Exterieur des Pferdes

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Wissenswertes über Pferde
Rita Naumann
INHALT
Pferd und Mensch
Das Urwildpferd
Das Sportpferd
Bezeichnung der Rassen
Verhaltensweisen des Pferdes
Umgang mit Pferden
Pflege des Pferdes
Stallhaltung und Fütterung
Gefahren in der Umwelt
Interessante Rassepferde
Der gute Reitstall
Der Reitlehrer
Anfänger in der Reitbahn
Was heißt reiten?
©Naumann, Rita, Ratgeber Pferde 1/2014
Pferd und Mensch
Pferdehufe sind schnell. Aber nicht schnell genug für das atemberaubende Tempo des Jahrhunderts, in dem wir leben. Was den
Menschen Jahrtausende hindurch genügt hat, die Fortbewegung zu
Pferd, uns Menschen des 21. Jahrhunderts genügt es nicht mehr. Und
so schafften wir es in wenigen Jahrzehnten, dem Pferd den Boden
unter den Füßen wegzuziehen.
Eine der ältesten Mensch-Tier-Beziehungen fast restlos zu zerstören,
das Pferd beinahe zum Zootier umzugestalten. Kraft und Schnelligkeit
der Motoren haben das Pferd verdrängt, vom ganz unersetzlichen
Mitarbeiter zum Luxusgegenstand werden lassen.
Es mag der Phantasie jedes Einzelnen überlassen bleiben, sich auszumalen, welche Veränderung in der Geschichte der Menschheit die
Domestizierung des Wildpferdes bewirkt hat. Der langsame Zweibeiner wurde in einer für uns Heutige vermutlich unvorstellbaren
Weise entlastet, als er lernte, sich der Kräfte und Schnelligkeit des
Pferdes zu bedienen und seine Lebensmöglichkeiten dadurch rapide
zu steigern.
Es gab ihm Macht über jene, die die Möglichkeit, das Wildpferd auch
zu anderem als zum Verzehr zu nutzen, noch nicht erkannt hatten. Es
weitete seinen Lebensraum unter Schonung der eigenen Kräfte. Es
veränderte sein Leben vollkommen.
Und diese Mensch-Pferd-Beziehung behielt tatsächlich ihre Bedeutung über Jahrtausende hinweg bis in unser Jahrhundert hinein.
Die stürmische technische Entwicklung binnen einiger Jahrzehnte von
den ersten Eisenbahnen und Automobilen, deren Ansatzpunkte in das
vorige Jahrhundert reichen, bis zur Weltraumfahrt unserer Tage hat
unser Empfinden abgestumpft. Aber lohnt es sich nicht doch, einmal
zurückzudenken, wenigstens den Versuch dazu zu machen?
Vielleicht kann man sich dann doch ein bisschen ausmalen, welch
überwältigende Erkenntnis es für unsere Vorfahren gewesen sein
muss, dass sie die Kraft des Pferdes für sich nutzbar machen konnten,
welche Bedeutung dem Pferd in der Geschichte der Menschheit zukommt.
Wann diese Wandlung in der Pferd-Mensch-Beziehung eintrat, wann
der Fleischlieferant Pferd zum Lastenbeförderer wurde, kann niemand
genau sagen, es geschah vermutlich in der jüngeren Steinzeit. Knochenfunde, Schnitzereien und Zeichnungen aus jenen fernen Zeiten
geben der Wissenschaft die Möglichkeit, einiges zu rekonstruieren. Es
ist wenig genug und andrerseits doch sehr viel, was sich aus der
Vorgeschichte bis in unsere Zeit erhalten hat und dazu beiträgt, das
Dunkel um das Leben unserer Vorfahren etwas zu lichten.
Es gab zum Glück schon damals Künstler, die Szenen ihres Lebens
festhielten und uns damit Einblicke in unsrer aller Vergangenheit ermöglichen, zu der ja auch die Vergangenheit der Tiere gehört.
Das Urwildpferd
Es gibt nicht nur einen Ahnen bei unseren Hauspferden, sie haben
nach Ansicht der Wissenschaftler mehrere wilde Vorfahren gehabt.
Versteinerungen und Knochenfunde aus frühester Zeit, die schon
erwähnten Kunstwerke eis- und steinzeitlicher Menschen sind die
Lehrbücher, aus denen diese Erkenntnisse gewonnen werden. Bis vor
etwa hundert Jahren lebten diese Hauspferdahnen noch frei und ursprünglich in den Steppen Südrußlands und in den Wäldern Osteuropas. Es waren der Steppentarpan und der Waldtarpan. Beide verschwanden im 18. und 19. Jahrhundert von der Erde, ausgerottet vom
Menschen. Man kann denen, die das auf dem Gewissen haben, kaum
einen Vorwurf machen. Es fehlte an der nötigen Einsicht, wie einfach
es ist, eine Tierart zu vernichten, und wie unmöglich, sie neu zu
schaffen.
Eine Erkenntnis, die die Menschheit zwar heute dank der intensiven
Aufklärungsarbeit der Wissenschaftler durchaus hat, aber trotzdem
nur selten zur Kenntnis nimmt.
Wo Wildtiere dem Menschen in irgendeiner Weise in die Quere
kommen oder ihre Tötung ihm Nutzen verspricht, sind sie immer noch
von der völligen Vernichtung bedroht.
Die Tarpanherden waren nun nicht nur erhebliche Nahrungskonkurrenten auf den Weidegründen der zahmen Hauspferde. Die Wildpferdhengste sollen auch Stuten aus den zahmen Herden entführt
haben, die dann durchaus nicht immer in den Verband der domestizierten Genossen zurückkehrten.
Kam es zu Kämpfen zwischen den Wildpferd- und Hauspferdhengsten, zogen Letztere in der Regel den kürzeren. So wurden die Wildlinge also von den erbosten Herdenbesitzern bekämpft, außerdem
wurden sie durch die immer weiter vorangetriebene Kultivierung ihres
Lebensraumes zurückgedrängt und waren nach wie vor gejagtes Wild
zur Fleischbeschaffung.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielt ein polnischer Fürst noch eine
kleine Herde reinblütiger Tarpane, die er dann aber wegen Schwierigkeiten der winterlichen Futterbeschaffung an seine Bauern aufteilte.
Diese zähmten die Wildlinge, paarten sie mit ihren, den Wildlingen ja
sowieso sehr ähnlichen, Hauspferden, so gingen sie in den ponyartigen Hauspferdrassen auf. Zu spät fiel den Menschen ein, dass man
die Urpferde zumindest in einigen Exemplaren reinblütig hätte, erhalten sollen. Auch um die noch vorhandenen kümmerlichen Reste
der Steppentarpane kümmerte man sich viel zu spät.
Eine einzige reinblütige Tarpanstute war übriggeblieben. Sie entwich,
wurde gejagt, bis sie in eine Felsspalte geriet und ein Bein brach. Man
schaffte sie zwar lebend zurück in die Gefangenschaft, aber im Dezember 1879 starb auch sie.
Der Tarpan war aus dem großen Buch der Natur gestrichen.
In der Inneren Mongolei hatte aber doch noch eine bis dahin völlig
unbekannte Wildpferdart überlebt. Sie wurde erst 1879, also zufällig
genau in dem Jahr, als die reinblütige Tarpanstute starb, von dem
russischen Forscher Nikolai Przewalski entdeckt.
Allerdings hielt er die Tiere erst für eine Halbeselart oder eine etwas
anders gefärbte Art des mausgrauen Tarpans. Aber sein Freund und
Kollege erkannte, dass es sich um ein echtes, bisher nicht bekanntes
Wildpferd handelte, es bekam, den Namen Przewalskipferd.
Auch dieses Urpferd wurde nun fleißig gejagt und wäre sicher wie der
Tarpan von der Erde verschwunden, wenn nicht ein Kaufmann namens Assanow mit Friedrich von Falz-Fein, dem Besitzer einer weltberühmten zoologischen Versuchsstation in der Ukraine, bekannt
gewesen wäre. Als Falz-Fein von diesen Wildpferden hörte, beauftragte er Assanow, ihm lebende Tiere zu beschaffen, was auch geschah. Carl Hagenbeck holte dann eine ganze Herde, achtundzwanzig nach Hamburg und kaufte 1902 noch mehrere Stuten und Hengste
hinzu. Diese Hagenbeckischen-Przewalskipferde sind die Urzelle aller
heute in Tiergärten gehaltenen Urwildpferde.
Zwar wurden mit den Wildpferden Kreuzungsversuche gemacht, sodass auch hier die große Gefahr bestand, das echte Przewalskipferd
zu vernichten, aber es blieben zum Glück noch reinblütige Tiere übrig.
1960 legte der Prager Zoo, der heute über die größte Zuchtgruppe
Przewalskipferde verfügt, ein Zuchtbuch an, in das nun alle in den
Tiergärten der Welt geborenen reinblütigen Urwildpferde eingetragen
werden. Ob es Reste dieser Urpferde noch in freier Wildbahn gibt,
lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.
Zumindest aber in den Tiergärten scheint ihre Existenz gesichert, was,
nebenbei bemerkt, die Bedeutung Zoologischer Gärten als Hüter bedrohter oder in der Freiheit schon ausgerotteter Tierarten aufzeigt. Es
sind auch Versuche gemacht worden, den Tarpan zu rekonstruieren.
Im Münchner Tierpark Hellabrunn versuchten sie, den Tarpan neu zu
züchten.
Es entstand ein mausgraues Pony mit Aalstrich, das sehr gut das
Erscheinungsbild des Wildtarpans wiedergab, aber trotz allem eine
Nachahmung blieb. Der rückgezüchtete Tarpan hat die hängende
Mähne des domestizierten Pferdes behalten, er hat einen Stirnschopf,
und die Mähnenhaare werden nicht in den Haarwechsel einbezogen
wie beim echten Wildpferd. Echte, reinblütige Wildpferde gibt es außer
dem Przewalski, dem Urwildpferd, nicht mehr. Ob Dülmener Ponys,
Camarguepferde oder Mustangs, sie alle sind wieder verwilderte
Hauspferde, aber keine echten Wildpferde.
Wir stehen bewundernd und ehrfürchtig vor den großen Werken, die
von Menschenhand und Menschengeist auf allen Gebieten der Kunst
geschaffen wurden.
Genau diese Gefühle müssten aber auch jeden beherrschen, der
Przewalskipferde betrachtet, denn hier steht ein Geschöpf vor ihm,
das ihn in gerader Linie zurück in die Eiszeit führt. Ein lebendes
Wunder, über das weitblickende Menschen gerade noch im rechten
Augenblick schützend ihre Hände breiteten.
Das Urwildpferd ist starkknochig, von Ponygröße, hat einen schweren,
langen Schädel, Mehlmaul, keinen Stirnschopf, stehende Mähne, die
mit den Körperhaaren gewechselt wird. Die Fellfarbe ist rötlich bis
fahlbraun, Aalstrich über den Rücken und Zebrastreifen an den Beinen. Schweif und Mähne dunkel. In freier Wildbahn vermutlich nicht
mehr vorhanden.
Das Sportpferd
Noch vor 30 oder 35 Jahren konnte man bei einiger Pferdekenntnis
mit hoher Sicherheit die einzelnen Warmblutrassen an ihrem Exterieur
unterscheiden. Stellte man einen Trakehner, Hannoveraner, Oldenburger, um nur einige zu nennen, nebeneinander, sah der einigermaßen erfahrene Pferdefreund ihnen ihre Herkunft an der Nasenspitze an. So klar waren diese Rassen im Typ voneinander abgegrenzt.
Der leichte, flinke Trakehner, der wesentlich kräftigere Hannoveraner,
der stabile Oldenburger waren echte Kinder ihrer Scholle und entsprachen in ihrem Typ genau der Arbeit, zu der sie überwiegend gebraucht wurden. Trakehner wurden für die Kavallerie, also leichte
Reitpferde, gebraucht. Der Hannoveraner oder Holsteiner war ein
Vielzweck-Wirtschaftspferd mit besten Reitpferdeigenschaften. Der
Oldenburger oder auch Ostfriese ein hervorragendes Kutsch- und
Wirtschaftspferd. Aber die Ansprüche, die heutzutage an Warmblutpferde gestellt werden, sind ganz besonderer Art. Kriegspferde sind
nicht mehr gefragt, Wirtschaftspferde sind nicht mehr gefragt.
Kutschpferde als Spezialisten finden kaum noch Interessenten. Gefragt ist das Sportpferd unter dem Aspekt, schnell, kräftig, wendig,
springfreudig, weder zu groß noch zu klein, mit einem Wort: vielseitig,
sowohl als Turnierpferd einzusetzen als auch im Freizeitsport, also
zum Spazierenreiten. Das bedeutete für nahezu alle Rassen eine
Umstellung, wenn man so will, eine Nivellierung.
Besonders die handfesteren warmblütigen Pferdeschläge mussten
edler werden. Das trifft natürlich nicht nur auf deutsche Warmblutrassen zu, auch andere Länder mussten sich umstellen. Wer heute
Warmblutpferde züchtet und sich nicht den Wünschen der Verbraucher auf diesem Markt anpasst, produziert für den Pferdeschlachter.
Das klingt hart, ist aber die Wahrheit.
So ist nun ein ziemlich einheitlicher Typ Warmblüter entstanden. In
den Grenzbezirken gibt es immer noch typische Vertreter des früheren
Zuchtideals, aber es ist heute normalerweise nicht mehr möglich, auf
den ersten Blick etwa einen Trakehner von einem Holsteiner zu unterscheiden.
Besonders deutlich wird diese Veränderung natürlich bei den
schweren Warmblutschlägen, den Württembergern, Oldenburgern,
Ostfriesen. Es klingt in den Ohren der Züchter unserer vielen Warmblutrassen vermutlich nicht so gut, aber an sich könnte man durchaus
generell vom Deutschen Warmblutpferd sprechen. Doch jedes Pferd,
das im Großen Sport ganz oben mitmischt, ist zugleich ein unschätzbarer Reklameträger für sein Zuchtgebiet, seine Rasse. Seine
Erfolge schlagen sich in entsprechender Nachfrage nach Pferden
dieser Rasse nieder. Wer wollte darauf schon verzichten, zugunsten
des Begriffes Deutsches Warmblut?
Natürlich gehen die weitaus meisten Pferde nicht den Weg in die
Turnierställe, sondern zu jenen Pferdehaltern, die man heute Freizeitreiter nennt.
Diese Reiter brauchen keine Springkanone, die über zwei Meter hüpft,
sie wollen Pferde mit möglichst unkompliziertem Charakter, brav im
Stall und Gelände, Pferde, mit denen sie gut fertig werden, und die sie
nicht vor allzu viele Probleme stellen. Selbstverständlich kann die
Masse der Warmblutpferde diese Anforderung erfüllen, kann das
Sportpferd ein sehr gutes Freizeitpferd sein.
Das Zuchtziel kann aber nicht das Spazierreitpferd sein, es muss ein
paar Stufen höher gesteckt sein, um die Qualität der Sportpferde zu
halten.
Bezeichnung der Rassen
Vollblut - Halbblut - Warmblut - Kaltblut
Bevor ich mit dem Vorstellen der Rassen beginne, ist es wohl angebracht, die oben genannten Bezeichnungen zu erklären. Sie haben
weder mit der Menge noch mit der Temperatur des Blutes, das in den
Adern dieser Pferdeschläge fließt, etwas zu tun.
VOLLBLUT
Vollblüter sind eine vom Menschen züchterisch erschaffene Kunstrasse. Sie sind besonders schnell und haben ein lebhaftes, oft auch
heftiges Temperament.
HALBBLUT
Halbblüter sind alle Rassen mit einem mehr oder minder hohen
Vollblutanteil. Sie stellen das Hauptkontingent an Sport- und Freizeitpferden, früher auch an leichten Arbeitspferden, als solche noch
gebraucht wurden. Ihr Temperament ist weniger explosiv, als es das
der Vollblüter sein kann.
Von Halbblut sprechen wir, wenn das betreffende Pferd tatsächlich zu
fünfzig Prozent von einem Vollblüter abstammt, also Halbblut ist.
WARMBLUT
Warmblüter ist ein in Deutschland verwendeter, an sich übergeordneter Begriff, der sowohl Vollblut- als auch Halbblutrassen umfasst. Im
Sprachgebrauch hat sich die Bedeutung dieses Begriffs aber sehr
gewandelt. Wenn man in Deutschland von einem Warmblüter spricht,
denkt kaum jemand an einen Vollblüter, sondern stets an eine jener
Rassen, die die Reitpferde stellen.
KALTBLUT
Kaltblüter sind schwere Zugpferde, deren normales Arbeitstempo der
Schritt ist. Einige Kaltblutrassen sind aber wichtig für die Zucht von
Sportpferden.
Manche stehen dicht an der Grenze zum Warmblut und sind flotte
Traber. Andere wiederum haben Araberblut in ihren Adern, was sich in
lebhafterem Wesen und schnellerer Gangart bemerkbar macht. So ist
das Nordschwedische Pferd und das Dölepferd Norwegens in diese
Kategorie einzureihen.
Verhaltensweisen des Pferdes
Richtig reiten und richtig mit dem Pferd umgehen kann man nur, wenn
man weiß, wie sich dieses Tier verhält.
Das Verhalten aller Lebewesen ergibt sich aus dem ihnen zugewiesenen Lebensraum. Sie alle sind von der Natur so ausgestattet, dass
sie in ihrem Bereich überleben können. Auch unsere Stallpferde haben viele Verhaltensweisen des Herdentieres, das sie ursprünglich
waren, beibehalten. Pferde fühlen sich am wohlsten, wenn sie unter
Artgenossen sind, das heißt sich hören, sehen, riechen und möglichst
auch fühlen können. Daher muss sich der Mensch in das natürliche
Verhalten des Pferdes hineinversetzen. Er darf es nicht mit dem
Maßstab menschlicher Logik und menschlicher Bedürfnisse beurteilen.
Pferde sind grasfressende, in Herdenverbänden lebende Steppentiere, deren Waffe die Flucht ist. Aus den Eigenschaften, die das Pferd
als Herden- und Fluchttier braucht, lassen sich nicht nur fast alle seine
Verhaltensweisen und Bedürfnisse, sondern auch sein Körperbau
erklären.
Exterieur des Pferdes
Einige wichtige Körperteile des Pferdes
1 Widerrist
10 Huf
2 Schulterblatt
11 Lende
3 Vorarm
12 Kruppe
4 Brust
13 Flanke
5 Ellbogen
14 Knie
6 Unterarm
15 Hose:
7 Vorderfußwurzelgelenk
16 Sprunggelenk
8 Röhrbein
9 Fessel
Das Pferd ist ein Fluchttier
Flucht setzt Schnelligkeit voraus, und um schnell zu sein, muss man
schlank, hochbeinig und schmal – Körpermerkmale, die wir Menschen
als rassig oder edel bezeichnen.
Aber nicht nur der Körperbau ist wichtig für die Schnelligkeit, sondern
auch die Versorgung der Organe mit Luft und die Regulierung des
Wärmehaushaltes.
Die Nüstern des Pferdes sind von sehr zarter Haut umgeben und
daher stark dehnbar.
Damit es bei langem, schnellem Laufen keinen Hitzestau erleidet,
kann das Pferd, genau wie der Mensch, durch die Haut schwitzen.
Durch den Schweiß verdampft Wasser, und das kühlt.
Beißen und Schlagen
Dies tun Pferde nur, um ihre gegenseitigen Machtkämpfe um die
Rangordnung auszutragen oder aus Gegenwehr im äußersten Notfall,
wenn keine Flucht mehr möglich ist. Selbst in der Enge der Reitbahn
bedrohen sich Rangrivalen bei einer Begegnung durch entsprechende
Mimik.
Ansonsten sind Pferde friedlich und werden nur durch falsche Behandlung zu Beißern und Schlägern.
Das Pferd ist ein Steppentier
Die Steppe ist mit teilweise hohem Gras bewachsen. Um nun einen
möglichst weiten Blickwinkel zu haben, ist der Hals des Pferdes hoch
aufgesetzt. Die Augen erlauben einen viel größeren Blickwinkel als
z. B. die des Menschen, da sie seitlich am Kopf sitzen. Auch die Ohren sind unabhängig voneinander in alle Richtungen beweglich, sodass die Pferde sich jederzeit nach allen Seiten hin orientieren können. Pferde haben harte Hufe, deren Hornmantel sich in der Steppe
von allein abnutzt. In der Gefangenschaft muss der Hufschmied diese
natürliche Abnutzung steuern.
Der lange Schweif und der Schopf sind nicht nur Schmuck, sondern
sie helfen, Insekten abzuwehren.
Auch die Haut ist hochgradig empfindlich. Das Pferd kann durch gezieltes Hautzucken Ungeziefer abwehren.
