2004-03-02_Bayer - la:sf Lehranstalt für systemische

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Systemische Notizen 04/04
Therapiemethoden
MARIA AUGUSTINE BAYER (Lehrgang 13)
DIE ANWENDUNG DER THEORIE DER SOZIALEN
SYSTEME NIKLAS LUHMANNS IN DER SYSTEMISCHEN
FAMILIENTHERAPIE
Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme – eine Einführung Teil 1
DIESE THEMENSTELLUNG ist zum momentanen Stand der Wissenschaft relativ unerforscht. Gerade
deshalb sollte die Herausforderung angenommen werden, sich diesem spannenden Thema intensiv zu
widmen. Zugegebener Maßen ist Luhmanns Theorie sozialer Systeme nicht leicht verständlich, geschweige
denn nachvollziehbar. Dieser Artikel stellt den Versuch dar, eine Sozialtheorie auf ihre Brauchbarkeit für die
therapeutische Praxis zu untersuchen. So werden nun exemplarisch anhand von einigen „Bausteinen“ – wie
Luhmann sie nennen würde – sprich Grundbegriffen, die tatsächlichen Möglichkeiten der Anwendung der
Theorie sozialer Systeme Niklas Luhmanns in der systemischen Familientherapie aufgezeigt.
Um einen Einblick in die Gedankenwelt Luhmanns zu gewinnen, wird in dieser Ausgabe der systemischen
Notizen auf folgende „Bausteine“ der luhmannschen Systemtheorie näher eingegangen:
Differenzdenken, Komplexität, Autopoiesis und Emergenz, Selbstreferentialität, Sinn, Kommunikation,
Kontingenz und doppelte Kontingenz, sowie Luhmanns Darstellung vom Menschen als System.
Niklas Luhmann hat als Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld von 1968 bis 1993 mit seiner
Gesellschaftstheorie einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Soziologie
geleistet. Seine Theorie ist jedoch dermaßen komplex und universell konzipiert, dass sie auch für die
systemische Familientherapie wertvoll sein kann. Luhmanns Ziel besteht darin, eine Theorie alles Sozialen,
nicht nur von Ausschnitten, zu entwickeln. Es sollte eine facheinheitliche Theorie für die Soziologie im Sinne
einer universalen Gegenstandserfassung sein. Er versucht, den gesamten Gegenstandsbereich der
Soziologie zu erfassen und in diesem Sinne eine universelle soziologische Theorie darzulegen. Die direkte
Verbindung zwischen der luhmannschen Sozialtheorie und der systemischen Familientherapie ist in einer
gemeinsamen Leitidee zu finden, die beide Denkansätze prägt – dem Konstrukti vismus. Vereinfacht
ausgedrückt hält der Konstruktivismus die Außenwelt für ein Produkt unseres Wahrnehmungsvermögens.
Unterschieden wird dabei zwischen zwei erkenntnistheoretischen Prämissen, dem radikalen und dem
sozialen Konstruktivismus. Während sich Luhmann direkt am Gedankengut des radikalen Konstruktivismus
orientiert, vertritt die systemisch orientierte Psychotherapie mittlerweile eher die gemäßigtere Variante des
sozialen beziehungsweise ökologisch orientierten Konstruktivismus, welcher das menschliche Verhalten in
den Vordergrund der Beobachtungen rückt. Der Grundgedanke des Konstruktivismus besagt, dass eine
ontologische Wirklichkeit nicht direkt erkannt werden kann. Auf dieser Prämisse baut Luhmann nun sein
systemisches Sozialgerüst auf, wobei er sich die grundlegende Frage stellt, wie soziale Ordnung denn
überhaupt möglich sei.
1. DIFFERENZDENKEN
Luhmann bemerkt einleitend zu seiner Theorie: „Als Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse hat
[...] die Differenz von System und Umwelt zu dienen. Systeme sind [...] strukturell an ihrer Umwelt orientiert
und können ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und sie erhalten sich durch Erzeugung und
Erhaltung einer Differenz zur Umwelt, und sie benutzen ihre Grenzen zur Regulierung dieser Differenz.“
(Luhmann, Soziale Systeme, 35). Dabei wird unter dem Systembegriff eine Zusammenstellung, ein
irgendwie geordnetes Ganzes, das sich vom ungeordneten Urzustand abgrenzt, verstanden. Soziale
Systeme entstehen, weil eine „diffuse Ausgangslage“ Ausbildung von Strukturen erzwingt. Ludewig
formuliert den weiteren Fortlauf des Entstehungsprozesses folgendermaßen: „Die Differenz System / Umwelt
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festigt ein Gefälle, in dem die Umwelt stets komplexer ist als das System, was dieses durch seine höhere
Ordnung kompensiert.“ (Ludewig, Systemische Therapie, 101). Die Unterscheidung zwischen System und
Umwelt ist der von Luhmann gewählte „Blickwinkel“, die „Leitdifferenz“ der Betrachtung der Theorie sozialer
Systeme. Der Prozess der Systembildung kann begrifflich in vier Schritte zerlegt werden: erstens Reduktion
von Komplexität, zweitens sukzessiver Aufbau neuer Komplexität, drittens Wahrung der Asymmetrie
zwischen System und Umwelt und viertens Wahrnehmung einer höheren Umweltkomplexität. So lässt sich
das Systemgebilde unmittelbar nach seiner Entstehung strikt von allem, was es eben nicht ist, trennen, denn
zwischen komplexem System und noch komplexerer Umwelt tritt eine Grenze, die die Asymmetrie zwischen
Innen und Außen zur Systembildung nutzt. Am Anfang steht also das Unterscheiden sowie das Bezeichnen
– um es vereinfacht auszudrücken.
Als amüsantes Detail am Rande ist hier wohl ein semantischer Konnex anzumerken: Luhmann zufolge bildet
die Differenz den Anfang seiner Theorie. Auch in der psychotherapeutischen Praxis des Alltages sind es –
mitunter unüberwindbare – Differenzen, welche den unmittelbaren Anstoß zum Gefühl einer
Therapiebedürftigkeit geben. So sind es auch Differenzen, welche ein Familiensystem die Hilfe eines
Therapeuten in Anspruch nehmen lassen. Differenzen stehen also nicht nur am Anfang der Luhmann’schen
Theorie, sondern auch am Anfang jeder Therapie.
