Stück

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1
1. Akt
(Wohnzimmer: Schrank, Kommode
und Sessel die - mit
Fernsteuerung - in verschiedenen
Geschwindigkeiten hin -und her
gefahren und deren Schubladen
auf -und zugemacht werden
können. 2 Türen ohne Türklinke
die gleichfalls mit
Fernsteuerung in verschiedenen
Geschwindigkeiten auf -und
zugemacht werden können.
Jalousie; wenn diese geöffnet
Blick auf futuristische
Wolkenkratzerstadt.
Eine Bar, ein Spiegel,
Papierkorb, eine Plastikpflanze,
römische Vase. Im Zimmer
verstreut stehen Tastaturen.
Personen benützen diese oder
ihre persönlichen iPods. Auf
einem Regal liegen Hüte,
Perücken, Girlanden,
Kastagnetten und eingerahmt ein
großes Messer. 3 große Bilder
von Linda Lind dominieren den
Raum auf denen sie als Maria
Stuart, Cleopatra und Brigitte
Bardot zu sehen ist. Alle
Personen tragen Perücken.)
(Sehr laute, nerventötende futuristische
"Quietschtür-Musik."
(Vorhang)
(FREDDY liegt auf dem Sofa. JANE tanzt mit
Rücken zu Publikum und reißt sich dabei
Schlitze in ihre Kleidung. Sie trägt
schwarzen Minirock und schwarze Perücke.)
(von hinter den Kulissen)
Jane! Jane!
(hereinkommend)
Jane! Ich kann diesen Krach nicht länger aushalten!
(LINDA LIND eilt zu einer Tastatur und tippt.
Die Musik geht aus.)
2
LINDA LIND
Ich kann diesen Krach nicht länger aushalten. Die ganze
Wohnung dröhnt. Ich sagte, du machst dich fertig für `s
Studio?
JANE
Ich bin fertig, Mutti.
(LINDA LIND tippt. Die Jalousie geht auf. Aus
großem Fenster sieht man Wolkenkratzerstadt.)
LINDA LIND
Was hast du denn da an?
(zieht Brille auf)
Jane! Ich sagte: hellblau und rosa?
(JANE dreht sich. Publikum und LINDA LIND
sehen zum Ersten Mal Jane `s pechschwarzes
Make-up.)
LINDA LIND
(erschrickt)
Ah. Jane, so kommst du mir nicht ins Studio. Was ist denn
da passiert? Das ist ja alles ganz? zerrissen?
(JANE reißt LINDA LIND Schlitz ins Kleid.)
LINDA LIND
Jane? Nein! Ah.
JANE
Das trägt man heute so, Mutti.
(LINDA LIND begutachtet sich im Spiegel.)
JANE
Das steht dir.
(JANE reißt LINDA LIND einen weiteren Schlitz
ins Kleid.)
LINDA LIND
Jane? Nein! Schau mal was du angerichtet hast?
JANE
Ah, Mutti, du bist so altmodisch.
(LINDA LIND begutachtet sich im Spiegel.)
JANE
Das steht dir.
(reißt weiter)
3
LINDA LIND
Jane!? Nein!?
(JANE tippt. Die Musik geht an. Jane tanzt.)
LINDA LIND
Jane!
(tippt, die Musik geht aus)
JANE
Ah, Mutti.
LINDA
Ja, Krach machen das kannst du.
Hausverwaltung war schon wieder
diesem Getöse. Was hast du denn
angestellt?
LIND
Jemand von der
hier. Heute Morgen. Wegen
mit der Perücke
JANE
Die hab ich gefärbt?
LINDA LIND
Gefärbt?
JANE
Ja. Mit Batik Spray.
LINDA LIND
Mit?
(langt die Perücke an)
Ah.
(während sie sich ihre Hände putzt)
So kommt du mir nicht in `s Studio.
(LINDA LIND nimmt JANE die Perücke vom Kopf.)
JANE
Au, das tut weh.
LINDA LIND
Nein, das tut nicht weh.
JANE
Au.
LINDA LIND
Jane.
(legt die Perücke ab; schaut auf ihre Hände)
Ah.
(LINDA LIND putzt sich ihre Hände während JANE
vor dem Spiegel ohne Musik tanzt.)
4
LINDA LIND
Jane, bitte, deine Mutter fleht dich an: du machst dich
jetzt fertig für `s Studio.
JANE
(weitertanzend)
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Und zwar augenblicklich.
JANE
(weitertanzend)
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Jane, du möchtest doch einmal eine erfolgreiche, berühmte
Schauspielerin werden. So wie ich es einmal war. Das
möchtest du doch?
JANE
Ja. Natürlich, Mutti.
LINDA LIND
Aber dann musst du auch tun was deine Mutti dir sagt. Du
machst dich jetzt fertig für `s Studio. Du weißt was du zu
tun hast: deine rosa Perücke und dein hellblaues Kleid.
JANE
Ah, Mutti.
LINDA LIND
Das passt gut zusammen und das steht dir. Und ich gehe
jetzt ins Studio.
(JANE begutachtet sich und tanzt vor Spiegel.)
LINDA LIND
Jane, ich sagte: ich gehe jetzt ins Studio.
(hält Wange hin zum Kuss)
JANE
Ja, Mutti. Ah, ja, Mutti.
(küsst)
LINDA LIND
Und du weißt was du zu tun hast.
JANE
(vor Spiegel tanzend)
Ja, Mutti.
5
LINDA LIND
Um genau 14.05 Uhr...
JANE
(einfallend)
Ja, Mutti.
LINDA LIND
(nach Pause)
Um genau 14.05 Uhr...
JANE
(einfallend)
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Jane?! Hörst du mir überhaupt zu?!
JANE
Redest du mit mir, Mutti?
(tanzt weiter)
LINDA LIND
Jane? Du hast heute noch die ganze Presse vor dir?
JANE
Freddy!
LINDA LIND
Und lasse diesen Hund in Ruhe wenn ich mit dir rede. Und
höre auf herum zu hampeln! Stil ist so wichtig. Und HerumHampelei hat nichts mit Stil zu tun! So, und jetzt sagst
du mir: was machst du? Wenn du nun heut gleich bombardiert
wirst? Von der Presse? Mit Fragen? Was machst du dann?
Herum-Hampeln?!
JANE
Nein, Mutti.
LINDA LIND
Was machst du dann?
JANE
Ahm,
LINDA LIND
Das haben wir besprochen, Jane. Und geprobt. Seit Monaten
schon. Lächeln, Kind. Lächeln. Aber nicht zu viel.
Zum Lächeln darfst du den Mund aufmachen.
6
JANE
Ah, ich werde nie eine so gute Schauspielerin wie du,
Mutti.
LINDA LIND
Natürlich wirst du das.
JANE
Nein!
LINDA LIND
Doch.
JANE
Nein, Mutti.
LINDA LIND
Du bist so jung, so schön,
(räuspert sich)
JANE
Hast du etwas, Mutti?
LINDA LIND
Nein. Nein, nein; so talentiert. Ich bin alt und
unattraktiv und vergessen. Linda Lind: vergessen von der
Welt. Vergessen von meinem Publikum.
JANE
Nein, Mutti, nein.
LINDA LIND
Doch, Kind.
JANE
Nein.
LINDA LIND
Wenn ich nur von weitem in den Spiegel schaue...
(hält ein)
JANE
(nach kleiner Pause)
Was machst du wenn du von weitem in den Spiegel schaust,
Mutti?
LINDA LIND
Dann drehe ich das Licht etwas herunter.
(tippt)
(Die Jalousie schließt sich etwas.)
7
JANE
Und was machst du wenn du von Nahem in den Spiegel
schaust, Mutti?
LINDA LIND
Dann drehe ich das Licht noch etwas mehr herunter.
(tippt)
(Es wird dunkler. LINDA LIND begutachtet sich
im Spiegel. Es haut die Jalousie zu und das
Licht geht ganz aus.)
LINDA LIND
Jane?
FREDDY
Wauw. Wauw wauw wauw wauw wauw!
LINDA LIND
Hast du wieder damit herumgespielt?
Was hast du wieder damit angestellt?
JANE
Nichts, Mutti.
LINDA LIND
Jane? Wie oft soll ich dir noch...!
(LINDA LIND hält ein da das Licht wieder
angeht. Sie tippt.)
LINDA LIND
So, und jetzt geht die Jalousie nicht mehr auf.
JANE
Dann mach doch einfach ein bisschen mehr Licht.
LINDA LIND
(will tippen, hält ein)
Nein. Das machst du jetzt.
JANE
Ahm,
(tippt)
Eins. X.
LINDA LIND
(überschneidend)
Nein!
(Es haut die Türen auf und zu.)
8
FREDDY / JANE
(gleichzeitig)
Ah.
Wauw wauw wauw wauw wauw!...
LINDA LIND
(zu Freddy)
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
JANE
Wart mal.
(haut mit Faust gegen die Jalousie)
LINDA LIND
Jane! Nein.
(Die Jalousie geht auf.)
LINDA LIND
Über was habe ich jetzt geredet? Siehst du, du bringst
sogar mich ganz...
JANE
(einfallend)
Du bist so alt und so hässlich und so...
LINDA LIND
(unterbrechend)
Danke Jane, das reicht.
Jane, du wirst die neue Linda Lind. Du wirst Karriere
machen. Du wirst einmal berühmt. Berühmter als ich es je
war.
(LINDA LIND streichelt JANE liebevoll.)
LINDA LIND
Du wirst Klassiker drehen. Du wirst eine Legende werden.
(holt Taschentuch aus ihrer Handtasche und
wischt sich die Augen)
Eine richtige Legende.
JANE
Ah, Mutti.
(LINDA LIND lässt Taschentuch in Handtasche
verschwinden und schließt diese mit lauten
Klick.)
9
LINDA LIND
Und heute noch legst du den Grundstein zu deiner Karriere.
Hast du deine kleine blaue genommen?
JANE
Ja, Mutti. Zwei sogar.
LINDA LIND
Dann nimm besser noch mal eine.
JANE
Möchtest du auch eine nehmen?
LINDA LIND
Nein. Der Arzt sagt, ich... ach, gib mir auch eine. Es gab
eine Zeit, da habe ich ein halbes Dutzend davon genommen.
JANE
Nein!
(übergibt Pille)
LINDA LIND
An einem Morgen.
JANE
Mutti?
LINDA LIND
Ja!
(LINDA LIND und JANE lachen zusammen. LINDA
LIND schluckt Pille und verzieht Gesicht und
nimmt JANE die Pillendose aus der Hand.)
LINDA LIND
Jane?
(zieht ihre Brille auf und liest)
Jane? "Für Hunde und Katzen und kleine Säugetiere"? Du
hast Freddy `s Pillen mit hier drin? Mit deinen Sachen
zusammen? Ah.
(liest)
Mit Knoblauchwurstgeschmack.
Jane? Ah. Und die kleinen roten? Die fahren einfach so
hier herum? Wo ist denn die Schachtel dazu?
(trinkt und gurgelt)
JANE
Ich weiß nicht. War plötzlich weg.
LINDA LIND
Die habe ich dir doch erst gestern gegeben?
10
JANE
Ich bin schon so aufgeregt.
LINDA LIND
Du hast den Deckel mal wieder nicht richtig zugemacht.
JANE
Ich habe noch nie eine kleine rote genommen.
LINDA LIND
Jetzt tu die sofort hier rein.
Und mache den Deckel richtig zu. Du bist so unordentlich.
(räumt auf im Pillenkoffer)
So: du weist was du zu tun hast und ich gehe jetzt ins
Studio.
JANE
(vor Spiegel tanzend)
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Jane, ich sagte:
JANE
(einfallend)
Ah ja, Mutti.
(JANE will LINDA LIND küssen. Es "ding dongt."
LINDA LIND entzieht sich dem Kuss und horcht.
FREDDY verschwindet hinter/unter Sofa.)
JANE
Ahm Mutti, von den kleinen roten...
LINDA LIND
(unterbrechend)
Ruhe, Jane.
JANE
Ja, Mutti. ... nehme ich da eine oder zwei?
LINDA LIND
Das wird wahrscheinlich wieder jemand von der
Hausverwaltung sein. Du hast die ganze Technik ruiniert.
Im ganzen Gebäude.
JANE
Nein, das habe ich nicht.
LINDA LIND
Doch. Das hast du. Wenn etwas nicht sofort funktioniert
dann haust du einfach darauf. Das habe ich doch gerade
11
LINDA LIND
(fortgesetzt)
erst wieder gesehen? Die Müllentsorgung ist
zusammengebrochen. Im ganzen Gebäude.
JANE
Das war nicht ich.
LINDA LIND
Doch, das warst du.
JANE
Im ganzen Gebäude, das war ich nicht.
LINDA LIND
Doch, das warst du. Überall haust du sofort drauf.
JANE
Ja aber nur hier in der Wohnung. Nicht im ganzen Gebäude.
LINDA LIND
Das hängt doch alles irgendwie zusammen?
(horcht)
JANE
Ich habe nicht die Technik ruiniert im ganzen Gebäude. Und
die Müllentsorgung hat noch nie richtig funktioniert. Ich
habe mal was in die Müllentsorgung und dann ist das hier
am Fenster geklebt. Von außen? Wir mussten jemanden kommen
lassen. Kannst du dich daran erinnern?
LINDA LIND
Jane, bitte keinen Ton mehr von dir heute.
JANE
Nein, Mami.
(Die Tür zur Küche öffnet sich. LINDA LIND und
JANE schauen auf die Küchentür. MADELEINE
erscheint.)
JANE
(erschrickt)
Ah!
MADELEINE
Da is schon wieder so ´ne Type.
LINDA LIND
Vom Finanzamt?
12
MADELEINE
Sieht mehr nach Polente aus.
JANE
Polente?
LINDA LIND
Jane, ich möchte nicht, dass du dir Madeleine `s Vokabular
angewöhnst.
"Die Polente." In meiner Wohnung.
MADELEINE
Sie meinen doch nicht etwa ich, ich hätte die Polente, ich
hätte...
(hält ein mit Augenaufschlag und über der
Brust gefalteten Händen)
LINDA LIND
Du hast Schauspielunterricht genommen. Das kann ich sehen.
Wie viele?
MADELEINE
Nur einer.
LINDA LIND
(während sie Madeleine die Visitenkarte aus
der Hand nimmt)
Nur einer?
JANE
Sie ist so hässlich. Ich erschrecke immer ganz vor ihr.
LINDA LIND
(während sie die Visitenkarte liest)
Nein, Jane, Madeleine ist nicht hässlich. Madeleine hat
innere Schönheit. Tonnenweise. Nicht wahr, Madeleine?
Kommissar Fint. GDSPA? Was heißt das?
JANE
Sie trägt sogar ihre eigenen Haare. I!
LINDA LIND
Nein, das tut sie nicht.
MADELEINE
Er will Sie sehen.
LINDA LIND
(nach kurzem Nachdenken)
Führe den Kommissar in mein -? Boudoir. Sage ihm, ich
würde mich beeilen. Ich werde dem Kommissar dort eine
Szene aus einem meiner größten Filme vorspielen.
13
(LINDA LIND tippt ausführlich.)
JANE
Funktioniert ´s jetzt?
LINDA LIND
Natürlich funktioniert `s. Man muss nur aufhören damit
herumzuspielen!
(MADELEINE geht ab. Küchentür schließt sich
kurz danach.)
JANE
Mutti, von den kleinen roten...
LINDA LIND
(überschneidend)
Mein Schleier?
Du sitzt darauf. Die richtige Beleuchtung ist so wichtig.
(legt Schleier an, tippt)
(Die Jalousie geht zu. Es wird dunkler.)
JANE
... nehme ich da eine oder zwei?
LINDA LIND
Jane, vor diesem Kommissar machst du den Mund nicht einmal
auf. Solange der hier ist möchte ich keinen Ton von dir
hören.
JANE
Nein, Mutti. Ja, Mutti.
LINDA LIND
Ah, wie ich aussehe?
JANE
Das steht dir, Mutti. Soll ich auch einen Schleier
anziehn?
LINDA LIND
Und höre auf herum zu hampeln! Herum-Hampelei hat nichts
mit Stil zu tun. Hier, schenke ich dir was:
(knallt Ordner auf den Tisch)
Die Gebrauchsanweisung für die ganze Wohnung. Und wenn du
das bis heute Abend nicht alles auswendig aufsagen kannst,
dann landest du mir heute noch in einem 4wöchigem
Intensivlager.
JANE
Nein, Mutti. Bitte kein Intensivlager.
14
(Die Tür zur Küche öffnet sich.)
LINDA LIND
Und keinen Ton mehr von dir heute.
JANE
Nein, Mami.
(MADELEINE erscheint mit Küchenmesser in der
Hand.)
JANE
Ah!!
(JANE rennt Richtung Madeleine, zeigt auf das
Messer, rennt an Linda Lind vorbei in die
entgegengesetzte Richtung. LINDA LIND lässt
Schleier fallen und folgt Jane ruckartig mit
dem Kopf.)
LINDA LIND
Jetzt bitte übertreib `s nicht. Das reicht. Und stelle
dich nicht immer vor mich hin!
JANE
Nein, Mami.
LINDA LIND
(sehr ruhig und geduldig)
Jane, Madeleine kommt aus einem Teil der Welt wo solche
Utensilien noch benützt werden in der Küche. Du weißt wie
sehr wir ihre Küche schätzen.
MADELEINE
Er will nicht in Ihr Boudoir. Er will Sie sehen.
LINDA LIND
Madeleine, bitte sage dem Kommissar: wir sind bereit ihn
zu empfangen.
(MADELEINE geht ab durch Küchentür die sich
kurz danach schließt.)
LINDA LIND
Mein Schleier? Und jetzt stehst du darauf!? Und höre auf
Herum zu Hampeln! Wie oft soll ich dir das noch sagen?!
Jane, Beleuchtung, wichtig. Merke dir das.
(tippt)
(Rötlicheres Licht)
15
LINDA LIND
(setzt ihre Brille auf)
Wo ist der Ordner?
JANE
Welcher Ordner, Mutti?
LINDA LIND
Den, den ich dir gegeben habe? Die Gebrauchsanweisung für
die ganze...
(hält ein da sie Ordner sieht)
(LINDA LIND blättert, tippt, Disco-Geflacker,
Scheinwerfer auf LINDA LIND während JANE ihre
schwarze Perücke aufzieht und sich danach ihre
Hände an ihren Beinen putzt.)
JANE
Mutti, von den kleinen roten nehme ich da eine oder zwei?
(Es klopft überschneidend an die
Wohnzimmertür.)
LINDA LIND
Der Kommissar.
(stellt sich in Pose)
Öffne die Tür, Jane.
JANE
(nach kleiner Pause)
Welchen Knopf, Mutti?
LINDA LIND
Den dritten von links unten rechts?!
(LINDA LIND nimmt ihre Brille ab, rennt um
diese abzulegen und rennt zurück in ihre Pose.
Es klopft. JANE tippt ein Mal. Die Tür zur
Diele öffnet sich halb.)
LINDA LIND
Zwei Mal.
JANE
(tippt)
Eins.
(Die Tür zur Diele geht auf. KOMMISSAR FINT
will hereinkommen.)
16
JANE
(tippt)
Zwei.
(Die Tür zur Diele geht halb zu.)
KOMMISSAR FINT
Ah.
LINDA LIND
Jane!
JANE
Du hast "zwei Mal" gesagt.
LINDA LIND
Lass mich machen. Weg da.
(LINDA LIND tippt ein Mal. Die Tür zur Diele
geht ganz zu. Sie tippt zwei Mal und rennt
zurück in ihre Pose. Die Tür geht ganz auf.)
LINDA LIND
Bitte entschuldigen Sie, Herr Kommissar. Wir haben
Probleme mit der Technik in dieser Wohnung.
Bitte treten Sie ein.
(KOMMISSAR FINT kommt herein. Er hält sich
Taschentuch an seine Stirn.)
JANE
Soll ich die Tür wieder zumachen, Mutti?
(tippt)
(Grelles Licht)
LINDA LIND
(mit Händen vor dem Gesicht)
Jane!
JANE
Mutti, ahm, ich...
(schüttelt Tastatur)
LINDA LIND
Jane!? Nein!
(Stockdunkle Nacht)
LINDA LIND
Jetzt machst du schon den dritten Kurs und bringst noch
nich` mal die Tür auf!?
17
JANE
Au.
LINDA LIND
Bist das du, Kind?
(Die Tür zur Küche öffnet sich. Lichtstrahl.
Madeleine erscheint mit Taschenlampe.)
LINDA LIND
Hier her, Madeleine.
(MADELEINE beleuchtet mit Taschenlampe
Tastatur. LINDA LIND tippt.)
MADELEINE
Nein. So.
(tippt)
Hier. Jetzt.
(Helles Licht. LINDA LIND steht mir
verrutschter Perücke da und hält Jane `s
schwarze Perücke mit beiden Händen. KOMMISSR
FINT taucht von hinter Sessel auf. Linda
Lind `s Schleier hängt an ihm.)
KOMMISSAR FINT
Linda Lind.
LINDA LIND
Ja. Vor Ihnen steht Linda Lind. Es tut mir leid, wir
haben...
KOMMISSAR FINT
(unterbrechend, legt Schleier ab)
Probleme mit der Technik in dieser Wohnung.
LINDA LIND
(sieht sich im Spiegel)
Ah.
(will sich ihre verrutschte Perücke
zurechtrücken, schaut auf die schwarze Perücke
die sie mit beiden Händen hält)
Ah.
(legt Perücke zur Seite, schaut auf ihre
Hände)
Ah.
(putzt sich ihre Hände und rückt sich dann
Perücke zurecht)
18
KOMMISSAR FINT
Ja, so steht es Ihnen besser. Kommissar Fint. GDSPA.
(zeigt Ausweis)
JANE
(während sie ihre Perücke aufzieht)
Entschuldigung.
(LINDA LIND tippt zwei Mal. Die Tür zur Diele
geht zu. Sie schaut auf ihren Finger, wischt
sich nochmals die Hände und zeigt auf die
Tastatur.)
LINDA LIND
Madeleine, bitte.
(zu Kommissar Fint)
GDSPA?
(MADELEINE spukt in ein Tuch und putzt die
Tastatur.)
JANE
Aber ich finde das alles so kompliziert.
LINDA LIND
(überschneidend)
GDSPA?
(Es haut die Schranktür auf und zu. KOMMISSAR
FINT springt zur Seite.)
JANE
Ah.
LINDA LIND
Vorsicht, Madeleine.
(MADELEINE spukt und putzt vorsichtiger.)
JANE
Ich finde das alles so kompliziert.
LINDA LIND
(überschneidend)
Jane, was ich dich fragen wollte...
(LINDA LIND drängt sich zwischen KOMMISSAR
FINT und JANE.)
LINDA LIND
GDSPA?
19
KOMMISSAR FINT
Geheimdienst. Spezialabteilung. Staatssicherheit.
(MADELEINE putzt mit gleichem Tuch mit dem sie
die Tastatur geputzt hat das Glas aus dem
Linda Lind getrunken hat und staubt dann im
Hintergrund ab.)
LINDA LIND
Ich habe mit einem weniger ranghohen Besuch gerechnet.
KOMMISSAR FINT
Sie haben mit überhaupt keinem Besuch gerechnet, Frau
Lind.
LINDA LIND
Das stimmt nicht ganz. Die Hausverwaltung. Wir haben
Probleme mit der Technik...
KOMMISSAR FINT
(unterbrechend)
In dieser Wohnung; und im restlichen Gebäude. Die
Müllentsorgung sei zusammengebrochen. Seit genau einer
Woche. Die sanitären Einrichtungen funktionieren nur noch
bedingt. Ihr Hausmeister. Er gibt der Hausverwaltung die
Schuld. Man würde sich um nichts kümmern. Ein sehr
ungerechtes Urteil.
(liest ab von Blatt Papier)
Die Hausverwaltung hat sich heute Morgen um genau 9.57 Uhr
schon wieder einmal mit Ihnen in Verbindung gesetzt. Zum
6. Mal diese Woche. Ihr Hausmeister. Er macht seine Arbeit
sehr gründlich. Ein Ausdruck aller Besuche, Mahnungen und
gerichtlichen Drohungen. Und sogar der heutige Besuch
schon vermerkt. Heute Morgen wurde der Krach beanstandet
der aus Ihrer Wohnung käme.
