Alle geschenkten Worte sind unterstrichen, sodass ihr kontrollieren

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Alle geschenkten Worte sind unterstrichen, sodass ihr kontrollieren könnt, ob ich Euer
Wort in der Story ohne Namen auch nicht vergessen habe.
Teil 1 als Vorgabe:
Laut und rhythmisch trommelte der Regen auf das Blechdach über ihm. Durch den Lärm des
Regens war er nicht sicher, ob das Pfeifen des Windes nachgelassen hatte. Es schien, als seien
bereits Stunden vergangen, die er kauernd und wartend hier verbracht hatte. Sein Rücken, der
an der nackten und kahlen Wand lehnte, begann quälende Schmerzen auszusenden. Dabei war
es gleich, wie er sich drehte, die Pein blieb die gleiche, zu sehr hatte die Kälte sich in seinen
Gliedern breitgemacht. Seine Gedanken kehrten zum Anfang des heutigen Tages zurück, von
dem er niemals gedacht hätte, dass er in einem solchen Fiasko enden sollte. Als er heute früh
die Augen geöffnet hatte, schien die strahlende Sonne, die sich durch die Ritze seiner
Vorhänge schmuggelte, einen wunderbaren Tag zu versprechen.
Teil 2 Woche 1/2013
Vom Duft des Milchkaffees angelockt, war er ins Badezimmer geschlurft, wo er sich einen
Spritzer Wasser ins Gesicht warf, sein Spiegelbild kontrollierte, zufrieden nickte und die
Treppe zum Speisesaal hinunterging. Es waren bereits viele Tische besetzt und die
anwesenden Hotelgäste verbreiteten mit ihren Unterhaltungen eine muntere Gesprächskulisse.
Er nahm an einem kleinen Tisch nahe der Personaltoilette Platz, lauschte, ein Gähnen
unterdrückend, dem Singsang um ihn herum. Das Frühstücksbuffet des noblen Hotels, vor das
er einige Minuten später trat, war eine wahre Augenweide. Neben den üblichen Lebensmitteln
wie Brötchen, Eier, Wurst, Käse und Zerealien wurden bereits zu dieser frühen Stunde eine
große Anzahl an weiteren Köstlichkeiten angeboten.
Er fragte sich, wer zum Frühstück Lammbraten oder Gyros essen konnte, ihm drehte sich
allein bei der Vorstellung der Magen. Den angebotenen Kuchen und Torten schenkte er einen
längeren Blick, bevor er beschloss, dass er im Augenblick keine Gelüste nach
Schokoladentorte, Linzer Torte, Cupcakes oder mit Nougatschokolade überzogenem
Apfel hatte. Er nahm sich lediglich zwei Scheiben Brot, ein gekochtes Ei sowie eine Butter
und zwei Sorten Marmelade in kleinen Plastikverpackungen. Er liebte es, in Hotels, anders als
zu Hause beim Frühstück, alles in Einzelportionen zu bekommen, obschon ihm durchaus
bewusst war, dass er den Berg Verpackungsmüll, damit mit anwachsen ließ. ‘Sei’s drum’,
dachte er, aß seine Brote und genoss sein Frühstücksei in wachsweich.
Für den Nachmittag war eine Exkursion in die Berge geplant, zwei Tage Natur pur, die er
bereits von Deutschland aus gebucht hatte. Er ging nach oben, packte Kleidung zum
Wechseln in seinen kleinen Koffer und überlegte, ob er alles Notwendige dabei hatte. Im
Gebirge, das fast ständig in Nebel gehüllt war, konnte es sehr kalt werden. Der zuständige
Scout für seine Reisegruppe hatte die Teilnehmer gebeten, für alle Wetterlagen ausgestattet zu
sein. Er faltete ein schwarzes Cape, an dem noch das Preisschild baumelte, zusammen, legte
es zuoberst ins Gepäck, für Regenwetter gewappnet schloss er den Koffer und machte sich
auf den Weg in die Lobby.
Einige Mitreisende standen bereits in Grüppchen zusammen und unterhielten sich angeregt.
Er gesellte sich zu einem Ehepaar, das schweigend nebeneinanderstand.
“Guten Morgen”, begrüßte er die beiden und streckte Ihnen die Hand zur Begrüßung
entgegen. “Gehören Sie auch zu der Gruppe, die die Tour in die Anden macht?”
Beide nickten zustimmend.
“Ich heiße Tom”, stellte er sich vor.
“Ursula und Matthias”, antworte die Frau mit grauem Kurzhaarschnitt. “Ja, wir fahren auch
mit. Haben Sie alles dabei? Wir haben gehört, dass es heute Nacht sogar Schnee geben
könnte”
Tim erschrak und ging im Geiste nochmals den Inhalt seines Koffers durch. Ja, die dicke
Jacke und der Pullover sollten ausreichen, falls sie tatsächlich Wintertage im Gebirge
anstehen sollten.
Ein lautes Poltern riss ihn aus dem Resümee des Vormittags. Er starrte auf die eiserne Tür und
erkannte, dass von unten Licht durch die Ritze fiel. Sie kamen zurück! Wenn ihm doch nur
klar werden würde, warum man ihn ganz alleine in diese Hütte gesperrt hatte. Er vermutete,
dass die anderen Tour Teilnehmer noch gar nicht bemerkt hatten, dass er fehlte. Von draußen
hörte er, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde, er hielt den Atem an und ließ die Tür
nicht aus den Augen. Quietschend schwang sie zurück, er erkannte einen großen in schwarz
gekleideten Mann, auf dessen Jacke ein Emblem mit Drache prangte. Eine tief in die Stirn
gezogene Mütze und eine Sonnenbrille machten es Tom unmöglich, den Mann zu erkennen.
Er zeigte auf ihn und gab ihm ein Zeichen ihm zu folgen. In Toms Kopf flogen die Gedanken
wild durcheinander, er war unfähig sich auch nur einen Millimeter von der Stelle zu bewegen.
Der Mann wiederholte ungeduldig seine Geste und trat einen Schritt auf ihn zu. Noch immer
hielt Panik Tom in ihren Klauen, er versuchte, sich aus dem prickelnden Gefühl zu lösen und
auf den Mann zu zugehen. Doch sein Körper blieb regungslos, paralysiert. Die Augen weit
aufgerissen erkannte er, dass der Fremde ein Kantholz hinter seinem Rücken hervorholte. Im
selben Augenblick spürte er den Schlag an die Schläfe, der ihn zu Boden gehen ließ. Sanfte
Bewusstlosigkeit legte sich über ihn.
Ursula suchte den Rastplatz mit ihren Augen bereits das dritte Mal ab, um Tom zu entdecken.
Er war nicht hier, doch wie konnte das sein? Sie ging vorsichtig zu ihrem Mann, der einige
Meter weiter an einer Feuerstelle saß. Der Boden war glatt wie eine Skipiste, am Himmel
konnte sie nur einen einzigen Stern erkennen, was bedeutete, dass tatsächlich mit erneutem
Schneefall zu rechnen war.
“Hast du Tom irgendwo gesehen?”, fragte sie, stellte sich neben Matthias und rieb ihre Hände
vor dem Feuer.
“Nein, ich glaube nicht, warum?”
Sie zuckte die Schultern: “Irgendwie kann ich ihn nirgends entdecken. Er saß doch in dem
grünen Jeep am Ende des Konvois, oder?” Matthias nickte, zog fluchend seine Hand von der
Feuerstelle und rieb sich den Daumen. “Heiß”, kommentierte er und schaute sich um.
“Vielleicht ist er noch ein Stück spazieren gegangen” entgegnete er nickte bekräftigend.
“So ein Quatsch“, rief Ursula genervt, “bei diesen Bodenverhältnissen macht man keinen
Spaziergang. Ich gehe los und gebe dem Scout Bescheid, wärme Du dich weiter auf!”
Sie stapfte in Richtung der Hütten, in dem sie ihren Fremdenführer vermutete und murmelte:
“Nur nichts unternehmen oder einen Blick auf Mitmenschen haben. Das sieht dir ähnlich,
altes Wurstgewitter, überall und nirgends richtig. Vielleicht noch ein paar Erdäpfel in die
Glut, damit Du nicht Hunger leiden musst” Ursula stieß es sauer auf, wenn ihr Mann so
scheinbar teilnahmslos durchs Leben segelte.
Raoul stand vor einer der Hütten, hielt eine Karte in der Hand und deutete auf einen Punkt.
“Dort liegt unser Ziel für morgen”, erklärte er den Umstehenden und kringelte den Punkt mit
einem Bleistift ein.
“Hat jemand von Ihnen Tom gesehen?”
Sein Kopf dröhnte, als er die Augen aufschlug. Selbst der schlimmste Kater in seinem
bisherigen Leben hatte es vermocht, ihm solche Schmerzen zu verursachen. Benommen
wandte er sich zur Seite und sah sich um. In seiner Nähe erkannte er einen Stuhl und einen
Tisch, auf dem ein Schlüsselanhänger in Form einer riesigen Raupe ohne einen einzigen
angehängten Schlüssel lag. Daneben standen ein Lehmkrug und ein Becher. Tom stand auf,
wankte zum Tisch, goss sich Wasser ins Glas und trank gierig. Er versuchte, sich an die Szene
vor seiner Ohnmacht zu erinnern und zu ergründen, was ihn in diese Lage gebracht haben
könnte. Er fand keine Lösung, die ihm das Warum annähernd erklärte. Was er wusste, war,
dass man ihn gezielt von der Reisegruppe getrennt hatte. Er war der einzige Mitfahrer im
grünen Wagen gewesen, die anderen Touristen saßen in den Autos vor ihm, als sein Fahrer an
einer Abzweigung scharf nach rechts von ihrer Route herunter fuhr. Nach kurzer Strecke
waren sie über eine kleine Brücke an die Hütte gelangt, in die er geschubst und eingesperrt
wurde. ‘Konnte es sich um eine Entführung handeln? Bei ihm? Unmöglich, die Kleinigkeiten
an Geld, die ihm zur Verfügung standen, passten in jedes größere Spardose. Eine
Verwechslung? Schon eher!’ Tom ging zurück in die Zimmerecke und lehnte sich gegen die
kalte Wand. ‘Warum war er nun in einen anderen Unterschlupf gebracht worden? Waren sie
entdeckt worden und Hilfe nahte?’ Schwindel und Hunger ließen Tom resigniert die Augen
schließen. ‘Ich kann nichts tun, nur abwarten’, dachte er und schloss erschöpft die Augen.
Ursula ging in die ihnen zugeteilte Hütte, nachdem sie mit Raoul über das Verschwinden von
Tom gesprochen hatte. Schnell hatte der Scout erkannt, dass tatsächlich eines der Fahrzeuge
nicht auf dem Platz geparkt war. Er versprach, sich sofort auf den Weg zu machen und nach
Tom Ausschau zu halten. Ausgerüstet mit einem Satellitentelefon und Walkie-Talkie sprang
er in einen der Autos und fuhr davon.
“Schauen sie bitte, dass die Gruppe hier zusammenbleibt”, rief er Ursula zu und fuhr davon.
Matthias lag in einer Hängematte, die vor einem Ofen aufgehängt war und sah auf ein Blatt
Papier in seiner Hand. Ursula zog eine Augenbraue nach oben, sie wusste sofort, was ihr
Mann in den Händen hielt.
“Du hast es tatsächlich mitgenommen? Nach Chile, in die Anden? Ich glaube, dass du ein
wenig übertreibst, oder?”
Er zog eine beleidigte Miene und erwiderte: “Und ich glaube, dass du mir diesen Triumph
einfach nicht gönnst. Sonst würdest du verstehen, warum ich es mitgenommen habe!”
“Mit einem Spielplan der A-Jugend durch die halbe Welt fliegen, nur weil man einen Pokal
gewonnen hat? Nein, sorry, es tut mir leid, aber das kann ich beim besten Willen nicht
nachvollziehen. Das ist fast so, als nähme man ein Räuchermännchen mit, um für eventuelle
Weihnachtsdekorationen gerüstet zu sein.”
Matthias schnaubte: “Klar, das kann man absolut miteinander vergleichen.” Er zeigte ihr den
Vogel. “Meine Sache, meinen Stolz darüber wirst Du nie verstehen. Ich versuche auch gar
nicht mehr, es Dir zu erklären. Dein Gemaule geht mir auf den Wecker und ich möchte nichts
mehr davon hören. Erzähl mir lieber, was Raoul gesagt hat!”
“Er hat mir zugestimmt, nachdem er festgestellt hat, dass das grüne Auto fehlt. Er ist
losgefahren, um ihn zu suchen”. Matthias ließ sich aus der Hängematte auf den Boden und
legte seinen Plan auf dem Tisch ab: “Lass uns auch nochmal nach ihm schauen, was denkst
du?”
“Nein, Raoul hat ausdrücklich gesagt, dass wir alle hierbleiben und auf ihn warten sollen.”
“Es kann doch nicht schaden, wenn wir uns zumindest an den Rand unseres Lagers wagen
und schauen, ob wir irgendeine Spur von ihm finden, oder?” Ursula nickte und drehte sich
Richtung Tür: “Na dann lass uns los, aber wirklich nur in der nahen Umgebung,
versprochen?”
“Klar, oder meinst du ich habe Lust mich hier zu verirren und auf irgendwelchen dornigen
Pfaden nach dem Nachhauseweg zu suchen.”
Gemartert erwachte Tom aus einem unruhigen Schlaf, sein Mund war trocken, es fühlte sich
an wie Tapetenkleister auf seiner Zunge, als er versuchte zu schlucken. Mühsam richtete er
sich auf, streckte seine Glieder und ging erneut zum Wasserkrug.
Nachdem er ein ganzes Glas in einem Zug geleert hatte, erkannte er, dass er sich seine
Vorräte ein bisschen besser einteilen sollte. Was, wenn tagelang niemand mehr kam, um nach
ihm zu sehen? Er setzte sich auf den Stuhl, griff nach dem Schlüsselhänger und betrachtete
ihn eingehender. Warum eine Raupe? War dies in Chile eine Art von Glücksbringer, wie dies
bei uns ein Schornsteinfeger, Kleeblatt oder Glücksschwein war? Er wusste es nicht,
wunderte sich aber darüber, welchen Gedankengängen er folgte, denn im Zusammenhang mit
seiner vielleicht aussichtslose Situation erschienen sie ihm eher abstrus. War dies ein
normaler Vorgang im Gehirn, wenn man sich in Extremsituationen befand? Ein Mechanismus
der Gedanken um einen Mietvertrag mit der Normalität zu schließen, damit man nicht
verrückt wurde und handlungsfähig blieb?
Teil 3 Woche 2/2013
Sonderbar, welche Umwege das Gehirn machte, um sich der Aussichtlosigkeit einer Lage zu
entziehen. ‚Ich muss nachdenken‘, ermahnte er sich und versuchte, seine Augen offen zu
halten.
Vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, gingen Ursula und Matthias auf einem der
Pfade, der sich hinter dem Camp nach oben schlängelte. Sie riefen Toms Namen und starrten
in die Dunkelheit, die sich herab gesenkt hatte.
„Lass uns zurück gehen und anderswo nachschauen“, schlug Matthias vor und machte auf
dem Absatz kehrt.
„Schon? Wir sind doch gerade erst losgegangen?“
„Stimmt, aber wir waren uns einig, dass wir uns nicht so weit vom Camp wegbewegen, und
bei dieser Dunkelheit und dem Schnee kommen wir ohnehin nicht viel weiter“, erklärte er
entschlossen.