2. KOMPLEXITÄT
Im System selbst herrscht Negentropie. Das Chaos, welches die Umwelt in ihrer Komplexität prägt, wird
innerhalb des Systems negiert. Für die Psychotherapie ist die Vorstellung relevant, dass das System
aufgrund von Komplexitätsreduktion entsteht, denn in einem System kann nicht mehr jedes Element mit
jedem anderen ver knüpft werden, wie dies in der komplexeren Umwelt der Fall sein kann. Emergenz, also
die Ausbildung von Ebenen höherer Ordnung, ist die Reaktion auf Komplexität. Dieses stete
Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System ist es, was die Systeme zu ständiger Veränderung treibt.
Die ständige Veränderung der Systeme lässt ihre Wirklichkeit mitunter auch als therapiebedürftig
erscheinen. Entscheidet sich das System zur Inanspruchnahme von Psychotherapie gilt es nun,
Unterschiede aufzuzeigen, wodurch Komplexität reduziert wird.
Die Umwelt selbst aber darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Luhmann hält hier insbesonders fest,
dass aber das System der Umwelt ihre jeweilige Bedeutung beimisst und nicht umgekehrt.
3. AUTOPOIESIS UND EMERGENZ
Autopoiesis ist ein Schlüsselbegriff in der Theorie Luhmanns. Es handelt sich hierbei um ein
zusammengefügtes Kunstwort aus den zwei griechischen Begriffen autos (selbst) und poiesis (Schöpfung,
Dichtung). In diesem Sinne kann der Ausdruck ein Synonym für Selbsterzeugung oder Selbstschöpfung
darstellen. Der Begriff stammt aus der Theorie Maturanas und Varelas, welche besagt: „Die eigentümliche
Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, dass es sich sozusagen an seinen eigenen Schnürsenkeln
emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu
konstituiert.“ (Maturana – Varela, Der Baum der Erkenntnis, 54).
Luhmann hat den Begriff aus dem rein biologischen Kontext Maturanas und Varelas Anfang 1980 gelöst, um
ihn für seine soziologische Theorie nutzbar zu machen und somit einen Paradigmenwechsel in der
Systemtheorie herbeizuführen. Insbesondere zu betonen ist diese Fähigkeit zur Autopoiesis, durch die sich
ein Organismus als eigenständige Einheit von seiner Umwelt abgrenzt. Dazu werden nun drei „Spielarten“
autopoietischer Systeme unterschieden: biologische, psychische und soziale autopoietische Systeme.
Biologische Systeme, um das Heranziehen des biologischen Kontextes zu rechtfertigen, würden Luhmann
zufolge Ereignisse lediglich im Molekularbereich verarbeiten und reproduzieren, während psychische und
soziale Systeme Sinn als Bewusstsein oder auch als Kommunikation verarbeiten und reproduzieren können.
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Auf die Frage, wieso Luhmann soziale Systeme als autopoietisch agierend interpretiert, kontert er, diese
wären ausschließlich durch Kommunikation, nicht jedoch durch den Menschen bestimmt. Diese Tatsache
lässt sie folglich als autopoietische Systeme agieren. Ludewig kommt daher zu dem entscheidenden
Schluss: „Wenn soziale Systeme auf Kommunikation beruhen, lassen sich die Relationen zwischen ihnen
als ´Anschlussbildung´ definieren. Kommunikation selektiert diese ´Anschlüsse´ und bestätigt sich dadurch
als Grundeinheit sozialer Systeme.“ (Ludewig, Systemische Therapie, 94). Autopoietische Systeme, und
dazu zählen nun auch psychische wie soziale Systeme, sind auf den Aufbau und gleichermaßen die
Erhaltung ihrer eigenen Struktur ausgerichtet. Reese–Schäfer warnt jedoch davor, sich unter Autopoiesis
eine „Selbsterschaffung aus dem Nichts“ vorzustellen, er ladet stattdessen dazu ein, dieses Phänomen als
Beschreibung eines Systems, das von seiner Eigendynamik her auf seine Fortsetzung ausgerichtet ist, zu
interpretieren. Ebenfalls ist es wichtig hier wieder in Erinnerung zu rufen, dass autopoietische Systeme
sowohl autonom als auch operational geschlossen sind. Mit einem systeminternen Modus der
Informationsverarbeitung wird ihre Grenze zur Umwelt buchstäblich verwaltet. Gripp-Hagelstange betont in
diesem Zusammenhang: „Beobachtung und Autopoiesis sind zwei Dimensionen, die unmittelbar
zusammengehören“, wodurch sie die Relevanz des Autopoiesiskonzepts für den therapeutischen Alltag
unterstreicht: „Die Beobachtung als Sonderform des Unterscheidens ist gebunden daran, dass
Vernetzungen [Joining] stattfinden. Gibt es diese Vernetzungen nicht, bleibt das Unterscheiden- undBezeichnen wirkungslos. [...] Der Beobachter ist immer ein System. [...] Die Beobachtung muss als
formgebender Moment verstanden werden. Über sie bzw. über die bezeichnete Seite der Unterscheidung
wird bewirkt, dass nicht mit einer beliebigen nächsten Operation weitergemacht, sondern dass an der
Innenseite der Form angeschlossen wird, und so aus der rekursiven Vernetzung der Beobachtungsoperation
strukturierte Geschehenszusammenhänge entstehen können, deren Grenzen dann einschränken, was in
den jeweiligen Systemen beobachtet werden kann. Das eigentliche Resultat der Beobachtung ist wiederum
abhängig von den Unterscheidungen, die das beobachtende System verwendet.“ (Gripp-Hagelstange,
Luhmann, 45). Was bedeutet nun der Begriff „Emergenz“ in diesem Zusammenhang? „Emergent“ heißt eine
Ordnung, wenn sie aus der bloßen Aggregation von Teilen und aus den summierten Eigenschaften der Teile
nicht mehr erklärbar ist. Für die Theorie Luhmanns ist hierbei relevant, dass auch soziale Systeme
emergente Ordnungssysteme darstellen. Diese Tatsache unterstreicht die Bedeutung von
Kommunikationen. Wie bereits erwähnt sind autopoietische soziale Systeme Einheiten, die sich selbst
erzeugen und erhalten, indem sie in einem rekursiven Prozess ihre eigenen Komponenten selbst herstellen.