Diese "schrillen Töne" oder "dieses Getöse". Ihr
Hausmeister.
LINDA LIND
Meine Tochter hat einen sehr eigenwilligen Geschmack.
KOMMISSAR FINT
Einen sehr lauten, eigenwilligen Geschmack.
LINDA LIND
Ja, das hat sie. Aber keinesfalls sind wir hier in dieser
Wohnung für den Zusammenbruch der sanitären Einrichtungen
im Gebäude verantwortlich. Oder für die Nichtfunktion der
Müllentsorgung.
20
KOMMISSAR FINT
Es gibt zwei Gründe dafür.
(liest eine Pille vom Boden auf und denkt)
LINDA LIND
Und Grund Nummer zwei?
Grund Nummer eins: meine Tochter. Laut Ihnen. Und Grund
Nummer zwei?
KOMMISSAR FINT
Einen Augenblick, bitte.
(will nach kurzem Umherschauen Pille in
Jane `s Pillenköfferchen ablegen)
JANE
Nein, die kleinen roten hier rein.
KOMMISSAR FINT
"Die kleinen roten." Ihre Tochter hat heute einen Termin.
(nimmt Ansichtskarte aus Pillenköfferchen in
die Hand, beschaut diese und legt sie zurück.)
JANE
Ja. Ich habe heute meinen ersten Auftritt.
LINDA LIND
Jane?
JANE
Ich weiß nur noch nicht ob ich eine oder zwei nehmen soll.
LINDA LIND
(überschneidend)
Jane? Ich dachte du wolltest dich umziehen? Madeleine,
bitte.
(MADELEINE geht ab durch die Tür zur Küche.
Sie schaut durch offene Tür zurück ins
Zimmer.)
LINDA LIND
Jane, und du machst dich fertig für ´s Studio.
(tippt zwei Mal)
(Die Tür zur Küche geht zu.)
JANE
Ich bin fertig, Mutti.
LINDA LIND
Nein, das bist du nicht.
21
JANE
Ich ziehe nichts hellblaues an. Und rosa schon überhaupt
nicht.
LINDA LIND
Jane...
KOMMISSAR FINT
(unterbrechend)
Drogenmissbrauch.
LINDA LIND
Und darum sind Sie hier?
KOMMISAR FINT
Nein.
Frau Lind, warum hatte ihre Köchin...
LINDA LIND
(einwerfend)
Haushälterin und Köchin.
JANE
In diesem Hause schätzt man eine gute Küche.
KOMMISSAR FINT
Ja. Warum hatte Ihre Haushälterin und Köchin ein Messer in
der Hand als sie mir die Wohnungstür geöffnet hat?
LINDA LIND
Herr Kommissar, Madeleine kommt aus einem Teil der Welt wo
solche Utensilien noch benützt werden in der Küche.
KOMMISSAR FINT
Von wo genau kommt ihre Köchin?
LINDA LIND
Aus Frankreich, Paris.
KOMMISSAR FINT
(hält Teller in die Höhe)
Ihre Köchin.
LINDA LIND
Ja. Bitte bedienen Sie sich.
KOMMISSAR FINT
Danke sehr.
(hält Linda Lind Teller unter die Nase)
Ich esse nicht gerne alleine. Und Sie sind auf einer Diät.
22
LINDA LIND
Ja, das bin ich. Aber Ihnen zuliebe werde ich heute meine
guten Vorsätze brechen.
(bedient sich)
(KOMMISSAR FINT hält Teller vor JANE.)
LINDA LIND
Jane.
JANE
Ich, ahm...
LINDA LIND
Jane bitte.
JANE
(bedient sich)
Danke sehr.
LINDA LIND
Jane, schau, die Zeit. Dein Termin.
(lässt Kuchen in ihrer Handtasche
verschwinden)
KOMMISSAR FINT
Bitte bedienen Sie sich noch einmal.
Ich bestehe.
(JANE lässt Kuchen in ihrem Pillenköfferchen
verschwinden während LINDA LIND sich nochmals
bedient.)
LINDA LIND
Danke sehr.
(isst allen Kuchen mit großer Selbstkontrolle)
Auf Ihr Wohl.
(LINDA LIND trinkt und schluckt während
KOMMISSAR FINT JANE Liste zeigt.)
KOMMISSAR FINT
Sagen Ihnen diese Namen etwas?
JANE
Ich, ahm,
(JANE schaut nach ihrer Mutter. LINDA LIND
nimmt Jane die Liste aus der Hand)
23
LINDA LIND
Natürlich sagen dir diese Namen etwas. Kind, also manchmal
verstehe ich dich nicht.
KOMMISSAR FINT
Alles Angestellte von Ihnen während der letzten Jahre.
Mikhail...
JANE
Mischa!
KOMMISSAR FINT
(weiterfahrend)
Pietro Andrej Sergey Dimitrij Koloshinikov.
(JANE reißt LINDA LIND Papier aus der Hand.)
JANE
Mischa. Er hat hier als...
(hält ein und schaut Richtung LINDA LIND)
KOMMISSAR FINT
Ja?
(LINDA LIND reißt JANE Papier aus der Hand.)
LINDA LIND
Herr Koloshinikov hat als Gärtner hier gearbeitet.
KOMMISSAR FINT
Als Gärtner.
LINDA LIND
Ja.
KOMMISSAR FINT
Hier in dieser Wohnung.
LINDA LIND
Ja.
KOMMISSAR FINT
Diese Pflanze? Die Idee Ihres Gärtners?
LINDA LIND
Ja.
KOMMISSAR FINT
(betastet Pflanze)
Plastik.
24
LINDA LIND
Kommissar Fint, ich glaube, ich verstehe; den Grund Ihres
heutigen Besuches.
(nimmt Armband ab)
Für Sie. Ich trage nur echten Schmuck.
KOMMISSAR FINT
Ich weiß.
(LINDA LIND hält KOMMISSAR FINT Schmuck hin.
KOMMISSAR FINT greift nach Schmuck. LINDA LIND
lässt Schmuck auf Boden fallen.)
KOMMISSAR FINT
Einpacken, bitte.
LINDA LIND
(zeigt auf Schmuck)
Jane, bitte.
JANE
(hebt Schmuck auf, mit undefinierbarer
Handbewegung)
Soll ich?
LINDA LIND
Ja, Kind, bitte.
In der oberen Schublade.
JANE
Ja, Mutti.
Und was soll ich damit tun?
LINDA LIND
(kontrolliert ungehalten)
Einpacken.
KOMMISSAR FINT
(begutachtet Bilder)
Cleopatra; vergiftet. Selbstmord. Maria Stuart;
hingerichtet.
LINDA LIND
Maria Stuarda. Einer meiner größten Erfolge.
KOMMISSAR FINT
Mit der Axt hingerichtet. Maria Stuarda.
LINDA LIND
Ja. Aber nach meiner Hinrichtung wurde ich vom Papst in
Rom heiliggesprochen. Ein Ballett von...
25
KOMMISSAR FINT
(unterbrechend)
schätzungsweise 200 Engeln tanzt dabei im Hintergrund.
Während Ihrer Heiligsprechung. Sie haben mir diese Szene
gerade versucht vorzuspielen. In Ihrem Boudoir.
Frau Lind, Sie sind eine faszinierende Frau.
Eine seltsam faszinierende Frau.
(JANE haut auf die Schublade zuerst kurz und
vorsichtig und dann fortwährend.)
LINDA LIND
Also doch kein Kompliment.
Kind?
KOMMISSAR FINT
Schlimm, sehr schlimm, Frau Lind.
LINDA LIND
Ich kann Ihnen nicht folgen.
Jane?
KOMMISSAR FINT
All die vielen jungen Schauspielerinnen, Rivalinnen Ihrer
Tochter, spurlos verschwunden, verschollen...
LINDA LIND
(einfallend)
Nicht vor Jane, bitte. Meine Tochter ist ein sehr
sensibles Kind.
(horcht)
Kind?
(wendet sich)
Jane? Du hast bis jetzt versucht die Schublade
aufzumachen?
JANE
Ich finde das alles so kompliziert.
LINDA LIND
Das ist nicht kompliziert. Man muss nur aufhören damit
herum zu spielen.
(Kommode fängt zu vibrieren an.)
Wauw?
FREDDY
(Kommode macht einen Satz.)
FREDDY
(wiederholend)
Wauw wauw wauw wauw wauw!
26
LINDA LIND / JANE
(erschrecken)
Ah.
LINDA LIND
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
KOMMISSAR FINT
Mit Ihrer Erlaubnis.
(tippt)
(Kommode hört auf sich zu bewegen.)
LINDA LIND
Darf ich. Danke sehr.
(tippt)
(Die obere Schublade geht auf.)
LINDA LIND
Jane, und das du mir ja nicht die Schublade von Hand
zumachst.
JANE
Nein, Mutti.
LINDA LIND
Du weißt was letztes Mal passiert ist?
JANE
Ja, Mutti.
(JANE packt ein und "kämpft" dabei mit
Klebeband.)
LINDA LIND
Entschuldigen Sie bitte. Unsere Wohnung ist auf dem...
KOMMISSAR FINT
Letzten technischen Stand. Ja.
Eine Generation der talentiertesten Schauspielerinnen
ausgelöscht. Ermordet. Und entsorgt. Von Ihnen; mit Hilfe
Ihrer sogenannten Angestellten. Und ermordet auf eine
oftmals bemerkenswert professionell und in einigen Fällen
sogar leicht unterhaltsame Art und Weise: vergiftet,
ertränkt, erwürgt, die Tiefkühltruhe; ah ja: das SäureBad. Aber was die Entsorgung Ihres letzten Opfers
betrifft, darüber kann ich Ihnen kein Kompliment machen.
Um was für eine Pflanze handelt es sich hier?
27
LINDA LIND
Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Botanik ist nicht
meine Stärke.
KOMMISSAR FINT
Sie hatten schon einmal Besuch; von uns; Geheimdienst,
Spezialabteilung. Letzte Woche. Ein guter Kollege von mir.
Aus meiner Abteilung. Er wurde ermordet. Hier in dieser
Wohnung. Ermordet und dann entsorgt. Im MüllZerrkleinerer; hier in der Küche. Und nun komme ich zum
zweiten Punkt meiner Annahme, dass nicht nur der
Zusammenbruch der technisch -sondern gerade auch der
Zusammenbruch der sanitären Einrichtungen dieses Gebäudes
in Ihrer Wohnung seinen Ursprung hat. Müll-Zerrkleinerer
privater Haushalte sind nur bedingt zur Entsorgung eines
höheren Beamten benützbar.
LINDA LIND
(lässt weiteren Schmuck auf den Boden
fallen.)
Für Sie.
KOMMISSAR FINT
Danke sehr. Und Ihren Gatten haben Sie in die Kur
geschickt. Eine Karte Ihres Gatten. An Ihre Tochter. Aus
der Kur.
(hält Karte aus Jane `s Pillenköfferchen und
hält diese in die Höhe)
Von Ihnen geschrieben.
Genickschuss. Ihr Gatte. Wussten Sie das?
LINDA LIND
Ich habe darauf bestanden, dass mein Gatte nicht zu leiden
hat.
KOMMISSAR FINT
Ja. Und dafür bezahlt. Wir wissen welche ausländische
Agentur Sie benützen. Und auch ihre verschiedenen
Finanzier-Wege.
Aber er lebte noch, ihr Gatte, als er zur Fütterungszeit
in einen Löwenkäfig geworfen wurde. Hier. Im Zoo.
LINDA LIND
(nach kurzer Pause)
Nein.
KOMMISSAR FINT
Sie können einen Rabatt verlangen.
LINDA LIND
(lässt weiteren Schmuck auf Boden fallen)
Jane, bitte.
28
JANE
(mit undefinierbarer Handbewegung)
Soll ich?
LINDA LIND
Ja, Kind, bitte.
(JANE hebt Schmuck auf. KOMMISSAR FINT wartet
bis JANE die Kommode wieder erreicht hat.)
KOMMISSAR FINT
Und wer wird Ihr nächstes Opfer. Wie heißt sie noch mal?
Diese neue, talentierte Schauspielerin? Bitte helfen Sie
mir. Wie war noch mal ihr Name?
Ann Anderson. Nicht wahr? Ann Anderson. Ihr nächstes
Opfer.
(JANE schließt die Schublade manuell. Die
Kommode beginnt zu wackeln an und fährt ein
paar Meter an der Wand entlang. Jane
erschrickt, tippt, der Schrank fährt an der
Wand entlang. Die Tastaturen fangen an zu
blinken und zu tuten.)
KOMMISSAR FINT
Ah, Entschuldigung. Nicht vor Ihrer Tochter.
LINDA LIND
Jane? Kind? Wo is` `n der Schrank hin?!
JANE
Mutti, ich habe nur...
(undefinierbare Handbewegung)
LINDA LIND
Du hast die Schublade wieder mal von Hand zugemacht.
Jane? So, ich erkläre die das jetzt zum Allerletzen Mal:
- Ich weiß nicht was ich mit dir noch machen soll. - So
geht `s auf;
(tippt)
(Obere Schublade geht auf.)
LINDA LIND
Und so geht `s zu.
(tippt)
(Obere Schublade geht zu.)
29
LINDA LIND
Du hast vier Seiten; eins, zwei drei vier. Und sind dann
jeweils nochmals unterteilt. Das hier ist vier,
(tippt)
Dann drei. und dann...
(Untere Schublade geht auf.)
LINDA LIND
Nein, jetzt habe ich etwas falsch gemacht.
(tippt)
So. Jetzt.
(Untere Schublade geht zu, obere geht auf und
zu)
LINDA LIND
Und nun kannst du das alles speichern.
JANE
Ich finde das alles so kompliziert.
LINDA LIND
Das ist nicht kompliziert. Man muss nur aufhören damit
herum zu spielen.
(Obere Schublade geht auf)
JANE
(hält sich ihren Popo)
Ah.
LINDA LIND
Jane? Um Gottes Willen. Du darfst keine blauen Flecken
haben. Dein Termin. Lass mich sehen.
(LINDA LIND nimmt JANE über ihr Knie und
entblößt ihren Popo.)
JANE
Mutti, nein...
LINDA LIND
Was hast du denn...?
(zieht ihre Brille auf)
JANE
Mutti, nein...
30
LINDA LIND
Jane? Du hast dir ein Tattoo...? Du hast dir Mischas
Namen...? Über deinen ganzen...? Hat er das...?
JANE
(zieht sich Rock über ihren Popo)
Mutti, nein.
KOMMISSAR FINT
(entfernt Rock)
Pietro Andrej Sergey Dmitrij...
(JANE zieht sich an.)
KOMMISSAR FINT
In Großbuchstaben. Und in Farbe. In aggressiver
Leuchtfarbe. Das kann gesundheitliche Folgen haben. Ich
rate zu einer sofortig -ärztlichen Untersuchung.
(JANE schließt die Schublade manuell. Sie
bemerkt ihren Fehler und erschrickt.)
JANE
Mutti, ich ahm...
(Die Tastaturen fangen an zu blinken und zu
tuten. Die Kommode beginnt zu rumpeln.)
LINDA LIND
Vorsicht. Zur Seite!
(Die Kommode und der Schrank fahren auf JANE
zu. FREDDY schaut von unter dem Sofa hervor.)
FREDDY
(kontinuierlich)
Wauw. Wauw wauw wauw wauw wauw. Wauw.
JANE
Mutti.
(KOMMISSAR FINT zieht JANE in Sicherheit. Die
Sessel stehen schief oder hängen von der
Wand.)
LINDA LIND
Ruhe!
31
(FREDDY hört auf zu bellen und verschwindet
unter Sofa. LINDA LIND geht vorsichtig zu
einer Tastatur und tippt. Es rührt sich
nichts. KOMMISSAR FINT schaut kurz unter das
Sofa.)
LINDA LIND
So, Jane. Und jetzt muss ich schon wieder jemanden kommen
lassen. Und wer weiß wie lange das wieder dauert. Jetzt
können wir uns nirgendwo setzen und der Schrank steht
mitten im Zimmer. (... hängt an der Decke)
KOMMISSAR FINT
Mit Ihrer Erlaubnis.
(tippt)
(Schrank, Sessel und Kommode fahren auf ihren
Platz zurück.)
KOMMISSAR FINT
Ich darf mich verabschieden.
LINDA LIND
Einen Augenblick.
(überreicht weiteres Päckchen)
Ein lukrativ Besuch.
KOMMISSAR FINT
Danke sehr.
Gern? Geschehen?
(LINDA LIND tippt zwei Mal. Die Tür zur Diele
geht auf.)
LINDA LIND
Adieu.
KOMMISSAR FINT
Auf Wiedersehen.
Ah, Entschuldigung. Mit Ihrer Erlaubnis.
(tippt, geht ab)
(Die Jalousie geht auf.)
LINDA LIND
Er hat "Auf Wiedersehen" gesagt.
JANE
Wer, Mutti?
LINDA LIND
Warum?
32
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Was will er?
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Ah, ich muss ins Bad. Hast du etwas davon gegessen?
JANE
Wer, Mutti?
LINDA LIND
Jane?! Du hast alles aufgegessen? Gerade eben? Ah.
JANE
Ja, Mutti, ich habe alles aufgegessen.
LINDA LIND
Und dir geht `s gut? Ah.
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Ah, ich muss ins Bad.
(eilt ab durch die Tür zur Diele)
(JANE holt Kuchen aus ihrem Pillenköfferchen.
KOMMISSAR FINT erscheint durch die Tür zur
Diele und beobachtet sie. JANE überlegt,
wickelt Kuchen in Papier und versteckt
eigepacktes im Papierkorb. Sie sieht
Kommissar Fint.)
JANE
(erschrickt)
Ah.
KOMMISSAR FINT
Ich hatte mich nicht korrekt bei Ihnen verabschiedet.
Bitte entschuldigen Sie. Guten Tag.
(JANE macht Knickschen.)
KOMMISSAR FINT
Ihre Mutter?
33
JANE
Mutti musste ganz schnell ins Bad.
KOMMISSAR FINT
Ins Bad. Hier in der Diele?
JANE
Nein. In der Diele ist nur Freddy ´s Toilette.
Ich habe mein eigenes Bad. Und Mutti hat auch ihr eigenes
Bad.
Auf die Hundetoilette gehen wir nicht.
KOMMISSAR FINT
Sie haben eine Hundetoilette, hier in der Diele.
JANE
Ja.
Die Hundetoilette kann man auch als Gasttoilette benützen.
Ich weiß ab er nicht wie das geht.
Aber das muss in der Gebrauchsanweisung stehen.
Wie man das macht.
KOMMISSAR FINT
Ja.
Ihre Köchin?
JANE
Ahm, sie...
(hält ein)
KOMISSAR FINT
Ja?
JANE
Sie kocht sehr gut.
KOMMISSAR FINT
Ja.
JANE
In diesem Hause schätzt man eine gute Küche.
KOMMISSAR FINT
Ja.
Viel Erfolg bei Ihrem ersten Auftritt.
JANE
Danke sehr.
KOMMISSAR FINT
Und: Guten Appetit.
(geht ab)
34
JANE
Freddy? Freddy?
(schaut unter das Sofa)
Ach hier bist du. Du brauchst dich doch nicht zu
verstecken. Freddy, jetzt komm sofort von unter dem Sofa
rauf.
Freddy: Fuß.
(LINDA LIND kommt durch die Tür zur Diele
zurück.)
LINDA LIND
Und du gehst mir so bald wie möglich in ein 4wöchiges
Intensivlager.
JANE
Ich gehe in keines dieser blöden Lager mehr und lerne
diesen blöden Blödsinn.
LINDA LIND
Jane? Du kannst noch nicht mal das Licht an -und
ausmachen? Und die Tür bringst du auch weder auf noch zu?
JANE
Ich kann die Tür auf -und zumachen.
LINDA LIND
Nein. Das kannst du nicht.
JANE
Dann musst du eben jemand anstellen der das alles für mich
tut.
LINDA LIND
Ach? Die kleine Prima Donna.
JANE
Du wolltest diesen blöden Blödsinn. Ich nicht.
LINDA LIND
Jane, ich gehe jetzt ins Studio. Und du weist was du zu
tun hast.
Der Mann ist gefährlich.
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Das merke ich. GDSPA. Staatssicherheit.
JANE
Ja, Mutti.
35
LINDA LIND
Ich gehe jetzt ins Studio?
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Jane, ich sagte, ich gehe jetzt...
JANE
(einfallend)
Wer, Mutti? Ah ja, Mutti.
(küsst)
LINDA LIND
Und um genau 14.05 Uhr wird dich mein Chauffeur von hier
abholen. Und im Studio kommst du sofort zu mir. Wir werden
proben wie du in die Wanne steigst. Ah, ich muss mit
Gregory reden. Ah, Jane, wie konntest du?
(will noch mal nachschauen)
JANE
Nein, Mutti.
LINDA LIND
Und dann auch noch in den grellsten Farben.
JANE
Ich wollte zuerst nicht.
LINDA LIND
Kannst du deinen Text?
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Oder hast du das schon wieder alles vergessen?
Sollen wir das nochmals durchgehen?
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Was sagst du wenn du nun gleich in der Wanne sitzt?
JANE
Wer, Mutti.
LINDA LIND
Jane?! Was sagst du wenn du nun gleich in der Wanne sitzt?
36
JANE
Ich brauche einen... ahm?
LINDA LIND
Fast, Kind, fast. Ich brauche einen...?
JANE
Jetzt hast du mich ganz durch einander gebracht.
LINDA LIND
Ich brauche einen Schuss Ormus!
JANE
Ja und das wollte ich ja auch sagen. Und dann spritzen die
ins Wasser oder auf mich?
LINDA LIND
Ich weiß es nicht.
JANE
Und wie viele spritzen da?
LINDA LIND
Jane, mit diesem Film heute legst du den Grundstein zu
deiner Karriere. Du weißt nicht was du für ein Glück hast.
Dieser - Badeschaum ist ein ganz neues Produkt. Ein
Wahnsinnsbudget. Mit Abstand das größte Sanitärunternehmen
der Welt. Das ist deine große Chance. Und so früh in
deiner Karriere. Ich musste 20 Jahre warten. Es war fast
schon zu spät. Jane? Die planen sogar eine eigene
Parfümmarke für dich? Aber Kind: du kommst im Studio an
und lächelst und sonst nichts. Ein bisschen mehr Profil.
Aber nicht zu viel. Profil ist nicht deine Stärke.
So: ich gehe jetzt ins Studio. Und um genau 14.05 Uhr...
JANE
(einfallend)
Warum 14.05 Uhr? Warum nicht 14.00 Uhr? Nein, ich komme
jetzt gleich mit dir mit.
LINDA LIND
Nein. Um genau 14.05 Uhr wird dich mein Chauffeur von hier
abholen.
(tippt)
STIMME
Studio Soll-Aria.
JANE
Warum?
37
LINDA LIND
Linda Lind. Ich werde in genau 20 Minuten im Studio sein.
JANE
Warum kann ich nicht gleich mit dir mit?
LINDA LIND
Du kommst nach mir. Du bist unabhängig und selbstständig.
Darum.
Und hellblau und rosa.
(LINDA LIND geht ab durch die Tür zur Diele.)
JANE
(nachrufend)
Ich werde diesen Film heute nicht. drehen.
LINDA LIND
(kommt zurück, nach Pause)
Ach? Möchtest du, das Ann Anderson, deinen Platz einnimmt?
Dieses sogenannte neue Talent?
JANE
Sie sieht so gut aus.
LINDA LIND
Nein. Das tut sie nicht.
JANE
Und sie ist immer wahnsinnig nett zu mir. Ich würde sie
gerne mal einladen. Sie war noch nie hier. Und ich war bei
ihr auch noch nie. Wir könnten uns vielleicht ein Mal in
der Woche treffen. Mal her und mal da; so hin und her.
LINDA LIND
Jane, du machst dich jetzt fertig für `s Studio.
