Kapitel 1: ein unsanfter Sturz - pride

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Zwei Freunde – Der Anfang
Jean-Pierre Ledoux
© Jean-Pierre Ledoux
Inhaltsverzeichnis:
Kapitel 1: ein unsanfter Sturz. ............................................................................... 2
Kapitel 2: Über kleine Mäuse und große Denker.................................................. 7
Kapitel 3: Narben der Vergangenheit ................................................................. 15
Kapitel 4: Die Träne des Glücks ......................................................................... 24
Kapitel 5: Einer von Millionen............................................................................ 31
Kapitel 6: Nitakupenda daima ............................................................................. 38
Kapitel 7: Chapuchapu ........................................................................................ 46
Kapitel 8: Gedanken der Nacht ........................................................................... 54
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Kapitel 1: ein unsanfter Sturz.
JP öffnete seine Augen. Verschwommen sah er sich unter einer
kleinen Akazie in der Mittagssonne der Savanne liegen. Sein Kopf
schmerze, als ob in ihm Stachelbeeren Tango tanzten. Mit einem
kräftigen Ruck musste er haufenweise Wasser aushusten. Erst jetzt
bemerkte er, dass er vollkommen durchnässt war.
„Ah, du lebst noch. Na das nenn’ ich mal knapp!“
Sein Blick fiel nach links auf einen ebenso durchnässten Servalkater,
der sich in der Sonne trocknete.
„Alles in Ordnung?“
JP konnte weder ihn noch irgendetwas an dieser Situation einordnen.
Er schwieg.
„Na, wenn du husten kannst, wirst du doch wohl auch reden können,
oder nicht?“, sprach der Serval weiterhin und stand auf, um sich auch
unter die Akazie in den Schatten zu bringen. JP sprang erschrocken
auf, und wollte fliehen, doch er merkte gleich schon als er stand, dass
seine Kraft nicht mal reichen würde, um einen Fuß vor den anderen zu
setzen.
„Keine Angst, kleiner Kerl! Glaubst du, ich mache mir die Mühe dich
zu retten, um dich dann zu fressen?“
JP war verwirrt, und zu träge es zu sagen, aber sein Gegenüber hatte
es an seinem Gesichtsausdruck schon gemerkt. „Diese Gewässer hier
sind nicht gerade zu schwimmen geeignet… Du hättest tot sein
können!“
Dieser Satz schien sich schier endlos in JPs Kopf zu wiederholen,
immer wieder, so kreisten die Worte wie ein akustisches Karussell in
seinem zerstreuten Bewusstsein um her. So fiel er um und reiherte
weiter Wasser und einige Nahrungspartikel aus.
„Auweia… Hey! Du!“, der Serval stachelte mit seinen Pfoten auf dem
halbwachenden Erdmännchen-Körper herum,
„Hey! Nicht
einschlafen!“
JP drehte sich von seinem Erbrochenen weg und legte sich gerade auf
den Rücken, nun begann er auch die Augen gezielt umherzubewegen
und die Umgebung zu inspizieren. Eine kleine Akazie, rings herum
Trockensavanne mit einem etwa zweihundert Meter entfernten
Ausläufer eines Flusses. Der Serval setzte sich dazu und hielt für
einen Augenblick inne.
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„Wie bin ich hierher gekommen?“, fragte JP leise und langsam.
„Ich habe dich hierher gebracht. In der Sonne wärst du ja ausgedorrt
wie eine Qualle am Strand.“
„Und was ist passiert?“
„Also“, holte der Serval aus und machte es sich etwas bequemer, „Ich
habe dich aus dem Fluss gerettet, ein wenig später wärst du sonst
ertrunken.“
„Fischst du alles aus dem Fluss, was da so gerade entlang kommt?“,
fragte JP etwas provokant.
„Wohl kaum. Kater springen sicher nicht aus Spaß ins Wasser. Ich
habe dich beobachtet. Um ehrlich zu sein, sah es etwas seltsam aus,
wie du ins Wasser gefallen bist.“
JP war das zwar nicht ganz klar, aber so langsam lichtete sich der
Nebel in seinem Bewusstsein.
„Na wie auch immer, kleiner Kerl, ich habe dich vor dem sicheren
Tod bewahrt!“, lächelte der Serval. Aber das Wort Tod hatte bei JP
wieder ein endloses Echo verursacht. Der Serval sah nur, wie JPs
Blick immer fahler wurde, bis ihm eine Träne, trotz seines noch
feuchten Gesichts, klar sichtbar aus seinen Augen floss. Mit
abnehmender Schwäche wurde sein Weinen immer stärker, bis er
schließlich anfing zu schluchtzen. Der Serval machte ein betroffenes
Gesicht, wobei er sich nicht sicher war, was in dem kleinen
Unbekannten vor sich ging. Nur sicher war er sich, dass es etwas von
größerer Tragweite sein musste. Schließlich beschloss er, nach
anfänglichem Zögern, seine Pfote auszustrecken, um das Häufchen
Elend zu trösten. JP schaute mit seinen verweinten Augen hinauf zum
Serval. Dieser lächelte Vertrauen erweckend. „Was auch weh tut, es
wird wieder gut.“, sprach er leise und drückte JP an sein Fell, der dort
weiterheulte. Aber der freundliche Serval hätte nicht ahnen können,
wie stark die Schmerzen waren, die JP da fühlte. Ja, dass es
schmerzen der Sorte waren, gegen die so gut wie kein Kraut
gewachsen war.
Nachdem sich JP so langsam beruhigt hatte, setzte er sich unter dem
Baum auf einen Stein und schaute ins Leere.
„Nun erzähl mal, was ist mit dir los?“, fragte der Kater.
Aber er stieß nur auf Schweigen.
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„Willst du mir nicht mal sagen wie du heißt?“
„Hey!“, schrie JP ganz unerwartet auf, „wenn du jemanden zum
Ausfragen gesucht hast, dann hättest du nicht nach Erdmännchen
fischen sollen!“
Der Kater, welcher immer noch insgeheim auf ein kleines Dankeschön
wartete, beschloss ihm eine kleine Lektion zu erteilen. „Also wenn du
glaubst, dass ich aus Spaß unter Einsatz meines eigenen Lebens in
einen tosenden Fluss springe, um kleine Erdmännchen zu retten, dann
hast du dich getäuscht. Ich interessiere mich nun mal für das
Schicksal, in welches ich mich eingemischt habe. Aber wenn du nur
dasitzen und schweigen willst, sicher, das kannst du auch ohne mich.
Bitteschön für’s Lebenretten. Adieu.“ Mit diesen Worten stand er auf
und machte Anstalten zu gehen, wohl wissend, dass er nicht gehen
würde.
„Warte!“, stieß JP von sich. „Mein Name ist JP.“
Der Kater drehte sich um und lächelte. „Geht doch. Ich heiße Kimya.“
Kimya setzte sich wieder, nur diesmal auf die andere Seite des Steins,
da die weiter ziehende Nachmittagssonne nun langsam den Schatten
des Baumes ostwärts verschob.
„Es tut mir Leid. Aber ich weiß im Augenblick einfach gar nichts
mehr…“
„Fangen wir doch mal ganz vorne an… wo Kommst du her?“, diesmal
versuchte sich der Kater in Geduld zu üben, da er wusste, dass was
immer in JP los war, es nichts einfaches sein konnte. „Erdmännchen
leben doch in Kolonien. Wo ist deine?“
„Ich habe sie vor langer, sehr langer Zeit verlassen. Aber lass uns
nicht darüber reden, bitte.“
„Na schön, wie du meinst. Dann schlag du mir etwas vor.“
Da brauchte JP nicht lange nachzudenken. „Warum hast du mich
gerettet? Beute hättest du auch einfacher haben können.“
Kimya seufzte, da er fest mit dieser Frage gerechnet hatte. „Ich mag’s
eben gut eingeweicht.“ Er wartete auf eine kleine Reaktion auf seine
Poante, die allerdings ausblieb. „Na gut. Du hast mich. Ich fresse
keine Kleintiere.“
JP guckte ungläubig. Das war zwar das erste heute, was für ihn
wirklich Sinn machte, aber doch war es so abwegig. „Aber was frisst
du denn dann?“
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„Insekten.“, murmelte Kimya, in der Hoffnung, damit etwas
Hemmungen abzubauen.
JPs Magen knurrte bei dem Gedanken an Insekten, aber trotzdem war
er noch beschäftigt damit, zu glauben, was er da hörte. „Insekten?“
„Insekten.“
„Insekten.“
„Jawohl, Insekten.“
„Oh man, Insekten!“
„Genau die. Hunger?“
„Und wie!“
Somit war Kimya einen Schritt weiter gekommen. Was konnte es
besseres geben, als eine kulinarische Gemeinsamkeit gefunden zu
haben und ihr gemeinsam nachgehen zu können. Somit beschloss
Kimya, nicht weiter zu löchern und für heute erstmal gut sein zu
lassen. Er war sich sicher, dass er zu gegebener Zeit mehr erfahren
würde, und begann an einer kleinen Wurzel des Baumes zu graben. JP
schaute zu, konnte aber immer noch die gesamte Situation schwer
fassen. Woher sollte er wissen, dass der Serval die Wahrheit sagte? Er
selbst erinnerte sich jedenfalls an fast nichts. Er wusste wer er war.
Wo er her kam, aber dann war es nur noch Leere. Richtig lebendig
fühlte er sich nicht. Was er aber sicher sagen konnte war eines: er war
traurig. Warum, das wusste er nicht. Aber er musste sich
zusammenreißen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen. Da war
eine Mahlzeit nach all dem Gereihere genau das Richtige.
„Hier.“, legte Kimya ihm die erste fette Larve hin, die er aus dem
Erdreich freigebuddelt hatte. JP legte vorsichtig, wie ein Kind, dass
nicht weiß, ob es träumt oder wacht, prüfend Hand an, und schob die
Larve langsam und genüsslich in sein Maul.
Kimya beobachtete aufmerksam. „Und? Wie ist sie?“
JP spürte, wie durch seine angeregten Geschmacksknospen und den
erhöhten Speichelfluss, der ihn zum Sabbern brachte, ein Gefühl von
Lebendigkeit in ihn zurückkehrte. „Atemberaubend!“, sagte er
anschließend. Kimya lächelte zufrieden, und buddelte weiter um auch
für sich etwas Nahrhaftes aus dem Boden zu ziehen.
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Nach einem saftigen Mahl wollte Kimya weiter in Richtung
Feuchtsavanne, zurück an die bewachsenen Ufer des Flusses, um sich
dort ein hübsches Plätzchen für die nächsten Tage zu suchen. „Was
hast du jetzt vor?“, fragte er JP.
JP zuckte nur mit den Schultern. Er wusste nicht wie sein Leben
weitergehen sollte. Zuviel Trauer lähmte jede Motivation in ihm.
Kimya betrachtete das Schweigen mit Sorge. Zwar fühlte er sich
verantwortlich für die kleine Seele, die er gerettet hatte, aber was
sollte er tun?
„Weißt du was? Du kommst einfach mit mir! Ist das was?“
JP nickte. Sogar ein angedeutetes Lächeln schlich sich in sein Gesicht.
„Na dann! Aufsteigen! Aber glaub nicht, dass ich jetzt immer für dich
nach Essen schaufle“, sagte Kimya mit einem Zwinkern. JP stieg auf,
er war erstaunt über die Offenherzigkeit seines Retters. Hatte er so auf
schicksalhafte Weise einen Freund gefunden? Der Kater machte sich
von der Steppe auf Richtung Fluss, dem Horizont entgegen.
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Kapitel 2: Über kleine Mäuse und große Denker
Entlang des Hauptarms des großen Flusses befand sich eine dicht
bewachsene Stelle, zu welcher ein kleiner Ausläufer frisches Wasser
in ein kleines stehendes Becken brachte. Am Ufer hatten die beiden
neuen Freunde ihr provisorisches Nachtlager aufgeschlagen. Unter
den schützenden Blättern eines großen Rotbusches schliefen beide tief
und fest, als die Sonne aufging. Leise wehte der warme Morgenwind,
und ließ die letzten Überreste des Morgentaus langsam dahin
schweben.
JP öffnete als erster die Augen. Er musste feststellen, dass er wohl
noch auf dem Weg auf Kimyas Rücken eingeschlafen sein musste, da
er immer noch im Fell seines Retters lag und sich nicht genau an die
Ankunft erinnern konnte. Kein Wunder, schließlich war er ganz schön
müde gewesen. Entsprechend gut fühlte er sich, so gut
durchgeschlafen zu haben. Er reckte sich ein wenig und hüpfte von
seinem Gefährt hinunter. Die Sonne läutete einen so schönen Tag ein,
dass er schon fast vergessen hatte, was ihn so quälte. Er beschloss
nach Frühstück zu suchen.
„Ich hoffe du bringst mir was mit.“, überraschte Kimya, der nur
dahindöste, das buddelnde Erdmännchen. „Ich hätte gerne einen
blauen.“
„Auch noch Extrawünsche, was? Ich werde sehen was ich tun kann.“
Er knackste mit den Fingerknochen und buddelte fleißig in der Nähe
des Ufers. „Hier hab ich einen braunen.“
„Geht auch, immer her damit!“, ließ der Kater von sich verlauten. JP
legte ihm die rotbraune Larve vor das Maul und sah noch immer etwas
ungläubig mit an, wie Kimya es ohne jedes Problem fraß.
„Hm, die schmecken auch gut.“
JP buddelte weiter. Was er fand verschlang er, hin und wieder legte er
Kimya etwas hin. Beide redeten erstmal gar nicht groß miteinander.
Erst gegen Ende ihres Frühstückes zeigte JP Interesse an einem
Gespräch. „Wo kommst du eigentlich her?“
Kimya schluckte. Er hätte ahnen können, dass auch diese Frage
irgendwann kommen würde.
„Ich komme ganz aus dem Süden. Ich bin ein Einzelgänger.“
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„Ich kann es mir nicht vorstellen, dass es für eine Großkatze einfach
sein muss, sich von Insekten zu ernähren.“
„Du sagst es. Genau deswegen haben mich meine Eltern verstoßen.“
„Oh. Das tut mir Leid.“
„Ach was, das braucht es nicht.“
„Aber jagen lernen kann man ja auch so, nicht wahr?“
Kimya schaute etwas verlegen. Zunächst wollte er nur teilnahmslos
nicken, aber er beschloss, das Problem beim Namen zu nennen. „Ich
kann gar nicht wirklich jagen. Ich komme weder mit den Tieren klar,
noch mit dem Prinzip. Da sträubt sich alles in mir gegen.“
„Oh. Magst du es mir vielleicht erzählen?“
Kimya streifte mit seinen Augen einmal gemütlich in der Umgebung
herum. Dann begann er zu erzählen.
»Es war ein ungewöhnlich heißer Tag, als Kimya mit seiner Familie
wieder raus zum jagen ging. Er und seine zwei älteren Brüder sollten
lernen, wie man für seinen Lebensunterhalt sorgt. Der Focus lag auf
Selbstständigkeit und Präzision. Jagen eben – eine Kunst für sich. Wer
was schaffte wurde gelobt, wer nicht, der wurde getadelt. Aber nicht
nur das. Wer sich nichts zu fressen reißen konnte, der musste auch
hungrig schlafen gehen. Das waren sie, die harten
Erziehungsmethoden von Kimyas Eltern.
„Einer nach dem anderen und jeder für sich allein.“, das war die
knallharte Ansage von Kimyas Vater, der sich und seinen autoritären
Erziehungsstil wohl selbst am meisten leiden konnte.
Während seine beiden Brüder Lex und Max fleißig ihre Feldmäuse
und Maulwürfe häuften, saß Kimya im Gras, Widerwillens, seine
Krallen auch nur auszufahren. Es war jedes Mal das gleiche… Er
konnte es nicht. Er verstand auch nicht, wieso seine Brüder, die beide
aus einem Holz geschnitzt zu sein schienen, es so gut beherrschten.
Sie hatten sich so zu Papas Lieblingen gemacht, allen voran Lex, der
mittlerweile mehr jagte als er und seine Eltern fressen konnten.
Kimya dagegen wusste, Tadel würde er nicht so viel zu hören
kriegen… Man interessierte sich für Erfolge, nicht für Misserfolge.
Demnach waren Versager eben die schwarzen Schafe. Kimya wusste,
dass er die Gunst und das Interesse seines Vaters zumindest nicht mit
Jagen bekommen konnte. Anstatt also seine Beute zu fangen, setzte er
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sich mit ihnen hin und plauderte und spielte mit ihnen. Vor ihnen
bekam er dann auch den Überlebenstrick seines Lebens: Insekten
fressen. Schließlich war es die einzige Möglichkeit, satt zu werden und
dem Jagen zu entfliehen.
Aber dafür zu zahlende Preis war hart.
„Kimya! Warum jagst du schon wieder nicht?“, fauchte sein Vater.
„Ich werd’ schon was finden Paps…“. Aber er hatte nicht die leiseste
Absicht etwas zu finden. Schon der Gedanke nach blutigen
Fleischstücken eines halbzerfetzten Tieres drehte ihm den Magen um.
Was sollte er also anderes tun?
Er wusste, dass sein Vater im Großen und Ganzen nur Augen für seine
beiden großen Söhne hatte, die, ebenso wie er, große Jäger waren,
und so auch selbstständig für ihr Fressen sorgen konnten. Es tat ihm
zwar weh, so gleichgültig behandelt zu werden, aber die Alternative
wäre gewesen, sich von einem überambitionierten Vater zum Jagen
zwingen lassen zu müssen.
Kimya seufzte.
„Ach, wie soll das nur weitergehen?“
„Was hast du denn jetzt vor?“, sagte eine kleine Maus, die sich
bewusst in Kimyas Jagdzone begeben hatte, um seinen beiden Brüdern
zu entkommen.
„Ich weiss es nicht, sag du es mir!“
„Es geht mich ja eigentlich nichts an, aber ich würde mich freuen,
wenn du bei deiner Gesinnung bleiben würdest.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen…“, lachte Kimya sarkastisch, „denn
immerhin hängt ja auch dein Leben dran, nicht wahr?“
Die Maus zuckte verlegen mit den Schultern. Was hätte sie anderes
sagen sollen?
„Ich werde dir mal was sagen! Ich bin es leid, mich immer hinter dem
Rücken meiner Familie von Insekten zu ernähren um abends den
müden Jäger zu machen!“, knurrte Kimya, „Ich werde ab sofort
meinen eigenen Weg gehen… Dort wo ich mich nicht verstecken muss
um Käfer und Larven zu finden.“
Die Maus aber war versteinert. Kimya schaute sie an aber sie bewegte
sich nicht mehr, und ihr Blick war leer.
