Geschichtliches aus dem Gebiet der weiblichen Handarbeit

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Kleidung im Wandel der Zeit
GESCHICHTLICHES
aus dem Gebiet der Handarbeit
Die Handarbeit umfasst zwei wichtige Lebensbereiche der Menschen:
 Die Kleidung
 Die Gestaltung der Wohnung
Das gibt uns die Veranlassung, einen Blick auf den Wandel der Bekleidung zu den
verschiedenen Zeiten zu werfen sowie auf die Ausrüstungsstücke der Wohnung.
1
Klassisches Altertum: Griechisch- römische Antike um 800 v.Ch. bis 500 n.Ch.
Homer: 460 -450 vor Christus, griechischer Epiker an Fürstenhöfen
3
Westgermanisches Volk aus Skandinavien stammend, zog im 5.Jahrhundert von der Elbe nach Böhmen
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lebten zwischen Rhein, Pyrenäen und Atlantik um 200 vor Christus bis 3. Jahrhundert nach Christus
2
Anna Kirchhofer
(OL für Werkerziehung)
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Hüftrock
Beinkleider
Hüftrock und Beinkleider:
Aus dem Schurz entwickelte sich ähnlich dem Rock der Frauen bei Ägyptern, Indern und
Phöniziern ein Hüftrock, der von den Lenden bis zu den Knöcheln reichte.
Fast zur gleichen Zeit führte das Bestreben, jedem Bein eine eigene Hülle zu geben zur
Einführung der so genannten Beinkleider. Wie lange dieses Kleidungsstück schon bekannt
ist, lässt sich daraus ersehen, dass es schon zur Kleidung eines jüdischen Priesters zur Zeit
der großen Könige gehörte. Es war auch bei den alten Persern in Gebrauch, wie überlieferte
Abbildungen beweisen. Die Phrygier und Lydier (Blütezeit ihrer Kultur 6. und 7. Jahrhundert
vor Christus) haben das Beinkleid erst in nachhomerischer2 Zeit angenommen.
Bei den Römern war das Beinkleid zuerst verboten. Sie umwickelten die Beine mit Binden.
Doch fand das Kleidungsstück auch bei ihnen Einzug, zunächst als kurze Kniehose, später
auch als lange Hose. Von den Römern haben die Langobarden3 dieses Kleidungsstück
übernommen. Die Gallier4 trugen lange und weite Hosen. Bei den ersten deutschen Völkern
fanden sie bei den Männern Verwendung, sind aber wieder in Vergessenheit geraten. Eine
Konstanzer Kleiderordnung vom Jahre 1390 kennt die Hosen noch nicht, erst in der Chronik
von St. Gallen am Rhein wird berichtet, dass Beinkleider von den Engländern übernommen
wurden, die 1365 in das Elsass kamen. Bei Türken und mohammedanischen Indern waren
weite Hosen sowohl bei Frauen als auch Männern in Gebrauch.
weite Hosen
Der Schurz:
Als erstes und einfachstes Kleidungsstück muss der Schurz genannt werden. Die alten
Ägypter trugen einen Schurz aus Leder oder Baumwolle. Auch für die Araber gilt der Schurz
als ältestes Kleidungsstück .Bezüglich der Inder wird berichtet, dass selbst Könige im
Altertum1 den Oberkörper nicht bedeckt, sondern dass Männer und Frauen nur ein Tuch um
die Lenden geschlungen hatten. So beweist die Bibel bei Johannes 13.4, dass der Schurz zur
Zeit Jesu bei den Juden noch in Gebrauch war und von Dienern getragen wurde. Von den
Griechen und Römern wissen wir, dass bei ihren Feldarbeiten der Schurz jedes andere
Gewand ersetzte.
Schurz
Wandel der Bekleidung
Der Strumpf:
Interessant ist auch die Entwicklung des Strumpfes. Die Strümpfe wurden früher nicht in der
ihnen eigentümlichen Form gestrickt, sondern genäht und meist aus Tuch gefertigt. Sie waren
also den Gamaschen sehr ähnlich. Eine strumpfartige Beinkleidung trugen schon die
altassyrischen Krieger. Im Museum des Louvre in Paris befinden sich ein Paar rund gestrickte
Strümpfe aus der Zeit der Pharaonen. Die Römer und Langobarden zogen wollene Strümpfe
beim Reiten an. Im Museum von Berlin befindet sich eine koptische Socke aus der Zeit um
500 nach Christus. Auf griechischen Vasen finden wir Abbildungen von Amazonen, die eng
anliegende, strumpfartige Hosen trugen, die schwerlich genäht sein können.
Im 16. Jahrhundert kamen die genähten seidenen Strümpfe auf, oft kostbar bestickt (die
französischen Prinzessinnen trugen Strümpfe mit goldgestickten Lilien), bald darauf die
gewirkten. Rundgestrickte Strümpfe kennt man in Europa seit dem Ende des 16.
