Die Zombies werden sich den gestohlenen Staat zurück erkämpfen!

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Die Zombies werden sich den gestohlenen
Staat zurück erkämpfen!
Die Schlacht von Dražgoše
16. Januar 2013
Am 13. Jänner fanden im slowenischen Dorf Dražgoše die Gedenkfeierlichkeiten anlässlich
der vom 9. bis 11. Jänner 1942 stattgefundenen Schlacht zwischen den Partisaneinheiten des
Cankar-Bataillons und militärischen Kräften der deutschen Besatzungsmacht statt.
Am 13. Jänner fanden im slowenischen Dorf Dražgoše die Gedenkfeierlichkeiten anlässlich
der vom 9. bis 11. Jänner 1942 stattgefundenen Schlacht zwischen den Partisaneinheiten des
Cankar-Bataillons und militärischen Kräften der deutschen Besatzungsmacht statt. Die
Kämpfe um dieses Dorf in Oberkrain gehören historisch gesehen zu den ersten bewaffnete
Widerstandshandlungen im von den Nazis unterworfenen Teil von Europa: Den 200
Partisanen standen 4000 deutsche Polizisten und Wehrmachtssoldaten gegenüber. Nach dem
Rückzug der Partisanen wurden 41 einheimische Zivilpersonen erschossen und 81 weitere in
deutsche Konzentrationslager verschleppt. Die heurige 71. Wiederkehr der in und rund um
diesem Dorf ausgetragenen bewaffneten Auseinandersetzungen fand angesichts breiter
Proteste in slowenischen Städten gegen die herrschende Politik und Korruption statt. Der vom
Slowenischen Verband der Vereinigungen der Kämpfer für die Werte des
Volksbefreiungskampfes ausgewählte Festredner, der Historiker Božo Repe, hat in seiner
Festansprache tatsächlich auch Parallelen zwischen dem antifaschistischen Befreiungskampf
und den gegenwärtigen Auseinandersetzungen gezogen. Aus diesem Grund veröffentlichen
wir eine Übersetzung seiner Rede:
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Rede auf der Feier in Dražgoše, 13. 1. 2013
Univ. Prof. Dr. Božo Repe
Sehr geehrte Bewohnerinnen und Bewohner von Dražgoše, sehr geehrte Kämpferinnen und
Kämpfer, sehr geehrte Landsleute aus Oberkrain, verehrter Organisationsausschuss und
verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Märsche, sehr geehrte Politikerinnen, Politiker
und Versammelte!
Von diesem Platz aus haben viele bedeutende Menschen gesprochen, hauptsächlich Politiker.
Die Botschaften, die von hier ausgesandt worden sind, waren bedeutsam und haben in der
Öffentlichkeit ein Echo hervorgerufen. Ich bedanke mich beim Organisationsausschuss, dass
er sich diesmal für einen kritischen Intellektuellen entschieden haben, wer immer es auch sei.
Mit der Auswahl haben die Organisatoren gezeigt, dass sie den Zeitgeist und die Verhältnisse
verstehen, in denen wir leben. Sie habe nicht zuletzt gezeigt, dass die Politik, welche wir
erleben und welche uns beherrscht, Teil des Problems ist und nicht Teil der Lösung. Die
Lösungen, wie so oft in der Geschichte, entstehen woanders. Nach langjähriger Lethargie ist
es in der slowenischen Gesellschaft zur Freisetzung von Kreativität gekommen, und es freut
mich, dass auch der eigentliche Kern der slowenischen Partisanenbewegung die Botschaft
davon verbreitet.
