Höfl

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Seminar Höflichkeit
Professor Helen Christen
Antonia Pérez López
14.12.2007
Höflichkeitsstile im Deutschen und Japanischen (Hitoshi Yamashita (2001))1
1. Einleitung
Yamashita vergleicht in dieser Arbeit Höflichkeit in der japanischen und der deutschen Sprache.
Beide Sprachen gelten als höflich, drücken Höflichkeit jedoch anders aus. So besitzt das Japanische ein
sprachliches Höflichkeitssystem namens Keigo, ein Element das der deutschen Sprache fehlt, während das
Deutsche bestimmte höfliche Gesten, wie den Handschlag, besitzt, welche man in der japanischen Kultur
nicht antrifft. Yamashita versucht, gestützt auf natürliches, alltägliches Kommunikationsverhalten, seine
Annahme zu bestätigen, dass Analogien zwischen den Sprachen existieren müssen; sein Ziel besteht in der
Förderung des besseren gegenseitigen Verständnisses durch linguistische Arbeit.
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Ausgangspunkt der Untersuchung
Hitoshi Yamashita betrachtet diese Arbeit vom Blickwinkel der kontrastiven Soziolinguistik aus,
und analysiert unter pragmatischer Perspektive Aussagen auf der Interaktionsebene.
Bsp. Guten Tag
pragmatisch:
Form der Begrüssung
Interaktionsebene: Gesprächseröffnung
Er geht von der Annahme aus, dass in beiden Sprachen positive Höflichkeit überwiegt, und stellt
sich folgende Fragen: Wie werden in analogen Verhaltenssituationen bestimmte soziokulturelle Parameter
realisiert? Wo liegen die Unterschiede, falls sie existieren?
2.2. Höflichkeit
Als Grundlage für die Analyse werden die zwei Typen von Höflichkeit nach Erndl (1998) zur
Analyse herangezogen.
Typ 1: sprachliche Ausdrücke
= Höflichkeitsform (gesteuert durch
Normen)
Typ 2: Kommunikationsstrategien
= Höflichkeitsstil (abhängig von
situationsspezifischen Bewertungen)
Höflichkeit
Kommunikationsstrategien vom Typ 2 verwenden Höflichkeitsformen vom Typ 1 zu ihrer
Realisierung. Die Verwendung von sprachlichen Ausdrücken (Typ1) führt je nach Kontext nicht zu als
höflich empfundene Äusserungen.
2.3. Keigo und Höflichkeitsformen im Japanischen
Keigo ist das Ideal, dass in Benimmbüchern präsentiert wird, es scheint einen hohen sozialen
Stellenwert zu besitzen, da es als charakteristisch gilt. Obwohl dies nicht mit der Wirklichkeit
übereinstimmt, wird alltäglichen Höflichkeitsstilen wenig Beachtung geschenkt, sie sind kaum analisiert.
Es existieren drei alltägliche Arten Höflichkeit im Japanischen auszudrücken:
- Teinei-Hyoogen (Tenei=höflich, Hyoogen= Ausdruck): Partnerbezogener Verbindlichkeitsausdruck. Wird
verwendet, wenn man sich dem Hörer gegenüber besonders formell verhalten möchte, wird am meisten
gebraucht.
- Sonkei-Hyoogen (Sonkei= respektvoll): Stoffbezogener Ehrerbietungsausdruck. Es wird ausgedrückt, dass
der Handlungsträger sozial höher gestellt ist als der Sprecher.
- Kenjoo-Hyoogen (Kenjoo= bescheiden): Stoffbezogener Ergebenheitsausdruck. Der Sprecher drückt aus,
dass der Handlungsträger, welcher er selbst sein kann, sozial tiefer gestellt ist als der Handlungsbeteiligte,
meistens der Hörer.
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In: Lüger, Heinz-Helmut (Hg.): Höflichkeitsstile. Frankfurt am Main [u.a.]: Lang, 315-334.
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Jeder der drei Höflichkeitsausdrücke wird sprachlich durch eigene, niveauspezifische Kopula,
Präfixe und Hilfsverben ausgedrückt.
Bsp. Höflichkeitshilfsverb masu
1.) Normal:
A: Party ni iku?
B: Un, iku.
2.) Höflich:
A: Party ni iki masu ka?
B: Hai, iki masu.
3.) Sehr höflich: A: Party ni irassyai masu ka?
B: Hai, mairi masu.
(Kommst du zur Party?)
(Ja, ich komme.)
(Kommen Sie zur Party?)
(Ja, ich komme.)
(Würden Sie zur Party kommen?)
(Ja, ich komme.)
3. Methode der Untersuchung
In Geschäften in Japan werden 71, und deutschen Läden werden 77 versteckte
Tonbandaufnahmen gemacht, welche von muttersprachlichen Beobachtern auf die Kriterien Höflichkeit,
Freundlichkeit und Distanz untersucht, und anhand der in der Tabelle angegebenen Werte beurteilt
werden.
Sehr höflich
Sehr freundlich
Sehr distanziert
Höflich
Freundlich
Distanziert
Neutral
Neutral
Neutral
Weniger höflich
Weniger freundlich
Weniger distanziert
Gar nicht höflich
Gar nicht freundlich
Gar nicht distanziert
Die Beobachtungen werden zusammen mit zusätzlichen Anmerkungen auf einem
Beobachtungsbogen notiert. Im Anschluss werden Zusammenhänge zwischen den Aufnahmen und den
Bewertungen gesucht, um schlussendlich einen kontrastiven Vergleich zwischen den japanischen und den
deutschen Aufnahmen zu erstellen.