Pferde haben einen sehr feinen Geruchssinn und außerdem lange
Tasthaare am Maul und an den Augen, deren Bedeutung man noch
kaum erforscht hat.
Dazu kommt ein äußerst feines Gehör. Diese scharfen Sinne erlauben
sofortige Wahrnehmung von möglichen Gefahren.
Das Pferd ist ein Herdentier
Der Herdenverband bietet Sicherheit: Die Tiere können sich gegenseitig helfen. Zum Beispiel werden Fohlen und schwache Tiere in die
Mitte genommen und so bei Gefahren geschützt. Auch warnen sich
die Mitglieder der Herde gegenseitig bei Gefahr und halten Wache.
Niemals liegen alle Tiere zugleich, selbst im Stall nicht, immer passt
wenigstens eins auf.
Um in der Gemeinschaft leben zu können, müssen sich auch die
Pferde unterordnen. Diese Fähigkeit hat ihnen die Natur mitgegeben.
Wir Menschen müssen das erst mühsam erlernen.
Innerhalb der Herde herrscht eine klare Rangordnung. Jedes Tier hat
seinen festen Platz. Stößt ein neues Pferd zur Herde, so wird es nicht
gleich begeistert aufgenommen, sondern es muss seinen Rang erst
erobern.
Häufig schließen zwei oder drei Pferde regelrecht Freundschaft. Sie
grasen in enger Entfernung voneinander, reiben sich gegenseitig das
Fell und rufen sich, wenn sie getrennt werden. Die Verständigung
erfolgt durch optische und akustische Signale wie Mimik, Körperhaltung und verschiedene Laute. Diese Signale sind sowohl dazu da,
sich friedlich zu verständigen, z. B. sich zum gegenseitigen Kraulen
einzuladen, sich zu begrüßen, zu spielen, Rangkämpfe auszutragen
usw. Sie dienen aber auch der gegenseitigen Warnung vor möglichen
Feinden.
Optische Signale
Die sogenannte Achtungstellung. hocherhobener Kopf, gespitzte
Ohren, gespannte Muskeln, erhobener Schweif, signalisiert mit dem
ganzen Körperausdruck Gefahr: Alle Pferde reagieren entsprechend
und sind sofort fluchtbereit. Beginnt eines zu laufen, so rennen alle
hinterher. Das gefürchtete Durchgehen von Pferden ist also im
Grunde Flucht und wirkt ansteckend.
Mimik
Das Ohrenspiel verrät viel über ein Pferd. Gespitzte Ohren bedeuten
Aufmerksamkeit, nach hinten gerichtete Ohren können Konzentration
auf den Reiter anzeigen, aber auch auf Schmerz hindeuten. Seitlich
herabhängende Ohren zeigen, dass das Pferd teilnahmslos ist, sei es,
weil es döst oder krank ist.
Das Drohgesicht präsentiert durch flach angelegte Ohren, hochgezogenen Maulwinkel und entblößte Zähne. Ein so drohendes Pferd
sollte man nur berühren, wenn man es kennt!
Die Augen des Pferdes verraten viel über sein Befinden. An ihnen
lassen sich Zufriedenheit oder Angst sofort erkennen.
Akustische Signale
Das Wiehern ist ausschließlich Begrüßungs- oder Rufsignal. Kein
Pferd wiehert aus Angst oder bei drohender Gefahr, wie es in Wildwestfilmen so oft fälschlicherweise gezeigt wird.
Aus Angst schnauben Pferde, indem sie die Luft pfeifend und stoßweise aus den Nüstern blasen. So prüfen sie auch ihnen nicht ganz
geheure Objekte oder Gerüche.
Schnauben hat mehrere Bedeutungen: Je nach Ausdruck kann es
Zufriedenheit anzeigen oder Entspannung. Ist es mehr ein Brummen,
so ist es Ausdruck von Zärtlichkeit, z. B. zwischen Stute und Fohlen.
Quieken hört man sie zuweilen bei Begrüßungen oder beim Spielen.
Manche Pferde quieken auch beim Bocken oder Springen.
Bedürfnisse des Pferdes
Pferde sind Gewohnheitstiere. Sie haben viele Verhaltensweisen, die
sie in der Freiheit regelmäßig zeigen und bei denen sie sich offensichtlich sehr wohl fühlen. Eine davon ist die sogenannte soziale
Fellpflege.
Dazu stellen sich zwei Pferde Kopf zu Schweif und beknabbern sich
mit Inbrunst gegenseitig die Stellen, die sie bei sich selbst nicht erreichen können. Auf diese Weise wedeln sie sich auch gegenseitig die
Fliegen weg.
Das Wälzen ist auch eine Säuberungsaktion, selbst wenn manche
Pony-und Pferdebesitzer daran verzweifeln möchten! Pferde wälzen
sich nämlich liebend gern im schönsten Dreck, weil das erstens
scheuert und zweitens der Lehm das Fell verklebt und sich damit
abgestorbene Haut- und Fellteile lösen. Daher sollte man gerade
Stallpferden so oft wie möglich die Gelegenheit geben, sich zu wälzen!
Den Stallpferden fehlt es häufig an Licht. Die meisten Ställe sind viel
zu dunkel. Pferde fühlen sich im warmen Mief nicht so wohl wie die
meisten Menschen, sie werden sogar krank davon. Bewegung ist
wichtig. Eine Stunde pro Tag, ein Stehtag in der Woche und der Rest
ist Langeweile.
Pferde brauchen Körperkontakt mit anderen Pferden. Manche halten
ihre Pferde wie Raubtiere im Käfig. Und Pferde sollten auch die Möglichkeit haben, dauernd zu fressen. Pferde sind Dauerfresser, darauf
ist ihr Verdauungssystem eingerichtet. Pferde brauchen Abwechslung, denn sie sind neugierig. Sie erleben gern viel, ohne dabei auf
ihre Gewohnheiten verzichten zu wollen. Gewohnheit geht ihnen über
alles. Futter-, Arbeits-und Schlafzeiten sollten daher regelmäßig sein.
Ein Pferd hat ein gutes Langzeitgedächtnis, aber es kann nicht folgern: wenn-dann! Reiter, die ihr Pferd erst nach dem Absitzen für
irgendeine Missetat strafen, machen einen groben Fehler. Richtig ist
es, unmittelbar zu loben oder zu tadeln.
Und bei gut erzogenen Pferden genügt ein strenger Ton in der Stimme
als Strafe oder ein Leckerbissen, Absitzen oder Klopfen zur Belohnung!
Pferde haben einen feinen Geruchssinn, daher wirken Parfümwolken
oder Zigarettenqualm eher abstoßend auf sie. Dafür sie sie durchaus
in der Lage, die Angst eines Menschen zu riechen!
Pferde mögen Zärtlichkeit, sie sollen aber nicht verzärtelt werden!
So ist es zum Beispiel falsch zu glauben, Regen oder Kälte schade
ihnen. Pferde ziehen es oft vor, im Regen zu stehen als in den Stall zu
gehen. In der Freiheit suchen sie sich sogar besonders windige Plätze
zum Schlafen aus.
Pferde mögen keinen harten Boden. Die Steppe federt, die Straße
dagegen macht pflasterlahm. Aber eine Straße ist immer noch besser
als spitzer Schotter.
Das Pferd braucht Bewegung
Neben der Sorge für Wasser, Futter und Unterkunft sind wir es dem
Pferd schuldig, für ausreichende Bewegung zu sorgen. Die braucht
es, um Organe, Muskeln, Gelenke und Kreislauf gesund zu erhalten.
Wer sein Pferd nicht ausreichend bewegt, gefährdet nicht nur dessen
Gesundheit, sondern auch seine psychische Verfassung. Viele Unarten und Widersetzlichkeiten haben nämlich ihren Grund einfach
darin, dass die Pferde ihren Bewegungsstau und ihre Langeweile
abreagieren.
Ausreichende Bewegung heißt vor allem regelmäßige, tägliche, abwechslungsreiche Bewegung.
Selbst am sogenannten Stehtag ist es besser, das Pferd in der Halle
oder auf der Koppel frei herumlaufen zu lassen.
Ausreichende Bewegung bedeutet auch, dass die Pferde schonend
und mit Überlegung bewegt werden müssen. Also: Übermäßig hohes
und häufiges Springen vermeiden, auf hartem Boden Schritt reiten
und immer wieder Erholungspausen einlegen.
Wichtig ist auch, dass wir dem Pferd mindestens einmal in der Woche
Gelegenheit geben, sich ohne Reiter möglichst im Freien austoben zu
können und sich zu wälzen!
Von der Art der Bewegung hängt es in erster Linie ab, ob ein Pferd mit
acht Jahren verschlissen ist, oder ob wir noch Freude an ihm haben,
wenn es zwanzig ist!
Und zuletzt: Pferde sind nun einmal Herdentiere und daher gesellig,
sie fühlen sich nur wohl in Seh- und Hörnähe ihresgleichen. Daher ist
es Tierquälerei, ein Pferd z. B. allein in der Garage hinter dem Haus
zu halten.
Es sei denn mit Gesellschaft: Freundschaften zwischen Pferd und
Hase, Pferd und Ziege oder Pferd und Esel sind bekannt.
Umgang mit Pferden
Aus den Verhaltensweisen und Eigenschaften des Pferdes ergibt sich
auch, wie man am geschicktesten mit ihm umgeht. Denn der richtige
Umgang mit dem Pferd ist die Basis der Reitausbildung. Wenn man
begreifen lernt, wie sich ein Pferd auf der Weide, im Stall, in der Ruhe,
in der Bewegung und im Umgang mit dem Menschen zeigt, und
weshalb es sich so und nicht anders verhält.
Vor allem müssen wir immer bedenken, dass das Pferd ein Fluchttier
ist und sehr leicht erschrickt. Nur dann kann man andere, sich selbst
und das Pferd vor Unfällen schützen.
VERTRAUEN
Wichtig ist zunächst, dass der Reiter das Zutrauen und die Zuneigung
des Pferdes gewinnt. Dazu gehört, dass er sich intensiv mit ihm beschäftigt. Dabei spielt die menschliche Stimme eine wichtige Rolle.
Das Pferd versteht zwar nicht unsere Sprache, doch ist es so sensibel,
dass es am Tonfall sofort erkennt, ob es gelobt oder getadelt wird und
ob der Reiter innerlich aufgeregt ist oder Ruhe und Selbstverständlichkeit ausstrahlt.
Nervosität, Hast, Angst, lautes Schreien machen Pferde nur unruhig,
ebenso hastige Bewegungen und wilde Gestik. Also: Ruhiges Sprechen, Singen, ruhige Bewegungen, Körperkontakt mögen Pferde
gern.
RICHTIGES HERANGEHEN AN DAS PFERD
Niemals darf man sich dem Pferd von hinten nähern, ohne es ruhig
anzusprechen, da es sonst erschrecken könnte und dann instinktiv
reagiert.
Wenn wir zu einem Pferd gehen, sprechen wir mit ihm und halten ihm
die flache Hand entgegen, damit es sie beriechen kann. Auch Leckerbissen werden auf der flachen Hand gereicht, damit nicht aus
Versehen die Fingerspitzen mit gefressen werden!
Droht das Pferd, halten wir lieber gehörigen Abstand, sofern wir es
noch nicht kennen.
FÜHREN
Zum Führen benutzen wir immer ein Halfter und einen Strick, den wir
in beiden Händen halten, denn auch das ruhigste Pferd kann erschrecken, und niemand vermag es dann am Halfter festzuhalten.
In der Regel führen wir ein Pferd von links und gehen neben ihm auf
Schulterhöhe, das ist für den Führenden am sichersten.
Ist das Pferd gezäumt, so führen wir es, indem wir beide Zügel in die
linke Hand nehmen und mit der rechten die Zügel unterhalb der
Trensenringe mit Zeigefinger und Ringfinger teilen.
Beim Führen sollte man das Pferd nicht ansehen.
AUF DIE WEIDE FÜHREN
Es ist besser, das Pferd erst dann loszulassen, wenn es wirklich auf
der Weide ist, nicht schon im offenen Gatter!
Wir sollten immer zwei Pferde gemeinsam von der Weide holen. Man
denke an den Herdentrieb. Ein Pferd allein würde nur ungern von den
anderen weggehen.
ANBINDEN
Zum Anbinden muss immer ein Halfter mit Strick verwendet werden,
auch wenn das Pferd aufgetrenst ist. Wenn Pferde erschrecken,
wollen sie fliehen und reißen sich los. Daher darf man sie niemals an
beweglichen oder schlecht befestigten Gegenständen wie Türklinken,
Boxentüren oder losen Zaunpfählen anbinden, auch nicht für eine
Minute!
Es haben schon viele Pferde große Tore mit sich gerissen! Aus diesem Grund darf man unter keinen Umständen ein Pferd an der Trense
anbinden, auch wenn dies alle Cowboys in allen Wildwestfilmen tun!
Das Pferd könnte sich furchtbare Verletzungen zufügen.
Man lasse ein angebundenes Pferd möglichst nicht allein stehen,
lieber ist man vorsichtig.
Zum Anbinden benutzen wir den Strick mit Panikhaken und Sicherheitsknoten, damit man das Pferd notfalls sofort befreien kann.
Es ist auch vernünftig, Lederhalfter statt der bunten, unzerreißbaren
Kunststoffhalter zu verwenden, denn im Ernstfall ist ein zerrissenes
Halfter besser als ein verletztes Pferd.
Weidepferde sollten kein Halfter tragen, da sie zu leicht damit hängen
bleiben können.
AUFHEBEN DER HUFE
Dazu stellen wir uns in Richtung Schweif dicht neben das jeweilige
Bein und streichen mit der Hand von der Schulter bzw. Kruppe aus,
erst außen und dann nach innen gleitend, hinunter bis zum Fesselgelenk und sagen Fuß. Die meisten Pferde kennen das und heben
von allein brav das jeweils angesprochene Bein. Tun sie das nicht,
klopft man leicht gegen das Gelenk und hebt den Huf nach hinten
oben hoch. Soll der Huf länger aufgehoben bleiben, stützt man ihn ab
dem Fesselgelenk auf den Oberschenkel.
Die Hinterhufe hebt man, indem zugleich das Bein etwas nach hinten
gezogen wird, so kann das Pferd auch nicht schlagen, denn dazu
müsste es erst ausholen.
Pflege des Pferdes
Viele Reiter haben leider keine Ahnung davon, wie ein Pferd gepflegt
werden muss. Sie kommen zur Reitstunde, erklimmen das gesattelt
bereitstehende Pferd und liefern es nach der Stunde wieder an den
Stallmann ab, ohne sich um das weitere Ergehen ihres Kameraden zu
kümmern.
Natürlich sollte es anders sein. Wem es wirklich ernst ist mit seiner
Liebe zum Pferd, der wird auch wissen und lernen wollen, wie das Tier
im Stall versorgt, gepflegt, gesattelt und eingespannt wird. Das alles
muss man genauso lernen wie den Umgang mit Pferden, das Reiten
oder Kutschieren.
Und erst bei dieser intensiven Beschäftigung mit dem Pferd, wenn
man es selbst pflegt, sattelt, einspannt, wächst man wirklich mit seinem Pferd zusammen, man lernt es von einer ganz anderen Seite
kennen … und manchmal sogar von einer recht schwierigen. Empfindliche Pferde oder solche, die schlechte Erfahrungen gemacht
haben, können sowohl beim Putzen als auch beim Satteln allerlei
Theater machen.
Ich bin einmal von einem neu gekauften Pferd kräftig in die Seite gebissen worden, als ich den Sattelgurt anziehen wollte. Josy, ein Ire,
mochte das nicht, was ich aber nicht wusste. Er hat mich aber nur das
eine Mal erwischt, es war schmerzhaft genug. In Zukunft nahm ich den
rechten Zügel kurz über Josys Hals, sodass er den Kopf nicht zu mir
herumdrehen konnte.
Er muss wenig gute Erfahrungen mit Pflegern gemacht haben, denn
er war anfangs sehr kopfscheu.
Das ist fast immer ein Zeichen, dass ein Pferd Schläge an den Kopf
bekommen hat. Nach einigen Wochen bei mir fasste er wieder Zutrauen und ruckte nicht mehr sofort mit dem Kopf hoch, wenn man zu
ihm trat, er ließ sich brav aufzäumen und gewöhnte sich sogar seine
Empfindlichkeit gegen das Nachgurten ab. Man weiß durch den täglichen intensiven Umgang mit seinem Pferd bald jedes Ohrenzucken,
jede Kopfbewegung zu deuten und lernt bei jedem Pferd wieder etwas
dazu. Eine Erfahrung, die ich lange Jahre hindurch mit meinen ausschließlich von mir selbst betreuten Pferden gemacht habe.
Gewiss ist nicht jeder Pferdefreund in der glücklichen Lage, sein Pferd
im Stall beim Haus zu haben und sich so täglich um das Tier kümmern
zu können. Aber auch der Reiter eines Verleihpferdes kann diese
Dinge lernen, er sollte es sogar.
Vorbedingung, einen Stall zu finden, der nicht nur mehr oder weniger
guten Reitunterricht gibt, sondern auch Kurse in Pferdepflege, im
Satteln und der Pflege des Geschirrs abhält. Diese Institute haben im
Übrigen fast immer auch erfahrene Reitlehrer.
Was braucht man nun an Utensilien zur Pferdepflege? Eine Kardätsche, eine Bürste, die Naturborsten haben sollte.
Einen Striegel, der auch heute noch oft aus Metall ist, obwohl es jetzt
einen sehr viel besseren aus Kunststoff gibt, den sogenannten
Schwedenstriegel oder Finnenstriegel.
Während man mit dem alten Metallstriegel nur die fleischigen Teile
des Pferdekörpers bearbeiten kann, ist der Schwedenstriegel selbst
an den Gelenken anzuwenden, ohne dass es dem Pferd unangenehm
ist. Mit dem Metallstriegel darf man nur vorsichtig den Schmutz lösen,
er ist hauptsächlich zum Abstreichen der Bürste da.
Einen Mähnenkamm, meist aus Aluminium, nur bei langer Mähne
nötig. Zwei Wurzelbürsten, je eine für den Schweif und für die Hufe.
Zwei Schwämme, einen zum Säubern von Nüstern und Augen, einen
zum Säubern von After, Euter und den Geschlechtsteilen.
Einen Hufkratzer, das ist ein Metallhaken zum Auskratzen der Hufe.
Eine Dose Huffett mit Bürste zum Einfetten der Hufe.
Das Putzen geht so vor sich:
Das Pferd wird in die Stallgasse geführt und angebunden, bei gutem
Wetter putzt man draußen. Bei kitzligen Pferden empfiehlt es sich, sie
mit zwei Stricken nach beiden Seiten anzubinden, sie können dann
nicht so leicht beißen. Vorsicht ist vor allem bei rassigen Stuten geboten. Im allgemeinen empfinden Pferde das Putzen aber als angenehm, doch bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel. Nun lockert
man mit dem Striegel den Schmutz im Fell.
Natürlich muss man dabei mit Fingerspitzengefühl vorgehen, besonders mit dem Metallstriegel, und darf nicht einfach drauf loskratzen!
Den nächsten Arbeitsgang erledigt man mit der Kardätsche, mit ihr
wird die eigentliche Fellreinigung vollzogen.
Man nimmt die Kardätsche in die rechte, den Striegel in die linke
Hand. Nach je zwei Bürstenstrichen werden an der Bürste sitzende
Haare und der Staub an dem Striegel abgestrichen. Man sieht, wie die
Rillen des Striegels sich mit dem Schmutz füllen, und klopft ihn nach
Bedarf auf dem Stallboden aus. Das Pferd wird, angefangen am Genick, von vorn nach hinten gründlich durchgebürstet, es muss nach
dieser Prozedur richtig glänzen.
Am Kopf muss man besonders vorsichtig sein, um dem Pferd nicht
wehzutun und es damit kopfscheu zu machen. Man fasst in das
Halfter, damit der Pflegling den Kopf stillhält, bürstet, falls vorhanden,
den Stirnschopf und säubert mit einem nassen Schwamm die Nüstern
und die Augenwinkel. Nun werden Mähne und Schweif mit der Wurzelbürste durchgearbeitet, die Beine mit der Kardätsche gesäubert.
Als letzten Arbeitsgang nimmt man sich die Hufe vor. Nacheinander
muss das Pferd alle vier Beine auf Kommando anheben, mit dem
Hufkratzer entfernt man den Stallmist. Wenn nötig, werden die Hufe
dann mit Wasser gesäubert. Eingefettet werden die Hufe nur dann,
wenn man nicht gleich ausreiten oder fahren will, das Fett also einziehen kann.
Frisch eingefettete Hufe würden sich sonst in der Bahn oder draußen
schnell mit einer klebrigen Schmutzkruste bedecken. Wird das Pferd
gleich nach dem Putzen zur Arbeit herangezogen, muss das Einfetten
der Hufe nach dem Abwarten geschehen.
