit einem Durchbruch eine Verbindung von der Altstadt in die Innenstadt herzustellen (am 31. August). Die Aktionen scheitern, und die Aufständischen erleiden herbe Verluste. Als die blutigsten Kämpfe des Aufstands gehen diese drei Gefechte in die Geschichte ein. 16. Verwaltung 9 Der Aufstand bedeutet nicht nur die Chance zum offenen bewaffneten Kampf gegen den Okkupanten; auch der rechtmäßige Polnische Staat kann nach fast fünf Jahren Konspiration endlich öffentlich agieren. Mehr als zwei Monate lang arbeiten auf der viele Quadratkilometer großen Fläche der Hauptstadt die Institutionen einer freien und demokratischen Republik, eine freie Presse wird herausgegeben, die politischen Parteien nehmen ihre Arbeit auf und die zivile Verwaltung kann ihren Dienst tun. Die weiß-roten Flaggen mit dem gekrönten Adler – Symbole der polnischen Souveränität, die während der Okkupation verboten waren – kommen bereits in den ersten Augusttagen wieder zum Vorschein und lösen allgemeine Begeisterung aus. Unabhängig von Alter und Geschlecht schließen sich die Einwohner Warschaus mit großem Engagement der gemeinsamen Sache an. Jeder hilft mit, soweit er kann. Vom ersten Augenblick an melden sich die Warschauer in großen Massen zum Arbeitseinsatz, errichten aus eigener Initiative Barrikaden, versorgen die Kämpfer mit Lebensmitteln und betreuen Verwundete und Flüchtlinge aus anderen Stadtteilen. Tag für Tag treffen diese Hilfsbedürftigen im befreiten Teil Warschaus ein. Am 5. August übernimmt der Bezirks-Bevollmächtigte der polnischen Regierung für Warschau, Marceli „Sowa” Porowski, die vollständige Amtsgewalt über die Stadt. Dies bedeutet, dass alle Angelegenheiten, die nichts mit den Kampfhandlungen zu tun haben, ab sofort von der sich schnell entwickelnden Verwaltung beschlossen und beaufsichtigt werden. In nur wenigen Tagen organisiert sie die Betreuung für die Bevölkerung: Es werden Amtsstellen eingerichtet, die für die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und Wasser sowie für die Bereitstellung von Wohnraum verantwortlich sind. Sie koordinieren auch die Evakuierung von Zivilisten aus besonders gefährlichen Stadtvierteln. 17. Lebensmittel und Wasser Mit der Einquartierung und Ernährung der Zivilbevölkerung befassen sich die örtlichen Kommandanturen sowie der Fürsorge-Hauptrat (RGO), der eine sehr effektive Arbeit leistet. Anfangs können sich die Menschen in den zahlreichen Bäckereien und Feldküchen versorgen. Auch in ihren Häusern horten sie reichlich Lebensmittel- und Wasservorräte, die jedoch im Lauf der Zeit versiegen. Daraufhin ordnen die Behörden die genaue Registrierung und eine allgemeine Beschlagnahme aller Lebensmittelvorräte an, die sich in den Bezirken des Aufstands im Handel befinden. Als Hauptversorgungsquelle der Innenstadt dienen die Getreidevorräte aus den Lagerhallen der Brauerei „Haberbusch und Schiele” in der CegielnaStraße, die den Deutschen entrissen werden konnten. Umso mehr, als die Lebensmittelrationen von Tag zu Tag zusammenschrumpfen. Um den Bewohnern wenigstens eine warme Mahlzeit täglich zu sichern, bereiten die Aufstandsküchen die einfachsten Gerichte zu, zum Beispiel die populäre aus Gerste gekochte sogenannte „Spuck-Suppe”, in der noch die Getreidehülsen schwimmen, die beim Verzehr wieder ausgespuckt werden müssen. Ein weiteres Problem der kämpfenden Stadt ist der Wassermangel. Das Versorgungsnetz bricht bald zusammen, so dass vielerorts Brunnen gegraben werden, aus denen das Wasser fortan geschöpft wird, was mit einem hohen Risiko verbunden ist, denn die Schlangen wartender Menschen werden von den Deutschen oft bombardiert oder beschossen. 18. Religiöses Leben Der Glaube spielt in Warschau während des Aufstands eine ungeheuer wichtige Rolle. Das religiöse Leben der Stadt offenbart sich vor allem im riesigen Zulauf zu den heiligen Messen. Die Menschenmassen versammeln sich nicht nur in den von den Bombenangriffen verschont gebliebenen Kirchen, sondern auch in Feldkapellen, Krankenhäusern, Kellern oder vor den 10 kleinen Hinterhof-Kapellen. Die Menschen beten und singen das Lied „Boże coś Polskę...”. Priester spielen in diesen Tagen eine herausragende Rolle. Eine Erlaubnis des Papstes stellt jedem Kaplan frei, an einem Tag nicht nur eine, sondern drei Messen zu feiern. Der Geistliche ist während des Aufstands täglich auf Beerdigungen von Gefallenen und Getöteten zugegen, über die er eine Liste führt; er nimmt Beichten ab, und hin und wieder kommt auch eine Taufe oder eine Hochzeit hinzu. Im Alltag der kämpfenden Stadt ist die Religion die Quelle geistlicher Stärke, die vielen Menschen hilft, die Tragödie zu ertragen, die sich tagtäglich vor ihren Augen abspielt. 19. Das Kulturleben Trotz täglicher Greueltaten und Gewalt geht das kulturelle Leben in der aufständischen Stadt weiter. Die Massenpresse informiert nicht nur über die täglichen Ereignisse, sondern veröffentlicht auch Gedichte, die den Aufstand zum Thema haben. Viele berühmte Persönlichkeiten aus dem Kulturleben der Vorkriegszeit schreiben Beiträge für die Zeitungen, darunter die Märchenschriftstellerin Maria Kownacka sowie die Dichter der jungen Generation: Tadeusz Gajcy, Zdzisław Stroiński und Józef Szczepański. In den von den Soldaten besuchten Wirtshäusern werden Theaterstücke und Konzerte dargeboten. In Powiśle führt das Puppentheater „Marionetten auf den Barrikaden” seine Stücke auf. Seine Nachbildung konnten Sie im Saal des Kindersoldaten sehen. Außerdem gehen in der zweiten Augustwoche die beiden Aufstands-Rundfunksender „Błyskawica” und „Polskie Radio” auf Sendung, die mit ihrem Programm dazu beitragen, Kampfgeist und Gefechtsbereitschaft aufrechtzuerhalten. 20. Das Gemetzel von Wola Auf die ersten Nachrichten vom Ausbruch des Warschauer Aufstands reagiert die Führungsspitze des Dritten Reiches mit Wut und Rücksichtslosigkeit. Bei der Übergabe von Hitlers Befehl zur Vernichtung der Stadt fügt Reichsführer SS Heinrich Himmler hinzu: „Jeder Einwohner ist zu töten, es dürfen keine Gefangenen gemacht werden. Warschau soll dem Erdboden gleich gemacht werden, als abschreckendes Beispiel für ganz Europa.” Dieser Befehl wird von den Deutschen schon in den ersten Augusttagen überaus penibel umgesetzt... Die Offensive, mit der die Deutschen die Rückeroberung zweier Warschauer Hauptdurchgangsstraßen erreichen wollen, beginnt am 5. August. Diese Militäroperation führt eine Gruppe unter dem Befehl von SS-Gruppenführer und Polizeigeneral Heinrich Reinefarth aus. Ihr gehören insbesondere Verbände der russisch-ukrainischen Brigade RONA von Waffen-Brigadeführer Bronisław Kamiński an sowie aus Kriminellen rekrutierte Truppeneinheiten, die von SS-Standartenführer Oskar Dirlewanger befehligt werden. Die Massenexekutionen in Wola und Ochota – eines der größten deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg – kommen einem Völkermord an der Warschauer Zivilbevölkerung gleich. Seit den ersten Momenten des Aufstands werden die in den verschiedenen Stadtteilen gefangen genommenen Heimatarmee-Soldaten und nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Zivilisten gleichermaßen hingerichtet. Die planmäßige Vernichtung der polnischen Bevölkerung beginnt am 5. August, dem sogenannten schwarzen Samstag, dem Tag, an dem die Deutschen nach Vergewaltigungen und beispiellosen Häuserplünderungen einen systematischen Massenmord an den Einwohnern Wolas begehen. Schätzungen zufolge kommen in diesem einen Stadtteil über 40000 Männer, Frauen und Kinder durch deutsche Hände ums Leben. Die Exekutionen weiten sich aus auf Krankenhäuser, Fabriken und Hinterhöfe von Wohnhäusern. Schon bald geht den Deutschen die Munition aus. Während eines Gesprächs am Abend stellt General Reinefarth dem Befehlshaber der 9. Armee, General 11 Nicolaus von Vormann, die Frage: „Was soll ich mit den vielen Festgenommenen machen? Ich habe mehr Häftlinge als Munition.” Der Massenmord an Zivilisten setzt sich noch einige Tage fort, nur ein wenig vermindert durch den Plan, die festgenommenen Menschen zur Zwangsarbeit einzusetzen. Dennoch gehen die Massenexekutionen in den von den Deutschen besetzten Warschauer AufstandsLazaretten bis zum Ende der Kämpfe weiter. Mehrfach kommen auch Zivilisten, insbesondere Frauen, ums Leben, indem sie von der SS als lebende Schutzschilder vor den Panzern hergetrieben werden, während sie auf die Barrikaden der Aufständischen zusteuern. Die festgenommenen Aufstands-Soldaten werden jedoch in der Regel an Ort und Stelle von den Deutschen erschossen. Die Verlautbarung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten vom 29. August, in der die Heimatarmee zu einem Bestandteil der alliierten Streitkräfte erklärt und ihren Soldaten Kombatanten-Status zugesprochen wird, verbessert die Lage der polnischen Gefangenen nur unwesentlich. Nach dem Krieg werden die sterblichen Überreste der über 100000 Warschauer Bewohner, die vor allem während der Befriedung des Stadtteils Wola ermordet wurden, ebendort in einem Sammelgrab bestattet. Bis heute erinnert das Denkmal der „Unbezwungenen Gefallenen” an diesen Ort. Während der Wiederausgrabung der hingerichteten Menschen werden spezielle Protokolle mit den persönlichen Daten der Exhumierten erstellt, die zum Beispiel Auskunft über deren Bekleidung oder die erlittenen Verletzungen geben. Wie Sie sehen, sind diese Informationen in den meisten Fällen sehr bescheiden – Opfer von Völkermord bleiben für immer anonym... 