Wissenswertes über Pferde Rita Naumann INHALT Pferd und Mensch Das Urwildpferd Das Sportpferd Bezeichnung der Rassen Verhaltensweisen des Pferdes Umgang mit Pferden Pflege des Pferdes Stallhaltung und Fütterung Gefahren in der Umwelt Interessante Rassepferde Der gute Reitstall Der Reitlehrer Anfänger in der Reitbahn Was heißt reiten? ©Naumann, Rita, Ratgeber Pferde 1/2014 Pferd und Mensch Pferdehufe sind schnell. Aber nicht schnell genug für das atemberaubende Tempo des Jahrhunderts, in dem wir leben. Was den Menschen Jahrtausende hindurch genügt hat, die Fortbewegung zu Pferd, uns Menschen des 21. Jahrhunderts genügt es nicht mehr. Und so schafften wir es in wenigen Jahrzehnten, dem Pferd den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Eine der ältesten Mensch-Tier-Beziehungen fast restlos zu zerstören, das Pferd beinahe zum Zootier umzugestalten. Kraft und Schnelligkeit der Motoren haben das Pferd verdrängt, vom ganz unersetzlichen Mitarbeiter zum Luxusgegenstand werden lassen. Es mag der Phantasie jedes Einzelnen überlassen bleiben, sich auszumalen, welche Veränderung in der Geschichte der Menschheit die Domestizierung des Wildpferdes bewirkt hat. Der langsame Zweibeiner wurde in einer für uns Heutige vermutlich unvorstellbaren Weise entlastet, als er lernte, sich der Kräfte und Schnelligkeit des Pferdes zu bedienen und seine Lebensmöglichkeiten dadurch rapide zu steigern. Es gab ihm Macht über jene, die die Möglichkeit, das Wildpferd auch zu anderem als zum Verzehr zu nutzen, noch nicht erkannt hatten. Es weitete seinen Lebensraum unter Schonung der eigenen Kräfte. Es veränderte sein Leben vollkommen. Und diese Mensch-Pferd-Beziehung behielt tatsächlich ihre Bedeutung über Jahrtausende hinweg bis in unser Jahrhundert hinein. Die stürmische technische Entwicklung binnen einiger Jahrzehnte von den ersten Eisenbahnen und Automobilen, deren Ansatzpunkte in das vorige Jahrhundert reichen, bis zur Weltraumfahrt unserer Tage hat unser Empfinden abgestumpft. Aber lohnt es sich nicht doch, einmal zurückzudenken, wenigstens den Versuch dazu zu machen? Vielleicht kann man sich dann doch ein bisschen ausmalen, welch überwältigende Erkenntnis es für unsere Vorfahren gewesen sein muss, dass sie die Kraft des Pferdes für sich nutzbar machen konnten, welche Bedeutung dem Pferd in der Geschichte der Menschheit zukommt. Wann diese Wandlung in der Pferd-Mensch-Beziehung eintrat, wann der Fleischlieferant Pferd zum Lastenbeförderer wurde, kann niemand genau sagen, es geschah vermutlich in der jüngeren Steinzeit. Knochenfunde, Schnitzereien und Zeichnungen aus jenen fernen Zeiten geben der Wissenschaft die Möglichkeit, einiges zu rekonstruieren. Es ist wenig genug und andrerseits doch sehr viel, was sich aus der Vorgeschichte bis in unsere Zeit erhalten hat und dazu beiträgt, das Dunkel um das Leben unserer Vorfahren etwas zu lichten. Es gab zum Glück schon damals Künstler, die Szenen ihres Lebens festhielten und uns damit Einblicke in unsrer aller Vergangenheit ermöglichen, zu der ja auch die Vergangenheit der Tiere gehört. Das Urwildpferd Es gibt nicht nur einen Ahnen bei unseren Hauspferden, sie haben nach Ansicht der Wissenschaftler mehrere wilde Vorfahren gehabt. Versteinerungen und Knochenfunde aus frühester Zeit, die schon erwähnten Kunstwerke eis- und steinzeitlicher Menschen sind die Lehrbücher, aus denen diese Erkenntnisse gewonnen werden. Bis vor etwa hundert Jahren lebten diese Hauspferdahnen noch frei und ursprünglich in den Steppen Südrußlands und in den Wäldern Osteuropas. Es waren der Steppentarpan und der Waldtarpan. Beide verschwanden im 18. und 19. Jahrhundert von der Erde, ausgerottet vom Menschen. Man kann denen, die das auf dem Gewissen haben, kaum einen Vorwurf machen. Es fehlte an der nötigen Einsicht, wie einfach es ist, eine Tierart zu vernichten, und wie unmöglich, sie neu zu schaffen. Eine Erkenntnis, die die Menschheit zwar heute dank der intensiven Aufklärungsarbeit der Wissenschaftler durchaus hat, aber trotzdem nur selten zur Kenntnis nimmt. Wo Wildtiere dem Menschen in irgendeiner Weise in die Quere kommen oder ihre Tötung ihm Nutzen verspricht, sind sie immer noch von der völligen Vernichtung bedroht. Die Tarpanherden waren nun nicht nur erhebliche Nahrungskonkurrenten auf den Weidegründen der zahmen Hauspferde. Die Wildpferdhengste sollen auch Stuten aus den zahmen Herden entführt haben, die dann durchaus nicht immer in den Verband der domestizierten Genossen zurückkehrten. Kam es zu Kämpfen zwischen den Wildpferd- und Hauspferdhengsten, zogen Letztere in der Regel den kürzeren. So wurden die Wildlinge also von den erbosten Herdenbesitzern bekämpft, außerdem wurden sie durch die immer weiter vorangetriebene Kultivierung ihres Lebensraumes zurückgedrängt und waren nach wie vor gejagtes Wild zur Fleischbeschaffung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielt ein polnischer Fürst noch eine kleine Herde reinblütiger Tarpane, die er dann aber wegen Schwierigkeiten der winterlichen Futterbeschaffung an seine Bauern aufteilte. Diese zähmten die Wildlinge, paarten sie mit ihren, den Wildlingen ja sowieso sehr ähnlichen, Hauspferden, so gingen sie in den ponyartigen Hauspferdrassen auf. Zu spät fiel den Menschen ein, dass man die Urpferde zumindest in einigen Exemplaren reinblütig hätte, erhalten sollen. Auch um die noch vorhandenen kümmerlichen Reste der Steppentarpane kümmerte man sich viel zu spät. Eine einzige reinblütige Tarpanstute war übriggeblieben. Sie entwich, wurde gejagt, bis sie in eine Felsspalte geriet und ein Bein brach. Man schaffte sie zwar lebend zurück in die Gefangenschaft, aber im Dezember 1879 starb auch sie. Der Tarpan war aus dem großen Buch der Natur gestrichen. In der Inneren Mongolei hatte aber doch noch eine bis dahin völlig unbekannte Wildpferdart überlebt. Sie wurde erst 1879, also zufällig genau in dem Jahr, als die reinblütige Tarpanstute starb, von dem russischen Forscher Nikolai Przewalski entdeckt. Allerdings hielt er die Tiere erst für eine Halbeselart oder eine etwas anders gefärbte Art des mausgrauen Tarpans. Aber sein Freund und Kollege erkannte, dass es sich um ein echtes, bisher nicht bekanntes Wildpferd handelte, es bekam, den Namen Przewalskipferd. Auch dieses Urpferd wurde nun fleißig gejagt und wäre sicher wie der Tarpan von der Erde verschwunden, wenn nicht ein Kaufmann namens Assanow mit Friedrich von Falz-Fein, dem Besitzer einer weltberühmten zoologischen Versuchsstation in der Ukraine, bekannt gewesen wäre. Als Falz-Fein von diesen Wildpferden hörte, beauftragte er Assanow, ihm lebende Tiere zu beschaffen, was auch geschah. Carl Hagenbeck holte dann eine ganze Herde, achtundzwanzig nach Hamburg und kaufte 1902 noch mehrere Stuten und Hengste hinzu. Diese Hagenbeckischen-Przewalskipferde sind die Urzelle aller heute in Tiergärten gehaltenen Urwildpferde. Zwar wurden mit den Wildpferden Kreuzungsversuche gemacht, sodass auch hier die große Gefahr bestand, das echte Przewalskipferd zu vernichten, aber es blieben zum Glück noch reinblütige Tiere übrig. 1960 legte der Prager Zoo, der heute über die größte Zuchtgruppe Przewalskipferde verfügt, ein Zuchtbuch an, in das nun alle in den Tiergärten der Welt geborenen reinblütigen Urwildpferde eingetragen werden. Ob es Reste dieser Urpferde noch in freier Wildbahn gibt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Zumindest aber in den Tiergärten scheint ihre Existenz gesichert, was, nebenbei bemerkt, die Bedeutung Zoologischer Gärten als Hüter bedrohter oder in der Freiheit schon ausgerotteter Tierarten aufzeigt. Es sind auch Versuche gemacht worden, den Tarpan zu rekonstruieren. Im Münchner Tierpark Hellabrunn versuchten sie, den Tarpan neu zu züchten. Es entstand ein mausgraues Pony mit Aalstrich, das sehr gut das Erscheinungsbild des Wildtarpans wiedergab, aber trotz allem eine Nachahmung blieb. Der rückgezüchtete Tarpan hat die hängende Mähne des domestizierten Pferdes behalten, er hat einen Stirnschopf, und die Mähnenhaare werden nicht in den Haarwechsel einbezogen wie beim echten Wildpferd. Echte, reinblütige Wildpferde gibt es außer dem Przewalski, dem Urwildpferd, nicht mehr. Ob Dülmener Ponys, Camarguepferde oder Mustangs, sie alle sind wieder verwilderte Hauspferde, aber keine echten Wildpferde. Wir stehen bewundernd und ehrfürchtig vor den großen Werken, die von Menschenhand und Menschengeist auf allen Gebieten der Kunst geschaffen wurden. Genau diese Gefühle müssten aber auch jeden beherrschen, der Przewalskipferde betrachtet, denn hier steht ein Geschöpf vor ihm, das ihn in gerader Linie zurück in die Eiszeit führt. Ein lebendes Wunder, über das weitblickende Menschen gerade noch im rechten Augenblick schützend ihre Hände breiteten. Das Urwildpferd ist starkknochig, von Ponygröße, hat einen schweren, langen Schädel, Mehlmaul, keinen Stirnschopf, stehende Mähne, die mit den Körperhaaren gewechselt wird. Die Fellfarbe ist rötlich bis fahlbraun, Aalstrich über den Rücken und Zebrastreifen an den Beinen. Schweif und Mähne dunkel. In freier Wildbahn vermutlich nicht mehr vorhanden. Das Sportpferd Noch vor 30 oder 35 Jahren konnte man bei einiger Pferdekenntnis mit hoher Sicherheit die einzelnen Warmblutrassen an ihrem Exterieur unterscheiden. Stellte man einen Trakehner, Hannoveraner, Oldenburger, um nur einige zu nennen, nebeneinander, sah der einigermaßen erfahrene Pferdefreund ihnen ihre Herkunft an der Nasenspitze an. So klar waren diese Rassen im Typ voneinander abgegrenzt. Der leichte, flinke Trakehner, der wesentlich kräftigere Hannoveraner, der stabile Oldenburger waren echte Kinder ihrer Scholle und entsprachen in ihrem Typ genau der Arbeit, zu der sie überwiegend gebraucht wurden. Trakehner wurden für die Kavallerie, also leichte Reitpferde, gebraucht. Der Hannoveraner oder Holsteiner war ein Vielzweck-Wirtschaftspferd mit besten Reitpferdeigenschaften. Der Oldenburger oder auch Ostfriese ein hervorragendes Kutsch- und Wirtschaftspferd. Aber die Ansprüche, die heutzutage an Warmblutpferde gestellt werden, sind ganz besonderer Art. Kriegspferde sind nicht mehr gefragt, Wirtschaftspferde sind nicht mehr gefragt. Kutschpferde als Spezialisten finden kaum noch Interessenten. Gefragt ist das Sportpferd unter dem Aspekt, schnell, kräftig, wendig, springfreudig, weder zu groß noch zu klein, mit einem Wort: vielseitig, sowohl als Turnierpferd einzusetzen als auch im Freizeitsport, also zum Spazierenreiten. Das bedeutete für nahezu alle Rassen eine Umstellung, wenn man so will, eine Nivellierung. Besonders die handfesteren warmblütigen Pferdeschläge mussten edler werden. Das trifft natürlich nicht nur auf deutsche Warmblutrassen zu, auch andere Länder mussten sich umstellen. Wer heute Warmblutpferde züchtet und sich nicht den Wünschen der Verbraucher auf diesem Markt anpasst, produziert für den Pferdeschlachter. Das klingt hart, ist aber die Wahrheit. So ist nun ein ziemlich einheitlicher Typ Warmblüter entstanden. In den Grenzbezirken gibt es immer noch typische Vertreter des früheren Zuchtideals, aber es ist heute normalerweise nicht mehr möglich, auf den ersten Blick etwa einen Trakehner von einem Holsteiner zu unterscheiden. Besonders deutlich wird diese Veränderung natürlich bei den schweren Warmblutschlägen, den Württembergern, Oldenburgern, Ostfriesen. Es klingt in den Ohren der Züchter unserer vielen Warmblutrassen vermutlich nicht so gut, aber an sich könnte man durchaus generell vom Deutschen Warmblutpferd sprechen. Doch jedes Pferd, das im Großen Sport ganz oben mitmischt, ist zugleich ein unschätzbarer Reklameträger für sein Zuchtgebiet, seine Rasse. Seine Erfolge schlagen sich in entsprechender Nachfrage nach Pferden dieser Rasse nieder. Wer wollte darauf schon verzichten, zugunsten des Begriffes Deutsches Warmblut? Natürlich gehen die weitaus meisten Pferde nicht den Weg in die Turnierställe, sondern zu jenen Pferdehaltern, die man heute Freizeitreiter nennt. Diese Reiter brauchen keine Springkanone, die über zwei Meter hüpft, sie wollen Pferde mit möglichst unkompliziertem Charakter, brav im Stall und Gelände, Pferde, mit denen sie gut fertig werden, und die sie nicht vor allzu viele Probleme stellen. Selbstverständlich kann die Masse der Warmblutpferde diese Anforderung erfüllen, kann das Sportpferd ein sehr gutes Freizeitpferd sein. Das Zuchtziel kann aber nicht das Spazierreitpferd sein, es muss ein paar Stufen höher gesteckt sein, um die Qualität der Sportpferde zu halten. Bezeichnung der Rassen Vollblut - Halbblut - Warmblut - Kaltblut Bevor ich mit dem Vorstellen der Rassen beginne, ist es wohl angebracht, die oben genannten Bezeichnungen zu erklären. Sie haben weder mit der Menge noch mit der Temperatur des Blutes, das in den Adern dieser Pferdeschläge fließt, etwas zu tun. VOLLBLUT Vollblüter sind eine vom Menschen züchterisch erschaffene Kunstrasse. Sie sind besonders schnell und haben ein lebhaftes, oft auch heftiges Temperament. HALBBLUT Halbblüter sind alle Rassen mit einem mehr oder minder hohen Vollblutanteil. Sie stellen das Hauptkontingent an Sport- und Freizeitpferden, früher auch an leichten Arbeitspferden, als solche noch gebraucht wurden. Ihr Temperament ist weniger explosiv, als es das der Vollblüter sein kann. Von Halbblut sprechen wir, wenn das betreffende Pferd tatsächlich zu fünfzig Prozent von einem Vollblüter abstammt, also Halbblut ist. WARMBLUT Warmblüter ist ein in Deutschland verwendeter, an sich übergeordneter Begriff, der sowohl Vollblut- als auch Halbblutrassen umfasst. Im Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung dieses Begriffs aber sehr gewandelt. Wenn man in Deutschland von einem Warmblüter spricht, denkt kaum jemand an einen Vollblüter, sondern stets an eine jener Rassen, die die Reitpferde stellen. KALTBLUT Kaltblüter sind schwere Zugpferde, deren normales Arbeitstempo der Schritt ist. Einige Kaltblutrassen sind aber wichtig für die Zucht von Sportpferden. Manche stehen dicht an der Grenze zum Warmblut und sind flotte Traber. Andere wiederum haben Araberblut in ihren Adern, was sich in lebhafterem Wesen und schnellerer Gangart bemerkbar macht. So ist das Nordschwedische Pferd und das Dölepferd Norwegens in diese Kategorie einzureihen. Verhaltensweisen des Pferdes Richtig reiten und richtig mit dem Pferd umgehen kann man nur, wenn man weiß, wie sich dieses Tier verhält. Das Verhalten aller Lebewesen ergibt sich aus dem ihnen zugewiesenen Lebensraum. Sie alle sind von der Natur so ausgestattet, dass sie in ihrem Bereich überleben können. Auch unsere Stallpferde haben viele Verhaltensweisen des Herdentieres, das sie ursprünglich waren, beibehalten. Pferde fühlen sich am wohlsten, wenn sie unter Artgenossen sind, das heißt sich hören, sehen, riechen und möglichst auch fühlen können. Daher muss sich der Mensch in das natürliche Verhalten des Pferdes hineinversetzen. Er darf es nicht mit dem Maßstab menschlicher Logik und menschlicher Bedürfnisse beurteilen. Pferde sind grasfressende, in Herdenverbänden lebende Steppentiere, deren Waffe die Flucht ist. Aus den Eigenschaften, die das Pferd als Herden- und Fluchttier braucht, lassen sich nicht nur fast alle seine Verhaltensweisen und Bedürfnisse, sondern auch sein Körperbau erklären. Exterieur des Pferdes Einige wichtige Körperteile des Pferdes 1 Widerrist 10 Huf 2 Schulterblatt 11 Lende 3 Vorarm 12 Kruppe 4 Brust 13 Flanke 5 Ellbogen 14 Knie 6 Unterarm 15 Hose: 7 Vorderfußwurzelgelenk 16 Sprunggelenk 8 Röhrbein 9 Fessel Das Pferd ist ein Fluchttier Flucht setzt Schnelligkeit voraus, und um schnell zu sein, muss man schlank, hochbeinig und schmal – Körpermerkmale, die wir Menschen als rassig oder edel bezeichnen. Aber nicht nur der Körperbau ist wichtig für die Schnelligkeit, sondern auch die Versorgung der Organe mit Luft und die Regulierung des Wärmehaushaltes. Die Nüstern des Pferdes sind von sehr zarter Haut umgeben und daher stark dehnbar. Damit es bei langem, schnellem Laufen keinen Hitzestau erleidet, kann das Pferd, genau wie der Mensch, durch die Haut schwitzen. Durch den Schweiß verdampft Wasser, und das kühlt. Beißen und Schlagen Dies tun Pferde nur, um ihre gegenseitigen Machtkämpfe um die Rangordnung auszutragen oder aus Gegenwehr im äußersten Notfall, wenn keine Flucht mehr möglich ist. Selbst in der Enge der Reitbahn bedrohen sich Rangrivalen bei einer Begegnung durch entsprechende Mimik. Ansonsten sind Pferde friedlich und werden nur durch falsche Behandlung zu Beißern und Schlägern. Das Pferd ist ein Steppentier Die Steppe ist mit teilweise hohem Gras bewachsen. Um nun einen möglichst weiten Blickwinkel zu haben, ist der Hals des Pferdes hoch aufgesetzt. Die Augen erlauben einen viel größeren Blickwinkel als z. B. die des Menschen, da sie seitlich am Kopf sitzen. Auch die Ohren sind unabhängig voneinander in alle Richtungen beweglich, sodass die Pferde sich jederzeit nach allen Seiten hin orientieren können. Pferde haben harte Hufe, deren Hornmantel sich in der Steppe von allein abnutzt. In der Gefangenschaft muss der Hufschmied diese natürliche Abnutzung steuern. Der lange Schweif und der Schopf sind nicht nur Schmuck, sondern sie helfen, Insekten abzuwehren. Auch die Haut ist hochgradig empfindlich. Das Pferd kann durch gezieltes Hautzucken Ungeziefer abwehren. Pferde haben einen sehr feinen