3. Das Prinzip des Homo Oeconomicus nach Homann und

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Heuristische Interpretation
des
Homo Oeconomicus
nach
Homann und Suchanek
Studiengang:
Wirtschaftswissenschaften
Art der Leistung:
Hausarbeit im Rahmen der Veranstaltung Wissenschaftstheorie der
Ökonomik 2007/2008
Prüfer:
Simon Deichsel
Vorlagetermin:
04.04.08
Verfasser:
Fabian Greher
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis........................................................................................................ II
1. Einleitung....................................................................................................................... 1
1.1 Einführung in die Problemstellung.................................................................... 1
1.2 Zielsetzung und Gliederung.............................................................................. 2
2. Das klassische Prinzip des Homo Oeconomicus……………..................................... 2
2.1 Der Homo Oeconomicus als Idealbild des modernen Menschen...................... 2
2.2 Kritik des klassischen Ansatzes des Homo Oeconomicus................................ 5
3. Das Prinzip des Homo Oeconomicus nach Homann und Suchanek......................... 8
3.1 Der Homo Oeconomicus als Heuristik.............................................................. 8
3.2 Kritik des heuristischen Modells des Homo Oeconomicus............................... 12
4. Zusammenfassung und Ausblick................................................................................. 14
Literaturverzeichnis............................................................................................................. 16
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Das Menschenbild der Ökonomik............................................................... 9
Abbildung 2: Dilemmastrukturen als Grundlage der ökonomischen
Interaktion.................................................................................................... 10
II
1. Einleitung
1.1 Einführung in die Problemstellung
Der Begriff des Homo Oeconomicus als wissenschaftstheoretisches Modell der Moderne
besitzt
eine historische Tradition
interdisziplinären
Forschung.
Die
innerhalb
Betrachtung
der
der
wirtschaftswissenschaftlichen
wissenschaftlichen
Idee
und
eines
ökonomischen Menschenbildes lässt sich als die Frage nach einer eigenständigen
Anthropologie
des
modernen
Menschen
anhand
wirtschaftswissenschaftlicher
und
philosophischer Gesichtspunkte interpretieren.1 Diese Schlussfolgerung und dessen Einfluss
auf ökonomische Gedankenmodelle und Theorienbildung besitzt eine besondere Faszination
für zahlreiche Fachbereiche. Die Möglichkeit theoretische Ansätze der Ökonomie mit
inhaltlich genauen und philosophisch exakten Ergebnissen zu verknüpfen, für eine Bildung
von eindeutigen Verhaltensmodellen, kann hierbei als eine der wesentlichen Fragestellungen
des Ansatzes des Homo Oeconomicus beschrieben werden. Obwohl nicht unumstritten, vor
allem auch in seinem eigenen Umfeld der Ökonomie, bietet der Homo Oeconomicus doch
zahlreichen Disziplinen die Möglichkeit umfassende Annahmen ökonomischer Prozesse für
ihre Fachrichtungen zu übernehmen oder für ihre Bedürfnisse anzupassen. Die Betrachtung
des Homo Oeconomicus als Ideal des ökonomischen Menschenbildes führt jedoch in diesem
Zusammenhang zu zahlreichen Problemen, von der Interpretation bis hin zum Gebrauch
dieses Leitbildes als ökonomischen Lehrsatz. Der Konflikt des Homo Oeconomicus bezüglich
seiner ökonomischen Prämissen führt in Folge dessen zu einem Dilemma seiner traditionellen
Annahmen. Als Leitbild der neoklassischen Ökonomie führte er nicht nur zu einer Krise der
klassischen Wirtschaftswissenschaften, sondern trug in Folge dessen auch zu einer Bildung
neuer ökonomischer Forschungsrichtungen bei. In Verbindung mit dieser Problematik stellt
sich nun für Homann und Suchanek die Frage nach der Bedeutung des Homo Oeconomicus
als heuristische Modelltheorie der Gegenwart. Die zunehmende Bedeutung ökonomischer
Einflussfaktoren aufgrund der voranschreitenden Globalisierung der Weltwirtschaft führt zu
dem Bedürfnis nach einem Werkzeugkasten von Instrumenten für die Beurteilung
wirtschaftlicher Systeme und Beschreibung gesellschaftlicher Konflikte. Wie Homann und
Suchanek andeuten besitzt der Homo Oeconomicus Eigenschaften als Hilfsmittel in diesem
Konflikt zu dienen und Wissenschaftlern eine Möglichkeit zu eröffnen neue Erkenntnisse mit
Hilfe eines bewerten Maßstabes von Inhalten zu erhalten.2 Dieses Prinzip der heuristischen
1
2
Vgl. Manstetten, R. (2000) S. 13
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 369
1
Verwendung des Homo Oeconomicus steht jedoch unter dem Banner der umfassenden Kritik
des klassischen Verhaltensmodells. Im Hinblick auf diesen Konflikt muss untersucht werden
ob eine Darstellung dieses Forschungsmodells als ein Mittel der Reflexion für die Ermittlung
neuer Erkenntnisse geeignet sein kann.
1.2 Zielsetzung und Gliederung
Anhand der erläuterten Problemstellung wird ein kurzer Überblick über die klassische Theorie
des Homo Oeconomicus und der Kritik seiner elementaren Bestandteile gegeben, sowie die
Theorie einer Heuristik des Homo Oeconomicus von Homann und Suchanek erläutert und
dabei der Ansatz seiner heuristischen Interpretation beschrieben und untersucht.
Im Hinblick hierauf werden zu Beginn die grundlegenden Prämissen des ökonomischen
Menschenbildes des Homo Oeconomicus zusammengefasst, welche anschließend anhand
spezifischer Fragestellungen genauer untersucht werden.