Jahrhunderts. Die Königin Elisabeth von England soll die erste gewesen sein, welche solche
Strümpfe getragen hat .Neben Italien wird auch Spanien als Land gerühmt, besonders reich
verzierte Strümpfe hergestellt zu haben.
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925 vor Christus, israelischer König
6
erstmals erwähnt bei Mose 3.21
Anna Kirchhofer
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Tunika
Mannesrock
Kaftan
Peplos
Toga
Der Mantel:
Schon in urältester Zeit tritt als weiterer Bekleidungsgegenstand der Mantel oder Überwurf6
auf. Dieser hat sich bei den Griechen, Römern, Ägyptern, Assyrern Babyloniern und
Israeliten als Kleid der Strasse und des Feldlagers durchgesetzt. In späterer Zeit bestand der
Überwurf aus einem viereckigen Stück Zeug, drei bis vier Meter lang und zwei Meter breit. Er
diente zugleich als Hängematte, als Segel, als Nachtdecke oder als Zelttuch. Wir finden
diesen Überwurf heute noch bei den Beduinenstämmen.
Das Staatskleid der Griechen war der „Peplos“, das der Römer war die „Toga“.
Der Mantel der Gallier und der Germanen bestand wie der jüdische Teppichmantel aus zwei
rechteckigen Teilen, die durch Haken zusammengehalten wurden. Die germanischen Frauen
kleideten sich wie die Männer, nur war ihre Gewandung aus Hanfgespinst hergestellt,
während die Männer Fellwerk oder Wollstoff trugen.
Strumpf
Das Hemd:
Aus dem Bestreben, auch dem Oberkörper eine Hülle zu geben entstand das Hemd. Seit
Salomo5 trugen die Hebräerinnen ein weißes, bis auf den Boden reichendes Hemd aus
ägyptischer Leinwand. Bei Assyrern und Babyloniern (14.Jahrhundert vor Christus) war das
Hemd Nationalgewand. Auch bei den Arabern, Phrygier und Lydier ist das Hemd schon
bekannt. Von der Kleidung der Römer gehört hierher die Tunika. Sie hatte die Form eines
geschlossenen, bis unter die Knie reichenden Hemdes. Es war ärmellos oder mit kurzen
Ärmeln ausgestattet und wurde von Männern und Frauen getragen.
Unter den abendländischen Völkern ist das Hemd als Unterkleid und Oberkleid für männer
und Frauen in Form eines Kittels oder einer Bluse in Gebrauch. In der heute üblichen Weise
als Tagesgewand gebraucht man das Hemd seit dem 16. Jahrhundert.
Als Obergewand benutzte man die Urform des sogenannten Mannesrockes. Er war aus
stärkerem Stoff gearbeitet. Erfinder desselben werden die Perser gewesen sein. Sie trugen
ihn kurz, während der jüdische Kaftan bis zu den Füßen reichte.
Hemd
Kleidung im Wandel der Zeit
Kleidung im Wandel der Zeit
Wie zu Beginn erwähnt, widmet sich die Handarbeit nicht nur der Anfertigung von Kleidung,
sondern auch der Ausrüstung und Gestaltung der Wohnung.
Gestaltung der Wohnung
Der Teppich:
Teppiche aus Ägypten, das heißt Decken aus bunter ägyptischer Leinwand, die man über
das Ruhepolster breitete, werden schon in der Bibel im Spruch 7.16 erwähnt. Griechen
und Römer bedeckten ihre Fußböden mit Teppichen. Auch bei den Juden belegte man
den Boden mit Decken, wie Matthäus 21. 8 und Lukas 22.12 beweisen. In Rom benutzte
man die Teppiche nach dem Vorbilde der Assyrer, Perser und Babylonier dazu, mit ihnen
Zwischenwände in größeren Räumen herzustellen. Sie spielten bei Festen und
Triumphzügen eine große Rolle, ebenso um Tempel und Kultstätten zu schmücken.
Später fanden die Teppiche auch in den christlichen Kirchen sowie in den
Prunkgemächern der mittelalterlichen7 Fürsten Aufnahme.
Ein Hauptsitz der Teppichweberei war Flandern. Eine reiche Sammlung alter flandrischer
Prachtteppiche bildet noch heute einen Bestandteil des spanischen Kronschatzes. Im 16.
Jahrhundert waren die Brüsseler Teppiche berühmt. Ihr Ruhm wurde durch die Gobelins8
verdunkelt.
Als Wandbekleidung wurden die Teppiche allmählich durch die Leder- und später durch
die Papiertapete verdrängt. Heute werden die Teppiche in Europa fast ausnahmslos auf
mechanischem Wege hergestellt. In den östlichen Ländern steht noch heute die
Teppichknüpferei, also die Handarbeit im Vordergrund, wie die türkischen und persischen
Teppiche beweisen.