Geruchssinn und außerdem lange Tasthaare am Maul und an den Augen, deren Bedeutung man noch kaum erforscht hat. Dazu kommt ein äußerst feines Gehör. Diese scharfen Sinne erlauben sofortige Wahrnehmung von möglichen Gefahren. Das Pferd ist ein Herdentier Der Herdenverband bietet Sicherheit: Die Tiere können sich gegenseitig helfen. Zum Beispiel werden Fohlen und schwache Tiere in die Mitte genommen und so bei Gefahren geschützt. Auch warnen sich die Mitglieder der Herde gegenseitig bei Gefahr und halten Wache. Niemals liegen alle Tiere zugleich, selbst im Stall nicht, immer passt wenigstens eins auf. Um in der Gemeinschaft leben zu können, müssen sich auch die Pferde unterordnen. Diese Fähigkeit hat ihnen die Natur mitgegeben. Wir Menschen müssen das erst mühsam erlernen. Innerhalb der Herde herrscht eine klare Rangordnung. Jedes Tier hat seinen festen Platz. Stößt ein neues Pferd zur Herde, so wird es nicht gleich begeistert aufgenommen, sondern es muss seinen Rang erst erobern. Häufig schließen zwei oder drei Pferde regelrecht Freundschaft. Sie grasen in enger Entfernung voneinander, reiben sich gegenseitig das Fell und rufen sich, wenn sie getrennt werden. Die Verständigung erfolgt durch optische und akustische Signale wie Mimik, Körperhaltung und verschiedene Laute. Diese Signale sind sowohl dazu da, sich friedlich zu verständigen, z. B. sich zum gegenseitigen Kraulen einzuladen, sich zu begrüßen, zu spielen, Rangkämpfe auszutragen usw. Sie dienen aber auch der gegenseitigen Warnung vor möglichen Feinden. Optische Signale Die sogenannte Achtungstellung. hocherhobener Kopf, gespitzte Ohren, gespannte Muskeln, erhobener Schweif, signalisiert mit dem ganzen Körperausdruck Gefahr: Alle Pferde reagieren entsprechend und sind sofort fluchtbereit. Beginnt eines zu laufen, so rennen alle hinterher. Das gefürchtete Durchgehen von Pferden ist also im Grunde Flucht und wirkt ansteckend. Mimik Das Ohrenspiel verrät viel über ein Pferd. Gespitzte Ohren bedeuten Aufmerksamkeit, nach hinten gerichtete Ohren können Konzentration auf den Reiter anzeigen, aber auch auf Schmerz hindeuten. Seitlich herabhängende Ohren zeigen, dass das Pferd teilnahmslos ist, sei es, weil es döst oder krank ist. Das Drohgesicht präsentiert durch flach angelegte Ohren, hochgezogenen Maulwinkel und entblößte Zähne. Ein so drohendes Pferd sollte man nur berühren, wenn man es kennt! Die Augen des Pferdes verraten viel über sein Befinden. An ihnen lassen sich Zufriedenheit oder Angst sofort erkennen. Akustische Signale Das Wiehern ist ausschließlich Begrüßungs- oder Rufsignal. Kein Pferd wiehert aus Angst oder bei drohender Gefahr, wie es in Wildwestfilmen so oft fälschlicherweise gezeigt wird. Aus Angst schnauben Pferde, indem sie die Luft pfeifend und stoßweise aus den Nüstern blasen. So prüfen sie auch ihnen nicht ganz geheure Objekte oder Gerüche. Schnauben hat mehrere Bedeutungen: Je nach Ausdruck kann es Zufriedenheit anzeigen oder Entspannung. Ist es mehr ein Brummen, so ist es Ausdruck von Zärtlichkeit, z. B. zwischen Stute und Fohlen. Quieken hört man sie zuweilen bei Begrüßungen oder beim Spielen. Manche Pferde quieken auch beim Bocken oder Springen. Bedürfnisse des Pferdes Pferde sind Gewohnheitstiere. Sie haben viele Verhaltensweisen, die sie in der Freiheit regelmäßig zeigen und bei denen sie sich offensichtlich sehr wohl fühlen. Eine davon ist die sogenannte soziale Fellpflege. Dazu stellen sich zwei Pferde Kopf zu Schweif und beknabbern sich mit Inbrunst gegenseitig die Stellen, die sie bei sich selbst nicht erreichen können. Auf diese Weise wedeln sie sich auch gegenseitig die Fliegen weg. Das Wälzen ist auch eine Säuberungsaktion, selbst wenn manche Pony-und Pferdebesitzer daran verzweifeln möchten! Pferde wälzen sich nämlich liebend gern im schönsten Dreck, weil das erstens scheuert und zweitens der Lehm das Fell verklebt und sich damit abgestorbene Haut- und Fellteile lösen. Daher sollte man gerade Stallpferden so oft wie möglich die Gelegenheit geben, sich zu wälzen! Den Stallpferden fehlt es häufig an Licht. Die meisten Ställe sind viel zu dunkel. Pferde fühlen sich im warmen Mief nicht so wohl wie die meisten Menschen, sie werden sogar krank davon. Bewegung ist wichtig. Eine Stunde pro Tag, ein Stehtag in der Woche und der Rest ist Langeweile. Pferde brauchen Körperkontakt mit anderen Pferden. Manche halten ihre Pferde wie Raubtiere im Käfig. Und Pferde sollten auch die Möglichkeit haben, dauernd zu fressen. Pferde sind Dauerfresser, darauf ist ihr Verdauungssystem eingerichtet. Pferde brauchen Abwechslung, denn sie sind neugierig. Sie erleben gern viel, ohne dabei auf ihre Gewohnheiten verzichten zu wollen. Gewohnheit geht ihnen über alles. Futter-, Arbeits-und Schlafzeiten sollten daher regelmäßig sein. Ein Pferd hat ein gutes Langzeitgedächtnis, aber es kann nicht folgern: wenn-dann! Reiter, die ihr Pferd erst nach dem Absitzen für irgendeine Missetat strafen, machen einen groben Fehler. Richtig ist es, unmittelbar zu loben oder zu tadeln. Und bei gut erzogenen Pferden genügt ein strenger Ton in der Stimme als Strafe oder ein Leckerbissen, Absitzen oder Klopfen zur Belohnung! Pferde haben einen feinen Geruchssinn, daher wirken Parfümwolken oder Zigarettenqualm eher abstoßend auf sie. Dafür sie sie durchaus in der Lage, die Angst eines Menschen zu riechen! Pferde mögen Zärtlichkeit, sie sollen aber nicht verzärtelt werden! So ist es zum Beispiel falsch zu glauben, Regen oder Kälte schade ihnen. Pferde ziehen es oft vor, im Regen zu stehen als in den Stall zu gehen. In der Freiheit suchen sie sich sogar besonders windige Plätze zum Schlafen aus. Pferde mögen keinen harten Boden. Die Steppe federt, die Straße dagegen macht pflasterlahm. Aber eine Straße ist immer noch besser als spitzer Schotter. Das Pferd braucht Bewegung Neben der Sorge für Wasser, Futter und Unterkunft sind wir es dem Pferd schuldig, für ausreichende Bewegung zu sorgen. Die braucht es, um Organe, Muskeln, Gelenke und Kreislauf gesund zu erhalten. Wer sein Pferd nicht ausreichend bewegt, gefährdet nicht nur dessen Gesundheit, sondern auch seine psychische Verfassung. Viele Unarten und Widersetzlichkeiten haben nämlich ihren Grund einfach darin, dass die Pferde ihren Bewegungsstau und ihre Langeweile abreagieren. Ausreichende Bewegung heißt vor allem regelmäßige, tägliche, abwechslungsreiche Bewegung. Selbst am sogenannten Stehtag ist es besser, das Pferd in der Halle oder auf der Koppel frei herumlaufen zu lassen. Ausreichende Bewegung bedeutet auch, dass die Pferde schonend und mit Überlegung bewegt werden müssen. Also: Übermäßig hohes und häufiges Springen vermeiden, auf hartem Boden Schritt reiten und immer wieder Erholungspausen einlegen. Wichtig ist auch, dass wir dem Pferd mindestens einmal in der Woche Gelegenheit geben, sich ohne Reiter möglichst im Freien austoben zu können und sich zu wälzen! Von der Art der Bewegung hängt es in erster Linie ab, ob ein Pferd mit acht Jahren verschlissen ist, oder ob wir noch Freude an ihm haben, wenn es zwanzig ist! Und zuletzt: Pferde sind nun einmal Herdentiere und daher gesellig, sie fühlen sich nur wohl in Seh- und Hörnähe ihresgleichen. Daher ist es Tierquälerei, ein Pferd z. B. allein in der Garage hinter dem Haus zu halten. Es sei denn mit Gesellschaft: Freundschaften zwischen Pferd und Hase, Pferd und Ziege oder Pferd und Esel sind bekannt. Umgang mit Pferden Aus den Verhaltensweisen und Eigenschaften des Pferdes ergibt sich auch, wie man am geschicktesten mit ihm umgeht. Denn der richtige Umgang mit dem Pferd ist die Basis der Reitausbildung. Wenn man begreifen lernt, wie sich ein Pferd auf der Weide, im Stall, in der Ruhe, in der Bewegung und im Umgang mit dem Menschen zeigt, und weshalb es sich so und nicht anders verhält. Vor allem müssen wir immer bedenken, dass das Pferd ein Fluchttier ist und sehr leicht erschrickt. Nur dann kann man andere, sich selbst und das Pferd vor Unfällen schützen. VERTRAUEN Wichtig ist zunächst, dass der Reiter das Zutrauen und die Zuneigung des Pferdes gewinnt. Dazu gehört, dass er sich intensiv mit ihm beschäftigt. Dabei spielt die menschliche Stimme eine wichtige Rolle. Das Pferd versteht zwar nicht unsere Sprache, doch ist es so sensibel, dass es am Tonfall sofort erkennt, ob es gelobt oder getadelt wird und ob der Reiter innerlich aufgeregt ist oder Ruhe und Selbstverständlichkeit ausstrahlt. Nervosität, Hast, Angst, lautes Schreien machen Pferde nur unruhig, ebenso hastige Bewegungen und wilde Gestik. Also: Ruhiges Sprechen, Singen, ruhige Bewegungen, Körperkontakt mögen Pferde gern. RICHTIGES HERANGEHEN AN DAS PFERD Niemals darf man sich dem Pferd von hinten nähern, ohne es ruhig anzusprechen, da es sonst erschrecken könnte und dann instinktiv reagiert. Wenn wir zu einem Pferd gehen, sprechen wir mit ihm und halten ihm die flache Hand entgegen, damit es sie beriechen kann. Auch Leckerbissen werden auf der flachen Hand gereicht, damit nicht aus Versehen die Fingerspitzen mit gefressen werden! Droht das Pferd, halten wir lieber gehörigen Abstand, sofern wir es noch nicht kennen. FÜHREN Zum Führen benutzen wir immer ein Halfter und einen Strick, den wir in beiden Händen halten, denn auch das ruhigste Pferd kann erschrecken, und niemand vermag es dann am Halfter festzuhalten. In der Regel führen wir ein Pferd von links und gehen neben ihm auf Schulterhöhe, das ist für den Führenden am sichersten. Ist das Pferd gezäumt, so führen wir es, indem wir beide Zügel in die linke Hand nehmen und mit der rechten die Zügel unterhalb der Trensenringe mit Zeigefinger und Ringfinger teilen. Beim Führen sollte man das Pferd nicht ansehen. AUF DIE WEIDE FÜHREN Es ist besser, das Pferd erst dann loszulassen, wenn es wirklich auf der Weide ist, nicht schon im offenen Gatter! Wir sollten immer zwei Pferde gemeinsam von der Weide holen. Man denke an den Herdentrieb. Ein Pferd allein würde nur ungern von den anderen weggehen. ANBINDEN Zum Anbinden muss immer ein Halfter mit Strick verwendet werden, auch wenn das Pferd aufgetrenst ist. Wenn Pferde erschrecken, wollen sie fliehen und reißen sich los. Daher darf man sie niemals an beweglichen oder schlecht befestigten Gegenständen wie Türklinken, Boxentüren oder losen Zaunpfählen anbinden, auch nicht für eine Minute! Es haben schon viele Pferde große Tore mit sich gerissen! Aus diesem Grund darf man unter keinen Umständen ein Pferd an der Trense anbinden, auch wenn dies alle Cowboys in allen Wildwestfilmen tun! Das Pferd könnte sich furchtbare Verletzungen zufügen. Man lasse ein angebundenes Pferd möglichst nicht allein stehen, lieber ist man vorsichtig. Zum Anbinden benutzen wir den Strick mit Panikhaken und Sicherheitsknoten, damit man das Pferd notfalls sofort befreien kann. Es ist auch vernünftig, Lederhalfter statt der bunten, unzerreißbaren Kunststoffhalter zu verwenden, denn im Ernstfall ist ein zerrissenes Halfter besser als ein verletztes Pferd. Weidepferde sollten kein Halfter tragen, da sie zu leicht damit hängen bleiben können. AUFHEBEN DER HUFE Dazu stellen wir uns in Richtung Schweif dicht neben das jeweilige Bein und streichen mit der Hand von der Schulter bzw. Kruppe aus, erst außen und dann nach innen gleitend, hinunter bis zum Fesselgelenk und sagen Fuß. Die meisten Pferde kennen das und heben von allein brav das jeweils angesprochene Bein. Tun sie das nicht, klopft man leicht gegen das Gelenk und hebt den Huf nach hinten oben hoch. Soll der Huf länger aufgehoben bleiben, stützt man ihn ab dem Fesselgelenk auf den Oberschenkel. Die Hinterhufe hebt man, indem zugleich das Bein etwas nach hinten gezogen wird, so kann das Pferd auch nicht schlagen, denn dazu müsste es erst ausholen. Pflege des Pferdes Viele Reiter haben leider keine Ahnung davon, wie ein Pferd gepflegt werden muss. Sie kommen zur Reitstunde, erklimmen das gesattelt bereitstehende Pferd und liefern es nach der Stunde wieder an den Stallmann ab, ohne sich um das weitere Ergehen ihres Kameraden zu kümmern. Natürlich sollte es anders sein. Wem es wirklich ernst ist mit seiner Liebe zum Pferd, der wird auch wissen und lernen wollen, wie das Tier im Stall versorgt, gepflegt, gesattelt und eingespannt wird. Das alles muss man genauso lernen wie den Umgang mit Pferden, das Reiten oder Kutschieren. Und erst bei dieser intensiven Beschäftigung mit dem Pferd, wenn man es selbst pflegt, sattelt, einspannt, wächst man wirklich mit seinem Pferd zusammen, man lernt es von einer ganz anderen Seite kennen … und manchmal sogar von einer recht schwierigen. Empfindliche Pferde oder solche, die schlechte Erfahrungen gemacht haben, können sowohl beim Putzen als auch beim Satteln allerlei Theater machen. Ich bin einmal von einem neu gekauften Pferd kräftig in die Seite gebissen worden, als ich den Sattelgurt anziehen wollte. Josy, ein Ire, mochte das nicht, was ich aber nicht wusste. Er hat mich aber nur das eine Mal erwischt, es war schmerzhaft genug. In Zukunft nahm ich den rechten Zügel kurz über Josys Hals, sodass er den Kopf nicht zu mir herumdrehen konnte. Er muss wenig gute Erfahrungen mit Pflegern gemacht haben, denn er war anfangs sehr kopfscheu. Das ist fast immer ein Zeichen, dass ein Pferd Schläge an den Kopf bekommen hat. Nach einigen Wochen bei mir fasste er wieder Zutrauen und ruckte nicht mehr sofort mit dem Kopf hoch, wenn man zu ihm trat, er ließ sich brav aufzäumen und gewöhnte sich sogar seine Empfindlichkeit gegen das Nachgurten ab. Man weiß durch den täglichen intensiven Umgang mit seinem Pferd bald jedes Ohrenzucken, jede Kopfbewegung zu deuten und lernt bei jedem Pferd wieder etwas dazu. Eine Erfahrung, die ich lange Jahre hindurch mit meinen ausschließlich von mir selbst betreuten Pferden gemacht habe. Gewiss ist nicht jeder Pferdefreund in der glücklichen Lage, sein Pferd im Stall beim Haus zu haben und sich so täglich um das Tier kümmern zu können. Aber auch der Reiter eines Verleihpferdes kann diese Dinge lernen, er sollte es sogar. Vorbedingung, einen Stall zu finden, der nicht nur mehr oder weniger guten Reitunterricht gibt, sondern auch Kurse in Pferdepflege, im Satteln und der Pflege des Geschirrs abhält. Diese Institute haben im Übrigen fast immer auch erfahrene Reitlehrer. Was braucht man nun an Utensilien zur Pferdepflege? Eine Kardätsche, eine Bürste, die Naturborsten haben sollte. Einen Striegel, der auch heute noch oft aus Metall ist, obwohl es jetzt einen sehr viel besseren aus Kunststoff gibt, den sogenannten Schwedenstriegel oder Finnenstriegel. Während man mit dem alten Metallstriegel nur die fleischigen Teile des Pferdekörpers bearbeiten kann, ist der Schwedenstriegel selbst an den Gelenken anzuwenden, ohne dass es dem Pferd unangenehm ist. Mit dem Metallstriegel darf man nur vorsichtig den Schmutz lösen, er ist hauptsächlich zum Abstreichen der Bürste da. Einen Mähnenkamm, meist aus Aluminium, nur bei langer Mähne nötig. Zwei Wurzelbürsten, je eine für den Schweif und für die Hufe. Zwei Schwämme, einen zum Säubern von Nüstern und Augen, einen zum Säubern von After, Euter und den Geschlechtsteilen. Einen Hufkratzer, das ist ein Metallhaken zum Auskratzen der Hufe. Eine Dose Huffett mit Bürste zum Einfetten der Hufe. Das Putzen geht so vor sich: Das Pferd wird in die Stallgasse geführt und angebunden, bei gutem Wetter putzt man draußen. Bei kitzligen Pferden empfiehlt es sich, sie mit zwei Stricken nach beiden Seiten anzubinden, sie können dann nicht so leicht beißen. Vorsicht ist vor allem bei rassigen Stuten geboten. Im allgemeinen empfinden Pferde das Putzen aber als angenehm, doch bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Nun lockert man mit dem Striegel den Schmutz im Fell. Natürlich muss man dabei mit Fingerspitzengefühl vorgehen, besonders mit dem Metallstriegel, und darf nicht einfach drauf loskratzen! Den nächsten Arbeitsgang erledigt man mit der Kardätsche, mit ihr wird die eigentliche Fellreinigung vollzogen. Man nimmt die Kardätsche in die rechte, den Striegel in die linke Hand. Nach je zwei Bürstenstrichen werden an der Bürste sitzende Haare und der Staub an dem Striegel abgestrichen. Man sieht, wie die Rillen des Striegels sich mit dem Schmutz füllen, und klopft ihn nach Bedarf auf dem Stallboden aus. Das Pferd wird, angefangen am Genick, von vorn nach hinten gründlich durchgebürstet, es muss nach dieser Prozedur richtig glänzen. Am Kopf muss man besonders vorsichtig sein, um dem Pferd nicht wehzutun und es damit kopfscheu zu machen. Man fasst in das Halfter, damit der Pflegling den Kopf stillhält, bürstet, falls vorhanden, den Stirnschopf und säubert mit einem nassen Schwamm die Nüstern und die Augenwinkel. Nun werden Mähne und Schweif mit der Wurzelbürste durchgearbeitet, die Beine mit der Kardätsche gesäubert. Als letzten Arbeitsgang nimmt man sich die Hufe vor. Nacheinander muss das Pferd alle vier Beine auf Kommando anheben, mit dem Hufkratzer entfernt man den Stallmist. Wenn nötig, werden die Hufe dann mit Wasser gesäubert. Eingefettet werden die Hufe nur dann, wenn man nicht gleich ausreiten oder fahren will, das Fett also einziehen kann. Frisch eingefettete Hufe würden sich sonst in der Bahn oder draußen schnell mit einer klebrigen Schmutzkruste bedecken. Wird das Pferd gleich nach dem Putzen zur Arbeit herangezogen, muss das Einfetten der Hufe nach dem