Die Bewertung durch Aussenstehende ist möglich, weil Yamashita davon ausgeht, dass bei
kommunikativem Verhalten alle Sprecher auf verschiedene, Muttersprachlern bekannte, Strategien und
Verfahren zurückgreifen. Wir besitzen also ein spezifisches Kommunikationsverhalten, dass anhand von
verschiedenen Kriterien von einem Hörer bewerten werden kann.
Dieser Artikel analysiert je sechs aussagekräftige Interaktionsbeispiele qualitativ, Yamashita
betreibt aus Platzgründen keine statistische Analyse.
4. Auswertung
4.1. Ergebnisse bezüglich des deutschen Höflichkeitsstils
Die Situationen werden von zwei Muttersprachlern beurteilt, sie stimmen bei 15 von 18 Kriterien
überein. Die Bewertungen reichen von „sehr höflich“ bis „weniger höflich“. Nonverbale Zeichen werden
auf den Fragebogen ebenfalls kommentieren, so werden zum Beispiel Gespräche mit lächelndem
Verkaufspersonal positiver eingestuft.
Alle deutschen Gespräche verlaufen nach dem Muster „Eröffnung, Präsentation, Beendigung“,
was den Autor dis Gesprächsstruktur als Höflichkeitskriterium ausschliessen lässt.
Yamashitas Annahme, dass die Länge einer Präsentation entscheidend ist für die Bewertung wird
widerlegt, ebenso wie die Bedeutung des Konjunktivs. Zwar können eine lange Präsentationsphase und
der Konjunktivgebrauch höflicher wirken, sie sind aber nicht das entscheidende Kriterium.
[2] Was mögen sie denn mehr für ihn? So was frisches oder was würziges?
[3] Ähm, so die Duftrichtung
-> [3] wird trotz Konjunktiv als weniger höflich eingestuft.
Hingegen scheinen Hörersignale die Meinung der Beobachter zu beeinflussen, positiv bewertete
Eröffnungsphasen beinhalten eine hohe Dichte an Hörersignalen des Verkäufers. Ebenso scheint das
Helfen bei der Suche nach einem Ausdruck höflich zu wirken.
Angemessene Antworten auf Fragen sind höflich, wobei Humor das Gefühl von Höflichkeit
unterstreicht. Die Grenze zwischen höflich-komischem und aufdringlich wirkendem, unhöflichem Humor
kann laut Yamashita anhand dieser Untersuchung nicht ermittelt werden.
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Äusserungen mit dialektaler Färbung gelten als weniger distanziert, ausser sie werden vom
Beobachter als zu derb oder zu unhöflich empfunden.
[6] Wo ist dat denn jetzt, Mensch, Mist, Vereinigte Staaten, also auf Economy, dat ist dann Seeweg
4.2. Ergebnisse bezüglich des japanischen Höflichkeitsstils
Hier scheint es nur eine Person zu geben, welche die Interaktionen bewertet, und wieder findet
man eine grosse Spannweite in der Beurteilung.
Die Ablaufstruktur des Gesprächs ist im Japanischen weniger klar als im Deutschen, so kann man
bei der Eröffnungsphase die Begrüssung überspringen und direkt zu Fragen übergehen, ohne dass der
Beobachter dies als unhöflich empfindet. Man kann zum Beispiel ohne Begrüssung den Hörer mit einer
Frage ansprechen.
C: ii desu:? Tyotto: haha ni purezento siyouto omotte.
C: Darf ich? Ich würde gerne meiner Mutter etwas schenken.
Interaktionen, die sehr viele besonders höfliche Ausdrücke enthalten, werden konsequent auch als
besonders höflich eingestuft. Sie stellen allerdings nur eine Basis für Höflichkeit dar, nicht eine
hinreichende Bedingung, und werden durch andere Kommunikationsstrategien ergänzt.
Diese Strategien können paraverbal sein, so wie Lautstärke oder Eindruck von
Zuvorkommendheit.
Wie im Deutschen wird Humor als Form der Höflichkeit verwendet, meist als Anekdote mit
weniger formellem Sprachgebrauch. Sie bewirkt dasselbe Gefühl von Nähe, wie es auch dialektale
Äusserungen tun, welche in Beziehung mit anderen Höflichkeitsformen in Japan sogar erwünscht sind.
5. Resultate des Vergleichs
a) Im Hinblick auf Höflichkeit, Freundlichkeit und Distanz, werden Interaktionen im Deutschen
sowie im Japanischen auf unterschiedliche Weise bewertet
b) Deutsche Gespräche sind schematisch und festgelegt, die japanischen Interaktionen sind
variabler.
c) Bei deutschen Gesprächen spielen grammatische Phänomene eine untergeordnete Rolle, dafür
existiert eine klare Beziehung zwischen Höflichkeitsstil, Äusserungslage und Hörersignalfrequenz.
d) Bei den japanischen Interaktionen spielen Höflichkeitsformen eine grosse Rolle, es ist aber
nicht eine hinreichende Bedingung. Diese Feststellung relativiert bisherige Untersuchungen zu Keigo.
e) Dialektelemente werden im Japanischen häufiger mit anderen Höflichkeitsstilen verbunden als
im Deutschen. Brown/Levinson: “Use in-group identity markers/ In-group language or dialect”. und
“Pressupose/ Raise/ Assert common ground: gossip, small talk.”
f) In beiden Sprachen kann Höflichkeit von Humor unterstützt werden. Japaner setzen eher
anekdotenhafte Bemerkungen ein, während die Deutschen Humor aus dem Gesprächskontext heraus
kreieren. Brown/Levinson: “Joking”
g) Die Existenz von positiver Höflichkeit wurde bestätigt, sie ist ein Ansatzpunkt für weitere
Forschung, weil sie im Japanischen bislang sehr wenig erforscht ist.
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