Das Bett:
Das Bett gehört schon seit uralter Zeit zur Ausrüstung der Wohnung. Die alten Ägypter
hatten prächtig eingerichtete Betten, ähnliches wird uns von den Assyrern und
Babyloniern, von den Medern und Persern, von den Juden sowie von den Griechen und
Römern berichtet. Bezüglich der Israeliten finden wir das Bett im Spruch 7.16 und 17
erwähnt. Die Bettgestelle fertigte man aus Holz oder Bronze. Den Rahmen bezog man mit
federnden Metallstreifen oder mit Gurten. Auf diesem Bezuge lagen Lederpolster, mit
Seegras oder mit Tierhaar gefüllt, darauf oft sehr kostbare Teppiche. Die Decke wurde
wieder durch einen Teppich oder wie schon erwähnt durch einen Mantel gebildet.
Selbstverständlich konnten sich nur die Wohlhabenden solche Betten leisten. Die Armen
begnügten sich mit einem Tierfell oder einer Strohschütte.
Im Mittelalter entstanden die Bettlade und der Betthimmel. Man lernte auch die Federn der
Vögel zur Auspolsterung zu verwenden. Federbettstücke als Decken kennt man erst seit
dem 18. Jahrhundert.
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Mittelalter:500 bis 1500 nach Christus
berühmte Pariser Färberfamilie
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Anna Kirchhofer
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Stoffe und Materialien
In den Anfängen verwendeten die Menschen Tierfelle, die erst roh und später der
größeren Biegsamkeit und Haltbarkeit wegen gegerbt wurden. Tacitus9 berichtet in seiner
Germania, die Germanen hätten die Felle auserlesener Tiere getragen und diese mit
geflecktem Pelz von Seetieren besetzt. Seit sehr langer Zeit benutzte man Schafwolle,
Ziegen- und Kamelhaar. Sie wurden gefilzt oder zu Garn gesponnen und zu Stoffen
gewebt. Später, doch noch vor der Zeit des Moses, griff man auf das Pflanzenreich zurück
und stellte Zeug aus den Fasern der Baumwolle und des Flachses her. Es scheint, dass
Leinwand aus Flachs zuerst in Ägypten gefertigt worden ist. Die Ägyptische Leinwand galt
lange Zeit als die kostbarste. Der griechische Geschichtsschreiber Strabon10 berichtet von
Priesterinnen, die weiße Gewänder aus Flachs trugen. Plinius11 berichtet: “In ganz Gallien
und auch jenseits des Rheins webt man Leinenzeug.“ Leinen war nicht billig und vielfach
eine Auszeichnung der Wohlhabenden. Der Wert der Leinwand sank zwar etwas, als in
den asiatischen und europäischen Ländern die Seide bekannt wurde. Sie hielt sich aber
hoch im Preis bis in das 16. Jahrhundert.
Die Seide:
Die Seide wird schon seit den ältesten Zeiten in China verarbeitet .Eine chinesische
Legende schreibt die Erfindung der Seidengewinnung der Gemahlin des Kaisers Hwangte
zu, welche 2640 Jahre vor Christus lebte.
Erst unter Justitian (550 n. Ch.) wurde einer Sage nach der Seidenspinner durch zwei
Mönche, die die Eier in zwei hohlen Stöcken verborgen hatten, aus China mit gebracht
und in Konstantinopel bekannt. Von dort verbreitete sich die Zucht allmählich über
Griechenland, Italien und das übrige südliche Europa.
Die Verarbeitung der Rohstoffe geschah und geschieht durch Spinnen und Weben.
Das Spinnen und Weben:
Die Erfindung des Spinnens liegt in vorgeschichtlicher Zeit. Das höchste Alter scheint das
Spinnen der Wolle zu haben. Der Gebrauch der einfachen Spindel, bei welcher der Faden
mit der rechten Hand in drehende Bewegung versetzt wurde während die linke ihn bildete,
hat sich durch die Jahrtausende hindurch nahezu unverändert erhalten. Erst im Jahre
1530 wurde von Johann Jürgens, einem Steinmetz und Bildschnitzer aus Braunschweig,
das Spinnrad erfunden. Die Anfänge des Maschinspinnens liegen im 18. Jahrhundert.
1810 baute Girard die erste Flachsspinnmaschine, 1830 erfand der Amerikaner Jenks die
Ringspinnmaschine.
In enger Verbindung mit dem Spinnen steht das Weben, dessen Erfindung gleicherweise
in vorgeschichtlicher Zeit liegt. Schon in der Mythologie spielen Spinnen und Weben eine
große Rolle: “Die Nornen unter der Weltenesche spinnen den Schicksalsfaden“,
9
53 -120 nach Christus, römischer Geschichtsschreiber
63 vor bis 23 nach Christus
10
11
23 -79 nach Christus, römischer Geschichtsschreiber
Anna Kirchhofer
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„Dornröschen sticht sich an der Spindel“. In vielen unseren Volksmärchen ist vom Spinnen
und Weben die Rede. Auch manche Sprachbilder sind dem Spinnen und Weben
entnommen. Denken wir an die Ausdrücke: „Jemand durchhecheln“ oder „Den Faden
verlieren“.