Innerhalb des weiteren Inhaltes wird dem Leser ein vertiefender Einblick in die Idee einer
heuristischen Anwendung gegeben und diese mit unterschiedlichen Problemstellungen
konfrontiert.
Abschließend werden die in der Arbeit enthaltenen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen
noch einmal rekapituliert und mögliche Tendenzen für zukünftige Entwicklungen aufgezeigt.
2. Das klassische Prinzip des Homo Oeconomicus
2.1 Der Homo Oeconomicus als Idealbild des modernen Menschen
Das herkömmliche Verhaltensmodell des Homo Oeconomicus als Grundlage der
traditionellen Theorie der Ökonomik ist ein vielverwandtes Menschenbild, dessen
Zusammenhang in der klassischen Nationalökonomie der Wirtschaftswissenschaften zu
finden ist. Als Idealbild der neoklassischen Ökonomie bietet es unterschiedlichsten
Fachbereichen
Informationen
über
ökonomische
Zusammenhänge
und
wirtschaftswissenschaftliche Erklärungsansätze. Der zentrale Ansatz dieses Menschenbildes
widmet sich den Beziehungen des Individuums und in diesem Zusammenhang der
Problemstellung von dilemmahaften Entscheidungssituationen unter spezifischen Präferenzen
und Restriktionen.3
Das Eigeninteresse oder der Egoismus von Akteuren ist in diesem Kontext als treibende Kraft
des Individuums beschrieben und bildet die Grundlage jedweder Handlungsentscheidung des
3
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 13
2
Homo Oeconomicus.4 Die Präferenz einer nur auf das Individuum selbst gerichtete
Handlungsweise beschreibt danach die Situation einer Beschränkung des Menschenbildes
hingehend der Interaktion innerhalb der Gesellschaft selbst. Danach besteht nur eine
Interaktion unterschiedlicher Mitglieder innerhalb einer Gesellschaft durch die Einschränkung
des Handlungsraums des Individuums.
Die ökonomische Entscheidung in einer unter Knappheit getroffenen Situation wird dabei
durch das Prinzip des zweckrationalen Handelns bestimmt und bleibt ausschlaggebend für die
Inhalte und Beweggründe der ausstehenden Handlungsmöglichkeiten. Dabei folgt das Prinzip
des Homo Oeconomicus dem Grundsatz der Nutzenmaximierung unter Berücksichtigung
eines rationalen Maximierungskalküls, welches ihm eine eindeutige Determinierung seiner
Entscheidungssituation ermöglicht.5 Hinsichtlich des Rationalitätsprinzips nehmen hierbei die
Restriktionen und Präferenzen des Verhaltensmodelles eine zentrale Position innerhalb des
Entscheidungsprozesses ein. Das rationale Handeln als elementarer Bestandteil des Homo
Oeconomicus
bestimmt
durch
seine
Elemente
den
Handlungsspielraums
des
Verhaltensmodells. Die formale Rationalität als Rahmen eines Ziel-Mittel Schemata wird
mittels der Präferenzen und Restriktionen als ein Handlungsraum beschrieben, der unter
ökonomischen Faktoren zur Nutzenmaximierung beiträgt. Das Verhaltensmodell beschreibt in
diesem Zusammenhang die Nutzenbedingung des Homo Oeconomicus unter Unsicherheit der
Entscheidungssituation.6 Die ökonomische Bewertung von Handlungsalternativen innerhalb
des Verhaltensmodells ist somit die Ableitung von Zielen unter der Berücksichtigung der
Nutzenmaximierung. Das Ziel dieser Entscheidungssituation wäre im ökonomischen Sinn die
Realisierung eines größtmöglichen Gewinnmaximums als Konsequenz der Präferenzstruktur
des Homo Oeconomicus.
Eine weitere elementare Eigenschaft des Homo Oeconomicus umfasst die Bedeutung der
Auswahl
von
Handlungsalternativen
und
der
hiermit
in
Verbindung
stehende
Informationsbedarf. In der traditionellen Rolle des Homo Oeconomicus besteht kein Bedarf
nach
zusätzlichen
Informationen,
da
aufgrund
seiner
Rationalitätsannahmen
alle
Informationen zur Verfügung stehen. Die Verarbeitung jener Informationen findet in diesem
Zusammenhang mittels einer unendlich schnellen Reaktionsgeschwindigkeit statt, welche den
Homo Oeconomicus befähigt jedwede Entscheidungsalternative abzuwägen und die optimale
Entscheidung für die entsprechende Problemstellung zu treffen. Eine modernere Interpretation
dieses Verhaltensmodells modifiziert diese Annahme hingehend der Unsicherheit von
4
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 375
Vgl. Rothschild, K. W. (1992) S. 22
6
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 15
5
3
Informationen und beschreibt den Homo Oeconomicus als einen Arbitrageur, der
Informationen Kauft und Verkauft und diese anhand von Transaktionskosten oder Gewinne
bewertet. Hinsichtlich dieser Behauptung lässt sich schlussfolgern, dass Individuen dieses
Verhaltensmodells
sich
an
veränderte
Umweltbedingungen
entsprechend
ihrer
Zielvorstellungen in systematischer und damit vorhersagbarer Weise anpassen, wobei sich
solche Veränderungen sowohl durch Handeln anderer Individuen und durch Veränderungen
der natürlichen Bedingungen ergeben.7
Das bereits angesprochene Reaktionsprinzip des Homo Oeconomicus schließt sich an die
erwähnten Eigenschaften des Verhaltensmodells an und vermittelt die Realität eines
unendlich schnellen Entscheidungsrahmens, der es ihm ermöglicht sich jedweder
Entscheidungssituation anzupassen. Der Verzicht auf eine eigene Zielreflexion im Rahmen
seiner Reaktionsbedingung bestimmt den Akteur innerhalb dieses Verhaltensmodells sich
hinsichtlich seiner Ziel-Mittel-Zuordnung gemäß der formalen Rationalität ausschließlich auf
die von außen, also die vom Markt vorgegebenen Ziele zu beschränken.8 Das klassische
Verhaltensmodell verbietet somit die Entwicklung eigener Bedürfnisse und Intentionen und
schließt die Vorgabe eigener Ziele innerhalb des Handlungsrahmens aus.