Abwarten … auch das gehört zur Pflege und heißt, dass das Pferd
nach getaner Arbeit nicht einfach wie ein gebrauchter Gegenstand in
den Stall gestellt wird, sondern dass man es nach dem Absatteln oder
Ausspannen versorgt. Es hat vermutlich geschwitzt, es ist staubig
geworden. Schweiß und Staub werden entfernt, das nasse Pferd
trockengerieben. Natürlich soll ein Pferd, das vom Ausritt heimkommt,
nicht nass an die Stalltür gebracht werden, der gute Reiter sorgt dafür,
dass eine entsprechende Strecke zum Schluss im Schritt geritten
wird, damit das Pferd sich entspannen kann.
Aber bei großer Hitze schwitzt das Pferd stark nach, und dann muss
man eben darauf achten, dass es nicht klitschnass im Stall steht und
sich erkältet. Viel ungefährlicher ist es übrigens, wenn das Pferd dann
auf die Weide gelassen wird. Dort kann es sich wälzen und ist zwar
frischer Luft, aber keiner Zugluft ausgesetzt. Zum Abwarten gehört
auch die genaue Kontrolle aller vier Hufe. Kleine Steine können sich
eingeklemmt haben und zu Lahmheit führen, wenn sie nicht entfernt
werden.
Dann wäscht man die Hufe, und nun können sie auch eingefettet
werden. Im Sommer tut ein Abduschen mit dem Gartenschlauch dem
Pferd gut, zumindest die Beine sollte man abspritzen.
Zum Abwarten gehört auch, dass Sattel und Zaumzeug ordentlich
verwahrt werden. Die Trense wird abgespült und niemals schmutzig
weggehängt, der Sattel muss mit hochgezogenen Bügeln und übergeschlagenem Gurt luftig auf den Sattelbock gehängt werden. Das
sind die Grundlagen der Pferdepflege, die man beherrschen sollte.
Indirekt gehört dazu auch die Pflege der Pferdekleidung, also des Sattels, des Zaumzeugs oder des Fahrgeschirrs. Sind diese Dinge
nicht in Ordnung, passen Sattel, Zaumzeug und Fahrgeschirr dem
Pferd nicht richtig, kann es keine gute Arbeit leisten, weil es
Schmerzen hat oder zumindest Unbehagen verspürt. Pferde sind
keine genormten Maschinen, jedes Pferd hat seinen eigenen Kopf,
dem das Zaumzeug genau angepasst sein muss. Es kommt auf jedes
Riemchen dabei an.
Ein falsch sitzender Nasenriemen, eine nicht passende Trense
können das Pferd erheblich quälen. Darum muss jedes Pferd sein
ganz persönliches Kopfzeug haben, das für eben dieses Pferd verschnallt wurde. Das gilt weitgehend auch für den Sattel, denn längst
nicht jeder Sattel passt auf jedes Pferd. Diese Dinge müssen von
einem erfahrenen Pferdepfleger in Ordnung gebracht werden, der
dem Neuling genau zeigen soll, worauf es ankommt, was richtig und
was falsch ist. Und vor dem Aufsitzen überzeugt der gute Reiter sich
selbst, ob Zaumzeug und Sattel richtig sitzen, alle Schnallen auch
wirklich zugeschnallt sind, die Satteldecke keine Falten wirft. Die
gleiche Sorgfalt muss der Fahrer anwenden.
Auch das Kopfzeug des Kutschpferdes muss genau angepasst werden. Ob Brustblattgeschirr oder Kumt, das eine muss für das Pferd
verschnallt werden, das andere dem Pferd genau passen. Beim Anschirren mit dem Kumt ist Vorsicht angebracht, wer einem Pferd das
Kumt grob über den Hals stülpt, muss sich nicht wundern, wenn das
Pferd sich nicht wieder anschirren lassen will!
Und so wie der Reiter, selbst wenn ihm das Pferd fertig gesattelt
vorgeführt wird, sich selbst zu überzeugen hat, ob alles in Ordnung ist,
so muss sich auch der Fahrer vergewissern, dass alle Schnallen zugeschnallt sind, die Stränge richtig befestigt wurden und die richtige
Länge haben, bevor er auf den Bock steigt.
Selbstverständlich muss das ganze Lederzeug von bester Beschaffenheit sein, brüchige Riemen können lebensgefährlich werden. Das
gilt besonders für den Sattelgurt und die Fahrleine.
Eine sorgfältige Pflege aller Geschirre ist nötig, um das nicht gerade
billige Lederzeug lange in gutem Zustand zu halten. Auch das muss
man lernen, und es ist gar nicht so einfach, nach einer Generalreinigung, bei der alles in seine Einzelbestandteile zerlegt wird, die Dinge
wieder richtig zusammenzufügen. Übung macht auch hier den Meister. Anfangs denkt man, das bekommt man nie wieder in Ordnung,
aber es lernt sich.
Alle Geschirre sollen möglichst nicht im Stall, sondern in einer Kammer extra untergebracht werden, da der Ammoniakdunst im Stall dem
Leder nicht besonders gut bekommt. Sattelbock und Aufhängevorrichtungen für Zaumzeug und Geschirre lassen sich z. B. gut mit in
der Futterkammer unterbringen.
So viel über die Pflege des Pferdes und seine Kleidung. Die Feinheiten lernt man nur in der Praxis.
Stallhaltung und Fütterung
DER STALL
Wir haben die natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes kennengelernt und wissen, dass die Stallhaltung ein notwendiges Übel ist und
bleibt, zumal die meisten Ställe eher aus der Sicht der rationell denkenden Menschen geplant sind, als dass sie sich an den Bedürfnissen
des Pferdes orientieren.
Der ideale Stall ist hoch, hell, luftig, trocken und kühl und ermöglicht
dem Pferd wenigstens einen kleinen Auslauf.
Die Pferde sollen in geräumigen Boxen oder Laufställen untergebracht sein mit Fenstern, aus denen die Tiere hinausschauen können. Das verhindert Langeweile und beugt Erkrankungen der Atemwege vor.
Auf jeden Fall müssen sich die Pferde im Stall sehen können, d. h.
Boxen, die seitlich hochgeschlossen sind und jeden Nachbarkontakt
unmöglich machen, sind nicht pferdegerecht.
Abzulehnen ist das Anbinden in Ständern. Es ist nicht nur gefährlich,
sondern widerspricht jeder artgerechten Haltung. Laufställe dagegen
kommen dem natürlichen Bedürfnis des Pferdes nach Kontakt mit den
Artgenossen entgegen, sie sind aber für Sportpferde nicht geeignet,
da zu viel Unruhe und Verletzungsgefahr besteht.
Freizeitpferde, die wenig Bewegung bekommen und viel allein sind,
sollte man jedoch in Laufställen unterbringen.
Vorher muss man aber herausfinden, wie sich die einzelnen Tiere
vertragen, und daran denken, immer eine gerade Anzahl von Pferden
gemeinsam unterzubringen (Sozialverhalten). Laufställe machen zwar
mehr Arbeit, sie sind aber pferdegerechter.
Pferdegerecht, aber arbeitsintensiv ist auch die meist übliche Streu
aus Stroh. Man entfernt nur die Äpfel und sehr nasses Stroh und streut
frisches darüber. Schließlich bildet sich eine saugfähige Matratze,
deren unterste Lage aus feuchtem Mist besteht, deren obere Schicht
jedoch frisch und sauber ist. Diese Streu hat nicht nur den Vorteil,
warm und trocken zu sein, sondern die Pferde haben auch ständig
etwas zu knabbern.
Stehen Sie dagegen auf Torf oder Sägemehl, ist die Langeweile unerträglich, es sei denn, sie erhalten ständig Raufutter (Heunetz aufhängen). So gesehen sind auch künstliche Stallböden bedenklich, da
sie allein menschlichen Bedürfnissen gerecht werden.
Es ist selbstverständlich, dass die Streu mehrmals täglich gepflegt
wird. Schlecht riechendes, faules Stroh gehört nicht in den Stall,
sondern auf den Misthaufen! Und schließlich: Warmen Stallmief mögen nur wir Menschen, Pferde werden davon krank.
TRÄNKEN
In fast allen Ställen gibt es heute automatische Tränken. Diese ersparen uns zwar das Schleppen der Wassereimer und ermöglichen
dem Pferd zu trinken, wann und so viel es will. Das Problem Wasser
ist aber damit noch lange nicht erledigt. Diese Tränken müssen nämlich täglich kontrolliert und gepflegt werden, sonst riechen sie moderig
und sind ein Sammelbecken für Bakterien.
Pferde sind hinsichtlich des Trinkens sehr anspruchsvoll. Sie brauchen für ihr Wohlbefinden reines, frisches Wasser.
Das Tränken aus dem Eimer ist zwar kraft-und zeitaufwendig, aber auf
diese Weise kann man kontrollieren, wie viel das Pferd trinkt, und
außerdem ist das Wasser unter Umständen sauberer als in einer
ungepflegten Selbsttränke.
Kranke Pferde sollte man auf jeden Fall aus dem Eimer tränken, damit
eine Rückinfektion durch die Selbsttränke verhindert wird. Ideal wäre
ein Brunnen am Stall, zu dem die Pferde zum Trinken geführt werden.
Das wäre auch eine zusätzliche Gelegenheit für das Pferd, die Box hin
und wieder zu verlassen.
FUTTER
Pferde fressen in der Freiheit ständig kleine Mengen leicht verdaulichen Futters. Daher haben sie einen kleinen Magen und einen empfindlichen Darm.
Im Stall erhalten sie Futter konzentriert in Form von Hafer oder einem
Gemisch aus Hafer und Mischfutter (Kraftfutter). Das Volumen des
Futters wird durch Heufütterung (Raufutter) erzielt.
Selbstverständlich darf nur allerbestes Heu verwendet werden. Es
sollte gut aufgeschüttelt und leicht angefeuchtet gereicht werden, da
es dann weniger staubt und die meisten Pferde ohnehin lieber
feuchtes Futter mögen, schließlich ist Gras auch stark wasserhaltig.
Die Pferde müssen so oft wie möglich gefüttert werden. Mindestens
aber dreimal täglich zu festgesetzten Zeiten. Das ist für die Gesundheit des Magen-Darm-Traktes von großer Bedeutung. Während der
Futterzeit hat Ruhe im Stall zu herrschen. Nach dem Füttern den
Pferden mindestens eine Stunde Zeit zum Verdauen lassen, bevor
man reitet.
Die Fütterungsmenge richtet sich nach dem individuellen Bedarf des
einzelnen Tieres.
Wichtig
Nicht zu viel Kraftfutter geben, wenn das Pferd nicht bewegt werden
kann. Es besteht die Gefahr von Hufrehe oder Kreuzverschlag.
Pferde, die stehen müssen, sind zufriedener, wenn sie mehr Heu
bekommen, dann sind sie nämlich beschäftigt.
Weidepferde
Weidepferde erhalten Zusatzfutter in Form von Kraftfutter oder Heu,
wenn die Weide nicht ausreicht oder wenn sie regelmäßig arbeiten
müssen.
Salzlecksteine
Salzlecksteine sind sowohl für Stall- als auch für Weidepferde wichtig,
da sie den Mineralhaushalt des Körpers ergänzen.
Zusatzfutter
Leckerbissen in Form von Brot, Obst, Möhren, ab und zu ein Ei und
Vitaminwürfel (statt Zucker) sind eine willkommene Abwechslung und
Ergänzung. Aber das Pferd ist kein Mülleimer. Schimmeliges Futter
macht krank! Kein geschnittenes Rasengras füttern! Ab und zu kann
man Birken-, Buchen-, Ebereschen-, Eichen-, Fichten-, Rosskastanien- oder Tannenzweig zum Knabbern geben, weil darin ätherische
Öle, Bitter- und Gerbstoffe enthalten sind. Vorsicht mit giftigen
Pflanzen! Keine plötzlichen Futterveränderungen, aber eine kleine
Abwechslung ist auch für Pferde appetitanregend.
Mash
Einmal in der Woche sollte auch ein Pferd eine warme Mahlzeit bekommen, das können wir ruhig den Engländern nachmachen.
Rezept für Mash
Eine große Tasse Leinsamen wird in reichlich Wasser eingeweicht, 24
Stunden stehen lassen. Danach aufkochen. Vorsicht, es brennt leicht
an. Sobald sich die erste Blase zeigt, etwas kaltes Wasser zufügen
und das Ganze nochmals aufkochen. Anschließend wird es mit Kleie,
etwas Hafer und eventuell ein wenig warmen Wasser zu einem dicken
Brei aufgerührt. Warm füttern.
Futterverweigerung
Jede Art von Unbehagen wird von sensiblen Pferden durch Ablehnen
des Futters angezeigt, z. B. psychische Unruhe, physische Überforderung, fieberhafte Erkrankungen, Zahnerkrankungen. Wenn selbst
Mash, Kleie in Wasser angerührt, Leckerbissen, Möhren oder Äpfel
nicht aufgenommen werden, sollte man den Tierarzt rufen.
Gefahren in der Umwelt
Wenn ich früher lange Ritte machte, war es selbstverständlich, dass
ich mein Pferd während der Rast am Weg- oder Wiesenrand grasen
ließ. Heute kann man das nicht mehr so ohne Weiteres riskieren. In
den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sind Gefahren entstanden, die
es früher nicht gab und die sich laufend steigern. Ich meine den sich
ständig ausweitenden Einsatz von chemischen Giften in der Natur, ob
es sich nun um Insekten- oder Unkrautvernichtungsmittel handelt. Wo
früher der Wegrand, der Graben ausgemäht wurde, wird heute rasch
eine Chemikalie versprüht. Das ist natürlich sehr viel einfacher, doch
für die Tiere, die vom frisch besprühten Gras naschen, eine große
Gefahr. Eine in den letzten Jahren rapide angestiegene Gefahr ist die
sich ständig weiter ausbreitende Tollwut. Kein Weidepferd ist vor einer
Begegnung mit einem tollwütigen Wildtier sicher, darum müssen alle
auf Weide gehender Pferde jährlich gegen Tollwut geimpft werden.
Noch eine sehr erhebliche Gefahr sei hier angeprangert, die Infektion
mit Wundstarrkrampf. Eine kleine Verletzung, wie sie sich besonders
Weidepferde leicht zuziehen, ebenso eine Vernagelung beim Beschlagen genügt, um diese fast immer tödliche Erkrankung hervorzurufen. Auch hier ist eine vorbeugende Impfung möglich. Macht der
Pferdebesitzer davon keinen Gebrauch handelt er grob fahrlässig.
Dass Weiden in der Nähe vielbefahrener Autostraßen einen gefährlich
hohen Bleigehalt aufweisen, ist bekannt.
Auch die modernen Fliegenbekämpfungsmittel scheinen mir nicht
ganz so harmlos zu sein, wie sie hingestellt werden. Allergien gegen
die darin enthaltenen Stoffe kommen sicher nicht nur bei uns Menschen vor. Husten oder Atembeschwerden bei Pferden, in deren Stall
solche Fliegenstrips hängen, können durchaus darauf zurückzuführen
sein. Man sollte in so einem Fall immer sofort die Strips entfernen und
beobachten, ob der Zustand der Pferde sich dann bessert.
Vor den giftigen Pflanzen, die die Natur in reichem Maß wachsen
lässt, warnt die Tiere im allgemeinen ihr Instinkt. Aber leider nicht
immer. So kommt es hin und wieder vor, dass ein Pferd an dem
hochgiftigen Taxus knabbert und elend eingeht. Man sollte genau
darauf achten, dass Pferde auf keinen Fall in die Nähe von Taxus
kommen.
Futterkrippe!
Es ist vielleicht auch noch ganz interessant, einige der giftigen
Pflanzen zu kennen, um sein Pferd davon fernhalten zu können. Den
hochgiftigen Taxus habe ich schon erwähnt, nicht minder gefährlich
sind die folgenden verbreiteten Pflanzen: Eibe, Christrose, Wolfsmilch, Lebensbaum, Hahnenfuß, Herbstzeitlose, Buchsbaum,
Fingerhut, Schierling, Goldregen, Ginster, Akelei, Schachtelhalm
(alle Arten), Seidelbast, Tollkirschen, Sumpfdotterblumen.
Dies ist nur eine kleine Auswahl, um einen ungefähren Überblick zu
geben.
Bei unerklärlichen Krankheitssymptomen von Tieren, die auf solchen
Koppeln grasen, sollte man auch die Möglichkeit einer Bleivergiftung
erwägen.
Umweltgefahren hat es immer gegeben, aber sie waren früher natürlicher Art, während man jetzt alle jene Bedrohungen einbeziehen
muss, die eine Begleiterscheinung der auf anderen Gebieten nützlichen chemischen Mittel sind. Daran muss jeder Reiter denken und
darauf achten, dass sein Pferd nur dort grast, wo ihm das Grün mit
Sicherheit keinen Schaden bringen kann.
Sehr gefährlich ist es auch, dem Pferd das kurze Rasengras vorzusetzen. Die kurzen Halme werden einfach verschluckt und können so
zu schweren Koliken führen. Was der Rasenmäher mäht, gehört auf
keinen Fall in die Futterkrippe.
Einige interessante Rassepferde
VOLLBLUT
Arabisches Vollblut OX
Basis für die Zucht der Wüstenpferde waren die edlen orientalischen
Rassen, die es in Kleinasien schon seit Langem gab. Sie müssen in
der lebensfeindlichen Wüste unvorstellbar harten Auslesebedingungen unterworfen gewesen sein. Überleben und sich fortpflanzen
konnte nur das Beste, Zäheste, Anspruchsloseste. Mohammed legte
den Grundstein für die Zucht des Wüstenarabers, weil er erkannt
hatte, dass es der Kraft und Schnelligkeit einer schlagkräftigen Reiterei bedurfte, um Allahs Wort über Arabiens Grenzen hinaus zu verbreiten. Die Lebensbedingungen der Beduinen waren erbarmungslos
hart, sie hatten schon Mühe, für sich selbst, ihre Ziegen und Dromedare genügend Nahrung und vor allem Wasser zu finden. Wie sollten
sie in dieser Umwelt noch die wesentlich anspruchsvolleren Pferde
halten und züchten! Aber der Prophet machte seinen Anhängern klar,
dass die Zucht edler, harter Pferde religiöse Pflicht wäre. Er versprach
jedem, der einen reinblütigen Araber besaß, alle Wonnen des Paradieses und erreichte tatsächlich, dass die Pferde das höchste Gut der
Beduinen wurden. Es waren also reine Expansionsgelüste, denen wir
die Entstehung des Vollblutarabers verdanken.
Seine erstaunliche Zuchtkonsistenz hat ihn zum Veredelungsfaktor für
die meisten Warmblut-Pferderassen der Welt, viele Ponyrassen und
sogar einige Kaltblutrassen werden lassen. Darüber hinaus stellte er,
mit dem Berber, die Stammväter des Englischen Vollblüters.
In seiner eigentlichen Heimat Arabien besteht nur noch geringes Interesse an seiner Zucht. Ägypten hat das wertvolle Erbe übernommen, im staatlichen Gestüt El Zaraah bei Kairo wurzelt heute die Zucht
des reinblütigen Originalarabers.
Exterieur:
Trockener, wohlgeformter, leichter Kopf mit breiter Stirn, harmonisch
in allen Linien, nach unten stark verjüngt mit Einsenkung des Nasenbeins Araberknick, aber auch mit gerader Profillinie. Feine, sichelförmig nach innen geschwungene Ohren, die sich fast berühren.
Große dunkle Augen, die weit auseinanderstehen. Sehr große,
dünnhäutige Nüstern. Schön gebogener, langer Hals, der nie massig
sein darf. Breite Brust, hoher Widerrist, kurzer Rücken mit waagerechter Kruppe, die möglichst lang sein soll. Der hoch angesetzte
Schweif soll hochgetragen werden und seidig-weiches Haar haben.
Sehnige, trockene Gliedmaßen mit kurzen Röhren, mittellangen
Fesseln und runden, kleinen, harten Hufen. Die Beinstellung ist nicht
immer ideal. Araber haben dadurch leicht einen bügelnden Gang. Das
Körperhaar ist besonders fein und seidig, auffallend die langen
Wimpern an den Augen.
Größe: zwischen 145 cm und 160 cm Stockmaß. Die in Polen und
Ungarn gezüchteten Araber sind meist etwas größer und stärker als
die aus ihrer Urheimat kommenden Wüstenaraber. Farbe: sehr viel
Schimmel, aber auch Füchse, Rappen, Braune.
Verwendung: ein hervorragendes Freizeitpferd für alle, die mit einem
sensiblen Pferd umgehen können. Denn obwohl der Araber einen
sehr sanftmütigen Charakter hat und besonders zutraulich werden
kann, besitzt er viel Feuer und kann bei falscher Behandlung genauso
verdorben werden wie jedes andere edle Pferd. Dank seiner großen
Ausdauer ein idealer Partner für Wander- und Distanzritte. Auch als
Wagenpferd bestens geeignet, aber nicht für den großen Turniersport,
dafür ist er zu klein.