Das Weben hat sich aus dem Flechten entwickelt. Man steckte Äste und Zweige in die
Erde und durchflocht sie mit Schilf, Binsen oder Reisig, daraus entstanden Hüttenwände
und Begrenzungen. Ähnlich müssen wir uns die ersten Webvorgänge vorstellen.
Der altgermanische Webstuhl war schon in der Frühzeit unseres Volkes ein
verhältnismäßig hoch entwickeltes handwerkliches Gerät, das sich mit relativ geringen
Änderungen durch Jahrhunderte erhalten hat.
Die älteste Form ist der aufrecht stehende Webstuhl, bei dem in einem Rahmengerüst die
Kettfäden senkrecht hingen, unten bündelweise durch Gewichte straff gehalten.
Später entwickelte sich der Flachwebstuhl mit horizontaler Kette, wie er auf dem Lande in
manchen Familien durch Generationen in Gebrauch war. Die älteste europäische
Darstellung des Webens finden wir auf einer Urne eingeritzt, welche aus der Hallstattzeit
stammt. Die Leinenweberei war das Hauptgewerbe im flachsreichen Ägypten. Das Weben
der Wolle sollen die Phönizier erfunden haben. Höchste Vollkommenheit in der Kunst des
Webens, vor allem der Baumwolle, sollen die Inder und Araber erreicht haben. Auch die
Germanen stellten Gewebe aus Wolle und Flachs her. Die älteste und festeste Form des
Stoffes ist die Leinenbindung, bei der sich Kett und Schussfaden kreuzen. Sie ist die
erste Grundform der Bindung. Bei der zweiten Grundform, der Köperbindung, der uns all
die reizvollen Muster wie „Gerstenkorn“ und „Rosengang“ beschert, wechseln immer zwei
Kettfäden mit einem Schussfaden ab. Die dritte Grundform ist die Atlasbindung, die aus
dem Orient übernommen wurde und erst im späten Mittelalter in Europa bekannt wurde.
Das Weben gehörte zur Hausindustrie, erst in den letzten Jahrhunderten entstand der
Fabrikbetrieb. Im Jahre 1808 gelang dem Franzosen Jacquard die Erfindung des
mechanischen Webapparates, der in kürzester Zeit größte Ausbreitung fand. Schon 1812
waren in Frankreich 18 000 „Jacquard Webstühle“ in Gebrauch. Auch im restlichen
Europa wurde dieser Webstuhl verwendet. Ein erbitterter Kampf zwischen Hand- und
Maschinenarbeit setzte ein, bei dem die Maschine siegen musste. Trotzdem hielt sich in
vielen Gegenden auch der Handwebstuhl. Die Handweberei hat nach 1930 durch die
Wiederbelebung der bäuerlichen Kultur einen großen Aufschwung genommen. Webkurse
wurden und werden angeboten. Man knüpft wieder an altes Kunsthandwerk an und
schätzt das durch die Hand gestaltete persönliche Kunstwerk.
Das Nähen:
Wann das Nähen aufgekommen sein mag, lässt sich nicht mit Sicherheit angeben. Man
nimmt an, dass die geniale Erfindung der Nähnadel schon älter als 2500 Jahre ist. Die
ersten Nähnadeln wurden vermutlich aus Knochen und Fischgräten hergestellt. Ebenso
wie die ersten Stecknadeln, mit denen man Felle und Gewebe zusammenhielt. Etwa um
1500 vor Christus kamen, wie wir aus Funden wissen, die ersten Gewandnadeln aus
Bronze, die so genannten Fibeln auf, mit denen die Gewänder zusammengesteckt
wurden. Solche Bronzefibeln wurden schon um 1550 vor Christus in südlichen Ländern,
und um 1450 vor Christus in Nordeuropa gefunden.
Die Erfindung des Drahtziehens führte in Nürnberg 1370 zum „Handwerk der
Nadelherstellung“ Die ersten metallenen Nähnadeln sollen durch den französischen
Drahtzieher Tourangeau 1410 in Paris hergestellt worden sein. Sie waren am Anfang sehr
Anna Kirchhofer
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kostbar, sodass sich nur die reichen Damen den Luxus leisten konnten. Bis um 1800
wurden die Nadeln mit der Hand gehämmert. Seit etwa 1840 stellt man sie maschinell her.
Wenn wir bedenken, dass bis vor etwa 150 Jahren alle Kleider und Wäschestücke mit
ihren langen Nähten noch mit der Hand genäht wurden, so verstehen wir, was die
Erfindung der Nähmaschine bedeutet!
Die erste Nähmaschine wurde schon 1790 in England patentiert, war aber ein
Riesengestell mit dem man nur einen wenig haltbaren Kettenstich nähen konnte. Anfang
des 19. Jahrhunderts erfand der Wiener Schneider Madersperger die erste Maschine, die
mit zwei Fäden, das heißt mit Ober- und Unterfaden, arbeitete und auf seinem Prinzip
beruhen alle anderen späteren Versuche.