Das klassische Prinzip des Homo Oeconomicus vereint somit die Eigenschaften eines
isolierten Menschenbildes dessen Akteur ohne direkte Interdependenz und ohne
Informationsbedürfnisse aufgrund seines eigeninteressierten Motivs sein individuell
nutzenmaximales Ergebnis mittels zweckrationaler Entscheidungsalternativen im Hinblick
seiner individuellen Präferenzen und Restriktionen erreicht und somit unabhängig jedweder
Interaktion seine Erkenntnisse gewinnt. Die Bedeutung dieser Definition für das
Verhaltensmodell der klassischen Ökonomie ist die Bildung strenger und klarer
Optimierungskalküle als Basis wirtschaftwissenschaftlicher Entscheidungsfunktionen. Der
Gebrauch dieses Axioms als Erklärungsmodell lässt sich darstellen anhand der klassischen
Theorie
der
Unsichtbaren
Hand
innerhalb
der
wirtschaftswissenschaftlichen
Wohlfahrtsökonomie. Der traditionell gebrauchte Ansatz verbindet das Eigeninteresse des
Homo Oeconomicus mit dem Wohlfahrtsprinzip gesellschaftlicher Gruppen eines
Wirtschaftsraumes. Der von Adam Smith eingeführte Erklärungsansatz beschreibt die
Motivation der Wirtschaftssubjekte auf Grundlage des Eigeninteresses und daher unabhängig
vom öffentlichen Interesse des allgemeinen Wohlstandes.9 Der Ausgangspunkt dieser Theorie
beschreibt daher die Realität als ein Zusammenspiel von egoistischen und unabhängigen
7
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 18
Vgl. Patzak, M. (1983) S. 60
9
Vgl. Manstetten, R. (2000) S. 145
8
4
Individuen, welche um ihr eigenes Nutzenmaximum bemüht durch Eigeninteresse angetrieben
werden. Dieses Streben nach individuellem Wohlstandes führt hierbei zu einer Steigerung des
öffentlichen Wohlstandes trotz der unkoordinierten Produktion der Wirtschaftssubjekte
aufgrund des individuellen Beitrages jedes einzelnen zum allgemeinen Wohlstand. Die
Steuerung
der
Wirtschaftssubjekte
geschieht
somit
nicht
anhand
planvoller
Steuerungsmaßnahmen sondern anhand der umfangreichen Selbstorganisation mittels einer
unsichtbaren Hand welche die Akteure in ihren Handlungen lenkt. Dabei unterstellt Smith,
dass sowohl das Wissen als auch das Wille, privaten Reichtum zu erwerben, bei den
Wirtschaftssubjekten größer ist als bei den Staatsmännern das Wissen und der Wille,
gemeinschaftlichen Reichtum zu erzeugen.10
Das Prinzip der unsichtbaren Hand anhand des Verhaltensmodells des Homo Oeconomicus
kann somit als eine Richtlinie für die Wirtschaftspolitik verstanden werden welche nahelegt
das Interesse des eigeninteressierten Wirtschaftssubjektes zu fördern und staatliche
Interventionen und Einflussnahme zu beschränken um somit eine bessere und zielgerichteter
Entwicklung des individuellen und somit auch allgemeinen Wohlstandes zu fördern. Dieses
Prinzip auch bekannt als laissez faire und der damit einhergehenden Einschränkung des
staatlichen
Handlungsrahmens
muss
jedoch
eine
spezifische
Analyse
der
Entscheidungssituation vorausgehen. Auch wenn dieser Ansatz eine Möglichkeit für
weitreichende Autonomie der Wirtschaftssubjekte bietet und der somit einhergehenden
Vorteile des Verhaltensmodells des Homo Oeconomicus Nachdruck verleiht, muss dabei
darauf hingewiesen werden das es kein Allheilmittel für ökonomische Probleme und soziale
Konflikte darstellt.
2.2 Kritik des klassischen Ansatzes des Homo Oeconomicus
Das beschriebene Verhaltensmodell als traditionelles Prinzip der Nationalökonomie steht
unter häufiger Diskussion innerhalb und außerhalb der Ökonomie. Die häufigste Kritik des
klassischen Menschenbildes richtet sich vor allem entgegen dem mikroökonomischen Ansatz
des vollständig informierten, immer blitzschnell reagierenden und rational entscheidenden
Leitbildes.11 Der Hauptkritikpunkt eines unrealistischen Menschenbildes ist dabei der
häufigste Einwand gegen das klassische Prinzip des Homo Oeconomicus. Die idealistische
Annahme eines allumfassend informierten und rationalen Menschenbildes ist nachweislich in
der tatsächlichen Umwelt nur selten zu finden. Der Ansatz eines Computer ähnlichen
10
11
Vgl. Manstetten, R. (2000) S. 146
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 28
5
Idealbildes des ökonomischen Akteurs führt hierbei zu Problemen der empirischen
Beweiskraft und wurde mehrfach in wissenschaftlichen Studien wiederlegt. Besonders die
Untersuchung der Realitätsnähe der Verhaltensannahmen dieses Prinzips des Homo
Oeconomicus steht hierbei im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses.12 Ein zentraler
Kritikpunkt ist hierbei das Prinzip eines geschlossenen Verhaltensmodells, welches ohne
Interaktion zwischen dem Individuum und seiner Umwelt definiert wird. Die Darstellung von
Entscheidungsproblemen oder die Entwicklung ihrer Präferenzen und Restriktionen wird
vollkommen vernachlässigt. Die fehlende Interdependenz der gesellschaftlichen Umwelt und
der Handlungsalternativen von Akteuren führt zu einer Beschränkung dieses Modells auf
fiktive Entscheidungssituationen ohne Bezug auf reale Problemstellungen.