21. Abwürfe aus dem Flugzeug Unmittelbar nach dem Ausbruch des Warschauer Aufstands beginnt die polnische Exilregierung, Hilfe für die kämpfende Stadt zu organisieren und fordert allem voran den sofortigen Einsatz von Hilfsflügen. Über Warschau sollen Waffen, Munition, Lebensmittel und Verbandsmaterial abgeworfen werden. Die polnische Regierung bittet die Alliierten auch um Unterstützung für die Soldaten der polnischen Fallschirmspringer-Brigade unter General Stanisław Sosabowski und schlägt den Kampinoski-Wald als Ort für eine Truppenlandung vor. Zudem ersucht sie die Alliierten, mit der Bombardierung festgelegter Ziele zu beginnen. Auf Drängen der polnischen Seite gibt der britische Premier Winston Churchill am 3. August die Anweisung, die Hilfsgüter-Abwürfe für Warschau einzuleiten. Erheblich erschwert wird die Hilfe aus der Luft durch Stalin, der die Landung alliierter Flugzeuge auf sowjetischen Flugplätzen zum Ziel von Hilfsflügen nicht genehmigt. Die Flugstrecke von Italien beträgt etwa 1500 Kilometer, der Rückflug muss also noch an demselben Tag angetreten werden, denn im Luftraum über Ungarn und Jugoslawien patrouillieren deutsche Jagdflugzeuge. Nachtflüge über Warschau sind genauso gefährlich, weil ein Großteil der Trasse über vom Feind besetzte Gebiete führt. Die starke deutsche Luftabwehr funktionierte schon damals radargestützt, wodurch auch nachts zielgenau geschossen und Jagdflugzeuge auf die alliierten Maschinen angesetzt werden konnten. Trotz der Vorbehalte der britischen Führung starten in der Nacht vom 4. auf den 5. August in Brindisi die ersten Flugzeuge mit Hilfslieferungen für Warschau. Die Flüge gehen jedoch mit hohen Verlusten einher. Von den italienischen Stützpunkten aus fliegen nicht nur polnische Piloten in Richtung Warschau, sondern auch Britisch-Kanadier, Südafrikaner und Neuseeländer. Vom 4. August bis 21. September brachen insgesamt 196 Flugzeuge zu Hilfsflügen auf. Stalins Nein zur Landung auf der sowjetischen Frontseite machte Flüge des amerikanischen Flugzeugtyps B-17, den sogenannten fliegenden Festungen, unmöglich. Erst 12 am 18. September, nachdem Stalin endlich seine Landeplätze freigibt, können sie Warschau anfliegen. 110 riesige Flugzeuge starten von vier Flughäfen in Großbritannien aus und nehmen Kurs auf Warschau. Der Anflug eines derart mächtigen Geschwaders über der Stadt – und das auch noch zur Mittagszeit – löst sowohl bei den Aufständischen als auch bei der Zivilbevölkerung einen Enthusiasmus aus, der nur schwer zu beschreiben ist. Leider schlug die große Freude schnell in eine tiefe Verzweiflung um, denn die überwiegende Mehrzahl der abgeworfenen Behältnisse gingen außerhalb der aufständischen Stellungen zu Boden: von insgesamt 1284 konnten die Polen gerade einmal 228 bergen. So endet die erste und letzte amerikanische Flugmission nach Warschau. In der Endphase des Aufstands, vom 13. September bis 1. Oktober, kommen auch sowjetische Flugzeuge der kämpfenden Stadt zur Hilfe. Die Sowjets werfen ihre Hilfsfracht aus geringer Höhe ohne Fallschirme ab. Das von den Aufständischen so dringend benötigte Gerät wird dadurch entweder völlig zerstört oder kommt teilweise zu Schaden und ist somit nicht mehr zu gebrauchen. Es ist nur eine Hilfe zum Schein, die erst deshalb zu so einem späten Zeitpunkt geleistet wird, um die eigenen Verluste so gering wie möglich zu halten. Dieses Kalkül legt die politischen Gründe der langen sowjetischen „Neutralität” deutlich offen. 22. Das Lazarett der Aufständischen Der Warschauer Aufstand soll aller Voraussicht nach nur wenige Tagen dauern. Die Ereignisse der ersten Tage bestätigen allerdings die Vorahnung der polnischen Führung. Die Kämpfe ziehen sich in die Länge und die Zahl der verletzten Aufständischen und Zivilisten steigt von Tag zu Tag. In dieser Situation müssen unbedingt neue medizinische NothilfeStationen und Lazarette für die verwundeten Aufstands-Kämpfer hergerichtet werden. Eine große Bedeutung kommt in diesen Tagen den Stadtbewohnern zu. Die Warschauer stiften Medikamente, Verbandsmaterial, Betten, Lebensmittel und helfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die Polen müssen in den Aufstands-Lazaretten einen heldenhaften Kampf um ihr Leben führen, während der Feind dort grausamste Kriegsverbrechen verübt. Ein Beispiel ist die Geschichte des Krankenhauses der Elisabeth-Schwestern in Mokotów, das am 29. August nach zweistündigem Artilleriebeschuß und Bombenangriffen vollständig zerstört wird, wobei die Mehrheit des Pflegepersonals und der Patienten mit in den Tod gerissen werden. An jedem Tag des Aufstands ist das Krankenhaus deutlich sichtbar mit Flaggen des Roten Kreuzes gekennzeichnet... Die Deutschen erobern die Aufstands-Lazarette zumeist im direkten Angriff. Ihr Geschrei und der laute Hall ihrer Schritte werden nur noch von den Schußserien aus ihren Maschinengewehren übertönt – es sterben Patienten und Krankenschwestern – weit nach vorn übergeneigt bleiben sie tot auf den Verwundeten liegen. Warschau weiß von den Verbrechen, doch trotz der drohenden Gefahr verharren Ärzte und Krankenschwestern bis zum Schluß auf ihrem Posten und widmen sich hingebungsvoll ihren Patienten. Noch auf dem Schlachtfeld oder in seiner unmittelbaren Nähe leisten die Sanitäterinnen der verschiedenen Kampfgruppen erste Hilfe – vom Gegner unter Feuer genommen versorgen sie die Verwundeten, die sie mit ihrem eigenen Körper schützen und dadurch nicht selten zum Ziel der Kugeln werden. Sie geleiten die Schwerverletzten zur nächste Nothilfe-Station oder ins Lazarett, und bisweilen müssen sie selbst die schweren Tragen heben. Dort werden die Kriegsopfer von Ärzten operiert, oft unter unwahrscheinlich schweren Bedingungen und nicht selten – unter Beschuß. Es wird geschätzt, dass während der zweimonatigen Kämpfe über 10000 Personen in den Aufstands-Lazaretten stationär behandelt wurden, noch mehr Patienten erhielten dort 13 medizinische Soforthilfe. In den Versorgungs-Stützpunkten und Lazaretten arbeiten mit größtem Einsatz über 500 Ärzte, denen ein Heer von Krankenschwestern und Sanitäterinnen zur Seite steht. Dass Warschau vor Epidemien verschont bleibt, ist nicht zuletzt ihrer Arbeit zu verdanken. Ihr Kampf an einer der schwersten Fronten gilt aber vor allem der Rettung von Menschenleben. 23. Das Kino „Palladium” Wir befinden uns in der Złota-Straße 7/9, im Kino „Palladium”. Auf Initiative des Büros für Information und Propaganda werden dort während es Aufstands drei Filmchroniken mit dem Übertitel „Warschau kämpft” ausgestrahlt. Bevor wir uns Ausschnitte der Chroniken ansehen, noch ein paar Worte zur Geschichte ihrer Entstehung. Im Frühjahr 1940 wird innerhalb der Vereinigung des Bewaffneten Kampfes, der Vorgängerorganisation der Heimatarmee, das Büro für Information und Propaganda ins Leben gerufen. Zu seinen Aufgaben gehört es, die polnischen Gesellschaft über die Tätigkeit der Regierung und des Polnischen Untergrundstaates zu unterrichten und sie über die tatsächliche Lage an den Fronten aufzuklären. Außerdem soll es den Willen zu Widerstand und Kampf gegen den Aggressor aufrecht erhalten. Die polnische Führung ist sich darüber im klaren, welch ungeheuer wichtige Rolle das Büro als Dokumentationszentrum spielt. Sie ahnt, dass das vom Polnischen Untergrundstaat gesammelte Material nach dem Krieg als Beweismittel für die Verbrechen der Besatzer von großer Bedeutung sein wird. 1942 wird im Büro für Information und Propaganda eine Abteilung mit dem Decknamen „Rój” eingerichtet, die den Aufstand dokumentarisch und propagandistisch unterstützen soll. Filmteams, Fotoreporter, Radioredakteure, Journalisten, Schriftsteller und sogar Künstler werden von „Rój” ausgebildet, das zudem über die nötigen Ausrüstungen und Materialien verfügt. Dank der guten Vorbereitung ziehen am 1. August 1944 viele für die Arbeit unter Kampfbedingungen geschulte Kriegsberichterstatter und Kameraleute mit an die Front. Die Filmer stellen den Warschauer Aufstand auf 30000 Metern Filmband dar, aus dem Wacław Kaźmierczak und seine beiden Regisseuren Antoni „Wiktor” Bohdziewicz und Jerzy „Pik” Zarzycki einige Chroniken zusammenschneiden. Am Abend des 15. August findet im Kino „Palladium” die erste öffentliche Filmvorführung statt. Der Saal ist randvoll gefüllt – sowohl mit Militärs als auch mit den Bewohnern der umliegenden Häuser. Vertreter der Aufstandspresse sind ebenfalls anwesend. Die zweite und dritte Chronik werden am 21 August bzw. am 2. September gezeigt. Nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands gelingt es dem legendären Kurier Jan Nowak-Jeziorański, einen Großteil der Filmbänder aus Warschau herauszuschmuggeln, die in den vierziger Jahren für den Film Last days of Warsaw verwendet wurden, der später in den Kinos der USA und anderen westlichen Ländern lief. 1946 kann ein zweiter Fund mit Filmmaterial geborgen werden, das während des Aufstands in einem zugelöteten Kanalrohr versteckt wurde. Aus den erhaltenen gebliebenen Filmen entstand eine kurze Chronik aus jenen Tagen, die wir Ihnen gerne zeigen möchten. 24. Die Altstadt Nach Verlassen des Kinosaals gelangen wir direkt in die von Bränden erfasste Altstadt. Nach mehreren Tagen ständigen Beschusses, Bombardierungen und hartnäckigen Sturmangriffen des Gegners gibt es in der Altstadt kein einziges unzerstörtes Haus mehr. Die Lage der Aufständischen verschlechtert sich von Tag zu Tag. Der Versuch eines Durchbruchs 14 durch die deutschen Absperrungen bleibt erfolglos. Es gibt nur einen Ausweg aus der Umzingelung: den unterirdischen. Die Evakuierung erfolgt über zwei Kanäle: einen Hauptkanal mit Zugang vom Krasińskich-Platz und einen Nebenkanal, in den man in der Daniłowiczowskiej-Straße hinabsteigen kann. Die meisten Aufständischen arbeiten sich bis in die Innenstadt vor, mehrere Hundert entsteigen dem Kanal in Żoliborz. Innerhalb von zwei Tagen entkommen über 5000 Heimatarmee-Soldaten der Umzingelung durch die Kanäle. 