Der Araber wird noch heute in aller Welt gezüchtet.
Englisches Vollblut XX
In knapp 200 Jahren schufen die Engländer eine Pferderasse, die es
an Zuchtkonstanz mit dem arabischen Vollblut aufnehmen kann und
ebenso wie dieses zur Veredelung vieler Halbblutrassen herange-
zogen wurde und wird, den Englischen Vollblüter. Stammväter dieser
Rassen sind orientalische Hengste, darunter zumindest ein reiner
Araber, der nach seinem Besitzer Darley Arabian benannt wurde und
in den Pedigrees der Vollblüter dominiert. Stuten der heimischen
Landschläge, vermutlich auch Ponystuten und aus dem Orient eingeführte Stuten, bildeten die Basis. Eine strenge Selektion nur nach
Leistung fand statt. Ein Rennpferd muss nicht schön sein, es muss
Härte besitzen, mutig und möglichst schneller als alle anderen sein.
1793 wurde das General Stud Book (GSB) zum ersten Mal von James
Weatherby zusammengestellt, und seitdem sind im GSB die Namen
aller Vollblutpferde verzeichnet, deren Abstammung auf im GSB
aufgenommene Eltern zurückgeht. Nur diese Vollblüter können an
den Zuchtrennen des Galoppsports teilnehmen.
Schon im jugendlichen Alter von zwei Jahren wird ein Vollblüter in die
Pflicht genommen und absolviert Rennen. Mit drei Jahren bestreiten
dann die Besten das wichtigste Rennen im Vollblutsport, das Derby.
Der Derbysieger ist die absolute Spitze im Leben eines Vollblüters.
Ein paar Minuten und Bruchteile von Sekunden entscheiden über
Hunderttausende von Euro. Der Wert eines Derbysiegers schlägt sich
z. B. in der Höhe der Decktaxe nieder, wenn es ein Hengst, im Wert
der Fohlen, wenn es eine Stute ist. Es wäre aber ganz verfehlt, in der
Vollblutzucht eine Goldgrube zu sehen, das Gegenteil ist der Fall.
Vollblutzucht und Rennsport kosten in erster Linie Geld, viel Geld.
England ist die Nabelschnur aller Vollblüter. Mögen sie auch in
Frankreich, Italien, Deutschland oder wo immer gezüchtet werden,
alle Pferde, die hinter ihrem Namen das doppelte XX haben, stammen
vom Englischen Vollblut ab, daran führt kein Weg vorbei.
Der Englische Vollblüter ist aber nicht nur eine Rennmaschine. Größer
als der Vollblutaraber, stellt er auch im Turniersport, selbst im harten
Springsport seinen Mann. Häufiger noch sieht man Vollblüter in der
Dressur. Aber auch als Jagdpferd und in Vielseitigkeitsprüfungen, die
mit das Härteste sind, was Sportpferde zu leisten haben, findet man
Vollblüter.
Exterieur:
Da rein auf Leistung gezüchtet, uneinheitlich im Typ. Neben bildschönen gibt es geradezu hässlich wirkende Vollblüter, aber das ist
eben keine Rasse, bei der Schönheit eine Rolle spielt.
Gewünscht ist ein trockener, edler Kopf mit großen, klugen Augen und
weiten Nüstern. Der Hals soll schön angesetzt und lang sein, doch
kommen sogenannte Hirschhälse häufig vor, die zwar im Reitsport unerwünscht sind, im Rennsport jedoch keine Rolle spielen.
Hoher Widerrist, lange, schräge Schulter, elastischer, gut bemuskelter
Rücken mit kräftiger Nierenpartie und lange, stark bemuskelte Kruppe
muss der Vollblüter ebenso haben wie einen tiefen Brustkorb, der viel
Platz für Herz und Lungen hat. Die Gliedmaßen sollen muskulös mit
klaren Sehnen sein und kräftige Sprunggelenke haben. Die dünn behaarte, sehr feine Haut lässt das Adergeflecht deutlich sichtbar werden. Größe: 160 cm bis 165 cm Stockmaß, auch darüber. Farbe: alle
Farben. Verwendung: Außer im Rennsport für alle Zwecke des Turniersports geeignet, kein Freizeitpferd im Sinne gemütlichen Bummelns. Der Vollblüter mit seinem sprühenden Temperament braucht
einen erfahrenen Reiter, der mit so feinnervigen Pferden umzugehen
versteht.
Anglo-Araber
Aus den beiden leistungsfähigen Vollblutrassen, Araber und Engländer, formte man ein Pferd, das Schönheit und Sanftheit des Arabers mit dem größeren Rahmen und dem Gangwerk des Engländers
verbindet, den Anglo-Araber. Da nun aber außer Vollblut-Arabern
auch Halbblütige zur Zucht genommen werden dürfen, ist eine Un-
terscheidung zwischen Vollblut- und Halbblut-anglo-Arabern nötig.
Beide müssen mindestens fünfundzwanzig Prozent arabisches Blut
führen, der Vollblüter hat selbstverständlich zu hundert Prozent eingetragene Vollblut-Ahnen und ist an dem X hinter seinem Namen
erkenntlich.
Exterieur:
Sehr nobles Pferd, oft im großen Rahmen mit edlem Kopf, schön
aufgesetztem Hals, langer, schräger Schulter und trockenen Beinen.
Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: alle Farben. Verwendung:
hervorragendes Sportpferd, oft mit sehr großer Veranlagung zum
Springen. Auch als Freizeitpferd geeignet, aber nur für erfahrene
Reiter,
die
mit
Blutpferden
umzugehen
wissen.
Der
Halb-
blut-anglo-Araber hat im allgemeinen nicht ganz so viel Temperament.
TRABER
In vielen Ländern werden Traber gezüchtet, ohne dass diese zum
Halbblut gehörende Rasse einem Land speziell zugeordnet werden
könnte: Der Traber ist international.
Am Beginn seiner Entwicklungsgeschichte stand der Wunsch nach
besonders schnell und ausdauernd trabenden Kutschpferden, der in
England mit dem Norfolk-Trotter oder Hackney, in Russland mit dem
Orlow-Traber Erfüllung fand. Von da bis zum rein auf Leistung gezüchteten Rennpferd war es nicht mehr weit.
Gegenüber dem ebenfalls nur auf Leistung gezüchteten Vollblüter
besteht der Unterschied, dass die Leistung im Trab und nicht im Galopp erbracht werden muss.
Zu Hochburgen der Traberzucht entwickelten sich Frankreich und
Amerika. In Deutschland baute man erst auf den Orlow-Traber, importierte dann aber bestes amerikanisches Zuchtmaterial und verstand es, den Trabersport zu einem Volkssport zu machen. Hamburg,
München und Berlin sind Zentren des Trabersports.
Exterieur:
Uneinheitlich im Typ, da nur auf Leistung gezüchtet wird. Manchmal
etwas grober Kopf mit großen, lebhaften Augen. Tief angesetzter
Hals, manchmal etwas kurz. Lange, gut bemuskelte Schulter, weicher
Rücken und kurze, runde, muskulöse Kruppe.
Sehr harte Beine mit kurzen Röhren und tiefsitzendem Sprunggelenk,
steile Fesselung, harte, kleine Hufe. Größe: 155 cm bis 165 cm und
darüber. Farbe: überwiegend Braune, aber auch Rappen, Füchse,
Schimmel. Verwendung: Spezialrasse für den Rennsport, aber auch
gutes Sport- und Freizeitpferd von lebhaftem, aber meist gutartigem
Temperament. Als Kutschpferd sehr geeignet.
Trakehner
Das in Ostpreußen gezüchtete Warmblutpferd ist nie in erster Linie ein
Wirtschaftspferd gewesen wie die im Norden und Süden Deutschlands gezüchteten Rassen. Zwar wurde auch der Trakehner zu jeglicher Arbeit in der Landwirtschaft eingespannt, aber Zuchtziel war das
harte, edle, leichte Reitpferd, wie die Kavallerie es bis in unser Jahrhundert hinein in großer Zahl brauchte.
Das Zuchtvolumen in Ostpreußen war größer als in allen anderen
deutschen Pferdezuchtgebieten und umfasste bis zu 60000 Zuchtstuten, eine fast unvorstellbare Zahl! Ebenso unvorstellbar aber, dass
davon nur einige Hundert übrigblieben, dass der Zusammenbruch
1945 fast das Ende dieser edlen Pferde gebracht hätte. Etwa 800
Stuten und rund 40 Hengste überstanden die enormen Strapazen des
mörderischen Flüchtlings-Trecks und wurden verstreut in ganz
Westdeutschland untergebracht.
Aber sehr bald fanden sich engagierte Freunde dieser Rasse, sie
gründeten den Verband der Züchter und Freunde des Warmblutpferdes Trakehner.
BERBER
Zu den ältesten Pferderassen gehört der in Nordafrika beheimatete
Berber. Zwei Jahrtausende hindurch trug er vor allem Krieger auf
seinem Rücken. In vielen Eigenschaften dem Araber ähnlich, unterscheidet er sich äußerlich doch von seinem Wüstenbruder. Aber wie
der Araber hat auch der Berber maßgebend an der Entstehung des
Englischen Vollbluts mitgewirkt. Während der Araber sich jedoch fast
die ganze Welt erobert hat, sieht man den Berber außerhalb seiner
Heimat kaum.
Exterieur:
Kräftiger, trockener Kopf, manchmal Rammsnase, kräftiger Hals,
kurzer Rücken mit abfallender Kruppe und tief angesetztem Schweif.
Kräftige, trockene und gut bemuskelte Gliedmaßen. Größe: um
150 cm Stockmaß, nur selten größer. Farbe: viel Schimmel, aber auch
andere Farben. Charakter: feuriges Temperament, aber gutartig.
Verwendung: stets nur als Reitpferd verwendet, schnell und ausdauernd. Als Freizeitpferd durchaus geeignet. Diese Eignung könnte dem
Berber zu einer größeren Verbreitung außerhalb seiner heimatlichen
Grenzen verhelfen.
Zähigkeit und Ausdauer machen ihn zu einem idealen Pferd für
Wanderritte, und obwohl er nur wenige Zentimeter über Ponymaße
groß wird, ist er durchaus in der Lage, auch schwerere Reiter zu
tragen.
Hannoveraner
Nicht umsonst hat Niedersachsen ein springendes Pferd im Wappen.
Pferde spielten und spielen in diesem Bundesland eine große Rolle.
1888 wurde das Hannoversche Stutenbuch gegründet. 1922 wurden
seine Aufgaben vom Provinzialverband hannoverscher Pferdezüchter
übernommen. Die Hengsthaltung liegt fast ausschließlich in staatli-
cher Hand. Die Hengste werden einer monatelangen Leistungsprüfung unterzogen, bevor sie zum Deckeinsatz kommen.
Neben den selbstverständlichen rein körperlichen Leistungen wird
größter Wert auf das Wesen gelegt. Temperament, Charakter, Leistungswille, alles wird beurteilt. Der Hannoveraner soll nicht nur ein
hervorragendes Sportpferd sein, sondern auch dem Freizeitreiter ein
angenehmer, braver Partner.
Da auch der Hannoveraner heute nicht mehr allzu mächtig gewünscht
wird, ist der Vollblutanteil in der Zucht wieder etwas angestiegen, vor
allem aber haben sich Trakehner Hengste auch in der hannoverschen
Zucht bewährt. Das Warmblutpferd hannoverscher Prägung hat bedeutende Nachzuchtgebiete in Deutschland. Auf rein hannoverscher
Grundlage züchtet man in Bayern ein Warmblutpferd. Der Westfale ist
im Grunde ebenfalls ein Hannoveraner, wenn auch mit eigenem
Stutbuch und eigenem Landgestüt.
Exterieur:
Der Kopf wirkt manchmal etwas schwer, ist aber trotzdem edel. Gut
angesetzter, langer Hals, tiefe Brust lange, schräge Schulter und
ausgeprägter Widerrist, der eine gute Sattellage verbürgt. Gut
bemuskelter, verhältnismäßig langer Rücken mit langer, leicht abfallender Kruppe und schön getragenem Schweif. Kräftige Gliedmaßen
mit trockenen Sehnen und massiven Sprunggelenken, kräftigen Hufen. Die in puncto Bodenverhältnisse recht unterschiedlichen Aufzuchtgebiete des Hannoveraners bedingen auch eine relativ große
Bandbreite im Typ.
Es gibt ausgesprochen starke Gewichtsträger mit großem Springvermögen und ausgesprochen edle, leichtgewichtigere Hannoveraner, die im Dressursport und für den Freizeitreiter besonders geeignet
sind. Farben: sehr viel Braune und Füchse, aber auch Rappen und
Schimmel aller Schattierungen. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß.
Verwendung: für alle Zwecke des Reit- und Fahrsports. Im Springsport stehen Hannoveraner in Europa sowohl der Quantität als der
Qualität nach an der Spitze der Turnierpferde.
Westfale
Wie das Nachbarland Hannover hat auch Westfalen ein springendes
Ross im Wappen, hier wie dort hat die Pferdezucht eine alte Tradition
und große Bedeutung. 1826 wurde das Landgestüt Warendorf gegründet, im März 1904 in Münster das Westfälische Pferdestammbuch e. V. angelegt. Anfangs wurde der Westfale auf Oldenburger
Basis gezüchtet, auch Anglo-Normänner fanden in der Zucht Verwendung. Aber seit 1920 ist die westfälische Warmblutzucht auf
hannoverscher Grundlage aufgebaut, das Zuchtziel ein charakterlich
einwandfreies, großrahmiges Reitpferd von ruhigem Temperament,
das sowohl für den Turniersport als auch für den Freizeitreiter geeignet ist. Aus dem westfälischen Zuchtgebiet sind in den letzten
Jahren hervorragende Springpferde gekommen, eine nie zu unterschätzende Reklame für eine Pferderasse.
Auch in der wohl schwierigsten Disziplin des Reitsports, der Vielseitigkeitsprüfung oder Military, beweisen Pferde aus dem Westfalenland
ihre hohen Qualitäten. Anziehungspunkt für Tausende von Pferdefreunden ist alljährlich die Hengstschau in Warendorf. Nach Hannover
verfügt Westfalen über die größte Zahl eingetragener Stuten.
Exterieur:
Edler Kopf, langer, gut aufgesetzter Hals, lange, schräge Schulter,
ausgeprägter Widerrist. Gut bemuskelter Rücken, lange, muskulöse
Kruppe. Kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und massiven
Gelenken. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß. Farbe: alle Farben.
Verwendung: Sport- und Freizeitpferd für alle Zwecke.
Holsteiner
Auf den fetten Weiden der Marschen ebenso wie auf den kargeren
Gründen der Geest wuchsen schon im Mittelalter hervorragende
Pferde heran. Holsteiner Herzöge, dänische Könige und nicht zuletzt
die Klöster waren Förderer der Pferdezucht zu Zwecken der Bodenbearbeitung wie für Kriegsnöte, wie es in einer alten Chronik heißt.
Hengste aus Andalusien brachten dem Holsteiner das stolze Gepräge, den hohen Aufsatz, die erhabene Knieaktion. Holsteiner
Hengste waren begehrt, wurden nicht nur Stammväter der hannoverschen Zucht, sondern auch in Oldenburg, Mecklenburg, Westfalen
eingesetzt. Aber eine Festigung des Typs brachte erst die Nachzucht
von Yorkshire Coach-Hengsten, die im vorigen Jahrhundert aus
England eingeführt wurden.
In der »preußischen Zeit Holsteins wurde 1867 das Landgestüt Traventhal gegründet. 1891 schlossen sich die Züchter des Marschlandes zusammen. 1896 gründeten auch die Züchter der Geestlande
einen Verband … und 1935 taten sich beide zum Wohle der Zucht
zum Verband der Züchter des Holsteiner Pferdes zusammen.
Von erheblicher Bedeutung war die Gründung der Reit- und Fahrschule Elmshorn im Jahr 1894. Ihr Ziel war und ist auch heute noch:
Ausbildung der Züchterjugend, Herausbringen bestens vorbereiteter
Pferde für den Sport, erfolgreiche Werbung für das Holsteiner Pferd.
1960 musste das Landgestüt Traventhal geschlossen werden, die
Zahl der Stutenbedeckungen war rapid zurückgegangen. Der Züchterverband übernahm den Beschälerbestand. Das Zuchtziel des
Verbandes: Produktion eines marktgängigen Pferdes mit den Vor-
zügen eines Reitpferdes für jeden Gebrauch, bei Beibehaltung der
unabdingbaren Eigenschaften eines Wirtschaftspferdes.
Bei der auch in der Holsteiner Zucht angestrebten Veränderung zum
marktgängigen, also edleren Typ verwendet man vor allem Vollbluthengste mit Steeplereigenschaften, damit das gewaltige Springvermögen der Holsteiner keine Einbuße erleidet. So entstand ein dem
englischen und irischen Hunter adäquates, zwar immer noch starkes,
aber dabei edles Pferd, das im Großen Springsport ebenso gefragt ist
wie im Fahrsport. Holsteiner Gespanne haben die Nase bei allen
Gespannprüfungen vorn. Das Zuchtvolumen Holsteins ist wesentlich
geringer als das in Hannover oder Westfalen, trotzdem finden sich im
Turniersport fast ebenso viele Holsteiner wie Hannoveraner.
Man kann einen Streifzug durch die Holsteiner Pferdezucht nicht
beenden, ohne des berühmtesten vierbeinigen Holsteiners zu gedenken. Fritz Thiedemanns Meteor war unter den vielen guten
Springpferden Holsteins Bester der Besten, ein Ausnahmepferd, das
jahrelang auf allen großen Turnierplätzen bekannt und erfolgreich
gewesen ist.
Meteor setzte man ein Denkmal; es ist vor der Reit- und Fahrschule
Elmshorn aufgestellt.
Exterieur:
Ausdrucksvoller, manchmal etwas schwerer Kopf mit Rammsnase.
Gut angesetzter, schön getragener Hals, gut gelagerte Schulter, tiefe
und breite Brust, kräftiger, oft etwas langer Rücken mit muskulöser
Nierenpartie und gut bemuskelter Kruppe. Korrekt gestellte Gliedmaßen mit klaren Sehnen und Gelenken. Im Urtyp ein starkknochiges,
großes Pferd mit raumgreifendem Galopp und gewaltigem Springvermögen, im heutigen Typ etwas edler.
Farbe: überwiegend Braune von Hell- bis Schwarzbraun, selten
Füchse und Schimmel. Größe: 165 cm bis 175 cm Stockmaß. Charakter: gutes, oft lebhaftes Temperament. Verwendung: ein Allroundpferd zum Reiten und Fahren mit spezieller Begabung zum Springen.
Oldenburger
Schon vor 300 Jahren praktizierte Graf Anton Günther, Regent von
Oldenburg, ein Verfahren in der Landes Pferdezucht, das man nur als
vorbildlich bezeichnen kann, und das entsprechenden Erfolg hatte.
Die Bauern erhielten aus seinen Gestüten nicht nur gute Stuten zugeteilt, er stellte für sie dann auch seine Gestüthengste zur Verfügung.
Der gewünschte Pferdetyp jener Zeit war ein Karossier mit viel Aufsatz
und hohem Kniebug. Man könnte sagen, der hoch trabende Oldenburger Karossier war der Mercedes 600 jener Zeit. Aber die Zeiten
ändern sich. Kutschpferde sind nur selten gefragt, schwere Reitpferde
erst recht.
So stand auch die Oldenburger Pferdezucht vor dem Problem, den
Oldenburger zu einem leichteren Sportpferd um zu züchten, ohne die
solide Grundlage des verhältnismäßig kleinen Stutenstammes zu
zerstören. Die Umzüchtung zum edlen Sportpferd ist voll gelungen,
ohne dass das leichtere Kaliber dem Oldenburger die stolze Haltung,
die Energie im Gang genommen hätte.
Exterieur:
Feiner, edler Kopf, hoch aufgesetzter Hals, gut gelagerte, lange
Schulter, ausgeprägter Widerrist, nicht zu langer, kräftiger Rücken
und gut bemuskelte Kruppe. Korrekt gestellte Gliedmaßen, trocken
und muskulös mit kräftigen Gelenken. Farbe: braune, Rappen, seltener Schimmel und Füchse. Größe: ideal 165 cm, Streuung nach
oben und unten von etwa 5 cm.
Charakter: ruhiges, angenehmes Temperament. Verwendung: Sportund Freizeitpferd, auch als Kutschpferd immer noch mit hervorragenden Leistungen. Als Militarypferd sehr gefragt.