„Du hast recht, vielleicht ist Raoul schon zurück und weiß mehr.“
Matthias nickte, was Ursula nur erkennen konnte, weil die Taschenlampe in seiner Hand
ebenfalls auf und ab ging. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her: „Es ist mir
ein Rätsel, wie er überhaupt abhandenkommen konnte. Ich meine, das muss Raoul doch
bemerkt haben. Ich würde meine Schäfchen durchzählen, wenn ich eine Reisegruppe zu
führen hätte, oder?“
„Sicher, aber vermutlich macht er so etwas so oft, dass er einfach nicht dran gedacht hat. Du
schaust dir ja auch nicht jedes Mal die Klobrille an, bevor Du Dich darauf niederlässt!“
Sie erreichten das Camp, das von einigen Fackeln erleuchtet wurde. Alle Mitreisenden
schienen sich nicht weiter um das Verschwinden von Tom zu kümmern und waren in ihren
Hütten verschwunden. Auch von Raoul fehlte jede Spur.
„Deine Vergleiche sind wie immer sehr treffend“, rief Ursula und ging in Richtung ihrer
eigenen Behausung. „Darauf trinke ich ein Glas Rotwein und nehme mir vor, mein
Toilettenverhalten gründlich zu überdenken.“ Matthias grinste breit: “Gute Idee, ich komme
mit und hoffe, dass Raoul zu uns kommt, wenn er von seiner Suche zurückgekehrt ist.“
Während Ursula ihre Hüttentür öffnete, setzte Schneefall ein.
4 Monate zuvor
Tom freute sich, endlich am Bahnhof zu stehen. Er hatte befürchtet, dass die Diskussion in
der Firma zu lange und heftig würde und er seinen Zug verpassen könnte. Doch er hatte es
geschafft und freute sich auf das Wochenende. Die Hochzeit seiner kleinen Schwester, das
Wiedersehen mit der gesamten Familie, eine schöne Kulisse im Frühling, ja, das hatte er sich
nach der langen und anstrengenden Woche verdient. Bevor er zu seiner Familie auf Burg
Rabenstein stieß, wo die Feierlichkeiten in und um den Pferdestall stattfinden sollten, wollte
er es nicht versäumen, sich den versteinerten Wald in Chemnitz anzuschauen. Er hatte
bereits mehrfach darüber gelesen, ihn aber noch nie in natura bestaunt. Seinen zukünftigen
Schwager mochte er und freute sich, dass er Tatjana auserwählt hatte. Sie lebte eher
zurückgezogen und er war glücklich, dass dieser Bücherwurm seinen Deckel gefunden hatte.
Jens, ein eher offener Typ, hatte seine Schwester Tatjana dazu gebracht, der Welt ein wenig
mehr von sich zu zeigen.
Der Zug rollte ein und riss ihn aus seinen Gedanken. Er stieg ein, suchte seinen reservierten
Platz und machte es sich bequem. Das Buch, das ihm seine Kollegin auf die Schnelle geliehen
hatte, lag zugeschlagen auf seinem Schoss. Er war keine Leseratte wie seine Schwester, und
wie man Gefallen an einem Buch haben konnte, das sich mit Vampirismus beschäftigte, blieb
ihm schleierhaft.
„Breaking Dawn“, murmelte er sarkastisch und steckte die Leihgabe zurück in seinen
Koffer. Müde streckte er die Beine aus und schaute durch das Fenster auf die vorbeifliegende
Landschaft. Sie passierten eine von Büschen mit Schneebeeren umringte Skateranlage, die
schon bessere Tage gesehen haben musste. Außer einem gelangweilt aussehenden jungen
Mann, der auf einer der Bänke Platz genommen hatte, war der Platz verwaist.
Einige Minuten später passierte der Zug eine Wohnsiedlung, die sehr nahe an den Gleisen
erbaut worden war. In den Fenstern sah er, wie er dachte, Hunderte von Orchideen. Tom
musste über die Eigenart mancher Menschen schmunzeln, sich im Orchideenzüchten
gegenseitig Konkurrenz zu machen. Im letzten Block der Anlage bemerkte er einen
Tulpenstrauß in einem Fenster, der ihn daran erinnerte, dass er noch einen Blumenstrauß
für Tamara besorgen musste. Der Bahnhof von Chemnitz kam nach einer weiteren Stunde
Fahrt in Sicht. Schon von weitem sah er, dass es hier geregnet haben musste. Viele der
abgestellten Räder waren mit einer Fahrradgarage abgedeckt, sodass sie wie bunte
Farbkleckse aus dem trüben Grau herausstachen. ‚Hoffentlich haben die beiden morgen nicht
so ein Wetter‘, dachte er, nahm seinen kleinen Koffer und ging zum Ausgang des Abteils.
Raoul schwitzte, obwohl es um ihn herum immer kälter wurde.
‚Was haben diese Armleuchter sich nur dabei gedacht, ausgerechnet Tom Werner zu
entführen? Dass der Wissenschaftler schneller vermisst werden würde, als sie ihre benötigten
Informationen aus ihm heraus bekommen konnten, war ihm von Anfang an klar gewesen,
dennoch hatte er sich dazu überreden lassen. Während er auf den Platz vor dem alten Haus
fuhr bemerkte er, dass die Tanknadel sich bedrohlich nach links neigte. Er hoffte, noch
genügend Benzin zu haben, um nach der Unterredung mit Jesus ins Camp zurück zu
gelangen. Er stieg aus, stapfte an die Tür und hämmerte mit der Faust dagegen. Nichts regte
sich. Genervt schaltete er seine Taschenlampe ein und ging um das Haus, um nach seinen
Kameraden Ausschau zu halten. An der Hinterseite fand er ein Fenster, an dem die Vorhänge
nicht zugezogen waren. Er richtete den Strahl der Lampe darauf, sah jedoch nichts als sein
Taschenlampenlicht, das durch eine Badewannenarmatur zurückreflektiert wurde. Was ging
hier vor sich? Wo waren die anderen? Nach ihrem Plan sollte Tom Werner hier festgehalten
und befragt werden. War etwas schief gelaufen? Raoul war ratlos, umrundete das kleine Haus
ein zweites Mal und hämmert erneut an die Tür. Keine Regung war von innen zu hören oder
zu sehen. Lange konnte er nicht mehr verweilen, denn die Reisegruppe war sicher schon
beunruhigt über sein Fortbleiben. Zudem schneite es immer heftiger und hier in den Bergen,
auf den nicht betonierten Straßen, wurde es rasch schwierig, mit dem Auto voranzukommen.
Er ging zurück zum Wagen und fuhr los.
Tom schreckte aus seinem unruhigen Schlaf hoch und am ganzen Leib zitternd erinnerte er
sich an seinen Traum: Ein Zauberer, der einen Umhang, dessen Farbe an Tannengrün
erinnerte, und eine bemooste Brille trug, trat vor ihn und befahl ihm, sich seiner
Erinnerungen zu entledigen, indem er sie in ein Glas mit Kumquats warf. Verwirrt hatte er
den Magier gefragt, warum er seine Erinnerungen vergessen solle.
„Wer nichts weiß, kann nichts weitergeben”, erwiderte dieser, verwandelte sich vor Toms
Augen in einen Phantasievogel mit Entenschnabel und Pinselohren, schlug heftig mit
seinen Flügeln und war verschwunden. Der wirklich beängstigende Aspekt seines Traumes
aber war, dass ihn das Gefühl beschlich zu ahnen, warum er in die Hände dieses Mannes
gefallen war. Diese Erinnerung ließ sich aber nicht in sein Bewusstsein heben.
„Was will dieser Kerl von mir“, rief er laut durch den Raum und stellte sich langsam und
noch immer zittrig auf die Füße. Er schlurfte zum Tisch und nahm den Schlüsselanhänger in
die Hände. Während er ihn genauer untersuchte ertastete er etwas Hartes und entdeckte einen
auf dem Rücken der Raupe eingelassenen Reißverschluss. Vorsichtig zog er am Zipper und
starrte auf einige kleine, zerbrochene Muscheln. Er runzelte die Stirn, steckte seinen
Zeigefinger noch tiefer in die Öffnung und warf dann den Anhänger enttäuscht in die
Zimmerecke. Es war nichts weiter darin verborgen. Als er sich gerade auf dem Stuhl
niedergelassen hatte und überlegte, ob er sich noch einen Schluck seines Wassers gönnen
konnte, hörte er das Geräusch eines herannahenden Wagens. Er überlegte kurz, ob er sich auf
den Boden legen und schlafend stellen sollte, beschloss aber an Ort und Stelle zu bleiben,
denn seine Situation konnte fast nicht verfahrener werden. Er erlauschte zwei zuschlagende
Autotüren und Schritte, die sich näherten.
Ursula schrak auf und sah zum Fenster. Sie war sicher, dass sie einen Schatten daran vorbei
huschen gesehen hatte. Ängstlich stand sie auf und ging in geduckter Haltung zu Matthias, der
sich bereits ins Bett zurückgezogen hatte. Vorsichtig schubste sie ihn an seiner Schulter an
und wisperte: „Matthias, bist du wach?“ Er murmelte etwas Unverständliches. Ihr zweiter
Stoß fiel energischer aus. „Wach auf, da draußen ist irgendjemand!“ Schläfrig öffnete
Matthias die Augen und sah sie fragend an: „Was meinst Du?“
„Gerade hat sich jemand an unserem Fenster vorbeigeschlichen.“ Er gähnte und setzte sich
auf: „Ja und? Sicher geistert jemand über den Platz und findet den Weg in seine Hütte nicht!“
Ursula hob warnend ihren Zeigefinger an die Lippen und schüttelte den Kopf: „Psst, sei leise,
denn das glaube ich ganz und gar nicht. Hier stimmt etwas nicht und ich möchte, dass wir
nachschauen gehen!“ Mürrisch wälzte er sich aus dem Bett und schaute sich nach einem
Gegenstand um, den er im Notfall zur Verteidigung einsetzten konnte. Doch außer einer
Apfeltasche und einem Energy-Drink vom Nachmittag, die noch auf dem Tisch standen, sah
er nichts, was ihm weiterhalf. Auch eine aus Wolle gestrickte Handarbeit die ein
Eichhörnchen darstellen sollte und auf dem Regal über dem Bett lag erschien ihm nicht
nützlich. Zum Glück hatte er seine große Taschenlampe mitgenommen, mit der er zur Not
einen schmerzhaften Schlag austeilen konnte. Rasch zog er sich Hose und Pullover über und
folgte Ursula zur Tür. Behutsam drückte er die Klinke herunter, um möglichst wenig Lärm zu
verursachen. Als er die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte, sah er sich einem Mann mit
Maske gegenüber, der ihnen bedeutete ihm zu folgen. Ursula fand, nachdem sie ein paar
Schritte hinter dem Mann hergegangen waren, als Erste die Sprache wieder: „Was soll das
Ganze eigentlich? Wo gehen wir hin?“ Der Mann drehte den Kopf nach hinten, zischte,
befehlsgewohnt: „schweig“ und marschierte weiter in Richtung der Hütte, in der die Küche
des Camps untergebracht war.
„Warum“, kreischte Ursula laut über den Platz. „Was wollen Sie von uns und wo ist Tom?“
Wütend machte der Mann mit der Maske auf dem Absatz kehrt, kam auf sie zu gerannt und
schnappte sie beim Arm: „Wenn Du nicht still bist“, zischte er mit leichtem Akzent, „wirst Du
keine Zeit haben, das heraus zu bekommen. Und jetzt kommt!“ Er öffnete die Tür zur Küche
und winkte sie hinein. Drinnen war es düster, das Küchenfeuer war erloschen und lediglich
zwei kleine Stummelkerzen erleuchteten den Raum. Der Mann wies auf die Stühle am Tisch
und befahl ihnen, sich zu setzen.
„Wie lange kennen Sie Tom Werner schon?“
„Seit kurz vor unserer Abfahrt vom Hotel“, antwortete Ursula. „Falls Tom Werner der Tom
ist, den wir seit einigen Stunden vermissen”. Der Mann nickte und stach mit einem kleinen
Taschenmesser in seiner linken Hand in die hölzerne Platte des Tisches. „Was wissen Sie über
ihn?“, forschte er weiter und sah sie erwartungsvoll an. Matthias zuckte mit den Schultern:
„Ich weiß zwar überhaupt nicht, warum Sie ausgerechnet uns über diesen Tom befragen, aber
ich kann Ihnen versichern, dass wir nichts wissen, außer dass er mit zu dieser Reisegruppe
gehört.“ Ursula nickte zustimmend: „Genau. Aber nun habe ich auch eine Frage, was ist hier
eigentlich los? Ich meine, zuerst verschwindet ein Mann aus unserer Reisegruppe und dann
kommen Sie daher und zerren uns hier zum Verhör. Was soll das Ganze?“ Matthias wurde
bleich, als er die Worte seiner Frau hörte und sah, wie sich der Mann langsam, ganz langsam
auf den Weg zu ihrem Stuhl machte.
Raoul stieg fluchend auf die Bremsen und wich einem großen Ast aus, der fast quer über dem
Pfad lag. Verfluchter Schnee und wenn das so weiter ging konnte es noch eine halbe Ewigkeit
dauern, bis er das Camp erreichte. Und er musste vorsichtig sein, die Rodung an
verschiedenen Stellen im Gebirge hatte eine erhöhte Lawinengefahr zur Folge. Er hoffte, es
trotz der widrigen Umstände zu schaffen, bei seiner Reisegruppe zu sein, bevor weitere
unvorhergesehene Aktionen stattfanden.
Teil 4 Woche 3/2013
Tom verharrte regungslos auf seinem Stuhl und starrte zur Eingangstür. Er hörte, dass zwei
Personen rasch auf die Hütte zukamen. Entgegen seiner Einstellung zur Religion hob er seine
Hand und schlug rasch ein Kreuz vor seinem Gesicht. Die Tür öffnete sich mit einem Rums,
die beiden eintretenden Männer postierten sich vor ihm und verschränkten die Arme.
„Señor Werner, ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen“, sprach der eine von ihnen in ruhigem
Tonfall. Die Unterseite seines Gesichtes war von einem karierten Schal verdeckt, doch seine
Augen, ungewöhnlich blau zu seinem schwarzen Haar, brannten sich sofort in Toms
Gedächtnis. Der zweite Kerl, von kleiner und bulliger Statur, war nun etwas in den
Hintergrund getreten. Er stupste unablässig mit dem rechten bestiefelten Fuß an die Kante des
Ofens, der in der Ecke stand. ‚Er ist nervös‘, erkannte Tom, obwohl das Gesicht des Mannes
von einer schwarzen Wollmaske komplett verdeckt blieb. ‚Kann kaum stillhalten‘.
„Was können Sie uns über die Untersuchungen sagen, die hier oben seit einigen Wochen
stattfinden?“
Tom zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht, wovon sie sprechen!“
„Die Hütte, um die Sie Zelte aufgestellt haben, um zu forschen“, erwiderte der Mann noch
immer gelassen. „Sie wissen sehr genau, worüber ich rede.“ Tom zuckte abermals die
Schultern: „Keine Ahnung!“
Sein Gegenüber griff in die Manteltasche, förderte ein Bonbon zutage, wickelte es in aller
Seelenruhe aus und ließ Tom dabei für keine Sekunde aus den Augen.
„Keine Ahnung? Dann will ich Ihrem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Wir
kennen die Pläne Ihrer Organisation bezüglich der Hölzer, die hier oben wachsen. Ich kann
mir kaum vorstellen, dass es von ungefähr kommt, dass es plötzlich ungemein wichtig ist, nur
Bäume aus einem ganz bestimmten Areal zu fällen. Und da kommen Sie und Ihre
Forschungen ins Spiel. Deshalb frage ich Sie nun zum zweiten Mal, welche Untersuchungen
werden dort oben durchgeführt?“
Toms Gedanken vollführten eine wilde Karussellfahrt. Was redete der Kerl da? War es
möglich, dass seine Theorien hier oben und ohne sein Wissen überprüft und umgesetzt
wurden? Sein Projekt war in die engere Auswahl für die neu erhaltenen Forschungsgelder
gekommen, doch er wusste nichts davon, den Zuschlag bekommen zu haben. Zum Zeitpunkt
der Bekanntgabe der ausgewählten Versuche war er bereits auf dem Weg zur Hochzeit seiner
Schwester Tamara gewesen. Doch war er davon ausgegangen, dass ihm einer seiner Freunde
im Institut Bescheid gegeben hätte: „Hören Sie“, begann er zögernd. „Ich weiß wirklich nicht,
was dort oben getrieben wird. Sie haben absolut recht damit, dass ich mich beruflich mit
Botanik und deren Verwendung in der Pharmazie beschäftige. Aber was immer hier gemacht
wird, ich weiß es nicht!“
Der Mann mit den blauen Augen ging einen Schritt auf ihn zu und trat energisch an den Stuhl,
auf dem Tom saß. Der Kerl am Ofen war mit drei Schritten neben ihm und hob drohend eine
Faust.