25. Der Kanal Wie die Aufständischen vom 1. und 2. September folgen wir dem Kanalweg in die Innenstadt, der 1944 mit annähernd 2 Kilometern unvergleichlich länger war als heute. Für den Durchgang benötigt man etwa 4 Stunden. Die unterirdische Reise vollzieht sich unter entsetzlichen Bedingungen – die Kanalschächte sind wesentlich niedriger als unsere Nachbildung hier im Museum, die Aufständischen müssen durch giftigen Schmutz waten, es ist dunkel und die Angst geht um, von den Deutschen, die an den Einstiegsluken lauern, aufgespürt zu werden. Trotz aller Hindernisse gelingt die Räumung der Altstadt. Ein tragisches Schicksal ereilt jedoch die Soldaten von Oberstleutnant Józef „Karol” Rokicki am 26. September bei ihrem Versuch, Mokotów zu verlassen. Widersprüchliche Befehle, giftige Abwässer und deutsche Angriffe von oben bringen vielen Soldaten aus Mokotów während der Kanal-Durchquerung den Tod. Nur 800 Aufständische erreichen restlos erschöpft das Ziel. 26. Die Kanalmündung Nie zuvor wurde in kriegerischen Auseinandersetzungen eine städtische Kanalisation in ihrer Funktion als Ausweg so ausgiebig genutzt wie im Warschauer Aufstand. Das im 19. Jahrhundert nach einem Projekt des englischen Ingenieurs William Lindley geschaffene Warschauer Abwassersystem unterläuft fast die ganze Stadt. Mit ihrer Durchquerung des Abschnitts von der Innenstadt nach Mokotów in der Nacht vom 5. auf den 6. August stellt Elżbieta „Ela” Ostrowska eine feste Verbindung aller Stadtteile an das Kanalnetz her. Mittels dieser unterirdischen Korridore werden Verbindungen zwischen den einzelnen Kampfherden geschaffen, außerdem dienen sie als Transportwege zur Belieferung der Munitions- und Lebensmitteldepots und als Trasse für die Evakuierung der vom Feind abgeschnittenen Kampfeinheiten, Zivilisten und Verletzten. Rasch statten die Aufständischen die wichtigsten Streckenabschnitte für den unterirdischen Transportverkehr aus, – vielerorts verlegen sie den Boden mit Brettern, spannen Seile an die Wände und markieren den Weg mit Lichtzeichen, um die Marschroute anzuzeigen. Für den reibungslosen Verkehr in den Kanälen sind speziell ausgebildete Gruppen von Meldegängerinnen, die „Kanalfrauen”, verantwortlich oder auch junge Buben, zum Beispiel der Trupp der „Kanalratten”. Solange der Feind nicht weiß, welch lebendiger Verkehr auf den unterirdischen Trassen herrscht, sind die Kanäle der sicherste Weg. Mitte August jedoch beginnen die Deutschen mit ihrer Zerstörung. Sie blockieren die Durchgänge mit Eisensperren, mauern die Tunneleingänge zu, fluten die Kanäle oder leiten Gas hinein. Manche Kanalläufe werden mit sprengstoffbelandenen Fahrzeugen, den sogenannten Taifunen, zum Einsturz gebracht. 27. Die Cafeteria In unserer Cafeteria können Sie sich ausruhen, begleitet von Liedern aus der damaligen Zeit eine Stärkung zu sich nehmen und sich dabei in die Lektüre der Aufstands-Presse oder 15 aktueller Tageszeitungen vertiefen, unter den Blicken bekannter Schauspieler von damals, deren Fotografien die Wände bedecken. Der gesamte Innenraum wurde dem Caféhaus „Pół Czarnej” („Halbschwarz”) in der Kredytowa-Str. 6 nachempfunden, das im Dezember 1939 seine Pforten öffnete und während der Okkupation als beliebter Künstler-Treffpunkt bakannt war. An vielen Punkten der Hauptstadt, hauptsächlich in der Innenstadt, richten die sogenannten „Peżetki”, Ausbilderinnen von der Vereinigung „Soldatenhilfe”, provisorische Gasthäuser und Küchen sowie Gemeinschaftsstuben für Soldaten her. Jede dieser Einrichtungen wird von etwa 6 bis 9 „Peżetki” betrieben, die den Kämpfenden Mahlzeiten zubereiten und versuchen, ihnen etwas Kultur und Erholung zu bieten. Hier gibt es Rundfunkempfänger und Grammophone mit Schallplatten und die neuesten Aufstands-Zeitungen. Diese von den „Peżetki” betriebenen Lokale erfreuen sich hoher Beliebtheit, gewähren sie doch den Heimatarmee-Soldaten aus vorderster Front für wenige Augenblicke Ruhe und das Gefühl eines normalen Lebens. Fast während der ganzen Kampfphase verbringen die Aufständler ihre freie Zeit in den Gasthäusern, spielen Schach oder Dame, singen oder improvisieren am Klavier. Unter der Schirmherrschaft des Büros für Information und Propaganda finden im kämpfenden Warschau regelmäßig Konzerte statt, die große Popularität genießen und fast allerorten zur Aufführungen kommen: auf Hinterhöfen, in Kellern, Lazaretten und in den soldatischen Gemeinschaftsräumen. Viele bekannte Namen der Vorkriegsbühnen, wie Mira Zimińska, Adam Brodzisz oder Hanna Brzezińska bieten ihren Zuschauern während des Aufstands Unterhaltung und Ablenkung und ziehen damit riesige Publikumsscharen an. Einer der seinerzeit bekanntesten Künstler, Mieczysław Fogg, erinnert sich an seine Auftritte: „Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt mit Jungen und Mädchen. Die jungen Männer präsentierten ihre Gewehre oder Maschinenpistolen, und an ihren Gürteln hingen Granaten. Wieviele Sänger auf der Welt haben schon so ein Publikum?” 28. Das Lubliner Polen Als in Warschau der Aufstand losbricht, beginnt in Lublin die Regierungszeit des Polnischen Komitees zur Nationalen Befreiung (PKWN). Diese von den Sowjets abhängige, illegale kommunistische Quasi-Regierung führt ihre Geschäfte von Juli bis Dezember 1944 auf dem Territorium der Wojewodschaften Lublin, Białystok und Rzeszów sowie in einem Teil des Warschauer Gebiets. Die Haltung der thronräuberischen Machthaber gegenüber den Kämpfen in der Hauptstadt ist eindeutig. Am 20. August lassen sie verlauten: „In der wahren Absicht seiner Urheber sollte sich der Warschauer Aufstand nicht gegen die Deutschen, sondern gegen das PKWN, gegen die polnische Demokratie richten, mit dem Ziel, in Warschau eine Regierung der polnischen Reaktion einzusetzen und diese zur Regierung der ganzen Nation zu ernennen.” Diese Resolution bestätigt nicht nur die bisherige Vorgehensweise des PKWN, sondern zeichnet auch deutlich die Linie des künftigen brutalen Kampfes der Kommunisten vor – gegen die Ideale des Warschauer Aufstands ebenso wie gegen den Polnischen Untergrundstaat. Unter dem Diktat der Sowjetunion betreibt das PKWN mit seinem Vorsitzenden Edward Osóbka-Morawski vom ersten Regierungstag an eine gegen das demokratische Polen gerichtete Politik. Am 26. Juli, fünf Tage nach der Einberufung des PKWN, wird in Moskau ein Abkommen unterzeichnet, dem gemäß sich die polnischen Bürger „in einer Zone kriegerischer Auseinandersetzungen” befänden und somit der Rechtssprechung der sowjetischen Militärregierung unterlägen! 16 Die Resultate lassen nicht lange auf sich warten: Bald darauf werden Tausende Soldaten und Funktionsträger des Polnischen Untergrundstaates verhaftet und in die Sowjetunion nach Ostaschkow, Borowitsche und Rjasan deportiert. Dabei stützen sich die Sowjets auf Listen, die zuvor von ihrem Geheimdienst angelegt wurden. Einen Tag nach der Verabschiedung des Abkommens über die gegenseitigen Beziehungen unterzeichnet die PKWN-Führung ebenfalls in Moskau mit der Sowjetregierung eine geheime Übereinkunft zum Verlauf der polnisch-sowjetischen Staatsgrenze in Anlehnung an die sogenannte Curzon-Linie. Ohne jegliche gesellschaftliche Befugnis bestätigt die selbsternannte Regierung somit den Ribbentrop-Molotow-Pakt und tritt den Sowjets die Hälfte des Gebiets ab, das vor dem Krieg zu Polen gehörte! Parallel zu ihrer gegen die polnische Nation gerichtete Politik beginnt die PKWN-Führung mit Hilfe von NKWD und SMIERSZ die „Volksherrschaft” in den besetzten Gebieten zu konsolidieren. Nach dem Einmarsch der Roten Armee behalten viele Orte aus der deutschen Besatzungszeit, an denen polnische Bürger gefoltert wurden, ihre bisherige Funktion. Das Lubliner Schloß, bis Juli 1944 ein Gefängnis für verschärfte Haft unter deutscher Aufsicht, ist dafür ein markantes Beispiel. Im August wechseln nur die Henker, das Schloß hingegen bleibt eine Haftanstalt – von jetzt an eine kommunistische. Selbst die Gefangenen bleiben dieselben: Bis April 1945 sterben hier über 100 Offiziere und Soldaten der Heimatarmee aus dem Raum Lublin. Trotz ihrer breit angelegten Verschleppungs- und Verfolgungsaktionen bauen die Machtaneigner ihren Propaganda-Apparat weiter aus. Zum wichtigsten Sprachrohr des PKWN wird die von Jerzy Borejsza zum Zweck der Agitation für Partei und System gegründete Tageszeitung „Rzeczpospolita”. Zur gleichen Zeit erscheinen an den Häuserwänden Botschaften ans Volk sowie Plakate, auf denen ein „Riese und der bespuckte Zwerg der Heimatarmee-Reaktionäre” abgebildet sind, wobei den Riesen ein kommunistischer Soldat der polnischen Armee darstellt. Ein weiteres Plakat lautet: „Heimatarmee – Brudermörder”. Die kommunistischen Abtrünnigen versuchen, Normalität vorzutäuschen – sie eröffnen Eisenbahnlinien, feiern den Beginn des neuen Schuljahres und erteilen sogar der Katholischen Universität Lublin die Erlaubnis, ihren Lehrbetrieb wieder aufzunehmen, als „Gegengewicht” zur „linientreuen” Maria Curie-Skłodowska-Universität, einer neuen Hochschule, die erst kürzlich auf Betreiben des PKWN in der vorläufigen Hauptstadt gegründet wurde. Bis 1989 werden die Tatsachen über die Arbeit des PKWN ebenso eifrig verfälscht wie die Wahrheit über den Warschauer Aufstand und die Schicksale Hunderttausender ehrbarer Polen. Als außerordentlich wirksame Waffe der kommunistischen Propaganda erweist sich die in den sechziger Jahren nach einem Drehbuch von Janusz Przymanowski – dem Literaten in Uniform – gedrehte Fernsehserie „Czterej pancerni i pies” („Vier Panzerfahrer und ein Hund”), die das historische Bewußtsein der jungen Generationen in den Folgejahrzehnten entscheidend prägt. Die Serie zeigt eine präparierte