„Mein Bruder frisst Insekten?“, überraschte Max, der die Maus
anvisiert hatte, Kimya von hinten.
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„Ähm, was… wo kommst du denn her?“, stotterte Kimya sich zurecht.
„Ich glaube es nicht!“
Max sprang auf die Maus und warf das zerbissene Tier vor Kimyas
Pfoten, der zitterte.
„Friss sie!“
„Nein!“
„Na los, du wirst sie jetzt fressen!“
„Nein, ich werde sie nicht fressen!“, schrie Kimya verstört zurück.
Eben noch hatte er mit der Maus gesprochen und nun sollte er ihre
leblose Hülle fressen.
„Dann bist du nicht mein Bruder!“, fauchte Max in Drohgebährden.
Kimya duckte sich und legte die Ohren ängstlich an, da kam auch
schon sein Vater.
„Was geht hier vor?“, erklang seine militärisch angehauchte Stimme.
„Kimya will nicht jagen und frisst anstatt dessen lieber Insekten!“
Bei diesen Worten fing Kimyas Herz an ganz laut zu schlagen, er
blickte beschämt auf die Miene seines Vaters.
„WAS?“, knurrte sein Vater und baute sich langsam vor Kimya auf.
„Du willst mir also erzählen, dass mein Sohn ein
INSEKTENFRESSER ist?“
Sein Vater kam langsam in Rage, als Kimya begann, sich dem
nähernden Serval zu entziehen.
„Bleib gefälligst hier, wenn ich mit dir rede, du kleiner Nichtsnutz!“
Jedes Wort traf Kimya hart wie eine Ohrfeige. Sein Vater fauchte
derart laut, dass die umher sitzenden Vögel flatterten. Kimya
verspürte eine Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben. Sein Gesicht
war wie gelähmt, sein Blick ganz fahl. Plötzlich sah er vor seinem
geistigen Auge die Maus, kurz bevor Max sie ansprang.
Dann fühlte er sich als Beute, die jeden Moment zerfetzt werden sollte.
Diesem Druck konnte er nicht mehr standhalten und entriss sich mit
einem plötzlichen Sprung über den gesenkten Kopf seines Vaters der
Situation und rannte los, so schnell, wie er noch nie gerannt war.
Verzweiflung und Trauer, Angst und Enttäuschung begleiteten ihn
noch eine ganze Weile. Weg. Er wollte für immer weg.«
„Wie hart.“, gab JP ganz sachlich von sich.
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Kimyas Gesichtsausdruck, der sich durch die schmerzhaften
Erinnerungen verzogen hatte, richtete sich mit einem künstlichen
Ruck wieder auf.
„Naja, was mich nicht umbringt, das macht mich eben stärker.“
In JP kribbelte es bei diesem Satz. Er fühlte sich in einem wieder an
etwas erinnert, was er die ganze Zeit versuchte, in Schach zu halten.
Er atmete kurz durch, und Kimya bemerkte sein Unbehagen. Ihm war
es so langsam klar, woran JPs plötzliche Phasen wohl lagen mochten.
Er durfte nichts sagen, was mit Tod zu tun hat.
„Vermisst du sie?“, lenkte JP wieder zum Thema zurück.
„Naja. Eigentlich vermisse ich sie ja nicht…“
„Aber?“
„…aber ich vermisse eine Familie, in der es nie soweit gekommen
wäre.“
Kimya seufzte. „Aber so etwas hat es nie gegeben. Es ist also eher
eine Sehnsucht, hervorgerufen durch fehlende familiäre Liebe.“,
rationalisierte er die gerade gezeigten Emotionen wieder weg.
„Auch eine gut funktionierende Familie muss nicht immer heißen,
dass man darin das Glück findet, wonach man sucht.“, setzte JP nach
einigen ruhigen Sekunden nach. Er schaute dabei raus auf die
Savanne. Etwas verträumt, danach suchend. Schließlich wandte er
sich wieder Kimya zu, der ein fragendes Gesicht machte.
„Ach Kimya. Wenn du wüsstest…“
„Was dann? Würde die Welt untergehen?“
JP schüttelte den Kopf, und ließ ihn danach hängen.
„Dann erzähl es mir doch. Ich bin für dich da.“, dann hielt er für einen
Augenblick inne, „Na was ist?“
JP atmete tief ein, und schloss dabei seine Augen.
»Es war am Abend eines wie üblich arbeitsamen Tages in der
Erdmännchenkolonie. JP ging dem Ruf seines Vaters, der die Kolonie
leitete, nach.
„Baba?“
„Ah, da bist du ja. Ich habe dich gesucht. Hörmal, ich wollte einige
wichtige Dinge mit dir besprechen.“
Auch wenn sein Vater lieb und fürsorglich mit seinem Sohn sprach,
musste JP schlucken, da er eine Ahnung hatte, was ihn jetzt zu
erwarten hatte.
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„Du weißt, ich bin nicht mehr der jüngste, und so langsam wird es an
der Zeit, dass du dich daran gewöhnst, meine Pflichten als
Kolonieleiter zu übernehmen. Ich bin stolz, dass du schon an diesem
Punkt bist, und freue mich, dich so langsam in diese Arbeit
einzuführen.“
JP schwieg.
„Ha, da is’ er sprachlos, was? Ich wusste du würdest dich freuen!
Immerhin bist du schon so weit!“
Aber was der Vater nicht wissen konnte war, dass JP nicht gerade
beliebt unter den anderen Erdmännchen war, und schon gar keine
Respektsperson. Abgesehen davon war Verantwortung das letzte was
JP für seine verhassten Artgenossen übernehmen wollte. Sie hatte ihn
in der Vergangenheit oft schikaniert und ausgelacht. Als Träumer und
Denker passe er nicht in dieses Volk hart arbeitender und praktisch
veranlagter Tiere. Höchstwahrscheinlich hatte sie damit auch Recht,
und JP wusste das. Aber der Punkt war, dass es ihm immer mit
Einsamkeit quittiert wurde. Jetzt die Spitze dieses Volkes zu werden,
darauf hatte er am wenigsten Lust.
„Aber Baba, ich…“
„Mach’ dir keine Sorgen, mein Sohn, es wird alles so wie du es dir
wünschst!“
Aber was wusste er schon von JPs Wünschen? Sicher war er immer
ein guter Vater gewesen, und sicher waren seine Bemühungen gut
gemeint, aber leider hatte er keine Ahnung davon, nach welcher
Wärme es JP wirklich sehnte.
JP machte sich sprachlos auf den Weg an die Oberfläche, um die
letzten Sonnenstrahlen dahinschwinden zu sehen. Er setzte sich auf
einen kleinen Stein und seufzte. Er konnte das nicht. Er konnte nicht
ernsthaft der Nachfolger seines Vaters werden. Aber was sollte er
tun?
Sein kleiner Bruder Mugo kam zu ihm.
„Na? Alles klar bei dir?“
Mugo war einer der wenigen, die JP wirklich lieb hatten. Für ihn war
er mehr als ein großer Bruder, er war ein echtes Vorbild. Es
faszinierte ihn schon früh, über was für Dinge sich JP den Kopf
zerbrach, und mit welch einem Wissen er an die Arbeit ging. Er war
freilich ein Denker. Aber auch für JP war die Beziehung zu seinem
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Bruder etwas Besonderes. Bei ihm fühlte er sich verstanden,
akzeptiert, geliebt.
„Ach…“, stöhnte JP vor sich hin, „…Baba will, dass ich langsam
seinen Job übernehme.“
„Ich weiß, er hat es mir eben auch erzählt… Ich kann mir nicht
vorstellen, dass es dir gefällt, nicht wahr?“
Während Mugo seinen auf dem Stein sitzenden Bruder ansah, blickte
dieser eisern der untergehenden Sonne hinterher, als ob er sie
festhalten wollte.
„Ich kann das nicht Mugo. Sie werden mich niemals akzeptieren. Sie
werden mir niemals gehorchen. Sieh’ doch mal wie es jetzt aussieht:
Ich bin der Idiot der Kolonie… Aber wer macht denn die Pläne für die
Gänge? Wer achtet auf die Statik? Wer denkt über das Strategische
nach?“
„Du. Zusammen mit Baba.“
„Ja, aber die glauben alle das sei Baba allein. Mir traut ja keiner
etwas zu.“
„Dabei bist du es allein. Baba wüsste ja nicht einmal wie man einen
Ausgang sichert…“, kicherte Mugo, „Du bist eben derjenige, der
wirklich was auf dem Kasten hat!“
Aber Mugos warme Worte konnten JP nicht überzeugen. Er wusste
keinen Ausweg, außer einen Endgültigen. Er musste von dort
verschwinden, und sein Glück auf eigene Faust suchen.
„Denkst du es erfüllt mich, für alle Leute mitzudenken, die es selbst
nicht können? Ich wünsche mir Freiheit… Freiheit. Hingehen wohin
ich will, tun was ich will. Fernab von diesen fiesen Tieren hier.“
Mugo bekam Panik.
„Aber du willst doch nicht etwa hier weg? Was soll denn Baba ohne
dich tun? Wir haben dich doch alle lieb!“
„Ich kann hier nicht bleiben. Du weißt warum.“
Ein Blick in die feuchten Augen seines Bruders machte JP betroffen.
Ihm wollte er das nicht antun. Genauso wenig, wie er ihn und seinen
Vater verlassen wollte. Aber er wusste, dass es die einzige Lösung
war, wenn er nicht länger der sein wollte, auf dem alle rumhacken. Er
wuschelte mit seiner Hand über Mugos Kopf und drückte ihn an sich.
Mugo umarmte ihn kräftig und fing an zu schluchtzen.
„Werden wir uns denn je wieder sehen?“, fragte er. Er wusste, egal
wie weh es ihm tat, dass er JP seinen Fortgang in die Freiheit von
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Herzen gönnte. Deshalb wollte er nichts tun, um ihn aufzuhalten.
Doch JP konnte seiner Frage auch nur ein fragendes Gesicht
erwidern.
„Sag Baba nichts. Du hast am besten von nichts gewusst.“, sagte er
schließlich und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.
Dann machte er sich entschlossen den letzten Sonnenstrahlen
hinterher. Mugo setzte sich auf den Stein, und sah ihm, teils noch
schluchzend, so lange hinterher, wie es ging.«
Kimya war betroffen. Zugleich konnte er aber nicht begreifen, wie
jemand, der eine so fürsorgliche Familie hatte, einfach gehen konnte.
Es war immerhin das, wonach er sich immer gesehnt hatte. Wie stark
musste JPs Sehnsucht nach etwas höherem gewesen sein, wenn er
selbst das so einfach aufgab? Kimya stellte fest, dass ihm nun einige
Dinge an JP klarer waren, wobei zugleich andere Dinge wieder neue
Rätsel aufgaben. Aber das Eis schien gebrochen. Von nun an waren
die beiden Freunde offener miteinander. Immerhin hatten sie beide
schmerzhafte Erinnerungen geteilt, und waren dabei aufeinander
eingegangen.
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Kapitel 3: Narben der Vergangenheit
Zwei Monate lang streiften die beiden Freunde durch die Savanne. Sie
fanden neue Futtergründe, trafen auf viele Interessante Tiere und
erlebten einige Abenteuer zusammen. JP lernte Schritt für Schritt sich
wieder im Leben zurecht zu finden, was Kimya sehr erfreute. Seine
Mühe ihn wieder auf feste Standbeine zu stellen hatte Früchte
getragen. Auch JP konnte das eine oder andere Mal seine Treue
beweisen, zum Beispiel als er Kimya vor einer Horde Jungelefanten
rettete.
Beide waren richtig froh, den anderen als Freund zu haben.
Am Abend eines anstrengenden Tages lagen beide wie fast jeden
Abend auf einer bewachsenen Düne am Rande eines Gewässers und
lauschten den Wasserinsekten.
„Du, Kimya?“, brach JP die fast andächtige Stille.
„Jo?“
„Was meinst du, wo es uns morgen hintreibt?“
„Tja, schwer zu sagen. Wir sind ja jetzt fast stetig gen Westen
gezogen, es müsste bald also endlich mal ein Ort kommen, wo wir
wieder mehr Zeit verbringen können.“
Die beiden waren entlang des großen Flusses, aus dem Kimya seinen
kleinen Gefährten einst gerettet hatte, gewandert, der sich immer
weiter in den Westen des großen afrikanischen Kontinents
schlängelte. Immer in der Nähe des zum leben notwendigen Wassers
konnte ihnen kaum etwas passieren. Je weiter sie kamen, desto
üppiger wurde die Vegetation, bis sie schließlich in einer subtropisch
anmutenden, feuchten Grünsavanne landeten.
„Schön wäre es ja schon, das Leben als Nomade ist nicht so ganz das
Wahre…“, meinte JP.
„Dabei dürften Dir doch diese Grünfelder gar nicht so fremd sein,
oder?“
Kimya hatte mal wieder clever kombiniert. Laut JPs Erzählungen
mussten sie in der Nähe von Orten sein, die JP nach Verlassen seiner
Kolonie schon einmal durchstreift hatte. Nur war es fraglich, ob er
sich daran so gerne erinnern mochte…
„Ach, das ist schon sehr lange her…“, murmelte JP nur und erlahmte
sein Lächeln in ein ausdrucksloses Gesicht.
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„Schlechte Erinnerungen?“, fragte Kimya vorsichtig. Nach all der Zeit
hielt er es für angebracht, mal wieder etwas zu graben, um seinem
Freund die eine oder andere Depression zu nehmen.
JP schwieg erstmal eine Weile. Dann stand er auf und schaute sich
um, so fern er im Lichte des Halbmondes schauen konnte.
„Ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal gewesen zu sein…“,
log JP. Denn er war hier schon einmal vorbeigekommen, eben zu
jener Zeit, als er seine Kolonie verlassen hatte. Im Interesse seines
Seelenfriedens wollte er das Thema schnell ad acta legen.
„Hm, aber dann kann es doch nicht weit sein bis zu dem Ort wo du…“
„Schluss jetzt!“, griff JP etwas aggressiv ein, „Ich kann mich nicht
erinnern, und damit basta!“
Kimya merkte, dass es was mit diesem Ort auf sich haben musste,
was in JP großes Unbehagen auslöste. Aber nach dieser Reaktion
wollte er nicht riskieren, JP weiter aufzuregen, also ließ er es dabei
bewenden. Er spürte, dass JP vor etwas Angst haben musste, aber
wovor das konnte er nicht sagen.
JP setzte sich wieder und starrte in die Weite, als ob er Wache halten
würde. Und damit war es wieder still zwischen den beiden Freunden
geworden. Kimya rollte sich zum Schlafen zusammen, dachte jedoch
noch eine Weile über das kleine Erdmännchen nach. Was er auch
immer fürchten musste, das konnte auch ihm nichts Gutes bedeuten.
Er beschloss dem die kommenden Tage mehr auf den Grund zu gehen,
und schlief dann allmählich ein.
Ein Paar Meter weiter saß JP, fast völlig von der Müdigkeit übermannt
noch da, und wartete mit bleiernen Augenlidern auf das
Morgengrauen, welches noch Stunden entfernt war.
„Na wen haben wir denn da?“
JP sprang erschrocken auf, er musste eingenickt sein. Aber es war
tiefste Nacht, und rundherum war niemand zu sehen. Er schaute noch
eine kurze Weile und legte sich dann vorsichtig wieder hin. Aber noch
bevor er die Augen schlissen konnte, sprach es erneut aus der
Finsternis: „So, hier bist du also! Du dachtest wohl, du könntest mir
entkommen?“
JPs Ängste, die er über lange Zeit versucht hatte krampfhaft zu
verdrängen waren mit einem Schlag nun alle wieder da. Auch seine
Erinnerungslücken füllten sich. Er wusste was die unheilvolle Stimme
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zu bedeuten hatte, und was ihn jetzt erwarten würde. So schlich er sich
von der Düne runter, um nach dem Ursprung der Stimme zu suchen.
Es war ein Anblick, dem er versucht hatte davonzulaufen, aber hier
bot er sich nun unausweichlich. JP schluckte und seine Hände
zitterten. Am Fuße der Düne stand ein Erdmännchen im Mondschatten
eines Busches und schaute mit einem finsteren Blick in JPs Augen.
„Kisasi! Nicht du! Nicht hier!“, stotterte JP und schüttelte immer
wieder den Kopf.
Die dunkle Gestalt trat einige Schritte nach vorne, hinaus aus dem
Schatten. Jetzt konnte JP auch erkennen, was er befürchtet hatte.
Kisasi, JP gleich in Größe und Gestalt, jedoch deutlich dunkler und
etwas wilder, hatte ihn gefunden.
„Doch Akili, ICH bin wieder da. Jetzt ist dein kleiner Urlaub von
deinen Schuldgefühlen endlich beendet!“
JP geriet in Panik: „Ich weiß nicht wovon du redest!“
Er spürte eine lahmende Schwäche, die ihn gleich an seine nervliche
Grenze brachte.
„Rede keinen Unsinn! Du weißt ganz genau, wovon ich rede!“ ,
ermahnte Kisasi, „und wenn du es in hundert Jahren noch nicht
wahrhaben willst, werde ich immer da sein, um dich daran zu
erinnern.“ Nachdem Kisasi das gesagt hatte, setzte er ein schäbiges
Grinsen auf. JP jedoch fasste sich immer wieder an den Kopf und
schüttelte ihn, als ob er seine Gedanken abwerfen wolle.
„NEIN! NEIN! Das kann nicht sein!“, winselte JP hin und her, „Ich
habe nichts gemacht, ich bin es nicht SCHULD!“
„DU bist es Schuld, Akili, DU und niemand anders. Du alleine hast es
zu verantworten, dass Chozi tot ist!“
Bei diesem Namen fiel JP auf die Knie und fing an zu Schluchzen. Er
rieb sich die Augen und schüttelte immer wieder seinen Kopf.
„NEIN! Ich habe Chozi nicht getötet! Ich konnte doch nichts dafür!“
„DU feiges Aas hast ihn ins Messer laufen lassen, damit du mit dem
Leben davonkommst! Aber so einfach ist das nicht! DU solltest an
seiner Stelle tot sein! Du hast nichts anderes verdient!“
„Hör auf, Kisasi! Lass mich in Ruhe!“, zappelte JP und fing an zu
Hyperventilieren.