„Glauben Sie mir Señor Werner, Sie wissen es sehr genau und ich werde es aus Ihnen heraus
holen! Wir werden sehen, wie gesprächsbereit Sie nach einer Nacht mit meinem Partner hier
sind. Zu Ihrer Information, er ist nicht besonders gut auf Europäer zu sprechen und wird Sie
deshalb nicht wie eine Prinzessin behandeln. Noch haben Sie die Wahl, reden Sie mit mir!“
Tom schüttelte resigniert den Kopf: “Ich müsste selbst erst herausfinden, ob die Arbeiten, von
denen Sie sprechen, etwas mit mir zu tun haben. Dazu brauchte ich ein Telefon und ein Fax.
Ich kenne die neuen Beschlüsse des Institutes nicht, ich schwöre es Ihnen.“
„Seien Sie vorsichtig mit dem, was Sie schwören, Señor. Ich werde jetzt zurück in unser
Lager fahren um die Situation mit meinem Boss zu besprechen. Vielleicht kommt er Ihrer
Bitte nach Kommunikationsmitteln nach. Bis dahin haben Sie Zeit nachzudenken und sich mit
meinem stachligen Zwerghamster hier“, er berührte die Brust seines Kollegen mit dem
Zeigefinger, „anzufreunden“. Er lächelte ihn mit abschätziger Miene zu und ging zur Tür, der
zweite Kerl folgte ihm. Tom nahm wahr, dass sie draußen einige hitzige Worte wechselten,
bevor sein Bewacher wieder eintrat.
Ursulas Vorhang fiel in dem Moment, als ein heftiger Schlag auf ihren Wangenknochen sie
erbeben ließ. Bewusstlos sackte sie einige Zentimeter auf ihrem Stuhl nach vorne. Matthias
sprang auf und stürzte sich blindlings auf den Angreifer. Mit Fäusten und Fußtritten
hämmerte er auf ihn ein, ohne sich auch nur für den Bruchteil einer Sekunde an das Messer in
seiner Hand zu erinnern.
„Du hast sie geschlagen“, keuchte er fassungslos, während weitere seiner Schläge auf den
Gegner herabprasselten: „Du elender Schurke, ich verarbeite Dich zu Vogelfutter“, stieß er
wütend hervor, als ihn ein jäher Schmerz in seiner Flanke erstarren ließ. Erschrocken schaute
er an sich herunter und sah ein dünnes Rinnsal Blut seitlich unterhalb seiner Brust, das sich
langsam auf der Jacke ausbreitete. Der Maskenmann steckte sein Messer ein und lief laut vor
sich hin fluchend zum Ausgang der Küche. Matthias versuchte rasch ihn noch einzuholen,
doch ein heftiger Schwindel ergriff ihn. Er ging langsam zurück zum Stuhl seiner Frau, die
Hüttentür schlug laut ins Schloss.
Stöhnend tastete er an ihrem Handgelenk nach einem Puls, den er augenblicklich spüren
konnte. Mit einer Woge der Erleichterung streichelte er über ihren Kopf und kuschelte sich
müde auf den Stuhl neben sie.
Nach einigen Minuten des Durchatmens und Sammelns schob er vorsichtig seine Hand unter
die Jacke und seinen Pullover. Er fühlte, dass die Wunde nicht allzu tief zu sein schien, doch
sie blutete noch immer. Langsam erhob er sich und ging zu den Schränken der kleinen Küche.
Er öffnete Schranktüren und hoffte, irgendetwas zu finden, um seine Verletzung zu versorgen.
Im Fach unter der großen Spülschüssel fand er einige Mullbinden und Pflaster, die zwar in
keinem Verbandskasten mehr einen Platz gefunden hätten, doch für seine Situation
ausreichend erschienen. Er schlüpfte aus Jacke und Pullover, versorgte seine Wunde
notdürftig und ging zurück zu Ursula. Ihre Wange schien stark angeschwollen, soweit er dies
im Dämmerlicht der Kerzen erkennen konnte. Vorsichtig stieß er sie an. Sie murmelte leise
und rutschte auf dem Stuhl hin und her.
„Süßes, komm zu Dir, er ist weg“, flüsterte er und schubste sie erneut zärtlich an der Schulter.
Sie öffnete die Augen und sah ihn verwirrt an: „Wer ist weg? Wo sind wir?“
„Noch in der Küchenhütte, aber der Kerl mit der Maske ist verschwunden“, flüsterte er sanft.
Stöhnend fasste Ursula sich ins Gesicht und erwiderte sarkastisch: „Das muss der gewesen
sein, der mir das hier beschert hat, oder?“
„Ja, erinnerst Du Dich nicht?“
„Doch“, sie nickte bekräftigend. „So langsam ist wieder alles da. Er sucht auch nach diesem
Tom, stimmts?“
„Stimmt, und es scheint ihm sehr wichtig zu sein, denn er greift zu drastischen Maßnahmen.“
Ursula nickte erneut und bemerkte dem blutbefleckten Pullovers, den Matthias sich wieder
angezogen hatte: „Was ist passiert? Ich meine, nachdem ich ohnmächtig wurde?“
Er ging vor ihr in die Hocke, nahm ihre Hände und erzählte ihr von seinem kurzen Kampf mit
dem Maskenmann. Ursula sah ihn fassungslos an und rief erbost: „Was bist Du für ein Esel?
Dir hätte klar sein müssen, dass es dem Kerl bitterernst ist. Sein Messer hat er uns sicher nicht
umsonst schon vor seinen Fragen so eindrucksvoll präsentiert. Denk dran, was Dir hätte
zustoßen können!“
Matthias schaute beschämt zu Boden: “Du hast ja Recht, aber als ich gesehen habe, was er mit
Dir gemacht hat, sind meine Sicherungen durchgebrannt, verstehst Du? Niemand schlägt
ungestraft meine Frau, das dulde ich von niemandem und würde mich zur Not auch mit einem
Velociraptor anlegen“, erklärte er mit einer Mischung aus Ernst und Schalk in der Stimme.
Ursula setzte zu einem Lächeln an, das ihr schmerzbedingt nur schwer gelang. „Ich weiß
schon, wie ich meinen Helden zu Hause für seinen Mut belohne“, sagte sie, während sie ihm
sanft über das Gesicht streichelte.
„Das will ich hoffen“, grinste er und nahm sie in die Arme, verwundert darüber, dass sie
schon wieder zu Scherzen aufgelegt waren. Sie wand sich sehr schnell wieder aus seiner
Umarmung: „Nein, das habe ich nicht gemeint. Ich dachte eher an einen frischgebackenen
Mohnstrietzel zu einer schönen Tasse Latte Macciato!“
Er lächelte: „Willst du etwa behaupten, ich hätte je an etwas anderes gedacht? Diesen
Stempel lasse ich mir nicht aufdrücken“, spottete er. „Ich muss feststellen, dass die
Gedankengänge meiner Frau manchmal wirklich voll abgefahren sind. Und da behauptet
man, dass nur Männer immer an das Eine denken würden”.
„Ja, ja. Ich weiß, ich weiß Du Ei“, konterte sie in betont gelangweiltem Tonfall. „Wir Damen
sind euch in Sachen schmutzige Gedanken um Längen voraus.“
Er nickte heftig: „Sag ich doch, und ich wusste es schon immer. Übrigens das StrietzelAngebot klingt sehr verlockend. Aber jetzt mal im Ernst, ich werde das Gefühl nicht los, dass
diese Sache hier noch lange nicht am Ende ist. Was sollen wir tun?“
„Ich wünschte, ich hätte nie etwas über Toms Verschwinden gesagt. Ich und mein loses
Mundwerk. Jetzt sitzen wir ganz schön in der Tinte.“
Matthias nahm sie erneut in die Arme: „Nein, dass du etwas über sein Verschwinden gesagt
hast, war richtig. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was er gerade durchmacht.“
Sie nickte und schmiegte sich noch fester an ihn: „Lass uns von hier verschwinden!“
Raoul bog mit eingeschaltetem Fernlicht auf dem Parkplatz des Camps ein. Auf den ersten
Blick schien alles ruhig und friedlich. Er stieg aus und machte sich auf den Weg zur Hütte
von Matthias und Ursula. Er bemerkte Fußspuren, die sich von der Hütte des Ehepaares
vorbei am Grillplatz zum Küchenhaus fortsetzten. ‚Zurzeit ist wohl eher Wintergrillen
angesagt‘, dachte er zerstreut, und ging trotz der Spuren zuerst an die Hütte von Matthias und
Ursula. Als ihm nach zweimaligem Klopfen niemand öffnete knipste er seine Taschenlampe
an, öffnete die Tür und ging hinein. Der Raum war verlassen. Auf einem der Betten lag ein
aufgeklappter Koffer, aus dem ihm ein Paar Flip Flops, die zuoberst lagen, ins Auge fielen.
Er schüttelte verständnislos den Kopf: ‚Was dachten sich diese Schlafmützen von Touristen
nur immer von ihren Ausflügen in die Anden? Lasen sie keine Reiseführer? Hier oben ist
solches Schuhwerk so sinnvoll wie ein Tapetenbaum auf einer Geburtstagstorte.‘
Nach einem Blick in das Badezimmer, das ebenfalls verwaist war, machte sich Raoul auf den
Weg zur Küche. Bevor er die Türe öffnen konnte, trat ihm das Paar entgegen. Raoul
erschrakt, als er die Blessuren in Ursulas Gesicht und den Blutfleck auf dem Pullover von
Matthias entdeckte: „Um Himmels Willen, was ist passiert?“
„Kein Abendspaziergang und nichts, was Sie verhindert haben, oder? Wo waren Sie, als der
Wahnsinnige uns hier in die Küche geschleppt hat? Wir hauen hier ab. Welchen Wagen
können wir nehmen?“
Raoul hob beschwichtigend beide Arme: “Langsam, egal was vorgefallen ist, Sie können
unmöglich ins Tal fahren. Nicht bei diesem Wetter. Lassen Sie uns hineingehen und reden!“
„Und ob wir können! Freiwillig bleiben wir keine Minute länger hier. Sehen Sie, was meiner
Frau widerfahren ist?“
Raoul nickte bekümmert: “Ja, das sehe ich. Darum bitte ich Sie, mir zunächst alles in Ruhe zu
berichten. Bei diesem Wetter würde sich noch nicht einmal ein Schneehuhn auf
Wanderschaft begeben. Es ist unmöglich, wir müssen den morgigen Tag abwarten.“
Ursula hakte sich bei ihrem Mann unter und zog ihn zurück in die Küche: „Er hat recht,
setzten wir uns.“
„In Ordnung“, knurrte Matthias und nahm Platz.
Raoul ging an einen der Schränke, klapperte einige Minuten mit Geschirr und stellte dann drei
Tassen mit heißem Tee auf den Tisch.
„Hagebutte“, erklärte er, „wachsen wie Unkraut hier, seit dem sie irgendwer ins Land
gebracht hat.“
Er reichte Ursula eine der Tassen und war erleichtert, dass diese sie ihm dankend abnahm.
Dass ihre geplante Aktion mit dem Wissenschaftler dermaßen aus dem Ruder gelaufen war,
knabberte sehr an Raoul. Er war fest entschlossen, die Situation am nächsten Tag zu
bereinigen . Es hatte nie in seinen Absichten gelegen, unschuldige Touristen mit in die Sache
hineinzuziehen. Auch das der Wissenschaftler, den sie angeblich nur befragen wollten,
verschwunden war, gefiel ihm ganz und gar nicht. Es musste noch etwas anderes hinter
diesem Auftrag stecken, etwas Größeres, von dem er nichts ahnte: „Erzählen Sie“, richtete er
das Wort an Ursula und Matthias.
4 Monate zuvor
Im Hotel angekommen genehmigte sich Tom eine ausgedehnte Dusche, aß sein Betthupferl
und legte sich im gestärkten Hotelbademantel und mit zuvor georderter Wärmflasche aufs
Bett. Bei diesem Wetter würde er erst einmal ein wenig entspannen, bevor er seine
Erledigungen und seine Sightseeing Tour begann. Nachdem er eingenickt und eine halbe
Stunde später erwacht war, stand er auf und trat ans Fenster. Es regnete noch immer, aber
lange nicht mehr so heftig. Die Hausfassade gegenüber, grau und abgeblättert, bot ein
trostloses Bild. Er zog sich an, nahm seine Jacke und ging nach unten in die Lobby.
„Wie komme ich von hier am schnellsten zum Kulturkaufhaus?“, fragte er die Dame an der
Rezeption. Die Frau lächelte und holte eine kleine Karte auf den Tresen: „ Nehmen Sie die
Linie 1 und fahren sie bis zur Zentralstation. D AS tietz liegt auf der gegenüberliegenden
Straßenseite, orange Fassade, fast wie ein Leuchtturm, und kaum zu verfehlen.“
Sie deutete auf eine rot angekreuzte Stelle auf dem Plan.
„Darf ich?“, fragte Tom und nahm die Karte an sich.
Sie nickte: „Selbstverständlich! Die Bushaltestelle ist ca. 100 Meter nach rechts. Sie müssen
sechs Stationen fahren“
Tom schlenderte zur Bushaltestelle und stieg keine vier Minuten später in die Linie eins ein.
‚Perfektes Timing‘, dachte er und nahm mit einem Stehplatz vorlieb, da der Bus voll besetzt
war.
Endlich konnte er die verkieselten Stämme selbst in Augenschein nehmen. Sie stellten eine
besondere Abart seines Bereiches Botanik dar. Er selbst befasste sich ausschließlich mit
lebendigen Pflanzen und Bäumen.
Rasch war er an der angegebenen Station angekommen. Er stieg aus, öffnete seinen Schirm
und beobachtete amüsiert einen Mann, der verzweifelt versuchte, auf einem der
ausgeschilderten Frauenparkplätze einzuparken. Als der Beobachtete nach dem dritten
Anlauf in der Parklücke endlich stand und ausstieg wurde Tom klar, warum dieser solche
Schwierigkeiten gehabt hatte. Sein beachtlicher Bauch hatte ihm das Zurückschauen
sicherlich extrem erschwert. Er wunderte sich, dass der Mann überhaupt in diesen
Kleinwagen gepasst hatte.
‚Beachtlich, bei dem Rettungsring‘, überlegte er und ging hinüber zum Kulturkaufhaus.
Er bestaunte den versteinerten Wald hypnotisiert und war so vertieft in seinen Anblick, dass
er zuerst nicht einmal bemerkte, wie eine Gruppe japanischer Touristen sich leise und
unbemerkt wie ein Schwarm Geisterfische um ihn gescharrt hatte. Erst als ein wahres
Feuerwerk aus Blitzlichtgewittern um ihn herum aufflammte lies er die verkieselten Stämme
aus den Augen. Tom mochte es überhaupt nicht, wenn er in ein Kunstwerk der Natur
eingetauchte und eine lärmende Horde ihn dabei störte und ablenkte.
Mit raschen Schritten verließ er den Innenhof des Kulturkaufhauses und trat auf die Straße.
Bei seiner Ankunft hatte er nicht weit vom Museum ein Restaurant entdeckt und er verspürte
Hunger. Rasch nahm er sein Portemonnaie zur Hand und zählte seine Geldscheine. Er trug
noch genügend Bargeld bei sich, sodass er sich auf den Weg zum Restaurant Im Ruderboot
machen konnte.