kommunistische Geschichtsversion des Zweiten Weltkriegs, beschränkt auf die Kämpfe der Berling-Armee und der „Volksmacht” an der Seite gutwilliger Soldaten (Sołdat lautet auch die verächtliche Bezeichnung für den sowjetischen Soldaten). Der Autor lässt in seinem Drehbuch den Polnischen Untergrundstaat, die Heimatarmee und die polnische Exilregierung außer Acht und benennt nicht die Hintergründe für die hohe Anzahl von Polen in den Tiefen Russlands. Er verschweigt auch die besonderen Umstände, unter denen sich das Drama am linken Weichselufer Warschaus zugetragen hat. 29. Die Berling-Truppen Im Mai 1943 formiert sich in der Sowjetunion auf Initiative Stalins die 1. TadeuszKościuszko-Infanteriedivision unter dem Befehl von Oberst Zygmunt Berling, der später zum 17 Brigadegeneral aufsteigt. Die Nachricht von der Aufstellung einer polnischen Einheit zieht von überallher Freiwillige an. Dabei handelt es sich vorwiegend um Polen, die von 1939-41 aus den polnischen Ostgebieten in die Sowjetunion verschleppt und dort in Gefängnisse und Lager gesperrt wurden. Die neue Armee ist für sie praktisch die einzige Chance, der sowjetischen Hölle zu entkommen und zurück in die Heimat zu gelangen. Die Soldaten der Berling-Division tragen polnische Uniformen und Kokarden in Form des polnischen Adlers. Hier gibt es sogar einen polnischen Seelsorger – Franciszek Kubsz – der von einer sowjetischen Partisanin entführt und über verschlungene Wege nach Sielc verbracht wurde. Leider besteht der gesamte Offiziersstab nur aus sowjetischen Offizieren. Ihre Feuertaufe erlebt die Division mit hohen Verlusten am 12. und 13. Oktober 1943 in der Schlacht bei Lenino. Ein knappes Jahr darauf stehen ihre polnischen Soldaten aus der 1. Armee der Polnischen Streitkräfte schon an der Weichsel. Der Ausbruch der Kämpfe in Warschau im August 1944 beunruhigt Stalin. Es ist dem sowjetischen Diktator klar, dass der Aufstand nicht nur der politischen Absicht dient, die Stärke der Heimatarmee zu demonstrieren, sondern zum Ziel hat, aus eigener Kraft die polnische Hauptstadt freizukämpfen und die Macht im vom Okkupanten befreiten Land zu übernehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach beschließt er, es nicht dazu kommen zu lassen. Er läßt die Offensive im Westen stoppen und dafür verstärkt den Balkan angreifen. Am 8. August lehnt er einen von Militärs ausgearbeiteten Plan zur Einnahme Warschaus ab und wartet stattdessen 5 Wochen auf den Zusammenbruch der Stadt. Die anfangs vermutete schnelle Niederlage der Aufständischen bewahrheitet sich jedoch nicht – die Kämpfe in Warschau dauern an. Es kann nur angenommen werden, dass sich Stalin nicht des Vorwurfs der Tatenlosigkeit aussetzen wollte, als er Anfang September eine begenzte Offensive gegen Warschau befiehlt. Der Angriff wird ausgeführt von Truppenteilen der 1. Weissrussischen Front. Die Kämpfe um Praga, den Stadtteil rechtsseits der Weichsel, beginnen am 10. September. Trotz des verbissenen Widerstands der Deutschen ist Praga am 15. September befreit. Es gibt nun kein Hindernis mehr, den aufständischen Einheiten auf direktem Wege zu helfen. General Berling weiß, dass seine Truppen nicht in der Lage sind, selbständig auf das linke Weichselufer überzusetzen. Dennoch gibt er den Befehl, weiter vorzurücken – allerdings mit Hilfe der Warschauer Kämpfer. Als Strafe für diese Entscheidung wird ihm bald darauf die Truppenführung entzogen. In den Tagen der Flußüberquerung errichten die polnischen Truppen drei Brückenköpfe am linken Weichselufer: in Czerniaków, Żoliborz und zwischen der Poniatowski- und Średnicowy-Brücke. Am längsten dauern die Kämpfe am Czerniakowski-Brückenkopf, wo sich zwei Bataillone der 3. Infanterie-Division mit den Verbänden der Aufständischen zusammenschließen. Die Deutschen werfen ihnen gewaltige Kräfte entgegen. Ohne ArtillerieUnterstützung ist die Zerschlagung der polnischen Verbände nur noch eine Frage der Zeit. 30. 108 Gesegnete Für die Aufständler und Warschauer Zivilisten stellen die Tage des Kampfes manchmal eine besondere Prüfung dar – ins heldenhafte Aufbegehren schleichen sich auch Augenblicke des Zweifels, des Entsetzens und der Ratlosigkeit. Dem Grauen des Krieges, der Hilflosigkeit des Geistes und dem Leid stellen sich die Geistlichen entgegen, die die Kämpfer seit den ersten Aufstandstagen als Kaplane begleiten und den Zivilisten mit beispiellosem Mut Schutz gewähren. In Powiśle bleibt der Dominikaner-Priester Jan Czartoryski, genannt „Vater Michał”, als Kaplan der Gruppierung „Konrad” bis zum Schluß in der Nähe der Verletzten, die alle zusammen am 6. September während des deutschen Überfalls auf das Krankenhaus erschossen werden. Der Kaplan der Gruppierung „Kryska”, Józef „Rudy” Stanek, muss 18 seinen Verhandlungsversuch mit dem Ziel, die in Czerniaków überlebenden Zivilisten und Aufständischen zu retten, mit dem Leben bezahlen. Er wird von deutschen Soldaten ermordet. Beide Priester werden 1999 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen und finden Einzug in den Kreis der geistlichen Märtyrer Polens – 108 Gesegnete, die von den Gläubigen verehrt werden. Seit 2004 ist Priester Stanek der Schutzheilige der Kapelle des Museums des Warschauer Aufstands. 31. Kampffahrzeuge im Aufstand Der Mangel an Waffen ist seit den ersten Momenten des Aufstands das größte Problem der polnischen Verbände. Einige können dem Feind abgenommen werden, andere wurden im Rahmen der Hilfsflüge über Warschau abgeworfen. Die meisten jedoch stellen die Aufständischen in ihren eigenen Werkstätten her, wo sie ihre konspirative Arbeit fortsetzen, die sie schon während der Okkupation begonnen haben. Zum Waffenaufgebot der Aufständischen gehören auch Kampffahrzeuge – erbeutete oder selbst hergestellte. Auf dem Hof des Postgebäudes reparieren sie einen „Chwat” („Draufgänger”) genannten Panzerwagen. Zwei von den Soldaten des Bataillons „Zośka” erbeutete Panzer des Typs „Panther” kommen in einigen Kampfaktionen zum Einsatz. Während zweier Angriffe auf die Universität finden die Aufständischen Deckung im „Szary Wilk” („Grauen Wolf”), einem zuvor „Jaś” genannten gepanzerten Transporter, den Soldaten der Heimatarmee-Gruppierung „Krybar” dem Feind entreissen konnten. In dieser Aktion kommt auch der mit Stahlplatten verkleidete Kampfwagen „Kubuś” zur Anwendung, den eine Gruppe von „Krybar” -Technikern auf das Fahrgestell eines Lastwagens der Marke Chevrolet montierten. Der in Powiśle geborgene „Kubuś” ist im Muzeum Wojska Polskiego (Polnischen Militärmuseum) ausgestellt, für das Museum des Warschauer Aufstands wurde jedoch eine Nachbildung konstruiert. 32. Stalin, Wasilewska, Mikołajczyk Am 30. Juli 1944 reist der Premierminister der polnischen Exilregierung, Stanisław Mikołajczyk, nach Moskau. In einer Unterredung im Kreml am 3. August informiert er Stalin in über den Beginn des Warschauer Aufstands und bittet um Hilfe. Stalin legt sich auf keinen eindeutigen Standpunkt fest und wirft der Heimatarmee vor, sich im bisherigen Kampf gegen die Deutschen nicht genügend eingesetzt zu haben. In einem zweiten Gespräch am 9. August bittet der polnische Premier Stalin, die Aufständischen unverzüglich mit Waffen zu beliefern. Daraufhin kündigt Stalin Hilfe an, was sich jedoch bald darauf als leeres Versprechen erweist. Beifall für seine Haltung erhält Stalin von den restlichen ihm zu Diensten stehenden polnischen Kommunisten, die sich im Schutz sowjetischer Bajonette bereitmachen, die Macht in den von der Roten Armee besetzten polnischen Gebieten zu übernehmen. Die Repräsentantin dieser Gruppe, Wanda Wasilewska, behauptet in ihrem Gespräch mit Premier Mikołajczyk, dass es in Warschau überhaupt keine Kämpfe gäbe. Diese Unterredung erfolgt am 6. August 1944, als sich der Großteil der Stadt mit seinem höchsten Gebäude, dem Prudential sowie dem Kraftwerk und der Hauptpost bereits seit einigen Tagen in der Hand der Aufständischen befindet. Der polnische Radiosender „Burza” strahlt täglich seine Meldungen aus und die Pfadfinder-Feldpost hat auch schon ihren Betrieb aufgenommen. 33. Nachrichtenübermittlung Während der Vorbereitungen auf den Aufstand wird besondern Wert auf die Herstellung einer leistungfähigen Nachrichtenübermittlung gelegt. Fernmelde-Fachleute werden ausgebildet, die Technik herangeschafft und detaillierte Pläne entwickelt. Die ersten 19 Kampftage zeigen jedoch bereits, wie verschwindend gering die Erfolge der Nachrichtenabteilungen sind, gemessen am riesigen Aufwand der Vorbereitung. Teilweise versagen die Geräte, außerdem zerstören die deutschen Verbände viele Nachrichtenbunker und Schaltstellen. In dieser Situation kann die Verbindung in fast ganz Warschau nur durch den opfervollen Einsatz der jungen Boten und Meldegängerinnen aufrecht erhalten werden, die durch die schützenden Wände der Barrikaden hindurchschlüpfen oder sich durch die Kanäle zwängen, um die von der Frontlinie abgeschnittenen Stadtteilen zu erreichen. Den Kontakt innerhalb der einzelnen Kampfgebiete sichern das fortlaufend reparierte Telefonnetz, Radiosender, Boten und manchmal spezielle Offiziers-Wachtrupps. Das sicherste Verbindungsmedium zwischen den Aufstandsverbänden untereinander ist allerdings der Rundfunk, der über eine Relaisstation in Großbritannien aufrechterhalten wird. Auf dem Höhepunkt seiner Nutzung werden auf diesem Wege hundert und mehr Meldungen am Tag gesendet. 