Jane? Diese Arbeit heute wird dir wenigstens einen
Tarzanfilm einbringen.
JANE
Ich möchte aber keinen Tarzanfilm machen. Ich möchte
Klassiker drehen so wie du.
LINDA LIND
Und das wirst du auch. Du bist so jung, so schön, so
talentiert. Jane: professionell zu sein heißt hart zu
arbeiten. Professionalität, darauf kommt es an.
(hält Wang hin zum Kuss)
Verabschiede dich von deiner Mutter.
(JANE küsst LINDA LIND.)
38
LINDA LIND
Und im Studio kommst du direkt zu mir. Bis dahin habe ich
mit Gregory geredet; und ihm alles über dein Tattoo
erzählt.
JANE
Ahm, Mutti.
LINDA LIND
Ja, Kind?
JANE
Ahm? Ich...
LINDA LIND
Ja? Jane? Hast du noch andere Tattoos?
JANE
Ahm,
LINDA LIND
Jane?
JANE
Nur noch eins.
LINDA LIND
Und wo?
JANE
Auf der anderen Seite. Das war nicht genügend Platz. Für
seinen ganzen Namen.
LINDA LIND
Jane? Du hast dir -? Koloshinikov...
(setzt sich, holt Luft, fängt sich, steht auf)
Wir müssen ins Studio. Nein. Ich muss ins Studio. Nein.
Ah, Jane.
Ich muss mit Gregory reden. Oh Gott.
Und auch in den grellsten Farben. Natürlich.
JANE
Mutti, ich ahm...
LINDA LIND
(einfallend, Handbewegung: Ruhe)
Du kommst ins Studio. Wie geplant. Und im Studio kommst du
sofort zu mir.
Du wirst diesen Film heute drehen.
Ich weiß nur noch nicht wie.
Lächeln, Kind. Lächeln. Ah, Jane? Wie konntest du?
39
JANE
Ich wollte zuerst nicht.
LINDA LIND
Und im Studio: kein Wort von dir hören. Das mache alles
ich. Im Studio: keinen Ton von dir. Den ganzen Mittag.
Außer deinem kleinen Satz. Da hast du genügend damit zu
tun. - Und hellblau und rosa.
JANE
Oder wir nennen das einfach um - Diesen Bade... den
Badeschaum - auf Koloshinikov. Und ich könnte dann ganz
schwarzes Make-up tragen und diese Perücke. Und dann so
aus der Wanne steigen und so ´n bisschen tanzen.
(tanzt)
LINDA LIND
(nach Pause, mit Killerbetonung -und Augen)
Hellblau und rosa.
JANE
Ja, Mutti.
(stößt ausversehen Pillenköfferchen vom Tisch)
Ah. Nein. Freddy, lass. Nein. Weg.
LINDA LIND
Was ist jetzt schon wieder?
JANE
Freddy nein lass.
LINDA LIND
Warum machst du den Deckel nie richtig zu? Und diese Dose
hat einen Schraub-ver-schluss.
JANE
Freddy hat Pillen aufgeleckt. Freddy spuk aus. Ah, er
folgt einfach nicht. Ah, jetzt hat er sogar eine kleine
Rote... ah, jetzt hat er noch mal ein paar genommen. Wir
müssen ins Krankenhaus. Freddy, lass. Wir müssen ihm den
Magen auspumpen lassen.
(LINDA LIND tippt.)
JANE
Schnell, rufe den Notarzt. Freddy.
(MADELEINE erscheint mit Messer in der Hand.)
LINDA LIND
Madeleine, bitte kümmere dich um dieses Tier.
40
FREDDY
(mit ganz tiefer Stimme)
Wauw, wauw wauw wauw.
JANE
Ah.
FREDDY
(mit ganz hoher Stimme)
Wauw, wauw wauw wauw.
JANE
Was ist los mit ihm?
FREDDY
(tief)
Wauw, wauw wauw wauw.
JANE
Freddy?
(MADELEINE trägt FREDDY ab in die Küche.)
FREDDY
Miau!
JANE
Freddy?!
LINDA LIND
Jane, bleibe hier. Bleibe hier!
(Küchentür schließt sich.)
LINDA LIND
Ich werde nicht zulassen, dass dieses Tier zwischen dich
und deine Karriere kommt, Professionalität, darauf kommt
es an. Was musste ich nicht alles opfern.
JANE
Ich möchte sofort Freddy sehen.
LINDA LIND
Kind, deine Vitamine.
(LINDA LIND haut JANE Spritze in den Arm.)
JANE
Au.
LINDA LIND
(während sie Spritze aus Jane `s Arm zieht)
Und sag nicht immer "au".
41
JANE
Au.
LINDA LIND
Jane.
(hält Wange hin zum Kuss)
JANE
Ja, Mutti.
(küsst)
Ich brauche einen Schuss Ormus. Und im Studio komme ich
sofort zu dir.
LINDA LIND
Und?
JANE
Lächeln.
LINDA LIND
Und deine kleine Rote?
JANE
Erst auf dem Weg ins Studio.
LINDA LIND
Und?
JANE
Und hellblau und rosa.
LINDA LIND
Gut, Kind.
(geht ab aus der Tür zur Diele)
JANE
Ahm, Mami, von den kleinen roten...
(Die Tür zur Diele schließt sich.)
JANE
... nehme ich da eine oder zwei?
(vor der Tür zur Küche)
Madeleine, ich will sofort Freddy sehen,.
Freddy?
(JANE geht zu einer Tastatur, tippt zwei Mal,
schaut auf die Küchentür, die Tür zur Diele
geht auf. Sie tippt zwei Mal, schaut auf die
Küchentür, die Tür zur Diele geht zu.. Sie
tippt zwei Mal. Eine Schublade geht auf.)
42
JANE
Ah.
(tippt
(Ein Sessel rumpelt und fährt vom Tisch.)
JANE
Ah.
(JANE blättert in der Gebrauchsanweisung,
tippt ein Mal, die Küchentür geht halb auf.
JANE tippt ein Mal, die Küchentür geht ganz
auf. JANE will abrennen. MADELEINE und ANN
ANDERSON stehen im Türrahmen.)
JANE
Ah!
MADELEINE
Fräulein Jane, Ihre Rivalin: Ann Anderson.
JANE
Ann Anderson? Ich muss ins Studio.
ANN ANDERSON
Hallo, Jane.
(MADELEINE tippt. Sessel fährt zurück und die
Schublade geht zu.)
ANN ANDERSON
Auf dem Weg eine große Schauspielerin zu werden. Na, das
mit dem Schreien klappt ja schon wunderbar. Ja, Schreien,
das konntest du schon als du auf die Welt kamst. Und immer
noch nichts dazu gelernt.
(MADELEINE geht ab. Küchentür schließt sich
kurz danach.)
JANE
Madeleine.
Ann, es tut mir leid. Ich habe jetzt keine Zeit für dich.
Ich muss ins Studio. Ich habe einen Termin. Und außerdem
kann ich mich nicht erinnern dich eingeladen zu haben. Und
ich habe noch mal ´ne kleine Neuigkeit für dich: ich habe
auch nicht vor dich jemals einzuladen.
ANN ANDERSON
Jane, ich komme nur kurz um Auf Wiedersehen zu sagen.
JANE
Warum? Verreist du?
43
ANN ANDERSON
Nein, ich nicht. Aber du.
JANE
(schenkt zwei Drinks ein)
Ich verreise nicht. Aber ich habe heute einen Termin falls
du das meinst. Mutti meint, diese Arbeit heute würde mir
mindestens einen Tarzanfilm einbringen. Und ich bekomme
sogar meine eigene Parfümmarke. Für dich. Cheers.
(überreicht Drink)
ANN ANDERSON
Mh, die berühmte Sammlung der Linda Lind. Ein Museum
möchte sie gründen, deine Mutter, für ihre Reliquien.
JANE
Wir haben noch viel mehr.
(setzt Drink ab)
ANN ANDERSON
Noch mehr Plunder. Kastagnetten? Was hat sie mit denen
getan? Sie konnte weder tanzen noch singen. Ja nicht mal
Schauspielen. Ah.
(hält Plastikpenis in die Höhe)
Aus der Geheimsammlung, so nehme ich an. Wie kommt das
hier her? Jugendsünden. Mh?
JANE
Mutti hat Filme gedreht die wirst du nie drehen.
ANN ANDERSON
Das hoffe ich von ganzem Herzen. Aber ich kam nicht um
mich über die Filme deiner Mutter zu unterhalten.
(Küchentür öffnet sich.)
ANN ANDERSON
Ich kam um Auf Wiedersehen zu sagen.
(MADELEINE erscheint mit Küchenmesser in der
Hand.)
JANE
Ann, es tut mir leid, ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss
ins Studio. Ich habe einen Termin.
ANN ANDERSON
Ein bisschen Zeit wirst du dir nehmen müssen. Aber keine
Angst, es wird nicht lange dauern Es wird ganz schnell
gehen. Das hängt natürlich auch von dir ab. Fange bitte
jetzt nicht gleich an im Zimmer herumzurennen.
44
JANE
Ann, du langweilst mich ja so.
(nimmt Drink in die Hand)
ANN Anderson
Adieu. Oder: "C` fini", wie deine Mutter immer so schön
sagt in ihren Filmen.
(hämisch-ironisch; wie zu einem Kind)
Du wirst nun gleich ermordet.
JANE
(nach kurzer Pause)
Du könntest mich nicht umbringen?
(setzt nach kurzer Pause Drink erschrocken auf
Tisch zurück)
ANN ANDERSON
Es ist nichts in deinem Drink. Jetzt bitte sei nicht
kindisch. Nein, ich könnte nicht. Aber Madeleine kann. Ich werde diesen Film heute drehen. Ich habe Talent. Nicht
du. Du bist dumm. Dumm und kindisch. Du bist so richtig
blöd. Deine Mutter hat dich blöd gemacht. Und hält dich
blöd. Und was stopft sie alles in dich hinein?
(öffnet Pillenköfferchen)
Na schau mal: da ist ja alles da. Und sogar die kleinen
roten. - Nein, ich könnte nicht. Ich könnte niemanden
umbringen. Außer deiner Mutter vielleicht.
JANE
Mutti.
(MADELEINE kommt mit erhobenem Messer näher.)
ANN ANDERSON
Aber Madeleine kann.
JANE
Madeleine.
ANN ANDERSON
Jetzt bitte mache keine große Szene.
JANE
(steht auf, geht rückwärts)
Ah.
ANN ANDERSON
Nein, das lässt du dir nicht nehmen.
JANE
Madeleine will mich umbringen?
45
ANN ANDERSON
Alles dauert immer ein bisschen länger bei dir, nicht
wahr?
JANE
Und wie will sie es tun?
ANN ANDERSON
Schau sie dir gut an. Vielleicht entdeckst du einen
kleinen Anhaltspunkt.
(MADELEINE hält Messer in die Höhe.)
JANE
Ah.
ANN ANDERSON
Falls du dich von deiner Mutter verabschieden möchtest.
Bitte.
(zeigt auf eine Tastatur)
JANE
Mutti.
ANN ANDERSON
Den kleinen Knopf rechts unten links. Punkt Strich X. Aber
vorher natürlich Drei Vier Fünf Punkt Vier Sechs.
(JANE geht langsam auf die Tastatur zu und
hämmert dann mit 10 Fingern darauf ein.)
JANE
Mutti! Hilfe!
(Licht geht an und aus, Türen und Schubladen
gehen auf und zu. FREDDY kommt aus der Küche.
FREDDY
Wauw. Wauw. Wauw. ...
JANE
Freddy!
(JANE rennt zu FREDDY und nimmt ihn auf den
Arm. MADELEINE tippt und bringt alles unter
Kontrolle.)
JANE
Bitte Freddy nichts tun! Er kam heute fast schon einmal
um!
46
ANN ANDERSON
(zu Freddy)
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf. ANN Anderson
tippt.)
ANN ANDERSON
Bitte verabschiede dich von deiner Mutter. Sag ihr wie
lieb du sie gehabt hast.
LINDA LIND
(Stimme)
Hallo? Jane?
JANE
Mutti, ich werde gleich umgebracht werden. Und dich will
sie auch umbringen.
LINDA LIND
(Stimme)
Jane?
JANE
Mutti.
ANN ANDERSON
(tippt, unterbricht die Leitung)
OK, ich gehe und lasse euch drei nun allein. Ich muss ins
Studio. Ich bin schließlich dein Ersatz.
JANE
Du bist was?
ANN ANDERSON
Ich habe keine Mutter wie du. Aber ich habe auch meine
Beziehungen.
(ANN ANDERSON geht ab durch die Tür zur Diele.
MADELEINE geht ab durch die Tür zur Küche.
FREDDY verschwindet unter Sofa.)
LINDA LIND
(leise Stimme)
Jane? Jane?
JANE
Mutti. Ich kann dich kaum hören.
LINDA LIND
Tippe, Punkt Strich X! Aber vorher natürlich: Drei Vier
Fünf Punkt Vier Punkt Strich.
47
JANE
(tippt)
Drei.
LINDA LIND
Vier Fünf Vier
JANE
Ja.
LINDA LIND
Punkt Strich! Strich X
JANE
Ja.
LINDA LIND
(mit überlauter Stimme)
Jane? Was ist los?
JANE
(erschrickt)
Ah. Mutti, die ahm...
(hält ein und horcht)
LINDA LIND
(mit überlauter Stimme)
Jane?
(Schreie von hinter den Kulissen)
ANN ANDERSON
(von hinter den Kulissen)
Nein! Ah! Madeleine! Nein! Ah...!
LINDA LIND
(mit überlauter Stimme)
Jane? Jane?!
(JANE rennt Richtung Tür zur Diele. MADELEINE
kommt blutverschmiert durch die Tür zur Diele
herein. Sie hat Gummihandschuhe an und hält
das Messer in der Hand.)
JANE
Ah!!
(rückwärts gehend)
Nein. Ah.
48
LINDA LIND
(mit überlauter Stimme)
Jane?! Was ist los? Jane?!
MADELEINE
(tippt, unterbricht die Leitung, drohend
ernst)
Ich werde diesen Film heute drehen
(weinend)
Ich kann es genau so tun! Ich nehme seit zwei Wochen
Schauspielunterricht!
Und ich übe jeden Tag!
Ich übe jeden Tag in der Küche!
Ich kann auch ein Star sein!
Die sagen alle ich hätte wahnsinnig Talent!
(drohend ernst)
Ich werde diesen Film heute drehen.
JANE
Ah.
(fällt in Ohnmacht)
FREDDY
(bellt kontinuierlich)
Wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw! ...
(Vorhang)
(FREDDY bellt - nachdem Vorhang gefallen und
er kurz ruhig war - im letzten Rhythmus mit
kurzen Unterbrechungen, cresendoartig - die
ganze Pause über.)
49
2. AKT
(Gleiches Bühnenbild wie 1. AKT.
Kommode steht mit Schublade zur
Wand. Schrank steht gefährlich
schief oder hängt von der
Decke. Jane wühlt in Papieren.)
FREDDY
Wauw. Wauw. Wauw. ...
JANE
(schaut auf Papiere und tippt)
Ahm, eins.
(tippt ein Mal, die Tür zur Diele geht halb
auf.)
Zwei.
(tippt ein Mal, die Tür zur Diele geht ganz
auf; sie tippt zwei Mal, die Tür geht zu;
tippt zwei Mal die Tür geht auf.)
(LINDA LIND steht im Türrahmen.)
JANE
(springt auf)
Ah.
LINDA LIND
Jane? Was ist passiert?
JANE
Ich habe die ganze Zeit geübt, Mutti.
(Es haut die Tür zur Diele zu mit einer Wucht,
dass die Wand beschädigt wird. LINDA LIND
springt zur Seite.)
JANE
Ah.
LINDA LIND
Was ist passiert? Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
JANE
Ich werde jetzt jeden Tag üben, Mutti. Jeden Tag.
LINDA LIND
Wo ist Madeleine?
50
JANE
Eins.
(JANE will tippen, LINDA LIND hält ihre Hand.)
LINDA LIND
Jane? Jane?!
JANE
Ich kann jetzt schon die Tür aufmachen.
LINDA LIND
Jane?
JANE
Hellblau und Rosa.
(LINDA LIND schüttelt JANE.)
LINDA LIND
Jane?!
JANE
Ah... die wollten mich umbringen.
LINDA LIND
Wer wollte dich umbringen?
JANE
Ich darf Madeleine nicht beim kochen stören.
LINDA LIND
Jane? Wer wollte dich umbringen?
JANE
Und sie will den Film heute drehen. Und Ann Anderson ist
mein Ersatz.
LINDA LIND
Ann Anderson ist dein Ersatz?
JANE
Ich werde jetzt jeden Tag üben, Mutti. Jeden Tag.
LINDA LIND
Jane?!
JANE
Ah.
51
LINDA LIND
Jane? Ann Anderson? Ist sein Ersatz? Für diese Arbeit
heute?
JANE
Ja. Das hat sie gesagt.
LINDA LIND
Wer hat das gesagt?
JANE
Ann Anderson?! Sie war hier?
LINDA LIND
Sie war hier?
JANE
Ja?! Sie wollte mich umbringen. Und Madeleine wollte mich
umbringen. Sie sagte, sie kann auch ein Star sein.
LINDA LIND
Wie? Beide? wollten dich umbringen?
JANE
Ja. Beide. Und sie will den Film heute drehen.
LINDA LIND
Wie? Beide wollten dich umbringen? Ann Anderson und
Madelein.
JANE
Ja. Sie sagte, ich solle mich von dir verabschieden.
LINDA LIND
Wer sagte das?
JANE
Ann Anderson. Nein Madeleine. Nein Ann Anderson. Nein,
beide.
LINDA LIND
Beide waren hier. Und beide wollten dich umbringen.
JANE
Ja.
LINDA LIND
Und beide sagten, du sollst dich von mir verabschieden.
JANE
Ja.
52
LINDA LIND
Und mich im Studio anrufen.
JANE
Ja.
LINDA LIND
Und Ann Anderson ist dein Ersatz.
JANE
Sie sagte, ich soll dich anrufen. Aber ich habe dann
einfach mit 10 Fingern, so einfach...
(Handbewegung)
LINDA LIND
Ja. Natürlich. Die wollten mich aus dem Studio haben. Ann
Anderson? Die sitzt jetzt wahrscheinlich schon in der
Wanne? Mitten im Jungel? Den ich für dich arrangiert
habe?! Wo ist Madeleine?
JANE
Ich werde jetzt jeden Tag üben, Mutti. Jeden Tag. Eins...
(will tippen)
(Jane will tippen. LINDA LIND hält ihre Hand.)
LINDA LIND
Was hast du denn hier...? Du hast alles aus dem Ordner
raus? Die Gebrauchsanweisung für die ganze Wohnung? Und
alles durcheinander? Ah, Jane?
(sieht Kommode und dann den Schrank)
Wie hast du das wieder fertig gebracht?
(betastet die Kommode)
(Die Kommode fängt an zu knarren und sich zu
bewegen.)
JANE
Vorsicht. Ich habe probiert die Schublade aufzumachen.
LINDA LIND
Ja. Das kann ich sehen.
JANE
Mutti, ich ahm, als ich, ich ahm,
(hält ein)
LINDA LIND
Ja?
JANE
Ich hatte einen Gedanken.
53
LINDA LIND
Ja? Das muss ein großer Schock für dich gewesen sein.
JANE
Ich habe gedacht, dass, weil doch, weil die doch alle...
(hält ein)
LINDA LIND
Ja?
JANE
Es wurden doch so viele Schauspielerinnen ermordet.
LINDA LIND
Ein oder zwei, ja.
JANE
Und ich habe plötzlich gedacht, dass Ann Anderson... Sie
hat sie vielleicht alle umgebracht. Die vielen
Schauspielerinnen. Sie ist vielleicht eine Mörderin?
LINDA LIND
Ja? Ja. Und da hast vielleicht sogar Recht.
JANE
Eine Massenmörderin.
LINDA LIND
Ja. Gut, Kind. Sehr gut.
Und ich werde Madeleine nun etwas beim Kochen stören.
(LINDA LIND schaut auf die Küchentür. Sie
tippt zwei Mal. Die Tür öffnet sich. LINDA
LIND geht ab.)
JANE
(nachrufend)
Vorsicht Mutti.
(schluckt Pille und schaut dann auf das
Pillendöschen)
Ah. Mutti. Mutti!
(LINDA LIND kommt zurück gerannt.)
JANE
Jetzt habe ich die falsche Tablette genommen.
LINDA LIND
(zieht Brille auf und liest)
Willst du drei Tage lang schlafen?
54
JANE
Nein, Mutti.
LINDA LIND
Du hast einen Termin heute! Stecke dir den Finger in den
Hals.
JANE
Mutti. Äh, äh...
(bringt es fertig Tablette herauszuwürgen)
Nein, Freddy lass. Nein Freddy spuk aus.
(schüttelt Steiftierkopie von Freddy)
Er ist tot.
LINDA LIND
Nein. Freddy ist nicht tot.
(wirft Steiftierkopie hinter Sofa)
Freddy wird nun 3 Tage lang schlafen. Vielleicht auch noch
viel länger.
(geht ab durch die Küchentür)
(Küchentür schließt sich.)
JANE
Freddy
(JANE holt FREDDY von hinter Sofa hervor)
JANE
Freddy, ah.
(JANE streichelt FREDDY und legt ihn auf `s
Sofa; schaut auf die Tür zur Diele, tippt zwei
Mal, die Tür geht ganz auf, tippt zwei Mal,
die Tür geht zu, tippt zwei Mal schnell, die
Kommode fängt an durch das Zimmer zu fahren)
JANE
Nein.
(JANE wird von der Kommode durch das Zimmer
bis vor die Küchentür verfolgt, trommelt mit
Fäusten gegen die Küchentür.)
JANE
Mutti! Hilfe!
LINDA LIND
(Stimme)
Jane?
55
JANE
(trommelt)
Hilfe!
LINDA LIND
(Stimme)
Höre auf an die Tür zu trommeln!
(Es haut die Küchentür auf. LINDA LIND kommt
hereingerannt. Es haut die Küchentür zu. Die
Kommode fährt Richtung LINDA LIND.)
JANE
Mutti!
(LINDA LIND springt auf die Kommode. Die Tür
zur Diele öffnet sich. LINDA LIND fährt auf
der Kommode sich festklammernd durch das
Zimmer. Madeleine kommt durch die Tür zur
Diele herein.)
MADELEINE
Madeleine!
(JANE rennt zu einer Tastatur.)
FREDDY
Wauw. Wauw wauw wauw. Wauw. ...
LINDA LIND
Nein. Du gehst da weg!
(JANE schüttelt die Tastatur.)
LINDA LIND
Höre auf das Ding zu schütteln!
(Kommode fährt auf eine Wand zu. MADELEIN
tippt.)
LINDA LIND
Ah!
(Die Kommode stoppt kurz vor der Wand und
fährt dann langsam auf ihren Platz zurück.
LINDA LIND steigt ab.)
LINDA LIND
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
56
LINDA LIND
Ein 4wöchiges Intensivlager. Mit militärischem Drill.
JANE
Nein Mutti, nein. Bitte, ich...
LINDA LIND
(einfallend)
Das wird dein nächstes Geburtstagsgeschenk.
JANE
Nein, Mutti, ich ahm...
LINDA LIND
(einfallend)
Jane, kannst du mir bitte einen Gefallen tun. Gehe doch
bitte in die Küche und hole mir noch ein paar dieser
köstlichen, kleinen, ahm?
JANE
Aber da ist doch noch ein ganzer Teller voll.
LINDA LIND
(hält Teller an ihre Brust)
Die werde ich alle aufessen und noch mehr. Bitte, Jane.
JANE
Ja, Mutti.
(LINDA LIND tippt zwei Mal. Die Tür zur Küche
ruckelt und geht dann mit einem Ruck auf. JANE
geht ab. LINDA LIND tippt zwei Mal. Die Tür
zur Küche schließt sich.)
LINDA LIND
Und wie viel hat sie dir bezahlt?
MADELEINE
5tausend.
LINDA LIND
5tausend. Und für lächerliche 5tausend hast du dich bereit
erklärt diese Szene vor meiner Tochter aufzuführen.