Abwarten geschehen. Abwarten … auch das gehört zur Pflege und heißt, dass das Pferd nach getaner Arbeit nicht einfach wie ein gebrauchter Gegenstand in den Stall gestellt wird, sondern dass man es nach dem Absatteln oder Ausspannen versorgt. Es hat vermutlich geschwitzt, es ist staubig geworden. Schweiß und Staub werden entfernt, das nasse Pferd trockengerieben. Natürlich soll ein Pferd, das vom Ausritt heimkommt, nicht nass an die Stalltür gebracht werden, der gute Reiter sorgt dafür, dass eine entsprechende Strecke zum Schluss im Schritt geritten wird, damit das Pferd sich entspannen kann. Aber bei großer Hitze schwitzt das Pferd stark nach, und dann muss man eben darauf achten, dass es nicht klitschnass im Stall steht und sich erkältet. Viel ungefährlicher ist es übrigens, wenn das Pferd dann auf die Weide gelassen wird. Dort kann es sich wälzen und ist zwar frischer Luft, aber keiner Zugluft ausgesetzt. Zum Abwarten gehört auch die genaue Kontrolle aller vier Hufe. Kleine Steine können sich eingeklemmt haben und zu Lahmheit führen, wenn sie nicht entfernt werden. Dann wäscht man die Hufe, und nun können sie auch eingefettet werden. Im Sommer tut ein Abduschen mit dem Gartenschlauch dem Pferd gut, zumindest die Beine sollte man abspritzen. Zum Abwarten gehört auch, dass Sattel und Zaumzeug ordentlich verwahrt werden. Die Trense wird abgespült und niemals schmutzig weggehängt, der Sattel muss mit hochgezogenen Bügeln und übergeschlagenem Gurt luftig auf den Sattelbock gehängt werden. Das sind die Grundlagen der Pferdepflege, die man beherrschen sollte. Indirekt gehört dazu auch die Pflege der Pferdekleidung, also des Sattels, des Zaumzeugs oder des Fahrgeschirrs. Sind diese Dinge nicht in Ordnung, passen Sattel, Zaumzeug und Fahrgeschirr dem Pferd nicht richtig, kann es keine gute Arbeit leisten, weil es Schmerzen hat oder zumindest Unbehagen verspürt. Pferde sind keine genormten Maschinen, jedes Pferd hat seinen eigenen Kopf, dem das Zaumzeug genau angepasst sein muss. Es kommt auf jedes Riemchen dabei an. Ein falsch sitzender Nasenriemen, eine nicht passende Trense können das Pferd erheblich quälen. Darum muss jedes Pferd sein ganz persönliches Kopfzeug haben, das für eben dieses Pferd verschnallt wurde. Das gilt weitgehend auch für den Sattel, denn längst nicht jeder Sattel passt auf jedes Pferd. Diese Dinge müssen von einem erfahrenen Pferdepfleger in Ordnung gebracht werden, der dem Neuling genau zeigen soll, worauf es ankommt, was richtig und was falsch ist. Und vor dem Aufsitzen überzeugt der gute Reiter sich selbst, ob Zaumzeug und Sattel richtig sitzen, alle Schnallen auch wirklich zugeschnallt sind, die Satteldecke keine Falten wirft. Die gleiche Sorgfalt muss der Fahrer anwenden. Auch das Kopfzeug des Kutschpferdes muss genau angepasst werden. Ob Brustblattgeschirr oder Kumt, das eine muss für das Pferd verschnallt werden, das andere dem Pferd genau passen. Beim Anschirren mit dem Kumt ist Vorsicht angebracht, wer einem Pferd das Kumt grob über den Hals stülpt, muss sich nicht wundern, wenn das Pferd sich nicht wieder anschirren lassen will! Und so wie der Reiter, selbst wenn ihm das Pferd fertig gesattelt vorgeführt wird, sich selbst zu überzeugen hat, ob alles in Ordnung ist, so muss sich auch der Fahrer vergewissern, dass alle Schnallen zugeschnallt sind, die Stränge richtig befestigt wurden und die richtige Länge haben, bevor er auf den Bock steigt. Selbstverständlich muss das ganze Lederzeug von bester Beschaffenheit sein, brüchige Riemen können lebensgefährlich werden. Das gilt besonders für den Sattelgurt und die Fahrleine. Eine sorgfältige Pflege aller Geschirre ist nötig, um das nicht gerade billige Lederzeug lange in gutem Zustand zu halten. Auch das muss man lernen, und es ist gar nicht so einfach, nach einer Generalreinigung, bei der alles in seine Einzelbestandteile zerlegt wird, die Dinge wieder richtig zusammenzufügen. Übung macht auch hier den Meister. Anfangs denkt man, das bekommt man nie wieder in Ordnung, aber es lernt sich. Alle Geschirre sollen möglichst nicht im Stall, sondern in einer Kammer extra untergebracht werden, da der Ammoniakdunst im Stall dem Leder nicht besonders gut bekommt. Sattelbock und Aufhängevorrichtungen für Zaumzeug und Geschirre lassen sich z. B. gut mit in der Futterkammer unterbringen. So viel über die Pflege des Pferdes und seine Kleidung. Die Feinheiten lernt man nur in der Praxis. Stallhaltung und Fütterung DER STALL Wir haben die natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes kennengelernt und wissen, dass die Stallhaltung ein notwendiges Übel ist und bleibt, zumal die meisten Ställe eher aus der Sicht der rationell denkenden Menschen geplant sind, als dass sie sich an den Bedürfnissen des Pferdes orientieren. Der ideale Stall ist hoch, hell, luftig, trocken und kühl und ermöglicht dem Pferd wenigstens einen kleinen Auslauf. Die Pferde sollen in geräumigen Boxen oder Laufställen untergebracht sein mit Fenstern, aus denen die Tiere hinausschauen können. Das verhindert Langeweile und beugt Erkrankungen der Atemwege vor. Auf jeden Fall müssen sich die Pferde im Stall sehen können, d. h. Boxen, die seitlich hochgeschlossen sind und jeden Nachbarkontakt unmöglich machen, sind nicht pferdegerecht. Abzulehnen ist das Anbinden in Ständern. Es ist nicht nur gefährlich, sondern widerspricht jeder artgerechten Haltung. Laufställe dagegen kommen dem natürlichen Bedürfnis des Pferdes nach Kontakt mit den Artgenossen entgegen, sie sind aber für Sportpferde nicht geeignet, da zu viel Unruhe und Verletzungsgefahr besteht. Freizeitpferde, die wenig Bewegung bekommen und viel allein sind, sollte man jedoch in Laufställen unterbringen. Vorher muss man aber herausfinden, wie sich die einzelnen Tiere vertragen, und daran denken, immer eine gerade Anzahl von Pferden gemeinsam unterzubringen (Sozialverhalten). Laufställe machen zwar mehr Arbeit, sie sind aber pferdegerechter. Pferdegerecht, aber arbeitsintensiv ist auch die meist übliche Streu aus Stroh. Man entfernt nur die Äpfel und sehr nasses Stroh und streut frisches darüber. Schließlich bildet sich eine saugfähige Matratze, deren unterste Lage aus feuchtem Mist besteht, deren obere Schicht jedoch frisch und sauber ist. Diese Streu hat nicht nur den Vorteil, warm und trocken zu sein, sondern die Pferde haben auch ständig etwas zu knabbern. Stehen Sie dagegen auf Torf oder Sägemehl, ist die Langeweile unerträglich, es sei denn, sie erhalten ständig Raufutter (Heunetz aufhängen). So gesehen sind auch künstliche Stallböden bedenklich, da sie allein menschlichen Bedürfnissen gerecht werden. Es ist selbstverständlich, dass die Streu mehrmals täglich gepflegt wird. Schlecht riechendes, faules Stroh gehört nicht in den Stall, sondern auf den Misthaufen! Und schließlich: Warmen Stallmief mögen nur wir Menschen, Pferde werden davon krank. TRÄNKEN In fast allen Ställen gibt es heute automatische Tränken. Diese ersparen uns zwar das Schleppen der Wassereimer und ermöglichen dem Pferd zu trinken, wann und so viel es will. Das Problem Wasser ist aber damit noch lange nicht erledigt. Diese Tränken müssen nämlich täglich kontrolliert und gepflegt werden, sonst riechen sie moderig und sind ein Sammelbecken für Bakterien. Pferde sind hinsichtlich des Trinkens sehr anspruchsvoll. Sie brauchen für ihr Wohlbefinden reines, frisches Wasser. Das Tränken aus dem Eimer ist zwar kraft-und zeitaufwendig, aber auf diese Weise kann man kontrollieren, wie viel das Pferd trinkt, und außerdem ist das Wasser unter Umständen sauberer als in einer ungepflegten Selbsttränke. Kranke Pferde sollte man auf jeden Fall aus dem Eimer tränken, damit eine Rückinfektion durch die Selbsttränke verhindert wird. Ideal wäre ein Brunnen am Stall, zu dem die Pferde zum Trinken geführt werden. Das wäre auch eine zusätzliche Gelegenheit für das Pferd, die Box hin und wieder zu verlassen. FUTTER Pferde fressen in der Freiheit ständig kleine Mengen leicht verdaulichen Futters. Daher haben sie einen kleinen Magen und einen empfindlichen Darm. Im Stall erhalten sie Futter konzentriert in Form von Hafer oder einem Gemisch aus Hafer und Mischfutter (Kraftfutter). Das Volumen des Futters wird durch Heufütterung (Raufutter) erzielt. Selbstverständlich darf nur allerbestes Heu verwendet werden. Es sollte gut aufgeschüttelt und leicht angefeuchtet gereicht werden, da es dann weniger staubt und die meisten Pferde ohnehin lieber feuchtes Futter mögen, schließlich ist Gras auch stark wasserhaltig. Die Pferde müssen so oft wie möglich gefüttert werden. Mindestens aber dreimal täglich zu festgesetzten Zeiten. Das ist für die Gesundheit des Magen-Darm-Traktes von großer Bedeutung. Während der Futterzeit hat Ruhe im Stall zu herrschen. Nach dem Füttern den Pferden mindestens eine Stunde Zeit zum Verdauen lassen, bevor man reitet. Die Fütterungsmenge richtet sich nach dem individuellen Bedarf des einzelnen Tieres. Wichtig Nicht zu viel Kraftfutter geben, wenn das Pferd nicht bewegt werden kann. Es besteht die Gefahr von Hufrehe oder Kreuzverschlag. Pferde, die stehen müssen, sind zufriedener, wenn sie mehr Heu bekommen, dann sind sie nämlich beschäftigt. Weidepferde Weidepferde erhalten Zusatzfutter in Form von Kraftfutter oder Heu, wenn die Weide nicht ausreicht oder wenn sie regelmäßig arbeiten müssen. Salzlecksteine Salzlecksteine sind sowohl für Stall- als auch für Weidepferde wichtig, da sie den Mineralhaushalt des Körpers ergänzen. Zusatzfutter Leckerbissen in Form von Brot, Obst, Möhren, ab und zu ein Ei und Vitaminwürfel (statt Zucker) sind eine willkommene Abwechslung und Ergänzung. Aber das Pferd ist kein Mülleimer. Schimmeliges Futter macht krank! Kein geschnittenes Rasengras füttern! Ab und zu kann man Birken-, Buchen-, Ebereschen-, Eichen-, Fichten-, Rosskastanien- oder Tannenzweig zum Knabbern geben, weil darin ätherische Öle, Bitter- und Gerbstoffe enthalten sind. Vorsicht mit giftigen Pflanzen! Keine plötzlichen Futterveränderungen, aber eine kleine Abwechslung ist auch für Pferde appetitanregend. Mash Einmal in der Woche sollte auch ein Pferd eine warme Mahlzeit bekommen, das können wir ruhig den Engländern nachmachen. Rezept für Mash Eine große Tasse Leinsamen wird in reichlich Wasser eingeweicht, 24 Stunden stehen lassen. Danach aufkochen. Vorsicht, es brennt leicht an. Sobald sich die erste Blase zeigt, etwas kaltes Wasser zufügen und das Ganze nochmals aufkochen. Anschließend wird es mit Kleie, etwas Hafer und eventuell ein wenig warmen Wasser zu einem dicken Brei aufgerührt. Warm füttern. Futterverweigerung Jede Art von Unbehagen wird von sensiblen Pferden durch Ablehnen des Futters angezeigt, z. B. psychische Unruhe, physische Überforderung, fieberhafte Erkrankungen, Zahnerkrankungen. Wenn selbst Mash, Kleie in Wasser angerührt, Leckerbissen, Möhren oder Äpfel nicht aufgenommen werden, sollte man den Tierarzt rufen. Gefahren in der Umwelt Wenn ich früher lange Ritte machte, war es selbstverständlich, dass ich mein Pferd während der Rast am Weg- oder Wiesenrand grasen ließ. Heute kann man das nicht mehr so ohne Weiteres riskieren. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sind Gefahren entstanden, die es früher nicht gab und die sich laufend steigern. Ich meine den sich ständig ausweitenden Einsatz von chemischen Giften in der Natur, ob es sich nun um Insekten- oder Unkrautvernichtungsmittel handelt. Wo früher der Wegrand, der Graben ausgemäht wurde, wird heute rasch eine Chemikalie versprüht. Das ist natürlich sehr viel einfacher, doch für die Tiere, die vom frisch besprühten Gras naschen, eine große Gefahr. Eine in den letzten Jahren rapide angestiegene Gefahr ist die sich ständig weiter ausbreitende Tollwut. Kein Weidepferd ist vor einer Begegnung mit einem tollwütigen Wildtier sicher, darum müssen alle auf Weide gehender Pferde jährlich gegen Tollwut geimpft werden. Noch eine sehr erhebliche Gefahr sei hier angeprangert, die Infektion mit Wundstarrkrampf. Eine kleine Verletzung, wie sie sich besonders Weidepferde leicht zuziehen, ebenso eine Vernagelung beim Beschlagen genügt, um diese fast immer tödliche Erkrankung hervorzurufen. Auch hier ist eine vorbeugende Impfung möglich. Macht der Pferdebesitzer davon keinen Gebrauch handelt er grob fahrlässig. Dass Weiden in der Nähe vielbefahrener Autostraßen einen gefährlich hohen Bleigehalt aufweisen, ist bekannt. Auch die modernen Fliegenbekämpfungsmittel scheinen mir nicht ganz so harmlos zu sein, wie sie hingestellt werden. Allergien gegen die darin enthaltenen Stoffe kommen sicher nicht nur bei uns Menschen vor. Husten oder Atembeschwerden bei Pferden, in deren Stall solche Fliegenstrips hängen, können durchaus darauf zurückzuführen sein. Man sollte in so einem Fall immer sofort die Strips entfernen und beobachten, ob der Zustand der Pferde sich dann bessert. Vor den giftigen Pflanzen, die die Natur in reichem Maß wachsen lässt, warnt die Tiere im allgemeinen ihr Instinkt. Aber leider nicht immer. So kommt es hin und wieder vor, dass ein Pferd an dem hochgiftigen Taxus knabbert und elend eingeht. Man sollte genau darauf achten, dass Pferde auf keinen Fall in die Nähe von Taxus kommen. Futterkrippe! Es ist vielleicht auch noch ganz interessant, einige der giftigen Pflanzen zu kennen, um sein Pferd davon fernhalten zu können. Den hochgiftigen Taxus habe ich schon erwähnt, nicht minder gefährlich sind die folgenden verbreiteten Pflanzen: Eibe, Christrose, Wolfsmilch, Lebensbaum, Hahnenfuß, Herbstzeitlose, Buchsbaum, Fingerhut, Schierling, Goldregen, Ginster, Akelei, Schachtelhalm (alle Arten), Seidelbast, Tollkirschen, Sumpfdotterblumen. Dies ist nur eine kleine Auswahl, um einen ungefähren Überblick zu geben. Bei unerklärlichen Krankheitssymptomen von Tieren, die auf solchen Koppeln grasen, sollte man auch die Möglichkeit einer Bleivergiftung erwägen. Umweltgefahren hat es immer gegeben, aber sie waren früher natürlicher Art, während man jetzt alle jene Bedrohungen einbeziehen muss, die eine Begleiterscheinung der auf anderen Gebieten nützlichen chemischen Mittel sind. Daran muss jeder Reiter denken und darauf achten, dass sein Pferd nur dort grast, wo ihm das Grün mit Sicherheit keinen Schaden bringen kann. Sehr gefährlich ist es auch, dem Pferd das kurze Rasengras vorzusetzen. Die kurzen Halme werden einfach verschluckt und können so zu schweren Koliken führen. Was der Rasenmäher mäht, gehört auf keinen Fall in die Futterkrippe. Einige interessante Rassepferde VOLLBLUT Arabisches Vollblut OX Basis für die Zucht der Wüstenpferde waren die edlen orientalischen Rassen, die es in Kleinasien schon seit Langem gab. Sie müssen in der lebensfeindlichen Wüste unvorstellbar harten Auslesebedingungen unterworfen gewesen sein. Überleben und sich fortpflanzen konnte nur das Beste, Zäheste, Anspruchsloseste. Mohammed legte den Grundstein für die Zucht des Wüstenarabers, weil er erkannt hatte, dass es der Kraft und Schnelligkeit einer schlagkräftigen Reiterei bedurfte, um Allahs Wort über Arabiens Grenzen hinaus zu verbreiten. Die Lebensbedingungen der Beduinen waren erbarmungslos hart, sie hatten schon Mühe, für sich selbst, ihre Ziegen und Dromedare genügend Nahrung und vor allem Wasser zu finden. Wie sollten sie in dieser Umwelt noch die wesentlich anspruchsvolleren Pferde halten und züchten! Aber der Prophet machte seinen Anhängern klar, dass die Zucht edler, harter Pferde religiöse Pflicht wäre. Er versprach jedem, der einen reinblütigen Araber besaß, alle Wonnen des Paradieses und erreichte tatsächlich, dass die Pferde das höchste Gut der Beduinen wurden. Es waren also reine Expansionsgelüste, denen wir die Entstehung des Vollblutarabers verdanken. Seine erstaunliche Zuchtkonsistenz hat ihn zum Veredelungsfaktor für die meisten Warmblut-Pferderassen der Welt, viele Ponyrassen und sogar einige Kaltblutrassen werden lassen. Darüber hinaus stellte er, mit dem Berber, die Stammväter des Englischen Vollblüters. In seiner eigentlichen Heimat Arabien besteht nur noch geringes Interesse an seiner Zucht. Ägypten hat das wertvolle Erbe übernommen, im staatlichen Gestüt El Zaraah bei Kairo wurzelt heute die Zucht des reinblütigen Originalarabers. Exterieur: Trockener, wohlgeformter, leichter Kopf mit breiter Stirn, harmonisch in allen Linien, nach unten stark verjüngt mit Einsenkung des Nasenbeins Araberknick, aber auch mit gerader Profillinie. Feine, sichelförmig nach innen geschwungene Ohren, die sich fast berühren. Große dunkle Augen, die weit auseinanderstehen. Sehr große, dünnhäutige Nüstern. Schön gebogener, langer Hals, der nie massig sein darf. Breite Brust, hoher Widerrist, kurzer Rücken mit waagerechter Kruppe, die möglichst lang sein soll. Der hoch angesetzte Schweif soll hochgetragen werden und seidig-weiches Haar haben. Sehnige, trockene Gliedmaßen mit kurzen Röhren, mittellangen Fesseln und runden, kleinen, harten Hufen. Die Beinstellung ist nicht immer ideal. Araber haben dadurch leicht einen bügelnden Gang. Das Körperhaar ist besonders fein und seidig, auffallend die langen Wimpern an den Augen. Größe: zwischen 145 cm und 160 cm Stockmaß. Die in Polen und Ungarn gezüchteten Araber sind meist etwas größer und stärker als die aus ihrer Urheimat kommenden Wüstenaraber. Farbe: sehr viel Schimmel, aber auch Füchse, Rappen, Braune. Verwendung: ein hervorragendes Freizeitpferd für alle, die mit einem sensiblen Pferd umgehen können. Denn obwohl der Araber einen sehr sanftmütigen Charakter hat und besonders zutraulich werden kann, besitzt er viel Feuer und kann bei falscher Behandlung genauso verdorben werden wie jedes andere edle Pferd. Dank seiner großen Ausdauer ein idealer Partner für Wander- und Distanzritte. Auch als Wagenpferd bestens geeignet, aber nicht für den großen Turniersport, dafür ist er zu klein. Der Araber wird noch heute in aller Welt gezüchtet. Englisches Vollblut XX In knapp 200 Jahren schufen die Engländer eine Pferderasse, die es an Zuchtkonstanz mit dem arabischen Vollblut aufnehmen kann und ebenso wie dieses zur Veredelung vieler Halbblutrassen herange- zogen wurde und wird, den Englischen Vollblüter. Stammväter dieser Rassen sind orientalische Hengste, darunter zumindest ein reiner Araber, der nach seinem Besitzer Darley Arabian benannt wurde und in den Pedigrees der Vollblüter dominiert. Stuten der heimischen Landschläge, vermutlich auch Ponystuten und aus dem Orient eingeführte Stuten, bildeten die Basis. Eine strenge Selektion nur nach Leistung fand statt. Ein Rennpferd muss nicht schön sein, es muss Härte besitzen, mutig und möglichst schneller als alle anderen sein. 1793 wurde das General Stud Book (GSB) zum ersten Mal von James Weatherby zusammengestellt, und seitdem sind im GSB die Namen aller Vollblutpferde verzeichnet, deren Abstammung auf im GSB aufgenommene Eltern zurückgeht. Nur diese Vollblüter können an den Zuchtrennen des Galoppsports teilnehmen. Schon im jugendlichen Alter von zwei Jahren wird ein Vollblüter in die Pflicht genommen und absolviert Rennen. Mit drei Jahren bestreiten dann die Besten das wichtigste Rennen im Vollblutsport, das Derby. Der Derbysieger ist die absolute Spitze im Leben eines Vollblüters. Ein paar Minuten und Bruchteile von Sekunden entscheiden über Hunderttausende von Euro. Der Wert eines Derbysiegers schlägt sich z. B. in der Höhe der Decktaxe nieder, wenn es ein Hengst, im Wert der Fohlen, wenn es eine Stute ist. Es wäre aber ganz verfehlt, in der Vollblutzucht eine Goldgrube zu sehen, das Gegenteil ist der Fall. Vollblutzucht und Rennsport kosten in erster Linie Geld, viel Geld. England ist die Nabelschnur aller Vollblüter. Mögen sie auch in Frankreich, Italien, Deutschland oder wo immer gezüchtet werden, alle Pferde, die hinter ihrem Namen das doppelte XX haben, stammen vom Englischen Vollblut ab, daran führt kein Weg vorbei. Der Englische Vollblüter ist aber nicht nur eine Rennmaschine. Größer als der Vollblutaraber, stellt er auch im Turniersport, selbst im harten Springsport seinen Mann. Häufiger noch sieht man Vollblüter in der Dressur. Aber auch als Jagdpferd und in Vielseitigkeitsprüfungen, die mit das Härteste sind, was Sportpferde zu leisten haben, findet man Vollblüter. Exterieur: Da rein auf Leistung gezüchtet, uneinheitlich im Typ. Neben bildschönen gibt es geradezu hässlich wirkende Vollblüter, aber das ist eben keine Rasse, bei der Schönheit eine Rolle spielt. Gewünscht ist ein trockener, edler Kopf mit großen, klugen Augen und weiten Nüstern. Der Hals soll schön angesetzt und lang sein, doch kommen sogenannte Hirschhälse häufig vor, die zwar im Reitsport unerwünscht sind, im Rennsport jedoch keine Rolle spielen. Hoher Widerrist, lange, schräge Schulter, elastischer, gut bemuskelter Rücken mit kräftiger Nierenpartie und lange, stark bemuskelte Kruppe muss der Vollblüter ebenso haben wie einen tiefen Brustkorb, der viel Platz für Herz und Lungen hat. Die Gliedmaßen sollen muskulös mit klaren Sehnen sein und kräftige Sprunggelenke haben. Die dünn behaarte, sehr feine Haut lässt das Adergeflecht deutlich sichtbar werden. Größe: 160 cm bis 165 cm Stockmaß, auch darüber. Farbe: alle Farben. Verwendung: Außer im Rennsport für alle Zwecke des Turniersports geeignet, kein Freizeitpferd im Sinne gemütlichen Bummelns. Der Vollblüter mit seinem sprühenden Temperament braucht einen erfahrenen Reiter, der mit so feinnervigen Pferden umzugehen versteht. Anglo-Araber Aus den beiden leistungsfähigen Vollblutrassen, Araber und Engländer, formte man ein Pferd, das Schönheit und Sanftheit des Arabers mit dem größeren Rahmen und dem Gangwerk des Engländers verbindet, den Anglo-Araber. Da nun aber außer Vollblut-Arabern auch Halbblütige zur Zucht genommen werden dürfen, ist eine Un- terscheidung zwischen Vollblut- und Halbblut-anglo-Arabern nötig. Beide müssen mindestens fünfundzwanzig Prozent arabisches Blut führen, der Vollblüter hat selbstverständlich zu hundert Prozent eingetragene Vollblut-Ahnen und ist an dem X hinter seinem Namen erkenntlich. Exterieur: Sehr nobles Pferd, oft im großen Rahmen mit edlem Kopf, schön aufgesetztem Hals, langer, schräger Schulter und trockenen Beinen. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: alle Farben. Verwendung: hervorragendes Sportpferd, oft mit sehr großer Veranlagung zum Springen. Auch als Freizeitpferd geeignet, aber nur für erfahrene Reiter, die mit Blutpferden umzugehen wissen. Der Halb- blut-anglo-Araber hat im allgemeinen nicht ganz so viel Temperament. TRABER In vielen Ländern werden Traber gezüchtet, ohne dass diese zum Halbblut gehörende Rasse einem Land speziell zugeordnet werden könnte: Der Traber ist international. Am Beginn seiner Entwicklungsgeschichte stand der Wunsch nach besonders schnell und ausdauernd trabenden Kutschpferden, der in England mit dem Norfolk-Trotter oder Hackney, in Russland mit dem Orlow-Traber Erfüllung fand. Von da bis zum rein auf Leistung gezüchteten Rennpferd war es nicht mehr weit. Gegenüber dem ebenfalls nur auf Leistung gezüchteten Vollblüter besteht der Unterschied, dass die Leistung im Trab und nicht im Galopp erbracht werden muss. Zu Hochburgen der Traberzucht entwickelten sich Frankreich und Amerika. In Deutschland baute man erst auf den Orlow-Traber, importierte dann aber bestes amerikanisches Zuchtmaterial und verstand es, den Trabersport zu einem Volkssport zu machen. Hamburg, München und Berlin sind Zentren des Trabersports. Exterieur: Uneinheitlich im Typ, da nur auf Leistung gezüchtet wird. Manchmal etwas grober Kopf mit großen, lebhaften Augen. Tief angesetzter Hals, manchmal etwas kurz. Lange, gut bemuskelte Schulter, weicher Rücken und kurze, runde, muskulöse Kruppe. Sehr harte Beine mit kurzen Röhren und tiefsitzendem Sprunggelenk, steile Fesselung, harte, kleine Hufe. Größe: 155 cm bis 165 cm und darüber. Farbe: überwiegend Braune, aber auch Rappen, Füchse, Schimmel. Verwendung: Spezialrasse für den Rennsport, aber auch gutes Sport- und Freizeitpferd von lebhaftem, aber meist gutartigem Temperament. Als Kutschpferd sehr geeignet. Trakehner Das in Ostpreußen gezüchtete Warmblutpferd ist nie in erster Linie ein Wirtschaftspferd gewesen wie die im Norden und Süden Deutschlands gezüchteten Rassen. Zwar wurde auch der Trakehner zu jeglicher Arbeit in der Landwirtschaft eingespannt, aber Zuchtziel war das harte, edle, leichte Reitpferd, wie die Kavallerie es bis in unser Jahrhundert hinein in großer Zahl brauchte. Das Zuchtvolumen in Ostpreußen war größer als in allen anderen deutschen Pferdezuchtgebieten und umfasste bis zu 60000 Zuchtstuten, eine fast unvorstellbare Zahl! Ebenso unvorstellbar aber, dass davon nur einige Hundert übrigblieben, dass der Zusammenbruch 1945 fast das Ende dieser edlen Pferde gebracht hätte. Etwa 800 Stuten und rund 40 Hengste überstanden die enormen Strapazen des mörderischen Flüchtlings-Trecks und wurden verstreut in ganz Westdeutschland untergebracht. Aber sehr bald fanden sich engagierte Freunde dieser Rasse, sie gründeten den Verband der Züchter und Freunde des Warmblutpferdes Trakehner. BERBER Zu den ältesten Pferderassen gehört der in Nordafrika beheimatete Berber. Zwei Jahrtausende hindurch trug er vor allem Krieger auf seinem Rücken. In vielen Eigenschaften dem Araber ähnlich, unterscheidet er sich äußerlich doch von seinem Wüstenbruder. Aber wie der Araber hat auch der Berber maßgebend an der Entstehung des Englischen Vollbluts mitgewirkt. Während der Araber sich jedoch fast die ganze Welt erobert hat, sieht man den Berber außerhalb seiner Heimat kaum. Exterieur: Kräftiger, trockener Kopf, manchmal Rammsnase, kräftiger Hals, kurzer Rücken mit abfallender Kruppe und tief angesetztem Schweif. Kräftige, trockene und gut bemuskelte Gliedmaßen. Größe: um 150 cm Stockmaß, nur selten größer. Farbe: viel Schimmel, aber auch andere Farben. Charakter: feuriges Temperament, aber gutartig. Verwendung: stets nur als Reitpferd verwendet, schnell und ausdauernd. Als Freizeitpferd durchaus geeignet. Diese Eignung könnte dem Berber zu einer größeren Verbreitung außerhalb seiner heimatlichen Grenzen verhelfen. Zähigkeit und Ausdauer machen ihn zu einem idealen Pferd für Wanderritte, und obwohl er nur wenige Zentimeter über Ponymaße groß wird, ist er durchaus in der Lage, auch schwerere Reiter zu tragen. Hannoveraner Nicht umsonst hat Niedersachsen ein springendes Pferd im Wappen. Pferde spielten und spielen in diesem Bundesland eine große Rolle. 1888 wurde das Hannoversche Stutenbuch gegründet. 1922 wurden seine Aufgaben vom Provinzialverband hannoverscher Pferdezüchter übernommen. Die Hengsthaltung liegt fast ausschließlich in staatli- cher Hand. Die Hengste werden einer monatelangen Leistungsprüfung unterzogen, bevor sie zum Deckeinsatz kommen. Neben den selbstverständlichen rein körperlichen Leistungen wird größter Wert auf das Wesen gelegt. Temperament, Charakter, Leistungswille, alles wird beurteilt. Der Hannoveraner soll nicht nur ein hervorragendes Sportpferd sein, sondern auch dem Freizeitreiter ein angenehmer, braver Partner. Da auch der Hannoveraner heute nicht mehr allzu mächtig gewünscht wird, ist der Vollblutanteil in der Zucht wieder etwas angestiegen, vor allem aber haben sich Trakehner Hengste auch in der hannoverschen Zucht bewährt. Das Warmblutpferd hannoverscher Prägung hat bedeutende Nachzuchtgebiete in Deutschland. Auf rein hannoverscher Grundlage züchtet man in Bayern ein Warmblutpferd. Der Westfale ist im Grunde ebenfalls ein Hannoveraner, wenn auch mit eigenem Stutbuch und eigenem Landgestüt. Exterieur: Der Kopf wirkt manchmal etwas schwer, ist aber trotzdem edel. Gut angesetzter, langer Hals, tiefe Brust lange, schräge Schulter und ausgeprägter Widerrist, der eine gute Sattellage verbürgt. Gut bemuskelter, verhältnismäßig langer Rücken mit langer, leicht abfallender Kruppe und schön getragenem Schweif. Kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und massiven Sprunggelenken, kräftigen Hufen. Die in puncto Bodenverhältnisse recht unterschiedlichen Aufzuchtgebiete des Hannoveraners bedingen auch eine relativ große Bandbreite im Typ. Es gibt ausgesprochen starke Gewichtsträger mit großem Springvermögen und ausgesprochen edle, leichtgewichtigere Hannoveraner, die im Dressursport und für den Freizeitreiter besonders geeignet sind. Farben: sehr viel Braune und Füchse, aber auch Rappen und Schimmel aller Schattierungen. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß. Verwendung: für alle Zwecke des Reit- und Fahrsports. Im Springsport stehen Hannoveraner in Europa sowohl der Quantität als der Qualität nach an der Spitze der Turnierpferde. Westfale Wie das Nachbarland Hannover hat auch Westfalen ein springendes Ross im Wappen, hier wie dort hat die Pferdezucht eine alte Tradition und große Bedeutung. 1826 wurde das Landgestüt Warendorf gegründet, im März 1904 in Münster das Westfälische Pferdestammbuch e. V. angelegt. Anfangs wurde der Westfale auf Oldenburger Basis gezüchtet, auch Anglo-Normänner fanden in der Zucht Verwendung. Aber seit 1920 ist die westfälische Warmblutzucht auf hannoverscher Grundlage aufgebaut, das Zuchtziel ein charakterlich einwandfreies, großrahmiges Reitpferd von ruhigem Temperament, das sowohl für den Turniersport als auch für den Freizeitreiter geeignet ist. Aus dem westfälischen Zuchtgebiet sind in den letzten Jahren hervorragende Springpferde gekommen, eine nie zu unterschätzende Reklame für eine Pferderasse. Auch in der wohl schwierigsten Disziplin des Reitsports, der Vielseitigkeitsprüfung oder Military, beweisen Pferde aus dem Westfalenland ihre hohen Qualitäten. Anziehungspunkt für Tausende von Pferdefreunden ist alljährlich die Hengstschau in Warendorf. Nach Hannover verfügt Westfalen über die größte Zahl eingetragener Stuten. Exterieur: Edler Kopf, langer, gut aufgesetzter Hals, lange, schräge Schulter, ausgeprägter Widerrist. Gut bemuskelter Rücken, lange, muskulöse Kruppe. Kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und massiven Gelenken. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß. Farbe: alle Farben. Verwendung: Sport- und Freizeitpferd für alle Zwecke. Holsteiner Auf den fetten Weiden der Marschen ebenso wie auf den kargeren Gründen der Geest wuchsen schon im Mittelalter hervorragende Pferde heran. Holsteiner Herzöge, dänische Könige und nicht zuletzt die Klöster waren Förderer der Pferdezucht zu Zwecken der Bodenbearbeitung wie für Kriegsnöte, wie es in einer alten Chronik heißt. Hengste aus Andalusien brachten dem Holsteiner das stolze Gepräge, den hohen Aufsatz, die erhabene Knieaktion. Holsteiner Hengste waren begehrt, wurden nicht nur Stammväter der hannoverschen Zucht, sondern auch in Oldenburg, Mecklenburg, Westfalen eingesetzt. Aber eine Festigung des Typs brachte erst die Nachzucht von Yorkshire Coach-Hengsten, die im vorigen Jahrhundert aus England eingeführt wurden. In der »preußischen Zeit Holsteins wurde 1867 das Landgestüt Traventhal gegründet. 1891 schlossen sich die Züchter des Marschlandes zusammen. 1896 gründeten auch die Züchter der Geestlande einen Verband … und 1935 taten sich beide zum Wohle der Zucht zum Verband der Züchter des Holsteiner Pferdes zusammen. Von erheblicher Bedeutung war die Gründung der Reit- und Fahrschule Elmshorn im Jahr 1894. Ihr Ziel war und ist auch heute noch: Ausbildung der Züchterjugend, Herausbringen bestens vorbereiteter Pferde für den Sport, erfolgreiche Werbung für das Holsteiner Pferd. 1960 musste das Landgestüt Traventhal geschlossen werden, die Zahl der Stutenbedeckungen war rapid zurückgegangen. Der Züchterverband übernahm den Beschälerbestand. Das Zuchtziel des Verbandes: Produktion eines marktgängigen Pferdes mit den Vor- zügen eines Reitpferdes für jeden Gebrauch, bei Beibehaltung der unabdingbaren Eigenschaften eines Wirtschaftspferdes. Bei der auch in der Holsteiner Zucht angestrebten Veränderung zum marktgängigen, also edleren Typ verwendet man vor allem Vollbluthengste mit Steeplereigenschaften, damit das gewaltige Springvermögen der Holsteiner keine Einbuße erleidet. So entstand ein dem englischen und irischen Hunter adäquates, zwar immer noch starkes, aber dabei edles Pferd, das im Großen Springsport ebenso gefragt ist wie im Fahrsport. Holsteiner Gespanne haben die Nase bei allen Gespannprüfungen vorn. Das Zuchtvolumen Holsteins ist wesentlich geringer als das in Hannover oder Westfalen, trotzdem finden sich im Turniersport fast ebenso viele Holsteiner wie Hannoveraner. Man kann einen Streifzug durch die Holsteiner Pferdezucht nicht beenden, ohne des berühmtesten vierbeinigen Holsteiners zu gedenken. Fritz Thiedemanns Meteor war unter den vielen guten Springpferden Holsteins Bester der Besten, ein Ausnahmepferd, das jahrelang auf allen großen Turnierplätzen bekannt und erfolgreich gewesen ist. Meteor setzte man ein Denkmal; es ist vor der Reit- und Fahrschule Elmshorn aufgestellt. Exterieur: Ausdrucksvoller, manchmal etwas schwerer Kopf mit Rammsnase. Gut angesetzter, schön getragener Hals, gut gelagerte Schulter, tiefe und breite Brust, kräftiger, oft etwas langer Rücken mit muskulöser Nierenpartie und gut bemuskelter Kruppe. Korrekt gestellte Gliedmaßen mit klaren Sehnen und Gelenken. Im Urtyp ein starkknochiges, großes Pferd mit raumgreifendem Galopp und gewaltigem Springvermögen, im heutigen Typ etwas edler. Farbe: überwiegend Braune von Hell- bis Schwarzbraun, selten Füchse und Schimmel. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß. Charakter: gutes, oft lebhaftes Temperament. Verwendung: ein Allroundpferd zum Reiten und Fahren mit spezieller Begabung zum Springen. Oldenburger Schon vor 300 Jahren praktizierte Graf Anton Günther, Regent von Oldenburg, ein Verfahren in der Landes Pferdezucht, das man nur als vorbildlich bezeichnen kann, und das entsprechenden Erfolg hatte. Die Bauern erhielten aus seinen Gestüten nicht nur gute Stuten zugeteilt, er stellte für sie dann auch seine Gestüthengste zur Verfügung. Der gewünschte Pferdetyp jener Zeit war ein Karossier mit viel Aufsatz und hohem Kniebug. Man könnte sagen, der hoch trabende Oldenburger Karossier war der Mercedes 600 jener Zeit. Aber die Zeiten ändern sich. Kutschpferde sind nur selten gefragt, schwere Reitpferde erst recht. So stand auch die Oldenburger Pferdezucht vor dem Problem, den Oldenburger zu einem leichteren Sportpferd um zu züchten, ohne die solide Grundlage des verhältnismäßig kleinen Stutenstammes zu zerstören. Die Umzüchtung zum edlen Sportpferd ist voll gelungen, ohne dass das leichtere Kaliber dem Oldenburger die stolze Haltung, die Energie im Gang genommen hätte. Exterieur: Feiner, edler Kopf, hoch aufgesetzter Hals, gut gelagerte, lange Schulter, ausgeprägter Widerrist, nicht zu langer, kräftiger Rücken und gut bemuskelte Kruppe. Korrekt gestellte Gliedmaßen, trocken und muskulös mit kräftigen Gelenken. Farbe: braune, Rappen, seltener Schimmel und Füchse. Größe: ideal 165 cm, Streuung nach oben und unten von etwa 5 cm. Charakter: ruhiges, angenehmes Temperament. Verwendung: Sportund Freizeitpferd, auch als Kutschpferd immer noch mit hervorragenden Leistungen. Als Militarypferd sehr gefragt. Ostfriese Den eigentlichen alten Ostfriesen gibt es nicht mehr. Er war ein schwerer Warmblüter, hart an der Grenze zum Kaltblut stehend, aber mit viel Gang und Nerv: ein vorzügliches Kutsch- und Wirtschaftspferd, im Mittelalter ein beliebtes und bekanntes Ritterpferd. Später wurden bereits leichte, edle Hengste eingekreuzt, die nicht immer das gewünschte Resultat brachten. Vor rund sechzig Jahren stellte man Vollblut-Araber auf. So hat man sich dazu entschlossen, den Ostfriesen dem Hannoveraner anzugleichen, um das gewünschte Sportpferd im großen Rahmen mit genügend Adel und Schwung anbieten zu können. Nicht nur im Pferdetyp sucht man sich hannoverisch zu orientieren, das Ostfriesische Stutbuch hat sich dem Verband hannoverscher Warmblutzüchter angeschlossen, und es werden nur noch Hengste gekört, die arabischer, hannoverscher oder ostpreußischer Abstammung sind. Exterieur: Edler, auffallend kleiner Kopf, häufig mit Rammsnase, schön angesetzter, mächtiger Hals, tiefer, breiter Rumpf mit gerader, gut bemuskelter Kruppe, gut gelagerte Schulter, wenig Widerrist, kurze kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und starken Gelenken. Farbe: viel Füchse, aber auch Braune, Rappen, bei Friesenarabern viel Schimmel. Größe: Friesenaraber. Württemberger Der Württemberger war ehemals ein| nahe am Kaltblut stehendes, kräftigest Wirtschaftspferd, wie die Bauern des| Landes es brauchten: solide, zuverlässig, gutartig, sicher im Zug. Aber was über Jahrhun- derte hinweg gut und richtig war, hatte plötzlich keinen Wert mehr. Sollte die Zucht des Württemberger Warmbluts weiterbestehen, musste auch hier der große Umbruch erfolgen. Der Württemberger von heute ist ein Pferd, das es an Eleganz und Schönheit mit den gestandenen Reitpferdrassen aufnehmen kann und dabei Zuverlässigkeit und guten Charakter des alten Typs behalten hat. So ist auf dem Boden des über vierhundert Jahre bestehenden und damit ältesten deutschen Gestüts Marbach eine alte Pferderasse in neuem Glanz erstanden. Exterieur: Edler Kopf, schön angesetzter Hals, tiefe Brust, ausgeprägter Widerrist, gut bemuskelter, nicht zu langer Rücken und breite, muskulöse Kruppe. Schräge Schulter, kräftiges Fundament mit korrekter Beinstellung, harte Hufe. Farbe: Braune, Füchse, Rappen, selten Schimmel. Größe: 160 cm bis 165 cm und darüber. Verwendung: vielseitig verwendbares Sportpferd mit gutem Charakter. Hessisches Warmblut Obwohl nicht so bekannt wie Hannoveraner, Holsteiner oder Trakehner, gehört der Hesse zur ersten Klasse unserer Warmblutzuchten. Wurde früher der etwas schwere Typ bevorzugt, ist der Hessische Warmblüter heute eleganter geworden. Neben Hannoveranern wur- den auch Trakehner Hengste eingesetzt, sodass der überall gewünschte Sportpferd-Typ auch vom Hessen verkörpert wird. Hessen ist wie Westfalen und Hannover ein Pferdeland und hat einen sehr großen Stutenbestand. Exterieur: Wie der Hannoveraner ein Warmblüter, der von Leicht- bis Schwergewicht jeden Reiter zu tragen vermag. Ein elegantes Pferd mit viel Temperament, für den großen Sport ebenso geeignet wie für den Freizeitreiter. Ein Hesse war sogar Sieger des schweren Spring-Derbys in Klein-Flottbek: Kosmos unter dem unvergessenen Hartwig Steenken 1974. Bayrisches Warmblut Aus dem urbayrischen Rottaler wurde in Anpassung an das heute gewünschte Sportpferd das Bayrische Warmblut. Die Zucht ist auf dem leichteren Typ des Hannoveraners aufgebaut. Auch Englische Vollblüter und einige Trakehner wurden eingesetzt. Seit 1963 ist das Bayrische Warmblut als bodenständige Rasse anerkannt, das Zuchtziel ist ein elegantes Warmblutpferd mit raumgreifenden, flachen Gängen, für alle Zwecke des Sports zu verwenden. Exterieur: Elegantes Warmblutpferd in großem Rahmen, dem Hannoveraner ähnlich: Gut angesetzter, langer Hals, tiefe Brust, lange, schräge Schulter und ausgeprägter Widerrist. Gut bemuskelter, langer Rücken, kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und massiven Sprunggelenken. Größe: bis 170 cm Stockmaß: Farbe: überwiegend Braune und Füchse, andere Farben kommen vor. Verwendung: vielseitiges Sportpferd mit gutem Charakter und raumgreifenden, flachen Gängen. Brandenburger 1787 wurde das Gestüt Neustadt a. d. Dosse gegründet. Zuchtziel war ein für alle Zwecke verwendbares Warmblutpferd, schwer genug, um auch in der Landwirtschaft jede Arbeit ausführen zu können, als Kutschpferd gängig und ausdauernd, als Reitpferd noch nicht zu schwer. Nach dem letzten Weltkrieg baute man die Brandenburger Rasse mit Hannoveranern und einigen ostpreußischen Hengsten wieder auf, das Zuchtziel ist aber nicht mehr ein schwerer Warmblüter, sondern der heute überall erwünschte Typ des gängigen Sportpferdes. Exterieur: Mittelgroßer Kopf, gut aufgesetzter Hals mittlerer Länge, gerader, kräftiger Rücken, gut bemuskelte, recht lange Kruppe. Kräftige, trockene Gliedmaßen. Größe: 165 cm Stockmaß, auch weniger oder mehr. Verwendung: Reit- und Wagenpferd mit ruhigem Temperament. Farbe: überwiegend Braune. Cleveland Bay Der Cleveland-Bay oder Cleveland 1 Brown, wie er seiner ausschließlich braunen Farbe wegen auch genannt wird, ist ein mittel- schweres Warmblutpferd. Die Geschichte seiner Zucht ist etwa 200 Jahre alt, seine engere Heimat die Grafschaft Yorkshire. Seine heutige Bedeutung liegt in dem Wert, den er für die Produktion des Hunters hat. 1884 gründeten die Züchter, die Cleveland Bay Horse Society, und nur die in ihrem Stutbuch eingetragenen Pferde gelten als reine Cleveland Bay. Übrigens haben Cleveland Bay-Hengste in früherer Zeit auch großen Einfluss auf deutsche Warmblutzuchten gewonnen, so auf die Oldenburger Zucht. Exterieur: Etwas langer, aber nicht unedler Kopf, kräftiger, gut getragener Hals, schräge, lange Schulter, langer, manchmal etwas weicher Rücken, lange Kruppe. Trockenes Fundament, lange Röhren, breite Sprunggelenke. Farbe: Nur Braune, weiße Abzeichen gelten als fehlerhaft. Größe: 165 cm bis 170 cm. Verwendung: für alle Zwecke geeignetes Warmblutpferd mit ruhigem Temperament, großem Spring- und Galoppiervermögen. Seit alters her besteht die Tradition, dass die Kutschpferde für den Königlichen Marstall überwiegend Cleveland Bays sind. Das ist aber nur noch ein freundlicher Nebenzweig der Cleveland-Bay-Zucht. Hunter Irische und englische Hunter genießen Weltruf. Sie sind ein Begriff, aber keine eigene Rasse. Großrahmige Vollblüter, auf der Rennbahn als Steepler erprobt, sind die Väter. Stuten sehr stabiler Warmblutrassen. In England überwiegend des Cleveland Bay, in Irland vom Irisch Draught Horse, einem hart am Kaltblüter stehenden Zugpferd, die Mutter dieser begehrten Jagdpferde mit dem legendären Ruf. Äußere Schönheit spielt nicht die geringste Rolle bei der Hunterzucht, - es gibt ausgesprochen hässliche Pferde unter ihnen, Hauptsache, die Leistung stimmt. Eine Exterieurbeschreibung erübrigt sich, da kein einheitliches Rassebild besteht. Gewünschte Merkmale: großrahmiges, muskulöses Pferd von gedrungenem Bau mit breiter, geräumiger Brust und starken Gliedmaßen. Größe: Wird unterschiedlich angegeben, etwa 160 cm und darüber. Farbe: alle Grundfarben. Einteilung in drei Gewichtsklassen, wobei sich das Gewicht nicht auf das Pferd, sondern auf den von ihm getragenen Reiter bezieht: Schwergewichts-Hunter, Mittelgewichts-Hunter, Leichtgewichts-Hunter. Im Springsport wird heutzutage auch Schnelligkeit verlangt, so dass Hunter mit hohem Vollblutanteil besonders gesucht sind. Sie können nicht nur sauber, sondern auch schnell über Hindernisse gehen. Hackney Dieser auffallende Traber mit dem hohen Kniebug ist heute ein reines Schau-Pferd. Seine Ahnen, die Norfolk-Trotter, wurden schon vor Jahrhunderten von den Farmern der Grafschaften Yorkshire und Norfolk ihre außerordentlich schnellen und ausdauernden Trabens wegen als Reit- und Wagenpferde hoch eingeschätzt. 1882 gründete man in Norwich eine Gesellschaft zur Veröffentlichung eines Stutbuches für den englischen Traber und gab diesem Pferd den Namen Hackney. Dieser Hackney, in dessen Adern Vollblut, spanisches und arabisches Blut floss, entwickelte sich zum repräsentativen Kutschpferd der Jahrhundertwende. Die Blütezeit der Hackneyzucht währte bis zum Ersten Weltkrieg. Als wieder normale Zeiten herrschten, musste das Kutschpferd seine dominierende Rolle an das Auto abgeben. Das war für den Hackney beinah ein vernichtender Schlag. Dabei hatten Hackney-Hengste ihre Meriten auch als gute Vererber bewiesen, der Hackney besitzt nämlich ein sehr gutes Springvermögen. So hatte zum Beispiel die Olympiasiegerin 1936 Tora einen Hackneyhengst zum Vater. Wenn es nicht immer noch Menschen gäbe, die ihr Herz an diese Pferde hängen, so wäre der Hackney wohl schon verschwunden. Exterieur: Großer, aber trotzdem edler Kopf, manchmal etwas Rammsnase, mäßig langer, muskulöser Hals, hoher Widerrist, kräftiger Rücken. Meist steile Schulter, gerade, manchmal leicht ab fallende Kruppe, kräftige Gliedmaßen, kurze Röhren, leicht schräge Fesseln, feste, runde Hufe. Auf einen schön getragenen Schweif wird Wert gelegt. Farbe: Braune aller Schattierungen, Füchse, Rappen, auffallende weiße Abzeichen erwünscht. Größe: 150 cm bis 160 cm. Charakter: sehr temperamentvoll. Verwendung: Wagenpferd mit extrem hohem Kniebug und steppender Trabaktion. Ein kleiner Bruder ist der Zwerg-Hackney. Cob Der Cob ist keine eigenständige Rasse, so wenig wie der Hunter, spielt aber trotzdem eine große Rolle in der Zucht. Der Cob soll alles haben, was man von guten Reit-, Spring- und Wagenpferden erwartet, dabei nicht über höchstens 155 cm Stockmaß hinauswachsen und mit besten Charaktereigenschaften ausgestattet sein. Er muss schwergewichtige Reiter über Hindernisse tragen können, als Reitpferd einen flachen, raumgreifenden Gang haben und als Wagenpferd an den hohen Kniebug des Hackney herankommen. Das alles wird durch entsprechende Kreuzungen z. B. von kräftigen Ponystuten mit Vollbluthengsten erreicht. Seine geringe Größe macht den Cob zu einem sowohl für ältere als auch sehr junge Reiter geeigneten Pferd. Exterieur: Ein kurzbeiniges, kräftiges Pferd, manchmal etwas derb wirkend, mit sehr bemuskelter, runder Kruppe. Schulter soll lang und schräg sein, der Hals ist meist sehr stark, die Brust breit. Die Idealgröße liegt bei 150 cm. Cobs sind hervorragende Freizeitpferde, weil sie vom Pony die Robustheit mitbringen können und dazu einen liebenswürdigen Charakter haben. Der einzige zuchtgefestigte Cob ist der Welsh Cob. Der Cob ist ebenso wie der Welsh-Cob bei uns noch eine Seltenheit. Als ich einer sehr pferdeerfahrenen Bekannten die Aufnahmen eines Welsh-Cob- Hengstes zeigte, fragte sie erstaunt: Was ist ein Cob? Es wäre zu wünschen. dass die in diesem Buch erfolgte Vorstellung dieses vielseitigen Pferdes ihm auch bei uns zu größerer Verbreitung verhilft. Anglo-Normänner Nimmt man Anglo-Araber und Traber aus, die zwar beide mit Erfolg auch in Frankreich gezüchtet werden, aber keine französischen Rassen im engsten Sinn sind, bleibt als Warmblutpferd französischer Prägung der Anglo-Normanne übrig. Ob es stimmt, dass die Wurzeln der Rasse bis zu der Zeit der Mauren und einer armorikanischen Rasse zurückreichen, lässt, sich nicht mit Sicherheit nachweisen. Armorika ist die lateinische Bezeichnung für ein Gebiet, zu dem die Bretagne, die Vendee und die westliche Normandie gehören. Die von Skandinavien kommenden Normannen setzten sich an der Westküste Frankreichs fest. Nach einer langen Blütezeit erlebte die Zucht der Race Normande durch wahllose Einkreuzung von Fremdblut einen Niedergang, der fast den Untergang der normannischen Pferde gebracht hätte. Frankreich befand sich zu jener Zeit ja allein rund hundert Jahre im Krieg mit England, die ständigen Remontierungen ließen den Pferdebestand nahezu ausbluten. Erst von 1830 an begann eine Regeneration. Man führte aus England Vollblüter und Halbblüter ein, unter anderen den Norfolk-Trotter Young Rattler. Mit ihm begann die eigentliche Geschichte des Anglo-Normänners. Gleichzeitig wurden Leistungsprüfungen im Trab für die zur Zucht bestimmten Pferde eingeführt. Ab 1860 gilt der Anglo-Normanne als gefestigte Rasse. Der Anglo-Normanne war um die Jahrhundertwende als schnelltrabender Karossier, als Renntraber und auch als Wirtschaftspferd sehr begehrt. Der Traber wurde dann als Trotteur Francais sozusagen selbständig, das Kutsch- und Wirtschaftspferd entwickelte sich zu einem Sportpferd von hohen Graden. Französische Tumierreiter glänzten mit Anglo-Normannen auf vielen Turnieren. Bisheriger Höhepunkt war der Olympiasieg von Pierre J. d'Oriola auf dem Anglo-Normannen Lutteur in Tokio. Aber die Rasse erwies sich auch für andere Warmblutrassen als wertvoll, sie stellte vorzügliche Vererber, die die Warmblutzuchten in Deutschland (Oldenburg. Württemberg, Holstein), Schweiz (Einsiedler. Freiberger). Schweden und Holland stark beeinflussten und noch beeinflussen. Nicht zu vergessen Ungarn: der Anglo-Normänner Nonius hat dort einer ganzen Rasse seinen Namen gegeben. Hauptzuchtgebiet ist die Normandie mit den Gestüten Le Pin und Saint-Lö. Exterieur: Mittelgroßer Kopf, manchmal leichte Rammsnase, verhältnismäßig große Ohren, langer, muskulöser Hals, gut entwickelter Widerrist, lange, schräge Schulter. Verhältnismäßig langer Rücken, manchmal etwas weich, muskulöse, wenig abfallende Kruppe. Kräftige Gliedmaßen mit klaren Gelenken. Feste, manchmal etwas breite Hufe. Der Anglo-Normanne wird seit 1967 offiziell Seile Francais genannt (Französisches Reitpferd). Außer diesem Sportpferdtyp wird in geringer Zahl auch noch der Cob-Typ als mittelschweres, aber gängiges Wagen- und Wirtschaftspferd gezüchtet. Größe: bis 165 cm Stockmaß; Cob etwa 10 cm. Farbe: überwiegend Braune und Füchse. Besonders zu beachten ist die Spätreife der Anglo-Normänner, das bedeutet, sie sind erst mit 6-7 Jahren erst voll belastbar. Charakter: lebhaft, aber gutartig, mit dem Temperament ausgestattet, das ein gutes Sportpferd laben muss. Camargue-Pferd Das Crin Blanc zieht viele begeisterte Touristen in jene provenzalische Landschaft, nach der es genannt wird, die Tamargue. In dem morastigen Mündungsgebiet der Rhone, das mehr als 7000 km2 umfasst, leben außer zahllosen Mücken und vielen Vogelarten halbwilde kleinwüchsige, schwarze Rinder, von berittenen Hirten bewacht. Zu dieser nicht ganz ungefährlichen Hütearbeit werden entsprechende Pferde gebraucht. Sie sind in den ebenfalls halbwild lebenden, unverwüstlichen Pferden der Camargue sozusagen griffbereit« vorhanden. Die Hirten fangen sich aus der Pferdeschar heraus, was sie brauchen. Um die anderen kümmert man sich kaum, sie leben weitgehend sich selbst über- lassen. Das Camargue-Pferd besitzt die wachen Instinkte des fast noch wild lebenden Pferdes, hat ein schnelles Reaktionsvermögen, was bei der Unberechenbarkeit der Stiere unbedingt nötig ist. Es springt gut und sicher, was in dem unübersichtlichen Sumpfgelände ebenfalls sehr wichtig ist, und hat bei allem Temperament einen gutartigen Charakter. So lag es nahe, den vielen Naturfreunden, die alljährlich das sehenswerte Tierreservat im Süden Frankreichs besichtigen, einen Ritt auf den nur ponygroßen Camargue-Pferden anzubieten und damit das Interesse von Freizeitreitern auf diese Pferde zu lenken. Das Crin Blanc soll von dem in der Altsteinzeit lebenden Solutrepferd abstammen. Orientalisches Blut, Berber und iberische Rassen sind eingekreuzt worden. Die Bezeichnung Crin Blanc (Crin = Rosshaar, Mähnenhaar; blanc = weiß) deutet darauf hin, dass es sich bei den Pferden ganz überwiegend um Schimmel handelt, selten kommen Füchse vor. Es besteht eine Zuchtorganisation, die Aufzucht erfolgt in halbwilden Herden (Manades) von je vierzig bis fünfzig Tieren. Exterieur: Schwerer, oft rammsnasiger, selten edler Kopf, große Ohren, große, aufmerksam und klug blickende Augen. Kurzer, gerader Hals, häufig Hirschhals, flache, breite Brust, wenig Widerrist, muskulöser, kräftiger Rücken, schmale, kurze, manchmal abfallende Kruppe. Trockene Gliedmaßen mit guten Gelenken und starken, gesunden Hufen. Sehr üppiges Mähnen- und Schweifhaar. Größe: 145 cm Stockmaß, selten mehr. Farbe: ganz überwiegend Schimmel, wenig Füchse. Verwendung: ausdauerndes, hartes Gebrauchspferd für den Spezialeinsatz als Hirtenpferd. Geduldiges, wenn auch durchaus temperamentvolles Reitpferd für Erwachsene und Jugendliche. Zuchtgebiet: Rhone-Delta, Südfrankreich. Niederländisches Warmblut Mit viel Gespür für die Zeichen der Zeit auf dem Pferdemarkt und großem Geschick haben es Hollands Pferdezüchter verstanden, ihre beiden schweren Warmblutrassen, Groninger und Gelderländer, durch entsprechende Zufuhr leichteren Blutes in gängige Sportpferde umzuwandeln. Turniergrößen wie Rex the Robber rückten Pferde aus Holland ins Blickfeld der Reiterwelt. Pferde, die im Typ Schwergewichtshuntern entsprechen, gewaltig springen können und immer noch, fall erwünscht, hervorragende Kutschpferde