Ostfriese
Den eigentlichen alten Ostfriesen gibt es nicht mehr. Er war ein
schwerer Warmblüter, hart an der Grenze zum Kaltblut stehend, aber
mit viel Gang und Nerv: ein vorzügliches Kutsch- und Wirtschaftspferd, im Mittelalter ein beliebtes und bekanntes Ritterpferd. Später
wurden bereits leichte, edle Hengste eingekreuzt, die nicht immer das
gewünschte Resultat brachten. Vor rund sechzig Jahren stellte man
Vollblut-Araber auf. So hat man sich dazu entschlossen, den Ostfriesen dem Hannoveraner anzugleichen, um das gewünschte Sportpferd im großen Rahmen mit genügend Adel und Schwung anbieten
zu können. Nicht nur im Pferdetyp sucht man sich hannoverisch zu
orientieren, das Ostfriesische Stutbuch hat sich dem Verband hannoverscher Warmblutzüchter angeschlossen, und es werden nur noch
Hengste gekört, die arabischer, hannoverscher oder ostpreußischer
Abstammung sind.
Exterieur:
Edler, auffallend kleiner Kopf, häufig mit Rammsnase, schön angesetzter, mächtiger Hals, tiefer, breiter Rumpf mit gerader, gut
bemuskelter Kruppe, gut gelagerte Schulter, wenig Widerrist, kurze
kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und starken Gelenken.
Farbe: viel Füchse, aber auch Braune, Rappen, bei Friesenarabern
viel Schimmel. Größe: Friesenaraber.
Württemberger
Der Württemberger war ehemals ein| nahe am Kaltblut stehendes,
kräftigest Wirtschaftspferd, wie die Bauern des| Landes es brauchten:
solide, zuverlässig, gutartig, sicher im Zug. Aber was über Jahrhun-
derte hinweg gut und richtig war, hatte plötzlich keinen Wert mehr.
Sollte die Zucht des Württemberger Warmbluts weiterbestehen,
musste auch hier der große Umbruch erfolgen.
Der Württemberger von heute ist ein Pferd, das es an Eleganz und
Schönheit mit den gestandenen Reitpferdrassen aufnehmen kann und
dabei Zuverlässigkeit und guten Charakter des alten Typs behalten
hat. So ist auf dem Boden des über vierhundert Jahre bestehenden
und damit ältesten deutschen Gestüts Marbach eine alte Pferderasse
in neuem Glanz erstanden.
Exterieur:
Edler Kopf, schön angesetzter Hals, tiefe Brust, ausgeprägter Widerrist, gut bemuskelter, nicht zu langer Rücken und breite, muskulöse
Kruppe. Schräge Schulter, kräftiges Fundament mit korrekter Beinstellung, harte Hufe. Farbe: Braune, Füchse, Rappen, selten
Schimmel. Größe: 160 cm bis 165 cm und darüber. Verwendung:
vielseitig verwendbares Sportpferd mit gutem Charakter.
Hessisches Warmblut
Obwohl nicht so bekannt wie Hannoveraner, Holsteiner oder Trakehner, gehört der Hesse zur ersten Klasse unserer Warmblutzuchten. Wurde früher der etwas schwere Typ bevorzugt, ist der Hessische
Warmblüter heute eleganter geworden. Neben Hannoveranern wur-
den auch Trakehner Hengste eingesetzt, sodass der überall gewünschte Sportpferd-Typ auch vom Hessen verkörpert wird. Hessen
ist wie Westfalen und Hannover ein Pferdeland und hat einen sehr
großen Stutenbestand.
Exterieur:
Wie der Hannoveraner ein Warmblüter, der von Leicht- bis Schwergewicht jeden Reiter zu tragen vermag. Ein elegantes Pferd mit viel
Temperament, für den großen Sport ebenso geeignet wie für den
Freizeitreiter.
Ein
Hesse
war
sogar
Sieger
des
schweren
Spring-Derbys in Klein-Flottbek: Kosmos unter dem unvergessenen
Hartwig Steenken 1974.
Bayrisches Warmblut
Aus dem urbayrischen Rottaler wurde in Anpassung an das heute
gewünschte Sportpferd das Bayrische Warmblut. Die Zucht ist auf
dem leichteren Typ des Hannoveraners aufgebaut. Auch Englische
Vollblüter und einige Trakehner wurden eingesetzt.
Seit 1963 ist das Bayrische Warmblut als bodenständige Rasse anerkannt, das Zuchtziel ist ein elegantes Warmblutpferd mit raumgreifenden, flachen Gängen, für alle Zwecke des Sports zu verwenden.
Exterieur:
Elegantes Warmblutpferd in großem Rahmen, dem Hannoveraner
ähnlich: Gut angesetzter, langer Hals, tiefe Brust, lange, schräge
Schulter und ausgeprägter Widerrist. Gut bemuskelter, langer Rücken, kräftige Gliedmaßen mit trockenen Sehnen und massiven
Sprunggelenken. Größe: bis 170 cm Stockmaß: Farbe: überwiegend
Braune und Füchse, andere Farben kommen vor. Verwendung: vielseitiges Sportpferd mit gutem Charakter und raumgreifenden, flachen
Gängen.
Brandenburger
1787 wurde das Gestüt Neustadt a. d. Dosse gegründet. Zuchtziel war
ein für alle Zwecke verwendbares Warmblutpferd, schwer genug, um
auch in der Landwirtschaft jede Arbeit ausführen zu können, als
Kutschpferd gängig und ausdauernd, als Reitpferd noch nicht zu
schwer. Nach dem letzten Weltkrieg baute man die Brandenburger
Rasse mit Hannoveranern und einigen ostpreußischen Hengsten
wieder auf, das Zuchtziel ist aber nicht mehr ein schwerer Warmblüter,
sondern der heute überall erwünschte Typ des gängigen Sportpferdes.
Exterieur:
Mittelgroßer Kopf, gut aufgesetzter Hals mittlerer Länge, gerader,
kräftiger Rücken, gut bemuskelte, recht lange Kruppe. Kräftige, trockene Gliedmaßen. Größe: 165 cm Stockmaß, auch weniger oder
mehr. Verwendung: Reit- und Wagenpferd mit ruhigem Temperament.
Farbe: überwiegend Braune.
Cleveland Bay
Der Cleveland-Bay oder Cleveland 1 Brown, wie er seiner ausschließlich braunen Farbe wegen auch genannt wird, ist ein mittel-
schweres Warmblutpferd. Die Geschichte seiner Zucht ist etwa 200
Jahre alt, seine engere Heimat die Grafschaft Yorkshire.
Seine heutige Bedeutung liegt in dem Wert, den er für die Produktion
des Hunters hat. 1884 gründeten die Züchter, die Cleveland Bay
Horse Society, und nur die in ihrem Stutbuch eingetragenen Pferde
gelten als reine Cleveland Bay. Übrigens haben Cleveland
Bay-Hengste in früherer Zeit auch großen Einfluss auf deutsche
Warmblutzuchten gewonnen, so auf die Oldenburger Zucht.
Exterieur:
Etwas langer, aber nicht unedler Kopf, kräftiger, gut getragener Hals,
schräge, lange Schulter, langer, manchmal etwas weicher Rücken,
lange Kruppe. Trockenes Fundament, lange Röhren, breite Sprunggelenke. Farbe: Nur Braune, weiße Abzeichen gelten als fehlerhaft.
Größe: 165 cm bis 170 cm. Verwendung: für alle Zwecke geeignetes
Warmblutpferd mit ruhigem Temperament, großem Spring- und Galoppiervermögen.
Seit alters her besteht die Tradition, dass die Kutschpferde für den
Königlichen Marstall überwiegend Cleveland Bays sind. Das ist aber
nur noch ein freundlicher Nebenzweig der Cleveland-Bay-Zucht.
Hunter
Irische und englische Hunter genießen Weltruf. Sie sind ein Begriff,
aber keine eigene Rasse. Großrahmige Vollblüter, auf der Rennbahn
als Steepler erprobt, sind die Väter. Stuten sehr stabiler Warmblutrassen. In England überwiegend des Cleveland Bay, in Irland vom
Irisch Draught Horse, einem hart am Kaltblüter stehenden Zugpferd,
die Mutter dieser begehrten Jagdpferde mit dem legendären Ruf.
Äußere Schönheit spielt nicht die geringste Rolle bei der Hunterzucht,
-
es gibt ausgesprochen hässliche Pferde unter ihnen, Hauptsache, die
Leistung stimmt.
Eine Exterieurbeschreibung erübrigt sich, da kein einheitliches Rassebild besteht. Gewünschte Merkmale: großrahmiges, muskulöses
Pferd von gedrungenem Bau mit breiter, geräumiger Brust und starken Gliedmaßen. Größe: Wird unterschiedlich angegeben, etwa
160 cm und darüber. Farbe: alle Grundfarben. Einteilung in drei Gewichtsklassen, wobei sich das Gewicht nicht auf das Pferd, sondern
auf den von ihm getragenen Reiter bezieht: Schwergewichts-Hunter,
Mittelgewichts-Hunter, Leichtgewichts-Hunter.
Im Springsport wird heutzutage auch Schnelligkeit verlangt, so dass
Hunter mit hohem Vollblutanteil besonders gesucht sind. Sie können
nicht nur sauber, sondern auch schnell über Hindernisse gehen.
Hackney
Dieser auffallende Traber mit dem hohen Kniebug ist heute ein reines
Schau-Pferd. Seine Ahnen, die Norfolk-Trotter, wurden schon vor
Jahrhunderten von den Farmern der Grafschaften Yorkshire und
Norfolk ihre außerordentlich schnellen und ausdauernden Trabens
wegen als Reit- und Wagenpferde hoch eingeschätzt. 1882 gründete
man in Norwich eine Gesellschaft zur Veröffentlichung eines Stutbuches für den englischen Traber und gab diesem Pferd den Namen
Hackney. Dieser Hackney, in dessen Adern Vollblut, spanisches und
arabisches Blut floss, entwickelte sich zum repräsentativen Kutschpferd der Jahrhundertwende. Die Blütezeit der Hackneyzucht währte
bis zum Ersten Weltkrieg. Als wieder normale Zeiten herrschten,
musste das Kutschpferd seine dominierende Rolle an das Auto abgeben. Das war für den Hackney beinah ein vernichtender Schlag.
Dabei hatten Hackney-Hengste ihre Meriten auch als gute Vererber
bewiesen, der Hackney besitzt nämlich ein sehr gutes Springvermögen. So hatte zum Beispiel die Olympiasiegerin 1936 Tora einen
Hackneyhengst zum Vater. Wenn es nicht immer noch Menschen
gäbe, die ihr Herz an diese Pferde hängen, so wäre der Hackney wohl
schon verschwunden.
Exterieur:
Großer, aber trotzdem edler Kopf, manchmal etwas Rammsnase,
mäßig langer, muskulöser Hals, hoher Widerrist, kräftiger Rücken.
Meist steile Schulter, gerade, manchmal leicht ab fallende Kruppe,
kräftige Gliedmaßen, kurze Röhren, leicht schräge Fesseln, feste,
runde Hufe. Auf einen schön getragenen Schweif wird Wert gelegt.
Farbe: Braune aller Schattierungen, Füchse, Rappen, auffallende
weiße Abzeichen erwünscht.
Größe: 150 cm bis 160 cm. Charakter: sehr temperamentvoll. Verwendung: Wagenpferd mit extrem hohem Kniebug und steppender
Trabaktion. Ein kleiner Bruder ist der Zwerg-Hackney.
Cob
Der Cob ist keine eigenständige Rasse, so wenig wie der Hunter,
spielt aber trotzdem eine große Rolle in der Zucht.
Der Cob soll alles haben, was man von guten Reit-, Spring- und
Wagenpferden erwartet, dabei nicht über höchstens 155 cm Stockmaß hinauswachsen und mit besten Charaktereigenschaften ausgestattet sein. Er muss schwergewichtige Reiter über Hindernisse tragen
können, als Reitpferd einen flachen, raumgreifenden Gang haben und
als Wagenpferd an den hohen Kniebug des Hackney herankommen.
Das alles wird durch entsprechende Kreuzungen z. B. von kräftigen
Ponystuten mit Vollbluthengsten erreicht. Seine geringe Größe macht
den Cob zu einem sowohl für ältere als auch sehr junge Reiter geeigneten Pferd.
Exterieur:
Ein kurzbeiniges, kräftiges Pferd, manchmal etwas derb wirkend, mit
sehr bemuskelter, runder Kruppe. Schulter soll lang und schräg sein,
der Hals ist meist sehr stark, die Brust breit. Die Idealgröße liegt bei
150 cm. Cobs sind hervorragende Freizeitpferde, weil sie vom Pony
die Robustheit mitbringen können und dazu einen liebenswürdigen
Charakter haben. Der einzige zuchtgefestigte Cob ist der Welsh Cob.
Der Cob ist ebenso wie der Welsh-Cob bei uns noch eine Seltenheit.
Als ich einer sehr pferdeerfahrenen Bekannten die Aufnahmen eines
Welsh-Cob- Hengstes zeigte, fragte sie erstaunt: Was ist ein Cob?
Es wäre zu wünschen. dass die in diesem Buch erfolgte Vorstellung
dieses vielseitigen Pferdes ihm auch bei uns zu größerer Verbreitung
verhilft.
Anglo-Normänner
Nimmt man Anglo-Araber und Traber aus, die zwar beide mit Erfolg
auch in Frankreich gezüchtet werden, aber keine französischen
Rassen im engsten Sinn sind, bleibt als Warmblutpferd französischer
Prägung der Anglo-Normanne übrig.
Ob es stimmt, dass die Wurzeln der Rasse bis zu der Zeit der Mauren
und einer armorikanischen Rasse zurückreichen, lässt, sich nicht mit
Sicherheit nachweisen.
Armorika ist die lateinische Bezeichnung für ein Gebiet, zu dem die
Bretagne, die Vendee und die westliche Normandie gehören. Die von
Skandinavien kommenden Normannen setzten sich an der Westküste
Frankreichs fest. Nach einer langen Blütezeit erlebte die Zucht der
Race Normande durch wahllose Einkreuzung von Fremdblut einen
Niedergang, der fast den Untergang der normannischen Pferde gebracht hätte. Frankreich befand sich zu jener Zeit ja allein rund hundert Jahre im Krieg mit England, die ständigen Remontierungen ließen
den Pferdebestand nahezu ausbluten. Erst von 1830 an begann eine
Regeneration. Man führte aus England Vollblüter und Halbblüter ein,
unter anderen den Norfolk-Trotter Young Rattler. Mit ihm begann die
eigentliche Geschichte des Anglo-Normänners. Gleichzeitig wurden
Leistungsprüfungen im Trab für die zur Zucht bestimmten Pferde
eingeführt. Ab 1860 gilt der Anglo-Normanne als gefestigte Rasse.
Der Anglo-Normanne war um die Jahrhundertwende als schnelltrabender Karossier, als Renntraber und auch als Wirtschaftspferd sehr
begehrt.
Der Traber wurde dann als Trotteur Francais sozusagen selbständig,
das Kutsch- und Wirtschaftspferd entwickelte sich zu einem Sportpferd von hohen Graden. Französische Tumierreiter glänzten mit
Anglo-Normannen auf vielen Turnieren. Bisheriger Höhepunkt war der
Olympiasieg von Pierre J. d'Oriola auf dem Anglo-Normannen Lutteur
in Tokio.
Aber die Rasse erwies sich auch für andere Warmblutrassen als
wertvoll, sie stellte vorzügliche Vererber, die die Warmblutzuchten in
Deutschland (Oldenburg. Württemberg, Holstein), Schweiz (Einsiedler. Freiberger). Schweden und Holland stark beeinflussten und noch
beeinflussen. Nicht zu vergessen Ungarn: der Anglo-Normänner Nonius hat dort einer ganzen Rasse seinen Namen gegeben. Hauptzuchtgebiet ist die Normandie mit den Gestüten Le Pin und Saint-Lö.
Exterieur:
Mittelgroßer Kopf, manchmal leichte Rammsnase, verhältnismäßig
große Ohren, langer, muskulöser Hals, gut entwickelter Widerrist,
lange, schräge Schulter. Verhältnismäßig langer Rücken, manchmal
etwas weich, muskulöse, wenig abfallende Kruppe. Kräftige Gliedmaßen mit klaren Gelenken. Feste, manchmal etwas breite Hufe. Der
Anglo-Normanne wird seit 1967 offiziell Seile Francais genannt
(Französisches Reitpferd).
Außer diesem Sportpferdtyp wird in geringer Zahl auch noch der
Cob-Typ als mittelschweres, aber gängiges Wagen- und Wirtschaftspferd gezüchtet. Größe: bis 165 cm Stockmaß; Cob etwa 10 cm.
Farbe: überwiegend Braune und Füchse. Besonders zu beachten ist
die Spätreife der Anglo-Normänner, das bedeutet, sie sind erst mit 6-7
Jahren erst voll belastbar. Charakter: lebhaft, aber gutartig, mit dem
Temperament ausgestattet, das ein gutes Sportpferd laben muss.
Camargue-Pferd
Das Crin Blanc zieht viele begeisterte Touristen in jene provenzalische Landschaft, nach der es genannt wird, die Tamargue.
In dem morastigen Mündungsgebiet der Rhone, das mehr als
7000 km2 umfasst, leben außer zahllosen Mücken und vielen Vogelarten halbwilde kleinwüchsige, schwarze Rinder, von berittenen Hirten
bewacht. Zu dieser nicht ganz ungefährlichen Hütearbeit werden
entsprechende Pferde gebraucht. Sie sind in den ebenfalls halbwild
lebenden, unverwüstlichen Pferden der Camargue sozusagen griffbereit« vorhanden. Die Hirten fangen sich aus der Pferdeschar heraus, was sie brauchen. Um die anderen kümmert man sich kaum, sie
leben weitgehend sich selbst über- lassen. Das Camargue-Pferd besitzt die wachen Instinkte des fast noch wild lebenden Pferdes, hat ein
schnelles Reaktionsvermögen, was bei der Unberechenbarkeit der
Stiere unbedingt nötig ist. Es springt gut und sicher, was in dem unübersichtlichen Sumpfgelände ebenfalls sehr wichtig ist, und hat bei
allem Temperament einen gutartigen Charakter. So lag es nahe, den
vielen Naturfreunden, die alljährlich das sehenswerte Tierreservat im
Süden Frankreichs besichtigen, einen Ritt auf den nur ponygroßen
Camargue-Pferden anzubieten und damit das Interesse von Freizeitreitern auf diese Pferde zu lenken.
Das Crin Blanc soll von dem in der Altsteinzeit lebenden Solutrepferd
abstammen. Orientalisches Blut, Berber und iberische Rassen sind
eingekreuzt worden.
Die Bezeichnung Crin Blanc (Crin = Rosshaar, Mähnenhaar; blanc =
weiß) deutet darauf hin, dass es sich bei den Pferden ganz überwiegend um Schimmel handelt, selten kommen Füchse vor. Es besteht
eine Zuchtorganisation, die Aufzucht erfolgt in halbwilden Herden
(Manades) von je vierzig bis fünfzig Tieren.
Exterieur:
Schwerer, oft rammsnasiger, selten edler Kopf, große Ohren, große,
aufmerksam und klug blickende Augen. Kurzer, gerader Hals, häufig
Hirschhals, flache, breite Brust, wenig Widerrist, muskulöser, kräftiger
Rücken, schmale, kurze, manchmal abfallende Kruppe. Trockene
Gliedmaßen mit guten Gelenken und starken, gesunden Hufen. Sehr
üppiges Mähnen- und Schweifhaar. Größe: 145 cm Stockmaß, selten
mehr. Farbe: ganz überwiegend Schimmel, wenig Füchse. Verwendung: ausdauerndes, hartes Gebrauchspferd für den Spezialeinsatz
als Hirtenpferd. Geduldiges, wenn auch durchaus temperamentvolles
Reitpferd für Erwachsene und Jugendliche. Zuchtgebiet: Rhone-Delta, Südfrankreich.
Niederländisches Warmblut
Mit viel Gespür für die Zeichen der Zeit auf dem Pferdemarkt und
großem Geschick haben es Hollands Pferdezüchter verstanden, ihre
beiden schweren Warmblutrassen, Groninger und Gelderländer,
durch entsprechende Zufuhr leichteren Blutes in gängige Sportpferde
umzuwandeln. Turniergrößen wie Rex the Robber rückten Pferde aus
Holland ins Blickfeld der Reiterwelt. Pferde, die im Typ Schwergewichtshuntern entsprechen, gewaltig springen können und immer
noch, fall erwünscht, hervorragende Kutschpferde abgeben. Der
Groninger alten Schlages ist dabei allerdings fast verschwunden, es
besteht ja auch kaum noch Nachfrage für ausgesprochene Karossiers. Der durch Vollblut und Halbblut veredelte Groninger wurde
wiederum bei den Gelderländern eingesetzt, um ein möglichst einheitliches Pferd im gewünschten Typ des vielseitig verwendbaren
Sportpferdes zu bekommen. Der Gelderländer des alten Typs, den
man auch noch findet, ist ein Wirtschaftspferd, für alle Arbeiten in der
Landwirtschaft geeignet, ein ausgezeichnetes Wagenpferd, aber auch
ein stabiles, gut gehendes Reitpferd. Typisch für ihn ist die Fuchsfarbe
mit vielen weißen Abzeichen. Wenn es auch heute noch die Bezeichnungen Groninger und Gelderländer gibt, so wird es vermutlich in
einiger Zeit nur noch das Niederländische Warmblutpferd geben, denn
das ist die logische Konsequenz aus den erfolgreichen Bemühungen
der Pferdezüchter Hollands, ein modernes Sportpferd zu züchten.