In der Gaststätte war lediglich ein Tisch besetzt, was ihn zu dieser Tageszeit nicht sonderlich
verwunderte. Er setzte sich an einen kleinen Tisch in der Ecke und nahm die Karte zur Hand.
Die Empfehlung des Tages, so verriet es ihm die erste Seite, war der Schwarzwälder-KirschEisbecher mit doppelter Portion Kirschlikör á la Chefkoch. Er erschauderte, bei diesem
nasskalten Wetter schien es ihm keine gute Idee, Eis zu sich zu nehmen. Er entschied sich für
eine Linsensuppe mit Speck, die zwar nicht seine Leibspeise war, aber etwas Wärme von
innen versprach. Er gab seine Bestellung auf, ging zur Toilette und belächelte die dort
angebrachte Toilettenbürstenbenutzungsanweisung. Auf dem Weg zurück zu seinem Tisch
klingelte sein Smartphone. Das Display verriet ihm, das sein Arbeitgeber am anderen Ende
der Leitung seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Er stelle das Telefon auf lautlos, steckte es
zurück in seine Hosentasche und murmelte entschlossen: „Jetzt nicht, ich hab frei.“
Teil 5 Woche 4/2013
Raoul ging mit Ursula und Matthias zu deren Hütte. Am Dach hingen bereits vereinzelt
Eiszapfen herunter, und die Kälte schien noch nicht an ihrem Höhepunkt angelangt zu sein.
Die vereinzelten Knospen, die Ursula und Matthias gestern bei Tageslicht entdeckt hatten,
waren sicher bereits erfroren. Drinnen setzten sie sich an den Tisch und der Touristenführer
fragte traurig: „Also was ist geschehen?“ Matthias erzählte und versuchte, nichts
auszulassen. Raoul schüttelte entsetzt den Kopf, als er von dem Angriff mit dem Messer
hörte. Er war nun sicher, dass die Beweggründe den Wissenschaftler Tom zu entführen und
auszufragen, ganz andere waren, als die, die man ihm vermittelt hatte. Er sah auf seine
Armbanduhr, der Sekundenzeiger schien sich sehr langsam zu bewegen. Die Sicherheit der
ihm anvertrauten Touristen musste gewährleistet sein, und das ging erst, wenn er sie gleich
morgen früh wieder hinunter in die Stadt gebracht hatte: „Schließen Sie Ihre Türen ab und
verlassen Sie vor Tagesanbruch auf gar keinen Fall Ihre Hütte. Ich werde versuchen heraus zu
bekommen, was da draußen vor sich geht.“ Er stand auf und ging zur Tür: „Ich möchte mich
bei Ihnen entschuldigen, ich wusste nicht, dass Sie beide in Gefahr sind.“ Matthias folgte ihm
und hielt Raoul an der Schulter fest: „Sie sagen uns nicht, was Sie wissen, besser gesagt,
sagen Sie gar nichts. Vielleicht stecken Sie mit in der Sache und ich entschuldige mich, falls
ich vollkommen daneben liege. Aber Ihre Reaktionen über meinen Bericht des Angriffs
vorhin schienen mir nicht sehr überrascht.“
„Matthias, bitte verurteile hier niemanden, bevor du Genaueres weißt. Wir wollen keine
Treibjagden die in einer Hexenverbrennung enden, wir wollen in Sicherheit sein. Zumindest
kann ich das für mich behaupten. Schlaflos bin ich den Rest dieser Nacht ohnehin, dazu
brauche ich keine Mörderpistolen oder Vampirgeschichten!“
Raoul nickte zustimmend: “Ihre Frau hat recht, ich verspreche, mich um die Sache zu
kümmern. Aber Sie müssen mir vertrauen und unbedingt hier drinnen bleiben.“ Er fasste in
seine Jackentasche und holte einen winzigen Gegenstand heraus, den er Ursula entgegen
streckte: „Hier, nehmen Sie das.“
„Was ist das?“
„Das ist mein Sorgenpüppchen, und ich bitte Sie, recht gut darauf aufzupassen. Es ist ein
Geschenk meines Freundes aus Guatemala und wird Ihre Sorgen vertreiben. Erzählen Sie ihr
Ihr Leid und stecken Sie die Puppe unter Ihr Kissen.“Matthias stemmte die Arme in die
Hüften. „Sie sind mir vielleicht ein Clown, statt uns mit einer Waffe auszustatten kommen
Sie mit Ihrem magischen Schnickschnack an. Als Nächstes postieren Sie ein Einhorn vor
unserer Tür, quasi als Wachposten! Ich will mich nicht hier verschanzen und darauf warten,
dass wir flüchten können. Wir kommen mit Ihnen!“
Tom saß mit dem Rücken am Ofen und fror entsetzlich. Sein Bewacher hockte, die Beine auf
den Tisch gelegt, auf dem Stuhl und hatte sich seiner Wollmaske entledigt. ‚Kein gutes
Zeichen‘, dachte Tom, ‚ jetzt kann ich sie alle identifizieren.’
Der Kerl wackelte auf dem Stuhl hin und her und dabei wackelte sein großer, langer
Schnurrbart im Takt. Er schien Tom vergessen zu haben und fingerte unablässig mit einem
Zahnstocher im Mund herum.
„Wenn Sie so weiter machen“, sprach Tom ihn an, „bekommen Sie Zahnschmerzen.“
„Halt die Klappe, das geht Dich nichts an“, erwiderte er mit grimmigem Gesicht und weit
aufgerissenen, aggressiven Augen. Tom ahnte, dass in dem Mann eine Menge
Gewaltbereitschaft steckte, doch er wollte endlich wissen, was hier gespielt wurde: „Ich
meine ja nur. Aber in Ordnung, dann reden wir über etwas anderes. Warum bin ich hier,
Fischauge?“
Mit einem Satz war der Kerl über Tom und zog ihn am Kragen nach oben: „Spiel hier keine
Spielchen mit mir! Eigentlich soll ich Dich nur bewachen, aber so federleicht, wie Du bist,
kannst Du auch ganz schnell hinaus in den Schnee fliegen. Dann bist Du eisgekühlt und wirst
die ersten Tautropfen mit Sicherheit nicht mehr erleben!“ Um die Ernsthaftigkeit seiner
Worte zu unterstreichen, schüttelte er Tom so heftig, dass dieser einen Drehwurm bekam.
„Okay“, keuchte er, als der Mann von ihm abgelassen hatte. „Ich sage keinen Ton mehr,
versprochen.“ Er ließ sich wieder auf den Boden gleiten und schloss die Augen, entschlossen,
sich keinen Zentimeter von der Stelle zu rühren.
4 Monate zuvor
Am Nachbartisch wurde gerade Erbseneintopf serviert, als Tom wieder Platz nahm. Sein
schlechtes Gewissen, den Anruf nicht angenommen zu haben, regte sich bereits heftig. Er
versuchte noch einen Augenblick standhaft zu bleiben, dann nahm er sein Handy und rief
zurück: „Tom hier, Du hast gerade angerufen!“
„Ja“, antworte sein Chef, „ich wollte Dir kurz über das Auswahlverfahren Bescheid geben.“
„Und“, fragte er neugierig und angespannt.
„Noch nichts Neues, es wird sicher noch ein paar Wochen dauern, bis der endgültige
Entschluss gefasst wurde. Aber, Deine Medikamentengewinnung aus der Andentanne ist
ganz vorne mit dabei. Du darfst dir also ruhig Hoffnung machen.“
Tom jubelte innerlich, vielleicht wurde seiner langen Forschungsarbeit nun bald die Krone
aufgesetzt: „Wer ist noch im Rennen?“
„Die Efeuranken von Bettina und natürlich mein Schmuckstück, der Teebaum. Sonst ist
nicht mehr so viel am Start, das die Investoren wirklich interessiert. Es gibt da noch eine
Sache, die irgendwie mit Kaimanen und Viren zusammenhängt, aber das habe ich ehrlich
gesagt nicht ganz verstanden. Okay dann genieß mal dein Wochenende, ich muss Schluss
machen.“
Tom aß seine Suppe, die ihm während des Telefongespräches aufgetragen wurde, und
überlegte, was er sich noch anschauen konnte, bevor er sich auf den Rückweg zum Hotel
machte. Ihm fielen die Pinguine von Peter Kallfels ein, die es auf der Inneren Klosterstraße
zu bestaunen gab. Er verspürte jedoch wenig Lust, sich wieder in Horden von Touristen
einzureihen, und so beschloss er, noch ein Stück zu Fuß zu gehen. Draußen hatte es aufgehört
zu regnen. Wenn er genug von seinem Spaziergang hatte, würde er sich ein Taxi zum Hotel
zu besorgen oder nach einer Bushaltestelle Ausschau halten..
Draußen entdeckte er unweit seines Standortes einen Wegweiser, zu dem er, vorbei an einem
Laden, in dem sich ein buntes Sammelsurium an Gegenständen befand, schlenderte. Das
Schaufenster war so bunt und witzig dekoriert, dass er stehen bleiben musste, um
Bücherstapel, ein Waffeleisen, bunte Geschenktüten und eine Longierpeitsche zu
betrachten. Der Wirrwarr hatte bei genauerem Hinsehen sogar eine gewisse Ordnung,
erkannte Tom auf den zweiten Blick. Das Geschäft schien eine Mischung aus SecondhandGeräte-Shop und Geschenkboutique zu sein. Ein Schild verriet, dass es hier runde Würfel
auf Vorrat gab und man seine überflüssig gewordenen Haushaltsgeräte auf Kommission
abgeben konnte. Er schmunzelte: ‚Nette Geschäftsidee‘. Die Hausnummer des Ladens war
aus kleinen Kunststoff Cake-Pops zusammengesetzt und setzte dem Fachwerkhaus die
Krone auf. Tom hatte Lust, mehr zu erfahren, und trat ein.
„Howdy“, begrüßte ihn ein rundlicher Herr in mittlerem Alter. „Abgeben oder Abnehmen?“
Tom stutze: „Wie bitte?“
„Wie ich sehe, haben Sie keine Tasche dabei, also wollen Sie mir hoffentlich etwas von
meiner wundersamen Plundersammmlung abkaufen, oder?“
„Ach so“, Tom verstand. „Mal schauen, ob sich etwas für mich findet. Ich muss morgen zu
einer Hochzeit. Vielleicht gibt es hier noch ein passendes Geschenk für das Brautpaar.“
„Hochzeit ja? Mal überlegen, mögen Sie die Leute?“
„Ja, sogar sehr.“
Der Mann gluckste: “Dann fällt die Filzklettenkette aus!“
„Allerdings“, erwiderte Tom, und ließ seinen Blick über die Regale schweifen. Nichts von
den angebotenen Dingen konnte ihn wirklich überzeugen. Die Auswahl im Schaufenster hatte
mehr versprochen, als es tatsächlich zu entdecken gab. Einzig die Fotografie einer Rose, die
ihre Blüte in sattem Lila zeigte, sprach ihn einigermaßen an. Er kaufte sie und ging wieder
auf die Straße.
Raoul blieb energisch: “Sie können nicht mit mir kommen, denn entgegen Ihrer Meinung,
habe ich absolut keine Ahnung, was hier los ist. Ich werde Sie kein zweites Mal einer Gefahr
aussetzen, und deshalb bleiben Sie bitte hier und warten ab. Ich flehe Sie an, sich bis morgen
zu gedulden.“
„Er hat recht Matthias. Ich bin müde und durcheinander von dem, was gerade erst geschehen
ist. Ich möchte mich hinlegen, in die Federn schlüpfen und für eine Weile vergessen.”
„Aber was ist, wenn der Typ wieder hier auftaucht“, warf Matthias fragend in die Runde: „Ich
habe hier nicht einmal etwas, mit dem ich uns im Notfall verteidigen kann. Wie wäre es, wenn
wir die anderen wecken und uns alle zusammen einschließen. Ich würde mich besser dabei
fühlen.“
Der Scout schüttelte ablehnend den Kopf: „Wir sollten sie nicht erschrecken und Panik
verbreiten. Schrecken ist wie der Gestank eines Fisches, er breitet sich aus und bleibt an
jedem haften. Ich werde im Küchenhaus schauen, ob ich etwas auftreiben kann, damit Sie sich
sicherer fühlen können. Ich bin gleich zurück. Einverstanden?“
„Ja“, Ursula nickte, „gute Idee. Und danach kann ich mich endlich hinlegen.“
„Ich beeile mich“, versprach Raoul und verschwand aus der Hütte.
Matthias öffnete seinen Koffer und durchwühlte den Inhalt: „Da ist absolut nichts drin, was
uns weiter helfen könnte.“
„Nun warte doch erst einmal, ob Raoul etwas findet“, riet Ursula, während Matthias einen
Gegenstand nach dem anderen aus seinem Gepäck auf das Bett beförderte. Mit einem Ping
landete sein Schlüsselbund auf dem Boden.
„So ein Mist“, rief er zornig und setzte sich resigniert auf das Bett. Sein Koffer war
ausgeräumt und er erfolglos geblieben.
Raoul durchsuchte alle Schränke und Schubladen des Küchenhauses. Am besten nahm er
zwei der Messer mit, denn mit Salzgurken bewaffnet konnten die beiden nicht viel
ausrichten. ‚Vielleicht sind die alten, trocknen und sehr harten Schokoladenbrötchen besser
geeignet‘, dachte er kurz amüsiert, bevor ihm der Ernst seiner Lage sehr rasch wieder klar
wurde. Er musste handeln, und zwar sofort.
Teil 6 Woche 5/2013
Wenn Raoul daran dachte, dass seine Komplizen ihn derart hintergangen haben mussten, sah
er rot. Voller Wut warf er ein Kinderbesteck zurück in die Schublade und öffnete die letzte
Schranktür, in die er noch nicht geschaut hatte. Auch hier war nichts Brauchbares zu finden.
Kurzentschlossen ging er zum Auto und nahm einen Hammer aus der Werkzeugkiste im
Kofferraum, den er seit dem letzten Frühling darin deponiert hatte. Ursula und Matthias
waren in Gefahr, so vermutete er zumindest, und in dieser Einsamkeit würde ihnen niemand
zur Hilfe eilen können. Vielleicht sollte er sie doch mit den anderen Touristen
zusammenbringen, überlegte er kurz. Doch er verwarf diesen Gedanken sehr schnell, noch
konnte er seinen eigenen Kopf vielleicht aus der Schlinge ziehen. Eiligen Schrittes ging er zur
Hütte der beiden.
Ursula saß auf einem Stuhl und weinte leise. Als sie zu Raoul hinauf blickte, bemerkte er das
sie sich heute Morgen geschminkt haben musste. Lange schwarze Rinnsale waren über ihre
Wangen gelaufen und hatten deutliche, schwarze Streifen hinterlassen. Er ging vor ihr auf die
Knie, streichelte ihr kurz und sanft über den Kopf und fragte: „Was ist los? Ist noch etwas
passiert, als ich weg war?“ Sie schüttelte den Kopf: „Nein, nichts. Aber ich habe schreckliche
Angst, dass der Kerl wieder hier auftaucht, wenn Sie weg sind“, gab sie unter Tränen zur
Antwort. „Man kann ja hier oben noch nicht mal telefonieren. Ich weiß, dass vermutlich
heute Nacht nichts mehr passieren wird. Trotzdem bin ich noch wie gelähmt vor Schrecken.“
Matthias trat aus dem Badezimmer: „Wenigstens hat es aufgehört zu schneien. Haben Sie
etwas gefunden?“
Raoul hielt ihm den Hammer entgegen und schaute entschuldigend: „Mehr kann ich im
Augenblick leider auch nicht bieten. Schließen Sie sich ein und verhalten Sie sich ruhig. Ich
versuche, so schnell wie möglich wieder bei Ihnen zu sein.“
„Was haben Sie vor zu tun“, fragte Ursula mit Panik in der Stimme.