Sowohl für Luhmann, als auch für das Verständnis in der therapeutischen Praxis ist die Annahme
bedeutsam, dass unterschiedliche soziale Systeme folglich auch verschiedenartige Einheiten darstellen, die
auf unter schiedlichen Emergenzebenen ihre je eigene Autopoiesis auf ihre je individuelle Weise
zustandebringen. Noch einen Schritt weiter gedacht impliziert dies, dass diverse soziale Systeme aufgrund
ihres autopoietischen Charakters unterschiedliche emergente Ordnungen ausbilden, füreinander jedoch
lediglich Umwelt bleiben.
Relevant für die therapeutische Praxis ist hier vor allem die aus der Theorie resultierende Notwendigkeit,
unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen der diversen Klientensysteme annehmen zu können, auch
wenn sie sehr widersprüchlich im Vergleich zu den eigenen Konstrukten erscheinen mögen.
4. SELBSTREFERENTIALITÄT
Luhmann bemerkt zu dieser Begrifflichkeit einleitend: „Es gibt selbstreferentielle Systeme. [...] Es gibt
Systeme mit der Fähigkeit, Beziehungen zu sich selbst herzustellen und diese Beziehungen zu
differenzieren gegen Beziehungen zu ihrer Umwelt.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 31). Ebenso einleitend
sind die Worte Gripp–Hagelstanges, welche das Phänomen „Selbstreferentialität“ in seiner Globalität zum
Ausdruck bringen: „[...] Konstitutives Moment einer Theorie selbstreferentieller Systeme ist die
Grundannahme, dass alles, was es gibt (einschließlich ihrer selbst), nur über Selbstreferentialität zustande
kommen kann [...].“ (Gripp-Hagelstange, Luhmann, 16).
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Die grundlegenden Operationen der Systeme sind Beobachtungen. Je höher die Komplexität eines Systems,
umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das System imstande ist, den systeminternen Operationscode
auch auf sich selbst anzuwenden. Der Prozess, der zur Systembildung geführt hat (unterscheiden und
bezeichnen), wird vom System noch einmal angewendet, diesmal in Bezug auf sich selbst. Für die
nochmalige Einführung dieser systemkonstituierenden Operation in das System verwendet Luhmann
Browns Begriff „re-entry“, den Eintritt einer Unterscheidung in sich selbst. Psychische und soziale Systeme
besitzen also die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren. Es handelt sich hierbei um Operationen, welche
von außen nicht determinierbar sind. Selbstreferentialität ermöglicht dabei die Stabilisierung komplexer
Systeme. Das System arbeitet selbstreferentiell, indem Operationen des Systems auf Operationen des
Systems verweisen. Solange Anknüpfungen möglich sind, verweisen in psychischen Systemen Gedanken
immer wieder auf Gedanken, und in sozialen Systemen verweisen Kommunikationen immer wieder auf
Kommunikationen. Daraus folgt, dass der Leitgesichtspunkt der Konditionierung systemischer Prozesse
immer das System selbst ist, nicht jedoch die Umwelt. Für die therapeutische Praxis ergibt sich daraus die
Annahme, dass die Ressourcen zur jeweiligen Problemlösung im Klienten selbst zu finden sind und dass der
Therapeut den Klienten lediglich im Prozess des Sichtbarmachens der Ressourcen begleitet (Kybernetik 2.
Ordnung). Luhmann weist darauf hin, dass der Baustein Selbstreferentialität auch eine gewisse Gefahr
impliziert. In dem Moment, wo das System sich selbst beobachtet, vollzieht es wiederholt den Prozess, der
zu seiner Entstehung geführt hat – es unterscheidet sich von seiner Umwelt und bezeichnet sich als System
(„re-entry“). Die aktuelle Operationsebene vermischt sich folglich mit der Metaebene innerhalb des Systems,
es entsteht das Problem der Ebenenkonfusion. Klassische Paradoxie ist das Resultat. Wenn sich ein
selbstreferentielles System mit dem Problem der Paradoxie konfrontiert sieht, entsteht ein systeminterner
„blinder Fleck“, welcher invisibilisiert, also verdeckt werden muss. Invisibilisierung kann vor allem durch
Eingliederung der Paradoxie in einen Sinnbezug stattfinden. Luhmann schlägt beispielsweise Religion als
Medium vor, um eine Paradoxie in einen Sinn einzugliedern.
Luhmann stellt seine Theorie exemplarisch an der Gesellschaft dar. Ich möchte im Hinblick auf die Relevanz
für die Psychotherapie vorschlagen, beschriebene Hypothese auf das Klientensystem anzuwenden. In der
Praxis beschäftigt sich der Therapeut ebenfalls mit Invisibilisierungsstrategien der Klienten. Mit seiner Hilfe
können blinde Flecken aufgedeckt und Paradoxien vermieden werden, indem das Klientensystem
gemeinsam mit dem Therapeuten eine Wirklichkeit zu konstruieren vermag, in welcher ein neuer, als
unproblematisch erlebter Sinnbezug gegeben ist. Es handelt sich hierbei um eine These meinerseits, von
mir konsultierte Sekundärliteratur gibt über diesen Aspekt leider keine nähere Auskunft. Tatsächlich aber
dürfte das Phänomen des „reentrys“ Klienten irritieren und zu problematischen Ebenenkonfusionen führen.