MADELEINE
Das war Ann Anderson `s Idee. Sie ist eine sehr gute
Schauspielerin. Und sie ist sehr intelligent. Ann Anderson
wusste, dass Sie sofort aus dem Studio rennen würden wenn
Ihre Tochter sie anruft und sagte: "Mutti, ich werde
gleich umgebracht werden." Sie wusste das.
57
LINDA LIND
Mein Kompliment. Ihr habt es fertig gebracht, dass ich aus
dem Studio gerast bin. Aber ich weiß was ich tun werde:
ich werde augenblicklich ins Studio zurück rasen. Und dort
werde ich Ann Anderson persönlich - aus der Wanne ziehen!
MADELEINE
Jetzt regen Sie sich nicht auf. Ich habe sie umgebracht.
Ann Anderson. Ann Anderson? Ja?
LINDA LIND
Und wo? Hier in meiner Wohnung?
MADELEINE
Ja. Ich hab sie auf der Hundetoilette. Ich dachte, wenn
sie schon hier ist. Hier kann ich sie gleich entsorgen.
LINDA LIND
Aber nicht im Müllzerkleinerer in der Küche. Die sanitären
Einrichtungen seien zusammengebrochen. Im ganzen Gebäude.
"Müllzerkleinerer privater Haushalte eignen sich nur
bedingt zur Beseitigung eines höheren Beamten."
JANE
Die sanitären Einrichtungen sind wegen Ihrer Tochter
zusammengebrochen. Ihre Tochter hat die gesamte Technik
ruiniert. Im ganzen Gebäude. Wenn irgend was nicht
funktioniert, dann haut sie einfach drauf. Ihre Tochter.
Oder sie schüttelt einfach das ganze Ding. Das einzige das
sie fertig bringt ist Krach zu machen. - Das dauert aber
eine Woche. Bis ich sie entsorgt habe.
LINDA LIND
Warum eine Woche? Ann Anderson ist Größe 8. Dieser
Steuerprüfer letzte Woche hatte Übergröße.
MADELEINE
Der Müllzerkleinerer arbeitet nur noch auf Stufe 1? Ihre
Tochter hat die gesamte Technik ruiniert? In der ganzen
Wohnung
JANE
(klopft an die Küchentür)
Mami!
LINDA LIND
Jane? Du brauchst nicht an die Tür zu klopfen. Deine Mutti
kann dich hören.
JANE
Ich kann nichts finden!
58
LINDA LIND
Dann schaue bitte nochmal genau nach! Madeleine hat mir
gesagt, da stehen wo welche ganz frisch!
Und warum auf der Hundetoilette?
MADELEINE
Die Putzanlage funktioniert nur noch auf der
Hundetoilette. Und auch da nicht mehr richtig. Und das ist
alles nur wegen Ihrer Tochter. An Ihrer Stelle würde ich
die in ein 6 monatiges Intensivlager stecken.
Intensivlager mit Prügelstrafe. Das ist genau das richtige
für die.
LINDA LIND
Du wusstest, dass das kein Steuerprüfer war. Dieser Mann
letzte Woche. Der war Staatssicherheit. Spezialeinheit.
Und das wusstest du? Aber zu mir sagtest du, der sei vom
Finanzamt.
MADLEINE
Ich habe wirklich gedacht, dass der vom Finanzamt sei.
LINDA LIND
Du wusstest, dass ich schon zwei Steuerprüfer umgebracht
habe. Du wusstest, dass ich so reagieren würde.
MADELEINE
Ich bin unschuldig. Ich schwöre.
(kniet mit betenden Händen)
LINDA LIND
Madeleine, bist du Ann Anderson entsorgt hast wirst du
hier als unsere Haushälterin und Köchin weiterarbeiten.
Und dann wirst du uns verlassen. Sofort. Ich werde mich
nicht von dir verabschieden. Was die 5tausend betrifft die
du dir dazu verdient hast; gut, sehr gut. Ich habe nichts
gegen Leute mit Geschäftssinn. Ich werde unsere Agentur
nicht über deinen Nebenverdienst verständigen.
Selbstverständlich kann ich diese, meine Entscheidung
jederzeit rückgängig machen.
(tippt)
STIMME
Studio Soll-Aria. Wie kann ich Ihnen helfen.
LINDA LIND
Linda Lind. Ich werde in genau 20 Minuten im Studio sein.
Bitte verständigen Sie Gregory Rambold.
JANE
(von hinter den Kulissen)
Ah...! Hilfe! Mutti! Hilfe!
59
LINDA LIND
Jane?
JANE
(von hinter den Kulissen an die Küchentür
trommelnd)
Hilfe!
STIMME
Hallo? Studio Soll-Aria. Hallo?
JANE
(von hinter den Kulissen)
Mutti!
LINDA LIND
Wo ist Ann Anderson? Du hast schon angefangen sie zu
entsorgen?
MADELEINE
Ja. Aber ich hab sie unter die Spüle? Hinter dieses
riesige Packet Hundefutter? Ich weiß nicht wie sie sie
dort gefunden hat.
(Es haut die Tür zur Diele auf. LINDA LIND
rennt ab.)
JANE
(trommelt gegen die Tür)
Mutti!
(Die Tür zur Küche geht nach vorne auf. JANE
läuft über die Tür ins Zimmer. Die Tür
schließt sich hinter ihr.)
JANE
(schaut auf MADELEINE)
Ah...!
LINDA LIND
(von hinter den Kulissen)
Jane? Jane?!
Stimme
Studio Soll-Aria. Hallo?
JANE
Ich bin hier, Mutti!
(pocht mit Faust gegen die Küchentür)
Mutti! Mutti?!
60
FREDDY
Wauw wauw wauw wauw. Wauw. Wauw. ...
(LINDA LIND kommt außer Atem durch die Tür zur
Diele hereingerannt.)
JANE
(trommelt gegen die Küchentür)
Mutti!
LINDA LIND
Höre auf an die Tür zu trommeln! Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
LINDA LIND
Wie kamst du hier rein?
JANE
Durch die Tür, Mutti.
(LINDA LIND betastet die Küchentür. MADELEINE
tippt zwei Mal. Die Tür zur Diele geht zu.)
JANE
Mutti, ahm, in der, unter der, nein ich meine, in der...
LINDA LIND
(einfallend)
Jane, ich habe dir das Sprechen beigebracht. Ich kann mich
genau daran erinnern. Es war harte Arbeit.
JANE
Ann Anderson...
(hält ein)
LINDA LIND
Ja, Kind, ich weiß.
JANE
Sie fiel aus der Spüle.
LINDA LIND
Nein, sie fiel nicht aus der Spüle. Ah, wenn du wenigstens
das Sprechen lernen könntest. Das war ein Unfall, Jane.
Ein schrecklich, furchtbarer Unfall. Madeleine hat mir
gerade alles erklärt. Jane, aber bitte, keinen Ton von dir
darüber. Über diesen Unfall. Zu niemandem.
JANE
Auch nicht zur Polizei?
61
LINDA LIND
Gerade nicht zur Polizei. Die würden uns nie glauben. So,
und du ziehst dich jetzt um und machst dich fertig für `s
Studio.
JANE
(verstört)
Für `s Studio?
LINDA LIND
Ja, Kind.
JANE
Ahm, Mutti, ich ahm...
LINDA LIND
(überschneidend)
Bitte, Jane.
JANE
Ja, Mutti.
LINDA LIND
Und hellblau und rosa?
JANE
(nicht verstört)
Hellblau und rosa?
LINDA LIND
Das hast du mir versprochen, Jane.
JANE
Ja, Mutti.
(will abgehen.)
LINDA LIND
Jane? Hast du nicht etwas vergessen?
(LINDA LIND tippt seufzend zwei Mal. Die Tür
zur Diele geht auf. JANE geht ab.)
STIMME
Studio Soll-Aria? Hallo?
LINDA LIND
Ah. Bitte entschuldigen Sie. Wir haben Probleme mit der
Technik in dieser Wohnung. Ich werde in genau 20 Minuten
im Studio sein. Bitte verständigen Sie Gregory Rambold.
Ich muss sofort mit ihm reden. Es ist dringend. Es handelt
sich um Jane. Hallo! Sagen Sie ihm bitte, Jane habe sich
ein Tattoo machen lassen.
62
(LINDA LIND will abgehen. MADELEINE tippt. Die
Tür zur Diele geht zu.)
LINDA LIND
Madeleine? Ich muss ins Studio? Bitte öffne die Tür.
(MADELEINE rührt sich nicht. LINDA LIND geht
zu einer Tastatur. Madeleine greift nach LINDA
LIND `s Hand.)
MADELEINE
Nein. Sie bleiben hier.
(LINDA LIND reißt sich los, tippt zwei Mal,
dann verschiedene Male.)
MADELEINE
Ich hab `ne Sperre rein.
(LINDA LIND holt Laser aus ihrer Handtasche.)
LINDA LIND
Ich warne dich. Das ist eine Laserpistole. Das neuste
Modell.
MADELEINE
Und Sie wissen wie das funktioniert?
Ja, das weiß ich. Und
Müllzerkleinerer hier
ich 3 Wochen lang Tag
dich höchstpersönlich
beginnen.
LINDA LIND
ich weiß auch wie der
in der Küche funktioniert. Und wenn
und Nacht arbeiten muss, ich werde
entsorgen und heute noch damit
MADELEINE
(geht mit betenden Händen auf die Knie)
Bitte, Madam, lassen Sie mich leben. Ich bin zu jung zum
Sterben. Bitte befragen Sie Ihr Herz.
LINDA LIND
C`fini. Madeleine.
(schießt.)
MADELEINE
Nicht geladen.
(steht auf)
Ich bin top professionell.
(LINDA LIND holt iPot aus ihrer Handtasche,
tippt und schaut auf die Türen.)
63
MADELEINE
Ich hab `ne Sperre rein. In beide Türen. Sie sitzen fest.
LINDA LIND
Madeleine, wie viel? Was willst du? 5tausend?
JANE
(von hinter den Kulissen)
Hallo?
(pocht an die Tür zur Diele)
Hallo?
LINDA LIND
Jane?
JANE
(von hinter den Kulissen)
Mutti?
(pocht an die Tür)
Mutti, bei mir gehen alle Türen ganz schnell auf und zu!
(trommelt gegen die Tür)
Und die geht überhaupt nicht auf.
LINDA LIND
Probiere es mit deinem iPot!
JANE
(von hinter den Kulissen)
Ich weiß nicht wie das geht!
MADELEINE
Ich hab `ne Sperre rein.
JANE
(von hinter den Kulissen)
Mutti?!
(trommelt gegen die Tür)
MADELEINE
Sie sitzen fest.
JANE
(von hinter den Kulissen)
Mutti?!
(trommelt gegen die Tür)
(Die Tür zur Diele fliegt auf. JANE trägt rote
Perücke.)
LINDA LIND
Jane? Ich sagte, du machst dich fertig für `s Studio.
64
JANE
Ich bin fertig, Mutti.
LINDA LIND
Nein, das bist du nicht.
JANE
Ich ziehe nichts hellblaues an.
LINDA LIND
Jane, bitte höre mir einmal in deinem Leben gut zu; dieser
Badeschaum ist naturrein. Und die möchten darum, dass du
hellblau und rosa trägst. Ist das so schwierig zu
verstehen? Und außerdem: so steht das im Skript und im
Vertrag.
JANE
Dann streichen wir das hellblau und rosa einfach quer
durch und schreiben: nicht akzeptiert.
LINDA LIND
Jane, ich weiß du kannst vernünftig sein. Du warst es
bisher noch nie. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht
aufgegeben.
JANE
(überschneidend)
Ich ziehe nichts hellblaues an.
LINDA LIND
Doch, Jane. Und warum? Warum wirst du etwas hellblaues
anziehen? Weil du es mir versprochen hast. Oder nicht? Du
hast mir versprochen heute hellblau und rosa zu tragen.
JANE
(einfallend)
Ja.
Aber nicht richtig.
LINDA LIND
Was heißt: "nicht richtig"?
JANE
Einfach, dass mir das nicht steht.
LINDA LIND
Jane,
MADELEINE
(überschneidend)
Ich werde diesen Film heute drehen.
Ich werde heute ins Studio gehen.
65
JANE
Siehst du, das habe ich dir ja gesagt. Sie will den Film
heute drehen. Ich hatte Recht. Du sagst immer ich höre dir
nicht zu. Aber du bist noch viel schlimmer. Und das kann
hundertmal naturrein sein. Ich ziehe nichts hellblaues an.
Und rosa schon überhaupt nicht.
LINDA LIND
Du hast Schauspielunterricht genommen.
MADELEINE
Ja. Seit zwei Wochen schon. Und ich übe jeden Tag. Ich übe
jeden Tag in der Küche in der Küche.
Die sagen alle, ich hätte wahnsinnig Talent.
Ich werde heute ins Studio gehen und diesen Film heute
drehen.
JANE
Siehst du das habe ich dir ja gesagt?
LINDA LIND
Jane, bitte halte dich da raus.
MADELEINE
Sie werden mit Gregory Rambold reden.
LINDA LIND
Mit Gregory Rambold? Du bist gut informiert. Du hast uns
ausspioniert.
MADELEINE
Sie werden mit ihm reden. Und ihm sagen, dass Jane aus
gesundheitlichen Gründen heute nicht kann und das ich der
Ersatz bin.
LINDA LIND
Und wenn ich es nicht tue?
MADELEINE
Dann haben Sie die arme Ann Anderson ermordet.
LINDA LIND
Ich glaube nicht, dass die Polizei zu diesem Schluss
kommen wird. Ich habe die Mittel Kommissar Fint von meiner
Unschuld zu überzeugen.
MADELEINE
Na dann mal los.
(tippt)
66
KOMMISSAR FINT
(Stimme)
Hallo? Frau Lind?
LINDA LIND
Kommissar Fint, Linda Lind am Apparat.
JANE
Über was redet ihr?
LINDA LIND
(drückt mit einem Finger auf Tastatur)
Jane, gehe bitte für einmal in deinem Leben
(verliert die Beherrschung)
für eine Sekunde niemanden auf die Nerven!
(lässt los)
Kommissar Fint,
JANE
Nein, Freddy lass. Weg.
Er will immer an meine Pillen.
LINDA LIND
(drückt mit einem Finger aus Tastatur)
Hast du den Hund nun unter Kontrolle?
(lässt los)
Kommissar Fint,
MADELEINE
Das Messer...
(LINDA LIND drückt mit einem Finger auf
Tastatur.)
MADELEINE
... und die blutigen Handschuhe habe ich in eine Ihrer
Handtaschen getan.
LINDA LIND
Wie melodramatisch. Aber es tut mir leid, Madeleine, ich
kann dir diesbezüglich kein Kompliment machen, denn ich
finde Melodrama langweilig und billig.
(lässt los)
Herr Kommissar,
MADELEINE
(überschneidend)
Wenn ich mit dem Kommissar rede dann kommen Sie dieses Mal
nicht so billig weg.
(LINDA LIND drückt mit einem Finger auf
Tastatur.)
67
MADELEINE
Ne Leiche in der Küche, halbentsorgt, das wird Sie 30 oder
40 Millionen kosten. Da will der mehr als nur ein paar
Ihrer Klunker. Sie wissen wir streng und wie, ahm...
LINDA LIND
(weiterhelfend)
Wie streng, wie erbarmungslos und wie konsequent
heutzutage gerade mit Mörderinnen verfahren wird. Ja
Madeleine, ich weiß. Und darum warne ich dich.
MADELEINE
Und ich warne Sie.
LINDA LIND
Du hast Ann Anderson ermordet. Nicht ich. Ich habe noch
nie jemanden ermordet.
MADELEINE
Außer diesem Steuerberater letzte Woche.
LINDA LIND
Steuerprüfer. Du wusstest, dass der Staatssicherheit war;
und kein Steuerprüfer.
MADELEINE
Ja, das wusste ich. Der Typ letzte Woche der roch doch
nach Bulle. Und Sie waren zu blöd um das zu sehn. Und
jetzt sind Sie zu blöd um zu sehen wie gefährlich der ist.
Der Fint.
Und den Typ letzte Woche - diesen guten Kollegen von
Kommissar Fint - den haben Sie schon angefangen zu
entsorgen.
(Krach von hinter den Kulissen. Türen fangen
an zu knarren und sich leicht zu bewegen.)
FREDDY
Wauw.
LINDA LIND
(lässt los)
Kommissar Fint, es tut mir leid, wir haben Probleme mit
der Technik in dieser Wohnung.
(tippt)
JANE
Die ist total verrückt.
LINDA LIND
Total.
68
JANE
Bei mir im Zimmer war `s ganz schlimm. Bei mir geht alles
ganz schnell auf und zu. Ich konnte mich gar nicht richtig
umziehen.
LINDA LIND
Ach? Und was waren deine weiteren diesbezüglichen Pläne?
JANE
Ich habe gedacht...
LINDA LIND
(unterbrechend)
Danke, Jane. Das darfst du deiner Mutti ein andermal
erzählen. Madeleine, ich weiß du bist intelligent. Sehr
intelligent. Und du wirst daher verstehen, dass ich nicht
einfach im Studio aufkreuzen und ich in die Wanne setzen
kann. Ich muss vorher mit Gregory, mit Gregory Rambold
reden. Madeleine, ich werde mit Gregory Rambold reden. Ich
werde ihn nun sofort anrufen. Im Studio. Ich werde ihm
beschreiben wie du aussiehst und dann werde ich ihn bitten
mit dir heute zu arbeiten. Aber wenn er ablehnt, dann wird
Jane ins Studio gehen um diesen Film heute zu drehen.
Einverstanden? Madeleine?
MADELEINE
Aber zuerst werden Sie mit ihm reden?
LINDA LIND
Ja aber natürlich, Madeleine.
(tippt)
STIMME
Studio Soll-Aria.
LINDA LIND
Linda Lind. Gregory Rambold bitte.
MADELEINE
Er ist hier.
LINDA LIND
Wer? Gregory?
(Mehr Krach von hinter den Kulissen. Türen
fangen an sich zu bewegen.)
FREDDY
Wauw.
STIMME
Studio Soll-Aria. Hallo?
69
FREDDY
(kontinuierlich, maschinen-pistolartig)
Wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw!
MADELEINE
Ich hab ihn in Ihr Schlafzimmer eingeschlossen.
(Türen fangen an langsam auf und zu zugehen.
Eine Tür schlägt es zu mit Knall.)
LINDA LIND
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
MADELEINE
Er versucht Ihre Schlafzimmertür aufzubrechen. Sie können
ihm sagen, Jane fühle sich heute nicht wohl.
JANE
Meine Mutter würde nie so etwas tun.
LINDA LIND
Bitte, Jane, halte dich da raus,
(verliert die Beherrschung)
Und dränge dich nicht immer überall dazwischen!
MADELEINE
Ich weiß, ich kann nie so ein Star sein wie Sie, gnädige
Frau, oder wie das gnädige Fräulein einmal sein wird. Ich
weiß, dass ich nie Klassiker drehen kann.
(weinerlich)
Dazu habe ich nicht die geringste Chance. Nicht die
geringste.
LINDA LIND
Wenigstens ein Hoffnungsschimmer.
STIMME
Studio Soll-Aria. Hallo?
MADELEINE
Ich möchte nur einmal in meinem Leben in einem Studio
arbeiten. Nur ein Mal. Bitte.
(tippt)
JANE
(zeigt auf Madeleine)
Mutti.
MADELEINE
Oder möchten Sie lieber mit dem Kommissar reden?
70
KOMMISSAR FINT
(Stimme)
Frau Lind?
STIMME
(mit chinesischem Akzent)
Filmstudio Soll-Aria. Hallo?
MADELEINE
Oder soll ich mit ihm reden?
(Krach von hinter den Kulissen. Türen fangen
an sich schneller und schneller zu bewegen.)
LINDA LIND
Gregory.
MADELEINE
Er versucht die Tür aufzubrechen. Ich habe ihn in Ihr
Schlafzimmer gesperrt.
STIMME
(amerikanischer Akzent)
Linda? Hallo? Linda, wo bist du?
STIMME
(chinesischer Akzent)
Frau Lind, ich bin der Geschäftsführer von "Baden Plus".
Frau Lind, Sie werden augenblicklich bitte beginnen mit
mir zu reden.
(Türen fangen an brutal zuzuschlagen. Licht
geht an und aus. Türen sprühen Funken. FREDDY
fängt kontinuierlich an zu Bellen.)
JANE
Ah.
STIMME
(amerikanischer Akzent)
Linda?
KOMMISSAR FINT
Frau Lind?
LINDA LIND
Madeleine, das reicht.
STIMME
(weiblich, deutsch, sanft)
Frau Lind, wir machen uns Sorgen um Sie.
71
(MADELEINE tippt.)
STIMME
(amerikanischer Akzent)
Linda? Was is` los?
KOMMISSAR FINT
Frau Lind?
STIMME
(chinesischer Akzent)
Frau Lind, Sie werden mit mir zu reden beginnen.
(Die Leitungen werden unterbrochen. Türen
fangen an langsamer zu schwingen und sich dann
zu schließen. Pause.)
FREDDY
Wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw!
LINDA LIND
(überschneidend)
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
LINDA LIND
Ich werde diesen Hund noch einmal umbringen.
(JANE gefriert und bleibt bewegungslos)
LINDA LIND
Madeleine, ich werde mit Gregory reden. Das habe ich dir
versprochen. Und nun höre mir bitte noch einmal genau und
gut zu. Ich möchte nicht, dass es zwischen uns beiden auch
nur das kleinste Missverständnis gibt: ich werde mit
Gregory reden. Ich werde ihn bitten mit dir heute zu
arbeiten. Aber wenn er ablehnt, dann wird Jane ins Studio
gehen um diesen Film heute zu drehen. Einverstanden?
Madeleine?
MADELEINE
Aber zuerst werden Sie mit ihm reden
LINDA LIND
Aber natürlich. Und wenn du nun bitte so freundlich bist
und ich um Gregory kümmerst.
MADELEINE
Ich soll ihn rein schicken?
(Krach von hinter den Kulissen.)
72
LINDA LIND
Ja bitte, Madeleine.
(MADELEINE tippt etwas länger.)
MADELEINE
Es stimmt jetzt wieder alles. Ich hab die Sperre raus.
LINDA LIND
Danke sehr. Und wie? Die Sperre. Steht das in der
Gebrauchsanweisung?
MADELEINE
Nein. Habe ich auf einem Fortbildungskurs gelernt. Drei
Vier Fünf...
JANE
Mutti,
LINDA LIND
Augenblick. Das muss ich mir notieren.
(notiert)
MADELEINE
Drei Vier Fünf Punkt Sieben Eins Sieben Acht Shift F Neun.
LINDA LIND
Danke sehr.
(Tür öffnet sich. MADELEINE geht ab.)
LINDA LIND
Ich hoffe, Gregory richtet keinen allzu großen Schaden an.
Es reicht, dass du an die Türen haust.
JANE
Sie kann es nicht tun.
Ich habe mich schon so gefreut auf heute.
LINDA LIND
Jane, schau dich an. Du bist noch nicht mal fertig und
hattest den ganzen Morgen.
JANE
Ich bin fertig.
LINDA LIND
Nein, das bist du nicht. Und wenn Gregory gleich
hereingestürmt kommt kein Wort von dir. Keinen Ton.
73
JANE
Gut. Aber nur unter einer Bedingung: nur wenn du mir
versprichst, dass ich anziehen kann was ich will.
(GREGORY kommt durch die Tür zur Diele
hereingestürmt mit Teller in der Hand gefolgt
nach Pause von MADELEINE.)
LINDA LIND
Gerry! Darling!
GREGORY
Deine Gourmet Köchin...
(knallt Teller auf den Tisch)
... hat mich in dein Schlafzimmer eingeschlossen. Du, und
ich kenne deine Schinken. Das Getanze von 500 Engeln.
Kontinuierlich. Non-Stopp. Ich bin fast durchgedreht. Ich
bin schon selber ein halber Engel.
LINDA LIND
200. Es waren 200 Engel; die getanzt haben. Die restlichen
wurden Computer simuliert. Und das hatte ich damals dir zu
verdanken.