Exterieur:
Edler Kopf, starker, gut aufgesetzter Hals, gut ausgeprägter Widerrist,
breiter, tiefer Rumpf, zwar leichter als der Urtyp, aber immer noch mit
viel Masse. Größe: 160 cm bis 170 cm Stockmaß. Farbe: viel Füchse,
auch Schimmel und Braune. Verwendung: sehr gutes Sportpferd mit
hervorragenden Gängen und Springvermögen. Sehr gutes Wagenpferd. Zuchtgebiet: Niederlande.
Friese
Knochenfunde aus prähistorischer Zeit beweisen, dass in Friesland
schon vor Tausenden von Jahren ziemlich schwere Pferde vorhanden
waren. Dass sie die Vorfahren der Friesen sind, lässt sich zwar vermuten, aber nicht mit Sicherheit behaupten. Der Friese, wie wir ihn
noch heute kennen, ist das Produkt einheimischer Pferde, die mit den
von den Spaniern im 16. Jahrhundert ins Land gebrachten orientalischen Rassen vermischt wurden. Ein recht elegantes Pferd mit hoher
Trabaktion entstand. Als im 17. Jahrhundert Trabrennen eine Art
Volkssport wurden, begann man, den Friesen systematisch zum
Harddraver, zum schnellen Traber, um zu züchten. Auch der Friese
wurde dann von einem derart heftigen Niedergang der Rasse bedroht,
dass er fast verschwunden wäre. Es gab 1910 nur noch drei Beschäler im ganzen Land! Auch in diesem Fall fanden sich in letzter
Minute Freunde der Rasse zusammen, ein neues Stutbuch wurde
aufgelegt und der Wiederaufbau der Rasse mit Geschick und Engagement betrieben. Königin Juliane der Niederlande übernahm 1954
die Schirmherrschaft über die nun Königliche Friesische Züchtergemeinschaft. Immer noch kann der Friese seine spanischen Ahnen
nicht verleugnen und trabt mit hoher Knieaktion. Ihn vor dem Wagen
zu sehen, ist erfreulich. Er bewährt sich auch als braves Pferd zum
Spazierenreiten, mit weichen Gängen; besonders für Reiter geeignet,
die sich ihrer Größe und ihres Gewicht wegen nicht so gern auf ein
Pony setzen.
Exterieur:
Mittellanger Kopf mit völlig gerader Profillinie, aufmerksam gespitzten
Ohren, lebhaft blickenden Augen. Schön aufgesetzter, kräftiger Hals,
ziemlich steile Schulter, kurzer Rücken, manchmal leicht eingesenkt,
stark abfallende Kruppe, tiefer Schweifansatz.
Kräftige, aber verhältnismäßig schlanke Gliedmaßen, harte Hufe,
unterschiedlich starker Kötenbehang. Größe: um 160 cm Stockmaß.
Farbe: nur Rappen ohne Abzeichen, ein kleiner Stern wird akzeptiert.
Verwendung: durch sein überragendes Trabvermögen ein sehr
schönes Wagenpferd, das auch angenehm unter dem Reiter geht. Ein
gutartiges, fleißiges und langlebiges Pferd. Zuchtgebiet: Westfriesland.
Einsiedler
Das Pferd mit dem eigenartigen Rassenamen ist tatsächlich ein Pferd
der Mönche gewesen. Bereits Mitte des 11. Jahrhunderts fand die
Pferdezucht der Benediktinermönche von der Abtei Einsiedeln im
Kanton Schwyz Erwähnung. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert
erreichte die Zucht der Cavalli della Madonna ihren Höhepunkt, um als
Folge der Napoleonischen Kriege fast ausgelöscht zu werden. Die
Pferde wurden als willkommene Beute weggeführt.
Der Wiederaufbau der Zucht gestaltete sich sehr mühsam. Die Mönche kauften auf, was an rein gezüchteten Einsiedlern in der Umgebung noch vorhanden war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde
ein Yorkshire-Hengst aufgestellt, später zwei Anglo-Normänner und
mehrere Hackneys. Vor allem die Anglo-Normänner setzten sich
durch und beeinflussten die Zucht so, dass man den Einsiedler von
heute als Allroundpferd vom Anglo-Normänner-Typ bezeichnen kann.
Exterieur:
Edler Kopf, lebhafte, aufmerksam blickende Augen, gut aufgesetzter
Hals, tiefe Brust und kräftiger Rücken, leicht abfallende Kruppe, kräftiges Fundament, gesunde, harte Hufe. Größe: um 160 cm Stockmaß.
Farbe: alle Grundfarben. Verwendung: Beliebtes Kavalleriepferd,
gesuchtes Reitpferd, auch für Turnierzwecke, mit gutem Wesen.
Ebenso sicher als Wagenpferd. Zuchtgebiet: Schweiz.
Freiberger
Der Freiberger ist die zweite Schweizer Rasse. Es ist eigentlich erstaunlich, dass dieses verhältnismäßig kleine Land zwei bodenständige Pferderassen besitzt. Das Jurapferd, wie der Freiberger auch
genannt wird, war einst das Postkutschenpferd der Schweiz. Mehrspännig zog es schnell und zuverlässig die schwerbeladenen Postkutschen über die schwierigen Alpenstraßen. Dazu waren nicht nur
kräftige Pferde nötig, sondern auch besonders scheufreie, absolut
zuverlässig im Zug auch in kritischen Situationen. Als die Eisenbahn
ihren Siegeszug antrat, verlor der Freiberger seine Aufgabe als Postkutschenpferd, behielt aber seine Bedeutung als mittelschweres Pferd
für die Landwirtschaft und als Militärpferd.
Auch der Freiberger erlebte das Auf und Nieder, das keiner Pferderasse im Laufe ihrer Geschichte erspart bleibt. Anfang unseres Jahrhunderts war der Freiberger durch die Zuführung von Englischem
Vollblut den Bauern zu leicht geworden, nun wurde Kaltblut eingekreuzt. Dann richtete man die Zucht wieder nach den Wünschen der
Armee aus, die ein kräftiges, aber nicht schwerfälliges Zugpferd
brauchte. 1942 wurde ein Halbblut-Araber eingeführt, mit dem kam
wieder eine etwas leichtere Linie in die Zucht. Der Freiberger von
heute soll ein leichtes, gängiges Zugpferd sein, sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Dienst in der Armee als Saumtier geeignet.
Im Übrigen ist der Freiberger noch in einer anderen Beziehung ein
Zugpferd. Die Jurapferde sind eine echte Touristen-Attraktion.
Exterieur:
Feiner Kopf mit kleinen Ohren und aufmerksamen Augen. Mittellanger, gut angesetzter Hals, kräftiger Rücken, gut bemuskelte Kruppe,
kräftige, kurze Gliedmaßen mit harten, gesunden Hufen. Größe: um
160 cm Stockmaß. Farbe: alle Grundfarben. Verwendung: gängiges
Zugpferd mit Wandlungstendenz zum Sportpferd. Zuchtgebiet:
Schweiz.
Frederiksborger
Die Geschichte dieser einzigen bodenständigen dänischen Warmblutrasse ist bunt, von Höhen und Tiefen gekennzeichnet. 1562 wurde
das Hofgestüt Frederiksborg bei Kopenhagen gegründet. Die damals
so beliebten andalusischen und neapolitanischen Hengste bildeten
den Stamm, und die Zucht erwies sich als äußerst erfolgreich. Nicht
nur, dass der Frederiksborger Hengst Pluto Mitbegründer der Lipizzaner war und die Stute Deflorata aus Frederiksborg Begründerin
einer Lipizzaner Mutterstutenlinie, kurioserweise soll sogar König
Philipp II. von Spanien Frederiksborger Zuchthengste aus Dänemark
für seine Reitpferdezucht nach Spanien geholt haben.
Die starke Nachfrage nach den statiösen Pferden, die sich vortrefflich
für die im Barock so beliebte Hohe Schule eigneten, führte zu einer
ziemlich wahllosen Vermehrung. Es wurden schließlich sogar qualitätsvolle Zuchtpferde verkauft. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts
führte der Ausverkauf des Frederiksborgers zur Schließung des Gestüts, aber nicht zur völligen Vernichtung der Rasse. Private Züchter
verwandelten den Frederiksborger Karossiertyp zum vielseitig verwendbaren Wirtschaftspferd, einem immer noch mit schönem Gang
ausgezeichneten starken Warmblüter.
Neuerdings bemüht man sich, dem allgemeinen Trend folgend, aus
dem Frederiksborger ein modernes, also noch etwas leichteres
Sportpferd zu machen, denn nur so wird es überleben.
Exterieur:
Kleiner, edler Kopf, Rammsnase häufig, schön aufgesetzter Hals,
wenig markierter Widerrist, gut gelagerte Schulter, langer, oft etwas
matter Rücken, lange, schräge Kruppe. Kräftige, trockene Gliedmaßen, gut geformte, kleine Hufe. Größe: 155 cm bis 160 cm Stockmaß,
auch darüber. Farbe: überwiegend Füchse, selten andere Farben.
Verwendung: energisch vorwärtsgehendes Wagen- und Reitpferd,
temperamentvoll, gutartig. Die Zucht liegt ganz in bäuerlicher Hand.
Eine aparte farbliche Variante des Frederiksborgers ist der Knapstruper, ein Tigerschimmel. Diese Sonderrasse war fast verschwunden, wird aber neuerdings wieder vermehrt gezüchtet, da die Nachfrage nach aparten Pferden steigt. Knapstruper Hengste, die ihre
Farbe gut vererben, sind gesucht, denn die Fellzeichnung mit den
kleinen, unregelmäßig verteilten runden Flecken wird keineswegs
sicher vererbt. Im Exterieur entspricht der Knapstruper dem Frederiksborger.
Schwedisches Warmblut
Schweden ist flächenmäßig ein großes Land, aber ein dünn bevölkertes. Umso erstaunlicher erscheinen die stolzen Erfolge der
schwedischen Warmblutzucht.
Schon im vorigen Jahrhundert wurden Trakehner, Englisches Vollblut
und Anglo-Araber zur Veredelung des in Schweden gezogenen
Warmbluts angekauft, und zwar nur erstklassige Hengste. Auch
Anglo-Normänner kreuzte man ein, also alles Rassen im besten
Reitpferdtyp.
Vor etwa 300 Jahren wurde das Gestüt Flyinge bei Lund in der
Landschaft Schonen gegründet. Aber damals experimentierte man
viel, das ständige Hin und Her in der Zucht schadete mehr, als dass es
etwas einbrachte. Ab Mitte des vorigen Jahrhunderts besann man sich
auf eine einheitlich ausgerichtete Linie in der Zucht und führte 1874
ein Prämiensystem für das gesamte Zuchtmaterial ein. Das Gestüt
Flyinge wurde 1888 aufgelöst, aber 1924 als Hengstdepot wieder
eröffnet. Qualitätsvolle Hengste aus Hannover und beste Trakehner
wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, so dass der Typ
des Schwedischen Warmblüters als edles, leistungsfähiges Sportpferd noch mehr gefestigt und ein Exportschlager wurde.
Exterieur
Hals, muskulös, aber nicht plump wirkend. starkes, trockenes Fundament mit sehr gesunden Sehnen und Gelenken, starke Hufe, fast
kein Kötenbehang. Größe: bis 156 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend
Braune und Rappen, selten Füchse und Falben. Verwendung: leistungsfähiges Zugpferd mit sehr gutem Schritt und für ein Pferd dieses
Kalibers
verblüffend
leichtem.
flotten
Trabvermögen.
Tempe-
ramentvoll, aber gutartig und zuverlässig. Sehr hart, ausdauernd und
langlebig. Zuchtgebiet: Nordschweden, Hauptgestüt Wangen.
Die Hengste müssen sich seit 1930 einer Leistungsprüfung unterziehen und werden zur Zucht nur nach bestandener Prüfung zugelassen.
Dölepferd
Ähnlich dem Nordschwedischen Pferd, zu dessen Ahnen es übrigens
gehören soll, ist Norwegens Dölepferd ein schwerer Warmblüter oder
ein leichter Kaltblüter, es kommt auf den Standpunkt an. Immerhin
stellt diese Rasse die Hälfte der Pferde Norwegens, ist wesentlich
flinker als Kaltblüter zu sein pflegen, und geht einen so schnellen,
munteren Trab, dass das Dölepferd wie sein schwedischer Nachbar
auch als Traber eingesetzt wird. So verwunderlich ist es vielleicht
nicht, wenn man hört, dass das Dölepferd aus Kreuzungen des Alten,
dem Fjordpferd ähnlichen Landschlag mit Englischem Vollblut und
Frederiksborgern Dänemark entstanden ist. Zwar wurde dann später
von der Landwirtschaft ein etwas schwererer Typ gezüchtet, und man
züchtete dann den Arbeitstyp und den Trabertyp. Aber da die Nachfrage nach dem schweren Dölepferd aus bekannten Gründen sehr
nachgelassen hat, hat nun wieder der flinke Döletraber die »Vorfahrt«.
Exterieur:
Hübscher, edlen Ponys ähnlicher Kopf, kräftiger Hals mit langem,
dichtem Mähnenhaar, kräftiger Rücken, muskulöse, lange Kruppe.
Kräftige, gut gestellte Gliedmaßen mit einwandfreien Hufen, starker
Kötenbehang, üppiges Schweifhaar, ein harmonisch gebautes Pferd
von Mittelgröße. Größe: 150 cm bis 157 cm Stockmaß. Farbe: fast nur
Braune und Rappen.
Verwendung: zugfestes Arbeitspferd, flinker, ausdauernder Traber,
auch zum Reiten gut geeignet. Hart, genügsam und leichtfutterig.
Zuchtgebiet: vor allem das Gudbrandsdal, nach dem es auch Gudbrandsdaler genannt wird.
Lipizzaner
Jeder, der sich nur ein bisschen für Pferde interessiert, wird bei dem
Stichwort Österreich automatisch an die vierbeinigen Künstler der
Spanischen Hofreitschule in Wien, die Lipizzaner, denken. Zwar
werden in Österreich auch Kaltblüter (Noriker) und Ponys (Haflinger)
neben manchen eingeführten Pferderassen gezüchtet, aber die österreichische Pferderasse aus den glanzvollen Zeiten der Donau-Monarchie ist der Lipizzaner.
Erzherzog Karl von Österreich gründete 1580 das im Karst nahe Triest
gelegene Gestüt Lipizza. Den Stamm bildeten fünf Hengste aus spanisch-italienischem Blut, denen sich später ein reinblütiger Araber
zugesellte. Die noch heute bestehenden, nach ihren Begründern
benannten Stämme heißen: Neapolitano…Conversano…Favory…
Maestoso … Pluto … Siglavy. Ihre Herkunft verteilt sich so: Conversano und Neapolitano kommen aus Italien. Aus dem Kaiserlichen Hofgestüt Kladrub bei Pardubitz kamen Maestoso, Favory und der Original-Araber Siglavy. Pluto stammte aus dem Dänischen Hofgestüt
Frederiksborg, war aber auch spanisch-italienischer Abkunft. Von
Frederiksborg kam dann noch eine Stute, deren Stamm ebenfalls bis
auf den heutigen Tag erhalten geblieben ist, sie hieß Deflorata.
Bis auf den Siglavy-Stamm haben alle Lipizzaner den hohen Kniebug,
der sie für die Hohe Schule prädestiniert.
Das Stammgestüt Lipizza wechselte in dem mehrfach geteilten und
verteilten Landstrich ebenso oft den Besitzer: Nach dem Zerfall der
Donaumonarchie gehörte es erst zu Italien und ist nun jugoslawisch.
Die Pferde, die den Namen des Gestüts tragen, wurden nach Piber in
der Steiermark umgesiedelt. Dort werden die Lipizzaner, nachdem sie
als Folge des Zweiten Weltkriegs fast vernichtet worden wären, alter
Tradition gemäß gezüchtet. Die besten Hengste gehen vierjährig an
die Hofreitschule nach Wien zur Ausbildung, um später zum Teil als
Deckhengste zum Gestüt zurückzukehren.
Die Ausbildung der Hengste ist langwierig und erfolgt schonend, denn
der Lipizzaner gehört zu den spätreifen und langlebigen Rassen. Die
oft spektakulär wirkenden Sprünge der vierbeinigen Künstler sind zur
Vollendung getriebene natürliche Bewegungen. Jeder Hengst führt
nur die Sprünge aus, zu denen er von Natur aus veranlagt ist. Auch
die Stuten, die zur Zucht im Gestüt bleiben, kommen mit 3 Jahren in
eine Ausbildungsabteilung. Nur die Stuten, die sich hier bewähren,
werden der Mutterstutenherde zugeteilt. Überzählige Stuten werden
verkauft, ebenso kastrierte Hengste (Wallache). Dank ihres noblen
Wesens sind Lipizzaner begehrte Freizeitpferde, die Nachfrage ist
größer als das Angebot.
Exterieur:
Ziemlich schwerer, aber sehr edler Kopf, manchmal rammsnasig.
Kleine! Ohren, große, lebhaft blickende Augen. Hoch angesetzter,
kräftiger, mittellanger Hals, häufig steile Schulter, breite Brust. Widerrist wenig ausgeprägt, langer, manchmal etwas weicher Rücken, gut
gerundete, muskulöse Kruppe, hoch angesetzter, schön getragener
Schweif. Feine, trockenen Gliedmaßen mit klaren Sehnen und ausdrucksvollen Gelenken, kleine, feste Hufe. Größe: bis 155 cm
Stockmaß, selten größer. Farbe: überwiegend| Schimmel, die dunkel
geboren werden. Wenig Braune und Rappen. Verwendung: Spezialrasse für die Hohe Schule sehr gutes Wagenpferd. Für den, der
Pferde mit hoher Knieaktion reiten mag, sehr gutes Reitpferd. Für ein
Pferd dieser Größe anspruchslos und hart, sehr spät reif und langlebig. Zuchtgebiete: Österreich, Ungarn, Jugoslawien.
Das Stammgestüt Lipizza war dem Verfall nahe, aber dann besann
man sich auf den hohen Wert der vierbeinigen Insassen auch für den
Tourismus. Eine Besichtigung des Gestüts und seiner schönen Pferde
gehört heute zum Programm jedes an Pferden interessierten Besuchers. Man ist nun auch bemüht, die Hengste nach dem Muster der
Wiener Spanischen Hofreitschule zu ebensolchen Künstlern zu machen. So dürfte auch hier die Zucht dieser edlen Pferderasse gesichert sein, was jeden Pferdefreund nur freuen kann.
Andalusier
Da jetzt viel von spanischem Blut die Rede war, ist es logisch, sich mit
der Rasse zu beschäftigen, die den hohen Kniebug, den spanischen
Schritt in Vollendung beherrscht. Viele Pferdezuchten in der Welt
haben einen mehr oder weniger starken Schuss Andalusierblut in
ihren Adern, das gilt besonders auch für jene Rassen, die in erster
Linie als Karossiers gezüchtet wurden. Wenn auf ein Pferd die Attribute stolz und statiös angewendet werden können, dann auf den
Andalusier. Er wirkt wie sein eigenes Denkmal. In der Blütezeit des
Dressurreitens oder besser des Reitens der Hohen Schule gehörte
der Andalusier zu den begehrtesten Pferden. Oft kommen sie im
Zirkus zum Einsatz. Sie sind besonders für die Hohe Schule geeignet.
Zwar unter- scheidet sich die Zirkusvorführung von der klassischen
Hohen Schule, sie ist mehr Show. Es dauert etwa 2 Jahre, bis ein
Schulpferd manegereif ist. Wer einmal Gelegenheit hatte, bei den
Lehrstunden zuzusehen, weiß, wie vernünftig mit den Tieren umgegangen wird. Nur mit einem Pferd, das Vertrauen hat, lässt sich arbeiten.
Alter Real Hengst
Wie im Nachbarland Spanien liebt man in Portugal edle Pferde mit
hohem Kniebug. Pferde, die speziell für die Kunst der Hohen Schule
oder den ins Auge fallenden »prahlenden« Trab vor Prunkkarossen
geboren zu sein scheinen. Außerhalb der Iberischen Halbinsel sieht
man diese statiösen Rassen fast nur im Zirkus. Sie sind zwar eine
Augenweide, für den Sport- und Freizeitreiter aber weniger geeignet.