Die ökonomische Modelltheorie kann in diesem Zusammenhang feststellen, dass die
ökonomische Rationalität im Sinne des Homo Oeconomicus auf die Übereinstimmung des
Wertesystems des Akteurs und dem jeweils als richtig angesehenen Wertesystem reduziert
wird. Daraus ergibt sich die Rationalität des Homo Oeconomicus in dem Zusammentreffen
von Handlungsentwurf und Aktualisierung. Der Handlungsentwurf selbst steht jedoch unter
dem Einfluss von Wissenschaftlern, welche sich auf paradigmatisch positiv bewertete
Gesamthandlungen beziehen. Der Sinn der idealen Handlungen des Homo Oeconomicus geht
daher in der Befolgung von Regeln auf, die erfolgreiche Ergebnisse garantieren. 13 Diese
Beschränkung des Verhaltensmodells führt zu einem Konflikt aufgrund des deterministischen
Erfolgsanspruches der Problemstellungen von Akteuren innerhalb ihrer Umwelt. Ein positiver
Handlungszusammenhang wird vorausgesetzt und führt zu einer Verallgemeinerung
unzureichender Erfolgsfaktoren als Norm einer fiktiven wissenschaftlichen Modellierung. Die
Problemstellungen der realen Umwelt können innerhalb dieser Methode nicht integriert
werden, aufgrund des unzureichenden Zusammenhangs der bekannten Erfolgsfaktoren und
der realen Entscheidungssituation, welche
alleine keine
Garantie für zukünftige
Handlungserfolge darstellen können.
Aufgrund des engen Sachzusammenhangs zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der
Psychologie lassen sich ebenso erstaunliche Schlussfolgerungen über die Bedeutung
psychologischer Faktoren auf die ökonomische Theorienbildung finden. Die kognitive
Beschränkung der Rationalität innerhalb dieses Verhaltensmodells ergibt sich unter anderem
aus
der
äußerst
begrenzten
Informationsverarbeitungskapazität
des
menschlichen
Kurzzeitgedächtnisses.14 Die unzureichende Definierung von Nebenbedingungen anhand von
12
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 364
Vgl. Wagner, M. (1979) S. 84ff
14
Vgl. Kirsch, W. (1983) S. 25
13
6
Präferenzen und Restriktionen des Individuums aufgrund unklarer Intentionen oder Motive
führt dabei zu einem wesentlichen Nachteil des klassischen Verhaltensmodells. In diesem
Zusammenhang wird innerhalb des Verhaltensprinzips des Homo Oeconomicus zumeist von
einer problematischen Annahme konstanter Präferenzen ausgegangen.15 Dies führt zu einem
Problem der Überprüfung von Entscheidungsalternativen anhand der Handlungsweisen von
Individuen. Da die Veränderung von Präferenzen vor allem durch die komplexe Struktur des
Menschen bestimmt wird, führt die konstante Präferenz eines Individuums zu einem Problem
der Immunisierung von Aussagen über Handlungsweisen des Akteurs. Eine Überprüfung
anhand rein subjektiver Intentionen und Motive birgt die Gefahr einer Resistenz des
Verhaltensmodells gegenüber jedweder Kritik entgegen der Vorstellung konstanter
Präferenzen des Individuums. Desweiteren muss hierbei die Bedeutung zukünftiger
Problemstellungen beachtet werden. Das entscheidendste Argument entgegen der Annahme
konstanter
Präferenzen
ergibt
sich
aus
dem
Zusammenhang
zwischen
Handlungsmöglichkeiten und den vorhandenen Präferenzen. Ein Individuum das bisher noch
keine Gelegenheit hatte bestimmte Handlungsweisen zu kennen kann für diese auch keine
Präferenzen besitzen.16 Daraus ergibt sich, entsprechend dem Ausmaß der Veränderung der
Umwelt oder der Restriktionen verändern sich ebenfalls die Präferenzen des Individuums. Da
die Akteure jedoch die Ergebnisse ihrer Handlungsweisen zumeist nicht kennen können und
dadurch sich erst Präferenzen innerhalb ihrer Handlungen selbst ergeben, können Präferenzen
in diesem Zusammenhang nicht unabhängig von Handlungsmöglichkeiten getroffen werden.
Ein Beispiel für den Gebrauch von Präferenzen in diesem Zusammenhang ist die gestiegene
Bedeutung der Umweltbedürfnisse innerhalb der Gesellschaft. Aufgrund der zuspitzenden
Problematik globaler Erwärmung und daraus resultierender sozialer Konflikte ergeben sich
neue Präferenzen für das ökonomische Menschenbild im 21. Jahrhundert.
Die moralische Bedeutung von Präferenzen im Rahmen des Verhaltensmodells ist hierbei
ebenfalls als ein weiterer Kritikpunkt des Homo Oeconomicus zu nennen. Die Frage nach der
Annahme von Präferenzen oder deren Akzeptanz ist in diesem Sinne ebenfalls ein zentrales
Thema des ökonomischen Verhaltensmodells. Nur aufgrund der Notwendigkeit von
bestimmten Präferenzen für das Individuum müssen diese nicht notwendigerweise als richtig
oder gut erachtet werden.17 Besonders der Bereich der Wirtschaftsethik befasst sich hier mit
einem Versuch moralische Werte mit der Auffassung ökonomischer Verhaltensmodelle zu
verbinden. Wie dabei zum Beispiel innerhalb der Umweltökonomik behandelt, können
15
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 38
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 39
17
Vgl. Kirchgässner, G. (1991) S. 45
16
7
Veränderungen des Verhaltens von Akteuren zumeist einfacher mittels Restriktionen erreicht
werden anstatt mit der Veränderungen von Präferenzen.