GREGORY
(nach kurzer Pause)
Linda, was ist los? Die drehen durch im Studio? Linda?
Du, die nahm mich in Würgegriff gerade? Deine Köchin? Und
dann flog ich on ´ne Ecke. In deinem Schlafzimmer? Ich
habe versucht die Tür aufzubrechen?
Die hat mich eingeschlossen?
Was ist hier los?
(MADELEINE geht ab durch die Tür zur Diele.
Die Tür schließt sich kurz danach.)
LINDA LIND
Du warst nicht eingeschlossen, Gregory. Wie kommst du nur
auf solch eine Idee?
GREGORY
Du, das höchste Tier von denen ist im Studio? Der mit der
Pieps-Stimme.
(tippt)
STIMME
Studio Soll-Aria. Wie kann ich Ihnen...
GREGORY
(unterbrechend, ins Handy)
Gregory Rambold. Linda Lind, Jane und ich werden in genau
20 Minuten im Studio sein.
74
GREGORY
(fortgesetzt)
Linda, komm. Jane. Und ausgemacht war hellblau und rosa?
So steht das im Vertrag? Linda? Pieps-Stimme ist am Toben.
Du, die Palmen müssen heute noch zurück? Und die
Goldfische, die halten das nicht lange aus der Brühe? Wir
haben schon die dritte Ladung rein? Wassertemperatur 38
Grad. 38 Grad Wassertemperatur halten Goldfische nicht
länger als 20 Minuten aus.
Und du weist wie streng die heutzutage mit dem Tierschutz
sind? Was glaubst du was wir da unter Umständen blechen
können? Bist du durchgedreht? Du warst doch sonst immer
ein top Profi. Wenn du sonst nichts warst. Aber das warst
du. So? Können wir jetzt gehen.
LINDA LIND
Einen Augenblick bitte, Gregory.
GREGORY
Was läuft hier ab?
LINDA LIND
Wenn uns jeglich -professioneller Sinn abgeht, warum hast
du dann nicht die verlässliche Ann Anderson gerufen?
GREGORY
Auch die konnte nirgends gefunden werden.
LINDA LIND
Aber uns hast du gefunden. So, Ann Anderson ist Jane `s
Ersatz. Warum wurde das vor mir geheim gehalten?
GREGORY
Linda, ich schwöre, es war Jane und nur Jane. So, können
wir jetzt gehen?
Sagt mal, seit ihr beide durchgedreht?
LINDA LIND
(melodramatisch)
Gregory, in dieser schrecklich, kalten, unbarmherzigen
Welt in der wir leben muss man oft Dinge tun und mit
Mitteln arbeiten die einen im innersten, innersten
Herzen...
GREGORY
(unterbrechend)
Aus welchem deiner Schinken ist das, Linda?
Wollt ihr mehr Geld? Noch mehr
LINDA LIND
Nein. Wir wollen nicht mehr Geld. Ich habe nie für Geld
gearbeitet. Ich habe immer nur...
75
GREGORY
(unterbrechend)
Wenn du noch einmal aus deinen Schinken zitierst drehe!
ich! durch! So? Was ist jetzt? Da steckt der dahinter.
Dein Darling von einem Göttergatten.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Ach? Du meinst, du könntest über meinen Mann mit solch
einer respektlosen Ironie reden. Du, der die Verantwortung
einer tieferen Beziehung von jeher von sich gewiesen hat.
Du, der du...
GREGORY
(unterbrechend)
Schon wieder was aus deinen Schinken. Oder Klassikern, wie
du dazu sagst.
LINDA LIND
Jane weiß was sie an ihrem Vater hat. Nicht wahr, Jane?
JANE
(mit Verspätung)
Ja.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Mit zunehmender Reife, Gregory, ändert man nicht unbedingt
seine Ansichten aber es wird einem vieles klarer. Und mir
wurde vieles klarer.
GREGORY
Und auf wie viel Klarheit muss ich mich noch gefasst
machen?
LINDA LIND
(melodramatisch)
Meine neuen Einsichten sind wie eine Rüstung an der dein
Spott abprallt.
GREGORY
Keine weiteren Klassiker, bitte.
LINDA LIND
Das war gerade aus einem meiner historischen Filme.
GREGORY
Historiker, Klassiker; ich will nichts mehr aus deinen
Schinken hören!
(GREGORY haut mit Faust auf Kommode. Kommode
fängt an zu vibrieren.)
76
LINDA LIND
Vorsicht. Bitte, Gregory.
(melodramatisch)
Warum müssen die Menschen so aggressiv sein? Das verstehe
ich nicht.
JANE
Ich auch nicht, Mutti.
GREGORY
(Magenkrämpfe)
Ah.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Siehst du, Gregory, deine Aggressivität schlägt zurück und
dir auf den Magen.
GREGORY
Au. Ah. Aber mit diesem Film heute könnte Jane einen
Grundstein legen für ihre Karriere. Bist du high? Ah. Was
habt ihr heute schon wieder alles geschluckt? Warum
verdammt noch mal...ah.
(hält sich den Magen)
LINDA LIND
(melodramatisch)
Diese Arbeit ist nicht gut genug für Jane.
GREGORY
Nicht gut genug? Ah...
LINDA LIND
(melodramatisch)
Nicht gut genug.
Jane, lasse dir das als Warnung gelten: durch aggressives
Benehmen schadest du nicht nur anderen Menschen, sondern
zuallererst gerade auch dir selber und einer Gesundheit.
GREGORY
Nein, das ist der Fraß eurer Köchin.
JANE
In diesem Hause schätzt man eine gute Küche.
GREGORY
Ah...Frisst der Hund eigentlich das Zeug?
JANE
Nein lass Freddy in Ruhe.
77
GREGORY
Nein, das werden wir mal sehen.
(GREGORY stopft FREDDY Kuchen in den Mund.)
FREDDY
Ah, äh...
JANE
Nein. Freddy!
(GREGORY liegt mit Krämpfen auf Boden.)
LINDA LIND
Greg, hier, schnell, nimm eine von den kleinen Gelben.
GREGORY
Nein Danke. Ah. Ich krepiere ganz von selber. Dazu brauche
ich nicht eure Hilfe. Das schaffe ich ganz alleine. Ah.
JANE
Das hatten wir auch alle schon ein paar Mal. Und Freddy
ging `s auch mal ganz schlecht.
(Tür zur Diele öffnet sich.)
LINDA LIND
Jane, ich sagte: kein Wort von dir. Gregory, du hast
keinen Grund dich aufzuregen. Ich habe selbstverständlich
jemand anderes mit dem du heute arbeiten kannst.
GREGORY
(nach kurzer Pause)
Du willst den Film selber drehen.
LINDA LIND
Nein!
GREGORY
Du hast jemand anderes.
(MADELEINE kommt nur von LINDA LIND bemerkt
durch die Tür zur Diele herein. Sie trägt in
hellblau und rosa kurzen Rock mit Schlitzen,
hohe Schuhe und Perücke.)
LINDA LIND
(melodramatisch)
Natürlich keine andere Jane. Eine andere Jane wirst du nie
finden. So weit und lange du auch suchen wirst.
78
GREGORY
So, und wo ist die andere?
LINDA LIND
Sie ist hier.
GREGORY
Hier?
LINDA LIND
Ja. Hier und startklar für `s Studio.
GREGORY
Also warum noch länger hier herumhängen. Wo ist sie?
MADELEINE
Ich bin hier.
JANE
Das ist meine Perücke.
LINDA LIND
Du hast sie Madeleine geschenkt. Erinnerst du dich nicht
mehr?
MADELEINE
Ich werde heute mit Ihnen arbeiten.
GREGORY
(nach kurzer Pause)
Jetzt sag was, Linda. Du darfst sogar aus deinen Schinken
zitieren.
LINDA LIND
Du hast gehört was Madeleine gesagt hat.
GREGORY
Aber sie ist Eure Haushälterin?!
LINDA LIND
Köchin, Gregory, Köchin. Und das wissen wir. Darüber
brauchst du uns nicht aufzuklären.
GREGORY
Frisst sie das Zeug eigentlich selber? Was ist das für ein
Fraß?
LINDA LIND
Das ist ein petit-déjeuner. Haferschleim auf Toast. Eine
Delikatesse.
79
GREGORY
Eine Delikatesse?
LINDA LIND
Ja. Ich weiß, es ist viel verlangt von dir mit Madeleine
heute zu arbeiten. Aber ich muss dich einfach um diesen
Gefallen bitten.
Ich
übe
Ich
Die
Und
Ich
MADELEINE
nehme seit zwei Wochen Schauspielunterricht und ich
jeden Tag.
übe jeden Tag in der Küche.
sagen alle, ich hätte wahnsinnig Talent.
ich bin auf einer Diät.
habe seit 3 Wochen nichts zugenommen.
GREGORY
Tschau, Linda.
(will abgehen durch die Tür zur Diele.)
(MADELEINE tippt. Die Tür zur Diele geht zu.
GREGORY reagiert blitzschnell, tippt zwei Mal,
dann verschiedene Male, die Tür zur Küche
öffnet sich.)
JANE
Mutti, ahm,
(GREGORY geht ab durch die Tür zur Küche.)
LINDA LIND
Greg! Darling!
(eilt ab durch die Tür zur Küche)
LINDA LIND
(von hinter den Kulissen)
Gregory, ich kann dir versichern...
(GREGORY kommt durch die Küchentür herein.)
GREGORY
Ich habe nichts gesehen.
LINDA LIND
(von hinter den Kulissen)
Gregory!
(kommt herein durch Küchentür)
GREGORY
Ich habe nichts gesehen.
80
LINDA LIND
Gregory.
GREGORY
Ich habe nichts gesehen...
LINDA LIND
Greg.
GREGORY
... und du brauchst keine Erklärungen abzugeben.
LINDA LIND
Bitte, Greg, ich kann alles erklären.
GREGORY
Oh ja, das kannst du.
LINDA LIND
Du musst mir nur die Möglichkeit dazu geben. Ich möchte
nicht, dass du zu falschen Schlüssen kommst.
GREGORY
Ich komme zu überhaupt keinen Schlüssen.
LINDA LIND
Greg.
GREGORY
Aber abserviert bleibt abserviert.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Das war ein Unfall. Ein furchtbar, schrecklicher Unfall.
Nicht wahr, Jane?
JANE
(mit Verspätung)
Ja.
LINDA LIND
Greg.
GREGORY
Thema abgeschlossen. Tschau. Und Guten Appetit. Bist du
sicher, das ist Haferschleim? Ah.
(GREGORY tippt verschiedene Male. Die Tür zur
Diele geht auf. GREGORY will abgehen.
MADELEINE verstellt ihm den Weg.)
81
MADELEINE
(weinerlich)
Ich kann es genau so tun.
GREGORY
Bitte sagt eurer Köchin sie solle mir nicht den Ausgang
versperren.
LINDA LIND
Madeleine, Herr Rambold möchte bitte gehen.
GREGORY
Alleine. Ohne eure Köchin.
LINDA LIND
Madeleine, du hast gehört was Herr Rambold gesagt hat.
(MADELEINE gibt traurig den Weg frei.)
LINDA LIND
Greg, gehe jetzt bitte direkt ins Studio und erwarte dort
meinen Anruf. Jane und ich sind was diese Arbeit heute
betrifft vielleicht zu einer zu kompromisslosen
Entscheidung gelangt. Jane und ich werden uns nun gleich
zusammensetzen und werden uns über diese heutige Arbeit
nochmals ernsthaft unterhalten. Natürlich nur wenn dir das
Recht ist, Jane?
JANE
Ahm; ja.
LINDA LIND
Gregory, mache dir aber bitte keine falschen Hoffnungen.
Zuerst muss ich mich mit Jane unterhalten. Es geht
schließlich um ihre Karriere.
(GREGORY geht vorsichtig an Madeleine vorbei
Richtung Tür zur Diele.)
GREGORY
Sollte ich lebend aus dieser Wohnung herauskommen gehe ich
direkt ins Studio, Linda. Und dort werde ich genau null
Minuten warten.
JANE
Und was willst du dann tun?
GREGORY
(nach kurzer Pause)
Dann setze ich mich selber in die Wanne!
82
JANE
Mutti? Ahm,
LINDA LIND
Gregory, ich verspreche dir, wir werden uns rasch
entscheiden. Sehr rasch.
GREGORY
Tschau, Linda.
(GREGORY will ab eilen. MADELEINE nimmt
Messer von Regal und verstellt ihm den Weg.)
MADELEINE
Ich kann es genau so tun.
JANE
Sie kann ja nicht mal ihren Text!
MADELEINE
Ich werde meinen eigenen Text sagen: High Volks! Möchtet
ihr euch mal so richtig wohl fühlen. Wollt ihr das neue
Überall Gefühl. - Überall Gefühl, das finde ich toll. Dann braucht ihr Ormus. Ah... Und hier werde ich so
richtig untertauchen. Vielleicht ganz unter dem Wasser
verschwinden.
LINDA LIND
Wie ein Hippopotamus. Gute Idee.
GREGORY
Warum ganz unter dem Wasser verschwinden?
MADELEINE
Weil ich dann wieder auftauche. So ganz in rosa.
(legt Messer zurück auf `s Regal)
Mit rosa Perücke und mit rosa Make-up. Ich mach so auf
Wellbeing und Wellness und happy. Mit `n bisschen
Hollywood dazu. So meine ganz eigene Mischung. Die sagen
alle, ich hätte wahnsinnig Talent.
GREGORY
Du, das ist nicht mal so schlecht. Make-up? Perücke?
MADELEINE
Schon alles fertig gepackt.
(MADELEINE zieht Köfferchen von unter Sofa
hervor auf dem Linda Lind sitzt)
83
GREGORY
Du, da steckt power dahinter. Mal was anderes. Ist ja auch
ein ganz neues Produkt.
LINDA LIND
Und was glaubst du was die von der BF sagen werden?
GREGORY
Die kannst du mir überlassen. Die waren sowieso nicht
glücklich über diesen Quatsch mit Jane. Diese
Badeschaumspritzerei. So was kann leicht missverstanden
werden.
LINDA LIND
Das ist der ganz Sinn der Sache, dass das missverstanden
wird! Ah.
MADELEINE
Und mit den Goldfischen werde ich so spielen. Die werde
ich so ins Wasser fallen lassen.
GREGORY
Aber Vorsicht. Du weißt wie streng die heutzutage mit dem
Tierschutz sind. Hat Jane noch andere Perücken?
MADELEINE
Ich weiß wo. Adieu, Fräulein Koloshinikov.
GREGORY
Was meint Sie?
LINDA LIND
Ah, nichts.
(GREGORY und MADELEINE eilen ab durch die Tür
zur Diele.)
LINDA LIND
Gregory? Gregory! Ich muss mit dir reden!
JANE
Die zieht nichts von mir an! Und ich habe ihr diese
Perücke nicht geschenkt. Die hatte ich selber noch kein
einziges Mal an.
LINDA LIND
Jane, bleibe hier. Jane!
(JANE eilt ab durch die Tür zur Diele. LINDA
LIND, mit den Nerven fertig, stützt sich mit
Ellbogen aus Versehen auf eine Tastatur. Eine
Schublade fliegt aus der Kommode.)
84
LINDA LIND
Ah.
(LINDA LIND liest Gegenstände auf die aus
Schublade fielen und tut Schublade aus
Versehen manuell zurück und merkt ihren Fehler
da die Kommode zu rumpeln anfängt.)
LINDA LIND
Ah.
(LINDA LIND tippt. Die Kommode hört nicht zu
rumpeln auf. LINDA LIND will in der
Gebrauchsanweisung nachschauen aber hat leeren
Ordner in der Hand.)
LINDA LIND
Ah.
(LINDA LIND haut mit Faust auf die Kommode.
Die Kommode hört zu rumpeln auf.)
KOMMISAR FINT
(Stimme)
Frau Lind?
LINDA LIND
Hallo? Kommissar Fint?
KOMMISSAR FINT
(Stimme)
Frau Lind? Ihre Tochter ist bei bester Gesundheit?
LINDA LIND
Ja. Meiner Tochter geht es ausgezeichnet. Meine Tochter...
(hält ein)
Jane? Jane?!
(Licht geht an und aus, Tastaturen fallen,
Schrank wackelt, es haut die Tür zur Diele
zu.)
LINDA LIND
Jane?
FREDDY
(verschwindet unter Sofa, kontinuierlich)
Wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw wauw
wauw wauw wauw wauw! ...
85
LINDA LIND
Jane?
(tippt, die Tür geht nicht auf, schaut auf ihr
notiertes)
KOMMISSAR FINT
(Stimme)
Frau Lind?
LINDA LIND
Jane!
(haut verzweifelt mit Faust gegen die Tür zur
Diele)
Jane!
(Die Tür zur Diele öffnet sich einen Spalt.)
LINDA LIND
Jane?
(geht ab)
KOMMISSAR FINT
(Stimme)
Frau Lind? Hallo?
(Nach Pause Stimmen von hinter den Kulissen.)
JANE
(im Hereinkommen)
Und dann war sie plötzlich weg.
(JANE quetscht sich durch den Spalt der Tür
zur Diele herein gefolgt von LINDA LIND.)
LINDA LIND
Ruhe!
(FREDDY hört zu Bellen auf.)
LINDA LIND
Was heißt; "Und dann war sie plötzlich weg?"
JANE
Freddy, es ist nichts passiert. Es ist alles in Ordnung.
LINDA LIND
Jane?
JANE
Und als ich raus wollte ging die Tür nicht auf. Sie muss
mich eingeschlossen haben. Ich habe wie verrückt überall
gedrückt.
(10 Finger Handbewegung)
86
JANE
(fortgesetzt)
Sie hat Kommissar Fint angerufen und gesagt wir hätten Ann
Anderson ermordet. Du und ich.
LINDA LIND
Wir beide.
JANE
Ja. Das habe ich gehört. Freddy, jetzt komm sofort von
unter dem Sofa rauf.
LINDA LIND
Hallo? Kommissar Fint? Hallo?
Wo ist meine Handtasche.
JANE
Hier vor dir.
LINDA LIND
(öffnet Handtasche)
Die Handschuhe? Und das Messer. Sie sagte: sie habe das
Messer und die Handschuhe...?
Madeleine? Die will uns verhaften lassen.
Nein. Die will uns - die will uns total aus dem Weg
schaffen.
JANE
Sie sagt, sie hätte wahnsinnig Talent.
LINDA LIND
Ja. Wahnsinnig. Sie wusste das ich schon einmal einen
Steuerprüfer ermordet habe. Verstehst du?
JANE
(nach kleiner Pause, ohne Verständnis)
Ja. Mutti.
LINDA LIND
Letzte Woche, sie wusste, dass der Staatssicherheit war?
Aber sagte zu mir, dass das ein Steuerprüfer sei? Sie
wusste, dass ich so reagieren würde. Verstehst du?
JANE
(ohne Verständnis)
Ahm. Ja, Mutti.
Ja.
Die
Und
Ja.
LINDA LIND
Die will uns total aus dem Weg schaffen.
will mich hinrichten lassen.
dich mit.
Das traue ich der zu.
87
JANE
Mutti.
LINDA LIND
Das Messer? Und die Handschuhe? Sie sagt, sie habe das in
eine meiner Handtaschen getan.
JANE
Sollen wir nachschauen?
LINDA LIND
(nach kurzer Pause)
Ah, ich habe hunderte von Handtaschen?!
Jane? Was hast du heute unter der Spüle gesucht?
JANE
Unter der Spüle? Ich, ahm, nichts.
LINDA LIND
Jane, was ist los? Das muss ich sofort wissen.
JANE
Ahm, ich, ich habe manchmal so Hunger, Mami.
LINDA LIND
Du hast von Freddy `s Hundefutter gegessen?
JANE
Ja.
LINDA LIND
Kind.
(JANE und LINDA LIND umarmen sich.)
LINDA LIND
Ich habe auch von Freddy `s Hundefutter gegessen.
JANE
Du auch?
LINDA LIND
Ja.
JANE
Dann schmeckt dir Madeleine `s Essen auch nicht?
LINDA LIND
Nein, Kind.
(JANE und LINDA LIND umarmen sich
schluchzend.)
88
LINDA LIND
Jane, Madeleine wird uns bald für immer verlassen.
JANE
Ja?
LINDA LIND
(melodramatisch)
Jane, ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt. Ich wollte
Madeleine in Schutz nehmen. Madeleine hat Ann Anderson
ermordet.
(nachdenklich, mehr zu sich selber)
Und wir werden nun einen Mord melden. Und werden die
Polizei anrufen.
JANE
Ich habe solche Angst.
(LINDA LIND legt Finger auf Jane ´s Mund.)
LINDA LIND
Du brauchst keine Angst zu haben. Du kannst deiner Mutter
vertrauen.
(Küchentür öffnet sich.)
LINDA LIND
Jane, aber bitte...
(hält ein und denkt)
(KOMMISSAR Fint erscheint durch die Tür zur
Küche.)
FREDDY
Wauw wauw wauw wauw wauw!
LINDA LIND
Ruhe!
(FREDDY hört zu bellen auf.)
LINDA LIND
Vor der Polizei sagst du keinen Ton. Und auf keinen Fall
etwas vor diesem Kommissar. Falls der auch wieder
auftaucht. Der ist Geheimdienst. Staatssicherheit.
Verstehst du?
JANE
Ja, Mutti.
89
LINDA LIND
(nach kurzer Pause)
Nein. Jane, falls dich irgendjemand etwas frägt - egal wer
- dann fällst du sofort in Ohnmacht.
JANE
In Ohnmacht? Ja ahm, wie mache ich das. So ahhh...
LINDA LIND
Nein, Kind.
JANE
So: ahhh...
LINDA LIND
Nein.
(JANE sieht KOMMISSAR FINT.)
JANE
Ah!
(fällt in Ohnmacht)
LINDA LIND
Ja! Jane?! Toll!
(lacht; sieht Kommissar Fint.)
LINDA LIND
Herr Kommissar. Was für eine Überraschung.
(melodramatisch mit Handbewegung Richtung
Küche)
Dieser schreckliche, schreckliche Mord.
KOMMISSAR FINT
(nach Pause)
Die hygienischen Verhältnisse in Ihrer Küche sind
kriminell.
Und nun werden Sie gleich beginnen mich von Ihrer Unschuld
überzeugen zu wollen.
LINDA LIND
Was für eine gute Idee.
(lässt Schmuck auf Boden fallen)
Ein?packen?
KOMMISSAR FINT
Ich werde Ihnen großzügig Gelegenheit dazu geben.
LINDA LIND
(nach kurzer Pause)
Wertsachen plus Schmuck in dieser Wohnung 25 Millionen.
Und? Wurde es interessant für Sie?
90
KOMMISSAR FINT
Noch nicht.
LINDA LIND
Ich habe weitere 5 Millionen flüssig.
Was wollen Sie sonst noch? Ein Autogramm?
Madeleine hat Sie auf mich gehetzt.
KOMMISSAR FINT
Nein. Falsch. Total falsch.
LINDA LIND
Letzte Woche, dieser Beamte, das war ein guter Kollege von
Ihnen.
KOMMISSAR FINT
Ich konnte diesen Kollegen nie ausstehen.
LINDA LIND
Ach.
Warum sind Sie hier?
KOMMISSAR FINT
Ich möchte Sie gerne näher kennen lernen.
LINDA LIND
Rein platonisch, so nehme ich an.
KOMMISSAR FINT
Nein. Nicht nur rein platonisch.
LINDA LIND
Ich verstehe. Sie wollen mich und meine Tochter sexuell belästigen.
KOMMISSAR FINT
Nein. Nur Sie.
LINDA LIND
Und auf welche Perversität stehen Sie? Vielleicht können
wir uns arrangieren.
KOMMISSAR FINT
Ich glaube nicht.
Der Fall ist abgeschlossen. Erfolgreich abgeschlossen.
LINDA LIND
Ich sehe, wir haben eine große Szene von Ihnen zu
erwarten. Dann setzen wir uns lieber.
(setzt sich)
Bitte.
91
(KOMMISSAR FINT will abgehen.)