abgeben. Der Groninger alten Schlages ist dabei allerdings fast verschwunden, es besteht ja auch kaum noch Nachfrage für ausgesprochene Karossiers. Der durch Vollblut und Halbblut veredelte Groninger wurde wiederum bei den Gelderländern eingesetzt, um ein möglichst einheitliches Pferd im gewünschten Typ des vielseitig verwendbaren Sportpferdes zu bekommen. Der Gelderländer des alten Typs, den man auch noch findet, ist ein Wirtschaftspferd, für alle Arbeiten in der Landwirtschaft geeignet, ein ausgezeichnetes Wagenpferd, aber auch ein stabiles, gut gehendes Reitpferd. Typisch für ihn ist die Fuchsfarbe mit vielen weißen Abzeichen. Wenn es auch heute noch die Bezeichnungen Groninger und Gelderländer gibt, so wird es vermutlich in einiger Zeit nur noch das Niederländische Warmblutpferd geben, denn das ist die logische Konsequenz aus den erfolgreichen Bemühungen der Pferdezüchter Hollands, ein modernes Sportpferd zu züchten. Exterieur: Edler Kopf, starker, gut aufgesetzter Hals, gut ausgeprägter Widerrist, breiter, tiefer Rumpf, zwar leichter als der Urtyp, aber immer noch mit viel Masse. Größe: 160 cm bis 170 cm Stockmaß. Farbe: viel Füchse, auch Schimmel und Braune. Verwendung: sehr gutes Sportpferd mit hervorragenden Gängen und Springvermögen. Sehr gutes Wagenpferd. Zuchtgebiet: Niederlande. Friese Knochenfunde aus prähistorischer Zeit beweisen, dass in Friesland schon vor Tausenden von Jahren ziemlich schwere Pferde vorhanden waren. Dass sie die Vorfahren der Friesen sind, lässt sich zwar vermuten, aber nicht mit Sicherheit behaupten. Der Friese, wie wir ihn noch heute kennen, ist das Produkt einheimischer Pferde, die mit den von den Spaniern im 16. Jahrhundert ins Land gebrachten orientalischen Rassen vermischt wurden. Ein recht elegantes Pferd mit hoher Trabaktion entstand. Als im 17. Jahrhundert Trabrennen eine Art Volkssport wurden, begann man, den Friesen systematisch zum Harddraver, zum schnellen Traber, um zu züchten. Auch der Friese wurde dann von einem derart heftigen Niedergang der Rasse bedroht, dass er fast verschwunden wäre. Es gab 1910 nur noch drei Beschäler im ganzen Land! Auch in diesem Fall fanden sich in letzter Minute Freunde der Rasse zusammen, ein neues Stutbuch wurde aufgelegt und der Wiederaufbau der Rasse mit Geschick und Engagement betrieben. Königin Juliane der Niederlande übernahm 1954 die Schirmherrschaft über die nun Königliche Friesische Züchtergemeinschaft. Immer noch kann der Friese seine spanischen Ahnen nicht verleugnen und trabt mit hoher Knieaktion. Ihn vor dem Wagen zu sehen, ist erfreulich. Er bewährt sich auch als braves Pferd zum Spazierenreiten, mit weichen Gängen; besonders für Reiter geeignet, die sich ihrer Größe und ihres Gewicht wegen nicht so gern auf ein Pony setzen. Exterieur: Mittellanger Kopf mit völlig gerader Profillinie, aufmerksam gespitzten Ohren, lebhaft blickenden Augen. Schön aufgesetzter, kräftiger Hals, ziemlich steile Schulter, kurzer Rücken, manchmal leicht eingesenkt, stark abfallende Kruppe, tiefer Schweifansatz. Kräftige, aber verhältnismäßig schlanke Gliedmaßen, harte Hufe, unterschiedlich starker Kötenbehang. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: nur Rappen ohne Abzeichen, ein kleiner Stern wird akzeptiert. Verwendung: durch sein überragendes Trabvermögen ein sehr schönes Wagenpferd, das auch angenehm unter dem Reiter geht. Ein gutartiges, fleißiges und langlebiges Pferd. Zuchtgebiet: Westfriesland. Einsiedler Das Pferd mit dem eigenartigen Rassenamen ist tatsächlich ein Pferd der Mönche gewesen. Bereits Mitte des 11. Jahrhunderts fand die Pferdezucht der Benediktinermönche von der Abtei Einsiedeln im Kanton Schwyz Erwähnung. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erreichte die Zucht der Cavalli della Madonna ihren Höhepunkt, um als Folge der Napoleonischen Kriege fast ausgelöscht zu werden. Die Pferde wurden als willkommene Beute weggeführt. Der Wiederaufbau der Zucht gestaltete sich sehr mühsam. Die Mönche kauften auf, was an rein gezüchteten Einsiedlern in der Umgebung noch vorhanden war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein Yorkshire-Hengst aufgestellt, später zwei Anglo-Normänner und mehrere Hackneys. Vor allem die Anglo-Normänner setzten sich durch und beeinflussten die Zucht so, dass man den Einsiedler von heute als Allroundpferd vom Anglo-Normänner-Typ bezeichnen kann. Exterieur: Edler Kopf, lebhafte, aufmerksam blickende Augen, gut aufgesetzter Hals, tiefe Brust und kräftiger Rücken, leicht abfallende Kruppe, kräftiges Fundament, gesunde, harte Hufe. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: alle Grundfarben. Verwendung: Beliebtes Kavalleriepferd, gesuchtes Reitpferd, auch für Turnierzwecke, mit gutem Wesen. Ebenso sicher als Wagenpferd. Zuchtgebiet: Schweiz. Freiberger Der Freiberger ist die zweite Schweizer Rasse. Es ist eigentlich erstaunlich, dass dieses verhältnismäßig kleine Land zwei bodenständige Pferderassen besitzt. Das Jurapferd, wie der Freiberger auch genannt wird, war einst das Postkutschenpferd der Schweiz. Mehrspännig zog es schnell und zuverlässig die schwerbeladenen Postkutschen über die schwierigen Alpenstraßen. Dazu waren nicht nur kräftige Pferde nötig, sondern auch besonders scheufreie, absolut zuverlässig im Zug auch in kritischen Situationen. Als die Eisenbahn ihren Siegeszug antrat, verlor der Freiberger seine Aufgabe als Postkutschenpferd, behielt aber seine Bedeutung als mittelschweres Pferd für die Landwirtschaft und als Militärpferd. Auch der Freiberger erlebte das Auf und Nieder, das keiner Pferderasse im Laufe ihrer Geschichte erspart bleibt. Anfang unseres Jahrhunderts war der Freiberger durch die Zuführung von Englischem Vollblut den Bauern zu leicht geworden, nun wurde Kaltblut eingekreuzt. Dann richtete man die Zucht wieder nach den Wünschen der Armee aus, die ein kräftiges, aber nicht schwerfälliges Zugpferd brauchte. 1942 wurde ein Halbblut-Araber eingeführt, mit dem kam wieder eine etwas leichtere Linie in die Zucht. Der Freiberger von heute soll ein leichtes, gängiges Zugpferd sein, sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Dienst in der Armee als Saumtier geeignet. Im Übrigen ist der Freiberger noch in einer anderen Beziehung ein Zugpferd. Die Jurapferde sind eine echte Touristen-Attraktion. Exterieur: Feiner Kopf mit kleinen Ohren und aufmerksamen Augen. Mittellanger, gut angesetzter Hals, kräftiger Rücken, gut bemuskelte Kruppe, kräftige, kurze Gliedmaßen mit harten, gesunden Hufen. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: alle Grundfarben. Verwendung: gängiges Zugpferd mit Wandlungstendenz zum Sportpferd. Zuchtgebiet: Schweiz. Frederiksborger Die Geschichte dieser einzigen bodenständigen dänischen Warmblutrasse ist bunt, von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. 1562 wurde das Hofgestüt Frederiksborg bei Kopenhagen gegründet. Die damals so beliebten andalusischen und neapolitanischen Hengste bildeten den Stamm, und die Zucht erwies sich als äußerst erfolgreich. Nicht nur, dass der Frederiksborger Hengst Pluto Mitbegründer der Lipizzaner war und die Stute Deflorata aus Frederiksborg Begründerin einer Lipizzaner Mutterstutenlinie, kurioserweise soll sogar König Philipp II. von Spanien Frederiksborger Zuchthengste aus Dänemark für seine Reitpferdezucht nach Spanien geholt haben. Die starke Nachfrage nach den statiösen Pferden, die sich vortrefflich für die im Barock so beliebte Hohe Schule eigneten, führte zu einer ziemlich wahllosen Vermehrung. Es wurden schließlich sogar qualitätsvolle Zuchtpferde verkauft. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts führte der Ausverkauf des Frederiksborgers zur Schließung des Gestüts, aber nicht zur völligen Vernichtung der Rasse. Private Züchter verwandelten den Frederiksborger Karossiertyp zum vielseitig verwendbaren Wirtschaftspferd, einem immer noch mit schönem Gang ausgezeichneten starken Warmblüter. Neuerdings bemüht man sich, dem allgemeinen Trend folgend, aus dem Frederiksborger ein modernes, also noch etwas leichteres Sportpferd zu machen, denn nur so wird es überleben. Exterieur: Kleiner, edler Kopf, Rammsnase häufig, schön aufgesetzter Hals, wenig markierter Widerrist, gut gelagerte Schulter, langer, oft etwas matter Rücken, lange, schräge Kruppe. Kräftige, trockene Gliedmaßen, gut geformte, kleine Hufe. Größe: 155 cm bis 160 cm Stockmaß, auch darüber. Farbe: überwiegend Füchse, selten andere Farben. Verwendung: energisch vorwärtsgehendes Wagen- und Reitpferd, temperamentvoll, gutartig. Die Zucht liegt ganz in bäuerlicher Hand. Eine aparte farbliche Variante des Frederiksborgers ist der Knapstruper, ein Tigerschimmel. Diese Sonderrasse war fast verschwunden, wird aber neuerdings wieder vermehrt gezüchtet, da die Nachfrage nach aparten Pferden steigt. Knapstruper Hengste, die ihre Farbe gut vererben, sind gesucht, denn die Fellzeichnung mit den kleinen, unregelmäßig verteilten runden Flecken wird keineswegs sicher vererbt. Im Exterieur entspricht der Knapstruper dem Frederiksborger. Schwedisches Warmblut Schweden ist flächenmäßig ein großes Land, aber ein dünn bevölkertes. Umso erstaunlicher erscheinen die stolzen Erfolge der schwedischen Warmblutzucht. Schon im vorigen Jahrhundert wurden Trakehner, Englisches Vollblut und Anglo-Araber zur Veredelung des in Schweden gezogenen Warmbluts angekauft, und zwar nur erstklassige Hengste. Auch Anglo-Normänner kreuzte man ein, also alles Rassen im besten Reitpferdtyp. Vor etwa 300 Jahren wurde das Gestüt Flyinge bei Lund in der Landschaft Schonen gegründet. Aber damals experimentierte man viel, das ständige Hin und Her in der Zucht schadete mehr, als dass es etwas einbrachte. Ab Mitte des vorigen Jahrhunderts besann man sich auf eine einheitlich ausgerichtete Linie in der Zucht und führte 1874 ein Prämiensystem für das gesamte Zuchtmaterial ein. Das Gestüt Flyinge wurde 1888 aufgelöst, aber 1924 als Hengstdepot wieder eröffnet. Qualitätsvolle Hengste aus Hannover und beste Trakehner wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, so dass der Typ des Schwedischen Warmblüters als edles, leistungsfähiges Sportpferd noch mehr gefestigt und ein Exportschlager wurde. Exterieur Hals, muskulös, aber nicht plump wirkend. starkes, trockenes Fundament mit sehr gesunden Sehnen und Gelenken, starke Hufe, fast kein Kötenbehang. Größe: bis 156 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Braune und Rappen, selten Füchse und Falben. Verwendung: leistungsfähiges Zugpferd mit sehr gutem Schritt und für ein Pferd dieses Kalibers verblüffend leichtem. flotten Trabvermögen. Tempe- ramentvoll, aber gutartig und zuverlässig. Sehr hart, ausdauernd und langlebig. Zuchtgebiet: Nordschweden, Hauptgestüt Wangen. Die Hengste müssen sich seit 1930 einer Leistungsprüfung unterziehen und werden zur Zucht nur nach bestandener Prüfung zugelassen. Dölepferd Ähnlich dem Nordschwedischen Pferd, zu dessen Ahnen es übrigens gehören soll, ist Norwegens Dölepferd ein schwerer Warmblüter oder ein leichter Kaltblüter, es kommt auf den Standpunkt an. Immerhin stellt diese Rasse die Hälfte der Pferde Norwegens, ist wesentlich flinker als Kaltblüter zu sein pflegen, und geht einen so schnellen, munteren Trab, dass das Dölepferd wie sein schwedischer Nachbar auch als Traber eingesetzt wird. So verwunderlich ist es vielleicht nicht, wenn man hört, dass das Dölepferd aus Kreuzungen des Alten, dem Fjordpferd ähnlichen Landschlag mit Englischem Vollblut und Frederiksborgern Dänemark entstanden ist. Zwar wurde dann später von der Landwirtschaft ein etwas schwererer Typ gezüchtet, und man züchtete dann den Arbeitstyp und den Trabertyp. Aber da die Nachfrage nach dem schweren Dölepferd aus bekannten Gründen sehr nachgelassen hat, hat nun wieder der flinke Döletraber die »Vorfahrt«. Exterieur: Hübscher, edlen Ponys ähnlicher Kopf, kräftiger Hals mit langem, dichtem Mähnenhaar, kräftiger Rücken, muskulöse, lange Kruppe. Kräftige, gut gestellte Gliedmaßen mit einwandfreien Hufen, starker Kötenbehang, üppiges Schweifhaar, ein harmonisch gebautes Pferd von Mittelgröße. Größe: 150 cm bis 157 cm Stockmaß. Farbe: fast nur Braune und Rappen. Verwendung: zugfestes Arbeitspferd, flinker, ausdauernder Traber, auch zum Reiten gut geeignet. Hart, genügsam und leichtfutterig. Zuchtgebiet: vor allem das Gudbrandsdal, nach dem es auch Gudbrandsdaler genannt wird. Lipizzaner Jeder, der sich nur ein bisschen für Pferde interessiert, wird bei dem Stichwort Österreich automatisch an die vierbeinigen Künstler der Spanischen Hofreitschule in Wien, die Lipizzaner, denken. Zwar werden in Österreich auch Kaltblüter (Noriker) und Ponys (Haflinger) neben manchen eingeführten Pferderassen gezüchtet, aber die österreichische Pferderasse aus den glanzvollen Zeiten der Donau-Monarchie ist der Lipizzaner. Erzherzog Karl von Österreich gründete 1580 das im Karst nahe Triest gelegene Gestüt Lipizza. Den Stamm bildeten fünf Hengste aus spanisch-italienischem Blut, denen sich später ein reinblütiger Araber zugesellte. Die noch heute bestehenden, nach ihren Begründern benannten Stämme heißen: Neapolitano…Conversano…Favory… Maestoso … Pluto … Siglavy. Ihre Herkunft verteilt sich so: Conversano und Neapolitano kommen aus Italien. Aus dem Kaiserlichen Hofgestüt Kladrub bei Pardubitz kamen Maestoso, Favory und der Original-Araber Siglavy. Pluto stammte aus dem Dänischen Hofgestüt Frederiksborg, war aber auch spanisch-italienischer Abkunft. Von Frederiksborg kam dann noch eine Stute, deren Stamm ebenfalls bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, sie hieß Deflorata. Bis auf den Siglavy-Stamm haben alle Lipizzaner den hohen Kniebug, der sie für die Hohe Schule prädestiniert. Das Stammgestüt Lipizza wechselte in dem mehrfach geteilten und verteilten Landstrich ebenso oft den Besitzer: Nach dem Zerfall der Donaumonarchie gehörte es erst zu Italien und ist nun jugoslawisch. Die Pferde, die den Namen des Gestüts tragen, wurden nach Piber in der Steiermark umgesiedelt. Dort werden die Lipizzaner, nachdem sie als Folge des Zweiten Weltkriegs fast vernichtet worden wären, alter Tradition gemäß gezüchtet. Die besten Hengste gehen vierjährig an die Hofreitschule nach Wien zur Ausbildung, um später zum Teil als Deckhengste zum Gestüt zurückzukehren. Die Ausbildung der Hengste ist langwierig und erfolgt schonend, denn der Lipizzaner gehört zu den spätreifen und langlebigen Rassen. Die oft spektakulär wirkenden Sprünge der vierbeinigen Künstler sind zur Vollendung getriebene natürliche Bewegungen. Jeder Hengst führt nur die Sprünge aus, zu denen er von Natur aus veranlagt ist. Auch die Stuten, die zur Zucht im Gestüt bleiben, kommen mit 3 Jahren in eine Ausbildungsabteilung. Nur die Stuten, die sich hier bewähren, werden der Mutterstutenherde zugeteilt. Überzählige Stuten werden verkauft, ebenso kastrierte Hengste (Wallache). Dank ihres noblen Wesens sind Lipizzaner begehrte Freizeitpferde, die Nachfrage ist größer als das Angebot. Exterieur: Ziemlich schwerer, aber sehr edler Kopf, manchmal rammsnasig. Kleine! Ohren, große, lebhaft blickende Augen. Hoch angesetzter, kräftiger, mittellanger Hals, häufig steile Schulter, breite Brust. Widerrist wenig ausgeprägt, langer, manchmal etwas weicher Rücken, gut gerundete, muskulöse Kruppe, hoch angesetzter, schön getragener Schweif. Feine, trockenen Gliedmaßen mit klaren Sehnen und ausdrucksvollen Gelenken, kleine, feste Hufe. Größe: bis 155 cm Stockmaß, selten größer. Farbe: überwiegend| Schimmel, die dunkel geboren werden. Wenig Braune und Rappen. Verwendung: Spezialrasse für die Hohe Schule sehr gutes Wagenpferd. Für den, der Pferde mit hoher Knieaktion reiten mag, sehr gutes Reitpferd. Für ein Pferd dieser Größe anspruchslos und hart, sehr spät reif und langlebig. Zuchtgebiete: Österreich, Ungarn, Jugoslawien. Das Stammgestüt Lipizza war dem Verfall nahe, aber dann besann man sich auf den hohen Wert der vierbeinigen Insassen auch für den Tourismus. Eine Besichtigung des Gestüts und seiner schönen Pferde gehört heute zum Programm jedes an Pferden interessierten Besuchers. Man ist nun auch bemüht, die Hengste nach dem Muster der Wiener Spanischen Hofreitschule zu ebensolchen Künstlern zu machen. So dürfte auch hier die Zucht dieser edlen Pferderasse gesichert sein, was jeden Pferdefreund nur freuen kann. Andalusier Da jetzt viel von spanischem Blut die Rede war, ist es logisch, sich mit der Rasse zu beschäftigen, die den hohen Kniebug, den spanischen Schritt in Vollendung beherrscht. Viele Pferdezuchten in der Welt haben einen mehr oder weniger starken Schuss Andalusierblut in ihren Adern, das gilt besonders auch für jene Rassen, die in erster Linie als Karossiers gezüchtet wurden. Wenn auf ein Pferd die Attribute stolz und statiös angewendet werden können, dann auf den Andalusier. Er wirkt wie sein eigenes Denkmal. In der Blütezeit des Dressurreitens oder besser des Reitens der Hohen Schule gehörte der Andalusier zu den begehrtesten Pferden. Oft kommen sie im Zirkus zum Einsatz. Sie sind besonders für die Hohe Schule geeignet. Zwar unter- scheidet sich die Zirkusvorführung von der klassischen Hohen Schule, sie ist mehr Show. Es dauert etwa 2 Jahre, bis ein Schulpferd manegereif ist. Wer einmal Gelegenheit hatte, bei den Lehrstunden zuzusehen, weiß, wie vernünftig mit