Ich habe des öfteren erlebt, wie Klienten sich selbst und ihr Familiensystem kritisch hinterfragen und sich oft
verzweifelt an anderen Systemen (Nachbarschaft, Bekanntenkreis,...) zu messen versuchen. Enttäuschung
über das subjektiv erlebte Unvermögen, nicht so sein zu können wie die „anderen“, ist häufig die traurige
Folge. Einer anderen Vermutung zufolge wird das Problem selbst vom System als solches bezeichnet und
unterschieden, wiederholt also einen Systementstehungsprozess und stellt daher ein neues System dar,
was zu einer problematischen Integration und somit zu einer Ebenenkonfusion führen könnte. Willke stellt in
seiner abschließenden Bemerkung eine direkte Verbindung zur Anwendung des Verständnisses von
Selbstreferentialität in der therapeutischen Praxis her: „Ein selbstreferentielles System erscheint [...] als
gänzlich unabhängig und unbeeinflussbar von seiner Umwelt; und es muss dies auch sein, weil sonst die
eigene Kontinuierung von der Umwelt mithin von Zufällen abhängig wäre und nicht von den Notwendigkeiten
rekursiv organisierter, selbst gesteuerter systemischer Operationen. Das Risiko des In-der-Welt-Lebens wird
damit aus der Welt heraus und in die Systeme hinein genommen. Und erst wenn 2 oder mehrere
selbstreferentielle Systeme miteinander in Kontakt treten, ergibt sich ein neuartiges Risiko durch die
neuartige Frage, wie dies unter den Bedingungen operativer Geschlossenheit möglich sein könnte.“ (Willke,
Sytemtheoretische Grundlagen, 75).
Gripp-Hagelstange kommt ebenso zu einer, für die therapeutische Praxis bedeutsamen Konklusion des
Phänomens: „[...] Durch Vernetzung von selbstreferentiellen Operationen, die kontinuierlich aneinander
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anschließen müssen, soll das ´Sein´ des Systems gewährleistet sein. Das Sein des Systems ist also
gleichsam sein Tun [...].“ (Gripp-Hagelstange, Luhmann, 27). Ich erkenne hier eine Parallele zur
konstruktivistischen Haltung des Psychotherapeuten, die Lebensweise, das „Tun“ des Klientensystems
wertfrei akzeptieren zu können (Neutralität).
5. SINN
Zu Beginn sollte festgehalten werden, dass der Schlüsselbegriff „Sinn“ in der Luhmannschen Sozialtheorie
nicht unserem Alltagsverständnis von „Sinn“ entspricht. Krause interpretiert einleitend Luhmanns Konzeption
von Sinn als ein Medium, als das allgemeinste Medium. So kommt er zu einer sehr globalen Überlegung:
„Von einem durch Systeme aufgespannten Horizont von Möglichkeiten des Erlebens und Handelns zu
sprechen, ja überhaupt zu sprechen, das meint, von Sinn zu sprechen.“ (Krause, Luhmann-Lexikon, 11.)
Vereinfacht ausgedrückt ist Sinn für Luhmann eine Form des Umgangs mit Komplexität, die sowohl
Reduktion, als auch zugleich Erhaltung derselben ermöglicht. Luhmann beschreibt das Phänomen wie folgt:
„Mit jedem Sinn, mit beliebigem Sinn wird unfassbar hohe Komplexität (Weltkomplexität) appräsentiert und
für die Organisation psychischer bzw. sozialer Systeme verfügbar gehalten. Sinn bewirkt daher einerseits:
dass diese Operationen Komplexität nicht vernichten können, sondern sie mit der Verwendung von Sinn
fortlaufend regenerieren. Der Vollzug der Operationen führt nicht dazu, dass die Welt schrumpft; man kann
nur in der Welt lernen, sich als System mit einer Auswahl aus möglichen Strukturen einzurichten.
Andererseits reformuliert jeder Sinn den in aller Komplexität implizierten Selektionszwang, und jeder
bestimmte Sinn qualifiziert sich dadurch, dass er bestimmte Anschlussmöglichkeiten nahe legt und andere
unwahrscheinlich oder schwierig oder weitläufig macht oder (vorläufig) ausschließt.“ (Luhmann, Soziale
Systeme, 94).
Luhmann zufolge sind psychische wie auch soziale Systeme sinnkonstituierende und sinnverwendende
Systeme. Psychische Systeme operieren sinnhaft aufgrund eines geschlossenen Bewusstseinszusammenhanges (Denken), während soziale Systeme dies in Form eines geschlossenen Kommunikationszusammenhanges tun. Dabei ist die fortlaufende Unterscheidung von Aktualität und Möglichkeit konstitutiv für Sinn,
denn durch ständiges neues Arrangieren dieser Unterscheidung wird eine fortlaufende Aktualisierung von
Möglichkeiten geschaffen. Kneer und Nassehi bringen diese so komplex anmutende Problematik auf den
Punkt: „Sinn ist ein selektives Geschehen, stets muss eine Auswahl getroffen und eine potentielle
Möglichkeit aktualisiert werden. Die nichtaktualisierten Möglichkeiten [...] bleiben virtuell erhalten und können
später aktualisiert werden.“ (Kneer – Nassehi, Luhmanns Theorie, 77).
Sinn beruht also auf der Differenz von Aktualität und Möglichkeit, er stellt eine für das System sinnvolle
Auswahl aus vielen Möglichkeiten dar. Für die therapeutische Praxis ist diese Überlegung der
Anknüpfungspunkt dafür, dass die systeminterne Selektion von Möglichkeiten nach ebenso systeminternen
Sinnkriterien getroffen wird, welche der Therapeut im Laufe seiner Tätigkeit mit dem Klientensystem
erarbeiten wird. Nichtausgewähltes bleibt jedoch für das System theoretisch erhalten und spielt eventuell bei
zukünftigen Selektionen infolge veränderter Sinnkriterien wieder eine praktische Rolle. Die therapeutische
Technik des „Reframings“ beispielsweise basiert auf diesem Gedankengut, ein Problemerleben nach
unterschiedlichen Sinnkriterien neu zu definieren. Ludewig bietet hierzu ein Erklärungsmodell an, welches
den Therapiebedarf von Klientensystemen plausibel macht: „Als vorläufige Komplexität ist Sinn prinzipiell
instabil, muss sich fortlaufend regenerieren. Die Instabilität und Unbestimmbarkeit sozialer Systeme öffnet
diese dem Zufall und damit der Veränderung, das heißt der Fehlkoordination von Ereignissen und
Systemstrukturen.“ (Ludewig, Systemische Therapie, 95).