„Oh Akili, du wirst noch dein blaues Wunder erleben. Ich werde dich
so lange quälen, bis du es endlich verstanden hast. Und dann werde
ich dir die Gnade zu Teil werden lassen zu sterben! Dein Leben ist
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nichts mehr wert… und fast hätten wir beide es doch geschafft, nicht
wahr? Oder hast du auch unser kleines Treffen am Fluss schon wieder
verdrängt?“
JP wollte nicht mehr widersprechen. Tatsächlich war auch er der
Meinung, dass sein Leben nicht mehr viel wert sei, jedoch hatte er mit
Kimya gelernt wieder neuen Mut zu schöpfen. Er wollte sich ein
wenig beruhigen, und fing an langsam zu sprechen: „Ich hätte Chozi
doch niemals so etwas antun wollen! Doch niemals ihm! Er war doch
das Einzige in meinem Leben, was ich hatte!“
Kisasi aber kannte keine Gnade. Immer wieder holte er mit düsterer
Stimme aus und zwang JP an seine Grenzen. Man konnte in Kisasis
Gesicht seine sadistische Genugtuung ausmachen, mit der er vorging.
„Und genau diesen einen musstest du dem Tode weihen? Das Einzige
Wesen auf dieser Welt, das dich wirklich geliebt hat? Du bist nichts
weiter, als ein dreckiger Mörder!“
Jetzt war JP hart getroffen. Er warf sich zu Boden und heulte, so laut
er konnte:
„NEIN! Chozi! NEIN! Es tut mir Leid! Oh Chozi, es tut mir so Leid!“
„Was geht hier vor?“, rief Kimya in sehr besorgter, aber verdächtig
ruhiger Stimme runter zu JP.
Dieser war von Herzen froh, dass Kimya endlich eingegriffen hatte,
obwohl er ihn eigentlich aus der ganzen Sache versucht hatte
rauszuhalten. Er sprang auf und lief die Düne hinauf zu Kimya, der
zwei Schritte zurückging. „Was ist mit dir los, JP?“
„Bitte beschütze mich vor ihm!“, winselte JP vor Kimyas Pfoten, der
ein sehr verwirrtes Gesicht machte. „Vor WEM soll ich dich
beschützen?“
JP streckte den Finger hinunter und zeigte auf Kisasi und sah Kimya
fragend an: „Vor ihm!“
Aber Kimya blickte gar nicht erst runter. Sein Blick war starr auf JP
gerichtet, voller Verwirrung und Sorge. Er versuchte ganz langsam
und vorsichtig zu sprechen: „JP, da unten ist niemand. Wir sind hier
ganz alleine.“
„NEIN! Sieh doch hin! Da ist…“
„…niemand, JP! Ich habe die ganze Zeit schon hier oben gesessen.“
Damit verstummte JP. Er war so verdutzt, dass er für einen
Augenblick seine Trauer vollkommen außer Acht ließ. Was sollte das
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heißen? Er blickte ungläubig in Kimyas Augen und wagte nicht
auszusprechen, was Kimya längst bemerkt hatte…
„Du hast die ganze Zeit mit dir selbst geredet, JP!“, brachte er es auf
den Punkt. JP hielt noch inne. Langsam aber sicher begann er es zu
begreifen. Sein Freund schüttelte vor lauter Entsetzen seinen Kopf.
„Oh man, JP, was ist nur los mit dir?“
So langsam kam JP wieder in die Situation zurück. Wenn Kimya
schon länger da gesessen hatte, was mochte er gesehen haben?
„Was ist passiert?“, fragte das vollkommen erschöpfte Erdmännchen.
Kimya mochte selbst kaum glauben, was er jetzt erzählen sollte, aber
er hatte es gerade mit seinen eigenen Augen gesehen. „Du hast mit dir
selbst geredet, JP. Als ob du zweimal da wärst…“
„Meinst du, dass Kisasi…“
„ES GIBT KEINEN KISASI, JP!“, fauchte Kimya etwas unfreiwillig,
selbst aus nervlicher Angeschlagenheit. JP dagegen drehte den Kopf
runter und sah Kisasi an. Er sah ihn. Er stand da, und war für JP so
klar sichtbar wie alles andere. „Nein! Da steht er!“
„Da steht niemand, JP, so versteh doch, du bildest dir das nur ein!“
„Na so was, Akili, du hast ihm nichts von uns beiden erzählt?“, sagte
Kisasi abermals mit seinem schäbigen Grinsen.
„Da! Du tust es schon wieder! Redest mit tiefer Stimme, als ob du
eine zweite Person mimst!“
„Na los Akili, sag es ihm! Sag ihm was du getan hast!“
„Ich habe nichts getan, Kimya das musst du mir glauben!“
Aber Kimya schüttelte nur den Kopf.
„Vielleicht ist er unsichtbar, und nur ich kann ihn sehen?“, brachte JP
hektisch als Erklärung vor, ohne sich groß Gedanken zu machen.
„Aber JP, wenn das so wäre würde ich doch nicht hören oder sehen
was ‚Kisasi’ sagt… aber ich tue es! Und zwar aus DEINEM Mund.
JP, bitte, warum sollte ich dich anlügen?“
Das war eine gute Frage. Eine, die es geschafft hatte JPs Sinn für
Logik zu reaktivieren. So langsam schaffte es JP nicht mehr, sich der
traurigen Wahrheit zu entziehen, nämlich dass Kimya Recht hatte.
Voller nervlicher Erschöpfung brach JP zusammen.
„Nein, nicht schon wieder!“, sagte Kimya und fing ihn auf, „Junge, du
musst mir erzählen was dir passiert ist… so kann das doch nicht
weitergehen.“
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Er legte ihn auf der Düne zu seinem Schlafplatz. Die Nacht war zwar
schon fast vorbei, aber nach all der Erschöpfung mussten beide etwas
Ruhe finden.
Am nächsten Morgen päppelte Kimya seinen schizophrenen Freund
wieder auf und sah ihn auf dem Stein sitzend mit seinem Alter-Ego
reden. Der Anblick war befremdlich, nicht zu sagen bizarr. Ständig
wechselte er die Tonlage, und immer wieder zuckte er mit dem Kopf.
Schlimmer als alles andere war jedoch, dass Kisasi es schaffte JP
immer weiter fertig zu machen. Kimya fühlte sich hilflos. Was sollte
er tun? Er wusste, egal was er unternehmen wollte, musste er erstmal
die Wahrheit über JPs Vergangenheit kennen, also musste er sich
irgendwie Zugang zu seinem vollkommen verwirrten kleinen Freund
verschaffen. Er beschloss es Schritt für Schritt anzugehen.
Er fasste seinen Mut zusammen und setzte sich zu JP.
„Hey… wie geht’s dir heute?“
Aber ein Blick in die Augen des kleinen Erdmännchens, ließ die Frage
schon fast wie Hohn klingen.
„Es geht… war schon mal besser.“
„Ich würde dich gerne ein paar Sachen fragen.“
„Nur zu.“, antwortete JP, der es inzwischen auch nicht mehr für das
Beste hielt seinem Freund alles zu verschweigen. Immerhin hatte
Kimya es mehr als einmal bewiesen, dass er ein vertrauenswürdiger
Geselle war.
„Wer ist Akili?“, fragte Kimya nach kurzem Zögern.
„Akili ist ein MÖRDER!“, antwortete Kisasi schnell zurück, und
grinste Kimya finster an.
„Nein! Lass mich in Ruhe! Ich bin kein Mörder!“, sprach es aus dem
selben Mund, während JP mit geschlossenen Augen seinen Kopf
schüttelte. Kimya wurde etwas klar.
„Du bist Akili?“
Das Erdmännchen beruhigte sich, und schaute mit geröteten Augen zu
Kimya hinauf. Nach einigem Zögern rollte er die Augen wieder vor
sich in dir Leere, wo er Kisasi stehen sah. Dann ließ er den Kopf
hängen: „Ja, das ist mein wahrer Name.“
Kimya atmete erleichtert auf. Es war mehr oder minder die erste Frage
aus JPs Vergangenheit, die endlich eine Antwort gefunden hatte.
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„Aber ich habe diesen Namen abgelegt. Zu viele Schuldgefühle sind
mit diesem Namen Verbunden…“
„Schuldgefühle?“
„Chozi! Er hat ihn Umgebracht!“
Kimya spürte, wie JP jedes Mal bei dieser Bezichtigung sehr schwach
wurde. Aber was sollte er gegen die ständigen Auftritte von Kisasi
tun? Er wusste nicht weiter und schwieg erstmal. Aber plötzlich kam
ihm eine geniale Idee. Er wollte versuchen, ein bisschen
‚mitzuspielen’.
„Lass dich nicht beirren. Sag mir lieber, was es mit Chozi auf sich
hat.“
Aber diese Frage war nicht gerade eine, die für JP einfach zu
beantworten war. Er wusste nicht einmal wie er es Kimya erklären
sollte. Er zögerte, und man sah ihm seine Unbeholfenheit an. Kimya
merkte es, aber diesmal wollte er keine Gnade zeigen. Jetzt musste er
es wissen.
„Sag es mir JP, bitte. Ich will dir doch nur helfen. Und wie soll ich das
tun, ohne zu wissen, woran du so zu leiden hast…“
Kimya lächelte. Es war das selbe Lächeln, wie immer wenn er JP
tröstete und ihm Mut machte. Bis zu diesem Tage war es ein für JP
immer aufgegangenes Erfolgsrezept.
Er schaute rauf zu Kimya, und sah sich sehr ermutigt, sich seinem
Freund gegenüber zu erleichtern. Aber er blickte wieder runter und
sah Kisasi vor sich stehen. Dieser blickte tief in JPs Augen. Er lähmte
ihn wie eine Schlange seine Beute. Er versuchte immer an Kimyas
Worte zu denken, dass er nicht echt sei. Aber das war nicht von
Bedeutung. Was echt war, waren seine Schuldgefühle, die Kisasi
repräsentierte, ob er nun existierte, oder nicht.
„Wer ist Chozi, JP?“, wiederholte Kimya geduldig seine Frage.
Doch JP schwieg. Er war in Gedanken an Chozi ein wenig ins
Träumen geraten. Einige Gedanken an ihn ließen ihn schmunzeln.
Andere jedoch führten letztlich wieder zu Tränen.
„Also gut. Ich werde dir von ihm erzählen.“, kämpfte JP aus sich
heraus.
„Chozi war ein Erdmännchen, welches ich einige Zeit nach meinem
Ausriss aus der Kolonie in der Steppe kennen gelernt hatte. Wir
waren…“
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„Freunde?“, unterbrach Kimya ungeduldig. Und damit hatte er genau
den wunden Punkt der Sache getroffen. JP blickte ihn kurz mit
zusammengekniffenen Zähnen an.
„Mehr als das.“, quetschte JP mit geschlossenen Augen leise aus sich
heraus, und blickte danach gleich in Kimyas Gesicht. Kimya war
leicht verwirrt. Mehr als Freunde? JP wusste genau, das Kimya sich
nun genau diese Frage stellte.
„Zusammen?“, fragte Kimya etwas undgläubig. Aber JP antwortete
nicht. Wahrscheinlich war es ihm in diesem Augenblick bewusst wie
deutlich ein Schweigen sein kann. Er legte die Hände ins Gesicht, als
ob er sich hinter ihnen verstecken wollte. Kimya spürte, wie sehr sich
sein kleiner Freund schämte, und dachte nach.
Er fühlte sich an all die Situationen erinnert, in der er sich als
Insektenfresser zu erkennen geben musste. Es gab Tiere, die lachten,
welche, die spotteten und welche, die es einfach hinnahmen. Er war
immer froh über jeden, der ihn nicht so oberflächlich beurteilte, wie
sein Vater es einst getan hatte. Deshalb beschloss Kimya, JP zu
zeigen, dass er damit kein Problem hat.
„Weißt du, JP… Es gab eine Zeit, da habe ich mich auch geschämt ein
Insektenfresser zu sein. Es gab Tiere, die meinten es sei unnormal
oder gar absurd, dass ein Serval Insekten frisst. Ich habe immer das
getan, was ich für richtig gehalten habe. Ich habe niemals Tiere
deshalb gefressen, weil ich es ‚musste’. Ich fresse was ich will, und
was mir schmeckt. Da hat niemand anderes mitzureden. Wer mich so
nicht mag, wie ich bin, der geht mir so was von an meinem Schweif
vorbei…“
JP war ein wenig erleichtert, jedoch war in seinem linken Auge immer
noch eine Träne, die nicht abfließen wollte.
„Danke Kimya, ich weiß das zu schätzen.“, danach hielt er kurz inne,
„aber weißt du, mit Chozi… da war es nie wichtig was andere
dachten. Ich hatte niemals Probleme dieser Art, weder Scham, noch
sonst etwas… Es war einfach alles wie es sein sollte. Wir passten so
gut zusammmen.“
Kimya hörte aufmerksam zu. Er hatte seinen kleinen Freund noch
niemals so offen über diese Art von Gefühlen reden hören. Auch er
hatte ihn noch nie so niedergeschlagen gesehen.
„Ich weiss nicht wie ich dir das erklären soll. Er war einfach meine
bessere Hälfte. Zusammen waren wir ein ganzes… Partner für die
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Ewigkeit. Aber was bin ich nur ohne ihn? Ohne ihn bin ich nichts…“,
schluchzte JP mit leiser, hauchender Stimme.
Kimya war betroffen. Er konnte sich nicht vorstellen, was es heißen
musste derart zu lieben, aber er verstand auf jeden Fall den Kummer
seines kleinen Gesellen. Ab nun schwul oder nicht, Gefühle waren
Gefühle, so dachte er sich. Viele Dinge erschienen ihm so logischer,
teilweise ergaben sich jetzt auch neue Schlüsse, die er vorher
vergebens in JPs Auszug aus seiner Kolonie gesucht hatte. Er zögerte
ein wenig, bevor er sich entschloss ihm eine entscheidende Frage zu
stellen: „Was ist passiert?“
Aber er bekam keine Antwort.
23
Kapitel 4: Die Träne des Glücks
»„Pfoten weg! Das ist meine Larve!“, rief Akili zu dem fremden
Erdmännchen, das gerade dabei war sich auf seinem Stammplatz
niederzulassen.
„Ich sehe nicht, dass dein Name draufsteht.“, lächelte der Fremde
zurück und schob sich die Larve frech in sein Maul.
„Argh! Husch! Verzieh’ dich! Hier jage ich!“
Der Fremde fing an herzhaft zu lachen. „Das nennt man neuerdings
jagen? Ha, du solltest es aufsammeln nennen… das ist irgendwie
zutreffender für diese Tätigkeit.“
Akili war leicht verwirrt durch diese merkwürdige Art der
Dreistigkeit. Er stand mit offenem Maul und erhobener Hand da und
bekam keinen Ton aus sich heraus.
„Bleib’ mal locker, es ist doch genug für uns beide da.“, grinste der
Fremde kess.
Akili zuckte mit den Schultern und lächelte zurück, Lust auf Streit
hatte er nicht wirklich. Er hatte seit dem er seine Kolonie verlassen
hatte kein Erdmännchen mehr gesehen. Irgendwo war es eine
willkommene Abwechslung.
„Wie heißt du?“, fragte der Fremde ganz unverhohlen, als er weitere
Käfer vor sich türmte.
Akili zögerte etwas misstrauisch, aber das freche Grinsen seines
Gegenübers hatte ihn schon längst in seinen Bann gezogen. Er blickte
Akili geradewegs in die Augen, dass der seinen Kopf verlegen zur
Seite wegdrehte. Er mochte es nicht, seine Gedanken über seine
Augen einfach so preiszugeben.
„Akili.“
„Ah, die Vernunft!“
„Wie bitte?“
„Na dein Name! Akili bedeutet Vernunft, Sinn und Verstand.“
„Hm, davon wusste ich nichts.“, antwortete Akili etwas passiv. Die
Kontrolle dieses Gespräches hatte er eh schon lange verloren.
„Ich heiße Chozi. Das bedeutet Träne.“
Akili traute sich wieder ihn anzusehen, wunderte sich kurz, da Chozi
schon recht nah neben ihm saß.
„Träne?“
24
„Genau.“, Chozi deutete auf einen kleinen dunklen Fleck unterhalb
seines rechten Auges.
Akili fühlte sich etwas überrannt von seiner neuen Bekanntschaft.
Eigentlich wollte er nur Essen, und schon war er in ein Gespräch
verwickelt. Aber schlimmer noch, Akili war Chozis Flirt total auf den
Leim gegangen. Nachdem kurzen Smalltalk machte sich Chozi
allerdings wieder auf den Weg.
„Isst du öfters hier?“, fragte er noch.
Akili zögerte wie immer etwas, da er viel zu beschäftigt war, Chozis
charismatischem Lächeln standzuhalten.
„Eigentlich jeden Tag.“
„Gut.“, zwinkerte Chozi und machte sich davon.
Etwas verduzt saß Akili noch eine ganze Weile untätig da, bis er
begriff, das da gerade ein Erdmännchen ihm total den Kopf verdreht
hatte. Dann lächelte er und bekam sein Zeitgefühl zurück. Nun war es
nicht nur noch Hunger, was in seiner Bauchgegend grummelte. Zum
ersten Mal in seinem Leben war Akili verliebt.«
„JP! Wach auf!“, rief Kimya. Es war mitten in der Nacht. „Wir
müssen hier weg, es zieht ein Gewitter auf!“
In der Tat war es eine recht kühle und windige Nacht, die am Horizont
schon einige Blitze zu zeigen hatte. JP wachte auf und bemerkte, dass
er gerade ganz lebhaft von seiner ersten Begegnung mit Chozi
geträumt hatte.
„Was ist los?“, fragte JP noch schlaftrunken.
„Ein Gewitter zieht auf, wir müssen von dieser Düne runter und uns
ein sicheres Plätzchen suchen.“
JP brauchte nicht lange, aber er war in Gedanken noch ganz in seinem
Traum. Fast so, als ob man ihn gerade aus jener Situation
herausgerissen hätte, so fühlte er seine Schmetterlinge im Bauch, die
sogleich zu Steinen wurden, als die Realität ihn wieder einholte.
JP sprang auf Kimya, der sich sofort mit seiner katzentypischen
Eleganz am Ufer entlang machte, um eine sichere Stelle zu finden.
„Siehst du etwas?“, fragte JP, für den die Nacht viel zu dunkel war.