34. Der Rundfunksender Die Rundfunkstation des Büros für Information und Propaganda „Błyskawica” soll planmäßig mit Beginn der Kämpfe in Dienst gestellt werden. Leider erreichen die Kisten mit den Geräten nach dem Transport durchnässt ihren Bestimmungsort, wodurch sich die Inbetriebnahme des Senders verzögert. Da mit einer raschen Reparatur nicht zu rechnen ist, richten die „Błyskawica”-Fernmeldetechniker eilig einen Ersatzsender ein. Nach der Eroberung des Hauptpostgebäudes am 3. August geht die 18-Watt-Rundfunkstation „Burza” ans Netz, die von Włodzimierz Markowski, einem passionierten Funkamateur, in nur knapp einem Tag konstruiert wurde. In seiner ersten 20minütigen Sendung versorgt „Burza” London mit Informationen über den Ausbruch des Aufstands in der polnischen Hauptstadt und gibt Hilfsappelle und ausgewählte Beiträge aus dem „Biuletyn Informacyjny” des Büros für Information und Propaganda an seine Hörer weiter. Nach vielen Jahren wird „Burza” von seinem Erfinder und einer Gruppe Konstrukteure für das Museum des Warschauer Aufstands nachgebaut. Wenn wir das Fernmeldezimmer betreten, können wir den Sender „Burza” – gesichert in einem Schaukasten – bewundern. Auf dem Tisch wiederum steht der berühmteste Aufstandssender „Błyskawica”. Antoni „Biegły” Zębik, einer der Konstrukteure des Senders, begann im Februar 2004 nach fast sechzig Jahren gemeinsam mit seiner Technikergruppe mit dem Bau einer Nachbildung. Zum 60. Jahrestag der Inbetriebnahme des Originals strahlt „Błyskawica” wieder Meldungen aus dem Aufstand aus. Während des Warschauer Aufstands sendet „Błyskawica” erstmals am 8. August aus dem PKO-Gebäude im Stadtzentrum. Der eine Raum beherbergt Radiostation und Verstärker, im anderen ist das mit Teppichen ausgelegte Studio untergebracht. Der geringe Widerhall und eine gute Isolation gegen den Lärm von draußen ermöglichen gute Sendebedingungen. Programme werden vom 8. August bis 4. Oktober fast täglich ausgestrahlt, die Sendedauer hängt immer vom Umfang des vorbereiteten Materials ab. Die ausführlichsten Programme laufen im August. Auf dem Sendeplan stehen aktuelle Tagesmeldungen mit Nachrichten aus der Welt, aus Polen und aus der kämpfenden Stadt, eine Presseschau und ein Kulturprogramm mit Musik und Gedichten aus dem Aufstand. Ab 9. August wird „Błyskawica” auch vom staatlichen polnischen Rundfunk genutzt. „Błyskawica” wechselt oft den Sendeort, zu ersehen auf dem Stadtplan am Eingang. Die letzte Sendung während des Aufstands schickt der technische Leiter, Jan „Grzegorzewicz” Georgica am 4. Oktober um 19.20 Uhr in den Äther. 10 Minuten dauert der Beitrag, an dem „Grzegorzewicz” unter anderem über die Tätigkeit der Rundfunkstation 20 berichtet. Zum Abschluß lässt er noch einmal die Warschauer Hymne, die „Warszawianka” erklingen, dann zerstört er die Station. 35. Feldpost Wir befinden uns hier in einem Raum, der der Feldpost gewidmet ist, einer enorm wichtigen Einrichtung während des Warschauer Aufstands. Unter den Ausstellungsstücken finden Sie originale Briefmarken, Stempel und Armbinden der Pfadfinderpost sowie einen von zwei in Polen erhalten gebliebenen Aufstands-Briefkästen, den ein Kampfteilnehmer dem Museum gestiftet hat. Noch heute kann man Schußspuren auf dem Kasten erkennen. In den ersten Augusttagen schaffen es die Aufständischen kaum, befestigte feindliche Stellungen zurückzuerobern. Den dort postierten deutschen Wachtrupps gelingt es, die Kommunikation zwischen den aufständischen Enklaven ebenso wirksam zu behindern, wie die Nachrichtenübermittlung zwischen den über die ganze Stadt verstreuten Familien. Bald jedoch stellt ein Heer von Boten und Meldegängern des Pfadfinderverbands „Graue Reihen” und Pfadfinderinnen der „Pfadfinder-Bereitschaft” eine sichere Verbindung her. Die Pfadfinder-Feldpost nimmt am 4. August ihren Dienst auf. Die Hauptpost liegt in der Świętokrzyska-Straße, direkt am Hauptquartier der „Grauen Reihen”, dem „Bienenstock” („Pasieka”). Schon bald hat fast die ganze Stadt eine funktionstüchtige Post. Es werden noch acht weitere Postämter eingerichtet und 40 Briefkästen aufgestellt. Die durch die Pfadfinder zugestellten Briefe dürfen nicht mehr als 25 Wörter enthalten. Alle Briefe werden zensiert, damit keine kriegswichtigen Informationen durchsickern, für den Fall, dass die Post in die Hände des Gegners gerät. Die Zustellung erfolgt kostenlos, aber freiwillige Spenden in Form von Büchern, Verbandsmaterial und Lebensmitteln für die verletzten Aufständischen sind gern gesehen. Täglich werden drei- bis sechstausend Briefsendungen zugestellt. Unter dem Einsatz seines Lebens befördert jeder junge Postbote Tag für Tag mehrere Dutzend Briefe. Mancher findet dabei den Tod, obwohl ihre Vorgesetzten um jeden Preis versuchen, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Als Symbol für die Opferbereitschaft dieser jüngsten Soldaten gilt der sechzehnjährige Kamerad Zbigniew „Banan” Banaś, der am 17. August beim Austragen von Post in Powiśle von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Die Feldpost erfüllt eine ungeheuer wichtige gesellschaftliche Funktion: Durch sie können sich die voneinander getrennten Menschen verständigen, Informationen zukommen lassen und sich dadurch auch gegenseitig beruhigen. Die Post aus den Händen der jungen Briefträger muntert viele Menschen auf und hilft ihnen dabei, die schwersten Momente zu überstehen. 36. Die Kämpfe im September Nach dem Fall der Altstadt und der Evakuierung der Gruppierung „Północ” können die Aufständischen ihre Stellungen in der Innenstadt, in Powiśle, Czerniaków, Mokotów, Żoliborz und im westlich von Warschau gelegenen Kampinoska-Wald halten. Dabei verteidigen sie vor allem die strategisch wichtigen Punkte an der Weichsel. Die Deutschen befürchten eine sowjetische Offensive vom gegenüberliegenden Flußufer, weshalb sie versuchen, in die an der Weichsel gelegenen Stadtteile Powiśle und Czerniaków vorzustoßen. Die Polen zählen weiter auf eine Unterstützung aus dem Osten, und obwohl sie wesentlich schlechter bewaffnet sind, bemühen sie sich, ihre Positionen um jeden Preis zu halten. Sinnbildlich für das Verharren an einer Stellung ist die sogenannte verhärtete Front, eine Linie polnischer Befestigungen in der nördlichen Innenstadt, die sich vom Postbahnhof in der Żelazna-Straße über den Gleisen der Durchgangsbahn über die Towarowa- und Grzybowskabis hin zur Królewska-Straße zieht. Am 9. September heißt es im „Biuletyn Informacyjny”, einer der Aufstands-Zeitungen: „Die Soldaten dieses Abschnitts erweisen der kämpfenden 21 Hauptstadt mit ihrer heldenhaften Haltung einen sehr bedeutenden Dienst: Indem sie die intensivsten Schläge des Gegners auf ihrer Brust vereinen, kommen sie einem Schutzschild für die übrigen Stadtteile gleich, sogar für die abgelegenen, weit außerhalb ihrer Positionen.” Trotz der gewaltigen Entschlossenheit der Verteidiger zerschlagen die Deutschen mit ihrer erdrückenden Übermacht systematisch die Punkte des polnischen Widerstands. Am Abend des 5. September müssen die Aufständischen nach Ausschöpfung sämtlicher Munitionsbestände das Kraftwerks-Gebäude räumen, das schon am Tag darauf nach einem Massen-Bombardement keine Energie mehr liefert. Durch den Stromausfall verschlechtert sich die Situation der Stadtbewohner und der Heimatarmee-Soldaten dramatisch. Bereits am 6. September fällt Powiśle, so dass die feindlichen Truppen die Macht im nördlichen Teil der Innenstadt übernehmen können. Ohne Aussicht auf Hilfe von außen und angesichts der katastrophalen Lage seiner Kämpfer bevollmächtigt das Aufstands-Kommando das Polnische Rote Kreuz, Verhandlungen über die teilweise Evakuierung der Bevölkerung aus der Innenstadt aufzunehmen. Daraufhin können am 8. und 9. September während eines Waffenstillstands etwa 8000 Menschen die Stadt verlassen. Zur gleichen Zeit kommt es am 9. September zu ersten Kontakten zwischen Abgesandten des Heimatarmee-Hauptquartiers und der deutschen Seite, die den Beginn von Kapitulationsgesprächen vorschlägt. In Anbetracht der Entwicklungen auf der rechten Weichselseite – die Truppen der 1. Weissrussischen Front starten ihre Operation im Stadtteil Praga – versucht die Heimatarmee-Führung die Verhandlungen zu verschleppen. Am 11. September bringt sie die Gespräche schließlich ganz zum Abbruch. Die Deutschen konzentrieren sich nunmehr darauf, eine Front am westlichen Weichselufer aufzubauen. Am 21. September bringt die Truppenlandung der 1. Armee der Polnischen Streitkräfte auf der Kępa Potocka die deutsche Offensive zum Stehen. Am 23. September fällt der Czerniakowski-Brückenkopf. Der Feind beginnt daraufhin, den Ring um die drei noch kämpfenden aufständischen Hochburgen enger zusammenzuziehen: Żoliborz aus Richtung Norden, die Innenstadt und Czerniaków von Süden her. Nach der Einnahme von Czerniaków wird Mokotów zum Hauptziel der Angriffe. Von Tag zu Tag müssen die Aufständischen weitere Teile des Stadtgebiets preisgeben. Am 26. September beginnt die dramatische Evakuierung der Aufstands-Verbände aus dem Stadtteil Mokotów, der schließlich am 27. September gegen Mittag kapituliert. An demselben Tag startet der Feind nach knapp einwöchiger Vorbereitung seine Operation „Sternschnuppe” zur Liquidierung der Gruppierung „Kampinos”. Zwei Tage später zerschlagen die Deutschen die „Kampinos”Verbände in der Schlacht bei Jaktorów. Żoliborz kapituliert am 30. September – bloß die Innenstadt wehrt sich noch gegen die Angreifer... 37. Die Gedenkstätte Im Verlauf der Tage wird das aufständische Warschau zu einer Stadt der Gräber. Anfangs nehmen die Bürger feierlich von den Gefallenen Abschied und begraben sie in Parks, Hinterhöfen, Vorgärten oder in Nähe der kleinen Kapellen. Die Kampfentwicklung bringt es mit sich, dass die Straßen, Plätze, Gehwege und sogar die Trümmer der zerbombten Häuser bald mit Kreuzen übersät sind. Der Tod ist immer öfter ein anonymer, zumal die Leichen zur Vermeidung von Seuchen schnell begraben werden. Nur in den Krankenhausfriedhöfen findet noch eine Registrierung der Getöteten statt. Die Toten werden in Bettlaken gewickelt, bevor eine dicht verschlossene Flasche mit den persönlichen Daten an eine ihrer Gliedmaßen gebunden wird. Historiker schätzen die Zahl der während der zweimonatigen Kämpfe getöteten und vermissten polnischen Soldaten auf etwa 18000, circa 25000 werden verletzt. Zu den Opfern gehören auch etwa 180000 Zivilisten, die während der Kämpfe fielen oder ermordet wurden. 