Als bald darauf der Franzose Thimonier eine Nähmaschine konstruierte und diese
fabrikmäßig in 80 Exemplaren herstellen ließ, bekamen die französischen Schneider
Angst um ihre Existenz und zerschlugen sie. Ein Amerikaner namens Howe hatte mehr
Glück. Er führte seine Maschine in Cambridge vor. Sie konnte schon einen Doppelstich
ausführte. Es war die erste brauchbare Nähmaschine.
Das Stricken:
Auch die Kunst des Strickens ist uralt. Es ist eine der ältesten Textilen Techniken, wie aus
Moorgräberfunden hervorgeht, die Reste von gestrickten Strümpfen aufweisen. Dass das
Stricken im Altertum bekannt gewesen ist, beweist das althochdeutsche 12 Wort „Masche“,
das soviel wie „Schlinge“ bedeutet. Es scheint lange Zeit nur mit zwei Nadeln gestrickt
worden zu sein.
Im 13.Jahrhundert wird in Italien mit Hilfe von „Strick- Eisen“ ein gestricktes Gewebe
erzeugt, dessen Vorteil es ist, besonders dehnbar zu sein. Die älteste bildnerische
Darstellung des Strickens stammt aus der Zeit um 1400. Es ist der Buxtehuder Altar des
Meisters Bertram, der die Mutter Maria darstellt, wie sie an einem Kittelchen strickt. Das
Stricken mit fünf Nadeln kam erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts in Spanien auf. 1560
wurde es in England bekannt und zwar von Spanien aus, nachdem der spanische
Gesandte der Königin Elisabeth ein Paar seidene Strümpfe als Geschenk überreicht
hatte. Sie war es auch, die dem Studenten der Theologie William Lee, der 1589 eine
mechanische Strickmaschine (den Handkulierstuhl) erfunden hatte, das Patent dafür in
ihrem Land verweigerte. Gestrickte Strümpfe sollten das Vorrecht der ersten Gesellschaft
bleiben und nicht durch billige maschinelle Herstellung auch dem Volke ermöglicht
werden. Lee`s Maschine fand über Frankreich den Weg in andere Länder. Italienische
Handwerker, die aus Prag kamen, sollen das Kunststricken bei uns eingeführt haben.
Die Zunft der Stricker war in der Renaissancezeit der Tuchmacherinnung unterstellt.
Damals wurden ganze Teppiche, die man als Wandbehänge benutzte, in vielfarbiger
Musterstrickerei hergestellt. Die Teppiche wurden nach der Fertigstellung durch heißes
Wasser gezogen und so gefilzt. Aus diesem Grund war man lange Zeit im Zweifel über die
Art der Herstellung. Kostbare Stücke sind im Germanischen Museum in Breslau
aufbewahrt, zum Beispiel eine Strickdecke in reicher Tier- und Pflanzenornamentik aus
dem Jahre 1690. In dem „Frauenzimmer – Lexikon“ von 1739 heißt es: „Stricken ist eine
Wissenschaft“. Zur Zeit des Biedermeier (1815 – 1845), wo man sich mit viel Gefühl und
Muße dem Arbeiten hingab, gehörten zur Wohnkultur die aus dauerhaftem Leinengarn
gearbeiteten Strickdecken. Ein berühmtes Vorbild ist die im Pfauenaugenmuster
gestrickte Decke aus dem Goethehaus in Weimar.
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Althochdeutsch ist die älteste Stufe des Hochdeutsch und wird ab dem 6. Jahrhundert nach Christus gesprochen
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Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhielt die Braut als Aussteuer einen
Himpen (Flächenmaß) weißer handgestrickter Kniestrümpfe, wie sie damals mit dem
runden Strumpfband getragen wurden.
Die erste brauchbare Strickmaschine baute der Amerikaner Lamb im Jahre 1866. Mit
dieser vermochte eine Arbeiterin täglich zehn Paar lange Frauenstrümpfe oder zwanzig
Paar Männersocken zu fertigen.
Das Häkeln:
Das Alter der Häkeltechnik lässt sich nicht mit Bestimmtheit festlegen. Wahrscheinlich ist
sie schon bei den „Kopten“13 bekannt gewesen. Die Textilkunst der Kopten war hoch
entwickelt. Gräberfunde der ersten Jahrhunderte lassen darauf schließen.
Dann aber schweigt die Kulturgeschichte über die Häkelnadel bis zum Ausgang des
Mittelalters. Von diesem Zeitpunkt an werden Häkelspitzen als Verzierung von
Leinenwäsche vermerkt. Im 18. und 19. Jahrhundert ist es das kleine Irland, das in der
„irischen Häkelspitze“ dieser Textilkunst zu Ruhm und Ehre verhilft. Die Herstellung dieser
kunstvollen Spitzen aus feinstem Garn war eine mühsame Kunstfertigkeit, die dem armen
Lande lange Zeit eine gut Einnahmequelle gewesen ist, besonders nach der Hungersnot
1846. Verwandt der irischen Spitze ist die bretonische. Von den Fischerfrauen in der
Bretagne wird diese Häkeltechnik noch heute ausgeführt. Auch die Wiener Spitzen ähneln
in ihrer Ausführung den irischen Spitzen. Allgemeine Verbreitung fand die Häkeltechnik
erst nach 1800. Sie ist zwar als berufsmäßige Heimarbeit viel weniger ausgeübt worden
als das Stricken, Sticken oder Klöppeln, aber sie wurde zu einer der beliebtesten
Handarbeiten in der Familie.