Über 200 Jahre alt ist die Zucht des königlichen Alter, aufgebaut auf
andalusischem Blut. Die Beschlagnahme zahlreicher bester Pferde
durch Napoleons Armee, zog eine starke Reduzierung des Stutenstammes nach sich. Desinteresse des Königshofes an der Zucht des
Alters brachte die Rasse fast zum Verschwinden.
Als man dann Rettungsversuche durch Einkreuzen zu viel fremden
Blutes machte, beschleunigte man nur den Abbau der Rasse fast bis
zum totalen Zusammenbruch. Erst als wieder andalusische Stuten
und Hengste zugeführt wurden, konnte man den Alter Real regenerieren.
Exterieur:
Dem Andalusier sehr ähnlich. Größe: 150 cm bis 160 cm Stockmaß.
Farbe: braun. Verwendung: Spezialisten für Hohe Schule. Gestüt:
Nationalgestüt Vila de Portei.
Lusitano
Der Lusitano ist ebenfalls eine bodenständige portugiesische Pferderasse und gleicht im Typ dem Andalusier. Mut, Schnelligkeit und
Wendigkeit muss der Lusitano in der Stierkampfarena beweisen. Allerdings ist der Stierkampf in Portugal unblutig. Der Stier bleibt am
Leben und das Pferd natürlich erst recht. Der Lusitano ist auch hin und
wieder auf dem Lande in Bauernhand zu finden und war das Reitpferd
der Armee. Was über Andalusier und Alter Real gesagt wurde, trifft
auch auf den Lusitano zu. Größe: 150 cm bis 160 cm Stockmaß.
Farbe: überwiegend Schimmel, seltener andere Farben. Aufgerichteter Hals, kurzer Widerrist, langer, gerader Rücken, breite, kurze
Kruppe. Die Schulter ist steil, doch gut bemuskelt. Die kräftigen
Gliedmaßen sind ebenfalls sehr gut bemuskelt mit trockenen Sehnen
und Gelenken. Sprunggelenk ziemlich steil, lange Fesselung, große,
steile Hufe. Schweif hoch angesetzt und schön getragen. Größe: Bis
180 cm soll möglichst darunter liegen. Farbe: Schimmel (Generale-Linie), Rappen (Sacra- moso-Linie).
Verwendung: statiöses Kutschpferd, als Reitpferd für Dressur, aber
nicht zum Springen geeignet. Wer einen Kladruber reiten will, muss
Pferde mit hohem Kniebug und wenig raumgreifenden Gängen mögen.
Wielkopolski
Nach 1945 entstand unter der Bezeichnung Wielkopolska ein weiteres
und zugleich das größte Warmblut-Zuchtgebiet Polens. Das Warmblutpferd dieser Gegend, Wielkopolski genannt, ist ein Masure Trakehner Prägung. Der zunehmende Pferdesport machte eine Angleichung an den zu Sportzwecken gewünschten Typ nötig. Die dazu
nötigen edlen Pferde hatte man, und denen Stuten gekreuzt, als so
durchschlagender Vererber, dass er der Gründer einer neuen Rasse
wurde. Da seine Nachkommen ungewöhnlich ausgeglichen waren,
erkannte man den Nonius 1840 als eigenständige, gefestigte Rasse
an. Es gibt den Großen und den Kleinen Nonius.
Exterieur:
Kleiner, trockener Kopf, bei dem großen Typ oft Rammskopf, gut
aufgesetzter, langer, kräftiger Hals, gut gelagerte. schräge Schulter,
langer Rücken, der manchmal etwas weich ist, kurze, etwas schmale
Kruppe. Sehr stämmige, gut bemuskelte Beine mit kräftigen Sehnen
und Gelenken, manchmal etwas schwach gefesselt, mittelgroße Hufe.
Größe: Typ Großer Nonius 155 cm bis 160 cm Stockmaß. Typ Kleiner
Nonius 145 cm bis 150 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Rappen
und Braune. Verwendung: Reit- und Kutschpferd, auch für landwirtschaftliche Arbeit zu nutzen, gutes Temperament, gute Gänge und
gute Veranlagung zum Springen.
Furioso-North-Star
Dass eine ganze Pferderasse ihren Namen nach zwei Hengsten erhält, ist einmalig. Der englische Vollblüter Furioso, 1840 nach Ungarn
eingeführt und im Gestüt Mezöhegyes aufgestellt, erwies sich als
hervorragender Vererber. Mit seinen zahlreichen, auf die Deckstationen der KK-Monarchie verteilten Söhnen gründete er eine Art Pferde-Dynastie: die Furioso-Linie. Zwölf Jahre später wurde ein weiterer
hochklassiger Hengst aus England eingeführt, der Halbblüter North
Star. Auch er wurde zu einem Volltreffer und gab der North-Star-Linie
seinen Namen.
Als man dann die beiden Linien miteinander verschmolz, ergab sich
eine Rasse, die in jeder Beziehung den Vorstellungen von einem
harten, genügsamen, edlen Halbblüter entsprach. Da beide Hengste
gleich viel Anteil an dieser Rasse hatten, erhielt sie gerechterweise
den Namen Furioso-North-Star.
Exterieur:
Ein kräftiger Halbblüter mit edlem Kopf, geradem Rücken, gut
bemuskelter Kruppe und korrekten Gliedmaßen. Größe: um 160 cm
Stockmaß. Farbe: überwiegend Braune und Rappen, andere Farben
kommen vor. Verwendung: Sportpferd für alle Zwecke, Springen,
Dressur, Vielseitigkeit. Kann auch angespannt werden.
Der sehr korrekt gebaute Halbblüter verfügt über sehr angenehme
und harmonische Bewegungen in allen drei Gangarten, ihm ist ein
weiter, flacher Schritt, ein raumgreifender Trab und ein schneller,
weicher Galopp eigen.
Ausdauer und Härte zeichnen ihn ebenso aus, wie ein guter Charakter. Man sagt ihm große Gelehrigkeit nach, und zu all diesen Tugenden gilt er auch noch als genügsam.
In den Weiten Russlands hat man stets hervorragende Pferde gebraucht und gezüchtet. Daran hat sich im Zeitalter der Mechanisierung
zwar einiges, aber zum Glück nicht alles geändert: Pferde sind auch
heute noch in Russland unentbehrlich. Von den vielen vorhandenen
Rassen sollen hier vier aufgeführt werden:
Tersk
Nach der sehr Alten eine noch sehr junge russische Pferderasse. Sie
erhielt ihren Namen nach dem Gestüt Tersk. Dort wurde diese Rasse
herausgezüchtet. Stammväter waren zwei Hengste der einst berühmten Streletzk-Araber, die als Einzige nach dem Ersten Weltkrieg
übriggeblieben waren. Man führte ihnen Vollblut- und Halbblutaraberstuten vom Kuhajlan-Muniqui und Siglavy-Typ zu, war aber stets
darauf bedacht, den Streletzker-Typ her auszufiltern. Es dauerte
runde 30 Jahre, bis die Kreuzungsprodukte im Typ so gefestigt waren,
dass man von einer eigenständigen Rasse sprechen konnte. Sie
wurde 1949 unter dem Namen Tersk offiziell registriert. Tersk-Pferde
werden heute nicht mehr in ihrem Ursprungsgestüt, sondern im Gestüt
Stawropol gezüchtet.
Exterieur:
Kleiner, feiner Araberkopf mit großen, lebhaft blickenden Augen.
Schön getragener Hals, kurzer Rücken, kräftige Kruppe, hoch angesetzter Schweif, trockene Gliedmaßen. Größe: bis 154 cm Stockmaß.
Farbe: überwiegend helle Farben, weiß-grau-gelblich, das seidige
dünne Fell muss einen Silberschimmer haben.
Sie sind ebenso bewundernswert schön wie die Achal-Tekkiner!
Verwendung: Reitpferd mit besonderer Eignung zur Dressur. Sanfter
Charakter. Da der Tersk sich leicht abrichten lässt und durch seine
Schönheit bezaubert, ist er ein beliebtes Zirkuspferd.
Achal-Tekkiner
Dieses bildschöne Pferd sieht man bei uns vorerst eigentlich nur im
Zirkus, dabei ist der Achal-Tekkiner ein hartes Gebrauchs- und ausgezeichnetes Sportpferd. Ein großer Erfolg war der Gewinn der
Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1960 in der Dressur durch
Sergej Filatow auf dem Achal-Tekkiner Absent.
Während alle Halbblutrassen auf englisches und arabisches Vollblut
zurückgehen, ist das bei dem Achal-Tekkiner nicht der Fall, er ist eine
uralte eigenständige Rasse, seine Geschichte reicht in die Zeit Alexander des Großen zurück. Die Steppen Turkmeniens sind seine
Urheimat, dort wird er auch heute noch gezüchtet.
Exterieur:
Leichter Kopf mit geradem Nasenrücken und großen, feurig blickenden Augen. Langer, schlanker Hals, gerader Rücken mit hohem,
langen Widerrist, leicht abfallende Kruppe, sehr hochbeinig, trockene
Gliedmaßen. Mähnen- und Schweifhaar seidig und Größe bis 157 cm
Stockmaß. Farbe: alle Farben und stets mit dem speziellen Metallschimmer, der diese Pferde so außergewöhnlich schön aus- sehen
lässt. Verwendung: ungemein zähes Pferd, für Langstreckenritte hervorragend geeignet, aber ebenso für Springen und Dressur. Braucht
feinfühligen, erfahrenen Reiter, da sehr sensibel und eigenwillig. Kein
Jedermannspferd!
Don-Pferd
Mehr als 200 Jahre ist diese Rasse alt, die, wie die meisten Pferderassen, ebenfalls ein Produkt der Landschaft war und ist. Die weiten
Steppen am Don sind die Heimat des Don-Pferdes, das ursprünglich
ein kleines, zähes, aber nicht sehr ansehnliches Pferd mit orientalischem Einschlag war. Als man ein etwas größeres Pferd wünschte,
wurden Orlow-Traber, Streletzk-Araber und auch englische Vollblüter
eingekreuzt. Das Don-Pferd heutiger Prägung entstand, edler und
kräftiger als das ursprüngliche Pferd der Don-Steppen, aber immer
noch äußerst hart und fähig, rund um das Jahr ohne Stall zu leben.
Exterieur:
Nicht zu großer Kopf, manchmal rammsnasig, große Augen, kleine
Ohren, mittellanger Hals, gut ausgeprägter Widerrist, kurzer, kräftiger
Rücken, trockene, muskulöse Gliedmaßen. Größe: um 160 cm
Stockmaß. Farbe: Füchse. Verwendung: Solides, gutartiges Reit- und
Wagenpferd, dank seiner Ausdauer ideal für Wanderritte.
Orlow-Traber
Die schönen, schnellen Pferde verdanken einem Günstling der Zarin
Katharina II. ihr Entstehen und ihren Namen: Graf Alexej Orlow wollte
ein ebenso ausdauerndes wie schnelles Wagenpferd züchten und
hatte Erfolg mit seinen Bemühungen. Am Anfang stand die Verbindung von einem Schimmelhengst aus dem Orient (Araber oder Perser) mit einer Frederiksborger Stute. Deren Sohn wurde mit einer
niederländischen Stute gekreuzt, und deren Sohn I. wurde Stammvater der Orlow-Traber.
Exterieur:
Im Ganzen kräftig gebaut. Ziemlich großer, aber hübscher Kopf mit
großen Augen und verhältnismäßig kleinen Ohren. Gut aufgesetzter
Hals, langer Rücken, breite Kruppe, kräftige, trockene Gliedmaßen.
Größe: um 160 cm Stockmaß. Farbe: viel Schimmel, aber auch
Braune und Rappen. Verwendung: Vorzügliches Wagenpferd geht
ausdauernd schnellen Trab mit mächtigem Schub aus der Hinterhand.
Temperamentvoll, aber gutartig. Um die Rasse dieser Pferde voll zu
erfassen, muss man sie in Aktion sehen! Kritischen Tierfreunden
müsste die traditionelle Troikaanspannung missfallen. Den Außenpferden werden die Köpfe durch entsprechende Ausbindezügel zur
Seite gezerrt. In dieser unnatürlichen Halsstellung müssen die Tiere
lange Strecken zurücklegen. Dass das ohne Schmerzen möglich sein
soll, scheint mir unmöglich. Aber darüber hat man sich wohl noch nicht
viel Gedanken gemacht.
Quarter- Horse
Vor Millionen von Jahren lebten in Nordamerika die prähistorischen
Vorfahren der Pferdeartigen. Ein Teil wanderte über die damals noch
bestehende Landbrücke der Beringstraße nach Asien und Europa
aus. Die in Nordamerika verbliebenen wurden, wie so manche andere
Tierart, ein Opfer der Eiszeit, sie starben aus. Amerika, die Wiege des
Equus cabal- lus, musste Jahrmillionen bis ins 16. Jahrhundert warten, bis wieder Pferdehufe die Urheimat betraten. Hernando Cortez,
der spanische Eroberer Mexikos, landete mit 16 Pferden auf Kuba und
setzte von dort zu seinem Eroberungszug an. Seine Pferde hatten
andalusisches, arabisches und Berberblut. Ohne Zweifel handelte es
sich um Pferde von großer Härte. Wie hätten sie sonst die Strapazen
langer Reisen auf den mehr als primitiven Segelschiffen überstehen
sollen!
Den Indianern Mexikos blieb nicht verborgen, welchen Vorteil der
Besitz von Pferden mit sich brachte, im Laufe der Zeit ging so manches Pferd, rechtmäßig oder unrechtmäßig, in ihren Besitz über. Da
andere als diese spanischen Pferde ja vorerst nicht ins Land kamen,
mussten die vorhandenen immer wieder untereinander gepaart werden. Dass sie diese Inzucht über mehr als hundert Jahre vertrugen, ist
erstaunlich und zeugt ebenfalls von der hervorragenden Qualität jener
Pferde.
Im 17. Jahrhundert brachten dann Auswanderer aus europäischen
Ländern auch Pferde aus ihrer Heimat mit. Wiederum müssen es
äußerst zähe Rassen gewesen sein, um die endlosen Schiffsreisen zu
überleben.
Auf dem Rücken ihrer Pferde breiteten die Neuamerikaner sich allmählich über den ganzen Kontinent aus und besiedelten das Land.
Das ist in aller Kürze ein Streifzug durch die Vorgeschichte der Pferderassen Nordamerikas. Wir betrachten uns jetzt jene genauer, die
sich bei uns steigender Beliebtheit erfreuen, weil sie hervorragende
Freizeitpferde sind.
Die Rasse mit dem eigenartigen Namen ist die älteste noch vorhandene nordamerikanische Pferderasse. Mit den Einwanderern aus
Großbritannien kamen nicht nur Pferde ins Land, die mit den vorhandenen spanischen gekreuzt wurden, sondern auch die britische
Leidenschaft zum Wetten. Da Rennbahnen wie in der Heimat natürlich
nicht zur Verfügung standen, half man sich auf einfache Weise: Eine
kurze Rennstrecke ließ sich schließlich überall schaffen. Vierhundert
Meter, eine Viertelmeile, eben a quarter, genügten da schon. Allerdings mussten Pferde für diese kurze Distanz einen blitzschnellen
Antritt haben und ein ebenso schnelles Reaktionsvermögen, dem
menschlichen 100-m-Läufer ähnlich, der ja auch den Start nicht verschlafen darf. Bei einem Pferd muss dazu noch eine enorme Schubkraft der Hinterhand kommen. Das alles brachte das im Alltag als
Cowpony bestens bewährte Pionierpferd mit und wurde als Quarter
Horse bekannt.
Exterieur:
Kleiner, edler Kopf mit breiter Stirn und kleinen Ohren. Die Augen
stehen weit auseinander und haben einen ausgesprochen freundlichen Ausdruck. Schwerer, kurzer Hals, tiefe und breite Brust, kurzer
Rücken und eine auffallend stark bemuskelte, runde Kruppe, korrekte
Gliedmaßen. Das Quarter- Horse ist oft leicht überbaut. Größe: im
Durchschnitt 152 cm Stockmaß. Farbe: überwiegend Braune und
Füchse. Schecken werden nicht ins Zuchtbuch aufgenommen. Verwendung: wegen seiner Intelligenz und Gutartigkeit ein ideales Freizeitpferd, ausdauernd und anspruchslos.
Appaloosa
Wie das Quarter- Horse gehört der Appaloosa zur Gruppe der Western Horses. Es ist die eigenartige Fellzeichnung, die ihn so besonders
auffällig macht. Interessant auch, dass es ein Indianerstamm war,
dem diese Rasse ihr Entstehen verdankt. Im allgemeinen befassten
die Indianer sich nicht mit geregelter Zucht, die vorhandenen Pferde
vermehrten sich eben einfach. Anders der Stamm der Nez Perce, die
Gefallen an ausgefallen gefleckten Pferden gefunden hatten. Diese
Indianer müssen ungewöhnlich großes Geschick in züchterischen
Fragen besessen haben. Sie züchteten nicht nur die besonders aparte
Fleckung heraus, sondern festigten sie auch bis zur Reinzucht. Als
später Weiße bis in diese Gegend vordrangen, fanden sie eine Pferderasse vor, die schon vom Äußeren her sofort ihr Interesse weckte,
bei denen die Scheckenzeichnung wie eine Prunkdecke über der
Kruppe liegt. Sie tragen denn auch den Namen Schabrackenscheck.
Außerdem gibt es den Leopardenscheck, den Schneeflockenscheck
und den Marmorscheck. Bei allen ist die Art der Zeichnung genau
festgelegt.
Bei uns war der Appaloosa bis vor Kurzem nur auf der Leinwand in
Westernfilmen oder höchstens einmal im Zirkus zu sehen. Jetzt ist er,
wie auch die anderen Western Horses, auf dem besten Weg, als
ausgesprochenes Freizeitpferd bei uns Fuß zu fassen.
Exterieur:
Nicht zu großer Kopf mit breiter Stirn, geradem Nasenrücken, kleinen,
spitzen Ohren und großen Augen, die einen ausgemacht freundlichen
Ausdruck haben. Gut bemuskelter und schön getragener Hals, tiefe,
schmale Brust. Gerader Rücken, gut bemuskelte Kruppe. Größe:
145 cm bis 155 cm Stockmaß. Farbe: Nur Schecken mit genau festgelegter Zeichnung. Verwendung: vorzügliches Freizeitpferd für die
ganze Familie.
Pinto
Wieder ist es eine bunte Rasse, die im farbenfreudigen Amerika auf
die Pferdebeine gestellt wurde. Diesmal sind es Schecken, wie auch
wir sie kennen. Doch erfreuen sich Schecken bei uns als Reitpferde
keiner besonderen Vorliebe, abgesehen von Kinderponys. Warum
das so ist, lässt sich schwer erklären. Aus eigener Sicht muss ich
gestehen, dass ich nie auf den Gedanken gekommen wäre, mir einen
Schecken als Reit- oder Wagenpferd bei denen die Scheckenzeichnung wie eine Prunkdecke über der Kruppe liegt, zuzulegen. Vielleicht
kam einem das früher zu zirkusmäßig vor.
Dass diese Fellzeichnung bei den Indianern so beliebt war, kann
außer dem Spaß an der bunten Jacke tatsächlich noch einen handfesten Grund gehabt haben. Jeder, der mit der Natur vertraut ist, kennt
die verblüffende Tarnwirkung mehrfarbiger Fell- oder Gefiederzeichnung: Die Tiere verschmelzen mit der Umgebung. So könnten auch
die Schecken aus größerer Entfernung weniger auffällig gewesen sein
als einfarbige Pferde. Für die Indianer seinerzeit ein durchaus wichtiger Grund, es konnte lebensrettend sein. Aber wie auch immer, der
Pinto ist bis auf den heutigen Tag in Amerika äußerst beliebt. Pintos
werden in zwei Klassen nach ihrem Farbmuster eingeteilt: bei dem
Tobiano ist die Grundfarbe weiß, bei dem Overo dunkel.
Exterieur:
Kleiner, gerader Kopf mit großen Augen, gut getragener Hals, kurzer,
kräftiger Rücken, etwas abschüssige, gut bemuskelte Kruppe. Größe:
bis 155 cm Stockmaß. Farbe: Braunweiß und schwarzweiß gescheckt. Verwendung: Gutartiges, flinkes und wendiges Reitpferd,
wird auch von Kindern gern geritten.