„Ich werde herauszufinden, was hier los ist. Zuerst einmal fahre ich zu einem Dorf, was nicht
allzu weit von hier liegt. Vielleicht kann mir dort irgendwer weiter helfen!“
Matthias kramte erneut in seinem Koffer, warf ein Wörterbuch auf das Bett, nahm seinen
Gameboy zur Hand und hob triumphierend sein solar betriebenes Ladegerät in die Höhe:
„Voller Saft, ich bin kampfbereit. Ganz ohne Batterie.“
„Spinnst du?“, Ursula sah ihn erschrocken an. Was willst Du denn jetzt damit?“
„Nachtwache halten“, erklärte er entschlossen. Du legst dich hin und ich passe hier auf. Damit
ich nicht zu müde werde, versuche ich mich an meiner Affenliebe Donkey Kong. Es wird Zeit
einen Rekord zu brechen.“
Raoul erhob sich, tätschelte Ursula die Schulter, nickte Matthias zu und verließ die Hütte.
Tom kauerte bewegungslos an die Wand gelehnt und dachte nach. Konnte es tatsächlich sein,
dass sein Andentannen-Projekt bereits angelaufen war? Bevor er sich auf den Weg nach Chile
gemacht hatte, stand die Entscheidung der Investoren doch noch in den Sternen. Stimmte das
überhaupt, oder hatte man ihn Tatsachen vorenthalten, um seine Idee auszuprobieren und
selbst Profit daraus zu schlagen? Wenn tatsächlich etwas dran war an seiner Idee und diese
Krankheit damit eingedämmt oder gar geheilt werden konnte, war das ein
Milliardengeschäft. Er konzentrierte sich auf das letzte Gespräch mit seinem Vorgesetzten
Erik: „Die Entscheidung steht kurz vor dem Abschluss. Aber warum solltest Du nicht wie
geplant Deinen Urlaub genießen? Ich gebe dir Bescheid, sobald ich etwas Näheres weiß. Ich
glaube aber nicht, dass deine Tanne das Rennen machen wird. Du hast zwar eine Theorie,
aber für Forschungsgelder noch viel zu wenig Tatsachenprotokolle auf den Tisch gelegt.“
„Allerdings wäre die ganze Welt daran interessiert, wenn sich herausstellt, dass es
funktioniert.“
„Da hast du recht, aber die Geldgeber sind nicht daran interessiert ihre Investitionen in ein
Vielleicht-Projekt zu stecken. Das Ganze ist kein Kindergeburtstag, und deshalb versuchen
sie die Forschung an uns abzutreten und spendieren erst dann etwas, wenn sie wissen, dass der
Kuchen auch Kekse abwirft und nicht nur kleine Krümel. Meine Käfer-Teebaum Symbiose
ist fortgeschrittener, ich kann damit zwar keinem Human Immundefizienz-Virus die Stirn
bieten, aber den Rheumakranken eine Alternative zur Schulmedizin. Denn, dass der Wirkstoff
nach dem Verdauungsprozess der Käfer vorhanden ist, habe ich bereits bewiesen. Hattest Du
die Ultraschallbilder dazu eigentlich gesehen?“
„Habe ich und ich kenne unsere Projekte. Bettina hat auch beste Chancen, denn ihr ApfelEfeu-Extrakt ist ja bereits in einer pädiatrischen Forschungsreihe aufgenommen. Obwohl ich
hier nicht verstehe, warum sie dann noch zusätzliche Gelder bekommen sollte.“
Erik nickte. “Und genau deshalb, wird es sich zwischen dir und mir entscheiden. Mach dir ein
paar schöne Tage in Südamerika, genieße den Sonnenuntergang auf einem Boot, iss
selbstgemachte Empanadas und erhol dich einfach. Ach ja, und bring so viele Informationen
wie möglich von den Einheimischen mit. Vielleicht wissen sie Dinge über die Andentanne,
die dir weiterhelfen können. Und in ein paar Jahren wirst du in jedem Fall am Start sein.
Deine Vermutung wird, so du richtig damit liegst ein wahrer Segen für die Menschheit sein.
Juwelen in der Medizin. Damit haben die Schutzengel in Sachen Aids ausgedient und der
Mythos die „Geißel Gottes“ wird ausgemerzt und widerlegt sein. Sozusagen benutztes
Toilettenpapier, dass niemand mehr haben möchte“
„Warten wir es einfach ab. Ich muss jetzt los denn ich bin heute Abend noch zum
Kartenspiel und Weißwurstessen mit den Jungs verabredet, bevor es morgen früh losgeht.“
„Weißwurst am Abend, ihr seid solche Banausen“, hatte Erik amüsiert geantwortet, ihm auf
die Schulter geklopft und sich verabschiedet.
Tom sah zu seinem Bewacher, der begonnen hatte leise vor sich hin zu schnarchen.
Vorsichtig schob er sich ein Stück von der Wand nach vorne und lauschte angespannt. Der
Gorilla regte sich nicht, schien selig zu schlummern. Konnte er es wagen? Er rutschte
vorsichtig ein Stück weiter in Richtung Tür. Keine Reaktion. Behutsam stellte er sich auf. Mit
dem Blick auf seinen Gegner ging er einen leisen Schritt. Die Lust zu jubeln machte sich in
ihm breit, er konnte es schaffen. Noch zwei Meter trennten ihn von der Freiheit. Beherzt
rannte er los.
Matthias saß, eine Decke auf den Knien, auf dem Stuhl und spielte konzentriert in der
Regenbogen-Welt von New Super Mario Bros. Der Marshmallow Mann wollte ihm gerade
wieder das Leben schwer machen, als er Ursula spitz aufschreien hörte. Was war denn nun
wieder? Er fühlte sich bettreif und wollte eigentlich nur noch schlafen. Matthias stand auf
und ging zu seiner Frau: „Was ist los Schatz?“
Sie schüttelte heftig den Kopf, ihr Haar stand wirr in alle Richtungen ab: „Nichts, nur ein
Traum. Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Schon gut, was hast du geträumt meine Liebe?“
„Wirres Zeug. Ich habe eine Waschmaschine, die von einer Schiffsschraube angetrieben
wird, erfunden. Ihre Anzeige war kunterbunt und irgendwie hübsch.“
Matthias lächelte: „Kein Grund zum Schreien, oder?“
„Nein, das nicht. Aber als ich das Gerät auf einer Messe vorstellen sollte, kam ein Mann, hielt
mir einen Spiegel vors Gesicht und behauptete, ich habe seine Idee gestohlen. Er hat mich
angeschrien und mich bedroht. Genauso wie der Kerl unten im Küchenhaus!“
„Es war gut, dass der Typ im Traum Dich erschreckt hat, ich wäre eben beinahe
eingeschlafen. So hat das Ganze auch seine gute Seite meine kleine Miezekatze. Ich hole jetzt
den Hammer vom Tisch, lege mich zu dir und versuche den Schlaf noch für eine Weile zu
verscheuchen. Aber ich bräuchte ein Kissen aus Kakteen um es dir zu versprechen.“
Sie lächelte matt: “Ja das wäre schön. Ich glaube nicht, dass jetzt noch etwas passieren wird.“
Er stand auf, schaltete seinen Gameboy aus, nahm den Hammer und legte sich zu seiner Frau:
„Schlaf gut mein Knopfauge. Ich wache über Dich, bis wir von Raoul das Signal zum
Aufbruch bekommen. Sicher ist er bald zurück.“
Raoul ging auf die Hütte zu und wollte gerade die Türe öffnen, als ihm Tom entgegen gerannt
kam und ihn fast von den Füßen riss. ‚Was macht der hier‘, dachte Raoul und hielt den
Wissenschaftler am Arm fest. Tom schlug der Länge nach auf den Boden und stöhnte.
„Schnell stehen Sie auf“, rief der Touristenführer und zog ihn nach oben. „Da hinten steht
mein Wagen. Wir müssen weg hier bevor diese Jecken bemerken, dass Sie entkommen sind.“
Tom sprang auf die Beine und folgte Raoul rasch zu seinem Auto. Hinter ihnen war das
Poltern der Schritte seines Bewachers zu hören. Hektisch rissen sie die Türen auf, sprangen
ins Wageninnere und Raoul startete augenblicklich. Im aufflammenden Scheinwerferlicht
erschien das verdutzte Gesicht des verschlafenen Kerls. Raoul schlug das Lenkrad hart nach
rechts und schoss los.
„Wie sind Sie da herausgekommen?“
„Der Idiot hat die Tür nicht abgeschlossen. Keine Ahnung warum. Riesen Glück für mich,
aber was machen Sie hier?“
Raoul räusperte sich: „Lange Geschichte, ich habe nach Ihnen gesucht. Aber ich muss Ihnen
etwas gestehen, was wir in Ruhe besprechen sollten. Wir fahren erst einmal zurück ins Camp,
denn das Ehepaar, das Sie als vermisst gemeldet hat, ist ebenfalls in Gefahr.“
Teil 7 Woche 6/2013
„Matthias und Ursula?“
Raoul nickte und lenkte den Wagen entschlossen um einige Bäume, die von Schneelast
gedrückt den Weg säumten.
„Beeilen wir uns lieber und hoffen, dass sie noch allein in ihrer Hütte sind.“
Als sie nach einigen Minuten auf dem Parkplatz des Camps anhielten, huschte ein Schatten
hinter das Küchenhaus. Raoul sprang augenblicklich aus dem Wagen und rannte los. Doch er
kam zu spät. An der vom Mond erhellten Stelle hinter der Küche war nichts mehr
auszumachen. Laut fluchend ging er ins Gebäude, während Tom im Auto sitzen blieb und ihn
beobachtete.
Auf dem Tisch lagen Teile des Bestecks und die Reste einer Brezel. Vermutlich war nur einer
der Touristen hungrig geworden und hatte sich Zutritt verschafft, um seinen Appetit zu stillen.
‚Hoffentlich‘ ging es Raoul durch den Kopf, als er zum Wagen ging und Tom ansprach:
“Kommen Sie, wir müssen nach den anderen sehen.“
Matthias stand mit seinem Rasierer im Bad, er hatte Wort gehalten und den Schlaf von
Ursula bewacht. Es war zu keinem weiteren Zwischenfall gekommen. Raoul bat die Touristen
erleichtert an den Tisch: „Kommen Sie, alle, wir müssen reden.“
Matthias stupste seine Frau zärtlich an und bat sie aufzustehen.
„Es ist an der Zeit, Ihnen etwas zu gestehen“, eröffnete Raoul den drei Anwesenden unsicher:
„Ich bin nicht ganz unschuldig an dem, was sich zugetragen hat. Vor einigen Wochen kam ein
alter Bekannter zu mir und bot mir einen zusätzlichen Lohn an. Alles, was ich dafür tun sollte,
war wegzuschauen.“
„Was meinen Sie damit“, fragte Tom aufgebracht, seine Haltung steif wie die eines
Kleiderbügels. Wollen Sie mir sagen, Sie wussten, dass man mich verschleppen will?“
„Nein, so würde ich es nicht ausdrücken. Ich wusste, dass man hinter das Geheimnis eines
Wissenschaftlers kommen wollte. Und dass dieser Wissenschaftler“, er blickte in Toms
Richtung, „ein Gast auf einer meiner Touren sein würde. Mein Bekannter versicherte mir,
dass dieses Wissen bedeutend für die Menschheit werden könnte. Über Einzelheiten wollte er
sich partout nicht auslassen, versprach mir aber, dass alles zum Wohle der Beteiligten
ausgehen würde.“
Ursula sprang auf und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Scout: “Sie Monster!
Zum Wohle der Beteiligten? Sieht das danach aus?“, fragte sie und zeigte auf ihre
ramponierte Wange. „Ich habe keine Lust, mir Ihre fadenscheinigen Versuche anzuhören, sich
aus der Sache heraus zu winden, Sie elender Schauspieler. Vermutlich wartet Ihr Kollege
schon ums Eck und wird uns das Licht ausblasen, sobald Sie das Kommando geben!
Terroristen Pack“
Ihre Stimme klang schrill, fast so wie der höchste Ton auf einem Xylophon.
Matthias ging zu seiner Frau und nahm sie in den Arm: “Beruhige Dich, Liebes. Glaubst du,
Raoul hätte Tom befreit und wäre zurückgekommen, wenn seine Geschichte nicht der
Wahrheit entspräche?“
„Er hat recht“, pflichtete Tom Matthias bei. „Und selbst wenn er uns eine Schmierenkomödie
vorspielt, möchte ich schon noch Genaueres dazu erfahren. Fahren Sie fort“, forderte er Raoul
auf, während sich das Paar wieder setzte.
„Ich möchte jetzt nicht mit der Mitleidstour beginnen und dass ich ein paar Pesos mehr gut
gebrauchen konnte, obwohl das nicht gelogen wäre. Eigentlich habe ich zugestimmt, weil ich
hoffte, mich mit ein wenig mehr Geld auf der Kante auf meine Prüfungsvorbereitungen
stürzen zu können. Ich habe gedacht, dass ich es mit ein paar Touristentouren weniger bis
zum nächsten Fasching schaffen könnte. Denn ich wollte nach La Tirana fahren, um endlich
einmal den Karneval der Anden mitfeiern zu können. Deshalb …“
Tom sprang auf und griff den Kragen von Raouls Hemd. Er schüttelte ihn heftig und stieß
verärgert aus: Tom sprang auf und griff den Kragen von Raouls Hemd. Er schüttelte ihn
heftig und stieß verärgert aus: „Um dann Ihre Tarnung fallen zu lassen und eine Büttenrede
über den bescheuerten Wissenschaftler zu halten, über den Sie zu dem Geld für Ihr
Sparschwein gekommen sind, um die Reise überhaupt finanzieren zu können?“
„Lassen Sie ihn los und beruhigen Sie sich“, bat Matthias in ruhigem Ton. „Wir wissen nun,
dass er keine reine Weste hat. Aber wollten nicht Sie die Geschichte bis zu ihrem Ende
hören?“
Tom nickte und ließ von dem Scout ab: „Was hat der Kerl genau über mich gesagt?“
Raoul holte tief Luft, zog sein Hemd glatt und zuckte mit den Schultern: „Nicht viel, nur
etwas vom Wohle der Menschheit und den Andentannen. Was haben Sie an den Bäumen
entdeckt?“
„Eigentlich darf ich Ihnen gar nichts darüber verraten. Aber da ich im Moment nicht
einschätzen kann, wer Freund oder Feind ist nur so viel, es geht um ein Medikament!“
Ursula sah erstaunt auf: „Sie sind Pharmakologe? Das wusste ich gar nicht!“
„Bin ich nicht. Ich arbeite mit Pflanzen und bin eher zufällig auf dieses Schatzkästchen der
Natur gestoßen. Ich hege die Befürchtung, dass es in unserem Institut eine undichte Stelle gibt
und die Forschung bereits in vollem Gange ist“
„Aber was hat diese Tanne mit einem Medikament zu tun?“, fragte Ursula erstaunt.
„Es ist der genetische Code des Baumes. Und es scheint, als gelte dies nur für einen sehr
begrenzten Lebensraum und der liegt in einem kleinen Areal hier oben. Raoul, haben Sie in
den letzten Wochen etwas Auffälliges beobachtet? Hütten, die wieder bewohnt sind, Zelte
oder etwas dergleichen?“
Der Befragte schüttelte den Kopf: „Nichts, was ich mit dieser Sache in Verbindung bringen
würde.“
„Denken Sie nach! Lieferungen nach hier oben? Mehr Touristen unten im Ort, die sich nicht
wie Touristen verhalten.“
„Ja, warten Sie. Vor zwei Wochen ist eine Limousine vor einem der Hotels vorgefahren. Das
kommt hier eher selten vor. Eugenio, er arbeitet an der Rezeption, hat mir erzählt, dass ein
blasser Herr mit Chihuahua an der Leine ausgestiegen ist. Eigentlich wollte er die einzige
Suite des Hauses, aber die war bereits belegt. Er ist ohne ein Wort des Abschiedes wieder
abgerauscht.“
Tom überlegte, ob er einen blassen Kerl mit kleinem Hund in seine Erinnerungen einfügen
konnte, und blieb ratlos, bis ihm ein Brief im Institut in den Sinn kam. Neben den
Eingangsstempel hatte ein Mitarbeiter in roter Schrift „VIP“ auf den Umschlag geschrieben.