LINDA LIND
Wir haben uns auf eine große Szene von Ihnen eingestellt.
KOMMISSAR FINT
Es tut mir leid, Sie werden sich gedulden müssen.
LINDA LIND
Sie spannen mich auf die Folter.
KOMMISSAR FINT
Sie haben Menschenkenntnis.
LINDA LIND
Sie sind ein Sadist.
KOMMISSAR FINT
Ja, das haben Sie.
LINDA LIND
Ein Sadist und Verbrecher!
KOMMISSAR FINT
Aber nun müssen Sie mich bitte entschuldigen. Sie wissen
warum?
(KOMMISSAR FINT will abgehen, hält ein, geht
durch Jane `s Pillenköfferchen und nimmt
Pillendose in die Hand.)
KOMMISSAR FINT
Eine kleine Grüne?
LINDA LIND
Zwei bitte.
(Vorhang)
92
3. AKT
(KOMMODE steht nahe vor der Tür
zur Diele. Schmuck und verpackte
und halbverpackte Päckchen auf
Kommode.)
(LINDA LIND, JANE und FREDDY im Zimmer.
Baulärm von hinter den Kulissen. LINDA LIND
trägt ein Diadem und ein Collier, ein weises
Kleid, die Haare lang und blond gelockt
zusammengebunden. JANE trägt schwarzen Rock
und rote Perücke mit großer gelber Rose. JANE
packt Schmuck ein.)
LINDA LIND
Ah, Kind, dein ganzer Schmuck.
JANE
Mutti, ich habe nichts mehr von dem ahm.
LINDA LIND
Da muss noch was da sein?
JANE
Nein. Alles weg.
LINDA LIND
Und was ist das?
JANE
Wo?
LINDA LIND
Da, Kind. Hier vor dir.
JANE
Ah ja.
(fängt an mit Klebeband zu kämpfen)
LINDA LIND
Siehst du, man muss nur richtig schauen.
JANE
Soll ich ihm auch meinen Modeschmuck einpacken?
LINDA LIND
Du hast keinen Modeschmuck.
(zieht Brille auf und liest)
Jane? Für 1.95? Von A&P. Jane? Ah.
(Krach und Stimmen von hinter den Kulissen)
93
JANE
Was machen die da draußen, Mutti?
LINDA LIND
Nichts. Überhaupt nichts.
JANE
Aber die bauen doch die ganze Diele um? Und da fliegen
überall Hubschrauber?
LINDA LIND
Die Hubschrauber fliegen hier immer.
JANE
Nein? Die Hubschrauber fliegen sonst hier nicht. Ich habe
noch nie einen Hubschrauber hier fliegen sehen.
LINDA LIND
Jane, das ist ein Brief von mir an dich, den du immer bei
dir tragen wirst.
JANE
Mutti.
LINDA LIND
(nimmt Collier ab)
Und packe das auch noch für ihn ein.
(JANE packt ein.)
LINDA LIND
(nimmt Diadem ab und schaut auf dieses)
Nein. Nicht mein Diadem.
(setzt Diadem wieder auf und reißt dann
Päckchen auf bis sie das Collier gefunden hat.
Sie legt Collier wieder an und begutachtet
sich im Spiegel.)
Mein teuerstes Stück. Ich trug es in allen meinen Filmen.
Ich möchte, dass du es von heute an trägst.
(LINDA LIND nimmt Collier ab und legt es JANE
an.)
LINDA LIND
Mein Diadem.
(nimmt Diadem ab)
JANE
Nein. Nicht dein Diadem.
(LINDA LIND setzt JANE wortlos Diadem auf.)
94
LINDA LIND
Du wirst an deiner Karriere arbeiten. Verspreche es. Und
hier, Jane, mein Testament.
JANE
Mutti? Ahm?
(Tür zur Küche öffnet sich mit einem Schwung.
Mehr Krach von hinter den Kulissen. GREGORY
kommt herein und stößt fast mit der Kommode
zusammen.)
GREGORY
Linda?
LINDA LIND
Vorsicht.
JANE
Soll ich alles wieder einpacken, Mutti?
(GREGORY tippt. Die Tür zur Diele geht zu.)
LINDA LIND
Ja bitte, Kind. Sei so lieb.
GREGORRY
Linda,
LINDA LIND
(unterbrechend)
Und? Wo ist Madeleine? Wo ist der große, neue Star?
GREGORY
Linda,
(hält ein)
LINDA LIND
Ja?
GREGORY
Die nahmen Sie aus dem Studio.
LINDA LIND
Madeleine.
GREGORY
Ja. Die nahmen sie aus dem Studio. Aus der Wanne. Sie wird
heute noch hingerichtet. Auf Kanal 12. Abendnachrichten.
Das is ´ne ganz brutale Vertragsmörderin. Sagen Sie. 74
Morde in 3 1/2 Jahren? Und Ann Anderson. Das war Sie.
Oder? Natürlich.
95
LINDA LIND
(nach kurzer Pause, melodramatisch)
Ah, Gregory, es war schrecklich. Meine eigene Köchin und
Haushälterin, jemandem dem ich mein Vertrauen geschenkt
habe, ermordet hier...
GREGORY
(unterbrechend)
Linda.
(GREGORY packt Linda LIND.)
LINDA LIND
(entzieht sich, melodramatisch)
Ah, Gregory, es war schrecklich. Es war furchtbar. Es war
ganz, ganz schlimm. Die arme Ann Anderson? Dieses junge,
talentierte Mädchen, ermordet? Hier? In meiner eigenen
Wohnung?
GREGORY
Linda, bitte.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Das, das, es klingt so unglaublich.
GREGORY
Linda.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Es fehlen mir die Worte.
GREGORY
Linda, das reicht.
LINDA LIND
(melodramatisch)
Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal - unschuldig - in
einen Mord verwickelt sein könnte. Dieser schreckliche,
schreckliche Mord. Und auch noch hier? Vor Jane? Das arme
Kind. Es war schrecklich, Jane? Nicht wahr?
JANE
(mit Verspätung)
Ja.
(GREGORY packt und schüttelt LINDA LIND.)
GREGORY
Linda! Kanal 12, die wollen heute nicht nur Madeleine
abmurksen. Das gleiche haben die auch mit dir vor. Da
96
GREGORY
(fortgesetzt)
draußen wird schon die ganze Diele umgebaut. Von Kanal 12.
Für deinen letzten Auftritt. Ja, Linda? Dich wollen sie
heute auch noch abmurksen? Gleich nach Madeleine. Während
der großen Abendnachrichten. Madeleine ist nur der
Auftakt. Die kündigen ein großer Special an. Schon den
ganzen Mittag Auf allen Kanälen: deine Exklusiv
Hinrichtung.
(LINDA LIND entwindet sich Gregory ´s Griff.)
GREGORY
Und das weißt du!
Linda, jetzt höre mir einmal in deinem Leben gut zu: ich
kann dich retten.
LINDA LIND
Retten? Von was redest du?
GREGORY
Linda? Schau mal da runter; was da los ist. Da haben se
`ne ganze Straße gesperrt. Und `n Hubschrauberlandeplatz
daraus gemacht. Da, schau mal.
(GREGORY zieht LINDA LIND zum Fenster.)
JANE
Mutti! Die Hubschrauber fliegen ganz tief sonst könnten
sie nicht landen.
(LINDA LIND entwindet sich Gregory `s Griff.)
LINDA LIND
Jane, wir werden heute Abend ausgehen. In großem Stil. Wo
willst du hin? Du wirst dein neues Diadem zum ersten Mal
tragen. Wo sollen wir hin?
JANE
In eine Pizzeria.
LINDA LIND
In eine Pizzeria.
GREGORY
(überschneidend)
Linda?
JANE
Und wo ist Madeleine jetzt?
97
LINDA LIND
Wir haben uns gerade über Madeleine unterhalten. Kind,
würdest du einmal in deinem Leben zuhören, dann würden
sich viele deiner Fragen erübrigen. Madeleine wird heute
noch hingerichtet. Du weißt, Sie ist eine Mörderin. Das
habe ich dir zu erklären versucht.
GREGORY
(überschneidend)
Linda,
JANE
Und wie wird sie...?
(hält eint)
LINDA LIND
Wie wird Madeleine hingerichtet?
GREGORY
Wie soll ich das wissen? Ich rase schon den ganzen Tag
hinter euch her?!
LINDA LIND
Das muss doch irgendwie bekanntgegeben worden sein?
GREGORY
Ja. Ja, ich weiß wie sie Madeleine abmurksen wollen.
LINDA LIND
Ja? Und wie?
GREGORY
Sie soll vergiftet werden. Und ich weiß auch wie sie dich
abmurksen wollen. Linda, jetzt höre mir bitte für einmal
in deinem Leben gut zu.
(GREGORY packt Linda Lind mit beiden Händen.)
GREGORY
Linda? Kanal 12, die kündigen für heute Abend ein ganz
großes Special an? Ein großes Special mit dir in der
Hauptrolle. Sofort nach Madeleine bis du an der Reihe. Und
dann planen sie Reportagen über dich? 4 Wochen lang. Für 4
Wochen lang füllen die den Kasten nur mit dir? Das wird
schon den ganzen Mittag bekannt gegeben?
Die haben die teuersten Slots überall? Weltweit? Da. Schau
mal da runter. Die gesamte internationale Presse kommt
angerückt.
LINDA LIND
Die internationale Presse?
98
GREGORY
Ja?! Kanal 12, für deinen letzten Auftritt heute erwarten
die die dritthöchste Einschaltquote.
LINDA LIND
Die dritt höchste.
GREGORY
Linda,
LINDA LIND
(einfallend)
Gregory, bitte. Ich habe dir zugehört. Und nun wirst du
bitte mir zuhören: Madeleine hat Ann Anderson ermordet.
Ich habe nichts mit diesem Mord zu tun. Ich werde
Kommissar Fint von meiner Unschuld überzeugen. Hier: mein
Schmuck, der Schmuck meiner Tochter.
(nimmt ausversehen Modeschmuck in die Hand)
Ah.
GREGORY
Linda!
LINDA LIND
Und 35 Millionen habe ich ihm bereits zukommen lassen. Und
das Geld kam nicht zurück. Und weist du was das heißt?
GREGORY
Linda,
LINDA LIND
Er hat es akzeptiert. Und ich kann das sogar beweisen.
Und...
GREGORY
Linda,
LINDA LIND
(überschneidend)
Und! was du vielleicht noch nicht weist: Kommissar Fint
möchte mich gerne näher kennen lernen. Ja. Das hat er
gesagt. Nichts romantisches natürlich. Irgendeine
Perversion, stelle ich mir vor. Was weiß ich noch nicht.
GREGORY
Aber ich weiß es; Madeleine wird vergiftet...
LINDA LIND
(einwerfend)
Vergiftet. Ja, ich weiß.
99
GREGORY
Und dich wollen sie a` la Maria Stuart: Beil, Henker, rote
Kapuze... als Anklang zu deinen historischen Filmen; ja,
so wollen sie dich abmurksen. Während der großen
Abendnachrichten. Kopf ab. Und deine Hinrichtung, das hat
er sich ausgedacht. Kommst du jetzt endlich mit? Er ist
bei jeder Hinrichtung immer dabei. Er steht immer daneben.
Persönlich. Der ist total pervers.
LINDA LIND
Nein.
Dieser Mensch ist ein Sadist.
GREGORY
Ja, da steht der drauf.
LINDA LIND
Ein Sadist und Verbrecher.
GREGORY
Linda, bleibe jetzt ganz ruhig.
LINDA LIND
Ja.
GREGORY
Du musst hier weg.
LINDA LIND
(verzweifelt)
Ja. Aber wie? Ah...
GREGORY
Sofort nach der Ankündigung deiner Hinrichtung hat ein
Fanclub vor dir einen Fluchtplan ausgearbeitet. Im ganzen
Gebäude hier ist die Müllentsorgung zusammengebrochen. Vor
jeder Tür stehen riesige Mülltonnen. Fünf Fans von dir
haben sich als Müllentsorger verkleidet. Sie warten hinten
in der Küche. Beim Dienst-Personal-Eingang. Mit einer
Mülltonne.
LINDA LIND
Fünf?
GREGORY
Ja. Das is` `ne riesige Mülltonne und die sind alle schon
weit über 90.
LINDA LIND
Passe ich da rein? In diese...
(hält ein)
100
GREGORY
Ja. Das sei so `ne Riesenmülltonne für Sondermüll.
LINDA LIND
Der Kommissar?
GREGORY
Der ist so geil auf dich. Der hat nichts bemerkt.
LINDA LIND
Wo ist er?
GREGORY
Das tut jetzt nichts zur Sache.
LINDA LIND
Wo ist er?!
GREGORY
Auf der Hundetoilette.
LINDA LIND
Auf der Hundetoilette?
Warum ist der Kommissar auf der Hundetoilette?
GREGORY
Das tut jetzt nichts zur Sache.
LINDA LIND
Warum?!
GREGORY
Der Kommissar wichst auf der Hundetoilette. OK? Zufrieden?
Weitere Details gewünscht? Ich habe dir doch gesagt, dass
der schon ganz geil auf dich ist.
LINDA LIND
(verzweifelt)
Ah...
GREGORY
Linda, in der Tiefgarage steht ein Sperrmüllwagen. Wir
bringen dich direkt aus der Stadt zu deiner
Privatmaschine.
LINDA LIND
In dieser Mülltonne.
GREGORY
Ja. Dein Flug-Team ist schon informiert.
101
LINDA
(nimmt Gregory `s Hand)
Ah, Gregory, gehe nicht von meiner Seite.
GREGORY
Nein. Ich bleibe hier. Du gehst allein. Ich muss ins
Studio.
LINDA LIND
Ja. Natürlich. Jane, und du wirst mit Gregory ins Studio
gehen. Heute noch. Sofort. Um diesen Film zu drehen.
JANE
Nein, ich, ahm, ich...
LINDA LIND
(überschneidend)
Du kannst anziehen was du willst. Aber gehe mit ihm.
Verspreche es.
JANE
Ich verspreche es, Mutti.
GREGORY
Die drehen durch im Studio. Das kannst du dir denken.
Linda, schnell.
LINDA LIND
Ja.
(GREGORY eilt mit LINDA LIND an der Hand zur
Küchentür.)
LINDA LIND
Nein.
GREGORY
Linda, jetzt bitte mache kein Theater.
LINDA LIND
Nein. In einer Mülltonne. In einer Mülltonne!
GREGORY
Linda, komm.
LINDA LIND
(wehrt sich, weinend)
Nein.
GREGORY
Linda, ich kann dich nicht ausstehen. Aber ich riskiere
mein Leben für dich,
102
LINDA LIND
(fängt sich)
Aus Schinken zu zitieren ist mein Privileg, Gregory.
GREGORY
Linda.
LINDA LIND
Nein.
(LINDA LIND tippt. Ein Altar kommt zum
Vorschein mit verschiedenen religiösen
Symbolen: Kreuz, Halbmond, eine Star War und
eine Siegfried mit Drachen Statue und eine
unbekannte Gestalt die alle anderen an Größe
und Farbe dominiert. LINDA LIND wirft sich
einen schwarzen Schleier über der sie ganz
bedeckt und kniet vor Altar und macht
Handbewegungen.)
GREGORY
Linda bitte. Wir sind hier nicht in einem deiner Schinken.
LINDA LIND
Ohm...!
(steht auf und geht mit Schleier bedeckt durch
das Zimmer)
Jane, die letzte Karte die dir Vati geschrieben hat:
(legt Schleier ab)
JANE
Ich habe sie immer bei mir.
(wühlt im Pillenköfferchen. Pillendosen fallen
heraus)
LINDA LIND
Ich habe diese Karte geschrieben.
JANE
Freddy, lass.
LINDA LIND
Ich habe...
JANE
(unterbrechend)
Nein, spuk aus.
LINDA LIND
Ich habe diese Karte geschrieben.
103
JANE
Die ist nicht von Vati?
LINDA LIND
Nein. Jane, deine Mutter ist eine - Mörderin.
(fällt in sich zusammen, fängt sich)
Deine Rivalinnen, es waren 8 oder 9, - ich habe manchmal
etwas überreagiert - ich ließ sie alle ermorden; und
diesen Beamten letzte Woche.
(verzweifelnd flehend)
Aber nur weil Madeleine sagte, dass das ein Steuerprüfer
sei.
Ja, ich habe diesen Mann erwürgt; hier in diesem Zimmer;
zuerst betäubt und dann erwürgt; mit meinen eigenen
Händen.
(zeigt und schaut auf ihre Hände)
Und ich fing auch schon an ihn zu entsorgen. Im
Müllzerkleinerer in der Küche.
GREGORY
Hattest du da nicht Madeleine dazu?
LINDA LIND
Madeleine hatte an diesen Tag ihren freien Abend. Sie
bestand darauf. Und heute weiß ich auch warum. Dieser
Schauspielunterricht.
Jane, dein Vater, er wollte nicht, dass du Karriere
machst.
JANE
Ich habe sie gefunden. Vati schreibt aus der Kur.
(zu Gregory)
Vati ist zur Kur.
LINDA LIND
Dein Vater hat sich geweigert dein Talent zu erkennen.
Eine Agentur hat sich um ihn gekümmert. Die gleiche
Agentur die ich immer benütze. Es war Mischa. Mischa hat
deinen Vater ermordet.
JANE
Mischa.
(greift mit beiden Händen nach ihren Tattoos.)
LINDA LIND
Jane, dein Vater, er musste nicht leiden. Ah...
(hält sich die Hände vor `s Gesicht)
Ich hatte das zur Bedingung gemacht.
104
GREGORY
Du musst hier weg, Linda. Jane, wir müssen deine Mutter in
Sicherheit bringen. Linda? Du hast Millionen. Du kannst
leicht untertauchen.
LINDA LIND
Untertauchen? Ich bin ein Star. Ich brauche mein Publikum.
GREGORY
Du wirst nicht vergessen sein. Im Gegenteil. Was glaubst
du was du für Schlagzeilen machen wirst? Jahrelang?
LINDA LIND
Es ist nicht die Publizität die ich mir wünsche. Es ist
nicht die Publizität für die ich gelebt und gearbeitet
habe. Nein, ich möchte wirklichen Ruhm. Ich möchte die
Welt als Legende verlassen. Klatschprogramme,
Regenborgenpresse, nicht gut genug für mich, Gregory.
GREGORY
Mit allem Respekt, Linda, du hast es nie viel weiter
gebracht.
LINDA LIND
Ich hatte immer einen Traum: ich wollte noch in
Jahrhunderten zu meinem Publikum reden. Nein, nicht zu
meinem Publikum, zu der ganzen Menschheit, zum ganzen
Universum! Ich wollte meine Statuen in Kirchen und
Moscheen und Tempeln sehen. Ich wollte den Menschen als
Vorbild dienen, als Halt, als Stütze. Und was habe ich
fertig gebracht? Ich werde eine Wachsfigur. In Madame
Tussauds.
(verzweifelt weinend)
Im Horror Kabinett.
GREGORY
Linda, jetzt bitte sei vernünftig. Komm, die warten auf
dich.
(GREGORY nimmt LINDA LIND bei der Hand.)
JANE
(überschneidend)
Mutti, vielleicht...
GREGORY
(überschneidend)
Linda.
LINDA LIND
Nein.
105
(LINDA LIND nimmt JANE `S und GREGORY `S Hand.)
LINDA LIND
Heute ist ein spezieller Tag. Eine spezielle Stunde ist
angebrochen. Mein letzter Auftritt.
GREGORY
Eine ganze Stunde lang, Linda?
LINDA LIND
Mein letzter Auftritt.
GREGORY
Sollen wir hinknien?
(JANE kniet.)
Noch einmal werde ich vor
letzte, meine allerletzte
abgeschlossen. Vor meiner
Rede halten; mein letzter
Chance.
LINDA LIND
Millionen erscheinen. Meine
Chance. Der Fall ist
Hinrichtungen werde ich eine
Auftritt; meine allerletzte
GREGORY
Linda, jetzt bitte höre auf durchzudrehen.
LINDA LIND
Ich habe immer nur versagt. Als Künstlerin. Als Mutter.
JANE
Nein, Mutti. Nein.
LINDA LIND
Doch, Kind. Ich habe immer nur versagt. Aber ich habe noch
eine Chance.
JANE
Mutti.
GREGORY
Linda?
(Die Tür zur Diele öffnet sich.)
LINDA LIND
C` fini.
(KOMMISSAR FINT erscheint mit Papieren in der
Hand die Tür zur Diele. Er schaut auf diese
Papiere und läuft darum in die vor der Tür
stehende Kommode und lässt Papiere fallen.)
106
LINDA LIND
Ja, ich habe ihn kennen gelernt. Aber nun wird er mich
kennen lernen. Vorsicht, Kommissar Fint. Darf ich?
(LINDA LIND wischt kurz an Kommissar ´s
Kleidung und hebt dann die Papiere auf.)
LINDA LIND
Meine Tochter hat versucht die Schublade zu schließen.
Oder aufzumachen. Technik ist nicht ihre Stärke. Und ich
muss gestehen: auch nicht die meine. Ich hätte die Wohnung
nicht auf den letzten technischen Stand bringen lassen
sollen. Meine Tochter hatte Recht. Das ist alles viel zu
kompliziert. Ich habe einen Fehler gemacht.
(Es knallt die Tür zur Diele zu. KOMMISSAR
FINT springt zur Seite.)
LINDA LIND
Sie sehen was ich meine. Bitte.
(übergibt Papiere)
Mein teurer Freund, Gregory, sagte ich solle flüchten.
Aber ich sagte, Gregory sagte ich...
(fängt sich)
Und heute Abend werden wir ausgehen. Jane!
(dreht sich im Kreis, zu Kommissar Fint)
Nein, stellen Sie sich hier hin.
KOMMISSAR FINT
Sie erwarten eine große Szene von mir.
LINDA LIND
Wir erwarten eine große Szene. Aber nicht von Ihnen.
JANE
Mutti ist unschuldig!
LINDA LIND
Und auch nicht von dir, Kind.
KOMMISSAR FINT
Sie, Linda Lind, haben nicht nur Ann Anderson, Sie haben
14 angehende Schauspielerinnen ermorden lassen.
LINDA LIND
14? Ich dachte immer es waren 8 oder 9.
KOMMISSAR FINT
14 angehende Stars. Rivalinnen Ihrer Tochter.
107
LIDNA LIND
Aus Schinken zu zitieren ist mein Privileg, Kommissar
Fint.
KOMMISSAR FINT
Eine Generation der talentiertesten Schauspielerinnen
ausgelöscht. Von Ihnen. Ein guter Kollege von mir, ein
Steuerprüfer und sogar Ihr eigener Mann fiel des weiteren
Ihrer Mordlust und Ihren Ambitionen zu Opfer.
LINDA LIND
Jane, mein Kind, ich habe es für dich getan.
KOMMISSAR FINT
Madeleine la Reine, laut Arbeitserlaubnis eine
Haushaltshilfe und Köchin. In Wirklichkeit eine brutale
Vertragsmörderin. Eine Ihrer sogenannten Angestellten die
sobald ihr Auftrag erledigt wieder sicher im Ausland
verschwunden sind. Aber Madeleine spielte ihre Rolle nicht
wie geplant? Habe ich da Recht, Madam? Madeleine hatte
nämlich einen Plan. Sie wollte ein Star werden.
LINDA LIND
(überschneidend)
Das wissen wir bereits alles, Herr Kommissar.
KOMMISSAR FINT
Nicht alles. Ich habe noch eine kleine Überraschung für
Sie: Madeleine legte sich einen Künstlernamen zu, einen
französischen. Sie sagte, Sie komme Paris. In Wirklichkeit
heißt Madeleine Kate Butcher und kommt aus Southsea,
England, Great Britain. Sie, Frau Lind, haben 3 Wochen
lang Englisches Essen serviert bekommen. Nein, ich
korrigiere mich. Es war die klassisch englische Küche die
Sie kennen lernen durften. Ihre Tochter sagte: "Mutti ging
ins Bad." Sie gingen nicht, Frau Lind. Sie rannten. Sie
wollten ihr eigenes Bad erreichen! aber hatten es nur bis
in die Hundetoilette hier in der Diele geschafft. Gleich
nach meinem ersten Besuch habe ich Nachforschungen in
England anstellen lassen. Und wurde fündig. Kate Butcher:
75 Vertragsmorde in unter 3 Jahren. Ein Profi, die hier
als Köchin und Mörderin ihr Unwesen getrieben hat. Aber
möchten Sie wissen was ihr wirklicher Fehler war?