Das Sticken:
Gestickt wurde von den Chinesen schon 2000 Jahre vor Christus .Diese haben den
Plattstich zur höchsten Vollendung gebracht. Zur Zeit Homers (456 vor Christus) standen
die Frauen Sidons im Rufe geübter Stickerinnen. Auch unter den Römern und Griechen
war diese Kunst nicht unbekannt, wie wir durch Plinius erfahren. Auch unter den Juden
scheint das Sticken schon in sehr früher Zeit bekannt gewesen zu sein, wie aus Moses
35.35 hervorgeht. Im Mittelalter fand die Kunst des Stickens in den Nonnenklöstern, auf
den Ritterburgen und an den Fürstenhöfen eine ausgezeichnete Pflege. Aus der ersten
Hälfte des 11. Jahrhunderts ist der Krönungsmantel des Königs Stephan von Ungarn
erhalten, reiche Goldstickerei figürlichen Inhalts auf violettem Seidenuntergrund. Das
kostbare Stück ist wahrscheinlich in einem bayrischen Kloster gestickt worden.
Im gleichen Jahrhundert entstand der berühmte Teppich von Bayeux, auf dem die
Eroberung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm I dargestellt ist, ein
einzigartiges kulturhistorisches Dokument. Es heißt, seine Gemahlin Mathilde hat ihn,
diesen sieben Meter langen, einen halben Meter breiten Bildstreifen, 1066 mit ihren
Hofdamen bestickt. Auf dem Untergrund aus grobem Leinen heben sich in farbiger Wolle
die Szenen und Gestalten wirkungsvoll ab.
Die Stickkunst des Mittelalters stand, wie alle Kunst damals, im Dienste der Kirche.
Wertvolle Weißstickereien an kostbaren Altarbehängen sind uns aus romanischer Zeit
13
christliche Nachfahren der Ägypter
Anna Kirchhofer
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überliefert. Wundervolle Arbeiten sind uns erhalten geblieben, das berühmteste in
Deutschland ist das „Telgter Hungertuch“. Es stellt in 33 Rundbildern die ganze
Passionsgeschichte dar. Von gleich hohem Wert sind die Stickereien des Klosters Lüne
bei Lüneburg aus dem 13. Jahrhundert. Berühmt sind die Bildteppiche des Klosters
Wienhausen (Niedersachsen) aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Die Stickerei bedeckt
den Untergrund völlig.
Diese Teppiche dienten als Schmuck der Wände und als Schutz vor Kälte. Hatte die
Gotik die Nadelmalerei bevorzugt, so wendete man sich in der Renaissance vielfach der
Applikation14 zu. Diese wurde von berufsmäßigen Stickern und Stickerinnen ausgeführt.
Die häusliche Stickkunst fand im 16. Jahrhundert reiche Anregung durch die
„Modelbücher“. Das 1596 von Franz Kolb herausgegebene Musterbüchlein enthält neben
Nähspitzen vorwiegend Durchbrucharbeiten: „Von ordentlicher Natterey einer
wohlberühmten Schulhalterin zu Nutz und Übung der Jugend.“
Frankreich hat die Stickerei durch die Richelieu-Arbeit bereichert. Sie ist in ihrer barocken
Ornamentik üppig wie das Zeitalter des Mannes, der ihr den Namen gab. Zur Befestigung
der Stoffkanten verwendete man später den Schlingstich, den wir als Langette kennen.
Mit Langetten aller Art verzierten die Frauen im 19. Jahrhundert gern ihre Wäsche. Wenn
eine Braut vor 150 Jahren heiratete, war bestimmt in der Familie eine Tante, die ihr alle
Kopfkissen „ausbogte“. Im 19. Jahrhundert hat der mechanische Betrieb auch in diesem
Bereich Einzug gehalten. Josua Heilmann konstruierte in Mühlhausen im Jahre 1829 die
erste Plattstickmaschine. Die erste brauchbare Kettenstich-Stickmaschine ist von dem
Franzosen Bonnaz 1866 erfunden worden. Im fernen Japan lag die Kunststickerei in den
Händen der Männer. Sie leisteten in der Wiedergabe von Gestalten aus der Vogel- und
Insektenwelt mit den Beigaben von Wasser, Wasserpflanzen und Gräsern
Unübertroffenes. Die Technik ist die der Nadelmalerei verwandt, bringt die Natürlichkeit
der dargestellten Motive jedoch noch viel lebendiger zum Ausdruck.