„Schwierig, es ist kaum etwas in Sicht!“
„Wir müssen uns beeilen, es fängt schon an zu tröpfeln.“
Ein Paar Augenblicke später hörte man schon überall den prassenden
Regelfall, und die beiden Freunde wurden klitschnass. Auch der
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Abstand von Blitz und Donner wurde mit der Zeit immer kürzer, so
dass Kimya und sein Reiter langsam die Sorge packte.
Sie kamen an eine Biegung des Flusses, der mit Felsen gespickt war.
Kimya sprang auf den ersten Felsen, um sich ein Bild von den
Übrigen zu machen, und tatsächlich hatte sein Instinkt ihn nicht im
Stich gelassen: Zwei Felsen weiter war eine kleine Höhle, aber das
Problem war es über die scharfen Kanten des nächsten Felsens zu
kommen.
Der Donner kam schon fast mit dem Blitz zusammen und der tosende
Wind peitschte den beiden erbarmungslos den Regen ins Gesicht,
während Kimya noch stand und sich Mut für seinen Sprung sammelte.
JP hielt sich fest an Kimyas Haar, sein Herz schlug ihm bis in den
Hals hoch.
Doch plötzlich zog Kimya die Brauen zusammen und Sprang mit
animalischer Kraft über den spitzen Felsen hinweg und landete sicher
auf allen Vieren vor dem Eingang der Höhle. JP stand die Angst noch
ein wenig im Gesicht geschrieben, aber auch er erholte sich langsam.
Es war geschafft! Sie waren dem Sturm sicher entkommen und
konnten sich nun ausruhen.
„Guter Hechtsprung!“, würdigte JP die Meisterleistung seines
Gefährten.
„Danke!“, hechelte Kimya noch etwas erschöpft und ein wenig
ungläubig dahin. Er war tatsächlich über sich hinaus gewachsen.
Wenn das sein Vater hätte sehen können, dachte er sich kurz.
In der Sicherheit der Höhle konnten sich die beiden nun wieder
niederlassen. Aber die Aufregung von gerade hatte beiden die
Stimmung nach Schlaf irgendwie vertrieben. Kimya hörte, dass JP
etwas schwer atmete. Sollte er es wagen, es anzusprechen?
„Geht’s dir gut?“
„Ach, weißt du, ich habe dir doch gestern von Chozi erzählt…“
Kimya war erstaunt, dass JP diesmal weder schluchzte, noch
irgendwie anders sentimental wurde… er erzählte einfach.
„…ich habe diese Nacht von unserer ersten Begegnung geträumt. Es
tat so gut, ihn wiederzusehen, seine Gegenwart zu spüren. Es ist, als
ob es gestern gewesen ist.“
Kimya merkte, dass diese ganzen Erinnerungen an Chozi JP scheinbar
bei Laune hielten, und ihn womöglich von seinen Depressionen
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fernhielten. Abgesehen davon, dass es ihn auch interessierte, wie JPs
Vergangenheit mit Chozi aussah, fand er es auch aus rein
‚therapeutischen’ Zwecken ganz nützlich, mit JP darüber zu sprechen.
Er fragte JP, und dieser Erzählte ihm von seinem Traum.
Kimya war fasziniert von JPs Erzählungen. Auch er war einmal
verliebt gewesen, aber ohne Erfolg. Deshalb hörte er spitzohrig zu,
und versuchte tief in die Stimmung einzutauchen. Er sah, wie JP ins
schwärmen geriet, wenn er von Chozis Lächeln, oder seinen zarten
Gesten sprach. Lange hatte er seinen kleinen Freund nicht so lächeln
sehen. JP erinnerte sich gerne auch über seinen Traum hinaus, an die
folgende Zeit.
»Mehrere Tage hatten sich Akili und Chozi immer wieder am besagten
Futterpunkt getroffen und zusammen Insekten gefangen. Akili fing an
Chozis fast schon aggressives Lächeln zu erwidern. Er war sich nicht
sicher, ob Chozi es auf ihn abgesehen hatte.
Aber so war es. Chozi war in der Tat verliebt. Er war ein Typ, der
nicht lange nachdenkt, sondern handelt. Gleich schon als er Akili das
erste mal sah, wusste er, dass er ihn wollte. Koste es was es wolle.
Aber er wollte es nicht überstürzen, sondern Akili in seinen Bann
ziehen. Er war ein echter Romantiker, hoffte, dass es bei Akili
anschlagen würde. Er war sich nur nicht sicher, ob Akili auch auf
Männchen, insbesondere auf ihn stand.
Im Gegensatz zu Akili war Chozi schon einmal verliebt gewesen. Er
kannte sich aus, und versuchte sich als Casanova, während der
vergleichsweise unerfahrene Akili immer wieder nicht wusste, wie er
sich richtig verhalten sollte. Verlegenheit färbte verdächtig sein
Gesicht.
Akili wollte nicht zuviel von seinen Gefühlen preisgeben, da er wie
Chozi fürchtete, abgelehnt zu werden. Aber er hatte nicht die Macht
über das zu gebieten, was sein Herz ihm sagte.
An diesem Abend waren die beiden recht lange zusammen gewesen,
diesmal so lange, bis die Sonne unterging. Ihre letzten Strahlen
warfen eine blendende rote Corona, welche den Horizont in eine
Feuerwalze verwandelte. Wie oft hatte sich Akili einen
Sonnenuntergang wie diesen angesehen… jedes Mal aufs Neue hatte
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es ihn tief beeindruckt. Doch diesmal war er nicht allein. Zum ersten
Mal war jemand bei ihm um dieses Naturschauspiel mit ihm zu teilen.
Jemand, der Akili vielleicht das geben konnte, was er in seiner
Kolonie niemals hätte finden können.
Beide sahen sich den Sonnenuntergang schweigsam an. Niemand
wollte riskieren diese anmutige Stille zu brechen. Aber Wörter waren
auch nicht wirklich notwendig. Chozi sah in Akilis Augen, welchen
starken Einfluss der Sonnenuntergang auf ihn hatte, wie aufmerksam
er ihn verfolgte, wieder, als ob er die Sonne mit seinen Blicken
festhalten wolle. Er hatte genug gewartet.
Plötzlich spürte Akili, den die Sonne fast hypnotisiert hatte, wie eine
Hand seinen Rücken berührte. Er konnte es kaum glauben.
Die Berührung war wie ein Zauber, welcher ein Kribbeln auf seiner
Haut hervorrief, welches sich zu einer Gänsehaut über seinen ganzen
Körper ausweitete. Akili hatte so etwas noch niemals gespürt. Obwohl
die Sonne noch ein Stück unterzugehen hatte, schloss er die Augen
und genoss das magische dieses Momentes.
Chozi merkte, was in Akili vor sich ging und fühlte sich bestätigt. Er
erinnerte sich, dass sein erster Freund es bei ihm ähnlich gemacht
hatte. Auch wenn dieser ihm schon lange nichts mehr bedeutete,
wusste er wie schön diese Erfahrung damals für ihn war, und wollte
diese weitergeben, an jemanden, der ihm besonders am Herzen liegt.
Ermutigt streichelte er Akilis Rücken weiter.
Derweil war die Sonne untergegangen. Einzig ein feuerroter Himmel
war übrig geblieben.
Chozi legte seinen Kopf von hinten auf Akilis linke Schulter und
blickte mit ihm nach Westen.
„Weißt du, was das besondere an diesem Sonnenuntergang ist?“,
fragte Chozi.
„Was?“
„Wir.“
Akili spürte wie sein Herz aufging wie eine blühende Blume. Sein
Atem heiß wurde wie Feuer. Sein ganzer Körper kribbelte.
„Du bist wirklich etwas Besonderes.“, hauchte Chozi leicht in sein
Ohr, und drehte sich zu ihm. Er sah in Akilis Augen. Dieser schaute
diesmal nicht weg, als ob er Chozi geradezu einladen wollte, seine
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Gefühle zu lesen. Chozi wusste was Akili wollte. In einem nahm er
seine Hände und gab ihm einen langen Kuss.
Die Zeit stand still.«
Am nächsten Morgen verließen die Beiden die Höhle früh. Der große
Fluss war ohne Regen nur halb so groß, das Ufer ein breites
fruchtbares Stück Land, ideal für ein reichhaltiges Insektenfrühstück.
Die Atmosphäre war wie gereinigt und die Sonne schien mild an
diesem Morgen, nur die Luft verriet die Ereignisse der vergangenen
Nacht durch einen unangenehmen Ozonduft.
„Wir sollten uns hier nicht lange aufhalten, ich will bald mal einen
vernünftigen Schlafplatz finden.“, sagte JP.
„Keine Sorge, wir werden schon weiterkommen. Allzu lange dürfte
das ja hier nicht dauern.“
JP sah sich zuerst das Riesenangebot an Insekten, und blickte etwas
verdutzt zu Kimya zurück.
„Sag bloß du willst sie alle Fressen!“
JP lächelte etwas verwegen.
„Du bist echt das gierigste Erdmännchen, das mir jemals
untergekommen ist!“
„Und wenn schon!“, ließ JP von sich und stopfte sich demonstrativ
eine viel zu große Larve in sein Maul.
„Igitt!“, kannst du nicht mal anständig essen?“
„Oi, sind wir jetzt in feiner Gesellschaft, oder was geht hier los?“,
antwortete JP, bevor er am Ende über die Situation herzhaft lachen
musste. Kimya schloss sich dem heiter an, und biss einmal kräftig in
einen Käfer.
Während beide nach dem Frühstück heiter und gemütlich am Fluss
entlang schlenderten, wunderte sich Kimya über den Zustand seines
kleinen Freundes. Er war ungewöhnlich gut drauf, atmete genüsslich
die frische Morgenluft und verhielt sich normal. Keine Spur von
Kisasi. Kimya wollte dieser Harmonie nicht trauen, denn dafür war
das was er zuvor gesehen hatte zu schwerwiegend gewesen. Er
versuchte es sich durch die positiven Erinnerungen an Chozi zu
erklären. Wie auch immer dieses Erdmännchen auch gewesen sein
musste, sein Einfluss auf JP musste immer noch magisch sein.
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„Da, JP, sieh mal!“, deutete Kimya auf einen neuen Landabschnitt,
den sie gerade betraten, „Büsche, Gräser und Felsen! Wir kommen
langsam in ein fruchtbares Gebiet.“
Kimya schaute neben sich und fand JP, der schon fünf Schritte zuvor
stehen geblieben war, hinter sich stehen.
„Was is’n los?“
JP schnüffelte ein wenig in der Luft herum.
„Nichts.“, und ging weiter. Sein entspanntes Gesicht war dahin.
Kimya bemerkte diesmal, dass JP etwas herunterspielte. Er schaute
ihn eine Weile etwas misstrauisch an. JP erwiderte den Blick, als ob er
Kimya Misstrauen Recht geben wollte.
„Das ist ein übler Ort.“, sagte er leise.
Es musste also ein weiterer Ort mit tiefer Bedeutung für JPs
Vergangenheit sein. Kimya kribbelte beim Gedanken daran der
Nacken.
„Ich will hier nicht sein, Kimya, lass uns schnell hier
verschwinden…“
JP zeigte sich leicht ängstlich und seine Puppillen weiteten sich.
Kimya merkte wiedereinmal das Unbehagen.
„Was hat es mit diesem Ort auf sich, JP? Sag es mir doch!“, und
diesmal wollte Kimya nicht locker lassen.
JP legte die Hände in sein Gesicht und holte tief Luft. Kimya machte
sich derweil Gedanken, was er mit JPs Reaktion anfangen sollte. Im
Interesse der Aufklärung seiner Vergangenheit stellte er sich innerlich
darauf ein, seinen kleinen Freund notfalls mit Gewalt durch diesen Ort
zu bringen. Er musste einfach aufdecken, was passiert war, um ihm
helfen zu können.
„Komm jetzt!“
JP sagte nichts mehr und folgte Kimya.
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Kapitel 5: Einer von Millionen
Es war die erste Nacht im neuen Landstrich. JP konnte nicht schlafen.
Ihn quälten die Erinnerungen, wegen denen er einst von diesem Ort
geflohen war. Er fürchtete Kisasi und seine Vorhaltungen, die ihn
immer wieder schwächten, denn er wusste, dass er dem Ort an dem er
Kisasi das erste mal sah nicht mehr allzu fern war.
„Du kannst nicht ewig davon laufen, Akili! Genauso wenig, wie du
mich ewig ignorieren kannst! Deine Tage mit Chozi sind gezählt, und
die Erinnerungen daran bald aufgezehrt.“
JP rollte sich zusammen und legte seine Hände auf seine Ohren, als ob
er sie sich zuhalten wollte.
„Geh weg! Du bist nicht echt!“, murmelte er vor sich hin.
Somit wurde Kimya auf ihn aufmerksam, der sowieso einen leichten
Schlaf hatte. Er beschloss sich nicht rühren und einfach zu lauschen.
„Ich bin so echt, wie du und wie deine Vergangenheit. Solange du die
nicht loswirst, wirst du mich nicht los. Aber sag mal, was hast du
eigentlich gegen mich?“
Kisasi grinste. JPs Gesicht zeigte ins Leere, wie es sich mit dem AlterEgo abwechselte. Für JP saß Kisasi vor ihm und lächelte ihn an. JP
versuchte auch die Augen zu schließen, um ihm zu entgehen.
„Du bist nicht real.“
„Es gab eine Zeit, da hast du mir zugehört. Du bist mir überall hin
gefolgt.“
„Das war ein großer Fehler! Du hast mich nur fertig gemacht. Du hast
mir die Schuld an Chozis Tod gegeben. Aber jetzt habe ich Kimya, er
wird mir glauben!“
„Ja, du hast jetzt dieses insektenfressende Katzenvieh. Glaubst du, der
gibt sich mit dir ab, weil du ihm etwas bedeutest? Er schleppt dich
doch nur mit, weil er sonst selbst alleine wäre! Aber auch er wird bald
feststellen, dass du nichts weiter bist, als ein dreckiger Mörder! Aber
ich, Akili, ich werde dich nicht verlassen.“
JP wurde unruhig und ein wenig laut.
„Verschwinde!“
Danach sah JP zu Kimya rüber, den er seiner Meinung nach mit
seinem unbeabsichtigten Schrei geweckt haben müsste. Kimya
versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, wurde aber nervös.
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„Merkst du eigentlich nicht, was Kimya mit dir macht? Er manipuliert
dich! Du lebst in einer Scheinwelt, Akili! Wach endlich auf!“
Auf eine sarkastische Weise hatte Kisasi sogar Recht damit. Er
versuchte mehr und mehr JP gegen Kimya aufzubringen.
„Bedenke, ich hätte dich fast wieder mit Chozi vereinen können, aber
dieses spitzohrige Katzenvieh musste dich ja retten!“
JP wurde etwas ängstlich. Es schien, als ob Kisasi etwas Punkten
konnte. JP dachte nach, wie schön es wäre, bei Chozi zu sein, ohne
ernsthaft zu begreifen, was Kisasi damit meinte. Er war einfach zu
verblendet. Mehrmals schaute er zu seinem vermeidlich schlafenden
Kumpanen hinüber, und versuchte sich vorzustellen, was wäre, wenn
Kisasi recht damit hatte, wenn er sagte, dass er Kimya nichts
bedeutete.
„Glaubst du, du könntest es noch einmal versuchen?“, fragte er ganz
ängstlich. In dem Moment zuckte Kimya innerlich zusammen. Sein
Freund dachte doch nicht ernsthaft an Selbstmord? Aber für ihn war
es ja kein Selbstmord. Für Kimya wurde die Situation zum
explodieren heiß. Er wusste nicht, wann der richtige Zeitpunkt sein
würde einzugreifen, aber dieses Gespräch dürfte nicht länger so weiter
gehen.
„Ich könnte es, nur…“, Kisasi grinste dämonisch, „du musst dich von
deinem so genannten Gefährten trennen! Sonst wird er mich wieder
daran hindern!“
Kimya biss sich auf die Lippe, es wurde schwerer für ihn sich
zurückzuhalten, denn anders als JP hatte er verstanden, was Kisasi
damit meinte.
„Ich soll ihn heimlich verlassen?“
„Töte ihn!“
„Ihn töten?“, JP wurde leise und verzog verständnislos sein Gesicht.
„Töte ihn, Akili! Sowas kannst du doch ziemlich gut…“
Kimya sah rot, in einem plötzlichen Sprung warf er sich auf JP und
packte ihn mit seiner Pfote und drückte ihn auf den Boden.
„Arrgh! Du mieses Vieh! Lass mich los!“
Kimya erschrak ein wenig, da er seinen Freund bedrohte, aber er
versuchte sich immer wieder klarzumachen, dass er Kisasi vor sich
hat.
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„Du wirst JP in ruhe lassen! Und mich im Übrigen auch! Er braucht
weder deine so genannte Hilfe, noch deinen Rat!“
„Hör es dir an Akili, wie er dich anfaucht! Sie es dir an wie er dich
fertig macht!“
Für JP stand Kisasi neben den Beiden, während Kimya auf ihm lag.
„Kimya! Was machst du? Lass mich los, bitte!“, winselte JP, der
aufgeregt unter Kimyas Pfoten zappelte.
Kimya verlor den Überblick, aber er wollte jetzt nicht locker lassen.
„JP! So glaube mir! Kisasi gibt es nicht, das bist du! Und wenn du
nicht aufpasst, wirst du dich umbringen! Und mich auch!“
JP sah Kimya an. Er zappelte zwar nicht mehr, aber sein Atem war
immer noch schnell und aus seinen angespannten Augen flossen
Tränen.
„Er wird dich fressen, Akili! Katzen sind irgendwo alle Fleischfresser,
erinnerst du dich?“
JP fing wieder an zu zappeln, und verfiel in blinde Panik.
„NEIN! Lass mich los! Nein! Friss mich nicht!!! Bitte!“
Kimya wusste nicht mehr was er sagen sollte. Er hatte JP unter seinen
Pfoten, und hatte die Kontrolle über die anfangs so viel versprechende
Situation verloren. Was er auch sagte, er kam nicht gegen Kisasi an.
„WORAN erinnern?“, fauchte Kimya JP streng ins Gesicht. Eins war
für ihn klar, ein zurück gab es nicht. Entweder würde er seinen Freund
wieder stabilisieren, oder ihn mit seinen Krallen aufspießen.
„Ich weiß es nicht!“
„Na los Akili! Lass ihn an unserem kleinen Geheimnis teilhaben!“
„Ruhe, Kisasi!“, fauchte Kimya. Er wusste, dass er sich widersprach,
wenn er Kisasi wieder als eigene Person ansprach. Aber er wollte JP
den Weg so gut es geht ebnen.