Luhmann meint dazu, wobei Sinngrenzen als Systemgrenzen angenommen werden: „[...] es ist der
Verweisungsreichtum von Sinn, der es möglich macht, Gesellschaftssysteme zu bilden, durch die Menschen
Bewusstsein haben und leben können.“(Luhmann, Soziale Systeme, 297f ). Weiters reflektiert er: „Sinn
ermöglicht die Interpenetration [Nb.: Luhmann meint hier Verständigung mehrerer Systeme untereinander]
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psychischer und sozialer Systembildungen bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das
Sichverstehen und Sichfortzeugen von Bewusstsein in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen
der Kommunikation auf das Bewusstsein der Beteiligten. Der Begriff des Sinns löst damit den Begriff des
animal sociale ab.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 297).
Für die Therapie ist wiederum relevant, dass „Sinn“ im Luhmannschen Sinne die Ordnungsform
menschlichen Erlebens beschreibt. Reese–Schäfer fasst dies zusammen: „Unser Erleben ist durch eine Art
‚Überfülle des Möglichen‘ gekennzeichnet. Es muss ein Programm zur Steuerung der Auswahl strukturiert
werden. Dazu dient das, was man ´Sinn´ zu nennen sich angewöhnt hat.“ (Reese- Schäfer, Luhmann zur
Einführung, 40).
Die unmittelbare Chance für die Psychotherapie liegt dem sozialen Konstruktivismus folgend darin,
gemeinsam mit dem Klienten eine für das System sinnhafte Kokreation von Wirklichkeit, also besagtes
Programm zur Steuerung der Auswahl anzustreben. Luhmann unterscheidet in seiner Theorie drei
unterschiedliche Sinndimensionen, nach welchen psychisches und soziales Geschehen beobachtet werden
kann. So beschreibt die Sachdimension, was in der Welt der Fall ist und handelt somit beispielsweise von
Dingen, Theorien, Meinungen und Ähnlichem. Die Sozialdimension hingegen impliziert, wer zuvor erwähnte
Dinge, Theorien und Meinungen thematisiert. Die Zeitdimension verdeutlicht abschließend, wann etwas
geschieht. Im therapeutischen Setting kommunizieren beispielsweise zwei „black boxes“, also zwei
voneinander unabhängige und füreinander undurchsichtige Systeme miteinander, dadurch eröffnet sich ein
Sinn–Horizont. Liessmann stellt hier eine bedeutsame Verbindung zur Psychothera pie her: „Eröffnet wird
[...] dadurch primär die Zeitdimension von Sinn [...]. Aus der Begegnung gewinnt die Vergangenheit einen
neuen Sinn – sie erscheint als Voraussetzungsgeschichte der Begegnung – und ebenso die Zukunft: Sie
muss das halten, was die Begegnung verspricht. [...] Mit diesen Sinndimensionen konstituieren die black
boxes also einen Zeitraum, an dessen Achse sich ihr Erleben und Verhalten ausrichtet. Diesen Zeitraum hat
es vor der Begegnung nicht gegeben, so wenig wie den damit verbundenen Sinn.“ (Liessmann, Sinn und
Subjekt, in: Viertelsjahresschrift 4/91, 382).
Sinn ist stets Thema des therapeutischen Alltags. Aufgrund der fortlaufenden Aktualisierung neuer
Denkmöglichkeiten entstehen für das System unterschiedliche Anschlussmöglichkeiten, wobei sich das
System entscheidet, welcher Möglichkeit es sich anschließen wird – wobei aber immer noch die anderen
buchstäblich als Reserven erhalten bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt aktualisiert werden können. Die
Interventionstechnik der Time-Line beispielsweise operiert mit diesem Gedankengut. Sinn ist ein
geschlossenes, selbstreferentielles Geschehen, denn Sinn verweist immer auf weiteren Sinn, dies impliziert
für Luhmann: „Die Selbstbeweglichkeit des Sinngeschehens ist Autopoiesis par excellence“ (Luhmann,
Soziale Systeme, 101), womit sich der Kreis schließt.
6. KOMMUNIKATION
Luhmann bemerkt einleitend humorvoll: „Einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins
Paradies der einfachen Seelen zurück.“ Doch wenn man es sich so recht überlegt, wäre in einem derartigen
„Paradies der einfachen Seelen“ die Ausübung von Psychotherapie überflüssig, zumal der Begriff
bekanntlicher Weise aus dem Griechischen stammt und mit „Heilung der Seele“ übersetzt werden kann. So
also ist für uns Psychotherapeuten das Kapitel „Kommunikation“ von essentieller Bedeutung. Luhmanns
Theorie zufolge wird die Kommunikation erst durch die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien
ermöglicht. Weiters vertritt er die Ansicht, „der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende
Prozess ist ein Kommunikationsprozess“ (Luhmann, Soziale Systeme, 193). Dieser Aspekt der Theorie
Luhmanns findet ebenso seine Anwendung im therapeutischen Setting und folgt dem Paradigma des
Konstruktivismus, denn durch den Dialog zwischen Therapeut und Klient, also deren Kommunikation, wird
die jeweilige Wirklichkeit konstruiert. Luhmann jedoch betrachtet die Thematik Kommunikation von einem
differenzierten Standpunkt aus. Er erkennt in Kommunikation einen autopoietischen Prozess, wodurch sich
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soziale Systeme bilden. In diesem Zusammenhang ist ihm vor allem die strikte Unterscheidung wichtig, dass
Menschen zwar biologische Systeme und Personen psychische Systeme wären, beide Konzepte jedoch
definitiv nicht seiner Vorstellung von sozialen Systemen entsprächen. „Eine Kommunikation liegt vor, wenn
eine Informationsauswahl, eine Auswahl von mehreren Mitteilungsmöglichkeiten und eine Auswahl von
mehreren Verstehensmöglichkeiten getroffen wird“ (Füllsack, Soziale Systeme, 27). Es handelt sich hierbei
um einen dreistelligen Selektionsprozess, nämlich erstens der Information, zweitens der Mitteilung und
drittens des Verstehens des Unterschiedes zwischen Information und Mitteilung, denn ohne die
Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung kann Kommunikation nicht entstehen. Die Annahme
des dreistelligen Selektionsprozesses impliziert, dass Kommunikation eben nicht schlicht als Mitteilung
aufgefasst werden kann, denn eine Mitteilung trägt erst dann zur Kommunikation bei, wenn der Adressat sie
tatsächlich versteht, was jedoch bei Kommunikation nicht notwendigerweise der Fall sein muss. Luhmann
bezeichnet Kommunikation sogar als eher unwahrscheinliches Ereignis, da das Phänomen der doppelten
Kontingenz (siehe folgender Punkt) das Gelingen des Kommunikationsprozesses stets einschränkt. In
diesen operativ geschlossenen sozialen Systemen vollzieht sich Kommunikation selektiv. In Kommunikation
wird Sinn verarbeitet und daher Komplexität vorläufig reduziert, weiters bringt sich Kommunikation aus sich
selbst hervor, wobei Information selektiert wird. Somit ist jede Mitteilung bereits eine Selektion. Ludewig
zufolge kann Kommunikation „[...] weder aufgrund einer einzigen Mitteilung voll erfasst noch direkt
beobachtet, sondern allenfalls anhand der einzelnen Handlungen nachvollzogen werden“ (Ludewig,
Systemische Therapie, 100f ).