Eine weitere Problemstellung des Homo Oeconomicus ergibt sich aus seinem eigenen
Anspruch des eigeninteressierten Menschenbildes. Das Prinzip des Egoismus in der
Neutralität von ökonomischen Entscheidungen des Homo Oeconomicus ist aufgrund der
komplexen Dimension individueller Handlungsweisen in der Realität nicht allgegenwertig.
Besonders wenn Individuen sich opportunistisch Verhalten und somit ihr Wort brechen wenn
es ihnen einen Vorteil verschafft, kann das Prinzip der Neutralität nicht länger
aufrechterhalten werden. Die Entwicklung von Institutionen für die Regulierung von solch
individuellem Verhalten ist ein eindeutiges Zeichen für den Bedarf an Schutz vor einseitiger
Ausbeutung. Die moderne Spieltheorie der Ökonomie beschreibt dieses Phänomen unter
anderem als Gefangenendilemma, welches sowohl die Eigenschaften der Defektion,
abweichendes und eigeninteressiertes Verhalten, als auch das der Kooperation, zustimmendes
und altruistisches Verhalten, beschreibt.18 Die Bedeutung dieses Dilemmas beschreibt
ökonomische Koordinationsprobleme von Entscheidungssituationen unter Unsicherheit der
Akteure, aufgrund der fehlende Informationen die Handlungsalternativen unvorhersehbar
machen, kann der Neutralitätsanspruch des Homo Oeconomicus nicht länger aufrechterhalten
werden.
Trotz der weitreichenden Diskussion am traditionellen des Homo Oeconomicus ist durchaus
eine wohlwollende Kritik dieses Verhaltensmodells zu verzeichnen welche eine Anpassung
und Weiterentwicklung des ökonomischen Menschenbildes fordert und somit einen Dialog
anstatt einer Widerlegung anregt. Besonders in artverwandten Fachbereichen der
Sozialwissenschaften
wird
die
Entwicklung
des
ökonomischen
Verhaltensmodells
vorangetrieben und unter themenspezifischen Gesichtspunkten den Bedürfnissen der
Wissenschaftler angepasst.
3. Das Prinzip des Homo Oeconomicus nach Homann und Suchanek
3.1 Der Homo Oeconomicus als Heuristik
Der wissenschaftstheoretische Ansatz von Homann und Suchanek beschreibt das Modell des
Homo Oeconomicus nun nicht mehr als rein anthropologisches Verhaltensmodell sondern als
ein Theoriekonstrukt dessen Aufgabe in der Lösung von Problemstellungen der
18
Vgl. Neus, W. (2007) S. 69
8
Interaktionsmuster von Dilemmastrukturen zu sehen ist.19 Wie bereits angedeutet besitzt das
klassische Verhaltensmodell des Homo Oeconomicus eine Tradition der umfassenden Kritik
seiner empirischen und normativen Aussagen und beschreibt den Homo Oeconomicus als ein
Menschenbild welches im Grunde so nicht ist oder sein darf. Im Gegensatz zum traditionellen
Modell des Homo Oeconomicus verstehen Homann und Suchanek daher das eigentliche
Potenzial des Homo Oeconomicus nicht in der Darstellung des ökonomischen
Menschenbildes, sondern vielmehr als Analyseinstrument zur Erforschung der Bedingungen
für Investitionen in die gesellschaftliche Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil.20 Das
moderne Menschenbild der Ökonomik sollte daher im Gegensatz zur traditionellen
Auffassung auf die generellen Aussagen der Ökonomie beschränkt werden, wie innerhalb der
Abbildung 1 in Form des Menschenbildes der Ökonomik angedeutet und damit genauere
Ausformulierung eines Verhaltensmodells unterlassen werden.21 Diese Charakterisierung des
Homo Oeconomicus umfasst einerseits die Fähigkeiten des Individuums zur Planung und
Reflexion und andererseits die Eigenschaft der sozialen Gemeinschaft als natürliche Umwelt
des Menschen.
Abbildung 1: Das Menschenbild der Ökonomik
Quelle: Homann, K.; Lütge, C.. (2005), S. 98.
Der klassischen Theorie des methodologischen Individualismus wird hierbei ein neuer Ansatz
gegenüber gestellt in Form einer Erweiterung des traditionellen Verhaltensmodells welches
nicht mehr alleine das ökonomische Menschenbild im einzelnen beschreibt sondern
stattdessen die Handlungstheorie und die mikrofundierte Analyse sozialer Bedingungen und
Folgen untersucht.22 Nach diesem Ansatz besteht die Aufgabe der Ökonomik nichtmehr in der
isolierten Betrachtung einzelner Individuen sondern in der Erklärung von Interaktionen in
19
Vgl. Homann, K.; Lütge, C. (2005) S. 77
Vgl. Suchanek, A. (2001) S. 147
21
Vgl. Homann, K.; Lütge, C. (2005) S. 98
22
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 368
20
9
einer sozialen interaktiven Umwelt. Beginnend mit der Notwendigkeit der Reduktion von
Komplexität beschreiben Homann und Suchanek nun die Bildung von Dilemmastrukturen als
die Grundlage des interaktiven Handlungszusammenhangs. Die Notwendigkeit der Reduktion
ergibt sich hierbei aus dem praktischen Nutzen in der Theoriebildung. Das Ziel ist es die
Problemstellung von relevanten Objekten und ihrer Beziehungen in eine allgemeine
systematische Struktur zu bringen.23
Die Relevanz von Dilemmastrukturen wird dabei deutlich anhand der Anwendung des Homo
Oeconomicus
als
Prinzip
einer
zielgerichteten
Situationsanalyse.