Als Milan Kučan von diesem Ort aus im Jahr 1987 die unantastbare Jugoslawische
Volksarmee kritisierte und die jungen Männer in Schutz nahm, die ein Abdienen der
Wehrpflicht in Form eines Zivildienstes forderten, reagierte er auf die Kritik aus dem Militär
mit dem Bemerken, dass er ihren Standpunkt mit dem bekannten Voltair’schen Ausspruch
verteidige: „Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie
sie äußern dürfen.“ Jetzt soll erneut nur eine Wahrheit existieren, die von einem Generalstab
vorgeschrieben wird. Und auch jetzt wird versucht mit Drohungen, Schimpfworten, Kontrolle
der Medien und der Entlassung von Journalisten und auf anderen Wegen zu verhindern, dass
man sich zu seiner Meinung bekennt. Doch das ist nicht möglich. Die eigentliche Botschaft
erreicht die Menschen. Und sie kommt von den Menschen. Schneller als jemals in der
Geschichte.
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Was sind die Botschaften, die wir aus diesen schweren Zeiten herauslesen? Die historische
Botschaft von Dražgoše ist erschütternd, aber klar. Sie verdient tiefen Respekt. Sie ist
unermesslich tragisch wegen der Verbrechen, der Massaker an unschuldigen Zivilpersonen,
der Deportierung der Überlebenden, der Niederbrennung des Dorfes. Und sie ist unermesslich
heldenhaft, denn es ereignete sich ein – dem Anschein nach hoffnungsloser – Aufstand in dem
damals völlig unterjochten Europa. Wer nur ein wenig die Geschichte der
Widerstandsbewegungen im nazistischen Europa kennt, die zumeist viel später als in
Jugoslawien und in Slowenien entstanden sind, wird beipflichten, dass dies eine der frühesten
und am meisten beachteten Widerstandshandlungen war. Die Schlacht von Dražgoše war nur
die Spitze des Massenaufstandes in Oberkrain, der noch heute unter Historikern Interesse
weckt. In seinem jüngsten Buch Poljanska vstaja („Der Aufstand von Poljane“) hat ihn Dr.
Martin Premk, ein Historiker der jüngeren Generation, von neuem beschrieben. Ich möchte
nur die Einschätzung von Dr. Tone Ferenc erwähnen, dass der Aufstand von Poljane im
harten Winter von 1941/42 das größte militärische Ereignis des europäischen Widerstands in
der Interessenssphäre des Deutschen Reiches war. Und bis zur allgemeinen Erhebung in den
küstennahen Gebieten im Herbst 1943 war er der einzige Volksaufstand in Slowenien.
Ich gehöre einer Generation von Kindern an, die mit den Radiosendungen Še pomnite,
tovariši („Erinnert ihr euch noch, Genossen“) aufgewachsen ist und seit frühesten
Kindheitstagen an den Partisanenfeiern teilgenommen hat. Für unsere Generation der in den
1950ern Geborenen hat Đorđe Balašević in seinem Lied Računajte na nas („Ihr könnt auch
auf uns verlassen“) gesungen, dass in unseren Adern Partisanenblut rinnt. Damals waren wir
uns dessen vielleicht nicht bewusst. Damals galten uns die Feiern als Teil eines überlebten
Rituals. Der Bedeutung, des Inhalts und der Botschaften sind wir uns später erneut bewusst
geworden – und insbesondere in der heutigen Zeit. Auch ich selbst betrachte die Zeichnung
des Partisanenkuriers, die mir, als ich ein Kind war, Ive Šubič, der Maler des Aufstandes von
Poljane, angefertigt hat, mit anderen Augen. Dem Organisationsauschuss der Märsche und der
Veranstaltung im Rahmen von Po stezah partizanske Jelovice („Auf den Partisanenpfaden der
Jelovica“) müssen wir dankbar sein, dass er es verstanden hat, dem Gedenken an den
historischen Aufstand Inhalt zu verleihen und die junge Generation der Bevölkerung von
Dražgoše und seiner Umgebung, wie auch zahlreiche andere Slowenen und slowenische
Staatsbürger anzusprechen. „Ein jegliches historisches Ereignis ist für sich genommen
neutral; es hat für uns keinerlei Bedeutung, wenn ihr ihm diese nicht selbst mit unserer
Beziehung zu ihm zuschreiben. Diese Beziehung ist seine Einbindung in die Gegenwart als
Teil der Antwort, die wir auf Grund der Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit
formulieren müssen.“ Diese Worte hat Dr. France Bučar von diesem Platz aus 1992
ausgesprochen.