Auf seine Nachfrage hatte man ihm erklärt, der Brief stamme vom Grafen soundso, den
Namen hatte Tom vergessen. Dieser wollte sich ebenfalls die Forschungsreihe einkaufen.
Konnte das der beschriebene Mann sein?
„Und Sie wissen nicht, wie der Mann hieß“, hakte Tom nach. Er hatte Feuer gefangen und
wollte nun ganz genau wissen, was mit seiner Entdeckung getrieben wurde.
„Nein, er hat es nicht gesagt, nur nach der Suite gefragt. Eugenio hat gesagt, dass er froh war,
diesen Kerl nicht beherbergen zu müssen. Er hätte einen dämonenhaften Blick gehabt, fast
wie ein Vampir. Und mein Kollege glaubt an solche Dinge, er hatte wirklich Angst.“
Tom stand auf und begann auf und ab zu gehen: „Ihre Informationen bringen mich nicht
weiter. Was machen wir den jetzt?“
„Da ich keine Glaskugel besitze, und der Sonnenaufgang noch auf sich warten lässt, schlage
ich praktische Dinge vor“, erklärte Ursula und nahm sich Nagellack und Nagelfeile aus ihrem
Kulturbeutel.
„Prima“, knurrte Matthias, und was mache ich, mein Herz?“
„Geh nach draußen und sammle Gartenblumen. Ich habe gehört, dass man aus diesen
Blumen ganz fantastische Mobile bauen kann“, schlug sie vor und begann zu lachen.
„Sehr gute Idee“, konterte Matthias, „ dann schlage ich vor, dass Tom und Raoul derweil mit
dem Fahrrad zum See fahren und versuchen den Froschkönig zu angeln. Der hat nämlich
eine Kugel und sitzt damit schon Jahre um Teich!“
Die leichte Entspannung im Raum tat allen gut und die Aussicht auf den baldigen Anbruch
des Morgens tat ihr Übriges.
Raoul stand am Fenster und winkte die anderen herbei: “Sehen Sie mal!“
Vor dem Fenster hatte sich ein Eichhörnchen im Schnee niedergelassen und kaute auf einem
Popcorn herum, dass es irgendwo gefunden haben musste. Im Hintergrund wurde der
Himmel hell.
„Lasst uns verschwinden, da kommt die Sonne und das Blatt des Kalenders von gestern hat
ausgedient“, rief Tom und nahm seine Jacke.
„Nicht so schnell“, bremste Raoul ihn ein.
„Warum, ich habe Hummeln im Hintern und muss unbedingt so schnell wie möglich
telefonieren!“
Teil 8 Woche 7/2013
„Die anderen Touristen schlafen noch und die muss ich auch mitnehmen, schon vergessen?
„Genau“ warf Matthias ein. „Wie beim Sonntagsausflug, erst alle Schäflein durchzählen und
dann starten. Schrecklich diese Warterei, hat jemand Zigaretten?“
Ursula schaute ihn entsetzt an: “Wir rauchen seit drei Jahren nicht mehr!“
„Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt wieder damit zu beginnen“, grinste er und fummelte ein
Feuerzeug aus seiner Hosentasche: „Zubehör hätte ich.“
Tom hielt ihm seine Schachtel hin, die noch zwei etwas zerknautschte Zigaretten enthielt.
Matthias haderte einen Moment, sah bedauernd zu Ursula und griff zu: „Zeit zum Chillen. Sei
nicht böse mein Schatz, sobald wir zurück in der Zivilisation sind, gibts 20 Euro zusätzlich in
die Rauchfrei-Spardose. Ich verwerfe das Märchen „Entspannung durch Rauch“ zu Hause
wieder, versprochen.“
„Sicher, das glaube ich dir jetzt schon aufs Wort. Gib mir auch einen Zug. Dich rauchen zu
sehen ist wie eine Sitzung beim Zahnarzt. Wenn man weiß, dass das faule Ding gezogen
werden muss und auf den Eckenheber wartet, damit es endlich passiert.“
Tom hielt ihr nun auch ihr seine Schachtel hin: „Das ist die Letzte, nehmen Sie, dann ist das
Thema gegessen. Was denken Sie Raoul, wann wir hier loskommen?“
Raoul schaute auf die Hütten der anderen Touristen, in denen sich noch nichts regte: “Ich
denke wir gehen eine Runde Türenklopfen und sehen zu, die anderen in einer dreiviertel
Stunde im Küchenhaus versammelt zu haben.“
„Einverstanden“, gab Tom zurück, „vamos, lassen Sie uns keine Zeit verlieren!“
Er ging zur Hütte, die am nächsten lag. Am Fenster hatten sich wunderschöne Eisblumen
gebildet. In das Paar Schuhe, das vor der Tür stand, mochte Tom im Augenblick nicht steigen
müssen, Masochismus pur. Er klopfte, zuerst zaghaft, dann immer heftiger. Keine Reaktion.
Der Rest der Gruppe hatte sich aufgeteilt. Es schien, als ob sich hinter keiner Tür eine Regung
hören ließ. Tom schaute auf seine Armbanduhr, kurz vor halb sechs, sie konnten doch nicht
alle wie die Steine im Bett liegen? Vorsichtig drückte er die Klinke der Hüttentür nach unten
– unverschlossen. Er trat ein und sah sich um, die Hütte war verlassen. „Hier ist niemand“,
rief er den anderen entgegen.
„Hier auch nicht“, riefen Matthias und Ursula, die gerade aus einer anderen Hütte
heraustraten. „Die können doch nicht alle den Schmetterling gemacht haben. Das hätten wir
bemerkt, oder?“, fragte Ursula ängstlich.
Raoul trat nun ebenfalls durch eine der Türen, die anderen drei liefen zu ihm. In der Hütte
stand eine der Touristinnen im Bad und war gerade dabei ihre Frisur mit Haarspray zu
bearbeiten.
„Wo ist ihr Mann?“, fragte Raoul sie besorgt.
„Oskar?“, erwiderte sie und zog dabei ein Gesicht, das entfernt an einen Entenschnabel
erinnerte. „Der ist vor Anbruch des Tages mit diesem Gregor losgezogen. Sie wollten vor
dem Frühstück noch ein wenig sportlich werden und haben das Weite gesucht. Ein Wikinger
fühlt keine Kälte hat er mir erzählt, seine Kopfhörer geschnappt und mich hier stehen
lassen“, erklärte sie mit noch immer beleidigter Miene. „Männer sind beim Sport, beim Sex
und beim Autokauf wie die Dinosaurier, kein Blick nach rechts und links und keine andere
Meinung zählt. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?“, sie sah fragend in Ursulas Richtung.
„Ich meine Fahrspaß hin oder her, bevor er den Mercedes gekauft hat, hätte ich auch schon
gerne noch ein Wörtchen mitreden wollen!“, ergänzte sie und griff nach ihrem Make-Up
Koffer. „Ich hoffe sie treten ordentlich in Pferdemist, alle beide!“
„In welcher der Hütten wohnt Gregor?“, fragte Matthias und unterbrach den Redeschwall der
aufgebrachten Ehefrau.
„Gleich nebenan“, nuschelte sie, während sie die Kontur ihrer Lippen gekonnt nachzeichnete.
„Wir sehen uns in vierzig Minuten in der Küche“, erklärte Raoul der Tüncherin und nickte in
Richtung Tür. Rasch folgten Ursula und Matthias seiner Geste.
„Die scheinen ja heute Morgen schon richtig Spaß miteinander gehabt zu haben“, mutmaßte
Ursula und verzog das Gesicht. „Kann mir mal jemand diese heulende Audiokassette aus
dem Ohr nehmen, die mir der Pfau dort drinnen verpasst hat?“
Matthias grinste breit: “Warum musste ich beim Anblick ihrer Frisur nur ständig an
Romanesco denken? Ich bin übrigens froh, dass diese beiden Vögel nur sporteln sind. Als ich
niemanden angetroffen habe, war in ganz schön in Sorge.“
„Ist dieser Gregor denn ohne Partnerin angereist?“, erkundigte sich Ursula bei Raoul.
„Wenn ich das richtige Bild zu ihm im Kopf habe, glaube ich schon“, er zückte sein
Notizbuch warf einen Blick hinein und nickte bejahend. „Das ist der Typ Wichtel, der in
kurzen Hosen in den Wagen steigen wollte. Sah aus wie ein Storch im Salat und ließ sich
kaum von mir überreden sich umzuziehen. Aber nun wollen wir mal die anderen zusammen
trommeln. Er ging zur nächsten Tür und klopfte, fast augenblicklich wurde ihm geöffnet.
Erleichtert trat er ein.
Eine halbe Stunde später waren alle Reisenden, einschließlich der motivierten Sportler, im
Küchenhaus eingetroffen. Der Scout erklärte seiner Gruppe, dass die Tour aufgrund der
schlechten Witterungsbedingungen vorzeitig abgebrochen werden müsste. Seine
Ausführungen wurden mit unterschiedlichen Reaktionen bedacht. Gregor war wütend und
drohte sofort damit, einen Teil seiner Kosten einzuklagen, während andere Teilnehmer eher
froh über die Nachricht zu sein schienen.
‚Wie eine Katze aus dem Netz geschlängelt‘, dachte Ursula und bewunderte ihren
Reiseführer für seine Redegewandtheit.
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Bettina schwitzte, als sie ihr Telefon zurück in die Station steckte.
„Das darf doch alles nicht wahr sein“, rief sie wütend in den leeren Raum und fegte wütend
ihren Stiftehalter vom Schreibtisch. „Ausgerechnet jetzt! Ich kann noch nicht mal
einschreiten.“
In Rage stand sie auf und verließ ihr Büro in Richtung Labor. Vor einer Tür, auf der der
Name Tom Werner prangte, blieb sie stehen und lauschte kurz, bevor sie eintrat. Über Toms
Arbeitsplatz hingen gepresste Blumen in Bilderrahmen. Mohnblumen und Tulpen fanden
sich genauso wie die Blätter der Weintrauben, die in der Form eines Windrades angeordnet
im Rahmen befestigt waren.
„Verfluchter Pflanzennarr“, schimpfte sie und zog hektisch die Schubladen am Schreibtisch
auf. Doch außer einigen Orangen, die schon bessere Tage gesehen hatten, einem Foto, dass
eine Geburtstagstorte zeigte, und einigen losen Blättern fand sie nichts.
„Wo hast du die Unterlagen zu deiner Andentanne versteckt?“, murmelte sie und hob die
Gießkanne an, die auf der Fensterbank stand. Nichts. Im Regal an der Wand hob sie einen
Pappkarton hoch, der ihr als letztes Versteck in den Sinn kam. Sie fand ein aus Draht
geflochtenes Fahrrad, einen Prospekt des Fabrikmuseums in Roth, Tom hatte das Bild eines
Wasserrades eingekringelt, und einige Plastikschüsseln, die dringend einer Grundreinigung
bedurften.
„Verfluchter Mist, wo sind deine Aufzeichnungen, Blumenheini?“
Teil 9 Woche 8/2013
Entnervt hob Bettina den Karton zurück auf das Regal und ruckte über einen kleinen
Widerstand. Verwundert hielt sie inne, stelle den Pappkarton auf den Fußboden und taste über
das Regalbrett. Bald hatten ihre Finger einen kleinen Fleck Masse ertastet, das sich wie
Wachs anfühlte. Hatte es hier ein geheimes Versteck gegeben? Falls ja, war sie definitiv zu
spät gekommen. Bettina überlegte fieberhaft, wie sie an Toms Aufzeichnungen kommen
konnte, ohne sein ganzes Büro auf den Kopf stellen zu müssen. Ob er es gar nicht schriftlich
fixiert hatte, sondern nur im Rechner gespeichert? Doch sie wusste, dass ein umfangreiches
Blattwerk zur Projektvorstellung auf seinem Platz gelegen hatte. Fraglich war nur, ob er es
hier oder zu Hause aufbewahrte. Im Computer war sicherlich alles gespeichert, sortiert und
aktualisiert, doch von Toms Passwort hatte sie keinen Schimmer. Sie vermutete etwas für sie
so absurdes wie Weihwasserkessel, Frauenkirche oder Katzenjammer, Tom dachte einfach
in ganz anderen Dimensionen als sie selbst. Ihre Passwörter setzten sich immer aus
Abkürzungen und Geburtstag gepaart mit Sonderzeichen zusammen. Mutlos setzte Bettina
sich an den Rechner, schaltete ein, wartete auf die Passworteingabe und begann die erstbesten
Worte, die ihr einfielen, in die Tastatur zu hämmern. Ihr Handy, das in der Hosentasche einen
Lounge Song anstimmte, ignorierte sie. Vielleicht lag die Lösung doch nahe, denn sie glaubt
sich erinnern zu können, Tom einmal von seinem ziemlich schlechten Gedächtnis erzählen
gehört zu haben. Nach und nach tippte sie die Namen aller Blumen, die in den Rahmen über
ihr hingen abzuchecken. Nachdem die Eingabe des Wortes Rose ihr gerade das x-te Mal Bitte
korrektes Passwort angeben auf dem Monitor bescherte, surrte ihr Mobiltelefon erneut.
„Ja?, knurrte sie entnervt.
„Bettina, wo bist Du verdammt noch mal“?
„In seinem Büro. Hast Du irgendeine Ahnung wie sein Passwort lautet?“
„Ja, ich glaube schon. Aber würdest Du mir die Freude bereiten mir zu erklären, was du da
machst. Wir haben im Moment wirklich andere Probleme!“
„Ich versuche unseren Arsch zu retten, oder zumindest einen Teil davon, werter Herr Chef“,
antwortete Bettina einem Wutanfall nahe. „Falls Du es noch nicht begriffen hast, Tom wird
versuchen herauszufinden, warum er dort oben in Chile gekidnappt wurde. Wenn es dumm
läuft, stößt er auf unsere Versuchszelle. Tom steht mit seinem Denken zwar nicht immer
mitten im Leben, aber er wird eins und eins zusammenrechnen können. Also gibt mir sein
verfluchtes Passwort, ich will sehen, wie viel weiter er mit seinen Ergebnissen ist als wir“, sie
trommelte nervös mit den Fingern auf den Schreibtisch.
„Vor vier Wochen habe ich einen kleinen Zettel an seinem Bildschirm kleben sehen, darauf
hatte er WespentaillenWindel007 notiert.“
„WespentaillenWindel007? Hab ich das richtig verstanden?“, fragte sie entgeistert.
„Absolut richtig.“
„Geht jetzt die Tierliebe mit ihm durch? Da hätte ich ja auch selbst drauf kommen können.”
Sofort glitten Bettinas Finger über die Tastatur: Bitte korrektes Passwort angeben. „Nein,
fluchte sie und lauschte ins Handy. „Erik bist du noch dran?“
„Bin ich und das das Wort nicht gestimmt hat, brauchst du nicht extra zu erwähnen, du warst
laut genug. Er muss es vor seinem Abflug geändert haben. Und wenn er immer solche
seltsamen Worte benutzt, kannst du es dir abschminken, darauf zu kommen.“
„Na jetzt weiß ich ja wenigstens, wie er tickt. Als Nächstes werde ich alle Wortschöpfungen
des Tierreiches eingeben, die mir in den Sinn kommen. Igel-Quartett klingt doch sinnig, oder?