Innerhalb
von
spieltheoretischen Dilemmastrukturen finden sich alle Akteure in einer Umgebung der
gegenseitigen Interaktion wieder, dies bedingt den Schutz des Einzelnen vor der Ausbeutung
durch andere Akteure. In diesem Sachzusammenhang finden wir nun die Prämissen des Homo
Oeconomicus
und
des
ökonomischen
Verhaltensmodells
wieder.
Da
allen
Interaktionsproblemen auch Dilemmastrukturen vorausgehen lässt sich in diesem Sinne die
Anwendung des Homo Oeconomicus beschreiben, somit gehen dem System des Homo
Oeconomicus die beschriebenen Dilemmastrukturen als Grundstrukturen der Interaktionen
voraus. Die These von Homann und Suchanek lautet nun, da Dilemmastrukturen die
Grundstruktur aller Interaktionen darstellen, lassen sich Resultate sämtlicher ökonomischer
Interaktionen mit Hilfe des Homo Oecnomicus ableiten.24 Die Bedeutung von
Dilemmastrukturen ergibt sich hierbei aufgrund der Idee individueller und kollektiver
Entscheidungssituationen welche die Handlungen des Einzelnen bestimmen jedoch nicht
notwendigerweise im Blickfeld des Individuums liegen müssen. Wie Homann und Suchanek
innerhalb ihrer Beschreibung der Erklärung als methodologisch präzises Instrument andeuten,
lassen sich im ökonomischen Zusammenhang Dilemmastrukturen als Grundlage jedweder
Interaktion in diesem Kontext integrieren, exemplarisch in Abbildung 2 dargestellt.
Abbildung 2: Dilemmastrukturen als Grundlage der ökonomischen Interaktion
Quelle: Homann, K.; Suchanek A. (2005), S. 357.
23
24
Vgl. Suchanek, A. (1993) S. 4
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 369
10
Die Dilemmastrukturen bilden hierbei das eigentliche Schema mit dem alle Interaktionen
beobachtet und rekonstruiert werden. Die Verschiedenheit der sozialen Situation wird nun
ergänzt indem die situativen Handlungsbedingungen spezifiziert werden. Dieses bildet nun in
der Synthese den Kern der Problemstellung und beschreibt das zu erklärende soziale
Phänomen.25
Für das Prinzip des Homo Oeconomicus bedeutet dies eine Abwendung von dem
traditionellen Verhaltensmodell in Form einer anthropologischen Ableitung des ökonomisch
motivierten Akteurs hin zu einer Analyse von umweltbestimmten Interaktionen und
Entscheidungssituationen. Daraus lässt sich folgern, dass der Homo Oeconomicus nicht
länger als Verhaltenstheorie der Ökonomie postuliert wird sondern stattdessen die Aufgabe
der Situationsanalyse in einer neuen Form der Situationstheorie der Ökonomik übernimmt.26
Die Realitätsnähe der Annahmen die Homann und Suchanek beschreiben nun nicht mehr in
den Eigenschaften von Menschen oder von besonderen Menschenbildern sondern stattdessen
in generell gültigen Eigenschaften von Interaktionssituationen.
Das Problem der empirischen Beweiskraft von normativen Aussagen sehen Homann und
Suchanek gelöst, da weder der „worst case“ noch der Durchschnitt eines Menschenbildes
beschrieben werden sondern der Homo Oeconomicus hierbei die nachgerade der „total
normale“ Grundstruktur aller Interaktionen, der Dilemmastruktur verkörpert.27 Dies führt zu
der Schlussfolgerung eines veränderten Erklärungsansatzes, der nun kein Menschenbild über
das Individuum selbst beschreibt sondern vielmehr die methodologische Auffassung eines
theoretischen Konstrukts verkörpert, welches sich mit grundlegenden Problemstrukturen von
Interaktionen befasst. Anstatt nun über unterschiedliche Verhaltensmodelle von Menschen
und Individuen zu diskutieren beschreibt dieser Erklärungsansatz Merkmale von Situation
und ihrer Anreize. Die neue Bedeutung des Homo Oeconomicus lässt sich infolgedessen
ebenso anhand seines Gebrauchs als Testinstrument innerhalb der Ökonomie beschreiben,
wobei seine Anwendung sich in vielen Bereichen wiederfindet wie zum Beispiel in der
Analyse der Armut oder Anpassung von Institutionen. Hierbei wird das System des Homo
Oeconomicus als heuristisches Instrument verwendet, welches als Testinstrument für die
Stabilität von gesellschaftlichen Strukturen oder im speziellen Falle der Stabilität von
formellen oder informellen Institutionen dient. Die Widerstandsfähigkeit der theoretischen
Modelle kann somit anhand des außerordentlichen Situationsmodells des Homo Oeconomicus
überprüft und untersucht werden. Ist eine Modelltheorie nicht gegenüber dem Homo
25
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 357
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 370
27
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 371
26
11
Oeconomicus resistent lässt sich daraus schließlich ein Konflikt bezüglich der Stabilität der
entsprechenden Modelltheorie folgern. Das neue Situationsmodell des Homo Oeconomicus
verkörpert in diesem Sinne nun kein normatives Ideal mehr, wie laut Homann und Suchanek
in der Vergangenheit von Kritikern missverstanden, sondern beschreibt den Konflikt des
Machtpotenzial einzelner Individuen innerhalb der sozialen Situation einer Gemeinschaft.28
Dabei gilt die Asymmetrie von zugunsten der Defektion aufgrund der Grundstruktur von
Interaktionen für jeden Akteur anhand der dilemmahaften sozialen Entscheidungssituation.