Sehr geehrte Festgäste!
Dražgoše ist nicht nur der Name eines Ortes von Ereignissen vor so vielen Jahren, derer wir
gesinnungstreu gedenken. Dieser Name ist auch das Zeichen der Bereitschaft der
slowenischen Bevölkerung zum Widerstand, zur Revolte, zur Rebellion und zum Aufstand.
Heute sehen einige in dieser Bereitschaft und in diesem Recht das absurde Bestreben, dass wir
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Europa den verlassen und in irgendein irreales Jugoslawien zurückkehren wollen. Daher sei
Matjaž Kmecel aus dem Jahr 1997 zitiert: „In den schlimmsten Augenblicken, als man für den
Begriff Europa sein Leben einsetzen musste, ist hier Europa gebaut worden.“
Es ist richtig: „Wir sind in zwei Hälften geteilt, von denen die eine die andere zunichte macht,
dämonisiert und in jeglicher positiver Aktivität behindert. Wir sagen, das sei die Logik der
Demokratie.“ Dieses letzte Zitat stammt von einem meiner Vorredner, in diesem Fall von dem
Dichter Ciril Zlobec, aus dem Jahr 1999.
Aber ist dies notwendig und unausweichlich? Nicht, wenn wir Freiheit, Brüderlichkeit (d.h.
Solidarität) und Gleichheit – die Postulate der Französischen Revolution, auf denen die
moderne europäische Gesellschaft ruht – in den Vordergrund rücken. Aber diese Schlagworte
werden heute unterdrückt und verneint. Dr. Aleksander Doplihar von der Ambulanz für
Personen ohne Krankenversicherung, der den Nöten der Menschen näher ist als sonst wer, hat
unlängst bekannt: „Der kleine Mann hat keine Bedeutung. Er hat keine Rechte, ist völlig an
den Rand gedrängt, hat keinen Schutz weder vor Gericht noch vor dem Staat.“
Niemals haben wir uns erträumen lassen, dass es der Generation unserer Kinder schlechter
ergehen könnte als uns. Dass manche Kinder in der Schule hungrig sind. Dass unsere Eltern,
die die Freiheit erkämpft haben und mit eigener Arbeit ein modernes und solidarisches
Slowenien aufgebaut haben, auf ihre alten Jahre Not leiden und auf soziale Unterstützung
verzichten, um einen kleinen Immobilienbesitz an die Kinder vermachen zu können. Wir
haben die Generation unserer Kinder nicht auf den rücksichtslosen neoliberalen Kapitalismus
vorbereitet, noch konnten wir diesen verhindern. Das macht unser schlechtes Gewissen aus,
aber es sind nicht unsere Verantwortung und Schuld. Schuld sind die Giermäuler und
Politiker, die eine slowenische Schweiz versprochen haben und anstelle von
verantwortungsvollen Staatsbürgern Konsumenten geschaffen haben. Heute können viele
Menschen nicht einmal mehr das sein.
Verehrte Festgäste!
Die Menschen, die auf diesen Hügeln und überall auf slowenischem Gebiet gekämpft haben,
sind als Banditen bezeichnet worden. Die heutigen Rebellen, die eine gerechte Gesellschaft
wollen, werden als Zombies bezeichnet. Personen, die solche Urteile fällen, sind absichtlich
kränkend. In Wahrheit haben sie Angst. Aus den Banditen wurde eine siegreiche
Befreiungsarmee, die den Slowenen den Staat erkämpfte. Und die Zombies werden sich den
gestohlenen Staat zurück erkämpfen.