Palomino
Der Vierte aus dem Bund der Western Horses ist wieder extravagant
gefärbt, diesmal aber einfarbig. Im Idealfall hat der Palomino ein Fell,
das in einem satten Goldton schimmert, Mähne und Schweif müssen
silbrig-weiß sein. Da die Palominofärbung nicht erbfest ist, gibt es bei
der Zucht immer wieder farbliche Abweicher, die selbstverständlich
nicht als Palominos gelten und nicht in das Stutbuch eingetragen
werden. Diese Färbung kommt hin und wieder auch bei anderen
Pferderassen vor, z. B. bei manchen Ponyrassen. Korrekt müsste
man sie dann Isabellen nennen. Doch seit Palominos auch in Europa
zu sehen sind, bürgert sich dieser Name für alle Goldisabellen ein.
Nun ist der amerikanische Palomino von sehr unterschiedlicher
Größe: vom Noch-Pony-Maß bis zu etwas mehr als 160 cm Stockmaß
ist er sowohl als Kinderreitpferd als auch für Erwachsene geeignet.
Wie alle Western Horses besitzt er viel Intelligenz, ist wendig, ausdauernd und anspruchslos. Als beliebtes Showpferd sieht man Palominos im Zirkus, doch dank seiner Wendigkeit wird er auch als Polopferd geschätzt. Zu seiner Verwendung ist zu sagen: ein äußerlich
attraktives Reitpferd für viele Zwecke, mit Temperament und Intelligenz, gutartig und auch für Kinder geeignet.
Die Amerikaner schätzen ihren Palomino sehr, nicht nur wegen seiner
schönen Färbung, sondern auch wegen des angenehmen Wesens.
In das Stutbuch der Palomin Horse Breeders of America werden nur
Pferde eingetragen, die den gestellten Forderungen voll entsprechen.
Die Zucht liegt überwiegend in Privathand, Palominos werden überall
in Amerika, besonders viel in Kalifornien, Texas und dem Süden
Kanadas gezüchtet. Als gutes Freizeitpferd wird der Palomino auch
bei uns häufiger.
Polopferd
Polo, das schnelle Spiel mit dem langen Schläger und dem kleinen
Ball aus Bambusholz, ist das älteste Reiterspiel der Welt. Nur katzengewandte, harte Pferde, die über große Schnelligkeit verfügen und
schärfste Stopps aus vollem Lauf verkraften, sind für diesen Sport zu
gebrauchen. Die Bezeichnung Polopony stammt noch aus der Zeit,
als in den Ursprungsländern und anfangs dann auch in England auf
einheimischen Ponyrassen geritten wurde. Die Ponys waren nicht
über 138 cm Stockmaß groß.
Heute ist Argentinien unbestritten das führende Land in der Zucht von
Polopferden, die eine Größe von 158 cm Stockmaß haben. Es ist
keine Rasse im eigentlichen Sinn, sondern wie Cob oder Hunter ein
bestimmter Pferdetyp, der folgende Merkmale haben muss: Härte und
Ausdauer, Schnelligkeit und extreme Wendigkeit, Temperament,
ohne heftig zu werden. Polopferde dürfen nicht kleben, sie müssen
sich jederzeit willig aus dem Pulk lösen lassen.
Sie dürfen auch nicht schreckhaft sein, sonst könnten sie den dicht an
ihren Köpfen vorbeisausenden Schläger nicht verkraften. Und viel Intelligenz sollen sie ebenfalls haben. Dass sie außerdem auf eisenharten Beinen stehen müssen, ist jedem klar, der einmal einem Polospiel zugesehen hat und etwas von Pferden versteht: Derart harte
Stopps aus vollem Lauf hält nur ein Pferd aus, das bestens auf den
Beinen ist.
Der gute Reitstall
Das Schulpferd
Ohne Frage ist das ältere gut ausgebildete Reitpferd immer der beste
Lehrmeister. Der gute Charakter, die Gesundheit und die gute
Grundausbildung eines Schulpferdes sind wichtiger als dessen
Schönheit. Es soll brav sein, weiche Bewegungen haben, nicht zu
faul, im Gelände sicher, umgänglich und stallfromm sein.
Schulpferde sind harte Arbeiter mit einer geduldigen Seele. Sie sind
Kummer mit ihren Anfängern gewohnt und bedürfen besonderer Liebe
und Pflege.
Der Reiter
Reiter kommt von Ritter. Die Tugenden des Ritters – Höflichkeit, Bescheidenheit und Mut – sollten auch die Tugenden des Reiters sein.
Reiten heißt sich bewähren an einem anderen Lebewesen. Das verlangt eine ständige Überprüfung der eigenen Person.
Nicht das Pferd macht die Fehler, sondern der Reiter – jedenfalls
meistens!
Dass man reitet, braucht nicht dokumentiert zu werden, indem man
sporenrasselnd über die Straße geht. Sporen trägt man nur. Solange
man auf dem Pferd sitzt, und auch dann nur, wenn es unbedingt nötig
ist.
Nicht von ungefähr gibt es Auseinandersetzungen zwischen Spaziergängern und Herrenreitern, die, durch Matsch und Pfützen galoppierend, alle anderen Lebewesen ringsumher in Schrecken versetzen! Der richtige Reiter dagegen versetzt sich ständig sowohl in
sein Pferd, seine Mitreiter als auch in die zu Fuß gehenden Mitmenschen. Dann verfügt er vielleicht über das, was man Reitertakt nennt.
Reitertakt wird aber weder durch Alkoholkonsum erworben noch
durch Beschimpfen des Pferdes als sturer Bock oder alte Krücke.
Die besten Tugenden des Reiters sind Geduld und Bescheidenheit. Er
genießt auch kleine Freuden und Fortschritte, ist hilfsbereit und
kümmert sich mehr um sein Pferd als um seine Zuschauer. Er benutzt
die Überlegenheit seines Verstandes dazu, gegebenenfalls seine
eigenen Bedürfnisse hinter die des Pferdes zu stellen, um ihm gerecht
zu werden.
Anfänger in der Reitbahn
Reiten in der Abteilung
Dies bildet den sinnvollen Übergang von der Ausbildung an der Longe
zum Einzelreiten.
Ist der Anfänger an der Longe sicher genug geworden und hat er
gelernt, aktiv auf sein Pferd einzuwirken, so wird ihn der Reitlehrer in
eine Anfängerabteilung aufnehmen. Das ist für den Reiter die einfachste Art, hinter einem geübten Anfangsreiter das Gelernte zu erproben und einigermaßen selbständig anzuwenden, denn in der Abteilung gehen die Schulpferde, dem Herdentrieb und der Stimme des
Reitlehrers folgend, ruhig und gleichmäßig hintereinander her. Der
Reiter hat daher durchaus noch die Möglichkeit, zwischendurch einmal passiv zu sein und sich auf den Sitz zu konzentrieren.
Beim Reiten in der Abteilung lernt der Anfänger sein Pferd zu führen
und zu regulieren, so dass er den Sicherheitsabstand zum Vordermann einhalten kann und sein Pferd die verschiedenen Hufschlagfiguren korrekt ausführt.
Einzelreiten
Hat der Reiter auch in dieser Gruppierung einige Sicherheit gewonnen, ohne dass der Sitz gelitten hat, lässt ihn der Reitlehrer Einzelaufgaben ausführen. Jetzt wird eine präzise Hilfengebung notwendig
und damit die Selbständigkeit des Reiter geprüft und gefördert.
Das Beherrschen des Einzelreitens ist die Voraussetzung für den
ersten Ritt ins Gelände.
Aufbau einer Reitstunde
Die Reitstunde gliedert sich im allgemeinen in drei Abschnitte von je
zwanzig Minuten:
1. Lösungs-und Vorbereitungsphase
2. Arbeitsphase
3. Nachbereitungs- und Entspannungsphase
Zu 1: Lösungs- und Lockerungsübungen für Reiter und Pferd:
Schritt am langen Zügel, Leichttraben, große Wendungen reiten,
Tempounterschiede.
Nachgurten nicht vergessen!
Zu 2: Erlernen neuer Lektionen, Übungen zum Verbessern und Verfeinern der Hilfengebung.
Einlegen einer kurzen Erholungsphase vor dem Ende der Arbeitsphase, bevor sie mit einer Übung beendet wird, die Pferd und Reiter
gut gemacht haben, denn jede Stunde sollte mit einem Erfolgserlebnis
(für beide) abgeschlossen werden.
Zu 3: Zügel aus der Hand kauen lassen, Pferd loben, Schritt reiten,
möglichst im Gelände spazieren reiten oder – führen.
Nach dem Absitzen Gurt lockern, Bügel hochziehen, Pferd versorgen.
Die Reitbahn
Die Reitbahn ist ein offenes oder überdachtes Rechteck von 20 x 40
oder 20 x 60 Metern mit zwei langen und zwei kurzen Seiten.
Die äußere Begrenzung der Reitbahn nennt man Bande.
Entlang der Bande verläuft der Hufschlag, der sich meist als ausgetretene Rinne erkennen lässt. Zirka 1,5 Meter danebenliegt der zweite
Hufschlag.
- Innen ist die dem Inneren der Bahn zugekehrte Seite.
- Außen ist die der Bande zugekehrte Seite.
- Reitet man auf der rechten Hand, so reitet man rechts herum.
- Reitet man auf der linken Hand, so reitet man links herum.
- Die Reitbahn ist aufgeteilt und bezeichnet durch verschiedene
Punkte oder Buchstaben, die auch die Markierungspunkte für die
Hufschlagfiguren darstellen.
Bahnregeln
In der Reitbahn gelten ganz bestimmte Regeln, die für die Sicherheit
von Reitern und Pferden wichtig sind:
- Betritt man die Bahn oder verlässt man sie, ruft man Tür frei und
wartet ein ist frei ab.
- Auf- und abgesessen wird in der Mitte des Zirkels.
- Im Schritt lässt man immer den Hufschlag frei, außer es wird Abteilung geritten.
- Grundsätzlich hat Vorfahrt, wer auf der linken Hand reitet.
- Sind viele Reiter in der Bahn, ist es besser, wenn alle auf der
gleichen Hand reiten. Dann bittet der Reitlehrer oder der
älteste Reiter zirka alle 5 Minuten um Handwechsel.
- Auch in der Reitbahn gelten Sicherheits- und Höflichkeitsregeln,
etwa wie beim Skifahren:
Rücksicht, Vorsicht, Nachsicht.
Rücksicht nehmen auf junge Pferde und unerfahrene Reiter.
Der geübte Reiter kann sein Pferd besser kontrollieren als der
Anfänger.
Immer genügend Abstand zum Vordermann halten.
Immer genügend seitlichen Abstand halten.
Wichtige Grundbegriffe
Man unterscheidet folgende Hufschlagfiguren:
... Ganze Bahn: CMBFAKEH
(rechte Hand)
… Halbe Bahn: CMBXEH
(rechte Hand)
…Lange Seite: MF oder KH
(rechte Hand)
…Kurze Seite: beiderseits C oder beiderseits A
… Mittellinie: (Länge der Bahn): CXA oder AXC
… Wechsellinie durch die ganze Bahn: MXK oder FXH
… Wechsellinie durch die halbe Bahn: ME oder FE oder KB oder
HB
… Mittelpunkt der Bahn: X
… Zirkel:
Er ist ein Kreis von 20 m Durchmesser. Die Zirkelpunkte, die der
Reiter für die Dauer einer Pferdelänge berühren muss, liegen beim
Reiten auf der rechten Hand bei C, auf der Mitte zwischen der Ecke
Nach C und B (10 m), bei X und auf der Mitte zwischen E und der
Ecke vor H (10 m).
Der zweite Zirkel liegt zwischen A und X sinngemäß.
… Aus dem Zirkel wechseln:
Nach Vollendung eines Zirkels reitet der Reiter durch den Punkt X
Und kommt zwangsläufig auf den zweiten Zirkel.
…Durch den Zirkel wechseln:
Hier wendet der Reiter am Zirkelpunkt an der langen Seite in
einem Kreisbogen von 10 m Durchmesser ab, durchreitet den
Mittelpunkt des Zirkels und kehrt auf einem Kreisbogen von
10 m Durchmesser auf die Zirkellinie zurück.
… Wechselpunkte: Sind die Punkte M, F, K und H.
…Einfache Schlangenlinie: Sie ist eine gleichmäßig gebogene Linie
Entlang der langen Seite, die sich maximal 6 Schritt (ca. 5 m) von
der langen Seite entfernt. Sie beginnt beim ersten Wechselpunkt
und endet beim folgenden Wechselpunkt an der langen Seite.
…Doppelte Schlangenlinie:
Sie wird an der langen Seite ausgeführt und entfernt sich zweimal
bis zu maximal 3 Schritt vor der langen Seite. Sie beginnt am ersten
Wendepunkt der langen Seite, berührt B bzw. E mit einer Pferde
länge den Hufschlag und endet beim folgenden Wechselpunkt.
Beide Bogen müssen gleichmäßig sein.
… Schlangenlinien durch die ganze Bahn:
Hier kann die Zahl der Bogen vorgeschrieben werden. Bei z. B.
Fünf Bogen muss der Reiter den Hufschlag der langen Seiten
außer an den beiden Wechselpunkten dreimal, jeweils mit einer
Pferdelänge, berühren.
… Volte:
Sie ist ein Kreis von 6 Schritt (ca. 5 m) Durchmesser.
… Aus der Ecke kehrt:
Dies ist eine Wendung, die bis zur Hälfte wie eine Volte von 6
Schritt (ca. 5 m) geritten wird und nach ca. 9 Schritt zur
Langen Seite hin endet.
…Doppelvolte:
Eine Volte, die zweimal hintereinander ausgeführt wird.
… Acht:
Eine Volte auf der rechten (linken) Hand, der sich sofort eine
Volte auf der linken (rechten) Hand anschließt. Sie wird immer
im Mittelpunkt der Bahn, bei X, ausgeführt.
Was heißt reiten?
Wissenswertes vor der ersten Reitstunde
Jeder weiß, dass wir unter reiten, das Sitzen auf einem Reittier verstehen. Aber es ist ein Unterschied, ob wir uns von einem Esel eine
Anhöhe herauf tragen lassen oder selbständig ein Pferd über einen
Parcours lenken wollen!
Richtiges Reiten hat eine rein technische (physische Seite), die jeder
erlernen kann. Die andere Seite ist Gefühlssache und kann durch
keine Reitlehre vermittelt werden. Die physische Seite des Reitens
soll in diesem Kapitel erklärt werden, damit wir auch einmal verstehen,
worauf die perfekte Ausbildung von Reiter und Pferd abzielt.
Das Pferd befindet sich ohne Reiter im natürlichen Gleichgewicht,
ebenso wie der Mensch ohne Lasten und andere den Bewegungsmechanismus beeinträchtigende Hemmnisse keine Bewegungsschwierigkeiten hat.
Sitzt nun ein Reiter auf einem Pferd, so stellt sich zunächst bei beiden
Lebewesen das Problem, mit dem neuen Gleichgewichtsverhältnis
fertig zu werden. Nicht nur der Reiter hat anfangs Balanceschwierigkeiten, sondern auch das Pferd. Das Gleichgewicht des Pferdes wird
beeinträchtigt, durch das ungewohnte Gewicht und durch die fehlende
Übereinstimmung des eigenen Schwerpunktes mit dem des Reiters.
Reiten ist zu Anfang eine Frage der Balance zwischen Reiter und
Pferd.
Dazu ein einfaches Beispiel: Tragen wir eine Last, so sind wir bestrebt, diese genau über unseren Schwerpunkt zu bringen, da dann
das Tragen am leichtesten fällt.
Wer einen Rucksack trägt, beugt sich vor.
Beim Reiten besteht nun das Problem darin, die Schwerpunkte von
Pferd und Reiter in Einklang zu bringen, damit dem Pferd das Tragen
der Last erleichtert und es in seinem freien Bewegungsablauf nicht
mehr gehindert wird.
Steht das Pferd still, stimmen die Schwerpunkte von Reiter und Pferd
nicht überein: Der Schwerpunkt des Reiters liegt hinter den des
Pferdes. Je schneller sich das Pferd aber fort bewegt, desto mehr
streckt es sich und verlagert entsprechend auch seinen Schwerpunkt
immer weiter nach vorn.
Stimmen nun, bei schlechter Reitweise, die Schwerpunkte beider
Lebewesen nicht überein, so wird sich das Pferd verkrampfen und
unregelmäßig gehen und der Reiter entsprechend unbequem sitzen,
da er auf dem verkrampften Pferderücken geschüttelt wird.
Es gibt nun zwei Möglichkeiten, die Schwerpunkte von Reiter und
Pferd in Einklang zu bringen:
- Der Reiter verlagert seinen Schwerpunkt über den des Pferdes,
indem er der Bewegung nach vorn durch Vorneigen des
Oberkörpers folgt (leichter Sitz).
- Das Pferd wird veranlasst, seine Körperhaltung so zu verändern,
dass sich sein Schwerpunkt nach hinten unter den des Reiters
verlagert (Dressursitz).
Wann nun die eine oder die andere Möglichkeit angewendet wird,
richtet sich nach der vom Pferd verlangten Leistung.
Zu 1: Beim Renn-, Spring- und Geländereiten liegt die Leistung in
erster Linie beim Pferd: Es muss die größtmögliche Geschwindigkeit
bzw. Sprunghöhe erbringen. Der Reiter unterstützt den Bewegungsablauf dadurch, dass er in die Bewegung eingeht und den Oberkörper
über den Schwerpunkt des Pferdes beugt.
Zu 2: Beim Dressurreiten kommt es auf die Gymnastiziertheit des
Pferdes an: Es soll sich so schön und mühelos bewegen wie möglich
und dem Reiter so gehorchen, dass man keinerlei Einwirkung mehr
wahrnimmt.
Durch Gymnastizierung des Pferdes wird schließlich erreicht, dass es
mit der Hinterhand vermehrt unter den Schwerpunkt tritt (Hinterhand-Hinterbeine-Motor des Pferdes). Jetzt hebt sich die Vorhand, die
Tritte werden erhabener, ausdrucksvoller, der Hals wölbt sich und die
Pferdenase steht leicht vor der Senkrechten.
Dadurch wirkt das Pferd runder.
In der Fachsprache nennt man diesen Vorgang Versammlung.
Die Versammlung wird nur über Losgelassenheit des Pferdes, niemals durch Zwang und Verkrampfung erreicht. Dann kann auch der
Reiter entspannt senkrecht im Sattel sitzen bleiben, denn der
Schwerpunkt des Pferdes stimmt mit dem des Reiters überein.
Ist einmal Übereinstimmung im Gleichgewicht erreicht, stellt sich bei
Reiter und Pferd ein Gefühl der Mühelosigkeit ein.
Hat man es aber einmal erlebt, auf einem so mühelos gehorchenden
Pferd zu sitzen, so wird man immer wieder versuchen, diesen Zustand
herbeizuführen. Dies gelingt, je nach Fähigkeiten und Ausbildungsstand von Pferd und Reiter, mehr oder weniger oft.
Jedes gerittene Pferd, ganz gleich ob Freizeit- oder Turnierpferd,
Pony oder Springpferd, sollte lernen, unter dem Reiter gelöst
und im Gleichgewicht zu gehen.
Dafür gibt es zwei Gründe:
- Ein nicht im Gleichgewicht gerittenes Pferd würde bald Schaden an
Sehnen und Gelenken erleiden.
- Auch der Freizeitreiter möchte eine gewisse Übereinstimmung
mit seinem Pferd erleben. Er sollte senkrecht und entspannt im
Sattel sitzen dürfen und ein entspanntes Pferd unter sich fühlen,
das sich mühelos lenken lässt.
Um sich mit seinem Reiter im Gleichgewicht zu befinden, muss das
Pferd einen größeren Teil der Last mit der Hinterhand tragen, den
Rücken entspannt aufwölben und den Hals gelöst fallen lassen, wobei
sich die Pferdenase der Senkrechten nähert.
Doch das alles tut kaum ein Pferd von allein, sondern der Reiter muss
lernen, es dazu zu veranlassen.
Wohlgemerkt nicht durch Zwang, denn man kann niemanden dazu
zwingen, sich zu entspannen!
Diese Feinabstimmung zwischen treibenden Hilfen (damit die Hinterhand vermehrt unter den Schwerpunkt tritt) und verhaltenen Hilfen
(damit das Pferd durch das Treiben nicht eiliger, sondern aktiver wird)
erfordert viel Üben, viel Geduld und vor allem viel Gefühl.
Und da sowohl jedes Pferd als auch jeder Reiter anders sind und
beide sich jeden Tag anders fühlen, lernt man lebenslänglich reiten!
Reiten heißt also eine Übereinstimmung zwischen zwei Lebewesen
herstellen.
Richtig reiten hat daher, abgesehen von allen anderen Zwecken,
zunächst den Sinn, beiden, Pferd und Reiter, den neuen Bewegungszustand so angenehm und kräftesparend wie möglich zu
machen, um daraus zu sportlichen Fähigkeiten zu gelangen oder
einfach Vergnügen zu haben.
ENDE
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