LINDA LIND
Ja bitte. Man lernt nie aus.
KOMMISSAR FINT
Sie haben kein Talent.
Zum Mord, Frau Lind. Zum Mord. Gleich während meines
ersten Besuches...
108
LINDA LIND
(unterbrechend)
Darf ich Sie hier unterbrechen. Sie haben sicherlich
nichts dagegen wenn ich auch einmal zu Wort komme.
Kommissar Fint, ich bin bereit. Mein letzter Auftritt.
KOMMISSAR FINT
Sie werden abgeholt...
LINDA LIND
(einwerfend)
Von hier?
KOMMISSAR FINT
Ja. Ihre Hinrichtung: a `la Maria Stuart. Beil, Henker,
rote Kapuze... wurde entschieden.
LINDA LIND
Von Ihnen.
KOMMISAR FINT
Ja. Als Anklang zu Ihren historischen Filmen.
LINDA LIND
Und das ist das Skript.
(LINDA LIND nimmt KOMMISSAR FINT Skript aus
der Hand. Sie zieht ihre Brille auf.)
LINDA LIND
(während sie durch das Skript geht)
Sie lieben Ihren Beruf.
KOMMISSAR FINT
Ja.
LINDA LIND
Ihr Beruf befriedigt sie.
KOMMISSAR FINT
Ja. Sehr oft und regelmäßig.
LINDA LIND
Und auf der Hundetoilette. Ja.
Sie sind ein Sadist. Ein Sadist und Verbrecher!
(sucht im Skript)
Und was trage ich? Nichts vermerkt.
KOMMISSAR FINT
Sie werden improvisieren müssen.
109
(KOMMISSAR FINT nimmt LINDA LIND Skript aus
der Hand. LINDA LIND fängt mit schwarzem
Schleier an zu improvisieren an und lässt sich
dabei Zeit.)
LINDA LIND
Sie sagten, ich hätte zu improvisieren?
JANE
Ich werde dich nicht gehen lassen.
LINDA LIND
Kind.
(LINDA LIND und JANE umarmen sich.)
JANE
Mutti.
LINDA LIND
Ich möchte bitte mit meiner Tochter reden. Alleine. Jane,
du wirst nun gleich das allerletzte Mal mit deiner Mutter
reden. Wenn Sie uns bitte entschuldigen.
(KOMMISSAR FINT und GREGORY gehen ab durch die
Tür zu Diele. LINDA LIND tippt zwei Mal. Die
Tür bleibt auf. Sie schaut auf ihr notiertes,
tippt, die Tür zur Diele geht zu.)
LINDA LIND
Kind.
JANE
Mutti.
(LINDA LIND und JANE umarmen sich.)
LINDA LIND
Verspreche mir an deiner Karriere zu arbeiten.
JANE
Ich, ahm, ahm ich...
LINDA LIND
(einfallend)
Verspreche es. Du hast Talent. Ja, ich glaube an dich.
JANE
Ich mache so viel falsch.
110
LINDA LIND
Du hast deine Fehler. Gehörige Fehler. Aber die hatte ich
auch; als ich jung war. Und heute noch gehst du mit
Gregory ins Studio um diesen Film zu drehen.
JANE
Nein. Ich kann nicht.
LINDA LIND
Trage deine schwarze Perücke. Und dein schwarzes Make-up.
Nicht nur dein Vater auch ich habe mich geweigert dein
Talent zu erkennen. Ja, die sollen dieses Badeschaum in
Koloshinikov umbenenne. Ja, das ist eine sehr gute Idee
von dir. Ja, du hast Talent. Wir sind so anders. Und doch
so gleich. Jane, du wirst die neue Linda Lind.
JANE
Nein. Ich kann nicht.
LINDA LIND
(während sie große, runde Ohrringe anlegt)
Tue es mir zuliebe. Du hast es versprochen.
Ich habe so viel falsch gemacht in deiner Erziehung.
JANE
Nein, Mutti, nein.
(Die Tür zur Diele öffnet sich.)
LINDA LIND
Ich hätte so viel besser machen können. Ich mache mir
solche Vorwürfe.
(nimmt Ohrringe wieder ab)
(EGON FRANZEN und EMILIO kommt mit Bahre
herein.)
EMILIO
Wir kommen um sie abzuholen.
LINDA LIND
Ich bin bereit.
(legt schnell nochmals die Ohrringe an)
(Die Tür zur Diele knarrt und sprüht Funken.)
LINDA LIND
Vorsicht mit der Tür.
JANE
Vorsicht.
111
LINDA LIND
Jane, mein Testament, es ist nochmals alles kopiert und
hinterlegt. Es laufen noch 3 Verfahren gegen mich wegen
Steuerhinterziehung...
JANE
(einwerfend)
Aber du hast doch alle umgebracht?
LINDA LIND
Nicht alle. Offensichtlich. 450 Millionen liegen im
Ausland. Das Geld ist sicher. Bleibe bei meinem
Vermögensberater. Er ist teuer. Aber es lohnt sich.
(nimmt Ohrringe wieder ab)
Jane, bitte.
(übergibt Ohrringe)
Diesem Kommissar, dem gibst du deinen Modeschmuck und
sonst nichts. Und falls er dir Schwierigkeiten machen
will, dann soll sich meine Agentur um ihn kümmern. Alle
diesbezüglichen Infos wird dir mein Vermögensberater
zukommen lassen. Du wirst meine Arbeit weiterführen!
(LINDA LIND legt sich auf die Bahre und wird
von EMILIO und EGON FRANZEN Richtung Tür
getragen.)
JANE
Warum holen die dich so?
LINDA LIND
Ich weiß nicht, Kind.
EMILIO
Sag mal, war das nicht `ne Leiche die wir abholen sollen?
JANE
Natürlich. Ihr kommt für Ann Anderson. Ann Anderson. Sie
liegt in der Küche.
EGON FRANZEN
Ja das habe ich mir doch auch gleich gedacht. Das hier
etwas nicht stimmt.
(KOMMISSAR FINT und GREGORY kommt durch die
Tür zur Diele herein.)
KOMMISSAR FINT
Absetzen.
Wer von Ihnen ist der Verantwortliche?
EGON FRANZEN
Ich.
112
KOMMISSAR FINT
Name.
EGON FRANZEN
Franzen. Egon Franzen. Staatlich geprüfter Mordleichen
Entsorger. Es tut mir leid, da ist ein kleines
Missverständnis aufgetreten; gerade eben. Aber es hat sich
ja schon wieder alles in Wohlgefallen aufgelöst.
KOMMISAR FINT
Kommissar Fint. GDSPA.
EGON FRANZEN
Entschuldigung. Ich spreche kein Chinesisch.
KOMMISSAR FINT
Sie werden in der Küche warten und auf ein Zeichen mit der
zu entsorgenden Leiche eine Minute vor Linda Lind die
Wohnung verlassen. Zu Fuß, bis in die Eingangsebene.
EGON FRANZEN
Ja wie? Zu Fuß? 30 Stockwerke? Mit ´ner Leiche? Auf ´ner
Bahre?
KOMMISSAR FINT
Gut. Sie haben verstanden.
EGON FRANZEN
Und warum nicht im Aufzug?
EMILIO
Wo ist diese Leiche bitte?
KOMMISSAR FINT
In der Küche.
(tippt)
(Die Tür zur Küche öffnet sich.)
EGON FRANZEN
Und wo bitte ist die Küche.
EMILIO
Hier. Komm.
EGON FRANZEN
Und warum hat man uns dann hier rein geschickt? Anstatt
gleich in die Küche?
EMILIO
Hier. Komm.
113
EGON FRANZEN
Nein jetzt werde ich zuerst mit dem reden.
EMILIO
Schnauze.
EGON FRANZEN
HERR GD noch mal was. Nur noch kurz ´ne Kleinigkeit. Der
Ton kann Musik sein aber auch Krach. Und Ihr Ton ist
Krach.
EMILIO
Komm.
EGON FRANZEN
Und Krach geht mir auf die Nerven.
EMILIO
Komm. Schnauze.
EGON FRANZEN
Also bitte einen Krach mehr machen vor mir heute.
EMILIO
Schnauze.
EGON FRANZEN
(während er abgeht)
Nein. Es ist der Ton von dem.
EMILIO
Schnauze. Komm.
(EGON FRANZEN und EMILIO gehen ab durch die
Tür zur Küche. Tür fängt kurz danach zu
ruckeln an und schließt sich dann mit lauten
Knall.)
LINDA LIND
Sie sind ein Monster. Ja, das sind sie. Ein Monster. Ein
Sadist und Verbrecher!
KOMMISSAR FINT
Ah, ich sehe. Sie proben auf Ihre letzte Rede. Kanal 12.
Ein weltweites Publikum. Sie werden sagen ich sei ein
Sadist. Ein Sadist und Verbrecher. Und sexuell pervers.
Werden Sie vor Ihrem Publikum auch die Hundetoilette
erwähnen? Ja? Nein?
LINDA LIND
In meiner letzten Rede werde ich meinem Publikum nichts
von Ihnen erzählen. Ich werde Sie nicht einmal erwähnen.
114
KOMMISSAR FINT
Ah. Sie denken an irgend ein Melodrama. Etwas aus Ihren
Klassikern.
LINDA LIND
In meiner letzten großen Rede, vor meiner Hinrichtung,
werde ich meinem Publikum von der Liebe erzählen. So wie
ich es in meinen Filmen getan habe.
KOMMISSAR FINT
Sie haben ihre Liebhaber gewöhnlich zerstückelt. Haben Sie
nicht einen sogar aufgegessen?
LINDA LIND
Auch die größte Schauspielerin muss Zugeständnisse machen
- an den öffentlichen Geschmack. Und nicht nur heutzutage.
Das war schon immer so.
KOMMISSAR FINT
Und was für eine Rede werden Sie Ihrem Gatten halten.
JANE
Vati.
LINDA LIND
Vati wird mir verzeihen, Kind. Ich kenne ihn.
KOMMISSAR FINT
Ah, Entschuldigung.
(übergibt Schmuck)
Für Sie. Ihr Schmuck.
LINDA LIND
Danke sehr.
(fängt an Schmuck anzulegen)
KOMMISSAR FINT
Die 35 Millionen habe ich wohltätigen Organisationen
spendiert. Altenhilfe, Tierheime... Ich bin
unkorrumpierbar.
LINDA LIND
Was das materielle betrifft offensichtlich ja.
(KOMMISSAR FINT tippt, die Tür zur Diele auf.
Scheinwerfer.)
KOMMISSAR FINT
Bitte sehr. Nach Ihnen.
115
STIMME
(von hinter den Kulissen)
Sie kommt.
LINDA LIND
Dann bin ich jetzt gleich hier schon vor der Kamera. Ich
muss zuerst das Script lesen. Ich brauche mindestens drei,
vier Proben.
(greift nach Script)
KOMMISSAR FINT
Ich werde nie mehr als einen Schritt von Ihnen entfernt
sein. Ich werde Sie prompten.
LINDA LIND
Danke sehr.
(LINDA LIND will abgehen, tippt, die Tür zur
Diele geht zu. Sie reißt sich Schlitze in ihr
Kleid und öffnet sich die Haare.)
LINDA LIND
Sie sagten, ich hätte zu improvisieren.
(legt sich schwarzen Schleier um eine Schulter,
tippt)
(Die Tür zur Diele geht auf.)
LINDA LIND
Liebe, Kommissar Fint.
(will abgehen)
STIMME
(von hinter den Kulissen)
Sie kommt.
JANE
Ich werde dir eine Locke von Freddy `s Haare abschneiden.
(JANE haut mit Faust auf eine Schublade der
Kommode, die Schublade geht auf, Kommode fängt
stärker und stärker zu vibrieren an.)
LINDA LIND
Jane!
(JANE holt Schere aus Schublade und schneidet
FREDDY eine Locke Haare ab. FREDDY knurrt und
bellt.)
LINDA LIND
Nein, Jane, nein.
116
JANE
Doch.
LINDA LIND
Nein, Jane, bitte.
(JANE steht da mit abgeschnittenen Haaren.)
LINDA LIND
Freddy, bitte.
(FREDDY hört zu bellen auf.)
LINDA LIND
Jane, nicht notwendig. Ich habe bereits genügend Haare von
Freddy an meinem Kleid.
(Schrank und Kommode fahren los und haben
"Verkehrsunfall". Alle erschrecken und
springen in Sicherheit außer Linda Lind die
regungslos in gleicher Pose stehen blieb.)
LINDA LIND
Adieu.
(will abgehen)
STIMME
(von hinter den Kulissen)
Sie kommt.
(LINDA LIND wendet sich kurz vor der Tür,
tippt, die Tür zur Diele geht zu.)
LINDA LIND
Ich habe noch eine Bitte. Mein Diadem.
JANE
Ja.
(nickt; versteht)
Ah ja, Mutti.
(JANE nimmt Diadem ab und überreicht es
LINDA LIND die es sich aufsetzt.)
JANE
Und trage das auch.
(nimmt Collier ab)
LINDA LIND
Nein, Kind.
117
JANE
Doch.
LINDA LIND
Nein.
(JANE legt LINDA LIND das Collier an.)
LINDA LIND
Jane?!
(begutachtet sich im Spiegel, hält sich den
Hals)
Nein. Vielleicht besser nicht.
JANE
Und das auch, Mutti.
LINDA LIND
Nein, Jane.
JANE
Doch. Das schenke ich dir.
(JANE legt LINDA LIND den Modeschmuck an
während diese versucht sich das Collier
abzunehmen.)
LINDA LIND
Jane. Bitte.
(LINDA LIND bringt es fertig sich das Collier
abzunehmen. Während sie JANE das Collier
überreicht sieht sie sich im Spiegel und zieht
ihre Brille auf.)
LINDA LIND
Jane?! Nein. Nehme mir dieses Ding ab!
(LINDA LIND überreicht Collier Gregory und
versucht sich dann den Modeschmuck
abzunehmen.)
GREGORY
Wart mal.
(holt Pinzette aus Jane `s Pillenköfferchen)
JANE
Ach, Mutti.
LINDA LIND
Kind, das steht deiner Mutti einfach nicht. Au, Vorsicht
mit der Pinzette.
118
JANE
Du blutest.
(holt Wattebüschel aus Pillenköfferchen)
LINDA LIND
Nein. Lass. Ich muss improvisieren. Wenigstens werde ich
nicht aus einem 30 Stock gestürzt. Man sieht so grässlich
danach aus.
KOMMISSAR FINT
Nach Ihrer Hinrichtung - ohne Kopf und Frisur - werden sie
auch nicht viel besser aussehen.
LINDA LIND
Nun haben sie sich verraten was für ein kaltes, billiges
Monster Sie sind.
KOMMISSAR FINT
Ein grässlicher Anblick. Ein ganz neuer Anblick den Sie
Ihrem Publikum bieten werden. Was sollen wir mit ihrem
Haupt tun? Irgend ein besonderer Wunsch. Ein Museum?
Vielleicht? Ihr Museum? Das Sie gründen wollen? Oder sind
das nur Gerüchte? Ihr Haupt mumifiziert. In der
Eingangshalle; von Ihrem Museum.
LINDA LIND
Sie fangen an mir leid zu tun.
GREGORY
Geht nicht, Linda.
(LINDA LIND nimmt GREGORY die Pinzette aus der
Hand und übergibt diese KOMMISSAR FINT.)
LINDA LIND
Herr Kommissar, bitte.
(KOMMISSAR FINT nimmt LINDA LIND den
Modeschmuck ab.)
LINDA LIND
Ah.
(reibt sich den Hals)
Danke sehr.
(lässt Modeschmuck in den Papierkorb fallen
und übergibt dann JANE das Collier)
Bitte lege es an.
(ohne sich zu wenden)
Gregory, bitte überreiche dem Kommissar ein Hygienetuch.
Und heute noch wirst du diesen Film drehen.
119
JANE
(während sie das Collier anlegt)
Ich, ahm,
LINDA LIND
Verspreche es.
(GREGORY holt aus Jane `s Pillenköfferchen ein
Papiertaschentuch. KOMMISSAR FINT putzt sich
daran die Hände, schaut auf seine Hände und
putzt diese dann an seiner Hose ab.)
JANE
Ich verspreche es.
LINDA LIND
(holt Modeschmuck aus Papierkorb)
Entschuldigung. Bitte sei nicht böse mit deiner Mutti. Da.
Das steht dir wunderbar.
JANE
Danke, Mutti.
(legt Modeschmuck an)
LINDA LIND
Gregory, bitte kümmere dich um Jane. Sie ist ein Engel.
Ich vertraue dir.
GREGORY
(gerührt)
Linda.
(LINDA LIND und GREGORRY umarmen sich. LINDA
LIND tippt, schaut auf ihr notiertes, tippt,
die Tür zur Diele geht, Scheinwerfer.)
STIMME
(von hinter den Kulissen)
Sie kommt.
GREGORY
Ich habe dich ganz falsch eingeschätzt.
LINDA LIND
Du hast mich richtig eingeschätzt. Ich habe erst heute zu
mir gefunden.
Gregory, Jane und ich dachten es sei eine gute Idee diesen
Badeschaum in Koloshinikov umzubenennen. Adieu.
(will abgehen)
GREGORY
Koloshini... was?
120
JANE
Nein!
(rennt los)
(JANE haut im Vorbeirennen die römische Vase
vom Sockel.)
LINDA LIND
Jane!
(LINDA LIND tippt, die Tür zur Diele geht zu.)
JANE
Du hast mir immer so schön vorgesungen.
LINDA LIND
Ja, Kind.
GREGORY
Linda?
LINDA LIND
Ich werde die Menschen aufrufen zu lieben! "Der Sohn der
Liebe ist das Mitleid!" Liebe, Kommissar Fint.
(tippt, die Tür geht nicht auf)
Nehmen Sie sich meine Worte zu Herzen.
GREGORY
Linda, warum Koloshini was?
(LINDA LIND tippt, die ruckelt.)
LINDA LIND
Jane.
(hält Wange hin zum Kuss)
(Während JANE küsst schaut LINDA LIND so
unauffällig wie möglich in ihr notiertes,
tippt, die Tür zur Diele geht auf.)
STIMME
(von hinter den Kulissen)
Sie kommt.
LINDA LIND
(streichelt)
Freddy, Adieu.
Liebe, Kommissar Fint.
(tritt in das Scheinwerferlicht)
Ja, ich bin schuldig. 15 Rivalinnen meiner Tochter, ich
ließ sie alle ermorden und...
(hält ein)
121
LINDA LIND
(fortgesetzt)
... vor meiner Hinrichtung werde ich eine Rede halten.
Meine letzte große Rede. Eine Botschaft für mein Publikum.
Die ausländische Presse? Wo?
KOMMISSAR FINT
Im Treppenhaus. Ganz runter.
LINDA LIND
Das heißt 30 Stockwerde. Zu Fuß.
KOMMISSAR FINT
Ja. Wir konnten sie sonst nirgendwo unterbringen.
Mordleichenentsorger Egon Franzen und sein Assistent
werden mit der Leiche von Ann Anderson vor Ihnen hergehen.
Sie fahren mit Ihrem eigen Wagen.
LINDA LIND
Mit welchem?
KOMMISSAR FINT
Ich weiser Bentley. Ihr eigener Chauffeur. Sie fahren
direkt zur Strafvollzugsanstalt.
LINDA LIND
Fahrtzeit.
KOMMISSAR FINT
1 Stunde 35 Minuten.
LINDA LIND
Strafvollzugsanstalt Südwest.
KOMMISASR FINT
Ja.
Kanal 12 meint dank Ihnen heute die dritthöchste
Einschaltquote zu erreichen.
LINDA LIND
Ja. Die dritthöchste. Ich weiß.
KOMMISSAR FINT
Mein Beileid.
LINDA LIND
Mein Ruhm wird einmal nicht nach Einschaltquoten gemessen
werden. Ah, ich hätte vorher das Script lesen sollen.
(greift nach Script)
122
KOMMISSAR FINT
Ich werde nie mehr wie einen Meter von Ihnen entfernt
sein. Ich werde sie prompten
LINDA LIND
Danke sehr.
(LINDA LIND und KOMMISSAR FINT wollen
abgehen.)
KOMMISSAR FINT
(Magenkrämpfe)
Ah...
(LINDA LIND wendet sich nach KOMMISSAR FINT.)
LINDA LIND
Nein.
(streckt die Hand aus)
Halt. Stopp!
(Die Tür zur Diele geht zu. Linda Lind `s
schwarzer Schleier ist noch halb im Zimmer.)
KOMMISSAR FINT
(Magenkrämpfe)
Ah...
(Die Tür zur Diele geht auf. LINDA LIND zieht
ihren schwarzen Schleier aus dem Zimmer.)
LINDA LIND
Nein. Stop!
(Die Tür zur Diele schließt sich während
LINDA LIND mit ausgestreckter Hand nach
Kommissar Fint Luft holt um etwas zu sagen.)
GREGORY
Warum schauen Sie mich so an? Wir haben sie nicht
vergiftet. Haben Sie etwas gegessen? Hier in der Wohnung?
KOMMISSAR FINT
Nein. Ich habe nur an etwas gerochen. Ah...
JANE
Das hatten wir auch alle schon ein paar Mal.
KOMMISSAR FINT
Haben Sie eine Toilette in der Küche. Ah...
123
GREGORY
Habt ihr eine Toilette in der Küche?!
JANE
Nein.
(KOMMISSAR FINT tippt. Die Tür zur Diele
öffnet sich.)
JANE
Aber ich sah mal wie Madeleine...
(JANE hält ein da KOMMISSAR FINT nach
Papieren greift und abrennt.
Jane `s Wahnsinnsscene beginnt: sie reißt
sich ihren Modeschmuck vom Hals, nagt daran,
setzt sich diesen als Kranz auf ´s Haar,
holt Pillendose aus Pillenköfferchen,
schüttelt Pillendose und lacht.
Klassische Musik dann Kirchenglocken.)
GREGORY
(schaut in die Diele)
Mach dich fertig. Deine Mutter geht gerade.
(JANE zieht große Ohrringe an, Modeschmuck
fällt ihr vom Kopf, sie tanzt und haut
dabei blitzschnell Gregory ins Auge.)
GREGORY
Au! Jane? Vorsicht.
JANE
Ich werde eine große Schauspielerin werden.
GREGORY
Jane?
(JANE summt die Melodie: "Guten Abend, Gute
Nacht... nimmt weitere Pillen.)
GREGORY
(liest)
"Für Hunde und Katzen und kleine Saugetiere". Jane?
JANE
(singt)
Guten Abend, Gute Nacht...
124
GREGORY
Jane, bitte, jetzt lass den Blödsinn.
(begutachtet römische Vase, tippt)
Du das war ´ne Römische Vase; 6000 Jahre alt; die du
gerade zertrümmert hast.
JANE
Mutti.
GREGORY
Jane, deine Mutter, da kann man jetzt nichts mehr machen.
Sie wollte es so.
JANE
Ja.
(hört nicht auf zu nicken)
GREGORY
Sie will als Heilige die Welt verlassen, Verstehst du das?
(tippt)
Und was deine Mutter sich in den Kopf setzt...
STIMME
Studio Soll-Aria.
GREGORY
... das tut sie auch. Linda bleibt Linda. Linda wird immer
Linda bleiben. Und der Hund muss zum Arzt. Der sieht so
richtig ramponiert aus.
(ins Handy)
Wir kommen. Jane und ich. Wir werden in genau 20 Minuten
im Studio sein. Und sagen: wir kommen ganz sicher.
Jane, komm.
JANE
Ich werde diesen Film heute nicht drehen.
GREGORY
Jane, du weist was du deiner Mutter versprochen hast?
(JANE nimmt Tastatur in den Arm, spukt auf
diese und putzt und wirft dann die Tastatur
auf den Boden und stampft auf dieser herum.)
