Willkommen in der Hoelle

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„Willkommen in der Hölle“ – Handouts im Klartext
Hölle-Handout 1
Immer noch frage ich mich nach dem Grund, warum uns die Eingeborenen vom Stamm der
Tibbu mit einer solchen Feindseligkeit begegnen. Ob es nur an den weißen Sklavenhändlern
liegt? Ich kann es nicht glauben. Diese Tibbu waren anders. Ihre Feindseligkeit schien nicht
auf Furcht zu beruhen. Sie erschienen mir auf eine unheimliche Weise bar jeglicher Angst. In
ihren Augen und ihren Bewegungen war keine Spur von Furcht oder Nervosität zu entdecken.
Aber sie machten uns klar, dass sie keinen Kontakt zu uns wünschten.
Dabei hätten wir so gerne das Territorium der Tibbu bereist. Nach wie vor grübele ich über
die Bedeutung des fahlen, dunkelgrünen Schimmers, den wir aus der Entfernung ausmachen
konnten – ein Wald mitten in der Sahara? Oder doch nur ein natürliches Phänomen? Als ich
den grünen Streifen ins Gespräch brachte, reagierten die Stammesältesten ausgesprochen
barsch und verwiesen uns ihres Dorfes. Ich vermute, dass es sich um einen heiligen Ort der
Tibbu handelt.
Als ich später mit unseren Führern über das Verhalten der Tibbu sprach, wurden sie spürbar
nervös. Sie erklärten mir, dass es unter den Tibbu besondere Clans oder Familien gebe, die
von allen anderen Stämmen gefürchtet würden. In diesen Clans sei es Tradition, dass einige
auserwählte Männer beim Eintritt ins Erwachsenenleben ein gut gehütetes Ritual ausführten.
Stets zwei Männer, oftmals Brüder oder nahe Verwandte, werden in die Wüste geschickt, um
dort ihre Angst zu verlieren. Von den zwei ausgesendeten käme nur einer zurück.
Damals konnte ich den Geschichten keinen Glauben schenken. Wie ich mich irrte! Unsicher
war ich mir auch darüber, welchem Götzenglauben diese Menschen anhängen. Auf behauenen
Steinen rings um ihr Territorium hatten wir merkwürdige Glyphen und Einkerbungen
gefunden. Menschliche Gestalten tanzen paarweise unter einem Sternenhimmel, während sich
unter ihren Füßen riesige wurmartige Kreaturen tummeln. Ich fand die Zeit, einige dieser
Steinzeichnungen abzupausen. Der geneigte Leser findet einige Skizzen im Anhang dieses
Buchs.
Als wir zwei Tage später in der Wüste kampierten, konnte ich Zeuge fremdartiger Anrufungen
oder Beschwörungen werden, die der Wüstenwind an unser Ohr trug. Unsere einheimischen
Führer taten so, als ob sie die nächtlichen Gesänge nicht hörten, aber ich sah ihnen ihre Angst
deutlich an. Im Beisein meines Kollegen Wilhelm Schaller folgte ich der Richtung, aus der
die Gesänge herandrifteten. Die Felsen gaben uns hinreichend Schutz vor Entdeckung, und
die Sterne leuchteten in dieser Nacht so hell, dass eine Lichtquelle nicht nötig war. Als wir
den Ort des Geschehens erreichten, fanden wir zwei junge Tibbu-Männer vor. Sie saßen an
einem Lagerfeuer. An diesem Feuer führten sie zweifelsohne Mutproben mit wachsender
Stärke durch. Sie hielten ihre Hände ins Feuer und zogen sie wieder zurück. Jeder tat das ein
wenig länger als sein Vorgänger - bis sich schließlich einer der beiden weigerte. Er hatte
Angst. Als dies geschah, als die Angst vor dem Feuer offenbar wurde, öffnete sich der Boden
und aus dutzenden Rissen krabbelten Hunderte schwarzer Skorpione hervor. Ein solches
grausames Spektakel habe ich nie zuvor (und nie mehr danach) gesehen! Der Ängstliche
wimmerte und flehte, doch die Skorpione bildeten mit ihren tödlichen Stacheln und
klappernden Scheren einen Teppich um den Verlierer, der Höllenqualen der Angst litt,
während der Sieger des unaussprechlichen Rituals völlig unbehelligt von den Kreaturen einen
Gesang anstimmte. Für spätere Untersuchungen habe ich den wiederkehrenden Refrain
mitgeschrieben, doch bis heute leider keine Übersetzung gefunden: „Aaaa---Iallah, Aaaa -M'Elle --- Iähhh Ksulluh --- Iähhh M'Elle“ – was sich immer wiederholte. Ich war zu keiner
Bewegung fähig. Wilhelm erging es ebenso.
Das schaurige Ritual endete damit, dass der Ängstliche unter einer schwarzen Welle tödlicher
Skorpione unterging. Man sah ihn noch zappeln und schreien, während der Sieger weiter sang
und tanzte und sich mit der Spitze seines Dolches Muster in die linke Handfläche ritzte. Ich
glaubte, das Muster wiederzuerkennen und notierte es mir später. Man findet es ebenfalls am
Ende dieses Buchs.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren mir die Wüstenbewohner der Tibbu wie normale Menschen
vorgekommen. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich meine Meinung revidieren musste.
Dabei hatte ich das Schlimmste noch gar nicht gesehen.
Hölle-Handout 2
In jener Nacht, da wir Zeuge eines grausamen Mordes wurden, sollten sich jedoch noch
weitere schreckliche Dinge ereignen, an die ich mich nur noch bruchstückhaft erinnere. Bis
heute habe ich keine Erklärung für das Schwarze Ding und den Wühler. Inzwischen glaube
ich, dass ich einschlief und alles nur träumte. Der geneigte Leser sollte sich dieses Umstands
klar sein.
Als sich der Teppich aus Skorpionen verzogen hatte, führte der junge Tibbu in seinem Lager
das Ritual fort. Er wirkte verändert. Männlicher. Angstfreier. Als er zum Leichnam des
Anderen ging, meinte ich, etwas zu erkennen, was wie eine schwarze Wolke aussah. Ein
Phantom, das sich in der Luft manifestierte. Wilhelm an meiner Seite ächzte und begann,
sinnloses Zeug zu brabbeln, und floh hinaus in die Wüste. Ich sah ihn nie wieder.
Auch ich litt unter unerklärlichen Angstzuständen. Die Wüste, nachts ohnehin bitterkalt, hatte
sich auf eine Weise verändert, die an einen frostigen Morgen in meiner Heimat erinnerte. Mir
wurde kalt ums Herz und alles in mir schrie nach Flucht. Das Phantom und der Mann
umkreisten sich - wie Gladiatoren in der Arena. Der Mann sang wieder, doch diesmal anders:
„Shuuu-uuude Meee-Elle, Shuuu-uuude Meee-Elle, Iäääh, Iäääh, Shuuu-uuude Meeeee-Elle“
und immer wieder „Haaarneee, Haaarneee, Shuuu-uuude Meeeee-Elle“. Dabei ritzte er sich
mit dem Ritualdolch immer wieder in seinen linken Arm, bis dieser vor Blut glänzte und
Blutstropfen auf den kargen Boden tröpfelten. Ich spürte ein Beben im Erdboden. Und Risse
in der Landschaft. Als sich
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