„Sag mir, was passiert ist!“
Aber JP schluchzte nur noch vor sich rum, und konnte sich kaum
beruhigen. Kimya flossen die Schweißperlen hinab. Er fühlte sich
denkbar unwohl in seiner Haut. Er drückte fester auf JP.
„Sieh mich an!“
JP drehte langsam seinen Kopf, und fing an, seine Augen auf Kimya
zu fixieren. Dennoch konnte er weder den Tränenfluss, noch sein
Schluchzten unterbinden.
„Es gibt keinen Kisasi! Bitte glaub mir das! Ich werde dich jetzt
loslassen.“
33
Und er ließ locker. JP krabbelte hinaus, und stand etwas unbeholfen
da. Kimya schüttelte den Kopf.
„Ich will dir helfen JP! Bitte glaub mir das!“
JP schwieg und schaute in den Himmel. Als ob eine Antwort aus den
Sterne kommen würde, streifte sein Blick den ganzen Himmel. Dann
sah er wieder Kimya an und schüttelte auch den Kopf.
„Ich finde ihn einfach nicht mehr.“, hauchte JP ganz
niedergeschlagen.
„Findest was nicht?“
„Seinen Stern.“
„Oh.“
Kimya wusste nicht hundertprozentig, was JP meinte, aber er konnte
sich etwas in die Richtung vorstellen.
„Er leuchtet nicht mehr… seit dem… er tot ist.“
Kimya nahm JP und drückte ihn an sein Fell, wie er es auch das erste
Mal getan hatte, als JP Trost brauchte. Kimya nahm Anteil an JPs
Schmerzen, auch wenn er sich sehr schwer tat sie zu verstehen. Aber
nach diesem Schreckensmoment brauchte auch Kimya ein wenig
Trost.
Am nächsten Tag gingen die Beiden weiter. Kimya war auf negative
Weise gespannt, wie es nun weitergehen würde. JP hatte weder
gefrühstückt, noch etwas gesagt. Er schaute nur in regelmäßigen
Abständen wieder in den Himmel, auch wenn keine Sterne am
helllichten Tag zu sehen waren. Kimya fragte sich, ob eine Erinnerung
an Chozi ihn nicht wieder ein wenig auf bessere Gedanken bringen
könnte, aber nach den Ereignissen der letzten Nacht tat er sich schwer,
etwas in diese Richtung anzusprechen.
Nach einigem Überlegen traute er sich schließlich doch.
„JP, bitte hör mir einen Augenblick zu.“
JP murmelte nur ein leichtes „Hm?“ aus sich heraus.
„Es tut mir leid, was gestern passiert ist. Ich wollte nicht so brutal zu
dir sein.“
JP aber zuckte mit den Schultern. Er wusste nicht mehr, was er von
seinem Leben halten sollte. Seitdem Kisasi wieder da war, war es ein
sinnloses Martyrium, dachte er sich.
Kimya wusste nicht, wie sein kleiner Freund zu dieser Entschuldigung
stand. Er wollte versuchen ihn auf andere Gedanken zu bringen.
34
„Du hast gestern von einem Stern gesprochen…“
JP schwieg ein wenig. Dann schaute er zu Kimya, und konnte nicht
mehr verhindern, dass die Spur eines Schmunzelns in sein Gesicht
einzog.
»Die Nacht nach dem ersten Kuss war für Akili eine Qual. Zwar
schwebte er zuvor noch auf Wolke 7, aber er hätte ihn am liebsten
niemals losgelassen. Ihn plagte eine Sehnsucht nach seinem neuen
Gefährten, dass er nicht schlafen konnte. Also beschloss er, in dieser
mondklaren Nacht ein wenig zu wandern. Er ging zu einem
Wasserloch, was mit dicht bewachsenen, fruchtbaren Dünen umgeben
war. Er suchte sich die höchste aller Dünen aus, welche direkt als
steile Wand zur Wasserseite hinab fiel. Es müsste eine schöne
Aussicht auf die Umgebung von dort oben geben, dachte er sich, und
ging hinauf. Zwar war die Düne bewachsen, aber sie bot an der Kante
einen freien, sandigen Boden, der aus dem Gestrüpp rund um die oben
stehenden Bäume ragte. Akili stellte sich an den Abgrund und genoss
die grenzenlose Aussicht auf die Weiten des Landes und auf den
sternengespickten Himmel. Er begann leise zu singen.
„So close, no matter how far,
Couldn’t be much more far apart.
Forever trust in who we are.
And nothing else matters.”
Er war so voller träumerischer Sehnsucht, dass er nicht mitbekam,
dass hinter ihm Chozi aus dem Busch herauskam, der ihm schon die
ganze Zeit beobachtete. Auch er hatte es nicht lange ohne seinen
neuen Schützling ausgehalten. Er war erstaunt, wie gefühlvoll Akili in
dieser Situation seinen Emotionen Ausdruck verlieh. Er beschloss ihn
ein weiteres Mal zu überraschen: Noch bevor Akili es tun konnte, fuhr
Chozi mit dem Lied fort.
„Never opened myself this way,
Life ist our’s, we live it our way.
All these words are don’t just say.
And nothing else Matters.”
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Währenddessen drehte sich Akili um und erfasste mit einer
träumerischen Irrealität diesen Augenblick, wie Chozi ihn anblickte
und Wort für Wort näher kam. Beim vorletzten Vers streckte Chozi,
der schon neben ihm am Rand stand, seine Hand nach Akili aus.
Dieser lächelte und sie sangen den letzten Vers zusammen:
„And nothing else Matters.“
Sie hielten sich beide Hände und blickten hinaus in den Himmel.
„Es müssen Millionen sein!“, sagte Akili.
„Was interessieren mich Millionen…“, lachte Chozi hinterher, „Mich
interessiert nur einer von Millionen! Streck deinen Finger aus.“
Chozi stellte sich leicht hinter Akili und visierte mit dessen
ausgestrecktem Arm einen Stern an.
„Siehst du den?“
Akili musste zweimal hinsehen. In Mitten zwischen den vielen Sternen,
schien dieser eine tatsächlich blau zu leuchten. Es war ein blau, das
einem nicht auffiel, ohne, dass man danach suchte.
„Dieser eine Stern, das ist meine Kraft, mein Herz. Und es gehört von
nun an dir.“
Akili war fasziniert von dieser natürlich blauen Farbe und der
Schönheit. Chozi hatte bewusst beim anpeilen mit Akilis Hand ein
wenig Zärtlichkeiten ins Spiel gebracht. Akili war gerührt.
„Danke“, sagte er ganz leise und verlegen. Sie kletterten gemeinsam
hinab und legten sich auf ein Stück Holz, welches Sie zu Wasser
ließen. Schwerelos schwebten sie im ruhigen Wasserloch.
Und wieder stand die Zeit still.«
JP blieb stehen und streckte wieder den Kopf in die Höhe und
schnüffelte in der Luft.
„Das ist der Geruch des Todes!“, schrie Kisasi mit einem
dämonischen Lachen und so gleich rannte das Erdmännchen wie von
einer Tarantel gestochen los. Kimya erschrak, und sah seinen kleinen
Freund unter den Schreien von Kisasi auf allen Vieren davon rennen.
So gleich folgte er ihm. JP rannte ein ganzes Stück, bevor er vor einer
Wiese stehen blieb. Sein Blick wurde fahl und sein Gesicht blass.
„Na Akili? Erinnerst du dich an diesen Ort?“
36
Sein verwirrter Blick fiel auf einen einsamen Felsen am Rande der
Hochgraswiese, der hoch übers Gras wie ein kleiner Monolith ragte.
Kimya wartete, ob JP auf Kisasis Frage antworten würde.
„NEIN! Nicht hier! Nicht hier!“, sagte er und fiel ohnmächtig um.
37
Kapitel 6: Nitakupenda daima
„JP! Wach auf!“, rief Kimya erschrocken und besorgt, während er mit
seiner Pfote den Erdmännchenkörper schüttelte. Aber obwohl JP zu
sich kam, wehrte er sich die Augen zu öffnen und aufzustehen.
„Nein! Ich will hier weg!“, war das einzige was aus ihm raus kam.
Kimya machte sich wieder seinen Teil an Gedanken dazu. Ihm war
klar, das musste jener Ort sein, an dem – was auch immer – passiert
sein musste. Aber jeder Versuch, JP auf die Beine zu bekommen war
aussichtslos. Kimya war das erste mal so richtig ratlos, da er auch
selbst sehr erschöpft war. Er zerbrach sich den Kopf über seinen
kleinen verwirrten Freund, während dieser sich auf dem Boden
wälzte. Kimya war diesmal kurz davor aufzugeben.
Aber eine Möglichkeit gab es noch, und Kimya wusste das. Allerdings
traute er sich erst jetzt das erste Mal ernsthaft darüber nachzudenken,
auch wenn ihm der Gedanke wie verboten vorkam. Er musste mit
Kisasi reden. Er zögerte ein wenig, da er nicht einschätzen konnte,
was für eine Lawine er damit er lostreten könnte.
„Kisasi!“, sagte er mit einer nicht wirklich von Selbstbewusstsein
überzeugenden Stimme. Sogleich öffnete JP seine Augen und sein
Gesicht verzog sich von dem Elend langsam in einen fiesen,
grinsenden Dämon, der Kimya tief in die Augen schaute. Kimya
schüttelte sich, bei der Gänsehaut, die er davon bekam. Es flösste ihm
eine seltsame Angst ein, im Gesicht seines kleinen Freundes so etwas
zu sehen. Aber er sah sich zu keiner anderen Alternative fähig, als mit
dem Parasiten auf JPs Seele zu sprechen.
„Sag mir, was ist hier passiert?“
Kisasi stand auf, und drehte sich zu dem Stein, und sah an ihm hoch.
„Wie nennt man es, wenn Erdmännchen von einem Geparden
überrascht werden?“, fragte Kisasi etwas provokant.
Kimya deutete seine Ratlosigkeit durch Schweigen und leichtes
Kopfschütteln an.
„Frühstück!“, lachte Kisasi verächtlich, während Kimya so gar nicht
mit dieser Geschmacklosigkeit klar kam. Aber mit einem Schlag
wurde ihm klar, dass hinter diesem vermeidlichen Witz etwas
Wahrheit steckte.
„Ein Gepard?“
38
„Chapuuuuuuu, Chapuuuuuuu!“, heulte Kisasi wie ein Wolf.
„Chapu?“
„Nein, du dämliches Katzenvieh! Chapuchapu. Das war sein Name.“
Kimya versuchte sich aus all diesen Informationen einen klaren Reim
zu machen, als er bemerkte, wie aus Kisasis Augen Tränen flossen,
ohne das sich sein Gesicht verzog.
„Wer war er?“, fragte er, ohne auf diese verräterischen Anzeichen
einzugehen.
„Er war ein gieriger, alter Gepard mit nur einem Auge, weit jenseits
seiner besten Jahre… Großwild schien er wohl nicht mehr jagen zu
können!“
„…also jagte er euch?“
Das war das Zauberwort. Kimya sagte ‚euch’. Ohne es zu wollen,
holte er damit JP wieder in das Zentrum seines Bewusstseins, der sich
die ganze Zeit über die Tränen versuchte über Kisasi hinwegzusetzen.
„Ich wollte das nicht! Bitte Kimya, du musst mir glauben!“, hauchte
JP, diesmal ohne zu schluchzen, zu Kimya.
Kimya sah seinen kleinen Freund einen Augenblick etwas
nachdenklich an. JP war irritiert.
„Ich möchte, dass wir jetzt da runter gehen, und du mir erzählst, was
geschehen ist. Ich verspreche dir, ich werde versuchen dir zu
glauben.“, bat Kimya an.
JP schaute ängstlich abwechselnd zum Stein und zu Kimya.
Widersprechen wollte er zwar nicht, aber er wusste ebenso wenig, was
er tun sollte. Schließlich hatte er in Kimyas Gesicht genug Zuversicht
tanken können, dass er sich in Bewegung setzte. Kimya folgte ihm auf
leisen Sohlen. Es taten sich einige Wolken am Himmel auf, die einen
leichten Grauschleier über den sonst so blauen Himmel legten,
während eine leichte Brise ihre Runden an den beiden vorbeizog.
Kurz vor dem Stein veranlasste der Anblick des kalten braunen
Sandsteins JP die Augen zu schließen und vor lauter Angst vor der
Vergangenheit kehrt zu machen. Allerdings stand hinter ihm sein
treuer Begleiter, der mit einem strengen Blick davon überzeugen
konnte, dass es jetzt an der Zeit ist, seiner Vergangenheit die Stirn zu
bieten. JP seufzte, und ging Schritt für Schritt auf allen seinen Vieren,
wie er es nur selten tat, mit hängendem Kopf zu dem Monolithen.
Nach einem Moment des Zögerns streckte er seine rechte Hand aus
39
und tastete vorsichtig den Stein an. Danach kniff er die Augen zu, um
den darin gestauten Tränen den Abfluss zu gewähren.
Kimya schaute gespannt auf das kleine Erdmännchen. Ihn ließ die
Befürchtung nicht los, dass er abermals nichts aus ihm
herausbekommen würde, aber er versuchte positiv zu denken, und sich
weiter geduldig zu zeigen. Immerhin begann auch er langsam zu
verstehen, dass sein kleiner Freund mehr Emotionen zu verarbeiten
hatte, als er vertrug.
Doch nach dem sich JPs Gänsehaut gelichtet und seine Tränen für
einen Augenblick versiegt waren, begann er, nach einem tiefen
Atemzug, zu erzählen.
»„Sieh! Eine Sternschnuppe!“, unterbrach Chozi eine fast andächtige
Stille. Er und sein Partner Akili lagen in junger Nacht der neu
eintretenden Regenzeit auf einer Hochwiese, nahe einem
sandsteinernen Monolithen und genossen noch einen der letzten
sternenklaren Nächte.
„Wunderschön.“
Wie so oft genügte den Beiden die bloße Anwesenheit des anderen,
sich im tiefsten Herzen wohl und geborgen zu fühlen. Nach so langer
Zeit der Gemeinsamkeit fühlte Akili einen angenehmen Schauer auf
dem Rücken, wenn er die Zeit Revue passieren ließ. Ab und zu blickte
er auf Chozis blauen Stern, und musste immer ein wenig lächeln.
„Nitakupenda daima“, sprach Chozi leise.
„Hm?“, blickte Akili hinüber, der kein Wort verstanden hatte.
Chozi lächelte, und genoss seine Überlegenheit. Dann stand er auf
und setzte sich neben Akili.
„Es bedeutet, dass ich dich für immer lieben werde.“
Das veranlasste Akili von jedem Stern abzulassen und in die Augen
seines Liebsten zu blicken. Diese wenigen Worte hatten ihn tief
berührt. Es fühlte sich an, als ob in Akilis Brust eine Blume aufging.
Er richtete sich etwas auf und fasste mit einer Hand Chozis Kopf. Er
strich ihm übers Gesicht, bis über die Ohren durch die Haare, und zog
ihn ganz sachte näher zu sich. Seine Gänsehaut konnte das sensible
Erdmännchen allerdings nicht verbergen. Eine sanfte Harmonie
verband die beiden bis in das Morgengrauen.
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Am nächsten Nachmittag war Chozi damit beschäftigt, die Höhle der
beiden Erdmännchen auf die Regenzeit vorzubereiten. Um die
drohenden Überschwemmungen abzuwenden, beschloss er einige
wasserableitende Gänge zu graben, doch damit stieß er schon direkt
auf den Kern des Problems: Er konnte nicht wirklich gut graben, und
von Gangarchitektur hatte er ebenso wenig Ahnung. Doch wollte er
nicht auf Akili warten, der sich schon seit Stunden auf Futtersuche
befand. Also versuchte er sich halbherzig im Anlegen zweiter seitlich
verlaufender Ableitsysteme, die mehr schlecht als recht ihren Zweck
erfüllen würden. Verbissen und mit wachsender Aggression versuchte
er es weiter zu verfeinern und auszubauen, jedoch ohne sichtbare
Erfolge. Ihm war nicht klar, was er eigentlich tat.
Als Akili dann endlich zurückkam, stellte er zu seinem Entsetzen fest,
dass die ganze Höhle komplett ruiniert war.
„Was ist hier passiert?“, fragte er erschrocken.
Chozi fühlte sich ertappt. Er befand sich in einem recht aggressiven
Zustand, und wurde sich langsam klar darüber, dass die Höhle nun
unbewohnbar war, und dass Akili ihn genau hierbei erwischt hatte.
„Was soll schon passiert sein!“, grummelte Chozi, dem gar nicht nach
reden zumute war.
Akili war schockiert. Weniger wegen der Höhle, als mehr wegen dem
merkwürdigen Verhalten seines Partners. Für ihn war Chozi bisher
der liebevolle Freund, dem nichts wichtiger war als das gemeinsame
Glück. Und jetzt sah er sich mit einem bis über beide Ohren
geladenen Erdmännchen konfrontiert, ohne zu wissen, wie er damit
umgehen sollte.
„Ich meine, es sieht hier aus als ob ein Nashorn zu Besuch war…“,
fügte Akili vorsichtig an, um weiter im Gespräch zu bleiben.
„Bist du jetzt fertig?“, fauchte Chozi mit einer Lautstärke, die Akili
anfing Angst zu machen.
Er war eingeschüchtert. Er kannte diese Art von Gesprächen zwar von
früher, aber nicht mit einem Partner. Das aufkommende Gefühl von
Disharmonie löste in Akili eine Art Verlustangst aus, die sich sofort in
ein schlechtes Gewissen wandelte.
„Chozi… ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Es ist nur…“
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„WAS? Das tust du doch die ganze Zeit! Hast du eigentlich eine
Ahnung, wie ich mich hier abgemüht habe? Und wie viel mir hier
schief gegangen ist? Diese verdammte Höhle! Mich kotzt es an!“
Akili schluckte. Er wusste, dass es definitiv anders hätte aussehen
müssen, wenn ein Profi mit ernsthafter Ambition am Werk gewesen
wäre. Es war offensichtlich mehr Gewalt im Spiel, als Chozi es bereit
wäre zuzugeben. Akili fühlte sich denkbar unwohl in seiner Haut. Er
wusste es zwar besser, aber ob er das jetzt sagen sollte? Egal wie es
Chozi derzeit ging, konnte Akili nicht mit dieser Situation einfach so
leben. Er beschloss es darauf anzulegen und notfalls auszudiskutieren.