22 An dieser symbolischen Gedenkstätte sehen Sie die Gesichter von 100 Aufständischen, die beim Kampf um Warschau fielen. Strahlende, lebensfrohe Menschen – eine der besten Generationen der polnischen Geschichte. Tausende von ihnen hat der Krieg für immer verschluckt... Das Andenken an diejenigen, die während der Kämpfe in den Straßen Warschaus gefallen sind, ist bis zum heutigen Tag lebendig. Auf zahlreichen Warschauer Hinterhöfen stehen kleine Kapellen. Hier trafen sich die Menschen während des Aufstands zum Feiern der Heiligen Messe und zum gemeinsamen Gebet. An rund 400 Hinrichtungsstätten erinnern Gedenktafeln an die Ermordeten. Dutzende Tafeln und Denkmäler geben Hinweise auf die Stadtbezirke, in denen die aufständischen Gruppierungen und Verbände ihre Kämpfe austrugen – Orte der Huldigung, an denen die Menschen alljährlich am 1. August – dem Tag, an dem der Aufstand losbrach – Blumen niederlegen und Grablichter aufstellen. Pfadfinder und Militär halten Ehrenwachen. 38. Die Deutschen Der Kampfauftakt im August 1944 in der polnischen Hauptstadt bedeutet nicht nur eine enorme Bedrohung für die deutsche 9. Armee, die gegen die Rote Armee um den mittleren Weichselabschnitt kämpft, über den der kürzeste Weg nach Berlin führt; er bedroht auch die Stabilität der gesamten Ostfront. Warschau ist in diesen Tagen der wichtigste Verkehrsknotenpunkt, in dem Tag und Nacht Tonnen von Versorgungsgütern und Nachschub für die Ostfront umgeschlagen werden. Die Warschauer Garnison zählt nicht mehr als 20000 Soldaten und ist damit nicht groß genug, um den Aufstand wirksam zu befrieden. Die Deutschen brauchen Hilfe von außen, um „mit Warschau fertig zu werden, bevor die Bolschewiken kommen.” Die ersten deutschen Verbände treffen schon am 3. und 4. August in der Stadt ein und verstärken nach und nach die Einheiten der Korpsgruppe von General Erich von dem Bach, in der auf ihrem Gipfelpunkt fast 50000 Soldaten dienen. Die Wehrmacht wird unterstützt von Polizeikräften, der SS und Kollaborationstruppen bestehend aus Russen, Ukrainern, Letten, Litauern, Aserbaidschanern und Ungarn. Letztere standen den Aufständischen durchaus wohlwollend gegenüber. Der deutsche Stab wirft alle möglichen kriegstechnischen Mittel in den Kampf, z. B. moderne 380-mm-Mörserraketen, Abschußrampen für mit Brand- und Sprengbomben bestückte Raketen, die von den Warschauern wegen ihrer Laute „Kühe” oder auch „Schränke” genannt werden. Mit über 1400 Kampfeinsätzen in zwei Monaten hatte die deutsche Luftwaffe sowohl an der Bekämpfung der Aufstandstruppen als auch an der Zerstörung Warschaus wesentlichen Anteil. Die machtvollste Waffe zur Zerschlagung des polnischen Widerstands ist jedoch der 600-kalibrige von den Polen „Ziu” genannte selbstfahrende Granatenwerfer Karl Mörser 040, dessen Geschosse problemlos einen mehrstöckigen Wohnblock zerstören. Aufständische und Zivilisten werden ohne Unterschied äußerst effektiv von den „Taubenzüchter” genannten deutschen Scharfschützen terrorisiert, die mit zielgenauen Karabinern wie diesem hier im Schaukasten das Leben auf den Warschauer Straßen auslöschen. Trotz der riesigen feindlichen Übermacht leisten die Aufständischen über 63 Tage lang heldenhaften Widerstand, in denen sie den Deutschen hohe Verluste zufügen. Wenn man die Kämpfe in Warschau mit anderen Schlachten des Zweiten Weltkriegs vergleicht, so fällt auf, dass sich die schlecht bewaffneten Aufständler fast doppelt solange halten konnten, wie die perfekt ausgerüsteten französischen Truppen 1940 in der Champagne. Kriegshistoriker vergleichen den Warschauer Aufstand mit den Kämpfen um Stalingrad oder Berlin, denn die deutschen Verluste im Jahr 1944 in der polnischen Hauptstadt belaufen sich nach einem Rapport von Erich von dem Bach auf 10000 Getötete und 7000 Vermisste. 15000 Soldaten 23 erlitten Verletzungen. Höhere Opferzahlen haben die Deutschen nur noch an der Ostfront zu beklagen... An einem zentralen Punkt des Saales haben wir ein ungewöhnliches Dokument jener Tage ausgestellt: ein Tagebuch, das der damals achtjährige Jerzy Arct während des Aufstands schrieb. Es dokumentiert in vollem Umfang das tägliche Leben eines Kindes im Schußwechsel der Kriegsgegner. Die letzten schon nach Kriegsende verfassten Worte: „Aber die Barbarei der Deutschen dürfen wir nicht vergessen. Niemals! Niemals!” sind eine bewegende Mahnung für die kommenden Generationen... Bevor wir den Weg durch unsere Ausstellung fortsetzen, möchten wir Sie noch gerne auf die deutschen Kriegsabzeichen aufmerksam machen, die wir Ihnen ebenfalls in diesem Raum zeigen. Sie wurden deutschen Soldaten verliehen, die sich beim Überfall auf Polen im September 1939 besonders verdient gemacht haben. Das von einem Durchschuß beschädigte bronzene Kreuz mit Schwertern – dem Museum von einem früheren Aufständischen zur Verfügung gestellt – trug zuvor stolz ein SS-Mann, bevor er Jahre später während des Kampfes um das PAST-Gebäude von einer Kugel tödlich getroffen wird. Die Geschichte zieht ihre Kreise... 39. Ausländer im Aufstand Schulter an Schulter mit den Polen beteiligen sich Kämpfer zahlreicher anderer Nationen am Warschauer Aufstand. Unter dem Motto „für Eure und unsere Freiheit” schließen sie sich mit Beginn der Rebellion den polnischen Kampfgruppen an – Ausländer, die vor dem Krieg in Warschau gewohnt haben, aus den Gefangenenlagern entflohene Soldaten, geflohene Zwangsarbeiter aus dem Reichsgebiet ebenso wie deutsche Deserteure und Soldaten der Roten Armee. Die meisten auf polnischer Seite kämpfenden Ausländer stammen aus der Slowakei, aus Ungarn und Frankreich. Auch einige wenige belgische, niederländische, griechische, britische und italienische Waffenbrüder sowie ein Rumäne und ein Australier unterstützen den Freiheitskampf in Warschau. Kontakte zwischen den Slowaken und dem polnischen Untergund werden recht früh – schon während der Okkupation – hergestellt und durch den späteren Anführer des Aufstands, Leutnant Mirosław „Stanko” Iringh, aufrechterhalten. Die ständige Zusammenarbeit der Slowaken mit dem Polnischen Untergrundstaat beginnt Mitte des Jahres 1942, als in Warschau das konspirative Slowakische Nationale Komitee gegründet wurde. Ein Jahr später stellt die Komiteeleitung eine militärische Teileinheit auf, die formal der Heimatarmee untersteht und mit ihr durch ein Gelöbnis bis zum Ende des Kriegs gegen Deutschland verbunden ist. Der 535. Selbständige Slowakische Zug, in dem auch Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, Tschechen und Ukrainer kämpfen, wird den Einheiten des 5. Bezirks der Heimatarmee zugeteilt. Der Zug ist unter anderem an den Angriffen auf die Belvedere, die Landeswirtschaftsbank und auf die Kirche an der Łazienkowska-Straße beteiligt und verteidigt als Teil der Gruppierung „Kryska” Stellungen in Czerniaków. Die Slowaken dürfen als die einzigen im Aufstand kämpfenden Ausländer ihr eigenes Banner und Armbinden in ihren Nationalfarben tragen. Das dreifarbige Banner des slowakischen Zugs ist eine der wenigen erhalten gebliebenen Originalfahnen aus dem Aufstand. Auch die Mehrheit der 348 Juden aus dem deutschen Konzentrationslager in der GęsiaStraße schließen sich dem Aufstand an, nachdem sie vom Bataillon „Zośka” befreit wurden. 50 der überwiegend aus Griechenland, den Niederlanden, Deutschland und Ungarn stammenden jüdischen Häftlinge werden in die Verbände der Gruppierung „Radosław” eingegliedert, die übrigen treten den Hilfstruppen bei, die für den Transport von 24 Verwundeten, Feuerlöscharbeiten und für die Herstellung bzw. die Beförderung von Waffen verantwortlich ist. Ein deutliches Wohlwollen gegenüber den Aufständischen lassen die ungarischen Einheiten erkennen, die von den Deutschen zur Niederwerfung des Aufstands herbeigeholt wurden. Die Ungarn beabsichtigen jedoch nicht, gegen die Aufständischen zu kämpfen. In der zweiten Augusthälfte alarmiert einer der Offiziere aus dem ungarischen Regiment, der zur Befriedung des Kampinoska-Waldes ausgesandt wurde, das polnische Kommando: „Sie schicken uns, also müssen wir gehen, aber schlagen wollen wir uns mit den Polen nicht. Wir gehen nur durch den Wald hindurch, und wenn sie uns nicht herausfordern, dann wollen wir nichts gesehen haben.” 