den Tieren umgegangen wird. Nur mit einem Pferd, das Vertrauen hat, lässt sich arbeiten. Alter Real Hengst Wie im Nachbarland Spanien liebt man in Portugal edle Pferde mit hohem Kniebug. Pferde, die speziell für die Kunst der Hohen Schule oder den ins Auge fallenden »prahlenden« Trab vor Prunkkarossen geboren zu sein scheinen. Außerhalb der Iberischen Halbinsel sieht man diese statiösen Rassen fast nur im Zirkus. Sie sind zwar eine Augenweide, für den Sport- und Freizeitreiter aber weniger geeignet. Über 200 Jahre alt ist die Zucht des königlichen Alter, aufgebaut auf andalusischem Blut. Die Beschlagnahme zahlreicher bester Pferde durch Napoleons Armee, zog eine starke Reduzierung des Stutenstammes nach sich. Desinteresse des Königshofes an der Zucht des Alters brachte die Rasse fast zum Verschwinden. Als man dann Rettungsversuche durch Einkreuzen zu viel fremden Blutes machte, beschleunigte man nur den Abbau der Rasse fast bis zum totalen Zusammenbruch. Erst als wieder andalusische Stuten und Hengste zugeführt wurden, konnte man den Alter Real regenerieren. Exterieur: Dem Andalusier sehr ähnlich. Größe: 150 cm bis 160 cm Stockmaß. Farbe: braun. Verwendung: Spezialisten für Hohe Schule. Gestüt: Nationalgestüt Vila de Portei. Lusitano Der Lusitano ist ebenfalls eine bodenständige portugiesische Pferderasse und gleicht im Typ dem Andalusier. Mut, Schnelligkeit und Wendigkeit muss der Lusitano in der Stierkampfarena beweisen. Allerdings ist der Stierkampf in Portugal unblutig. Der Stier bleibt am Leben und das Pferd natürlich erst recht. Der Lusitano ist auch hin und wieder auf dem Lande in Bauernhand zu finden und war das Reitpferd der Armee. Was über Andalusier und Alter Real gesagt wurde, trifft auch auf den Lusitano zu. Größe: 150 cm bis 160 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Schimmel, seltener andere Farben. Aufgerichteter Hals, kurzer Widerrist, langer, gerader Rücken, breite, kurze Kruppe. Die Schulter ist steil, doch gut bemuskelt. Die kräftigen Gliedmaßen sind ebenfalls sehr gut bemuskelt mit trockenen Sehnen und Gelenken. Sprunggelenk ziemlich steil, lange Fesselung, große, steile Hufe. Schweif hoch angesetzt und schön getragen. Größe: Bis 180 cm soll möglichst darunter liegen. Farbe: Schimmel (Generale-Linie), Rappen (Sacra- moso-Linie). Verwendung: statiöses Kutschpferd, als Reitpferd für Dressur, aber nicht zum Springen geeignet. Wer einen Kladruber reiten will, muss Pferde mit hohem Kniebug und wenig raumgreifenden Gängen mögen. Wielkopolski Nach 1945 entstand unter der Bezeichnung Wielkopolska ein weiteres und zugleich das größte Warmblut-Zuchtgebiet Polens. Das Warmblutpferd dieser Gegend, Wielkopolski genannt, ist ein Masure Trakehner Prägung. Der zunehmende Pferdesport machte eine Angleichung an den zu Sportzwecken gewünschten Typ nötig. Die dazu nötigen edlen Pferde hatte man, und denen Stuten gekreuzt, als so durchschlagender Vererber, dass er der Gründer einer neuen Rasse wurde. Da seine Nachkommen ungewöhnlich ausgeglichen waren, erkannte man den Nonius 1840 als eigenständige, gefestigte Rasse an. Es gibt den Großen und den Kleinen Nonius. Exterieur: Kleiner, trockener Kopf, bei dem großen Typ oft Rammskopf, gut aufgesetzter, langer, kräftiger Hals, gut gelagerte. schräge Schulter, langer Rücken, der manchmal etwas weich ist, kurze, etwas schmale Kruppe. Sehr stämmige, gut bemuskelte Beine mit kräftigen Sehnen und Gelenken, manchmal etwas schwach gefesselt, mittelgroße Hufe. Größe: Typ Großer Nonius 155 cm bis 160 cm Stockmaß. Typ Kleiner Nonius 145 cm bis 150 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Rappen und Braune. Verwendung: Reit- und Kutschpferd, auch für landwirtschaftliche Arbeit zu nutzen, gutes Temperament, gute Gänge und gute Veranlagung zum Springen. Furioso-North-Star Dass eine ganze Pferderasse ihren Namen nach zwei Hengsten erhält, ist einmalig. Der englische Vollblüter Furioso, 1840 nach Ungarn eingeführt und im Gestüt Mezöhegyes aufgestellt, erwies sich als hervorragender Vererber. Mit seinen zahlreichen, auf die Deckstationen der KK-Monarchie verteilten Söhnen gründete er eine Art Pferde-Dynastie: die Furioso-Linie. Zwölf Jahre später wurde ein weiterer hochklassiger Hengst aus England eingeführt, der Halbblüter North Star. Auch er wurde zu einem Volltreffer und gab der North-Star-Linie seinen Namen. Als man dann die beiden Linien miteinander verschmolz, ergab sich eine Rasse, die in jeder Beziehung den Vorstellungen von einem harten, genügsamen, edlen Halbblüter entsprach. Da beide Hengste gleich viel Anteil an dieser Rasse hatten, erhielt sie gerechterweise den Namen Furioso-North-Star. Exterieur: Ein kräftiger Halbblüter mit edlem Kopf, geradem Rücken, gut bemuskelter Kruppe und korrekten Gliedmaßen. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Braune und Rappen, andere Farben kommen vor. Verwendung: Sportpferd für alle Zwecke, Springen, Dressur, Vielseitigkeit. Kann auch angespannt werden. Der sehr korrekt gebaute Halbblüter verfügt über sehr angenehme und harmonische Bewegungen in allen drei Gangarten, ihm ist ein weiter, flacher Schritt, ein raumgreifender Trab und ein schneller, weicher Galopp eigen. Ausdauer und Härte zeichnen ihn ebenso aus, wie ein guter Charakter. Man sagt ihm große Gelehrigkeit nach, und zu all diesen Tugenden gilt er auch noch als genügsam. In den Weiten Russlands hat man stets hervorragende Pferde gebraucht und gezüchtet. Daran hat sich im Zeitalter der Mechanisierung zwar einiges, aber zum Glück nicht alles geändert: Pferde sind auch heute noch in Russland unentbehrlich. Von den vielen vorhandenen Rassen sollen hier vier aufgeführt werden: Tersk Nach der sehr Alten eine noch sehr junge russische Pferderasse. Sie erhielt ihren Namen nach dem Gestüt Tersk. Dort wurde diese Rasse herausgezüchtet. Stammväter waren zwei Hengste der einst berühmten Streletzk-Araber, die als Einzige nach dem Ersten Weltkrieg übriggeblieben waren. Man führte ihnen Vollblut- und Halbblutaraberstuten vom Kuhajlan-Muniqui und Siglavy-Typ zu, war aber stets darauf bedacht, den Streletzker-Typ her auszufiltern. Es dauerte runde 30 Jahre, bis die Kreuzungsprodukte im Typ so gefestigt waren, dass man von einer eigenständigen Rasse sprechen konnte. Sie wurde 1949 unter dem Namen Tersk offiziell registriert. Tersk-Pferde werden heute nicht mehr in ihrem Ursprungsgestüt, sondern im Gestüt Stawropol gezüchtet. Exterieur: Kleiner, feiner Araberkopf mit großen, lebhaft blickenden Augen. Schön getragener Hals, kurzer Rücken, kräftige Kruppe, hoch angesetzter Schweif, trockene Gliedmaßen. Größe: bis 154 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend helle Farben, weiß-grau-gelblich, das seidige dünne Fell muss einen Silberschimmer haben. Sie sind ebenso bewundernswert schön wie die Achal-Tekkiner! Verwendung: Reitpferd mit besonderer Eignung zur Dressur. Sanfter Charakter. Da der Tersk sich leicht abrichten lässt und durch seine Schönheit bezaubert, ist er ein beliebtes Zirkuspferd. Achal-Tekkiner Dieses bildschöne Pferd sieht man bei uns vorerst eigentlich nur im Zirkus, dabei ist der Achal-Tekkiner ein hartes Gebrauchs- und ausgezeichnetes Sportpferd. Ein großer Erfolg war der Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 in der Dressur durch Sergej Filatow auf dem Achal-Tekkiner Absent. Während alle Halbblutrassen auf englisches und arabisches Vollblut zurückgehen, ist das bei dem Achal-Tekkiner nicht der Fall, er ist eine uralte eigenständige Rasse, seine Geschichte reicht in die Zeit Alexander des Großen zurück. Die Steppen Turkmeniens sind seine Urheimat, dort wird er auch heute noch gezüchtet. Exterieur: Leichter Kopf mit geradem Nasenrücken und großen, feurig blickenden Augen. Langer, schlanker Hals, gerader Rücken mit hohem, langen Widerrist, leicht abfallende Kruppe, sehr hochbeinig, trockene Gliedmaßen. Mähnen- und Schweifhaar seidig und Größe bis 157 cm Stockmaß. Farbe: alle Farben und stets mit dem speziellen Metallschimmer, der diese Pferde so außergewöhnlich schön aus- sehen lässt. Verwendung: ungemein zähes Pferd, für Langstreckenritte hervorragend geeignet, aber ebenso für Springen und Dressur. Braucht feinfühligen, erfahrenen Reiter, da sehr sensibel und eigenwillig. Kein Jedermannspferd! Don-Pferd Mehr als 200 Jahre ist diese Rasse alt, die, wie die meisten Pferderassen, ebenfalls ein Produkt der Landschaft war und ist. Die weiten Steppen am Don sind die Heimat des Don-Pferdes, das ursprünglich ein kleines, zähes, aber nicht sehr ansehnliches Pferd mit orientalischem Einschlag war. Als man ein etwas größeres Pferd wünschte, wurden Orlow-Traber, Streletzk-Araber und auch englische Vollblüter eingekreuzt. Das Don-Pferd heutiger Prägung entstand, edler und kräftiger als das ursprüngliche Pferd der Don-Steppen, aber immer noch äußerst hart und fähig, rund um das Jahr ohne Stall zu leben. Exterieur: Nicht zu großer Kopf, manchmal rammsnasig, große Augen, kleine Ohren, mittellanger Hals, gut ausgeprägter Widerrist, kurzer, kräftiger Rücken, trockene, muskulöse Gliedmaßen. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: Füchse. Verwendung: Solides, gutartiges Reit- und Wagenpferd, dank seiner Ausdauer ideal für Wanderritte. Orlow-Traber Die schönen, schnellen Pferde verdanken einem Günstling der Zarin Katharina II. ihr Entstehen und ihren Namen: Graf Alexej Orlow wollte ein ebenso ausdauerndes wie schnelles Wagenpferd züchten und hatte Erfolg mit seinen Bemühungen. Am Anfang stand die Verbindung von einem Schimmelhengst aus dem Orient (Araber oder Perser) mit einer Frederiksborger Stute. Deren Sohn wurde mit einer niederländischen Stute gekreuzt, und deren Sohn I. wurde Stammvater der Orlow-Traber. Exterieur: Im Ganzen kräftig gebaut. Ziemlich großer, aber hübscher Kopf mit großen Augen und verhältnismäßig kleinen Ohren. Gut aufgesetzter Hals, langer Rücken, breite Kruppe, kräftige, trockene Gliedmaßen. Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: viel Schimmel, aber auch Braune und Rappen. Verwendung: Vorzügliches Wagenpferd geht ausdauernd schnellen Trab mit mächtigem Schub aus der Hinterhand. Temperamentvoll, aber gutartig. Um die Rasse dieser Pferde voll zu erfassen, muss man sie in Aktion sehen! Kritischen Tierfreunden müsste die traditionelle Troikaanspannung missfallen. Den Außenpferden werden die Köpfe durch entsprechende Ausbindezügel zur Seite gezerrt. In dieser unnatürlichen Halsstellung müssen die Tiere lange Strecken zurücklegen. Dass das ohne Schmerzen möglich sein soll, scheint mir unmöglich. Aber darüber hat man sich wohl noch nicht viel Gedanken gemacht. Quarter- Horse Vor Millionen von Jahren lebten in Nordamerika die prähistorischen Vorfahren der Pferdeartigen. Ein Teil wanderte über die damals noch bestehende Landbrücke der Beringstraße nach Asien und Europa aus. Die in Nordamerika verbliebenen wurden, wie so manche andere Tierart, ein Opfer der Eiszeit, sie starben aus. Amerika, die Wiege des Equus cabal- lus, musste Jahrmillionen bis ins 16. Jahrhundert warten, bis wieder Pferdehufe die Urheimat betraten. Hernando Cortez, der spanische Eroberer Mexikos, landete mit 16 Pferden auf Kuba und setzte von dort zu seinem Eroberungszug an. Seine Pferde hatten andalusisches, arabisches und Berberblut. Ohne Zweifel handelte es sich um Pferde von großer Härte. Wie hätten sie sonst die Strapazen langer Reisen auf den mehr als primitiven Segelschiffen überstehen sollen! Den Indianern Mexikos blieb nicht verborgen, welchen Vorteil der Besitz von Pferden mit sich brachte, im Laufe der Zeit ging so manches Pferd, rechtmäßig oder unrechtmäßig, in ihren Besitz über. Da andere als diese spanischen Pferde ja vorerst nicht ins Land kamen, mussten die vorhandenen immer wieder untereinander gepaart werden. Dass sie diese Inzucht über mehr als hundert Jahre vertrugen, ist erstaunlich und zeugt ebenfalls von der hervorragenden Qualität jener Pferde. Im 17. Jahrhundert brachten dann Auswanderer aus europäischen Ländern auch Pferde aus ihrer Heimat mit. Wiederum müssen es äußerst zähe Rassen gewesen sein, um die endlosen Schiffsreisen zu überleben. Auf dem Rücken ihrer Pferde breiteten die Neuamerikaner sich allmählich über den ganzen Kontinent aus und besiedelten das Land. Das ist in aller Kürze ein Streifzug durch die Vorgeschichte der Pferderassen Nordamerikas. Wir betrachten uns jetzt jene genauer, die sich bei uns steigender Beliebtheit erfreuen, weil sie hervorragende Freizeitpferde sind. Die Rasse mit dem eigenartigen Namen ist die älteste noch vorhandene nordamerikanische Pferderasse. Mit den Einwanderern aus Großbritannien kamen nicht nur Pferde ins Land, die mit den vorhandenen spanischen gekreuzt wurden, sondern auch die britische Leidenschaft zum Wetten. Da Rennbahnen wie in der Heimat natürlich nicht zur Verfügung standen, half man sich auf einfache Weise: Eine kurze Rennstrecke ließ sich schließlich überall schaffen. Vierhundert Meter, eine Viertelmeile, eben a quarter, genügten da schon. Allerdings mussten Pferde für diese kurze Distanz einen blitzschnellen Antritt haben und ein ebenso schnelles Reaktionsvermögen, dem menschlichen 100-m-Läufer ähnlich, der ja auch den Start nicht verschlafen darf. Bei einem Pferd muss dazu noch eine enorme Schubkraft der Hinterhand kommen. Das alles brachte das im Alltag als Cowpony bestens bewährte Pionierpferd mit und wurde als Quarter Horse bekannt. Exterieur: Kleiner, edler Kopf mit breiter Stirn und kleinen Ohren. Die Augen stehen weit auseinander und haben einen ausgesprochen freundlichen Ausdruck. Schwerer, kurzer Hals, tiefe und breite Brust, kurzer Rücken und eine auffallend stark bemuskelte, runde Kruppe, korrekte Gliedmaßen. Das Quarter- Horse ist oft leicht überbaut. Größe: im Durchschnitt 152 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Braune und Füchse. Schecken werden nicht ins Zuchtbuch aufgenommen. Verwendung: wegen seiner Intelligenz und Gutartigkeit ein ideales Freizeitpferd, ausdauernd und anspruchslos. Appaloosa Wie das Quarter- Horse gehört der Appaloosa zur Gruppe der Western Horses. Es ist die eigenartige Fellzeichnung, die ihn so besonders auffällig macht. Interessant auch, dass es ein Indianerstamm war, dem diese Rasse ihr Entstehen verdankt. Im allgemeinen befassten die Indianer sich nicht mit geregelter Zucht, die vorhandenen Pferde vermehrten sich eben einfach. Anders der Stamm der Nez Perce, die Gefallen an ausgefallen gefleckten Pferden gefunden hatten. Diese Indianer müssen ungewöhnlich großes Geschick in züchterischen Fragen besessen haben. Sie züchteten nicht nur die besonders aparte Fleckung heraus, sondern festigten sie auch bis zur Reinzucht. Als später Weiße bis in diese Gegend vordrangen, fanden sie eine Pferderasse vor, die schon vom Äußeren her sofort ihr Interesse weckte, bei denen die Scheckenzeichnung wie eine Prunkdecke über der Kruppe liegt. Sie tragen denn auch den Namen Schabrackenscheck. Außerdem gibt es den Leopardenscheck, den Schneeflockenscheck und den Marmorscheck. Bei allen ist die Art der Zeichnung genau festgelegt. Bei uns war der Appaloosa bis vor Kurzem nur auf der Leinwand in Westernfilmen oder höchstens einmal im Zirkus zu sehen. Jetzt ist er, wie auch die anderen Western Horses, auf dem besten Weg, als ausgesprochenes Freizeitpferd bei uns Fuß zu fassen. Exterieur: Nicht zu großer Kopf mit breiter Stirn, geradem Nasenrücken, kleinen, spitzen Ohren und großen Augen, die einen ausgemacht freundlichen Ausdruck haben. Gut bemuskelter und schön getragener Hals, tiefe, schmale Brust. Gerader Rücken, gut bemuskelte Kruppe. Größe: 145 cm bis 155 cm Stockmaß. Farbe: Nur Schecken mit genau festgelegter Zeichnung. Verwendung: vorzügliches Freizeitpferd für die ganze Familie. Pinto Wieder ist es eine bunte Rasse, die im farbenfreudigen Amerika auf die Pferdebeine gestellt wurde. Diesmal sind es Schecken, wie auch wir sie kennen. Doch erfreuen sich Schecken bei uns als Reitpferde keiner besonderen Vorliebe, abgesehen von Kinderponys. Warum das so ist, lässt sich schwer erklären. Aus eigener Sicht muss ich gestehen, dass ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, mir einen Schecken als Reit- oder Wagenpferd bei denen die Scheckenzeichnung wie eine Prunkdecke über der Kruppe liegt, zuzulegen. Vielleicht kam einem das früher zu zirkusmäßig vor. Dass diese Fellzeichnung bei den Indianern so beliebt war, kann außer dem Spaß an der bunten Jacke tatsächlich noch einen handfesten Grund gehabt haben. Jeder, der mit der Natur vertraut ist, kennt die verblüffende Tarnwirkung mehrfarbiger Fell- oder Gefiederzeichnung: Die Tiere verschmelzen mit der Umgebung. So könnten auch die Schecken aus größerer Entfernung weniger auffällig gewesen sein als einfarbige Pferde. Für die Indianer seinerzeit ein durchaus wichtiger Grund, es konnte lebensrettend sein. Aber wie auch immer, der Pinto ist bis auf den heutigen Tag in Amerika äußerst beliebt. Pintos werden in zwei Klassen nach ihrem Farbmuster eingeteilt: bei dem Tobiano ist die Grundfarbe weiß, bei dem Overo dunkel. Exterieur: Kleiner, gerader Kopf mit großen Augen, gut getragener Hals, kurzer, kräftiger Rücken, etwas abschüssige, gut bemuskelte Kruppe. Größe: bis 155 cm Stockmaß. Farbe: Braunweiß und schwarzweiß gescheckt. Verwendung: Gutartiges, flinkes und wendiges Reitpferd, wird auch von Kindern