Und falls es das nicht ist, könnte ich es ja mal mit Käfer-Parade 0815 versuchen.“
„Jetzt regt Dich mal nicht so auf. Ich glaube nicht, dass er da unten in Chile auf unsere
Forschungen stößt, dafür sind sie gut genug getarnt.“
„Er wird nicht einfach nach Hause kommen und annehmen, er sei durch einen Zufall in die
Hände von Entführern geraten. Tom bohrt nach, ganz sicher, dafür muss man ihn nicht allzu
gut kennen. Groß wird seine Freude sein, wenn er herausbekommt, dass du seine Idee geklaut
hast, um sie nach Abschluss meistbietend zu verhökern.“
„Was heißt hier du? Darf ich dich daran erinnern, dass du mit in diesem Boot sitzt?“, zischte
Erik zornig.
Bettina sank in sich zusammen, er hatte vollkommen recht: „Aber ich hatte keine andere
Wahl!“
„Doch die hattest du!“
„Sicher, ich hätte mir auch eine andere Stelle suchen können und mein eigenes Projekt
einfach in den Wind schreiben. Glaubst du ernsthaft, ich wüsste nicht, dass meine Efeuranken
nirgendwo anders angenommen werden. Das hast du dir zunutze gemacht und mich erpresst.
So einfach ist das. Eine Wahl würde ich das nicht nennen.“ Ihr Blick wanderte zum Fenster
des Büros, das ihr einen wunderbaren Ausblick auf den farbenfrohen Sonnenuntergang bot.
Seit Beginn der heimlichen Machenschaften in Südamerika plagte sie ihr schlechtes
Gewissen. Das Gewitter war aufgezogen, nun würde alles auffliegen und für diese IdeenAbzocke konnten sie ins Gefängnis wandern, da machte sie sich nichts vor.
„Ich bleibe weiter dran, versuch du in Chile zu retten, was du kannst“, erklärte sie resigniert
und drückte das Gespräch weg, bevor ihr Chef noch etwas erwidern konnte.
Ursula ging mit Matthias zur Hütte, um die Koffer zu holen, als erneuter Schneefall einsetzte.
„Das hört hier wohl nie auf zu schneien“, murmelte sie und öffnete die Tür.
„Die armen Menschen, die hier oben wohnen, können einem leidtun. Das halbe Jahr
Schneegestöber und keine Aussicht auf ein Sonnenbad. Muss ätzend sein, so lange auf den
Winterausklang warten zu müssen“, stellte Matthias fest und ging ins Badezimmer.
„Sie sind es nicht anders gewohnt. Ich glaube nicht, dass sie sich darüber Gedanken machen.
Es ist ihr Lebensrhythmus und fertig.“
„Wir könnten in Erwägung ziehen einen Kunstblumenhandel zu eröffnen, ich glaube wir
hätten reißenden Absatz und alle Anwohner Dekorationen im Fenster!“, er grinste, nahm sein
Deo und klopfte den Sprühkopf aufs Waschbecken: „Verstopft!“
Ursula lachte auf: „Es gibt Schlimmeres, stink halt eine Weile. Aber deine Ideen sind wie
immer göttlich. Vielleicht könnten wir uns dann nebenbei auf die richtige Ernährung für die
Andenbewohner stürzen. Denk nur mal, eine Ernährungsberatung würde einschlagen wie eine
Bombe.
Alle Bewohner kommen zweimal die Woche zu uns und lassen sich belehren, wie wichtig
Obst in der kargen Zeit ist. Sie lernen, dass Süßigkeiten keine Hauptmahlzeit sind und man
die Buttercreme getrost vom Kuchen lassen kann, ohne dass er danach ungenießbar wird.“
Demonstrativ leckte sie ihren Zeigefinger ab und hob ihn an die Stirn: „Es wird Zeit deinem
Vögelchen mal wieder ein wenig Wasser zu geben!“
„Dann benötigt dein eigener Piep Matz aber einen Hydranten“, feixte er zurück und nahm sie
in die Arme. „Komm Liebes, schnapp Deine Sachen, gleich geht es zurück in die Sicherheit,
Schluss mit Action und Wildwasserbahnfahrt, die Zivilisation ruft. Ich schlage vor, die
Leute hier mit unseren Geschäftsideen zu verschonen. Sie werden schon von selbst darauf
kommen, ihr Omelett nicht mit Vanillesoße zu genießen, jede Wette.“
„Du bist so herrlich doof und Deine Schubkarre voller Humor hat mir schon so manches Mal
das Leben gerettet, weißt du das?“ Sie warf ihm eine Kusshand zu.
„Ich dich auch“, erklärte er sanft, nahm sie bei der Hand und zog sie nach draußen.
Die Reisegruppe hatte sich bereits auf dem Parkplatz versammelt und Raoul zählte sie durch,
als Ursula und Matthias zu ihnen stießen. Sie bemerkten im selben Moment wie ihr Scout,
dass Tom nicht da war.
„Wo steck er jetzt schon wieder?“, fragte Raoul.
„Keine Ahnung sollen wir nachsehen gehen?“, fragte Matthias und drehte sich bereits
Richtung Toms Hütte um.
„Nein“, erwiderte Raoul, „ich gehe selbst. Verladen Sie schon mal Ihr Gepäck auf die Wagen.
Und sichern Sie es ein wenig, die Fahrt wird holprig und glatt. Im Küchenhaus liegt eine
Wäscheleine, die Sie benutzen können“, erklärte er und ging zu Toms Behausung. Matthias
lief ins Küchenhaus, griff nach der Leine, die auf dem Tisch lag, und flüsterte belustigt: „Ich
taufe dich auf den Namen Gepäcksicherungsmaterial.“ Hinter ihm gluckste seine Frau, die
ihm gefolgt war.
„Hör auf zu lachen, du nimmst diesem magischen Moment seine Ernsthaftigkeit, Weib“,
versicherte er und hob die Wäscheleine in die Höhe. „Lasst uns diesem Wunder der Technik
huldigen!“ Ursula prustete kopfschüttelnd los: „Gatte, du hast einen universellen Knall. Ich
würde zu gerne wissen, was eine Röntgenaufnahme Deines Schädels zeigen würde. Lass
eine machen und wir hängen sie mit dem Titel Impressionen des Wahnsinns in unser
Wohnzimmer.
Teil 10 Woche 9/2013
„Für die Aufnahme von Deinem Schädel sitzt Du ja wohl schon länger im Wartezimmer,
oder?“, gluckste Matthias, drückte ihr die Wäscheleine in die Hand und zog sie nach draußen.
Dort sprach niemand ein Wort. Fragend schauten die versammelten Touristen in die Richtung,
in der Raoul verschwunden war, um nach Tom zu suchen.
„Auf geht’s Leute, lasst uns das Gepäck verstauen, damit es losgehen kann, wenn die beiden
hier sind. Sicher hat er sich nochmal aufs Ohr gehauen und die Zeit vergessen“, versuchte
Matthias die Gruppe aus ihrer Starre zu reißen. Er ging zu einem der Autos, öffnete mit
einigen Mühen den Kofferraum, der sich wegen der Eisbildung zuerst störrisch verweigerte,
und legte seinen Koffer neben den Benzinkanister.
Einen Augenblick später kam Leben in die Gruppe, jeder griff nach seinem Gepäck, brachte
es zu einem der Wagen und verstaute es. Von Raoul und Tom fehlte nach Beendigung noch
immer jede Spur.
„Ich gehe nachschauen, was da los ist“, rief Ursula und lief rasch zu Toms Behausung.
„Warte, ich begleite dich, vielleicht brauchen die beiden Hilfe.“ Einige der Umstehenden
schlossen sich Matthias an und folgten Ursula, als ein Jeep von der Straße auf den Parkplatz
einbog. Zwei ganz in schwarz gekleidete Männer sprangen aus dem Wagen und kamen auf
die Gruppe zu: „Wer von Ihnen ist der Wissenschaftler?“ Die Touristen blieben stumm und
starrten wie vom Donner gerührt auf den Größeren der Männer. Er hatte sich bedrohlich
aufgebaut und ließ ihnen keinen Spielraum an ihm vorbei zu kommen. Ungeduldig erhob der
Fragende erneut die Stimme: “Wer?“ Ursula drehte sich zu ihm um und sagte ruhig: „Er ist
nicht hier. Und nun möchte ich Sie etwas fragen.“
Ein Entsetztes nach Luftschnappen war von vielen der Gruppe zu vernehmen.
„Wer zum Teufel sind Sie und was wollen Sie von Tom?“ Matthias zog Ursula an ihrem Arm
zu sich und zischte: „Zieh sofort die Handbremse an! Bist du von Sinnen?“
Sie befreite sich aus seinem Griff: „Nein, bin ich nicht, aber ich bin es leid, dass wir ständig
bedroht und ausgefragt werden. Reicht es nicht, das man auf uns eingeprügelt und Tom
entführt?“ Die ahnungslosen Urlauber rissen entsetzt die Augen auf. „Nun schien es endlich
soweit, dass meine Sehnsucht nach ein bisschen Normalität in Erfüllung geht und jetzt
tauchen die auf.“ Wütend zeigte sie auf die beiden Männer in Schwarz. „Ich habe die Nase
voll von ihnen herumgeschubst, und terrorisiert zu werden. Was haben wir denn noch zu
verlieren, wenn wir diese Vetternwirtschaft mal fragen, was eigentlich ihr Problem ist? Ich
will nach Hause im Strandkorb am Kirschbaum sitzen, Badezusatz und Zahnbürste
benutzen, und mich sicher fühlen. Nicht wie in einer Zeitreise gefangen auf einer Ritterburg
hängen bleiben und ständig um mein Leben fürchten. Ich bin müde und habe überhaupt keine
Lust mehr auf Abenteuer! Also frage ich laut und deutlich, was zum Teufel wollen Sie von
uns?“
Der Hüne setzte sich in Ursulas Richtung in Bewegung, doch sie blieb scheinbar furchtlos
stehen und bewegte sich keinen Millimeter. Erneut zog Matthias an ihrem Arm, dieses Mal
viel heftiger: „Sei still jetzt, es ist schon schlimm genug. Du könntest auch gleich Deinen
Nischel auf die Gleise legen, so stirbt es sich schneller. Hör auf die Typen zu provozieren, die
tanzen doch auf deinem Grab. Hast du noch nicht begriffen, dass es hier um mehr geht, als du
dir in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst?“
Der Mann stand nun vor ihnen und warf Ursula auf seine Schulter, als habe sie kein
nennenswertes Gewicht. Er trug sie zu seinem Kollegen, setzte sie ab und ging zurück in seine
Bewacher Position. Groß, grimmig und unantastbar stand er, wie ein Leuchtturm in der
Brandung, und behielt die Gruppe sorgsam im Auge.
Ursula drehte sich zu ihrem Mann und rief: „Doch, ich habe sehr wohl begriffen, dass dies
hier hoch brisant zu sein scheint. Aber ich habe, wie schon erwähnt, keine Lust mehr zu
kriechen und nach deren Pfeife zu tanzen!“
Sie fixierte den Kerl vor sich mit finsterem Blick: „Würden Sie die Freundlichkeit besitzen,
mir meine Frage zu beantworten? Was wollen Sie von uns?“
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Bettina saß in Toms Büro und fingerte gedankenverloren an einem Lesezeichen, dass sie auf
dem Schreibtisch gefunden hatte. Sie kam hier einfach nicht weiter. Wütend stand sie auf,
öffnete die Tür und schlug den Weg zur Meßanlage des Institutes ein. Vielleicht konnte ihr
hier einer der Mitarbeiter weiter helfen. Als sie die Sicherheitsschleuse hinter sich gelassen
hatte, stand sie in der großen Halle in der hunderte von Kontrollleuchten blinkten, wie
einarmige Banditen in der Spielbank. Es war niemand zu sehen: „Hallo“, rief sie und
beobachtete das Farbenspiel an den Konsolen.
„Wir sind alle hier hinten. Kommen Sie, das müssen Sie gesehen haben“, rief eine Frau, von
der Bettina der Stimme nach annahm, es müsse sich um Roswitha handeln. Sie war im Sektor
Insekten- und Reptil Forschung beschäftigt, einem Bereich, den Bettina verabscheute.
Widerliches Viehzeug, lästiger als Nasensekret. Sie verstand absolut nicht, wie sich jemand
mit einem solchen Enthusiasmus damit beschäftigen konnte, wie Roswitha es tat. In ihrer
Freizeit, so hatte sie ihr einmal erzählt, war sie Orgelspielerin in einer Musikgruppe, die bei
Feiern auftraten, immer bemüht zu amüsieren und animieren.
‚Nee, das wäre nichts für mich‘, dachte sie verächtlich und ging nach hinten.
Drei Mitarbeiter, unter ihnen Roswitha, standen vor einem großen Terrarium, das die neue
Behausung einer Vogelspinne war. Schon aus einiger Entfernung erkannte sie, dass ihre
Münder vor Entzücken offen standen.
„Seht Euch das an. Sie macht keine Anstalten den Marienkäfer zu fressen!“ Ursula trat an
den Kasten und schaute durch die blankgeputzte Scheibe. Die Spinne saß am vorderen Rand
auf einem Stein und regte sich nicht. Im Hintergrund kletterte auf dichtem Gestrüpp, das von
der Decke der Rückwand wucherte, ein Marienkäfer nach unten. Auf dem Boden des
Terrariums lag ein Meer von Kokons, von denen sich einige bereits bewegten.
„Sie wird satt sein“, vermutete Ursula unbeeindruckt.
„Nein, das ist sie keineswegs. Sie mag den Käfer nicht. Er hatte ausgiebigen Kontakt mit
unserer neu gezüchteten Hyazinthen-Art. Wir glauben, dass der Geruch die Spinne
abschreckt oder irgendwie unsichtbar macht.“
Bettina tat höchst interessiert: „Kann ich eine Gegenprobe sehen?“
„Sicher“, ereiferte sich Roswitha, nahm eine Stabheuschrecke aus einem benachbarten
Glaskasten und legte sie in das Terrarium. Die Vogelspinne schlug sofort zu. Angeekelt
schaute Bettina auf den Hinterleib des Tieres, der sie an einen Luftballon denken ließ und
pulsierte, während die Kauwerkzeuge mahlten.
„Scheint wirklich hungrig gewesen zu sein. Sagen Sie, hat irgendjemand von Ihnen eine
Ahnung, wie Tom Werner seine Versuche schriftlich fixiert? Wir sind dabei sein Projekt
voranzutreiben und brauchen einige weitere Angaben.“
„Warum fragen Sie ihn nicht selbst?“, erkundigte sich ein kleiner Mann mit Glatze, den
Bettina nicht kannte.
„Er hat Urlaub und ist in Chile. Leider geht er nicht an sein Telefon, dabei wäre es wirklich
dringend.”
„Dann werden Sie wohl warten müssen, bis er wieder erreichbar ist. Ich kann Ihnen jedenfalls
nicht weiterhelfen.“
Roswitha trat neben ihn und erklärte sich ebenfalls außerstande zu helfen: „Wenn nichts mehr
weiter zu tun wegen der Theraphosidae ist, würde ich gerne Feierabend machen. Ich muss
noch zum Teich im Stadtpark.“
„Ja, ja“, antwortete der Kahlköpfige. „Deine Enten und Kois versorgen. Ich wüsste gerne,
was die Viecher ohne dich täten?“
Roswitha errötete: „Dafür liebst du mich, gib es zu.“
„Stimmt genau, dein großes Herz ist sagenumwoben. Ich darf nicht vergessen am Sonntag
eine Kerze für dich anzuzünden, damit der liebe Gott dich lange am Leben hält.“
„Tu das“, lachte Roswitha, schlupfte aus ihrem Laborkittel und verließ die Gruppe.