Die moderne Ökonomie des Situationsmodells des Homo Oeconomicus umfasst somit die
Theorie
der
Anreizwirkungen
von
Interaktionssituationen
unter
Berücksichtigung
grundsätzlicher Dilemmastrukturen.
3.2 Kritik des heuristischen Modells des Homo Oeconomicus
Die Untersuchung des heuristischen Situationsmodells des modernen Homo Oeconomicus
nach Homann und Suchanek wirft im Hinblick auf die Postulierung einer normativen
Ökonomik eine Reihe von Fragen hinsichtlich der Beschreibung einzelner methodologischer
Eigenschaften des Theoriekonstrukts auf.
Im Hinblick auf die eingehende Bemerkung der Komplexitätsreduzierung ergeben sich
Probleme und Vorteile in der Durchführung oder Nutzen einer umfassenden Reduzierung der
ökonomischen Problemstellungen auf normative Lehrsätze. Der Vorteil einer solchen
Reduzierung zu Gunsten eines allgemeingültigen Prinzips ermöglicht einerseits die
Anwendung eines normativen Instrumentariums von allgemeingültigen Definitionen, welche
den Weg für eine gesetzmäßige Rhetorik der Wissenschaftstheorie innerhalb der Ökonomie
ermöglichen könnten. Dies würde wie angedeutet von Homann und Suchanek den Bedarf
nach normativen Strukturen füllen als Grundlage einer Ökonomik welche den Brückenschlag
zwischen makro- und mikroökonomischen Ansätzen der Situationstheorie von Interaktionen
erfüllen würde. In diesem Zusammenhang sind Theorieansätze der Mesoökonomik zu nennen
welche
mit
Hilfe
Verhaltensannahmen
normativer
und
Verhaltensmodelle
erlerntes
Verhalten
von
spezifische
mikroökonomische
Individuen
in
den
Kontext
makroökonomischer Betrachtung und sozialökonomischer Fragestellungen stellt.29 Die
zunehmende Bedeutung der Bewertung von ökonomischen Umweltfaktoren aufgrund der
voranschreitenden Globalisierung der Weltwirtschaft führt zu einer Frage nach normativen
28
29
Vgl. Homann, K.; Suchanek, A. (2005) S. 373
Vgl. Elsner, W. (2006) S. 1ff
12
Analysemethoden der ökonomischen Umwelt. Die zunehmende Verbreitung interaktiver
Netzwerke und interdependenter Gesellschaftsstrukturen in Form des Internet oder Ausdruck
populärer gemeinschaftlicher Performance sind Resultate der zunehmenden Vernetzung
internationaler und nationaler Entscheidungssituationen. Gesellschaftliche Problemstellungen
sind daher nicht in der Irrationalität des Handelns zu suchen sondern aus der Tatsache der
Interdependenz sozialer Handlungen von ökonomischen Akteuren und der zugrundeliegenden
Zusammenhänge zu folgern.30 Die Bedeutung der Heuristik als Entwicklungsinstrument neuer
Forschungsansätze beschreibt dabei den großen interdisziplinären Stellenwert hinsichtlich
anderer Forschungsrichtungen wie der Sozialen Ökologie.31 Besonders als Methode für die
Forschung in neueren ökonomischen Themenbereichen der Umweltökonomik oder
Institutionsökonomik könnte ein solches Hilfsmittel neue Impulse für die Analyse von
kollektiven und individuellen Fragestellungen geben.
Andererseits ergeben sich jedoch auch Probleme in der Vereinfachung von Problemstellungen
innerhalb dieses methodologischen Erklärungsansatzes. Das moderne Prinzip des Homo
Oeconomicus als Heuristik führt hierbei zu einer angeblichen Vermeidung oder Ausgleich
von beobachtungsinduzierten Verzerrungen der Realität.32 Aber wie von Homann und
Suchanek angesprochen soll die Realitätsnähe genau jene Eigenschaft des heuristischen
Situationsmodells darstellen, welche die eigentliche Erneuerung des Homo Oeconomicus
bilden soll, jedoch verliert mit zunehmender Verallgemeinerung der methodologischen
Annahmen auch das Prinzip der instrumentellen Situationsanalyse an Aussagekraft. Je weiter
wir uns von ökonomischen Fragestellungen der beobachtbaren Realität entfernen desto
weniger Verzerrungen erhalten wir, jedoch ebenso verlieren wir im Gegenzug an empirischer
Beweiskraft
des
Analyseinstruments.