gern geritten. Palomino Der Vierte aus dem Bund der Western Horses ist wieder extravagant gefärbt, diesmal aber einfarbig. Im Idealfall hat der Palomino ein Fell, das in einem satten Goldton schimmert, Mähne und Schweif müssen silbrig-weiß sein. Da die Palominofärbung nicht erbfest ist, gibt es bei der Zucht immer wieder farbliche Abweicher, die selbstverständlich nicht als Palominos gelten und nicht in das Stutbuch eingetragen werden. Diese Färbung kommt hin und wieder auch bei anderen Pferderassen vor, z. B. bei manchen Ponyrassen. Korrekt müsste man sie dann Isabellen nennen. Doch seit Palominos auch in Europa zu sehen sind, bürgert sich dieser Name für alle Goldisabellen ein. Nun ist der amerikanische Palomino von sehr unterschiedlicher Größe: vom Noch-Pony-Maß bis zu etwas mehr als 160 cm Stockmaß ist er sowohl als Kinderreitpferd als auch für Erwachsene geeignet. Wie alle Western Horses besitzt er viel Intelligenz, ist wendig, ausdauernd und anspruchslos. Als beliebtes Showpferd sieht man Palominos im Zirkus, doch dank seiner Wendigkeit wird er auch als Polopferd geschätzt. Zu seiner Verwendung ist zu sagen: ein äußerlich attraktives Reitpferd für viele Zwecke, mit Temperament und Intelligenz, gutartig und auch für Kinder geeignet. Die Amerikaner schätzen ihren Palomino sehr, nicht nur wegen seiner schönen Färbung, sondern auch wegen des angenehmen Wesens. In das Stutbuch der Palomin Horse Breeders of America werden nur Pferde eingetragen, die den gestellten Forderungen voll entsprechen. Die Zucht liegt überwiegend in Privathand, Palominos werden überall in Amerika, besonders viel in Kalifornien, Texas und dem Süden Kanadas gezüchtet. Als gutes Freizeitpferd wird der Palomino auch bei uns häufiger. Polopferd Polo, das schnelle Spiel mit dem langen Schläger und dem kleinen Ball aus Bambusholz, ist das älteste Reiterspiel der Welt. Nur katzengewandte, harte Pferde, die über große Schnelligkeit verfügen und schärfste Stopps aus vollem Lauf verkraften, sind für diesen Sport zu gebrauchen. Die Bezeichnung Polopony stammt noch aus der Zeit, als in den Ursprungsländern und anfangs dann auch in England auf einheimischen Ponyrassen geritten wurde. Die Ponys waren nicht über 138 cm Stockmaß groß. Heute ist Argentinien unbestritten das führende Land in der Zucht von Polopferden, die eine Größe von 158 cm Stockmaß haben. Es ist keine Rasse im eigentlichen Sinn, sondern wie Cob oder Hunter ein bestimmter Pferdetyp, der folgende Merkmale haben muss: Härte und Ausdauer, Schnelligkeit und extreme Wendigkeit, Temperament, ohne heftig zu werden. Polopferde dürfen nicht kleben, sie müssen sich jederzeit willig aus dem Pulk lösen lassen. Sie dürfen auch nicht schreckhaft sein, sonst könnten sie den dicht an ihren Köpfen vorbeisausenden Schläger nicht verkraften. Und viel Intelligenz sollen sie ebenfalls haben. Dass sie außerdem auf eisenharten Beinen stehen müssen, ist jedem klar, der einmal einem Polospiel zugesehen hat und etwas von Pferden versteht: Derart harte Stopps aus vollem Lauf hält nur ein Pferd aus, das bestens auf den Beinen ist. Der gute Reitstall Das Schulpferd Ohne Frage ist das ältere gut ausgebildete Reitpferd immer der beste Lehrmeister. Der gute Charakter, die Gesundheit und die gute Grundausbildung eines Schulpferdes sind wichtiger als dessen Schönheit. Es soll brav sein, weiche Bewegungen haben, nicht zu faul, im Gelände sicher, umgänglich und stallfromm sein. Schulpferde sind harte Arbeiter mit einer geduldigen Seele. Sie sind Kummer mit ihren Anfängern gewohnt und bedürfen besonderer Liebe und Pflege. Der Reiter Reiter kommt von Ritter. Die Tugenden des Ritters – Höflichkeit, Bescheidenheit und Mut – sollten auch die Tugenden des Reiters sein. Reiten heißt sich bewähren an einem anderen Lebewesen. Das verlangt eine ständige Überprüfung der eigenen Person. Nicht das Pferd macht die Fehler, sondern der Reiter – jedenfalls meistens! Dass man reitet, braucht nicht dokumentiert zu werden, indem man sporenrasselnd über die Straße geht. Sporen trägt man nur. Solange man auf dem Pferd sitzt, und auch dann nur, wenn es unbedingt nötig ist. Nicht von ungefähr gibt es Auseinandersetzungen zwischen Spaziergängern und Herrenreitern, die, durch Matsch und Pfützen galoppierend, alle anderen Lebewesen ringsumher in Schrecken versetzen! Der richtige Reiter dagegen versetzt sich ständig sowohl in sein Pferd, seine Mitreiter als auch in die zu Fuß gehenden Mitmenschen. Dann verfügt er vielleicht über das, was man Reitertakt nennt. Reitertakt wird aber weder durch Alkoholkonsum erworben noch durch Beschimpfen des Pferdes als sturer Bock oder alte Krücke. Die besten Tugenden des Reiters sind Geduld und Bescheidenheit. Er genießt auch kleine Freuden und Fortschritte, ist hilfsbereit und kümmert sich mehr um sein Pferd als um seine Zuschauer. Er benutzt die Überlegenheit seines Verstandes dazu, gegebenenfalls seine eigenen Bedürfnisse hinter die des Pferdes zu stellen, um ihm gerecht zu werden. Anfänger in der Reitbahn Reiten in der Abteilung Dies bildet den sinnvollen Übergang von der Ausbildung an der Longe zum Einzelreiten. Ist der Anfänger an der Longe sicher genug geworden und hat er gelernt, aktiv auf sein Pferd einzuwirken, so wird ihn der Reitlehrer in eine Anfängerabteilung aufnehmen. Das ist für den Reiter die einfachste Art, hinter einem geübten Anfangsreiter das Gelernte zu erproben und einigermaßen selbständig anzuwenden, denn in der Abteilung gehen die Schulpferde, dem Herdentrieb und der Stimme des Reitlehrers folgend, ruhig und gleichmäßig hintereinander her. Der Reiter hat daher durchaus noch die Möglichkeit, zwischendurch einmal passiv zu sein und sich auf den Sitz zu konzentrieren. Beim Reiten in der Abteilung lernt der Anfänger sein Pferd zu führen und zu regulieren, so dass er den Sicherheitsabstand zum Vordermann einhalten kann und sein Pferd die verschiedenen Hufschlagfiguren korrekt ausführt. Einzelreiten Hat der Reiter auch in dieser Gruppierung einige Sicherheit gewonnen, ohne dass der Sitz gelitten hat, lässt ihn der Reitlehrer Einzelaufgaben ausführen. Jetzt wird eine präzise Hilfengebung notwendig und damit die Selbständigkeit des Reiter geprüft und gefördert. Das Beherrschen des Einzelreitens ist die Voraussetzung für den ersten Ritt ins Gelände. Aufbau einer Reitstunde Die Reitstunde gliedert sich im allgemeinen in drei Abschnitte von je zwanzig Minuten: 1. Lösungs-und Vorbereitungsphase 2. Arbeitsphase 3. Nachbereitungs- und Entspannungsphase Zu 1: Lösungs- und Lockerungsübungen für Reiter und Pferd: Schritt am langen Zügel, Leichttraben, große Wendungen reiten, Tempounterschiede. Nachgurten nicht vergessen! Zu 2: Erlernen neuer Lektionen, Übungen zum Verbessern und Verfeinern der Hilfengebung. Einlegen einer kurzen Erholungsphase vor dem Ende der Arbeitsphase, bevor sie mit einer Übung beendet wird, die Pferd und Reiter gut gemacht haben, denn jede Stunde sollte mit einem Erfolgserlebnis (für beide) abgeschlossen werden. Zu 3: Zügel aus der Hand kauen lassen, Pferd loben, Schritt reiten, möglichst im Gelände spazieren reiten oder – führen. Nach dem Absitzen Gurt lockern, Bügel hochziehen, Pferd versorgen. Die Reitbahn Die Reitbahn ist ein offenes oder überdachtes Rechteck von 20 x 40 oder 20 x 60 Metern mit zwei langen und zwei kurzen Seiten. Die äußere Begrenzung der Reitbahn nennt man Bande. Entlang der Bande verläuft der Hufschlag, der sich meist als ausgetretene Rinne erkennen lässt. Zirka 1,5 Meter danebenliegt der zweite Hufschlag. - Innen ist die dem Inneren der Bahn zugekehrte Seite. - Außen ist die der Bande zugekehrte Seite. - Reitet man auf der rechten Hand, so reitet man rechts herum. - Reitet man auf der linken Hand, so reitet man links herum. - Die Reitbahn ist aufgeteilt und bezeichnet durch verschiedene Punkte oder Buchstaben, die auch die Markierungspunkte für die Hufschlagfiguren darstellen. Bahnregeln In der Reitbahn gelten ganz bestimmte Regeln, die für die Sicherheit von Reitern und Pferden wichtig sind: - Betritt man die Bahn oder verlässt man sie, ruft man Tür frei und wartet ein ist frei ab. - Auf- und abgesessen wird in der Mitte des Zirkels. - Im Schritt lässt man immer den Hufschlag frei, außer es wird Abteilung geritten. - Grundsätzlich hat Vorfahrt, wer auf der linken Hand reitet. - Sind viele Reiter in der Bahn, ist es besser, wenn alle auf der gleichen Hand reiten. Dann bittet der Reitlehrer oder der älteste Reiter zirka alle 5 Minuten um Handwechsel. - Auch in der Reitbahn gelten Sicherheits- und Höflichkeitsregeln, etwa wie beim Skifahren: Rücksicht, Vorsicht, Nachsicht. Rücksicht nehmen auf junge Pferde und unerfahrene Reiter. Der geübte Reiter kann sein Pferd besser kontrollieren als der Anfänger. Immer genügend Abstand zum Vordermann halten. Immer genügend seitlichen Abstand halten. Wichtige Grundbegriffe Man unterscheidet folgende Hufschlagfiguren: ... Ganze Bahn: CMBFAKEH (rechte Hand) … Halbe Bahn: CMBXEH (rechte Hand) …Lange Seite: MF oder KH (rechte Hand) …Kurze Seite: beiderseits C oder beiderseits A … Mittellinie: (Länge der Bahn): CXA oder AXC … Wechsellinie durch die ganze Bahn: MXK oder FXH … Wechsellinie durch die halbe Bahn: ME oder FE oder KB oder HB … Mittelpunkt der Bahn: X … Zirkel: Er ist ein Kreis von 20 m Durchmesser. Die Zirkelpunkte, die der Reiter für die Dauer einer Pferdelänge berühren muss, liegen beim Reiten auf der rechten Hand bei C, auf der Mitte zwischen der Ecke Nach C und B (10 m), bei X und auf der Mitte zwischen E und der Ecke vor H (10 m). Der zweite Zirkel liegt zwischen A und X sinngemäß. … Aus dem Zirkel wechseln: Nach Vollendung eines Zirkels reitet der Reiter durch den Punkt X Und kommt zwangsläufig auf den zweiten Zirkel. …Durch den Zirkel wechseln: Hier wendet der Reiter am Zirkelpunkt an der langen Seite in einem Kreisbogen von 10 m Durchmesser ab, durchreitet den Mittelpunkt des Zirkels und kehrt auf einem Kreisbogen von 10 m Durchmesser auf die Zirkellinie zurück. … Wechselpunkte: Sind die Punkte M, F, K und H. …Einfache Schlangenlinie: Sie ist eine gleichmäßig gebogene Linie Entlang der langen Seite, die sich maximal 6 Schritt (ca. 5 m) von der langen Seite entfernt. Sie beginnt beim ersten Wechselpunkt und endet beim folgenden Wechselpunkt an der langen Seite. …Doppelte Schlangenlinie: Sie wird an der langen Seite ausgeführt und entfernt sich zweimal bis zu maximal 3 Schritt vor der langen Seite. Sie beginnt am ersten Wendepunkt der langen Seite, berührt B bzw. E mit einer Pferde länge den Hufschlag und endet beim folgenden Wechselpunkt. Beide Bogen müssen gleichmäßig sein. … Schlangenlinien durch die ganze Bahn: Hier kann die Zahl der Bogen vorgeschrieben werden. Bei z. B. Fünf Bogen muss der Reiter den Hufschlag der langen Seiten außer an den beiden Wechselpunkten dreimal, jeweils mit einer Pferdelänge, berühren. … Volte: Sie ist ein Kreis von 6 Schritt (ca. 5 m) Durchmesser. … Aus der Ecke kehrt: Dies ist eine Wendung, die bis zur Hälfte wie eine Volte von 6 Schritt (ca. 5 m) geritten wird und nach ca. 9 Schritt zur Langen Seite hin endet. …Doppelvolte: Eine Volte, die zweimal hintereinander ausgeführt wird. … Acht: Eine Volte auf der rechten (linken) Hand, der sich sofort eine Volte auf der linken (rechten) Hand anschließt. Sie wird immer im Mittelpunkt der Bahn, bei X, ausgeführt. Was heißt reiten? Wissenswertes vor der ersten Reitstunde Jeder weiß, dass wir unter reiten, das Sitzen auf einem Reittier verstehen. Aber es ist ein Unterschied, ob wir uns von einem Esel eine Anhöhe herauf tragen lassen oder selbständig ein Pferd über einen Parcours lenken wollen! Richtiges Reiten hat eine rein technische (physische Seite), die jeder erlernen kann. Die andere Seite ist Gefühlssache und kann durch keine Reitlehre vermittelt werden. Die physische Seite des Reitens soll in diesem Kapitel erklärt werden, damit wir auch einmal verstehen, worauf die perfekte Ausbildung von Reiter und Pferd abzielt. Das Pferd befindet sich ohne Reiter im natürlichen Gleichgewicht, ebenso wie der Mensch ohne Lasten und andere den Bewegungsmechanismus beeinträchtigende Hemmnisse keine Bewegungsschwierigkeiten hat. Sitzt nun ein Reiter auf einem Pferd, so stellt sich zunächst bei beiden Lebewesen das Problem, mit dem neuen Gleichgewichtsverhältnis fertig zu werden. Nicht nur der Reiter hat anfangs Balanceschwierigkeiten, sondern auch das Pferd. Das Gleichgewicht des Pferdes wird beeinträchtigt, durch das ungewohnte Gewicht und durch die fehlende Übereinstimmung des eigenen Schwerpunktes mit dem des Reiters. Reiten ist zu Anfang eine Frage der Balance zwischen Reiter und Pferd. Dazu ein einfaches Beispiel: Tragen wir eine Last, so sind wir bestrebt, diese genau über unseren Schwerpunkt zu bringen, da dann das Tragen am leichtesten fällt. Wer einen Rucksack trägt, beugt sich vor. Beim Reiten besteht nun das Problem darin, die Schwerpunkte von Pferd und Reiter in Einklang zu bringen, damit dem Pferd das Tragen der Last erleichtert und es in seinem freien Bewegungsablauf nicht mehr gehindert wird. Steht das Pferd still, stimmen die Schwerpunkte von Reiter und Pferd nicht überein: Der Schwerpunkt des Reiters liegt hinter den des Pferdes. Je schneller sich das Pferd aber fort bewegt, desto mehr streckt es sich und verlagert entsprechend auch seinen Schwerpunkt immer weiter nach vorn. Stimmen nun, bei schlechter Reitweise, die Schwerpunkte beider Lebewesen nicht überein, so wird sich das Pferd verkrampfen und unregelmäßig gehen und der Reiter entsprechend unbequem sitzen, da er auf dem verkrampften Pferderücken geschüttelt wird. Es gibt nun zwei Möglichkeiten, die Schwerpunkte von Reiter und Pferd in Einklang zu bringen: - Der Reiter verlagert seinen Schwerpunkt über den des Pferdes, indem er der Bewegung nach vorn durch Vorneigen des Oberkörpers folgt (leichter Sitz). - Das Pferd wird veranlasst, seine Körperhaltung so zu verändern, dass sich sein Schwerpunkt nach hinten unter den des Reiters verlagert (Dressursitz). Wann nun die eine oder die andere Möglichkeit angewendet wird, richtet sich nach der vom Pferd verlangten Leistung. Zu 1: Beim Renn-, Spring- und Geländereiten liegt die Leistung in erster Linie beim Pferd: Es muss die größtmögliche Geschwindigkeit bzw. Sprunghöhe erbringen. Der Reiter unterstützt den Bewegungsablauf dadurch, dass er in die Bewegung eingeht und den Oberkörper über den Schwerpunkt des Pferdes beugt. Zu 2: Beim Dressurreiten kommt es auf die Gymnastiziertheit des Pferdes an: Es soll sich so schön und mühelos bewegen wie möglich und dem Reiter so gehorchen, dass man keinerlei Einwirkung mehr wahrnimmt. Durch Gymnastizierung des Pferdes wird schließlich erreicht, dass es mit der Hinterhand vermehrt unter den Schwerpunkt tritt (Hinterhand-Hinterbeine-Motor des Pferdes). Jetzt hebt sich die Vorhand, die Tritte werden erhabener, ausdrucksvoller, der Hals wölbt sich und die Pferdenase steht leicht vor der Senkrechten. Dadurch wirkt das Pferd runder. In der Fachsprache nennt man diesen Vorgang Versammlung. Die Versammlung wird nur über Losgelassenheit des Pferdes, niemals durch Zwang und Verkrampfung erreicht. Dann kann auch der Reiter entspannt senkrecht im Sattel sitzen bleiben, denn der Schwerpunkt des Pferdes stimmt mit dem des Reiters überein. Ist einmal Übereinstimmung im Gleichgewicht erreicht, stellt sich bei Reiter und Pferd ein Gefühl der Mühelosigkeit ein. Hat man es aber einmal erlebt, auf einem so mühelos gehorchenden Pferd zu sitzen, so wird man immer wieder versuchen, diesen Zustand herbeizuführen. Dies gelingt, je nach Fähigkeiten und Ausbildungsstand von Pferd und Reiter, mehr oder weniger oft. Jedes gerittene Pferd, ganz gleich ob Freizeit- oder Turnierpferd, Pony oder Springpferd, sollte lernen, unter dem Reiter gelöst und im Gleichgewicht zu gehen. Dafür gibt es zwei Gründe: - Ein nicht im Gleichgewicht gerittenes Pferd würde bald Schaden an Sehnen und Gelenken erleiden. - Auch der Freizeitreiter möchte eine gewisse Übereinstimmung mit seinem Pferd erleben. Er sollte senkrecht und entspannt im Sattel sitzen dürfen und ein entspanntes Pferd unter sich fühlen, das sich mühelos lenken lässt. Um sich mit seinem Reiter im Gleichgewicht zu befinden, muss das Pferd einen größeren Teil der Last mit der Hinterhand tragen, den Rücken entspannt aufwölben und den Hals gelöst fallen lassen, wobei sich die Pferdenase der Senkrechten nähert. Doch das alles tut kaum ein Pferd von allein, sondern der Reiter muss lernen, es dazu zu veranlassen. Wohlgemerkt nicht durch Zwang, denn man kann niemanden dazu zwingen, sich zu entspannen! Diese Feinabstimmung zwischen treibenden Hilfen (damit die Hinterhand vermehrt unter den Schwerpunkt tritt) und verhaltenen Hilfen (damit das Pferd durch das Treiben nicht eiliger, sondern aktiver wird) erfordert viel Üben, viel Geduld und vor allem viel Gefühl. Und da sowohl jedes Pferd als auch jeder Reiter anders sind und beide sich jeden Tag anders fühlen, lernt man lebenslänglich reiten! Reiten heißt also eine Übereinstimmung zwischen zwei Lebewesen herstellen. Richtig reiten hat daher, abgesehen von allen anderen Zwecken, zunächst den Sinn, beiden, Pferd und Reiter, den neuen Bewegungszustand so angenehm und kräftesparend wie möglich zu machen, um daraus zu sportlichen Fähigkeiten zu gelangen oder einfach Vergnügen zu haben. ENDE