40. Die „Großen Drei” Ab 1943, nach den Siegen bei Stalingrad und Kursk, drängt die Rote Armee gen Westen. Mit jedem Tag kann die Sowjetunion ihre Position auf der internationalen Bühne immer mehr festigen. Ende November/Anfang Dezember 1943 treffen sich die Oberhäupter der drei Großmächte – Winston Churchill, Franklin Delano Roosevelt und Josef Stalin – in Teheran. Entgegen den Vereinbarungen der zwei Jahre zuvor unterzeichneten Atlantischen Charta beschließen die sogenannten „Großen Drei” ohne das Wissen der anderen Nationen, Gespräche über eine neue Weltordnung aufzunehmen. Weil die Amerikaner und Briten ihr Versprechen, eine Westfront zu bilden, nicht einlösen können, sind sie zu weit gehenden Zugeständnissen bereit. Stalin ist sich der schwierigen Lage seiner Verbündeten bewußt und nutzt sie gekonnt aus. Er zwingt sie dazu, die polnisch-sowjetische Grenze entlang der veränderten „Curzon-Linie” anzuerkennen und lässt sich damit die territorialen Eroberungen ab dem 17. September 1939 nach dem gewaltsamen Einmarsch der Roten Armee in Polen bestätigen. Die polnische Exilregierung ist weder auf der Konferenz vertreten, noch wird sie über die Vereinbarungen informiert, die die polnischen Angelegenheiten betreffen. Die „Großen Drei” verabreden Stillschweigen über ihre Beschlüsse, was sowohl für das Schicksal des Warschauer Aufstands als auch für die Nachkriegsgeschichte Polens nicht ohne Folgen bleibt... Knapp ein Jahr nach der Konferenz der „Großen Drei” brechen in Warschau die Kämpfe aus. Die polnische Regierung kennt die Teheraner Abmachungen nicht, mit denen Polen de facto in den sowjetischen Einflußbereich gedrängt wird, deshalb rechnet sie mit einer starken Unterstützung des Westens. Obwohl sie weiß, dass Stalin kein Anhänger eines freien Polens ist, geht sie davon aus, unter dem Druck seiner Verbündeten würde er es sich nicht erlauben, Warschau seinem Schicksal zu überlassen. Diese Rechnung geht jedoch nicht auf. Am zwölften Kampftag erklärt Stalin, der Warschauer Aufstand sei ein unvernünftiger, schrecklicher Krawall, den die Sowjetunion kategorisch ablehne. Von dieser Zeit an erscheinen in den sowjetischen Medien Beiträge, die den Kampfeinsatz der Heimatarmee in Warschau verurteilen und das polnische Kommando verleumden. Den Westalliierten fehlt der politische Wille, von den Sowjets Hilfe für den Aufstand zu verlangen. Vorrang für die westlichen Diplomaten hat die Unterhaltung guter Beziehungen zu Stalin um beinahe jeden Preis. In ihren Bemühungen, die Verbündeten zu einem wirksamen Vorgehen aufzufordern, bleibt die polnische Regierung erfolglos. Zwar versucht Churchill, Roosevelt dazu zu bewegen, den Sowjets ein wenig entschlossener entgegenzutreten; der amerikanische Präsident ignoriert jedoch dieses Ansinnen, und Churchills Position selbst ist zu schwach. Auch die westlichen Gesellschaften lassen eine entschlossene Unterstützung für die polnische Sache vermissen. Zwar spart die englische und amerikanische Presse nicht mit Lob für die Tapferkeit der Polen, geht aber heiklen Fragen aus dem Weg. Die linke Presse geht mit 25 den Aufständischen sogar kritisch ins Gericht: Die Blätter „Daily Herald” und „Daily Worker” bedienen sich der sowjetischen Rhetorik, indem sie über einen von „Faschisten” und „Reaktionären” gelenkten „Warschauer Krawall” schreiben. Kaum jemand im Westen kennt die tatsächlichen Gründe für Warschaus tragische Lage. Es gibt nur wenige Stimmen wie die George Orwells in einem Beitrag für die „Tribune” aus Anlass des 5. Jahrestag des Kriegsausbruchs, in dem er mutig mit der Feigheit der westlichen Öffentlichkeit, Medien und Regierenden ins Gericht geht. 41. Der Tod einer Stadt Viermal wurde Warschau im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das erste Mal in den Tagen der deutschen Belagerung während der Septemberaktion 1939, als Bombenangriffe viele Gebäude erheblich beschädigten. Ein zweites Mal nach der Niederschlagung des Aufstands im Getto, das die Deutschen nach seiner Liquidierung abreißen und somit das gesamte bisherige jüdische Stadtviertel vernichten. Das dritte Mal durch schweren Artillerie-Beschuß und Bombenangriffe auf die polnischen Stellungen während des Warschauer Aufstands und schließlich das vierte Mal, als die Deutschen die polnische Hauptstadt nach dem gescheiterten Aufstand planmäßig dem Erdboden gleichmachen. Etwa 83 Prozent der städtischen Bebauung, fast das gesamte kulturelle Erbe der Hauptstadt – der intellektuelle Mittelpunkt Polens – fällt den deutschen Zerstörungen zum Opfer. Seit den ersten Aufstandstagen wüten in Warschau Brände, die sich rasch ausbreiten. Der Einsatz zehntausender Menschen kann nicht verhindern, dass Haus für Haus als rauchendes Trümmerfeld endet. Systematischer deutscher Artilleriebeschuß und Fliegerbomben legen weitere Häuser in Schutt und Asche, viele historische Kirchen und Klöster der Hauptstadt werden stark zerstört. Kleine Schlösser verwandeln sich in Ruinen: der Krasiński-, Ossoliński-, Kazimierzowski- und Czartoryski-Palast sowie viele andere. Zu Schaden kommen vor allem die Baudenkmäler der Altstadt, die von den eingeschlossenen Aufständischen der Gruppe „Północ” unter dem Befehl von Oberst Karol „Wachnowski” Ziemski fast 3 Wochen hartnäckig verteidigt wird. Der altstädtische Marktplatz ist fast restlos abgebrannt, die Mauern des Königsschlosses und der Heiligen Johannes-Kathedrale stehen nicht mehr. Nicht wieder gutzumachende Schäden entstehen in den Warschauer Archiven und Bibliotheken. In manchen Archiven gehen 70 bis 100 Prozent der Bestände in Flammen auf. Nach der Kapitulation der Aufständischen ist Warschau selbst nach Einstellung der Kämpfe und der Vertreibung der Zivilbevölkerung noch immer erfüllt vom Gedröhn der Explosionen und dem erschauernden Krachen einstürzender Häuserwände. Die Deutschen plündern, wo sie können; innerhalb weniger Monate verlassen etwa 45000 Eisenbahnwagen voll beladen mit Materialgütern die Stadt in Richtung Deutsches Reich. Nicht nur Maschinen und Möbel werden abgefahren, sondern auch Laternen, Kabel, Bordsteine – alles, was irgendwie zu gebrauchen ist. Nur das, was sich nicht fortschaffen lässt, zerstören die Deutschen penibel und planmäßig: stehen gebliebene oder bereits beschädigte Bauwerke – Haus für Haus, Kirchen, Paläste, öffentliche Gebäude, Fabriken, Gleisanlagen, Straßen, Überführungen und Bahnhöfe. Langsam stirbt die Stadt. Sogar der Herbstregen und der rauhe Winter vermögen die brennenden Trümmer nicht zu löschen. Skrupellos verfolgen die Deutschen ihr Ziel – die polnische Kultur nicht nur zu zerstören, sondern auch jede ihrer Spuren zu verwischen. Die am gegenüberliegenden Weichselufer stationierten Sowjettruppen unternehmen nichts, um die Deutschen an ihrem Zerstörungswerk zu hindern. Was die Politik gegenüber Polen betrifft, so stimmen die Ziele der beiden Todfeinde – Hitler und Stalin – zum wiederholten Mal überein. Dem sowjetischen Diktator kommt die Auslöschung der „bourgeoisen” nationalen Elite und die Tilgung aller Spuren des Vorkriegs-Warschau sehr gelegen. Denn 26 jetzt kann er die polnische Hauptstadt nach seinen eigenen realsozialistischen städtebaulichen Visionen wiedererrichten, die in seinem „Geschenk” an das polnische Volk im Stadtzentrum zum Ausdruck kommen: dem Kulturpalast, dem Symbol der sowjetischen Vorherrschaft. Das Ausmaß der Zerstörung Warschaus veranschaulichen die Arbeitsergebnisse einer im Jahr 2004 vom Warschauer Stadtpräsidenten Lech Kaczyński beauftragten Kommission unter dem Vorsitz von Prof. Wojciech Fałkowski zur Errechnung der Kriegsverluste. Erste Gutachten beziffern die materiellen Verluste Warschaus auf 45 Milliarden 300 Millionen USDollar. 42. Die Kapitulation Nachdem sich Mokotów am 27. und Żoliborz am 30. September ergeben hatten, entschließt sich das Hauptkommando der Heimatarmee in Absprache mit dem Bevollmächtigten der polnischen Regierung für das besetzte Land, Vizepremier Jan Stanisław „Sobol” Jankowski, angesichts der hoffnungslosen Lage zu Kapitulationsgesprächen. Am 1. Oktober schreibt General Tadeusz „Bor” Komorowski in einer Depesche an die polnische Exilregierung in London: „Eine Fortsetzung des Kampfes in Warschau hat keinen Sinn mehr. Ich habe beschlossen, ihn zu beenden. Die Kapitulationsbedingungen garantieren den Soldaten ihre vollständige kriegsrechtliche Anerkennung und der Zivilbevölkerung eine humanitäre Behandlung”. Am 2. Oktober unterzeichnen die Vertreter des Heimatarmee-Hauptkommandos Oberst Kazimierz „Heller” Iranek-Osmecki und Oberstleutnant Zygmunt „Zyndram” Dobrowolski im Quartier von General Erich von dem Bach in Ożarów bei Warschau einen Vertrag über die Einstellung der Kriegshandlungen. Demzufolge müssen die Aufständischen die Waffen niederlegen und sich in geschlossenen Mannschaften, gemeinsam mit ihren Anführern, aus Warschau fortbegeben. Auch die gesamte Zivilbevölkerung muss die Stadt verlassen. 43. Exodus Die ersten Tage im Oktober 1944 stehen unter dem Zeichen des Massenexodus der Warschauer Zivilbevölkerung. Die Deutschen bringen die Vertriebenen in sogenannten Durchgangslagern unter. Das größte von ihnen ist das „Dulag 121” in Pruszków, das bereits in der ersten Augustwoche entstand. Bis 10. Oktober durchlaufen es nahezu 550000 Warschauer Bürgerinnen und Bürger und etwa 100000 Einwohner der Warschauer Vororte. Der Lageraufenthalt dauert in der Regel nicht länger als eine Woche, während derer die Deutschen „Selektionen” durchführen, die über das weitere Schicksal der festgehaltenen Menschen entscheiden – den Abtransport ins Generalgouvernement oder ins Reichsgebiet zur Zwangsarbeit und im schlimmsten Fall die Deportation in eines der Konzentrationslager. Aus der Innenstadt, die sich in den schweren Kämpfen bis zum Schluß standhaft werte, begeben sich die ersten Verbände der Aufständischen am 4. Oktober in Gefangenschaft. Am Tag darauf machen sich die letzten polnischen Einheiten und die Stäbe des Hauptkommandos, des Abschnittskommandos und des Warschauer Korps der Heimatarmee bereit zum Abmarsch. Es herrscht bedrückendes Schweigen. Einsam am Straßenrand stehend erweist der Anführer der Heimatarmee, General Tadeusz „Bor” Komorowski weiteren Verbänden, die die Gefangenschaft antreten, die Ehre, bevor er sich ihnen in Begleitung des deutschen Majors Kurt Fischer anschließt, entschlossen, seine Soldaten nicht zu verlassen. Von Ożarów aus werden die Aufständischen am 6. Oktober in die Gefangenenlager transportiert. Die zahlenmäßig größte Gruppe durchläuft das Stalag 334 in Lamsdorf bei Oppeln, das älteste und größte Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Hier erhalten die Aufständischen Insassen-Kennzeichen, bevor sie auf die Offiziers- und 27 Strafgefangenenlager in ganz Deutschland verteilt werden. Die wichtigsten Lager sind auf einer Landkarte hier in der Ausstellung eingetragen. Die Aussiedlung der praktisch gesamten Stadtbevölkerung nach dem Aufstand ist ein in der europäischen Geschichte noch nie dagewesener Vorgang. Man kann hier von einer industriemäßig angelegten Operation totalitaristischer Machart im großen Maßstab sprechen. Innerhalb weniger Monate hört eine stattliche Metropole, die Hauptstadt eines großen europäischen Landes, praktisch auf zu existieren. Nach dem Krieg kehrt nur ein Teil der Vorkriegsbewohner nach Warschau zurück. Viele lassen sich dort nieder, wo sie das Schicksal des Kriegs hingeworfen hat, ebenso viele verbleiben in der Emigration. 