Für Fohrmann konstituieren sich operativ geschlossene Systeme ausschließlich durch den Modus der
Informationsverarbeitung, welche auf einem jeweils spezifischen Code beruht. Für die Thematik
Kommunikation ist hier relevant, dass auch diese Codes auf der Unterscheidung der Differenz von Mitteilung
und Information beruhen. In unserer Konstruktion von Welt ist Information nicht „pur“ vorhanden, zunächst
wird die Mitteilung gefiltert und dann auf ihren für das System brauchbaren Informationsgehalt „abgetastet“.
Fohrmann schließt daraus, dass formal betrachtet, dieser Annahme folgend jede Kommunikation „Sinn“ hat
und kommt daher zu der Konklusion, „[...] Gesellschaft besteht [...] aus der Abfolge von Kommunikationen
[...]“ (Fohrmann, Zettelbau, in: Erhart – Jaumann, Jahrhundertbücher, 412). Hierbei geht er definitiv mit
Luhmann konform, da dieser sogar Sozialisation als kommunikativen Prozess beschreibt. Allerdings
hypothetisiert Luhmann an einer anderen Stelle: „Wenn die Kommunikation einer Gesellschaftstheorie als
Kommunikation gelingt, verändert sie die Beschreibung ihres Gegenstandes und damit den diese
Beschreibung aufnehmenden Gegenstand.“ (Luhmann, Gesellschaft der Gesellschaft Bd. 1, 15). Für die
Therapie erkenne ich hier persönlich die Relevanz der Supervision. Allein das vertrauliche Gespräch über
einen schwierigen Fall unter Kollegen vermag eine neue Sichtweise zu ermöglichen, allenfalls Komplexität
zu reduzieren.
Wie bereits erwähnt stellt das Gelingen von Kommunikation aufgrund der doppelten Kontingenz ein
unwahrscheinliches Ereignis dar, da der Adressat immer tatsäch lich etwas anderes verstehen kann, als der
Mitteilende ursprünglich gemeint hat. Für die therapeutische Praxis kommt Luhmann zu der
Schlussfolgerung: „Psychotherapeutik muss dann Aufklärung über das mitgemeinte Andere sein.“
(Luhmann, Soziale Systeme, 328). Der Luhmannsche Informationsbegriff veranschaulicht, wie sinnhafte
Systeme ihre eigene System/Umwelt–Differenz herstellen. Ludewig warnt davor, Information mit dem
Konzept von „Sinn“ zu verwechseln, denn „Information zielt zwar darauf, beim Adressaten Systemzustände
auszulösen, aber die Wahl, was als Information wirkt, trifft das System selbst.“ (Ludewig, Systemische
Therapie, 95.) Information wird hier nach den Kriterien „innen“ und „außen“ differenziert: als Eigenleistung
von innen heraus ist sie als „Handlung“ zu interpretieren, als externe Selektion hingegen als „Erleben“ des
Systems. Diese Differenzierung ermöglicht es uns Ludewig zufolge, andere (Klienten-) Systeme zu
verstehen. Mündliche Sprache ist im Gegensatz zu Kommunikation ein vom System benutztes Medium, die
eigenen Operationen zu strukturieren. Sie funktioniert mit Hilfe der Unterscheidung von Sinn und Laut.
Informationen stellen hierbei systemrelevante Unterschiede dar, denn für ein System besteht die Welt nicht
aus Dingen, sondern aus Unterschieden, die vom System selbst konstruiert werden. Luhmanns Konzeption
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von Sprache und Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil der therapeutischen Praxis. In diesem
Zusammenhang könnte auch noch der Baustein „Schrift“ thematisiert werden, da durch die Schrift
Unterschiede Luhmann zufolge ihre schriftliche Fixierung finden, weiters durch sie die sogenannte
„Telekommunikation“ eine Illusion der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ darstellt. Luhmann beschreibt
dies folgendermaßen: „Während die Sprache ganz allgemein ihre Form als Differenz von Laut und Sinn
findet, ermöglicht die Schrift eine Symbolisierung genau dieser Differenz in einem anderen
Wahrnehmungsmedium, im Medium der Optik.“ (Luhmann, Gesellschaft Bd. 1, 255). Auch in der
systemischen Familientherapie wird mitunter die Technik des „Briefeschreibens“ angewendet, zumal dies
eine besondere Intervention im Sinne der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ darstellen kann.