In Slowenien sind nicht alle Institutionen das Eigentum aller, auch sind sie nicht für das Wohl
aller tätig. Das slowenische Heer ist unser aller Heer; die Soldaten und ihre Familien teilen
mit uns auch die Last der Krise. Die Politiker und Befehlshaber, die es anführen, sind aber
nicht von allen gestellt. Politiker und Befehlshaber, die einen legendären
Partisanenkommandanten verleugnen und ihn aus der militärischen Tradition streichen wollen
– obwohl bekannt ist, dass die Partisanen die einzige alliierte Befreiungsarmee waren –,
Politiker, die das Heer einem einzigen politischen Lager unterordnen, die Soldaten dazu
zwingen, den Ministerpräsidenten wie einen lateinamerikanischen Generalissimus zu
begrüßen, oder ihnen die katholische Ideologie aufzwingen, sind nicht unser aller Politiker
und Befehlshaber. Wir hatten Glaubensheere und Glaubenskriege. Wir wissen, was sie
verursacht haben. Auch können nicht alle Armeen, in denen Slowenen historisch gedient
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haben, gleich – oder um es moderner zu sagen – gleichgewichtig betrachtet werden. Und es ist
eine billige Manipulation, wenn Partisanenhelden aus dem Zweiten Weltkrieg durch die
Helden des Krieges für ein unabhängiges Slowenien aus dem Jahr 1991 ausgetauscht werden.
Sowohl die einen als auch die anderen gehören zu uns. Die einen und die anderen haben für
die Freiheit und den slowenischen Staat gekämpft - und für eine sozial gerechte Gesellschaft.
Nicht für eine Gesellschaft mit einer kleinen klerikalen und politischen Elite auf der einen
Seite und dem armen Volk auf der anderen – eine Gesellschaft, die wie ein Alptraum aus den
1930er Jahren in unsere Gegenwart zurückkehrt. Die einen wie die anderen waren auf der
Seite des Volkes. Daher sehen wir auf den Demonstrationen, die gegen die politischen Eliten
gerichtet sind und ein gerechteres Slowenien fordern, auch Veteranen. Sie haben nicht für
einen Staat als eine inhaltsleere Schale gekämpft, der auf symbolischer Ebene durch leere
Rituale für eine Handvoll Politiker repräsentiert wird, die sich gut geschützt im Kultur- und
Kongresszentrum Cankarjev Dom versammeln. In einem Zentrum, dass im Jahr 1987 die
Streikenden von Litostroj empfangen hat. In einem Zentrum, von dem aus 1989 alle
politischen Lager an Slobodan Milošević die Botschaft schickten: Wir geben unsere
Staatlichkeit nicht her. „Das wichtigste slowenische Kulturzentrum mit Stahl und
Spezialeinheiten der Polizei zu umgeben ist kulturlos“, hat sich Mitja Rotovnik, der Direktor
des Cankarjev Dom, geäußert. Es wird eine Zeit kommen, wenn es wieder ein Zentrum der
Kulturschaffenden sein wird – jener, die jetzt auf den Strassen und in der Kälte beweisen, wo
die Vitalität der slowenischen Kultur zu finden ist – einer Kultur, auf Grund derer wir
überlebt haben – als Volk und als Einzelpersonen. Cankarjev Dom wird wieder zu einem
Zentrum werden, in dem Ideen über unsere Zukunft entwickelt werden.
Die entfremdeten politischen Eliten erwarten von uns, dass wir jedes vierte Jahr zur Wahl
gehen, danach aber schweigen und friedfertig ihren Unterschleif, ihre Malversationen, ihre
Unaufrichtigkeiten und ihren Schacher mit Wahlergebnissen ertragen – wie auch die
persönliche Bereicherung, die auf internen Informationen beruht – nach dem Muster der
Koupon-Privatisierung der 90er Jahre, mit der wir ausgetrickst wurden. Friedfertig, als ob es
etwas Normales sei, sollen wir die nach Art der Vetternwirtschaft organisierte Versorgung
von Verwandten hinnehmen wie auch die Zuweisung von mit Staatsgeldern bezahlten
Aufträgen nach Art primitivster balkanischer Stammessitten. Denn all dies verbergen sie auch
gar nicht mehr! Alles dreht sich vielmehr darum, mit dem Finger auf das entgegengesetzte
Lager zu zeigen, als ob dieses sich gleich verhalten würde.