Das Klöppeln:
Wie sich die Kunst des Klöppelns entwickelt hat, ist nicht bekannt. Man übte sie jedoch
schon zu Ende des 15. Jahrhunderts in Italien und in den Niederlanden aus.
Klöppelspitzenerzeugung wird zu einer wichtigen Erwerbsquelle der Bewohner des
Erzgebirges. Feine Spitzen werden in Brüssel und im Brabant15 erzeugt.
Seit etwa 1800 gehört das Klöppeln von Spitzen zur erwerbsmäßigen Beschäftigung der
Bauern in Russland.
Stopfen und Flicken:
Ausbesserungsarbeiten wie Stopfen und Flicken werden die Menschen wohl nahezu
ebenso lange, als sie die verschiedenen Textilen Techniken ausführen. Erwähnt sind das
Flicken und Stopfen schon in der Bibel bei Matthäus 9.16, Markus 2.21 und Lukas 5.36.
14
aufgenähte Verzierung aus Leder, Filz, dünnerem Metall o. ä. an Geweben
15
belgische Provinz
Anna Kirchhofer
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Wer führte die Handarbeiten aus?
Es war Frauen- und Männerarbeit.
Beweise, dass die oben angeführten Künste in erster Linie Frauen ausgeübt haben, liefert
uns die Mythologie der alten Griechen. Die Göttinnen Ifis und Pallas Athene sollen das
Spinnen und Weben erfunden haben. Bei Homer (450 vor Christus) führten Göttinnen
Spindel und Nadel und schufen „unsterbliche Arbeit“. Ägypterinnen, Chinesinnen,
Hebräerinnen und Jüdinnen waren Weberinnen, Näherinnen und Stickerinnen sowohl für
den eigenen Haushalt als auch als erwerbsmäßiges Gewerbe. Die kleinasiatischen
Frauen werden den jüdischen an Kunstfertigkeit nicht nachgestanden haben, was sich
aus der Herkulessage und aus der Sage von Troja ableiten lässt (als man zu Troja der
Andromache die Nachricht vom Tode ihres Gatten Hektor bringt, durchwirkt sie eben ein
schönes Purpurgewand mit bunter Stickerei).
Bekanntlich mussten auch die Töchter und Enkelinnen des römischen Kaisers
Augustinus16 spinnen und weben. Die Mädchen der ersten Christen lernten ebenfalls
spinnen, weben und nähen. Bei den alten Germanen war die Herstellung von Kleidung
Frauensache, sowohl der leibeigenen Frauen als auch die der adeligen Damen.
Kaiser Karl ordnete im Jahre 813 Folgendes an: „Unsere Frauen, welche bei unserer
Beschäftigung unsere Dienerinnen sind, haben Wolle und Linnen und die Anfertigung der
Jacken und Röcke zu besorgen.“ Als fleißige Spinnerin wird später die Prinzessin
Luitgard, Otto I einzige Tochter, erwähnt und aus dem 11. Jahrhundert Kaiserin
Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II.
Um das Jahr 1000 betrieb man die weiblichen Handarbeiten in ganz Europa. Das erfahren
wir in der deutschen und nordischen Literatur. Das Nibelungenlied und die Frithjofsage
nennen als Symbole der Frau Spindel und Schlüsselbund. Im späten Mittelalter gab es in
den Städten und Ritterburgen ein besonderes Gemach, in welchem die Frauen spannen
und webten (Spinnstuben). Zur Ausbildung der Ritterfräulein gehörte die Unterweisung im
Spinnen und Sticken, sowie das Anfertigen von Kleidungsstücken für männliche und
weibliche Personen.
Ende des 12. Jahrhunderts entstanden in den Niederlanden die Frauenvereinigungen der
Beginen17, die sich über Deutschland und Österreich ausbreiteten. Die Mitglieder dieser
Vereinigungen wohnten in bestimmten Häusern und erwarben ihren Unterhalt durch
Spinnen und Weben und sonstigen „Weibsarbeiten“.
Zur Zeit der Reformation 1537 entsteht der Orden der Ursulinerinnen, der den Unterricht
armer Mädchen in Elementarkenntnissen, Religion und weiblichen Handarbeiten zu seiner
Hauptaufgabe machte.
Auch die großen deutschen Dichter Schiller und Goethe (1788 erstes Zusammentreffen
von Goethe und Schiller) zeichneten in ihrer Literatur eine gute Hausfrau mit Nadel und
Faden.
Männer bilden in der Geschichte die Ausnahme im Umgang mit Nadel und Faden.
Herodot schildert in seinen Aufzeichnungen Ägypten als Land, wo die Frauen die
Geschäfte außerhalb des Hauses wahrnahmen und die Männer gesponnen und gewebt.
16
17
63 vor bis 14 nach Christus
halbklösterliche Frauenvereinigung, vlg.:Begard
Anna Kirchhofer
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haben. Dass auch bei den Juden die Männer mit Nadel und Weberschiff umgehen
konnten beweist uns einmal mehr die Bibel. Paulus war ein Teppichweber.