7. KONTINGENZ UND DOPPELTE KONTINGENZ
Das Handeln eines Systems ist kontingent, mit anderen Worten „auch anders möglich“. Bei Festlegung des
Systems auf eine der Handlungsmöglichkeiten wird Kontingenz, somit gleichzeitig auch Komplexität,
reduziert. Alle weiteren Operationen des Systems folgen also im Anschluss an die Primärselektion der einen
Möglichkeit. Die Anzahl der diversen Handlungsmöglichkeiten entspricht dem jeweiligen Wahrnehmungsfeld
des Systems, wobei hier der Kontext zur Psychotherapie erneut hergestellt ist, da systemische Therapeuten
stets bemüht sind, die Handlungsmöglichkeiten – sprich die Ressourcen des Klientensystems – transparent
zu machen, so dass diese den Klienten bewusst und neue Anknüpfungspunkte erkannt werden. Füllsack
bemerkt in diesem Zusammenhang: „Je höher die interne Komplexität des Systems, desto breiter in der
Regel auch sein ´Wahrnehmungsfeld ´.“ (Füllsack, Soziale Systeme, 14). Daraus folgt, dass das
Präsenthalten von Kontingenz das Offenhalten stets weiterer Möglichkeiten impliziert. Luhmann selbst nimmt
dazu wie folgt Stellung: „Der Begriff [Kontingenz] wird gewonnen durch Ausschließung von Notwendigkeit
und Unmöglichkeit. Kontingent ist etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist; was also so, wie es ist
[...], sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes [...] im Hinblick auf
mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen. Er setzt die
gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität
aus gesehen anders möglich ist.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 152).
Um das Phänomen der doppelten Kontingenz darzulegen, muss erneut Luhmanns Konzept der
Kommunikation herangezogen werden: „Sinnhafte soziale Systeme müssen, um Sinn erzeugen und
bewahren zu können, an Operationen anderer Systeme anschließen, ohne Einblick in deren Abläufe zu
erhalten.“ (Ludewig, Systemische Therapie, 97). Diese gegenseitige Intransparenz aller Kommunikation stellt
das Grundproblem sozialer Systeme dar, denn das, was beide Partner in einer sozialen Interaktion erfahren,
ist doppelte Kontingenz. Sie gibt gleichzeitig sowohl das Gefühl der Sicherheit, als auch Verunsicherung,
denn man weiß nicht, was der jeweils andere tun wird, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass
dieser andere die Situation ähnlich oder gar genauso erlebt. Legt sich nun einer der beiden auf eine Variante
fest, so wird dem anderen dadurch die Anknüpfung ermöglicht. Luhmann schließt daran an: „Ohne sie
[doppelte Kontingenz] gäbe es keine soziokulturelle Evolution.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 186). Er sieht
das hypothetisch Unwahrscheinliche der Kommunikation darin, „[...] angesichts der Ungewissheit Risiken
einzugehen“ (Ludewig, Systemische Therapie, ib). Dennoch erwähnt er „[...] ein Mindestmaß an auf
Kenntnissen gegründeter Erwartungen“, also verdichteter Sinnstrukturen, welche Situationen doppelter
Kontingenz erfordern, „um Kommunikation überhaupt in Gang bringen zu können [...]“ (Luhmann, Soziale
Systeme, 155). Für die Therapie erscheint hierfür besonders Luhmanns Aussage relevant: „Wir haben [...]
unterschiedliche Formen und Grade der ´Personalisierung´ sozialer Systeme in Betracht zu ziehen [...].“
(Luhmann, Soziale Systeme, ib). In der therapeutischen Umsetzung dieser Theorie muss auch der Aspekt
berücksichtigt werden, dass selbst die Beobachtung an sich, sowie die Anwesenheit eines Beobachters
(Therapeut) bereits Veränderung im Verhalten des Systems bewirken kann. Dazu vertritt Ludewig die für die
praktische Anwendung bedeutsame Auffassung: „Das Risiko aller Kommunikation erfordere ständig
Kreativität, um die Ungewissheit fruchtbar zu deuten. Daher sei Kommunikation eine besondere Kunstform –
Lebenskunst.“ (Ludewig, Systemische Therapie, 98). Ludewig merkt in diesem Zusammenhang an, dass
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Therapiemethoden
„rein“ doppelte Kontingenz in keiner Gesellschaft vorkäme, da die Kommunikation auf gesellschaftlich
vermittelten Symbolen und Erwartungen (verdichteten Sinnstrukturen) beruht.
Das Problem der doppelten Kontingenz wird durch Selektion, welche Bildung von Grenzen sozialer Systeme
ermöglicht, gelöst. Diese Grenzziehung bedingende Selektion ist einerseits Strukturvorgabe, da sie
Erwartungen festigt, andererseits öffnet sie das System für spätere Alternativen. Strukturveränderungen
können somit, falls vom System erwünscht, herbeigeführt werden. Darin erkennt die systemische
Familientherapie eine ihrer mannigfaltigen Chancen, Klientensysteme nicht nur als operativ geschlossene
schwarze Kästen, also intransparente „black boxes“, wahrnehmen zu können. Denn für die systemische
Familientherapie stellt das Phänomen der doppelten Kontingenz in rudimentärer Form als neue Einheit einen
wesentlichen Anknüpfungspunkt dar. Luhmann spricht in diesem Zusammenhang von einem
„selbstreferentiellen Zirkel“, um das Phänomen zu verdeutlichen. Als Beispiel gibt er dafür folgende Situation
an: „Ich tue, was du willst, wenn du tust, was ich will.“ Mit derartigen Erwartungshaltungen sehen sich
systemische Familientherapeuten ständig konfrontiert. Die Methode des zirkulären Fragens beispielsweise
hilft dem Therapeuten sowie dem Klientensystem, derartige Erwartungen transparent zu machen. So viel sei
schon zu Techniken der therapeutischen Praxis vorweggenommen. Um wieder zur Theorie
zurückzukommen, möge an dieser Stelle abschließend Pfeffer zitiert werden: „Der Begriff ´doppelte
Kontingenz ´ bezeichnet einen selbstreferentiellen Zirkel, der nur dadurch entsteht, dass Alter sich am
Verhalten Ego´s auszurichten versucht, während Ego sein Verhalten an Alter´s Verhalten anschließen
möchte.“ (Pfeffer, Das ´zirkuläre Fragen´, 7).