Die herrschende slowenische Politik will eine sogenannte Zweite Republik errichten. An der
Verfassung vorbei, durch dauerhafte Ausnahmeverhältnisse im Parlament und im Staat, durch
außerordentliche Verfahren in der Gesetzgebung, durch rechtliche Malversationen und auch
durch Missbrauch, wie der straflose Schwindel mit Unterschriften für eine Volksabstimmung
zeigt. Durch künstliche Unterscheidungen zwischen einem öffentlichen und einem
sogenannten realen Sektor. Durch Einschüchterung und Unterwerfung von Lehrern und
Beamten. In Slowenien erleben wir eine konservative Revolution, die sich unter der Maske
der Wirtschaftskrise und der Sparmaßnahmen vollzieht. Die Uniformität der Behörden ist
eines ihrer Hauptziele. Leider wirken dabei auch Juristen mit, die das Sagen haben. Das
Verfassungsgericht ist an der Unterwerfung unter den exekutiven Bereich der Macht beteiligt.
Auch der neugewählte Staatspräsident hat schon als Kandidat keine Alternative zur jetzigen
Regierung gesehen. Eine Demokratie ohne Alternative?
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Verehrter Herr Präsident der Republik Slowenien! Drei Präsidenten – Milan Kučan, Dr. Janez
Drnovšek und Dr. Danilo Türk – konnten die Unabhängigkeit der Funktion des Präsidenten
bewahren und haben sich in kritischen Momenten zu Wort gemeldet. Das erwartet man sich
auch von Ihnen. Ihre Sorge sollten nicht bereits verworfene liberale deutsch-französische
Sparpläne sein, noch Einschätzungen über die Bonität Sloweniens, auch nicht die jetzige
Regierung, die eine Regierung der Eliten ist – und wenn schon, dann müsste man sich um die
beste Regierung bemühen, die für Slowenien in diesen Zeit gestellt werden könnte. Ihre erste
Sorge sollte vielmehr den Menschen gelten, eine Sorge, wie ich hinzufügen möchte, die nicht
als PR-Gag für die Medien verstanden werden soll, sondern als eine Sorge von Grund auf. Sie
haben uns aufgefordert, dass wir verbunden sein sollen. Wir sind untereinander verbunden.
Vielleicht sogar besser, als sich das manch einer wünscht. Wir üben Solidarität und werden
sie auch üben. Aber vor dem Staat und nicht anstelle des Sozialstaats.
Die herrschende slowenische Politik und die Mehrheit der politischen Klasse haben in ihrer
Selbstzufriedenheit übersehen, dass nicht nur ihre Zweite Republik entsteht, sondern auch ein
neues, anderes Slowenien. Ein Staat im Staat, so wie während des Zweiten Weltkriegs. In
diesem Entstehungsprozess gibt es keine Verschwörung, keine geheimen Stäbe, keine Paten,
keine Schatten und Abgründe. Dies aber wollen die Politiker und mit ihnen verbundene
Intellektuelle mit der Mentalität überlebter patriotischer Zeiten unterschieben – und natürlich
klerikale Ideologen, die die ihrem Treiben noch das Wort „moralisch“ beifügen, obwohl sie
Beleidigungen und Intoleranz säen.