Ähnlich wird es bei den Phöniziern, Assyrern und Babyloniern gewesen sein. Nach Plinius
soll der phrygische König Attalus seine Untertanen in der Bereitung von Festkleidern
unterwiesen haben. Geschichtsschreiber berichten, dass griechische und römische
Männer mit eigener Hand kostbare Kleider angefertigt haben.
In Mitteleuropa scheinen sich die Männer erst um das Jahr 1000 mit Webstuhl und Nadel
zu beschäftigen, als das Staatsgefüge stabiler wurde und die Jagd und die Kriegsführung
etwas in den Hintergrund traten.
Auch das .Stricken ist nicht nur Frauenarbeit gewesen. Im 16. Jahrhundert wurden die
Strümpfe immer länger, bis sie die ganzen Beine bekleideten. Die eigentlichen Beinkleider
schrumpften auf einen kleinen zusammen. Zu dieser Zeit bildete sich in den deutschen
Landen die Zunft der „Hosenstricker“. In England soll die Kunst, Beinkleider zu stricken,
zuerst durch einen gewissen William Rider (um 1564) ausgeübt worden sein. Auch sonst
haben die Männer die Stricknadeln gehandhabt, wie wir aus Bildern entnehmen können.
Auch das Weben und Färben ist eine Beschäftigung der Männer geworden, sowie das
Anfertigen von Kleidern, wenn es sich um schwere oder dicke Stoffe gehandelt hat.
So sind es auch Männer gewesen, die die Maschinen für die Nadelarbeiten erfunden
haben. Die Bedienung derselben kam wieder in die Hand der Frauen und Mädchen.
Anderseits sind es besonders wieder die Männer, die die Vorbilder für die verschiedenen
Moderichtungen vorgaben, zum Beispiel Worth aus Paris um 1870. Die Erfindung der
Nähmaschine brachte große Umwandlungen mit sich. Die Strömungen der Mode
gewinnen an Bedeutung und man sprach von Pariser, Wiener oder Berliner Mode. In der
Folge werden die Einzelstücke der „Haute Couture“ vereinfacht und in großer Stückzahl
produziert. Die sogenannte „Konfektionsmode“ ist geboren.
Kleidung/Mode/Körperbewusstsein
Es bildete sich auch ein neues Körperbewusstsein. In der Erziehung des Menschen
spielte nun auch die gesunde Ausbildung des Körpers eine Rolle. Ein Nachdenken in
dieser Richtung führte zur Abschaffung des Schnürleibes, zur Entfernung des Korsetts.
Die Einschnürung erzeugte die „Wespentaille“, die große gesundheitliche Schäden
verursachte. Durch die Einengung des Rumpfes schon beim heranwachsenden Mädchen
wurde zunächst die Entwicklung der Muskulatur des Körpers behindert. So hörte man die
Frauen klagen, die im Korsett groß geworden sind, dass sie dieses Kleidungsstück nicht
ablegen, weil ihnen sonst der Halt fehle. Schwer litten auch der Blutkreislauf, die Atmung
und die Lunge darunter. Ebenso unheilvoll beeinflusste das Korsett die Verdauung und
die speziellen weiblichen Funktionen. Von noch schlechterem Einfluss auf die Gesundheit
der Verdauungsorgane war die Befestigungsweise der Röcke und Hosen am Körper.
Diese wurden durch Einzwängen des Unterleibes über den Hüften festgemacht. Diese
Einzwängung war, weil sie in mehreren Lagen übereinander stattfand, noch weit
schädlicher als das Korsett. Die sich äußerlich am Körper bemerkbar machende
Schnürfurche behinderte die inneren Organe in ihrer Funktion. So bildeten sich Störungen
in der Leber und Galle, so wie die so genannte „Wanderniere“. Es gründete sich der
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„Verein zur Verbesserung der Frauenkleidung“ unter der Leitung des Leipziger Arztes Dr.
Thiersch. Neue Kinder-, Schul-, Turn- und Arbeitskleidung wurde entwickelt.
Früher war es der Frau möglich, ihren Bedarf an Kleidung und Wäsche selbst zu fertigen.
Je größer die Zahl größer die Zahl der durch die Mode gebotenen Veränderungen wurde,
desto mehr musste sie für Geld arbeitende Näherin zu Hilfe nehmen. 1860 hielt die
Nähmaschine Einzug in die Familien. Wie auch bei der Erfindung der Buchdruckerkunst
die Schreiber fürchteten brotlos zu werden, so fürchtete man bei der Einführung der
Nähmaschine eine Einbusse für die Schneiderinnen. Doch das Gegenteil war der Fall. Um
1870 trat eine verbesserte Lebenssituation für viele Familien ein (Erstarken des
Bürgertums) und es wurde daher wieder mehr Wert auf Ausschmückung der Wohnung
und Verzierung der Kleidung gelegt.
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