JANE
Ah. Ah. Ah...
(Was vom Schrank und der Kommode noch vom
"Verkehrsunfall" übrig geblieben ist fängt an
zu ruckeln.)
125
GREGORY
Vorsicht, Jane.
(JANE schüttet sich Pillen in die Hand und
schluckt und kaut.)
GREGORY
Jane?
(JANE hebt Kette auf vom Boden und kaut
daran.)
GREGORRY
Jane? Bist du verrückt geworden?
(JANE fängt an ihre Tattoos zu reiben.)
GREGORY
Jane? Sind das Tattoos?
(will nachschauen)
JANE
(aufheulend)
Ah...!
(GREGORY schaut nach Jane `s Tattoos.)
GREGORY
Koloshinikov. Mikail, Pietro...
JANE
(aufheulend, sich entziehend)
Ah!
GREGORY
Steckt da deine Mutter dahinter?
Koloshini... so wollte sie diesen Badeschaum umbenenne.
Jane? Im Gottes Willen? War das die Idee deiner Mutter?
Das ist alles naturrein?!
Ihr seid wirklich durchgedreht.
(entfernt sich rückwärtsgehend vorsichtig
von Jane)
JANE
Du hast Madeleine mit ins Studio. Du hattest ein
Verhältnis mit ihr!
(nimmt Messer vom Regal in die Hand)
GREGORY
Ich hatte kein Verhältnis mit Madeleine. Jane, jetzt bitte
bleib vernünftig.
126
(JANE rennt schreiend mit hochgehaltenem
Messer auf GREGORRY zu.)
JANE
Ah...!
GREGORY
Jane.
(GREGORY dreht sich, will flüchten, stolpert
und fällt, wird von JANE erstochen)
GREGORY
Ah.
(JANE summt: "Guten Abend, Gute Nacht...",
fängt zu weinen an und schaut dann abrupt und
stumm auf Publikum.
EGON FRANZEN schaut aus der Küchentür
herein.)
EGON FRANZEN
(in die Küche)
Da hat jemand geschrien. Ich bin sicher. Mein Gehör ist
noch ausgezeichnet. Nein, du bliebst hier und wartest auf
das Zeichen.
(JANE summt "Guten Abend, Gute Nacht..." und
geht langsam mit blutverschmiertem Messer auf
EGON FRANZEN zu.)
JANE
(singt)
Ein Engel wacht...
EGON FRANZEN
(ängstlich, sich leicht Richtung Küche
wendend)
Emilio?
(JANE hört zu singen auf und geht auf Egon
Franzen zu.)
EGON FRANZEN
Guten Tag.
(EMILIO schaut herein.)
EGON FRANZEN
Ah, da kommt mein guter Freund Emilio.
127
(EGON FRANZEN geht hinter EMILIO in
Sicherheit.)
JANE
Ich bin eine große Schauspielerin. Das mit der
Müllversorgung, das war nicht ich.
EGON FRANZEN
Nein. Natürlich nicht.
JANE
Freddy!
(lässt Messer fallen und schaut unter Sofa)
EMILIO
Vorsicht. Die hat den abgestochen.
EGON FRANZEN
Um Gottes Willen. Und das ist was ich gehört habe. Diese
Schreie. Diese schrecklichen, furchtbaren Schreie.
Vielleicht lebt der noch.
EMILIO
(inspiziert)
Nein. Mausetot. Vorsicht.
JANE
(greift unter Sofa)
Freddy.
EGON FRANZEN
(schaut in die Diele)
Ja sag mal? Wo sind die denn alle? Da ist niemand mehr da.
Was ist denn hier los? Ich will sofort wissen was hier los
ist?
(JANE rennt ab in die Küche.)
EGON FRANZEN
Vorsicht. Ich werde dieses Messer sicherstellen. Hast du
ein Taschentuch? Wegen der Fingerabdrücke. Ich habe das
Gefühl wie müssen uns hier ganz korrekt benehmen. Wir
werden diese mutmaßliche Mörderin verhaften und den
zuständigen Behörden übergeben.
EMILIO
Dann verhafte du mal schön.
EGON FRANZEN
Nein, das machst du. Ich bin dein Vorgesetzter und habe
diese Aufgabe an dich substioriert. Oder wie man da sagt.
128
EGON FRANZEN
(fortgesetzt)
Weitergeleitet. Emilio, du musst lernen Verantwortung
übernehmen zu können.
(EMILIO will Messer sicherstellen.)
EGON FRANZEN
Nein. Das Messer sicherstellen mache ich. Und du
verhaftest die jetzt mal schön.
(EMILIO gibt EGON FRANZEN ein Taschentuch.
JANE singt von hinter den Kulissen: "Guten
Abend, Gute Nacht". EGON FRANZEN horcht und
hält mit dem Sicherstellen des Messers ein.)
JANE
(von hinter den Kulissen)
Abendessen!
EGON FRANZEN
Was ruft sie da?
EMILIO
Abendessen.
EGON FRANZEN
Was? Abendessen?
(JANE schleift Hundefutterpacket durch die
Küchentür herein.)
EGON FRANZEN
Es tut mir leid, ich muss sie darüber verständigen, dass
wir das Recht und die Pflicht haben; in außerordentlichen
Umständen, nein Zuständen, nein Umständen, ahm, Sie stehen
unter Verdacht...
JANE
(unterbrechend)
Nein, Abendessen.
(JANE teilt Hundefutter aus und rennt dann
ab in die Küche. EMILIO lässt Hundefutter aus
seiner Hand fallen.)
EGON FRANZEN
(mit Hundefutter im Taschentuch in der Hand)
Aber das ist doch? Hundefutter. Das weiß ich. Weil wir
hatten doch auch mal `nen Hund. Was ist denn hier los?!
129
(JANE schleift schwarzen Sack durch die
Küchentür herein aus dem der Torso von ANN
ANDERSON herausschaut.)
EGON FRANZEN
Halt. Stopp. Was machen Sie denn da?
(JANE holt aus den Trümmern der Kommode
Klebeband.)
EMILIO
Lass sie.
JANE
Einpacken.
EGON FRANZEN
Was sagt sie?
(JANE umwickelt Torso von ANN ANDERSON mit
Klebeband.)
JANE
Einpacken.
EGON FRANZEN
Nein! Stopp!
(KOMMISSAR FINT kommt durch die Tür zur Diele
herein.)
KOMMISSAR FINT
Was machen Sie hier?
EGON FRANZEN
Wer? Wir?
KOMMISSAR FINT
Herr stattliche geprüfter Mordleichenenstsorger: Sie
sollten eine Minute vor Linda Lind diese Wohnung
verlassen. Mit diesem Mordopfer auf einer Bahre.
EGON FRANZEN
Ja. 30 Stockwerke. Zu Fuß. Ich weiß. Aber wir haben auf
das Zeichen gewartet. Und außerdem wären wir mit dem
Aufzug gefahren. Ich bin ein staatlich geprüfter
Mordleichenentsorger und kenne die Vorschriften: jedes
Mordopfer hat mit Dekorum entsorgt zu werden. Und 30
Stockwerke zu Fuß, da geht mir das Dekorum aus. Soviel
Dekorum habe ich nicht zur Verfügung.
130
KOMMISAR FINT
Warum haben Sie dieses Mordopfer hier ins Wohnzimmer
gebracht?
EGON FRANZEN
Wir haben dieses Mordopfer hier nicht ins Wohnzimmer
gebracht. Und außerdem: wie hätte dieses Zeichen denn
aussehen sollen? Rot, grün oder lila?
(KOMMISSAR FINT sieht GREGORY RAMBOLD und
bückt sich nach diesem.)
KOMMISSAR FINT
(sieht und beugt sich über Gregory Rambold)
Erstochen? Von wem?
EGON FRANZEN
Das kann ich Ihnen alles erklären. Im Detail. Und Detail
genau: Ich hatte Schreie gehört, schreckliche, furchtbare
Schreie. Fürchterliche Schreie. Das ging mit so richtig
durch Mark und Bein; wie man so sagt. Sie kennen diesen
Ausspruch. Ich frage weil man benützt solche Aussprüche
nicht mehr so viel wie ich das gewöhnt bin. Wir haben das
alles noch in der Schule gelernt. Und dann ich habe sofort
zu Emilio gesagt ob er auch was gehört hat. Das habe ich
ihn sofort gefragt. Und dann bin ich sofort hier rein um
sofort zu investieren. Und dieses Mordopfer hatten wir
schon für den Abtransport fertig. Dieses Mordopfer - und
das muss ich betonen und werde das auch vermerken - war
schon teilweise entsorgt. Diesen Müllzerkleinerer in der
Küche... das müssten Sie mal sehen. Das ist schokierend.
KOMMISSAR FINT
(Magenkrämpfe)
Ah.
EGON
So etwas ist mir in meiner ganzen beruflichen Laufbahn
noch nicht vorgekommen. Ist etwas nicht in Ordnung?
KOMMISSAR FINT
(ins Handy)
Mit Linda Lind einen Umweg fahren. Ich komme nach. Sie
soll eine längere Rede halten. Verlängern Sie ihre letzte
Rede auf 7 Minuten. Das schaffe ich.
(JANE nimmt von allen unbemerkt Messer in die
Hand und bleibt damit regungs -und
ausdruckslos stehen.)
KOMMISSAR FINT
Was haben Sie da in der Hand?
131
EGON FRANZEN
Hundefutter.
KOMMISSAR FINT
Hundefutter?
(JANE rennt mit langem, lauten Schrei auf
KOMMISSAR FINT zu. Beide taumeln hinter das
Sofa von wo man aus JANE ein paar Mal
auftauchen und zustechen sieht. Blutfontäne.
JANE taucht von hinter Sofa auf und geht
langsam auf EGON FRANZEN zu.)
JANE
Ich bin eine berühmte Schauspielerin.
(EGON FRANZEN lässt Hundefutter fallen und
will durch die Tür zur Diele abrennen. Es
haut die Tür vor ihm zu. JANE geht langsam
auf EGON FRANZEN zu.)
JANE
Ich...
(hält ein)
EGON FRANZEN
Oh ja, das machen Sie wunderbar.
(JANE fängt zu tanzen an. EMILIO geht von
hinten auf JANE zu. Er hält ihrem Arm. JANE
lässt Messer fallen.)
JANE
Mutti, gehen wir jetzt ins Studio?
EGON FRANZEN
Oh Gott.
(geht in die Knie)
EMILIO
Jetzt komm. Es ist doch nichts passiert.
EGON FRANZEN
Nichts passiert? Ja und der Kommissar? Abgestochen. Und da
liegt noch mal einer. Und noch mal eine. Wie viele Leichen
brauchst du denn noch? Ich werde dieses Messer
sicherstellen.
(schleicht sich Richtung Messer)
Wo habe ich jetzt das Taschentuch?
(JANE knallt eine Tastatur auf den Boden und
stampft auf dieser herum.)
132
EMILIO
Vorsicht.
(JANE nimmt Tastatur tröstend und streichelnd
in die Hand und lallt "quietschtürhaft"
"Guten Abend, Gute Nacht... wühlt im
Papierkorb, holt Kuchen und isst diesen.)
EMILIO
Vorsicht.
JANE
(schluckt Kuchen)
äh.
(stirbt.)
EGON FRANZEN
Vielleicht ist sie nur ohnmächtig.
EMILIO
(fühlt)
Nein.
EGON FRANZEN
Aber sie ist eines natürlichen Todes gestorben. Und darum
und sind wir nicht zuständig für sie. Mein Gott. Du das
fing heute Morgen schon wieder mal so an und da wusste
ich: das wird wieder einer dieser Tage werden heute. Du
ist die auch wirklich...?
EMILIO
Ja.
EGON FRANZEN
Du, und das ist vielleicht auch besser so. Die hätten die
doch nur auf dem Kanal..., weiß Gott was die mit ihr
angestellt hätten. Wir schauen uns das ja nicht mehr
an. Früher konnte man das sich anschauen aber heute, das
wird so richtig abartig. Das ist nur noch Unterhaltung.
Und auf die primitivste Art und Weise. Die ursprüngliche
Idee... und das hat der wunderbar ausgedrückt, dieser...
wie heißt er noch mal? Und darum werden wir den auch
wählen nächstes Mal. Weil die die jetzt dran sind, die
wissen ja überhaupt nicht mehr weiter.
EMILIO
Sag mal, hörst du irgendwann Mal auf zu quaken? Du ich
weiß: du quakst sogar im Schlaf. Du quakst die ganze Nacht
durch. Und darum bist du auch oft so KO morgens. Und nie
ganz richtig da. Und immer so benebelt.
133
EGON FRANZEN
Ha ha ha. Sehr lustig. Mein Kompliment. Jetzt muss ich
aber lachen. Und wenn du dich anstrengst fällt dir
vielleicht noch mal was ein. Und darf ich vielleicht noch
mal lachen heute. Da freue ich mich aber schon darauf.
EMILIO
Weil du nie aufhörst zu quaken haben wir das Signal
verpasst.
EGON FRANZEN
Es gab überhaupt kein Signal? Da ging was daneben. Die
haben vergessen das Signal zu geben. Das wir das Signal
nicht gehört haben, das ist weder deine noch meine noch
unsere Schuld. So, hast du das verstanden? Jetzt wart mal:
ich werde etablieren für wen wir zuständig sind und für
wen nicht. Und für den Job heute werde ich Gefahrenzulage
verlangen. 50% Aufschlag auf den Tagessatz. Weil da sehe
ich nicht ein, dass die brav im Büro sitzen und wir
riskieren hier unser Leben. Ah, das ist ein Gestank hier?
Wie die die Bude haben verkommen lassen? Und schau dir das
mal an. Das muss `n Kurzschluss gewesen sein. Ich sage
immer: wenn man mit diesem Zeug nicht umgehen kann dann
soll man sich das nicht anschaffen. Meine Frau will auch
immer mehr und mehr Technik in der Wohnung.
EMILIO
Ja, ich weiß.
EGON FRANZEN
Und dann weiß sie nicht damit umzugehen. Und dann frägt
sie mich. Und ich kenne mich ja erst recht nicht aus.
EMILIO
Ja, das weiß ich auch.
EGON FRANZEN
Ich meine, die Kinder, die kennen sich da aus. Die wachsen
damit auf. Eine Tür ohne Türklinke, für die ist das
normal.
EMILIO
Der ist Geheimdient, Staatssicherheit.
Egon FRANZEN
Was? Der?
EMILIO
Darum solltest du doch die Schnauze halten vor dem?
134
EGON FRANZEN
Du, die Schnauze zu halten, dazu habe ich kein Talent. Das
überlasse ich dir. Weil du das so gut kannst. Da mache
dir keine Konkurrenz. Im Schnauze halten kann ich nicht
mit dir mithalten.
Da würde ich haushoch verlieren. Jetzt wart mal. Das muss
ich mir notieren. Sonst verliere ich den Überblick. Wie
heißt die noch mal? Wir haben doch den Namen irgendwo? Ich
sage einfach Mordopfer 1. Nein. Wir haben doch den Namen
irgendwo?
EMILIO
Ann Anderson.
EGON FRANZEN
Wo steht das?
EMILIO
Hier.
EGON FRANZEN
Wo? Ah ja. Tatsächlich. Da steht `s ja: Ann Anderson. Und
der ist Geheimdienst, sagst du. Dann sind wir nicht für
den zuständig. Wir würden uns sogar strafbar machen. Und
diese Type, den haben wir doch mit dem zusammen gesehen.
Und darum ist der bestimmt auch Staatssicherheit oder so
was. Also sind wir für den auch nicht zuständig. Und die
ist eines natürliches Todes gestorben. Und das werden wir
ganz korrekt melden. Dann haben wir es wirklich nur mit
einem wirklichen Mord zu tun hier für den wir zuständig
sind. Das sah zuallererst nach mehr aus.
EMILIO
Augenblick. Ich muss mal kurz.
EGON FRANZEN
Wie heißt die noch mal?
EMILIO
Ann Anderson.
EGON FRANZEN
Und die?
EMILIO
Das muss irgend wo stehen.
(geht ab durch die Tür zur Diele)
(EGON FRANZEN tippt in seinen iPot und hat
iPot dann verschiedene male gegen seinen
Kopf. Hundegewimmer.)
135
EGON FRANZEN
(schaut unter das Sofa)
Ja wie? Wer bist denn du? Jetzt komm mal hier rauf.
Du brauchst keine Angst zu haben. Wir tun dir doch nichts.
(hält Teller hin)
Hier Gute, Gute.
Jetzt komme schon. Da: Leckerli.
(EMILIO kommt zurück.)
EMILIO
Du, diese Hundetoilette ist sehenswert.
EGON FRANZEN
Wie? Was?
EMILI
Die Gebrauchsanweisung liegt auf der Hundetoilette.
Benützt. Die Gebrauchsanweisung für die ganze Wohnung.
EGON FRANZEN
Und warum? Warum liegt die Gebrauchsanweisung auf der
Hundetoilette?
EMILIO
Lesematerial. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
EGON FRANZEN
(nach kurzer Pause)
Wo ist diese Hundetoilette?
EMILIO
Erste Tür rechts.
EGON FRANZEN
Schau mal ob wir was mitnehmen können. Du und Vorsicht, da
is` `n Hund unter dem Sofa.
EMILIO
Und Vorsicht, dass du nicht ausrutschst.
(EGON FRANZEN geht nach kurzer Pause ab.
EMILIO geht durch die Gegenstände auf dem
Regal; er steckt den Plastikpenis ein.
Hundegewimmer. Er schaut unter das Sofa.)
EMILIO
Und dich fress ich jetzt gleich auf.
(holt Bahre aus Küche und inspiziert nochmals
Gegenstände auf Regal)
(EGON FRANZEN kommt zurück.)
136
EGON FRANZEN
Mein Gott, und dann immer so tun. Nach außen hin hui aber
in Wirklichkeit - das Gegenteil. Und dieses Sprichwort hat
sich heute mal wieder bewahrheitet. Die Gebrauchsanweisung
liegt auf der Hundetoilette. Benützt.
(zeigt auf "Verkehrsunfall")
Da brauchst du dich nicht wundern wenn die Schränke
durch ´s Zimmer fahren. Du, weißt du was? Ich glaube, die
haben versucht die Hundetoilette zu putzen. Aber die
Putzanlage scheint nicht mehr richtig zu funktionieren.
Das hat das alles nur noch mehr durcheinander geschmiert.
EMILIO
Und dann habe ich auch noch alles getauft?
EGON FRANZEN
Getauft?
Emilio, Entschuldigung, das ist nicht meine Art von Humor.
Bitte reiße dich etwas zusammen vor mir.
Du ich sage dir was: auf diese Hundetoilette kann man
keinen Hund lassen. Jetzt gibt man so viel Geld für den
Tierschutz aus und nicht mal die Basis, nicht mal das
Minimum ist da.
EMILIO
Ich finde die Küche noch schlimmer. Alles nur Plunder.
EGON FRANZEN
Du und etwas habe ich gelernt heute als ich da in
Lebensgefahr geschwebt bin...
EMILIO
Bist du geschwebt oder geflogen?
EGON FRANZEN
Ich habe heute entschieden, ganz spontan, als ich gerade
in Lebensgefahr war,
EMILIO
(einwerfend)
Nein, du bist geschwebt.
EGON FRANZEN
Willst du jetzt wissen was ich entschieden habe.
EMILIO
Nein.
EGON FRANZEN
Gut. Ich werde es dir aber trotzdem sagen: ich habe heute
entschieden, und ganz spontan und ohne lange nachzudenken,
137
EMILIO
(einwerfend)
Das kann ich glauben?
EGON FRANZEN
(nach kurzer Pause)
... ich habe heute entschieden, dass ich mit 80 in Pension
gehen werde. Das habe ich heute gelernt. Ich werde nicht
warten bis ich 85 bin. Weil diesen Stress, das kann
ich einfach nicht mehr. Du, als ich vor fast 60 Jahren
angefangen habe, da ist auch viel passiert. Da war die
Welt auch nicht in Ordnung. Aber so abartig wie heute
alles ist so war das damals nicht als ich angefangen habe.
Du, jetzt krieg ich das nicht mehr aus. Und ein paar Mal
heute ging `s auch nicht richtig an.
(haut iPot an seine Stirn)
Und das ist ganz neu?
EMILIO
(hält iPot an seine Stirn)
Da bei mir klappt `s. An. Deine Gehirnfrequenz ist zu
niedrig. Da. ich hab 4 Punkt 8.
EGON FRANZEN
Und ich?
EMILIO
3 Punkt 4. Unter 3 Punkt 9 arbeiten die neuen Dinger
nicht. 3 Punkt 9 ist das absolute Minimum.
EGON FRANZEN
(nach kurzer Pause)
Ja, es wird Zeit das ich mich pensionieren lasse. Wenn ich
schon nicht mal mehr meinen iPot anbekommen.
EMILIO
Meine Frequenz ist auch nicht besonders hoch.
EGON FRANZEN
(nach kurzer Pause)
Aber um einen vollen Punkt höher als die meine.
(hält Jane `s Modeschmuck in der Hand)
Das muss was ganz wertvolles sein. Da bin ich ganz sicher.
EMILIO
Das ist doch schon ganz angenagt?
EGON FRANZEN
Nein. Schmuck, das war ihre Sache. Mensch wie heißt die
denn noch mal? Da hängt sie doch riesig groß. Und so sah
sie in jedem Film aus. Wie so ein Weihnachtsbaum. Das war
sie als Cleopatra. Und das als Brigitte noch mal was. Sie
138
EGON FRANZEN
(fortgesetzt)
hat so biographische Filme gemacht über berühmte Frauen
der Weltgeschichte. Also für mich war sie ja keine
begnadete Schauspielerinn. Aber sie hatte etwas. Und der
Hund, das ist bestimmt auch was ganz edles. Jetzt komm mal
hier rauf. Du, ich glaube, ich komme jetzt erst richtig
mit was hier los ist. Die haben die mit? Diese von der ich
gerade geredet habe. Mensch, warum komme ich jetzt nicht
auf den Namen von der? Dann haben die bestimmt ein Special
heute Abend. Während der Abendnachrichten. Wir
schauen uns das ja nicht mehr an. Außer in ganz
außergewöhnlichen Zuständen.
EMILIO
Umständen.
EGON FRANZEN
Du weißt genau was ich meine.
(EGON FRANZEN zieht FREDDY von unter Sofa
hervor.)
EMILIO
Und was soll edel an dem sein?
EGON FRANZEN
Ja glaubst du, die hätten einfach so einen Primitivköder
hier?
EMILIO
Der ist doch pot häßlich?
EGON FRANZEN
Gerade die ganz edlen und teuren Hunde sehen oft pot
hässlich aus. Das is` heutzutage so.
EMILIO
OK. Ich nehme den Schmuck und du den Hund.
EGON FRANZEN
Nein. Ich nehme den Hund und den Schmuck teilen wir uns.
Ich wollte schon immer mal wieder gerne so `n kleinen.
(zu Freddy)
Frauchen tot. Bei uns gibt es aber keine Hundetoilette.
Bei uns wird immer noch Gassi gegangen.
(zu Emilio)
Sag mal, der will immer an die Pillen? Das ist vielleicht
einer dieser drogensüchtigen Hunde von denen man immer
hört.
139
EMILIO
Dann würde ich den aber lieber hier lassen. So ´n
klaffenden Köder. Und dann auch noch drogensüchtig.
EGON FRANZEN
(zu Freddy)
Nein, da machen wir eine Entziehungskur. Außerdem hat der
noch keinen Ton von sich gegeben seit wir hier sind. Der
kann vielleicht gar nicht bellen.
(zu Emilio)
Komm, wir tun den in den Sack. Das der auf keine Kamera
kommt.
(EGON FRANZEN und EMILIO stecken FREDDY in
den schwarzen Sack zu Ann Anderson.)
EGON FRANZEN
(zu Freddy)
Keine Drogen. Und zuerst gibt es eine ärztliche
Untersuchung.
(zu Emilio)
Ich weiß wo da machen die das ganz billig.
(EGON FRANZEN und EMILIO gehen ab Bahre.)
(Vorhang)
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