„Ja, aber ich kann jetzt nichts dafür. Wie wär’s, wenn wir einfach das
beste draus machen?“
„WAS willst du hieraus noch machen?“, fauchte Chozi noch einmal
heftig in Akilis Gesicht. Damit verlor Akili auch langsam seine
Geduld. Er war jetzt lange genug devot gewesen und es war an der
Zeit für Widerworte, statt für sinnlose Zugeständnisse. Akili zitterte.
„Hörmal, ich weiß nicht, was du in der Vergangenheit…“, aber Akli
konnte diesen Satz nicht mehr beenden. Der vollkommen in Rage
geratene Chozi drehte sich ganz plötzlich und schlug in einem großen
Bogen Akili mit der Rückseite seiner flachen Hand ins Gesicht, der
darauf zu Boden ging.
„Du weißt nichts über meine Vergangenheit!“, brüllte er.
Akili lag auf dem Boden, tastete sich langsam ins blutende Gesicht,
und blickte zu Chozi, der in seiner Position verharrte. Akili spürte
keinen Schmerz. Er blickte nur völlig ungläubig zu Chozi, unwillig zu
akzeptieren, was dieser gerade getan hatte. Es konnte nicht sein – Es
war ein Alptraum.
Erst als Akili seine Hand senkte, und das Blut sichtbar wurde
realisierte Chozi langsam, was er getan hatte. Zunächst selbst
ungläubig, schaute er kopfschüttelnd zu seinem am Boden liegenden
Gefährten. Er konnte nicht verstehen, was ihn überkommen hatte,
derart aggressiv zu sein und seinen Akili so heftig zu schlagen –
immerhin war er Akili körperlich weit überlegen.
„Akili…es…es tut mir Leid!“, stotterte er.
Akili blickte aber wie versteinert hinauf, und begann langsam den
Kopf zu schütteln.
„Bitte Akili, das wollte ich nicht!“
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Als Chozi seine Hand zu ihm ausstreckte um ihn festzuhalten, robbte
Akili zappelnd davon.
„NEIN! Was hast du getan?“, total überfordert und ungefasst
schüttelte er den Kopf und rannte davon. Vorbei an der Wiese, auf der
Chozi ihm noch am Abend zuvor die ewige Liebe geschworen hatte, in
die mittlerweile eingetretene Nacht hinein.
Chozi stand noch einige Momente ungläubig da, danach rief er Akili
hinterher:
„Akili! Es tut mir Leid!“
Doch Akili rannte. Rannte was seine vier Füße hergaben. Selten
rannte er auf allen Vieren, da er es gewöhnlich nicht eilig hatte. Aber
es gab Momente, wie diese, die ließen nichts anderes zu. Er rannte
weiter, bis es anfing zu regnen. Darauf warf er sich auf den Boden,
mitten im Regen, und schrie seinen Schmerz in die Nacht.
Chozi konnte nur schwer fassen, was sich gerade zugetragen hatte. Er
schaute Akili noch eine ganze Weile hinterher, bevor er anfing zu
begreifen, dass dieser jetzt weg war. Dass ein kurzer Augenblick
womöglich alles zerstört hatte. Er drehte sich um und warf sich gegen
den Felsen.
„Was hab ich getan!“, wiederholte er immer wieder und riss in
blinder Wut Gras aus. Schließlich hörte er Akilis Schreie, die von
weitem herhallten. Er stieß seinen Kopf mehrfach gegen den Felsen.
„Nein!“«
JP ging zu Boden. Zunächst dachte Kimya, dass JP wieder
ohnmächtig würde, aber als dieser sich umdrehte, und sich an den Fuß
des Felsens hockte, war er erleichtert. Zudem war er geschockt. Dass
JP seinen Partner verloren hatte war eins, aber unter derartigen
Bedingungen? Das gab der ganzen Geschichte einen weiteren
tragischen Aspekt.
Aber da war noch etwas was Kimya sorgen bereitete. Es klang für ihn
logisch, dass JP seinen Chozi unter diesen Bedingungen umgebracht
haben sollte. Vielleicht war Kisasi ein Produkt seines schlechten
Gewissens? Kimya fuhr ein Schauer über den Rücken, als er sich
dabei ertappte seinen kleinen Freund tatsächlich als einen Mörder zu
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betrachten. Er wusste nicht was er davon halten sollte. Aber JP saß da,
den Kopf hängend, und hatte das entscheidende immer noch nicht
erzählt.
„JP?“, frage Kimya ganz vorsichtig. Er hatte jetzt sicher nicht mehr
vor, ihn hängen zu lassen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass er
tatsächlich das getan hatte, was Kisasi bezichtigte.
JP wischte sich die Augen trocken und stand wieder auf. Er knackste
sich den Rücken durch und streckte die Arme. Dann stolzierte er auf
Kimya zu.
„Weißt du was das lustige an der ganzen Geschichte ist?“
Kimya verzog das Gesicht, als er bemerkte, dass Kisasi redete.
„Er hat sich sein Grab selbst geschaufelt! Akili musste ihn sozusagen
nur reinstoßen.“
Auf Kimyas ermahnend ernsten Gesichtsausdruck konnte Kisasi nur
psychopathisch Lachen.
Aber seltsamerweise beschlich Kimya der sich langsam erhärtende
Verdacht, dass es wohl so gewesen sein musste. Aber anders als
Kisasi, der Akili allein die Schuld daran gab, glaubte Kimya, dass es
Kisasi gewesen sein musste.
„Nein!“
„Was ist? Kannst du nicht damit leben, dass Akili ein Mörder ist?
Weißt du, es gibt manche, die verdienen den Tod!“
Das war zuviel für Kimya. Er fuhr die Krallen aus und drückte das
Erdmännchen gegen den Felsen.
„Da hast du vielleicht gar nicht so unrecht, Kisasi!“, fauchte Kimya
wutend.
Doch Kisasi lachte weiter.
„Du machst mir mit deinen lächerlichen Drohgebärden keine Angst!
JA, du kannst mich kratzen, beißen, ja verdammt, du kannst mich auch
TÖTEN! Aber du wirst nichts ändern können, an dem was passiert ist.
Abgesehen davon, dass du eh nicht verstehst, worum es geht!“
„Aber JP tut es, ja? Verdammt Kisasi, was hast du ihm nur angetan?“
„Du bist so naiv, Kimya! Wer sagt dir eigentlich, dass Akili der ist, für
der er sich ausgibt? Glaubst du, du kennst ihn besser als ich? Du
vergisst, wir teilen etwas, an dem du niemals einen Anteil haben
kannst!“
„Und das wäre?“
„Meinen Kopf. Meine Gedanken, Meinen Zorn und mein Seele.“
44
„Darauf kann ich getrost verzichten!“
Kisasi lächelte mit einer Zaghaftigkeit, die Kimya sichtbar
einschüchterte.
„Glaubst du, dass Akili das kann? Ich will dir mal was erzählen. Du
bist ein guter Freund. Ein treuer Hund. Nimmst Anteil und opferst
dich auf. Für einen Freund. Aber glaubst du, dass Akili das jemals für
dich tun würde?“
Kimya zögerte ein wenig, bevor er darauf antwortete.
„Bevor du auf den Plan getreten bist, glaubte ich das!“, gab er ehrlich
zu.
Aber Kisasi musste heftig lachen.
„Hör sich das einer an! Bevor ich auf den Plan getreten bin, soso!“
Seine Stimme wurde gefasster, tiefer und ernster. Es war zu fürchten.
„Mein lieber, wer sagt dir, wann ich nicht da war?“
Kimya musste einsehen, dass er das nicht wirklich sagen konnte.
„Wer sagt dir, dass Akili dich nicht belügt?“
Kimya schluckte. Kisasi brüllte:
„WER SAGT DIR, DASS ES EINEN AKILI GIBT?“
Kimya bekam große Augen. Er wollte nicht glauben, was Kisasi da
sagte.
„Du bist wirklich leicht zu beeindrucken, du sentimentales
Katzenvieh!“, Kisasi legte ganz gezielt JP Gebaren auf und
überzeichnete sie ein wenig ins lächerliche.
„Oh Kimya, ich war es nicht, bitte bitte hilf mir!!! Rette mich vor
diesem bööösen Kisasi!“
Kimya ließ ihn los und trat zwei Schritte geschockt zurück. Kisasi
lachte nur.
Kimya zog die Augen wieder zusammen, streckte seinen Kopf
hinunter in Kisasis Gesicht, und sprach leise, diesmal selber mit
ernster und tiefer Stimme:
„Ich werde dich retten, Akili.“
45
Kapitel 7: Chapuchapu
Kimya drehte sich weg, und kniff die Zähne zusammen. Er fühlte sich
von Kisasi provoziert, aber er versuchte sich nach Kräften
zusammenzureißen. Am liebsten würde er seinen Zorn an Kisasi
auslassen, und JP ihn quasi exorzistisch austreiben. Aber das war wohl
das Letzte, was JP helfen würde. Er vermutete hinter Kisasis Sprüchen
den Versuch, gezielt in ihm Misstrauen zu sähen. Aber Kimya hatte
einen Plan. Es müsste ihm gelingen, Kisasi als Lügner zu entlarven.
„Na los, Kimya! Stell deine Fragen, er wird sie dir beantworten!“,
grinste Kisasi mit einem verächtlichen Ton.
Kimya wusste nicht, ob er bereit war, sich erneut dem Wahn zu
stellen, aber schließlich sah er keine Alternative. Er überlegte kurz.
„Wie ging es weiter, nach dem du weggelaufen bist?“, fragte Kimya
schließlich. Bisher hatte sich erwiesen, dass es leichter war Kisasi zu
ignorieren, statt ihm Kontra zu geben. Nur waren Kimyas Nerven
langsam auch an dessen Grenzen angelangt.
Aber JP, der stets einen fragenden Blick nach Kisasi in die Leere warf,
konnte ihn nicht einfach ignorieren. Für ihn war das Grauen lebendig.
„Ich lag erstmal da. Ich weinte und schrie so laut ich konnte.
Schlimmer als die Schmerzen meines blutenden Gesichts, war die
Einsicht, dass er Recht hatte.“
„Wer?“
„Chozi. Ich wusste tatsächlich nichts von ihm. Egal wie lange wir uns
schon kannten, wie lange wir schon zusammen waren und wie
intensiv wir uns liebten… Ich weiß bis heute weder woher er kam,
noch was er erlebt hatte. Vor dem Leben mit mir, mein ich. Irgendwas
ist schief gelaufen. Immerhin wusste er ne Menge über mich. Er
kannte meine Vorlieben und Abneigungen, sowie meine
Vergangenheit und meine Pläne.“
„Was für Pläne?“
„Ich wollte für immer mit ihm zusammen sein. Ich liebte ihn. Und ich
dachte er tut es auch. Ich habe nie etwas verkehrtes daran gesehen,
aber heute weiß ich, dass es einseitig war.“
„Du meinst er hat dich nicht nie geliebt?“, fragte Kimya zögerlich. Er
bemerkte, dass JP zwischen seinen Sätzen, die er nach Kisasi blickte,
immer mal wieder lächelte.
46
„Doch. Das hat er. Ich bin mir sicher, dass er das hat.“
Diesmal blickte er Kimya direkt ins Gesicht. Er schaute Kimya so tief
in die Augen, dass dieser Gänsehaut bekam. Einige Momente lang
geschah nichts, doch dann flossen aus JPs Augen wieder Tränen.
„Glaub mir, Kimya! Ich bilde mir das nicht ein!“
Kimya glaubte ihm. Nur sagte er nichts. Er war wie paralysiert, bis er
JP wieder lächeln sah. Dann bemerkte er, dass dieses Lächeln nicht
von JP selbst zu kommen schien.
„Und? Glaubst du ihm?“
Kimya schaute weg. Er konnte diesem Blick nicht länger standhalten.
Auf Kisasis Frage wollte er nicht eingehen.
„Hast du Chozi getötet?“, frage Kimya, der mit der Frage eine große
Last abgelegt hatte.
Aus dem Lächeln des Dämonen wurde wieder ein fragender Blick ins
Leere. Für Kimya sah es ein wenig so aus, wie der verängstigte Blick
eines Kronzeugen auf die Anklagebank.
„Es wäre so leicht gewesen. Ich hätte nur einen Satz sagen müssen,
und er würde noch leben.“
„ABER DU HAST GESCHWIEGEN! Somit hast du ihn ins Grab
gestoßen!“
Kimya erinnerte sich daran, dass Kisasi etwas von einem Geparden
erzählte. Und so gleich hatte er ein Szenario vor Augen.
„Sag es ihm! Na los! Sag es ihm du Feigling!“
„Ruhe!“, schrie Kimya. Nur allzu oft war JP nach einer sollchen
Aggression von Kisasi zusammengebrochen, und das wollte Kimya
diesmal verhindern. Aber ebenso wollte er nun wissen, was passiert
ist.
Lange brauchte er nicht warten, denn JP begann darauf hin zu
erzählen. Langsam und leise.
»Akili lag, durchnässt von dem Regen, mehrere hundert Meter
entfernt von dem Ort, von dem er geflohen war. Nachdem er sich
wieder ein wenig beruhigen konnte, begann er nachzudenken.
„Was ist nur schief gelaufen?“, fragte er sich selber. Aber in der Stille
der Nacht fand er keine Antwort. Er hockte sich hin und verschränkte
die Arme um sich, um sich ein wenig zu trösten, doch es funktionierte
nicht.
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Er blickte mehrmals in die Richtung, aus welcher er kam. Zwar sah er
aus der Ferne nur den Felsen, doch spürte er die Anwesenheit von
Chozi.
„Warum hat er das getan?“, fragte er sich wieder. Doch war er nicht
willens, die Stille zu akzeptieren, so gab er sich selbst die Antwort.
„Weil er eben so ist. Ich war nur zu blind, es zu erkennen.“
Merkwürdigerweise befriedigte ihn aber auch seine selbst gegebene
Antwort nicht. Er fühlte sich von sich selbst provoziert, erneut etwas
darauf zu sagen.
Er legte sich auf den Rücken, und starrte in den von Wolken bedeckten
Nachthimmel.
„Aber das kann doch nicht weniger wahr sein, als all das Glück, dass
ich mit ihm hatte?“
Akili fühlte sich so schon sehr unwohl, aber der Gedanke Chozi jetzt
womöglich für immer verloren zu haben löste Panik in ihm aus.
„NEIN! Er liebt mich.“
Er richtete seinen Kopf kurz auf und warf einen fragenden Blick zum
Felsen hinüber. Doch wie zu erwarten war, kam keine Reaktion aus
der Ferne.
„Oder nicht?“
Am nächsten Morgen stellte Akili fest, dass er auf dem Boden, wo er
sich hingeworfen hatte, geschlafen hat. Der Boden war zerkratzt und
verwüstet, doch Akili konnte sich weder daran erinnern, etwas
schlechtes geträumt zu haben, noch unter welchen Bedingungen er
überhaupt eingeschlafen war. Sein einziger derzeitiger Gedanke
bestand darin, mit Chozi zu sprechen, doch das musste er sich erstmal
trauen.
Jedoch war da nicht viel zu überlegen. Er musste es tun. Auch wenn er
sich ein wenig vor ihm fürchtete, war sein Vertrauen in die gemeinsam
erlebte Zeit stark. Etwaige Zweifel oder Ängste hatten jetzt in seinem
Kopf keinen Platz.
Also setzte er sich langsam in Bewegung in Richtung des Felsens.
Schon als er nur die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte, konnte er
Chozi sehen, der weit vor dem Felsen, vor dem Eingang der Höhle,
die durch den nächtlichen Regen völlig überflutet war, hockte und den
kopf hängen ließ. Akili musste kurz anhalten, als er sah wie er sich
eine Träne aus dem Gesicht wischte. Aber alles in allem war er
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entschlossen mit ihm zu reden. Leise tapste er sich heran und brach
das Schweigen.
„Chozi?“
Chozi blickte auf und sah Akili an. Aber in seinem Gesicht ließ sich
keine Regung ausmachen. Lediglich die eine oder andere vereinsamte
Träne bewegte sich.
„Ich muss mit dir reden.“
Doch Chozi stand auf und schien Akili ungläubig und konzentriert
anzuvisieren.
„Chozi?“
„Nicht jetzt Akili!“, sprach er ganz leise.
Jetzt erkannte Akili, dass Chozi nicht ihn sondern hinter ihn blickte,
als ob er konzentriert etwas zu erkennen versuchte.
„Was ist?“
„Psssst! Nichts sagen jetzt!“, flüsterte Chozi in einem unheimlichen
Ton.
Die Atmosphäre wurde sehr bedrohlich. Akili blickte sich um, konnte
aber nichts erkennen. Er begann zu zittern.
Chozi blickte tiefer und konzentrierter in die Ferne. Die ganze Zeit
sah er leichte Bewegungen an der nächsten Düne, doch mit einem
Schlag konnte er erkennen was er sah. Von da an ging alles nur noch
blitzschnell.
„EIN GEPARD! LAUF!“, brüllte er.
Sogleich rannte der enttarnte Räuber los und beschleunigte. Die
beiden Erdmännchen waren fast wie paralysiert, bis Akili sich in
Bewegung setzte und davon lief. Chozi verharrte einen Herzschlag,
rannte dann aber hinterher.
Der schnelle Räuber hatte schon eine beachtliche Geschwindigkeit
erreicht, obwohl er alt und grau war. Zudem fehlte ihm sein rechtes
Auge.
Akili erreichte als erstes den Felsen am Rande der Hochgraswiese.
Fast wie aus einem Reflex versteckte er sich sofort auf der Kehrseite
des Felsens, die in der Wiese lag.
Doch Chozi rannte einfach mitten in die Wiese und stoppte, als er
merkte, dass er Akili verloren hatte. Völlig erschrocken und
orientierungslos verharrte er wieder, und wuselte sich in eine
beliebige Richtung weiter fort durch die übergroßen Grashalme.
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Akili hatte der kurze Spurt ganz schön geschwächt, dass er sich an
den Felsen lehnte und kurz hocken musste, um seinen Atem wieder
verlangsamen zu können. Aber auch er hatte jetzt bemerkt, dass Chozi
ihm nicht in das Versteck gefolgt war.
Mit einem donnernden Geräusch rauschte der Gepard in die Wiese
hinein, wie eine Flutwelle, die über eine Klippe herfiel. Nur knapp
verfehlte er Chozi, der dies hörte und sofort seine Richtung änderte.
Aber er fühlte sich wie ein Maulwurf im Erdreich. Er hatte keine Sicht
in irgendeine Richtung.