Unsicherheit, wie auch gegenseitige Verwirrung sind das Resultat dieses Phänomens, welches es mithilfe
des Therapeuten aufzulösen gilt.
8. LUHMANNS DARSTELLUNG VOM MENSCHEN ALS SYSTEM
Wie bereits erwähnt, trifft Luhmann eine strikte Unterscheidung zwischen biologischen, psychischen und
sozialen Systemen. Als biologisches System definiert er den Menschen, Personen hingegen stellen für ihn
psychische Systeme dar, die Informationen aufgrund eines Bewusstseins zu verarbeiten vermögen. Krause
hebt die besondere Bedeutung von psychischen Systemen hervor, indem er – für die therapeutische Praxis
nicht unwesentliche – Hypothesen reflektiert: „Psychische Systeme erzeugen sich selbst, indem sie
Gedanken an Gedanken anschließen. Ein durch einen Gedanken beobachteter Gedanke ist eine Vorstellung
und eine beobachtete Vorstellung ist als Bewusstsein zu unterscheiden. [...] Allerdings vermag jedes
psychische System nur sich selbst in Differenz zu dem zu identifizieren, als was es sich nicht identifiziert.“
(Krause, Luhmann -Lexikon, 31f ).
Soziale Systeme bilden sich für Luhmann ausschließlich aufgrund von Kommunikationen, wobei die
Gesellschaft einen Sonderfall sozialer Systeme darstellt. Luhmann interpretiert soziale Systeme zwar als an
biologische und psychische Systeme gekoppelt, phänomenologisch jedoch von ihnen unabhängig. Dennoch
gesteht er der Existenz biologischer und psychischer Systeme die notwendige Bedingung für die Entstehung
sozialer Systeme zu. Dies impliziert eine eigenständige Beschreibung sozialer Systeme, welche durch das
Konzept der Kommunikation hinreichend definiert ist. Luhmann vertritt die Ansicht, dass psychische und
soziale Systeme koevolutiv entstandene, für einander notwendige Umwelten sind: „Psychische und soziale
Systeme sind im Wege der Co–Evolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist notwendige Umwelt der
jeweils anderen. Die Begründung dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemarten ermöglichenden
Evolution. Personen können nicht ohne soziale Systeme entstehen und umgekehrt [...]. Die Co–Evolution
hat zu einer gemeinsamen Errungenschaft geführt, die sowohl von psychischen als auch von sozialen
Systemen benutzt wird. Beide Systemarten sind auf sie angewiesen, und für beide ist sie bindend als
unerlässliche, unabweisbare Form ihrer Kom plexität und ihrer Selbstreferenz. Wir nennen diese
evolutionäre Errungenschaft ´Sinn´.“ (Luhmann, Soziale Systeme, 92).
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Therapiemethoden
Auch an dieser Stelle schließt sich erneut der Kreis auf nahezu hermeneutische Weise. Wie bereits erwähnt,
sind soziale Systeme selbstreferentiell und operational geschlossen, bisher blieb jedoch unerwähnt, dass
auch die jeweiligen Systemkomponenten sozial konstituiert sind. Ludewig warnt davor, die
Systemkomponenten mit „Menschen“ zu verwechseln, was natürlich verführerisch simpel wäre. Dem ist aber
– Luhmann zufolge – nicht so, da Menschen ausschließlich biologische Systeme darstellen würden. Ludewig
kommt zu einer, für die Therapie relevanten, Schlussfolgerung: „Daher [aufgrund der sozialen Konstitution
der Systemkomponenten] können die ´gleichen´ Menschen gleichzeitig mehrere Systeme stützen oder
auflösen, ohne dass ihre ´Verbindung ´ enden müsste.“ (Ludewig, Systemische Therapie, ib).
Damit schließt sich der hermeneutische Zirkel des Verstehens der Theorie Luhmanns. In der nächsten
Ausgabe wird die direkte Anwendung der Systemtheorie in der therapeutischen Praxis anhand von
ausgewählten Teilbereichen fokussiert. Da sich jedoch der Versuch einer linearen Abhandlung der
Bausteine der Luhmannschen Theorie als eher problematisch erweist, möchte ich den Leser ebenso zur
Betrachtung einer graphischen Darstellung einladen, welche – im Sinne der Komplexitätsreduktion – der
Linearität trotzt und daher eine annähernde Erfassung der Theorie in ihrer Gesamtheit ermöglicht. Die
Graphik ist entnommen aus: Krause, Luhmann – Lexikon, 82. Sie ermöglicht eine Veranschaulichung der
zentralen Bedeutung des systemtheoretischen Konstruktivismus, zumal dieser gleichermaßen die
Grundessenz für die systemische Familientherapie (seit der konstruktivistischen Wende 1982) wie auch für
Luhmanns Systemtheorie darstellt.
BIBLIOGRAPHIE Teil 1
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in: Walter Erhart – Herbert Jaumann (Hg.), Jahrhundertbücher. Große Theorien von Freud bis Luhmann, München 2000,
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Niklas Luhmann, Wien 2001.
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Detlef Krause, Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, Stuttgart 32001.
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in: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 4/91, Wien 1991, 377–389.
Kurt Ludewig, Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis, Stuttgart 41997.
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Humberto Maturana – Francesco Varela, Der Baum der Erkenntnis, Bern / München 1987.
Thomas Pfeffer, Das ‚zirkuläre Fragen‘ als Forschungsmethode zur Luhmannschen Systemtheorie, Heidelberg 2001.
Walter Reese-Schäfer, Niklas Luhmann zur Einführung, Hamburg 31999.
Helmut Willke, Systemtheoretische Grundlagen des therapeutischen Eingriffs in autonome Systeme,
in: Ludwig Reiter – Ewald J. Brunner – Stella Reiter-Theil (Hg.), Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive,
Berlin / Heidelberg / New York 21997, 67–80.
Mag. MARIA AUGUSTINE BAYER ist Lehrbeauftragte am IES Wien, Psychotherapeutin für systemische
Familientherapie in Ausbildung unter Supervision; Studium der Psychologie, Pädagogik, Philosopie und Geschichte.
Teil 2 wird in der nächsten Ausgabe der Systemischen Notizen veröffentlicht.
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