Dieser
paradigmatische
Konflikt
der
Komplexitätsbeherschung muss daher wohlüberlegt gestaltet und hinsichtlich der einzelnen
Formulierungen der situationsspezifischen Analysemodelle überprüft werden. In diesem Sinn
werden weitere Problemstellungen offenbart, welche sich hinsichtlich der von Homann und
Suchanek erwähnten Formulierung sozialer Problemstellungen als Explanandum ergeben. Die
Einbettung der theoretischen Ergebnisse in die vorher abgeblendete Komplexität führt zu
einem Konflikt der Überprüfung normativer Gesetze.33 Das Prinzip des methodologischen
Instrumentalismus ignoriert in dieser Beziehung die Bedeutung normativer Lehrsätze. Die
Falsifikation nach Popper findet in diesem Zusammenhang einen Konflikt aufgrund der
30
Vgl. Suchanek, A, (2000) S. 109
Vgl. Hunecke, M. (2006) S. 114
32
Vgl. Beensen, R. (1970) S. 15
33
Vgl. Köllmann, C. (2001) S. 7ff
31
13
beschränkten Entwicklungsfähigkeit statischer Gesetzesnormen, welche ohne Reflexion die
Entwicklung neuer Erklärungsansätze und gerade die wissenschaftliche Forschung selbst
hemmt. Die Bedeutung der Heuristik als Entwicklungsprinzip von neuen Hypothesen führt in
diesem Kontext zu einer Optimierung von vielversprechenden Forschungsansätzen jedoch ist
ihre Aussage für die Überprüfung von Verhaltensmodellen durchaus bestreitbar. 34 Die
Immunisierung allgemeingültiger Gesetze aufgrund pragmatischer Gesichtspunkte führt zu
aufgrund dessen zu einer Missachtung der empirischen Beweisführung. Auch Regeln und
Gesetze müssen sich an der Erfahrung bewähren, auch wenn man in einem Falle von ihrer
Fruchtbarkeit oder Zweckmäßigkeit, im anderen Falle von ihrer Wahrheit oder Bestätigung
spricht.35
Hinsichtlich
des
Begriffs
der
Dilemmastruktur
als
Grundlage
von
Interaktionsproblemen ergibt sich die Frage nach dem richtigen Gebrauch dieses
methodologischen Ansatzes. Die Akzeptanz der Dilemmastruktur als Generalnorm der
Heuristik des Homo Oecnomicus führt in diesem Sinne zu einer Immunisierung der
Hypothese des Erklärungsansatzes und führt dabei zu einer fehlenden Überprüfbarkeit aller
folgenden Problemstellungen. Ohne die Überprüfung von Regeln führt dies zu einer Anarchie
wissenschaftlicher
Theoriekonstrukte
und
zu einer
zunehmenden
Verschlechterung
ökonomischer Lehrsätze.
4. Zusammenfassung und Ausblick
Die Entwicklung des Homo Oeconomicus von einem Verhaltensmodell der Ökonomie in
Form eines anthropologischen Menschenbildes hin zu einer Heuristik der Dilemmastrukturen
und Situationsanalyse ist eine Entwicklung die vielversprechende Möglichkeiten bietet jedoch
ebensoviele Risiken beinhaltet.
Während der traditionelle Ansatz des Homo Oeconomicus sich auf ein isoliertes
Menschenbild beschränkt und hiermit willentlich Interdependenzen des Individuums so wie
Externalitäten und ähnliche interaktive Einflussfaktoren ausblendet, ermöglicht dieser Ansatz
eine eindeutige Interpretation von Handlungsalternativen in Entscheidungssituationen des
Individuums. Dagegen bildet der Erklärungsansatz des Homo Oeconomicus als Heuristik die
Möglichkeit der Modellierung eines Theoriekonstrukts einer modernen Situationstheorie auf
Basis von Dilemmastrukturen hinsichtlich der Analyse von Interaktionen des Individuums.
Gleichzeitig jedoch entstehen hinsichtlich dieses Modells neue Probleme der Überprüfbarkeit
und empirischer Beweiskraft seiner normativen Gesetze aufgrund des methodologischen
Charakters der Heuristik.
34
35
Vgl. Köllmann, C. (2001) S. 18
Vgl. Köllmann, C. (2001) S. 19
14
Die Zukunft des Homo Oeconomicus innerhalb dieses Kontexts, liegt sicherlich in der
Spezifizierung seiner Aufgabenstellung. Als Testverfahren oder Forschungsschemata von
sozialen Problemstellungen ist der Konflikt normativer Regeln geringer da diese Aufgabe der
Funktion der heuristischen Modelltheorie entgegen kommt. Die Anwendung heuristischer
Elemente
ist
besonders
hinsichtlich
der
Betrachtung
neuer
ökonomischer
Forschungstendenzen in Betracht zu ziehen. Die positive Eigenschaft der Heuristik,
ökonomische Lehrsätze zu definieren und diese als modelltheoretisches Konstrukt in
bestehende Themenbereiche zu integrieren kann zu einer stärkeren Evidenz ökonomischer
Modelltheorien führen. Die Verbindung der individuellen mit der kollektiven Ebene des
Handelns in Form von Dilemmastrukturen der Ökonomik bietet dabei nicht nur für die
Ökonomie neue Möglichkeiten sondern auch alternativen Fachbereichen wie in der sozialen
Ökologie beschrieben anhand der Verbindung von Selbstorganisation und methodologischer
Ordnung.36 Der Produktion von Wissen als Aufgabe der Wissenschaft kann in der modernen
Informationsgesellschaft
eine
neue
Struktur
der
systematischen
Grundlage
von
Analyseverfahren zur Seite gestellt werden. Die Auswahl jener Modelle wie die des Homo
Oeconomicus spielt dabei eine entscheidende Rolle in der Gestaltung dieser Systeme.
Inwiefern der Homo Oeconomicus selbst als heuristisches Analyseverfahren sinnvoll
eingesetzt werden kann müsste anhand von empirischen Studien hinsichtlich einzelner
Aufgabenstellungen überprüft werden. Die Bewertung der ökonomischen Umwelt von
Auslandsmärkten anhand dieses instrumentellen Modells wäre nur eine Idee sich diesen neuen
Erklärungsansatzes zu Nutze zu machen. Eine Überprüfung von Gesetzen und Institutionen
anhand des Homo Oeconomicus von Homann und Suchanek würde dazu dienen ökonomische
Problemfelder aufzudecken und ökonomische Lösungsansätze zu finden.
Die Entwicklung des Homo Oeconomicus als Heuristik ist jedoch noch nicht abgeschlossen.
Das Problem der Überprüfbarkeit und der anscheinenden Immunität des methodologischen
Erklärungsansatz führt zu einem anhaltenden Konflikt zwischen alternativer Theorieansätze
und
beschriebenen
Dilemmastrukturen
als
Grundlage
von
interdependenten
Entscheidungssituationen. Inwiefern sich dieser Erklärungsansatz in der wissenschaftlichen
Diskussion behaupten kann wird sich zeigen.
36
Vgl. Hunecke, M. (2006) S. 116
15
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17
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