„Komm zu Chapu!“, knurrte der Gepard in dieser gespannten
Situation.
Akili konnte sich auf Grund dessen, was er hörte leicht vorstellen, was
in der Wiese wohl passierte. Er bekam Panik, dass der Gepard seinen
Gefährten schnappen könnte, doch er presste sich voller Angst nur an
den Felsen und hielt sich mit seinen Händen aus lauter Anspannung
den Nacken fest.
Der Gepard folgte jedem Rauschen, sodass Chozi sich nur schwer
bewegen konnte, ohne sofort aufgespürt zu werden. Er beschloss
dennoch in Bewegung zu bleiben und schlug Haken. Und tatsächlich:
Zwar folgte der Gepard reflexartig jeder Spur von Chozi, doch der
musste ständig in Bewegung bleiben, um nicht gefasst zu werden.
Zudem hatte er immer noch keine Orientierung.
Akili liefen vor Panik die Schweißperlen von der Stirn. Er musste was
tun. Nur was?
Er begann zu hyperventilieren. Er war absolut hilflos.
Das ständige Hakenschlagen und Dauerweglaufen machte Chozi
schwer zu schaffen, lange würde er das nicht mehr durchhalten. Doch
war von Akili keine Spur zu finden. Wo sollte er also hin? Aus
Verzweiflung schrie er nach Akili, wohl wissend, dass er damit sein
Leben weiter riskieren würde.
Akili hörte den Schrei. Er öffnete den Mund, als ob er antworten
wollte, jedoch ließ ihn seine Angst und die Panik nur ein flüsterleises
„Ich bin hier!“, antworten. Er kniff die Augen zu. Aber der Alptraum
war real.
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Chozi konnte nur knapp dem Geparden, der auf seinen Schrei reagiert
hatte, entkommen. Dieser wusste auch Zynismus mit in die Jagd zu
bringen.
„Na du kannst dich ja mit dem alten Chapu begnügen, Chozi!“,
fauchte er ins Gras und wühlte weiter.
Chozi stolperte und verharrte kurz, um zu überlegen, aber es gab
keine Gedanken mehr zu denken. Wieder schrie er aus voller Brust.
„Akili!“
Jeder Schrei traf Akili wie ein Messer tief im Herzen. Wie sollte er ihm
nur helfen? Er traute sich nicht, sein Versteck durch einen
Antwortschrei preiszugeben, also versuchte er zu verdrängen, dass
alles nun an ihm hing. Abermals kniff er die Augen zu und es flossen
Tränen aus ihnen. Sein Herz pochte lauter als je zuvor. Untätig
presste er sich weiter gegen den Felsen und vernahm weiteres
Rauschen, knurren und Schreien.
„Ich bin doch hier! Bitte finde mich!“, flüsterte er.
Aber Chozi bekam keine Antwort. Doch konnte er sich nicht leisten
darüber nachzudenken, was mit Akili los war. Sein Überleben war von
seiner Konzentration und seiner Reaktionsfähigkeit abhängig.
Robbend, kriechend und wühlend versuchte er weiter seinem
Verfolger zu entkommen. Doch plötzlich bemerkte er, dass Ruhe
eingekehrt war. Nichts rührte sich mehr in der Wiese.
Einen Augenblick wartete auch Chozi, und begann danach sich
langsam in eine Richtung durch die Halme zu kämpfen. In der
ständigen Angst, dass Chapuchapu ihm auf den Fersen sein könnte,
wurde er immer schneller und schneller, bis er praktisch rannte.
Immer nur in eine Richtung geradeaus, das müsste ihn aus der Wiese
rausführen.
Und auf einen Schlag, hörte die Wiese auf. Da stand er nun, befreit
aus dem Urwald von Grashalmen mit freier Sicht nach Vorne. Doch
genau dort stand sein Jäger, der nur darauf gewartet hatte, dass ihm
seine Beute vor das Maul läuft.
Überwältigt von dem Schock, die Raubkatze vor sich stehen zu haben,
dessen eine Auge wie ein Fadenkreuz messerscharf das kleine
51
Erdmännchen erfasste, blieb Chozi stehen. Paralysiert wie die Maus
vor der Schlange, konnte er nur noch einsehen, dass sein Kampf
verloren war, und das Akili ihn im Stich gelassen hatte.
Akili hielt die Stille nicht mehr aus. Er wollte nicht mehr untätig sein
und – auch wenn es sein eigenes Leben kosten würde – nach Chozi
rufen. Also sprang er nach all der Überwindung endlich auf den
Felsen, rannte an ihm hoch und richtete sich auf.
„Chozi!“
Vor dem Felsen erhob sich das Haupt eines Geparden mit seiner
Beute im Maul. Akili blickte erst in das eine Auge, dann runter. Es
war Chozi.
Versteinert blickte Akili zurück in das Auge des Geparden.
Grenzenlose Verzweiflung bahnte sich so durch seine Blicke lautlos
zum erfolgreichen Räuber. Doch auch Akili war bei dem Anblick wie
paralysiert. Leichenblass und lautlos rannten einzelne Tränen aus
seinem Auge. Der Schock hatte Akili völlig in seinem Bann.
Und ein letztes Mal stand die Zeit still.«
Kimya schluchzte. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass das
Schicksal seines kleinen Freundes ihn so hart treffen würde. Erst seine
eigenen Tränen ließen ihn verstehen, welchen Verlust JP zu verkraften
hatte. Er musste kurz verschnaufen.
„Och, wird da einer sentimental?“, grinselte Kisasi.
Aber Kimya ließ sich nicht provozieren. Er hatte Kisasi durchschaut.
Er konnte nun gut einschätzen, wie sich dieser verhalten würde. Er
wartete nur noch auf den richtigen Augenblick es JP zu sagen. Dieser
fuhr fort.
»Chapuchapu erwiderte interessiert den Blick des Erdmännchens. Er
begriff sofort, was Akili fühlte. Er begriff es nur zu gut. Er kniff sein
Auge einmal zu, und ließ seine Beute fallen. Dann blickte er zurück zu
Akili, deutete ein selbstzufriedenes Grinsen an und drehte sich
schließlich um. Darauf verzog er sich.
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Doch Akili konnte sich nicht rühren. Noch immer hatte er nicht
hundertprozentig begriffen, was geschehen war und es würde noch
Stunden dauern, bis er damit beginnen würde. Doch nachdem sich der
Schock langsam gelichtet hatte, kletterte er hinunter und tapste
langsam zu Chozi. Ängstlich und unbeholfen fasste er ihn an, um seine
grausame Befürchtung endgültig abzusichern. Chozi war tot. Zwar
taute der Schock langsam ab, doch fühlte Akili eine eisige
Gefühlskälte in sich, welche jeder Form von Trauer und Schmerz
abwehrte. Doch sie staute sich weiter und immer weiter.
Akili nahm vorsichtig Chozis Hand und streichelte sie noch einmal
ganz bewusst. Es war wieder ein gutes Gefühl, ihn zu spüren. Er nahm
die Hand und presste sie ins sein Gesicht, fest auf die frisch verheilte
Wunde, die er ihm den Abend zuvor zugefügt hatte. Nun kam alles auf
einmal: Der Schmerz, die Trauer und die Schuldgefühle.«
53
Kapitel 8: Gedanken der Nacht
Wieder war die Sonne untergegangen. Kimya war sichtlich erleichtert,
JPs Version der Geschichte endlich erfahren zu haben, auch wenn er
mit dieser ungewöhnlichen Tragik so seine Probleme hatte. Wichtiger
war für ihn, dass ihm ein Haken an der ganzen Sache aufgefallen war,
der Kisasi als Lügner entlarven und JP seine Schuldgefühle nehmen
konnte. Er wartete auf die passende Gelegenheit, es zu sagen. Trotz
dass er sich seiner Sache nun verdammt sicher war, wollte er JP zur
Liebe Kisasi nicht unterschätzen. Er wollte die Sache behutsam
angehen, da auch er, so rational wie er auch war, der Schwere der
Emotionen nicht entfliehen konnte.
„Wann hast du ihn zum ersten Mal gesehen?“, fragte er irgendwann
nach einer längeren Stille, um Kisasi keine Gelegenheit zu geben, ihn
erneut zu provozieren.
„Wen? Chozi?“
„Nein.“, Kimya schluckte als er feststellte, wieder eine Formulierung
verwenden zu müssen, die Kisasi als eigene Person anerkannte, „Ich
meine…Kisasi.“
JP drehte den Kopf wieder in die Leere. Seine Stimme war deutlich
leiser und sehr viel schwächer geworden. Für Kimya hörte sich es ein
wenig so an, als ob JPs Lebensgeist immer weiter aus ihm entwich, je
mehr seine Schuldgefühle sein Alter Ego nährten.
„Das war nachdem ich Chozi begraben hatte. Das war genau hier.“
JP verwies mit einem kleinen Fußklopfen auf die Fläche unter sich.
Kimya blickte beunruhigt auf das unscheinbare Stück Boden unter
dem Erdmännchen.
„Ich könnte den Anblick nicht ertragen! Und ich wollte ihn nicht den
Geiern überlassen! Aber ich konnte nicht einmal klar denken,
verstehst du?“
Nachvollziehen konnte Kimya das zwar nicht, doch überdeckte er es
mit einem angedeuteten Kopfnicken.
„Ich habe gegraben, wie ich noch nie gegraben habe… und dann nahm
ich seinen Körper und…“
„Schluss jetzt! Mehr Details muss ich nicht haben. Mir wird schon
übel wenn ich nur an das viele…“, Kimya drehte sich weg und
übergab sich ein wenig.
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„…Blut denke?“, führte JP den Satz seines Freundes zuende. Ein
kleines Schmunzeln schlich sich in sein Gesicht. Kimya bemerkte,
dass es diesmal nicht Kisasi sein konnte, und dass es sein kleiner
Freund war, der sich einfach nur hatte von der Situationskomik
mitreißen lassen. Es erstaunte ihn, dass JP scheinbar wieder für
derartiges empfänglich war, da er kurz vorher noch der Meinung war,
dass JP schwächer würde.
„Genau.“, grinste Kimya schließlich.
Doch JP war klar, dass sie noch nicht am Ende waren. Er begann
erneut zu erzählen.
»Akili klopfte das letzte Bisschen Staub und Dreck, dass sich auf dem
frisch bedeckten Grab lose gehalten hatte nun endgültig fest.
Verrichteter Dinge, mit rissiger Haut an den Händen und mit einer
immer noch schmerzenden Wunde im Gesicht legte er sich mit dem
Rücken mittig auf das Grab, exakt über Chozi. Erst jetzt wurde ihm in
letzter Konsequenz klar, dass sein Freund tot war, und dass er ihn
gerade beerdigt hatte. Nach einer Weile der Stille begann er laut vor
Trauer zu Weinen, so dass es über die ebene Fläche hunderte von
Metern weit zu hören war.
Nachdem auf diese Weise Stunden vergangen waren und sein Hals
keinen weiteren Schrei mehr heraus brachte schloss er einfach die
Augen. Sein Magen knurrte, doch er ignorierte es. Er fühlte nichts
mehr.
Als er die Augen wieder öffnete war vieles anders. Sein Mund war
trocken, die Augen gerötet und seine Gliedmaßen waren steif. Er
wusste weder, wie viele Tage er dort gelegen hatte, noch was in der
Zeit dort geschah. So störte er sich auch nicht an dem vielen Dreck,
der sein Fell bedeckte, oder den Fliegen und Mücken, die sich auf ihm
niedergelassen hatten. Es war wie eine endlose Leere in ihm. Sein
Blick schien geradeaus in den Himmel – im nichts zu verschwinden.
Doch an diesem Nachmittag, als sich der Staub in der Luft langsam
lichtete sollte sich etwas ändern. Plötzlich war eines Sinnesregung
vorhanden, die ganz und gar Akilis Aufmerksamkeit auf sich zog. Es
waren Schritte.
Schmerzhaft und gegen fast bleiernen Widerstand hob er seinen Kopf
und sah in der Staubwolke die Umrisse eines Erdmännchens. Völlig
55
aus dem Zusammenhang von Raum und Zeit gerissen, sprang Akili
auf.
Sein Kopf schmerzte zwar wie wild, doch erwartete Akili tief im
Inneren, dass sich dieser Umriss mit jedem Schritt seinem Chozi
annäherte. Jedoch entpuppte sich daraus etwas völlig anderes,
jemand völlig neues.
In gewisser Weise erkannte Akili seinen Gegenüber. Es war sein
Spiegelbild. Unnatürlich dunkel, zerzaustes und verfilztes Fell und
eine recht kontrollierte Gangart ließen jede Vermutung nach Chozi in
der Luft zerbrechen. Doch blickte dieses düstere Augenpaar hinab zu
dem liegenden Erdmännchen, als ob es den direkten Kontakt gesucht
hätte. Und dem musste auch so gewesen sein.
„Muss ich das jetzt noch kommentieren?“, fragte die fremde Gestalt
und zeigte vorwurfsvoll auf Akili und das Grab unter ihm. „Du solltest
dort unten liegen, nicht wahr?“
Akili schluckte. Das fremde Erdmännchen sprach jene Gedanken aus,
welche Akili unformuliert im Kopf herum schwebten.
„Das einzige Geschöpf dieser Welt, welches du abgöttisch geliebt
hast. Und nun ist es tot, und zwar wegen DIR!“
Akili konnte vor Schrecken seinen Mund nicht schließen. Er sollte das
Schuld sein? Aber der Fremde sprach unerbittlich weiter.
„Und nun? Bist du glücklich mit deiner Entscheidung?“
Akili begann jetzt erst langsam zu reflektieren, dass sein Unvermögen
zu Handeln womöglich die Tragödie begründete, aber er kam in
seiner Zerstreuung nicht auf die Idee, die merkwürdige Erscheinung
des Fremden aus dem Nichts, sowie sein Wissen über Akili und Chozi
zu hinterfragen.
„Ich wollte das doch nicht! Ich wollte mich doch mit ihm versöhnen!“,
winselte Akili reumütig entgegen.
„Und doch hast du ihn im Stich gelassen. Jetzt hast du dafür gesorgt,
dass ihr für alle Zeiten unversöhnt bleibt! Oder war es sogar deine
Revange?“
Akili begriff nicht, was der Fremde damit meinte. Doch als dieser mit
seinem spitzen Zeigefinger über Akilis Wunde im Gesicht strich,
wurde es ihm schließlich kler.
„Nein! Ich wollte ihm das doch verzeihen!“
„Ach rede keinen Unsinn! Sowas verzeiht man doch niemandem…“
56
„Doch! Ich wäre dazu bereit gewesen.“
Akili merkte jedoch, dass es sich sehr merkwürdig anhörte, was er
sagte. Er war sich nicht sicher, ob er ihm wirklich verziehen hätte,
oder ob er aus blankem Kummer den Weg zu Chozi zurück gefunden
hatte.
„Oh Akili, du unterschätzt mich. Das mag ich überhaupt nicht. Schau
mir mal in die Augen.“
Der Fremde senkte seinen Kopf, sodass er Akili aus kürzester
Entfernung gerade in die Augen gucken konnte.
„Ich bin Kisasi. Merk dir diesen Namen. Es ist der Name, welcher
Dich auf ewig verfolgen wird.“
„Ich habe ihn nicht auf dem Gewissen!“
„Wenn du dein Maul aufgerissen hättest, dann würde er noch leben!
Aber du warst zu feige! Wer weiß was du noch alles getan hättest um
deine eigene Haut zu retten.“
Akili hatte verloren. Kisasi hatte ihn nun in der Hand und konnte ihm
die Tatsachen aus seiner Sicht aufzwingen. Aber in dieser Sichtweise
ging es nicht um Recht oder Unrecht, sondern einzig um Akilis
Schuld.«
„Und irgendwann hatte er mir angeboten, mich zu Chozi zu bringen,
wenn ich bereuen würde.“, erzählte JP weiter.
Kimya beschlich eine leichte Ahnung was nun folgen würde.
„Nach nicht enden wollenden Tagen der Quälerei begann Kisasi mich
immer mehr an die guten Zeiten mit Chozi zu erinnern. Er streute mir
Salz in eine Wunde, die ich selbst eh nicht heilen konnte. Aber
schließlich meinte er, dass Chozi mir vergeben würde, wenn ich meine
Schuldigkeit abgelten würde. Er verlangte den Ausgleich.“
„Und was wollte er von dir?“
„Mein Leben.“
Kimya lag richtig mit seiner Vermutung. JPs personifizierte
Schuldgefühle hatten ihn aus Verzweiflung und blinder Trauer fast in
den Selbstmord getrieben. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als
er nun feststellte, dass plötzlich auch er eine Rolle in dieser
Geschichte, die bis jetzt völlig entfernt von ihm selbst stattfand,
spielte. Er hatte JP gerettet, und zwar vor sich selbst. Kimya fand
diese Erkenntnis äußerst bizarr. Zwar war er nach wie vor glücklich
57
darüber eine Seele vor dem Tod bewahrt zu haben, doch machte er
sich zum ersten mal Gedanken darüber, in wie fern er verantwortlich
für JPs derzeitiges Leiden war. Jedenfalls wollte er jetzt so kurz vor
dem Ziel nicht aufgeben. Sein Rationalismus hatte ihm den Weg
gewiesen und er war bereit, Kisasi einen mächtigen Konterschlag zu
verpassen. Aber was könnte das mit Akili anrichten? Irgendwo tief in
diesem Erdmännchenkörper steckte für Kimya ein unschuldige und
hilflose Seele, bedeckt von Zweifel, Angst und Unsicherheit. Er war
sich nun im klaren darüber, dass es sehr wohl einen Sinn machte,
Kisasi als eigenständige Person zu betrachten. Das gab dem Übel
einen Namen, und für Kimya ein klares Feindbild, welches er um
jeden Preis bekämpfen wollte. Der Zeitpunkt auf den er gewartet hatte
war nun da.
Kimya sammelte kurz seine Gedanken und begann seine
Beweisführung. Für ihn basierte die Welt auf der Logik und so war er
davon überzeugt, den Knacks in JP mit eben diesen Mitteln auch
wirkungsvoll behandeln zu können.
„Kisasi sagt dir, dass du Schuld an Chozis Tod bist, nicht?“
JP nickte.
„Weißt du, was ich dann nicht verstehe?“
JP schüttelte den Kopf.