44. Die Robinsons Nicht alle jedoch ziehen fort aus der zerstörten Stadt. In den Trümmern bleiben diejenigen zurück, die Warschau nicht verlassen können oder wollen – überwiegend Juden, die den sicheren Tod in Kauf nehmen würden, wenn sie sich den deutschen Behörden zeigten. Auf jedem Schritt droht ihnen tödliche Gefahr. Unter kaum erträglichen Bedingungen, ohne Nahrung, mit der täglichen Angst, entdeckt zu werden, halten sie sich bis zum Eintreffen der Roten Armee im Januar 1945 versteckt. Die Schicksale der „Warschauer Robinsons” schildert überaus treffend der mit 3 Oskars ausgezeichnete Film Der Pianist von Roman Polanski. Er handelt von dem polnischen Pianisten jüdischer Herkunft Władysław Szpilman, der sich nach Ende des Warschauer Aufstands einsam in den Ruinen der Stadt verborgen hält. 45. Heiligabend im Lager Der Transport in die Gefangenenlager vollzieht sich unter furchtbaren Bedingungen. Die in Viehwaggons gepferchten Menschen fahren stundenlang ins Unbekannte und leiden ebenso an Hunger und Durst wie unter der Kälte. Vor Ort werden die Polen wie „Untermenschen” behandelt; schlechter gehen die Deutschen bloß noch mit den Russen um, die, Zeitzeugenberichten zufolge, die Gefangenschaft unter geradezu unmenschlichen Bedingungen durchstehen müssen. Trotzdem versuchen die aufständischen Soldaten durchzuhalten, das baldige Kriegsende herbeihoffend. Kennzeichnend für die tragische Situation der Polen ist ohne Zweifel der Heilige Abend des Jahres 1944. Es ist das einzige Christfest, das Warschau in seiner langen Geschichte nicht feiern kann. Alle Vertriebenen versuchen, diesen Tag gemeinsam zu verbringen, Weihnachtslieder zu singen und das Brot zu teilen. Für sie ist es der traurigste Heiligabend, fern der Heimat, hinter dem Stacheldraht des Lagers, ohne die Angehörigen und oftmals ohne eine Nachricht von ihnen. Lidia Wyleżyńska, eine frühere Meldegängerin aus Żoliborz, inhaftiert im Strafgefangenenlager VI C Oberlangen, erinnert sich: „Am 24. Dezember kommen wir in unserer Baracke an, und obwohl die Pakete des Roten Kreuzes zusammen mit uns eintrafen, bekamen wir sie erst am nächsten Tag. Ein trauriger, hungriger Heiligabend. Wir schlafen zu zweit auf einer Pritsche, weil es so wärmer ist. Jeden Morgen ringe ich mich zu der heldenhaften Tat durch, in unseren Baderaum ohne Fensterscheiben zu gehen und mich mit entsetzlich kaltem Wasser zu waschen.” Am Lager-Weihnachtstisch können Sie noch weitere Zeitzeugenberichte hören. Trotz der unmenschlichen Haftbedingungen und der entwürdigenden Behandlung durch die deutschen Funktionäre durchsteht die Mehrheit der polnischen Gefangenen die Zeit ihrer Lagerhaft bis zum Tag ihrer Befreiung. Beim Vorrücken in Richtung Berlin öffnen die alliierten Truppen nacheinander die Tore der auf ihrem Weg liegenden Gefangenenlager. Das Lager in Oberlangen, in dem die Deutschen 1700 Aufstands-Teilnehmerinnen festhalten, wird am 12. April 1945 von polnischen Soldaten der 1. Panzerdivision unter dem Befehl von 28 General Stanisław Maczek befreit. Ein Teil der freigelassenen Aufständischen tauscht seine Sträflingskleidung mit einer Uniform und setzt seinen Kampf bis zum Kriegsende fort, andere lassen sich in einem der freigekämpften westlichen Länder nieder, die Mehrheit kehrt jedoch nach Polen zurück. 46. Die Aufständischen in der Volksrepublik Polen Mit offenen Armen empfängt die neue Regierung die Aufständischen in ihrer Heimat nicht. Die Soldaten der Heimatarmee und die Warschauer Aufstandskämpfer werden im kommunistisch regierten Polen als „vollgespuckte Zwerge der Reaktion” und Feinde des „volkspolnischen Vaterlandes” bezeichnet. Dass sie im Kampf für Polen und Warschau ihr Leben eingesetzt haben, gilt jetzt geradezu als Verbrechen. Es kommt vermehrt zu Schikanen, Verfolgungen und Morden, gedeckt durch das kommunistische Recht. Über Leben und Schicksal der Aufständischen entscheidet jetzt das allmächtige Sicherheitsamt. Es ist schwer, ja fast unmöglich, zu einem normalen Leben zurückzufinden. Nach Kriegsende, Mitte Juni 1945, findet in Moskau ein von Stalin inszenierter Prozess gegen sechzehn Anführer des Polnischen Untergrunds statt, die im März desselben Jahres auf hinterhältige Weise verhaftet wurden. Die Sowjetführung will mit dem „Prozess der Sechzehn” Umstände herbeiführen, die die Bildung einer von den Sowjets abhängigen Vorläufigen Regierung der Nationalen Einheit begünstigen, wie es auf der Konferenz der „Großen Drei” in Jalta im Februar 1945 beschlossen wurde. Ziel der Gerichtsverhandlung ist es, die Führung des Polnischen Untergrunds und mit ihr alle Polen, die sich der sowjetischen Vorherrschaft widersetzen, vor den Augen der westlichen Regierungen und Gesellschaften zu kompromittieren. Dies geschieht unter anderem mit Hilfe falscher Anschuldigungen, in denen den Angeklagten Kooperation mit den Deutschen vorgeworfen wird... Es beginnt eine Periode, in der ehemalige Heimatarmee-Soldaten, vor allem Teilnehmer des Warschauer Aufstands, gebrandmarkt werden. Bei jeder Gelegenheit wettert die kommunistische Propaganda: „Die Verräter um Sosnkowski und Bor haben Warschau ins Feuer eines ziellosen Aufstands geworfen”. Bis Mitte der fünfziger Jahre werden die Soldaten der Heimatarmee verfolgt, sie finden keine Arbeit. Es häufen sich Verhaftungen und Anklagen wegen Vaterlandsverrat. Vor Gericht stehen viele Soldaten des Bataillons „Zośka” und der Gruppierung „Radosław”, mit ihrem Anführer Jan Mazurkiewicz an der Spitze, der zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird. Zahlreiche Soldaten der Heimatarmee kommen nicht wieder auf freien Fuß. Sie werden auf der Grundlage fingierter Beweise zum Tode verurteilt oder kommen unter ungeklärten Umständen im Gefängnis ums Leben. So ergeht es 1946 dem letzten Kommandanten der Heimatarmee, Leopold „Niedźwiadek” Okulicki, einem Opfer der sowjetischen Gefängnishaft. Der Oberbefehlshaber der Diversionstruppen des Hauptkommandos der Heimatarmee, General August „Nil” Fieldorf, wird 1953 erhängt; der Bevollmächtigte der polnischen Regierung für das besetzte Land, Jan Stanisław „Sobol” Jankowski, stirbt 1953 in einem sowjetischen Gefängnis, zwei Wochen vor seiner Haftentlassung. Der am Heiligabend des Jahres 1948 verhaftete Jan „Anoda” Rodowicz wird in der Untersuchungshaft zu Tode gequält, seine Henker bestehen darauf, er habe Selbstmord begangen. Rittmeister Witold Pilecki „Witold”, als freiwilliger Häftling Initiator und Organisator einer Widerstandsbewegung im Konzentrationslager Auschwitz, wird 1948 von den kommunistischen Behörden zum Tode durch Kopfschuss verurteilt. Erst ab 1956 mit der Rückkehr Władysław Gomułkas an die Macht flaut die Kritik am Aufstand allmählich ab. Nachrangige Teilnehmer, die keine Führungsposition während des Aufstands innehatten, werden fortan nicht mehr behelligt. Die Regierenden erkennen nämlich, dass solche Kritik ihrem eigenen Ansehen schaden könnte. Trotzdem geht der Staat weiterhin argwöhnisch und feindselig mit den Aufständischen um. 1956 genehmigen die Behörden 29 erstmals, den Jahrestag des Aufstands auf dem Powązkowski-Friedhof zu begehen, aber Funktionäre der Staatssicherheit machen während der Feierlichkeiten Fotos, auf denen sie diejenigen Personen kennzeichnen, die künftig im Mittelpunkt ihres Interesses stehen sollen. Auf einer Welle der Hoffnung, verbunden mit Gomułkas Regierungsantritt, wendet sich 1957 der frühere Anführer des Warschauer Aufstands, General „Monter” Chruściel in einem Brief an den polnischen Regierungschef. Darin ersucht er Gomułka, ihm wieder die polnische Staatsbürgerschaft zuzuerkennen, die ihm die Kommunisten 1946 aberkannten und bittet ihn, in sein Land zurückkehren zu dürfen. Chruściel erhält keine Antwort, nicht einmal eine Abage. 47. Johannes Paul II. Die große Wende, insbesondere im gesellschaftlichen Bewußtsein, vollzieht sich erst Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre. Diesen Prozess beschleunigt wesentlich die Wahl des Polen Karol Wojtyła zum Papst im Jahr 1978. Seine erste Pilgerreise nach Polen wird zum Impuls einer riesigen gesellschaftlichen Bewegung. Die im Juni 1979 in Warschau verkündeten päpstlichen Worte „Fürchtet euch nicht” sowie „Dein Geist komme herab und erneuere das Angesicht der Erde. Dieser Erde!” geben den Polen Kraft und einen ungeheuer starken Glauben, der ihnen ein Jahr später dazu verhilft, mit der Gründung von „Solidarność” eine starke Massenbewegung des Widerstands ins Leben zu rufen, die die ganze Gesellschaft umfasst. Bald darauf entsteht die konspirative, von der staatlichen Zensur unabhängige Verlagsbewegung des sogenannten „Zweiten Umlaufs”. Ihre im Untergrund gedruckten Zeitungen informieren die Polen über die wahre Geschichte des Warschauer Aufstands, die die staatlichen Organe bislang verschwiegen oder verfälschten. Eine Zeit der objektiven Bewertung und der Wahrheit bricht heran. Die Zeit der nächsten Generation. 30