Innerhalb Sloweniens entsteht eine neue Gesellschaft gegenüber der etablierten Politik, die
sich vor dem Volk durch Absperrungen und Kordons von Polizisten schützt. Polizisten, die
Teil des Volkes und auf dessen Seite sind – so wie es in den achtziger Jahren begann. Auch
damals waren die Polizisten auf der Seite des Volkes. Aber die Politiker haben sich nicht
versteckt, sie haben sich keine Geheimgänge für die Flucht aus den Büros geschaffen. Die
neue Gestalt Sloweniens, als Gegenbild zur Zweiten Republik, entsteht öffentlich, entsteht in
sozialen Netzwerken, entsteht auf der Straße. Der Ausgang ist ungewiss, und es gibt eine
Unzahl an Ideen. Es entwickelt sich eine massenhafte Volksbewegung. Sie kann auf eine
Änderung und Verbesserung der Verhältnisse Einfluss nehmen. Sie kann das Regime und die
Macht der Parteien abschaffen oder zumindest mildern, und sie kann neue Standards in der
Politik aufstellen. Mit dem Druck der Massen können sogar Neuwahlen erreicht werden. Die
jetzige Bewegung kann eine neue Generation in den Vordergrund stellen und erreichen, dass
die Menschen die Wirtschaft mitverwalten und eine größere Rolle in der Politik erhalten. Sie
kann dazu beitragen, dass Slowenien brüderlicher und solidarischer wird. Nichts geht über
Nacht. Der Prozess wird ein langer sein. Obwohl wir uns dessen vielleicht nicht bewusst
waren, begann er schon bei den letzten Wahlen, als die übelsten Exponenten der herrschenden
Eliten in die Politik geschwemmt wurden. Einige Parteien wurden abgelöst, aber es kamen
auch einige neue, respektvolle, fleißige und intelligente Abgeordnete, die Politik in der Tat als
Arbeit für das Wohl der Menschen verstehen. Wir weisen nicht alles in Bausch und Bogen
zurück. Zu oft in der Geschichte wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Ein feines
Urteil wird nötig sein, wem man das Vertrauen schenkt - und die Einführung solcher
Mechanismen, die uns das ermöglichen. Ein Bündnis zwischen der Zivilgesellschaft und
jenem Teil der Politik, der wirklich ein gerechtes und soziales Slowenien wünscht, wird nötig
sein. Ein Bündnis, das auf gemeinsamen Werten und Vertrauen beruht, und nicht auf
Parteienschacher.
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Wir sind in der Tat Teil der globalisierten Welt, aber das heißt nicht, dass man uns mit Hilfe
dienstfertiger einheimischer Politiker Rezepte der Großstaaten und der multinationalen
Konzerne aufdrängt. Wir haben die Tradition des christlichen Sozialismus, die
sozialpolitische Tradition des Janez Evangelista Krek. Und wir haben die Erfahrung des
Selbstverwaltungssozialismus. Die vorherrschenden politischen Ideen in der slowenischen
Zeitgeschichte waren niemals jene des Wirtschaftsliberalismus, der auf einer schmalen
Schicht von Reichen auf der einen Seite und armen Massen auf der anderen gründete, obwohl
wir solche Verhältnisse hatten. Ihretwegen leben hunderttausende Sloweninnen und Slowenen
und ihre Nachkommen auf allen Kontinenten der Welt. Ihretwegen kam es zur Revolution.
Jetzt sind die Verhältnisse wieder so. Die Anzahl der Staatsbürger Sloweniens macht die
Vorstadt einer Metropole aus. Mit Hilfe der heutigen Technologien könnte man durch soziale
und ökologische Programme, durch ein soziales Unternehmertum und auf anderen Wegen die
Zukunft eines jeden Bewohners absichern. Wir lassen keine weiteren politischen und
wirtschaftlichen Abwanderungen zu. Insbesondere wollen wir nicht dulden, dass unsere
gemeinsame Zukunft erneut durch Feindschaft und Blut befleckt wird. Machen wir uns diesen
Staat so, dass sich die Menschen in ihm ansiedeln und nicht aus ihm abwandern. Machen wir
das auf würdevolle Weise.
Danke!
Univ. Prof. Dr. Božo Repe
(übersetzt von Christian Promitzer)
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