„Warum hat Chapuchapu ihn dann einfach liegen lassen?“
Diesmal versank JP in Gedanken ohne jede Antwort. Kimya begann
zögerlich selbstzufrieden zu lächeln. Er fühlte sich, als ob er den
Spieß umgedreht hätte. Diesmal wollte er Kisasi in die Ecke drängen.
„Ich sage dir warum“, begründete Kimya weiter, „weil er ihn nicht
fressen wollte!“
Das war die einzige Erklärung, die für Kimya einen Sinn machte. JP
blickte allerdings ratlos in Kimyas Augen.
„Weißt du nicht was das bedeutet?“
JP schüttelte wieder den Kopf, und strahlte eine leichte Verwirrtheit
aus.
„Das bedeutet, es muss einen Grund gegeben haben, dass er ihn
getötet hat!“
Das riss JP nun wahrlich nicht vom Hocker, doch er hatte den
Unterton seines Freundes nicht richtig interpretiert.
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„Verstehst du?“
„Nein. Was für einen Grund sollte er denn gehabt haben?“
„Spielt das eine Rolle?“, fügte Kimya wie aus der Pistole geschossen
an. Er hatte nur darauf gewartet, das zu sagen. Für ihn war das
Gespräch klar geplant und wie in einem Schachspiel war er seinem
Gegenüber gute sechs Züge voraus, und hatte damit die völlige
Kontrolle über das Gespräch.
„Fakt ist doch, wenn es einen Grund gegeben hat, dann hättest auch du
ihn unter Einsatz deines Lebens nicht retten können. Dein Opfer hätte
nichts gebracht.“
JP aber lies sich davon nicht beeindrucken. Ihn erfreute es, dass
Kimya mit allen Mitteln versuchte ihm seine Last zu nehmen, aber er
sah die Mühe seines Freundes als vergeblich an.
„Kimya, ich finde das sehr edel von dir, aber lass nur, ich muss damit
leben so wie es ist.“
„Genau, so wie es IST, und nicht, wie Kisasi es dir einbläut. Glaub’
mir, wenn Chapuchapu gezielt Chozi umbringen wollte, und das nicht
einmal um ihn zu fressen, dann ist er ein Mörder, und nicht du.“
„Aber Kimya, warum sollte er das tun?“
Kimya zögerte zu sagen was er dachte. Es war zwar eine vage
Vermutung, aber die einzige, die seiner Meinung nach noch logisch
aufgehen würde, doch befürchtete er, dass JP es nicht schlucken
würde.
„Vielleicht, weil sie sich kannten?“
JP blickte fassungslos zu Kimya hinauf. Für ihn hatte er jetzt zu weit
ausgeholt.
„Das glaubst du doch wohl selber nicht! Glaubst du, Chozi verabredet
sich mit blutrünstigen Geparden, um sich umbringen zu lassen? Du
spinnst wohl!“
„Vielleicht kannten sie sich schon länger?“
„Lass gut sein Kimya, es wird immer absurder. Ich weiß deine Hilfe
wirklich zu schätzen, aber du solltest schon bei der Wahrheit bleiben.“
Kimya ärgerte sich, als er feststellte, dieses so vielversprechende
Gespräch scheinbar verloren zu haben. Scheinbar war JP, der
vorwiegend emotional dachte, für rein rationale Argumente nicht
zugänglich. Aber dann kam ihm etwas in den Sinn, was selbst ihn ein
wenig schockierte.
„Und warum hat er seinen Namen gerufen?“
59
JP verstand nicht, was Kimya jetzt damit meinte.
„Wer?“
„Na Chapuchapu! Du sagtest, er habe Chozis Namen genannt. Woher
sollte er denn gewusst haben, wenn er ihn nicht kannte?“
Kimya fühlte sich, als ob er ein Tor geschossen hätte.
JP hingegen bekam einen Flashback in jene Situation.
»„Na du kannst dich ja mit dem alten Chapu begnügen, Chozi!“,
hallte es zu Akilis Versteck.«
Es wiederholte sich mehrmals in JPs Kopf. Dabei bekam er glasige
Augen und einen sehr abwesenden Blick.
„JP? HEY! JP!“
Doch JP reagierte nicht. Einzig seine Hände zitterten ein wenig und
seine Kinnlade senkte sich. Kimya bekam Panik.
„Hallo? JP? Akili? KISASI! Irgendjemand zuhause?“
„Das kann nicht sein.“, sprach JP leise, mir schüttelndem Kopf, „Das
darf nicht sein.“
„Doch JP, so versteh doch, du bist kein Mörder! Deine Schuldgefühle
sind unbegründet.“
„Ach Akili, denk immer daran was ich dir gesagt habe, dieses
Katzenvieh hat doch keine Ahnung. Er war schließlich nicht dabei…“
Doch bevor Kimya auf diesen Satz reagieren konnte, reagierte JP von
alleine darauf.
„Aber du genauso wenig, Kisasi! Warum sollte ich dir noch glauben?“
„Weil ich der einzige bin, der dich zu Chozi zurückbringen kann!“
Kimya sah JP an und schüttelte den Kopf, wie ein Vater, der seinem
Sohn zeigen wollte, dass es nun an der Zeit ist vernünftig zu sein.
„Nein! Ich bin kein Mörder! Und ich will nicht bezahlen für etwas
was ich nicht getan habe! Ich will leben!“
„Das wollte Chozi sicher auch!“
„VERSCHWINDE!“, brüllte JP und fasste sich selbst an den Kopf.
Kimya, erschocken und in Sorge, dass er sich dabei verletzten würde,
griff ein und nagelte das kleine Erdmännchen wieder am Boden fest.
„Es ist vorbei, JP.“
„Vorbei ist es erst, wenn er verschwunden ist.“
„Du musst das erstmal verdauen. Ich werde dich jetzt alleine lassen. In
ein Paar Stunden geht die Sonne auf, und dann werden wir diesen
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unsäglichen Ort verlassen. Und Kisasi werden wir hier lassen.
Einverstanden?“
JP nickte.
Kimya ging fort, und verschwand am Rande der Hochgraswiese, um
sich einen Schlafplatz zu suchen, und um JP sich selbst zu überlassen.
Auch ihm war bewusst, dass JP sich diesen Frieden nur selbst spenden
konnte. Zwar hatte er ihm den Weg gewiesen, doch war nun sein Part
beendet. Er hoffte, dass sein Psychospiel aufgehen würde.
JP atmete tief durch. Er war sich nicht sicher, was er letzten Endes
von Kimyas Idee, dass Chozi Chapu gekannt haben solle, halten
sollte. Es war für JP zu weit hergeholt, aber sicher war er sich
inzwischen auch, dass es einen Grund geben musste, der tiefgründiger
war, als was er bisher glaubte. Noch niemals zuvor war JP so
entschlossen wie jetzt, mit seiner Vergangenheit abzuschließen.
Wichtig war eins: Er war kein Mörder. Und damit war alles andere
auch egal. Seine Erinnerung an Chozi sollte nun nicht mehr mit
Schuldgefühlen behaftet bleiben, und er sollte endlich die Gelegenheit
bekommen, seinen Verlust anständig zu verarbeiten.
Er legte sich auf den Boden, nahe dem Felsen, auf einen kleinen
vereinsamten Flecken Gras, der für JP kniehoch gewachsen war. Er
blickte auf den Sternenhimmel und fiel wieder in Gedanken. Wie oft
hatten er und Chozi einen Blick in den Nachthimmel geworfen, und
wie oft hatte Chozis Stern ihm Trost gespendet. Aber seine erneute
Suche nach dem Stern blieb ebenfalls ohne Erfolg.
Plötzlich hörte er eine vertraute Stimme aus dem Dunst der Ebene
sprechen.
„Akili, es tut mir leid!“
JP hob den Kopf, plötzlich war es Tag und vor ihm stand Chozi. Er
konnte nicht glauben was er sah. Langsam wurde ihm jedoch klar, was
los war.
„Das ist ein Traum, nicht wahr?“, sprach er enttäuscht zu Chozi und
stand auf. Chozi seufzte und blickte verlegen auf den Boden.
„So etwas in der Art, denke ich. Nirgendwo sonst könnten wir uns
noch so nah sein.“, sagte er entmutigt.
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JP musterte seinen Partner von oben bis unten und genoss den lang
vermissten Blick seiner großen Liebe. Doch kurz bevor er die Hand
ausstrecken wollte, wurde ihm klar, dass nichts von dem was er sah
real sein konnte.
„Ich hätte dich gestern nicht schlagen dürfen. Bitte kannst du mir noch
eine Chance geben?“
Jetzt erkannte JP auch die Situation. Es war seine Rückkehr zu Chozi,
kurz bevor sie gejagt wurden. Doch diesmal war einiges anders. Nicht
er hatte den ersten Schritt gemacht, sondern Chozi. Jedoch fühlte sich
die Situation für ihn ‚falsch’ an. In Anbetracht dessen, was Kimya ihm
mit auf den Weg gegeben hatte, fiel es ihm auch schwer Chozis
Worten zu vertrauen. Der Gedanke, dass Chozi ein Geheimnis mit
sich trug, welches sein Ende besiegelt haben sollte, lies JP nicht mehr
los. JP ging einen Schritt zurück.
„Chozi, ich…“, ihm versagte jedoch schnell die Sprache, da er den
Anblick seines vermissten Freundes in so griffiger Lebendigkeit kaum
ertragen konnte. Er drehte sich um, und dort stand, in etwa gleicher
Entfernung, Kisasi. Diesmal jedoch ohne einen finsteren Blick,
sondern ganz neutral.
„DU? Was soll das?“, fragte JP.
Kisasi jedoch blickte teilnahmslos weg.
„Akili, bitte! Hör mir zu!“, flehte Chozi.
Doch JP sah nicht hin. Sein Blick konzentrierte sich auf Kisasi.
Irgendetwas war anders, es war nicht der Kisasi, den JP gewohnt war.
Er war viel zu unbedrohlich.
„Was ist hier los?“, fragte er ihn.
Kisasi blickte vorwurfsvoll in JPs Augen.
„Das ist doch was du wolltest, nicht wahr?“
„Was meinst du?“, stachelte JP weiter.
„Sieh dich an. Du hast es also geschafft. Du bist also kein Mörder.
Aber um welchen Preis?“
In JP breitete sich eine innere Unruhe aus. Er fürchtete sich davor, was
Kisasi sagen würde, dennoch musste er es wissen.
„Rede weiter!“
„Deine Schuldgefühle bist du losgeworden. Aber dafür sind deinem
Engel die Flügel abgefallen! Dreh dich doch mal um.“
Besorgt drehte er sich zu Chozi und hörte weiter Kisasi zu.
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„Siehst du? Ich bin machtlos. Ich kann dir nichts mehr sagen. Du hast
dich entschieden, und zwar für dich. Sieh ihn dir genau an. Was siehst
du? Deinen Liebsten? Warum dann die Distanz? Na los Akili, geh
doch zu ihm und umarme ihn! Atme fest den Geruch deiner Liebe ein
und lasse ihn nicht mehr los!“
Jetzt begann JP zu verstehen, worauf Kisasi hinaus wollte. Er spürte,
dass er nicht in der Lage war zu tun, was er sagte.
„Du kannst es nicht, was? Jetzt wo du weißt, dass du es nicht Schuld
bist, ist es nicht so? Der Gedanke um den wahren Grund hat ihn dir
entfremdet, nicht wahr?“
JP traf diese Erkenntnis wie ein Messer ins Herz. Seine Liebe war
zwar da, doch er fragte sich zum ersten Mal, ob der Chozi der vor ihm
stand jemals der war, für den JP ihn geliebt hatte.
„Das ist die bittere Pille der Realität, Akili. Du bist jetzt frei. Aber
wirst du noch so ohne Weiteres an Chozi denken können, ohne dass
du Zweifel bekommst?“
Dieser Satz veranlasste JP wegzuschauen. Er konnte dem flehenden
Blick seines Freundes nicht länger standhalten. Er blickte erneut zu
einem unaggressiven und gefassten Kisasi.
„Verstehst du mich nun? Ich habe dir nur eine leidenschaftliche
Erinnerung an ihn bewahrt. Ein blutendes Herz, so wie das deine, das
blutet aus Liebe. Aber jetzt wird es einfrieren.“
Im ersten Augenblick kam JP das absurd vor, jedoch wusste er ganz
genau, dass er sich nur umdrehen und Chozi verzeihen musste um sich
das Gegenteil zu beweisen. Doch er blickte entschlossen zu Kisasi.
„Dann möge es von mir aus so sein. Du hast mich durch die Hölle
geschickt, ich habe weit aus mehr ertragen müssen als nur ein
blutendes Herz, das hätte ich in jedem Falle nach seinem Tod
verkraften müssen. Aber erst die Schuldgefühle haben mir all das
genommen, wofür ich lebte. Und am Ende wolltest du auch nur
meinen Tod! Nein Kisasi, damit ist jetzt Schluss!“
JP fühlte sich tief erleichtert. Als ob ihm eine Jahrhundertlast von den
Schultern fiel, kribbelten ihm seine Finger vor Entschlusskraft.
„Sag ihm das, nicht mir.“, spielte Kisasi geschickt den Ball zurück.
Doch JP hatte gehofft, dass ihm dies erspart bleiben würde. Seine
Entschlusskraft wich zum Teil seiner Angst. Er drehte sich um und
blickte widerwillig in die winselnden Augen eines knienden Chozi.
Auf einmal bemerkte er auch die frische Wunde in seinem Gesicht,
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ganz wie damals. Hinter Chozi saß Chapu, teilnahmslos und wartend
mit seinem Blick auf Chozi fixiert.
„Ich liebe dich, Akili.“
Wie das Ziehen an einer Schleuse ließen diese Worte JPs Tränen, die
er schon die ganze Zeit versuchte zurückzuhalten, unaufhaltsam
abfließen. So irreal diese konstruierte Situation auch war, fühlte JP in
einem letzten Sturm von Gefühlen, dass diese Tränen und sein
Kummer echt waren.
„Er wird mich töten, Akili!“
Lange konnte sich JP nicht mehr drücken. Es war nun eine Reaktion
notwendig. Er schüttelte langsam den Kopf, mehr für sich selbst, als
für Chozi.
„Ja, das wird er. Und ich werde dich nicht retten können.“
„War denn alles umsonst?“
Das war eine gute Frage, die auch JP nicht so leicht beantworten
konnte. Eine Ausrede musste her.
„Nichts ist umsonst.“, sprach er und stellte fest, dass es mehr war als
nur eine Ausrede.
„Ich werde dich vermissen, Akili!“
Chozi breitete seine Arme aus, um JP zu umarmen. Doch dieser
schüttelte nur leicht den Kopf. Mit einem strengen und immer noch
feuchten Blick sah er seinen Liebsten aufstehen und mit traurigen und
schweren Schritten auf den wartenden Geparden zuschreiten.
„Ich liebe dich auch.“, flüsterte er unhörbar hinterher, und trocknete
sich die Tränen.
Chozi und der sitzende Gepard schienen sich immer weiter von JP zu
entfernen, bis ihre Silhouetten mit dem Nachthimmel eins wurden. JP
war aufgewacht.
Rückenliegend strahlte im Blickzentrum des kleinen Erdmännchens
ein blauer Stern. Ein blau, welches sich erst auf den zweiten Blick
erkennen ließ. Es war Chozis Stern. Mit einer ungewohnten, und doch
schmerzenden Leere in der Brust stand er auf. Erst jetzt realisierte er,
dass der kleine Flecken Gras auf dem er geschlafen hatte, Chozis Grab
war. Vor ihm stand Kisasi. Schweigend.
„Und was jetzt?“, fragte er.
„Das liegt bei dir.“, antwortete Kisasi.
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„Ich sage dir, was jetzt ist, wir werden hier verschwinden!“, sprach
Kimya, der aus dem Gras hervorkam, und dem ersten Schimmern von
Sonnenaufgang entgegenblickte.
Verwirrt schaute JP zu Kisasi. Es wunderte ihn, dass Kimya nur auf
ihn selbst reagiert hatte.
„Er wird mich nicht mehr hören. Niemand wird es mehr können.“
Tatsächlich war es für JP ein ganz anderes Gefühl Kisasi jetzt reden
zu hören. Er spürte auf seltsame Weise, dass er Kisasis Part nicht
mehr selbst mimte, sondern dass Kisasi nur noch in seinem Kopf
existierte.
„Du wolltest es so und nicht anders.“, sagte er ganz neutral.
„Na? Wollen wir los, oder was? Du entscheidest, wohin es geht! Und
Kisasi lässt du ein für alle mal hier!“
JP schaute erneut hinüber zu Kisasi. Kimya bemerkte JPs Blick in die
Leere, wollte ihm aber Zeit geben, das auch durchzuziehen.
„Du kannst nicht ohne mich, stimmts? Was wärst du auch ohne
mich?“
JP wusste was. Er wäre frei. Doch wollte er nicht antworten, da
wusste, dass Kimya es beobachtete.
„Du brauchst es nicht aussprechen. Ich höre schon, was du denkst.
Das liegt in der Natur der Sache. Ohne mich wärst du nur Akili.“
Doch er war JP, dachte er sich.
„JP. Das bist du und ich. Wir sind JP.“
JP drehte sich um zu Kimya und nickte bestätigend. In sein Gesicht
war ein Lächeln eingekehrt.
„Also, dann mal aufsteigen, der Herr! Wohin soll’s gehen?“
JP hüpfte auf und blickte den Horizont ab. Er fand im westlichen Teil
am äußersten Rand des Horizontes einen unscheinbaren Monolithen,
den er anvisierte. Es war der Königsfelsen.
„Genau dort hin!“
Kimya war erleichtert. Er hatte JP lange nicht mehr so unbekümmert
erlebt. Mit der aufgehenden Sonne im Rücken donnerte Kimya
symbolisch los, um all das Unheil mit dem Ort hinter sich zu lassen.
JP wagte einen kleinen Blick zurück und sah Kisasi, unverändert, am
Rande der Hochgraswiese immer kleiner werden. Zufrieden und
selbstsicher schaute er in den Himmel zu Chozis Stern, der seine
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Leuchtkraft einer aufgehenden Sonne abbüßen musste. Die Nacht war
vorbei. Für JP war es nicht nur ein neuer Tag, es war ein neues Leben.
Sein treuer Kimya galoppierte über die Steppe mit einer entfachten
Abenteuerlust, die JP herzhaft ansteckte. Dieser nutzte die
Gelegenheit, seinem Gefährten etwas zu sagen:
„Du Kimya? Ich möchte dir danken! Danke, dass…“
„Ach was, ist doch schon gut,“, lachte er, „wozu hat man Freunde?“
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