Teil 11 Woche 10/2013
Bettina blieb noch eine Weile resigniert vor dem Terrarium stehen, beobachtete die
Vogelspinne und den unversehrten Käfer. Sie musste unbedingt an das Passwort für Toms
Computer gelangen. Während sie über ihre nächsten Schritte nachdachte, lächelte sie einer
der Labormitarbeiter vor der Behausung der Spinne schüchtern an. Sie grinste breit zurück,
ihren neuen Plan sekundenschnell im Kopf. Dieser Kerl würde es noch nicht einmal in ihren
erweiterten Freundeskreis schaffen, doch mit ein wenig Geschick, war er in Sachen
Information vielleicht ein Gewinn für sie.
„Wann haben Sie Feierabend“, fragte sie höflich. „Ich hätte Lust drüben im Café Stern ein
Stück dieses Kuchens zu essen. Er schmeckt herrlich nach Zitrone, kennen sie ihn?“
Ihr Kollege trat unbehaglich von einem Bein aufs andere, er schien nervös.
„Kommen Sie, nur ein Stück Kuchen. Ich sitze nicht gerne allein am Tisch.“
Er tastete errötend in seiner Manteltasche, griff sein Inhaliergerät und nahm einen tiefen
Hub: „Entschuldigung“ keuchte er erleichtert. „Ich bin in etwa zehn Minuten fertig. Wenn Sie
so lange Geduld haben möchten?“
„Klar, ich kann es kaum erwarten“, erwiderte sie in gehobener Stimmung. Auf manche
Männer schien ihre Frauenpower wie ein Magnet zu wirken, sie musste sich nicht einmal
anstrengen.
„Bin gleich zurück“, erwiderte der Laborant und ging in Richtung Meßanlage davon.
Bettina nahm auf einem im Flur aufgestellten Stuhl Platz und wartete. ‚Er muss noch ein
Welpe am Institut sein‘, erwog sie amüsiert. ‚Ich habe ihn noch nie gesehen, oder einfach
nicht beachtet.‘
Normalerweise stand sie nicht auf Männer, von denen sie annahm, dass sie MickymausUnterwäsche an Mamas Wäscheleine hängen hatten.
In Jeans und einem mit dem Wort „Beichtstuhl“ bedruckten T-Shirt kam er zu ihr zurück.
„Was ist das?“, fragte Bettina belustigt und zeigte auf den Schriftzug.
„Die Band, in der ich spiele, cooler Name, oder?“
„Und welche Art Musik kann man vom Beichtstuhl erwarten?
„Auf jeden Fall keine für Samtpfötchen, wir covern Metal Songs, bunt gemischt von vielen
Bands. Hat nichts mit dem Glauben zu tun, auch wenn der Name das vermuten ließe“,
erklärte er stolz und mit Leidenschaft in der Stimme.
Bettina ging voran: „Kommen Sie, Sie können mir im Café mehr davon erzählen. Es klingt,
als müsse ich bei einem Ihrer nächsten Auftritte dabei sein. Wie heißen sie eigentlich?“
„Lothar Schröder, und ich weiß bereits, wer Sie sind.“
Sie grinste und ging durch die Drehtür am Ausgang. Der Typ wurde ihr langsam sympathisch.
Sie überquerte die Straße und würdigte den älteren Herrn mit Hut, der stumm den Wachturm
in die Höhe hielt, keines Blickes.
Im Café war nur noch ein Tisch frei, auf den sie zielstrebig zusteuerte und Platz nahm.
„Setzen Sie sich“, forderte sie Schröder auf.
Bettina kam gerne hierher, die Dekoration lud zu einem längeren Aufenthalt ein. Auf den
Tischen, die von Gartenlampen erleuchtet wurden, standen täglich frische Blumen. Heute
waren es Märzenbecher in kleinen Zinkeimern. ‚Hübsche Frühlingsboten‘, dachte sie
abwesend, bevor sie versuchte das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken.
„An welchen Veranstaltungsorten spielt ihre Band so?“
Schröder lächelte schüchtern: “Im Moment an keinem, aber wir hatten schon mal einen
Auftritt. Im Fischerboot draußen am Waldweg kennen Sie den Club?“
Bettina verneinte, nahm die Karte, warf einen kurzen Blick hinein, und schob sie über den
Tisch zu ihm. „Nehmen sie den Schneeball, das ist der Kuchen, von dem ich Ihnen erzählt
habe.“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht“, erwiderte er nach kurzem Blick in die Karte, „würde ich
lieber das Rennfahrer-Frühstück essen. Wenn ich richtig gelesen habe, gibt’s es das hier
während der gesamten Öffnungszeit. Ich habe einen Bärenhunger, bin schon seit sieben Uhr
früh im Institut um Toms Ergebnisse zu kontrollieren. Und sehen Sie“, er deutete zum
Fenster, „draußen sieht man schon das Abendrot.“
Bettina jubilierte stumm.
Die Kellnerin war an ihren Tisch getreten und hatte den letzten Teil ihrer Unterhaltung
zwangsläufig mitbekommen: „Entschuldigen Sie, reden Sie über den Pflanzen-Tom, drüben
aus dem Institut?“
Bettina sah sie erfreut an, noch eine potenzielle Informationsquelle. Sie konnte ihr Glück
kaum fassen, gab sich dennoch kühl: „Obwohl ich es sehr unhöflich von Ihnen finde, sich in
die Unterhaltung fremder Menschen einmischen, ja. Kennen Sie ihn von hier?“
Die junge Frau gab schüchtern zurück: „Es tut mir leid, ich wollte nicht taktlos sein. Aber
mein Sohn spielt bei ihm Fußball und er kann es kaum erwarten, dass er wieder zurück ist.
Tom ist sein Lieblingstrainer.“
Sie zeigte auf ein Foto, das hinter dem Tresen hing. Die gesamte Mannschaft grinste mit all
ihren Zahnlücken glücklich in die Kamera.
„Wenn ich sie so fröhlich sehe, bin ich einfach glücklich. Kein Gemälde der Welt ist so schön
wie diese Fotografie!“
Bettina konnte die Freude der Frau nicht nachvollziehen. Sie hasste es, wenn Menschen sich
nur über ihre Kinder identifizierten. Mit benutztem Präservativ hätte dieses Mädel nichts
mehr, worüber sie stundenlang schwärmen konnte. Doch diese Frau konnte mehr über den
Wissenschaftler wissen, deshalb tat sie angetan und antwortete:“ Holen Sie es mal rüber.
Welcher von diesen süßen Rackern ist denn Ihrer?“ ‚Auf diesem ollen Staubfänger‘, ergänzte
sie gedanklich und grinste noch breiter.
Ursula stand unter Strom. Es war ihr durchaus bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten die
gesamte Gruppe in Gefahr brachte. Stumm starrte sie den Kerl, der sich drohend vor ihr
aufgebaut hatte, an.
„Wir wollen von Ihnen wissen, wo dieser Tom Werner ist! Das habe ich schon mehrfach
gefragt.“
Er packte Ursula an ihren Oberarmen und begann sie zu schütteln. Auf seinem rechten
Handrücken blitzte ein Eidechsen Tattoo auf.
„Nehmen Sie ihre Pfoten weg“, kreischte sie und wand sich heftig: „Wenn Sie glauben, dass
wir Ihnen helfen, sind Sie auf dem Holzweg. Zudem wissen wir überhaupt nicht, wo er seit
heute früh abgeblieben ist. Ich wüsste das auch gerne, doch zu allererst interessiert es mich
brennend, was Sie von ihm wollen?“ Matthias stand fassungslos bei der Gruppe. Was war nur
in seine Frau gefahren? So hatte er sie noch nie erlebt. Sonst so sanftmütig musste sie
ausgerechnet jetzt ihren weiblichen Rambo entfesseln und sie hatten den Salat. Er ging näher
an sie heran, um ihr in der Not beistehen zu können.
Der Chilene schüttelte angewidert den Kopf: „Das geht Sie nichts an. Wo haben Sie ihn
zuletzt gesehen? Jetzt spucken Sie es endlich aus!“ Ursula heulte auf und streckte die Arme in
die Luft und rief: „Sie wollen es nicht kapieren, oder? Wir sagen es Ihnen nicht. Selbst wenn
Sie mit einem Panzer vorfahren und mich bedrohen. Nicht bevor ich endlich weiß, warum
wir von Ihnen terrorisiert werden. Und versuchen Sie ja nicht uns weiszumachen, dass Sie
Tom in irgendeiner Weise helfen wollen. Ich lasse mich nicht von Ihnen täuschen.“
Teil 12 Woche 11/2013
Matthias beobachtete den Chilenen, konnte in seiner Reaktion keine Gefahr für Ursula
erkennen, und blieb zunächst regungslos stehen.
Ursula stemmte die Arme in die Hüfte: „Keine Antwort von Ihnen? Ich hatte die Hoffnung
Genaueres zu erfahren, damit wir eventuell zu einer Kooperation bereit wären. Vielleicht sind
Ihre Beweggründe edel und erstrebenswert? Das kann ich allerdings nicht beurteilen, wenn
Sie ständig beharrlich schweigen. Wenn wir weiter hier stehen und warten bis Weihnachten,
kommen wir nicht voran, sondern erleiden höchstens wegen Trinkwasserknappheit ein
Hungerödem“, fügte sie sarkastisch hinzu.
„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie mit uns zusammenarbeiten, wenn ich Ihnen die Hintergründe
erkläre. Aber weil sie beide“, er deute auf Ursula und Ihren Mann, “solche Sturköpfe sind,
wird mir nichts anderes übrig bleiben.“
Er winkte seinen Kumpanen heran und gab ihm tuschelnd eine Anweisung, dann wendete er
sich erneut Ursula zu: „Ich werde Ihnen beiden, aber nur Ihnen, etwas in meinem Versteck im
Gewächshaus zeigen. Vielleicht kann ich Sie damit umstimmen. Steigen sie in den Wagen
bitte.“
Unentschlossen sah sie sich nach Matthias um, der bereits auf dem Weg zu ihr war.
„Sollen wir den beiden trauen? Ich habe Angst. Besonders der Riese lässt mich bibbern.
Andererseits bin ich neugierig auf das, was er uns zeigen möchte. Was meinst Du?“
„Meine Sorge gilt vor allem Tom und Raoul“, antworte Matthias. „Ich frage mich, wo die
beiden abgeblieben sind. Doch wenn wir diese Chance nicht nutzen, Näheres über die ganze
Sache in Erfahrung zu bringen, haben wir auch nichts gewonnen.
Ursula nickte zustimmend und ergänzte nachdenklich: „Ich denke, sie haben die Typen
kommen sehen und verbergen sich irgendwo, bis die Luft wieder rein ist. Tom verheimlicht
etwas vor uns. Ich weiß nicht, ob Absicht dahinter steckt oder ob er selbst noch gar nicht
überschauen kann, in was er da hineingeraten ist. Ich bin hin-und hergerissen zwischen einem
Cocktail im Liegestuhl und am Hotelpool ausruhen oder der Möglichkeit, endlich Licht ins
Dunkel zu bringen. Kannst Du verstehen, was ich meine?“
„Absolut, mir geht es ähnlich. Aber wir müssen eine Entscheidung treffen, die Zeit drängt.
Lass uns mit Ihnen gehen, Wissbegier ist eine Liebeserklärung an das Leben!“
Ursula ging als Erste rasch zum Wagen, in dem die beiden Männer bereits warteten. Sie war
froh, dass nicht sie die Entscheidung, die auch ihre gewesen wäre, zuerst laut ausgesprochen
hatte.
Tom und Raoul saßen geduckt unter dem Fenster in einer der Hütten. Gerade als die beiden
sich der Gruppe wieder anschließen wollten, hatte Raoul die Neuankömmlinge bemerkt und
Tom zurück ins Innere gezogen. Gespannt und mucksmäuschenstill beobachteten sie das
Geschehen und wagten kaum zu atmen. Die Minuten verstrichen zäh wie Zuckerrübensirup,
während sie die Szene beobachteten, aber rein gar nichts hören konnten. Erschrocken stieß
Tom Raoul an, als das Ehepaar zum Auto der Männer lief: „Sie gehen mit den Gorillas! Was
geht da vor?“
Er sprang auf die Füße: „Kommen Sie, dass dürfen wir auf gar keinen Fall zulassen“, rief er,
einem Schlachtruf gleich, und stürmte zur Tür.
„Bleiben Sie, wo sie sind“, bremste Raoul ihn mit brüsker Stimme. „Was glauben Sie mit
dieser Aktion zu erreichen? Vermutlich hoffen die beiden, dass Sie genau das tun, und
versuchen Sie aus der Reserve zu locken. Ich muss auch die restlichen Touristen in Sicherheit
wissen. Das gelingt mir am ehesten, wenn ich sie bei nächster Gelegenheit zurück ins Tal
bringe. Wenn Sie zur Rettung des Paares den Helden mimen und hinausrennen, weiß
niemand, wie es weitergeht. Tun Sie mir den Gefallen und spielen sie nicht den Feuerlöscher.
Die Geschichte um Sie und ihre wissenschaftliche Entdeckung ist ohnehin schon angebrannt.
Wir bringen die Gruppe nach unten, wenden uns dort an die Polizei und melden Ursula und
Matthias als vermisst. Ob wir mit dem Rest der Geschichte herausrücken oder etwas Anderes
daraus basteln, können wir immer noch entscheiden.“
Tom blieb unentschlossen an der Tür stehen. Wie sollte er reagieren? Die negativen
Erfahrungen seiner Entführung stärkten den Wunsch nach Hilfe der Polizei. Andererseits war
das Ehepaar durch ihn in diese brenzlige Situation geraten. Ließ er sie im Stich, brachte ihm
das sicher kein Zertifikat für mutige Leistungen ein. Doch er wusste selbst nicht einmal
genau, worum es ging und wodurch dieser ganze Schlamassel ausgelöst worden war. Er
beschloss die Hilfe der Behörden in Anspruch zu nehmen und sofort im Institut anrufen, wenn
sie diesen abscheulichen Jahreszeiten-Ausbruch hier oben in den Anden entkommen waren.
„In Ordnung, wir warten ab, bis sie verschwunden sind. Aber Sie müssen mir versprechen
mich zur Polizei zu begleiten und alles zu erzählen, was Sie selbst über diese Aktion wissen,
einverstanden?“
Raoul nickte zerknirscht, im Wissen keine andere Chance zu haben. Es war wie beim Billard,
wenn die schwarze Kugel versehentlich versenkt wurde, war die Partie verloren. Daran
konnte nicht einmal mehr das Glück eines Schornsteinfegers etwas ändern. „Wir bringen die
Reisegruppe zum Hotel und begeben uns danach sofort zum Polizeirevier. Es ist an der Ecke,
das Gebäude mit den Glasbausteinen, vielleicht haben Sie es schon gesehen?“
„Ja ich erinnere mich daran, gegenüber ist eine Bushaltestelle und daneben eine Wiese auf
denen ein paar Jungs Basketball gespielt haben. Zwischen den Grashalmen blühten Hunderte
von Gänseblümchen. Das kann man sich hier oben kaum vorstellen!“
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Bettina wartete ungeduldig darauf, dass die Kellnerin mit dem Mannschaftsfoto zurück an
ihren Tisch kam. ‚So lahm wie eine Schnecke. Bestimmt ist sie so ein Bücherwurm, vernarrt
in Arztromane, in denen Heilberufe in den Himmel gehoben wurden und Hustensaft das
Allheilmittel war, weil echte Krankheiten erst gar nicht vorkamen. Oder noch eher
Liebesromane, in denen ein Edelstein im Teddybär der Angebeteten versteckt war, Pralinen
zum Geschenk eine Selbstverständlichkeit und nichts so sicher war wie ein Happy End.‘
Strahlend hielt sie das Foto vor Ihre Brust und zeigte auf einen Jungen in der zweiten Reihe.
„Das ist mein Felix, es bedeutet der Glückliche und trifft durchaus zu.“
Bettina unterdrückte unter großer Anstrengung ein Stöhnen. ‚Wusste ich es doch!‘
„Sehr hübsch und so freundlich schaut er aus. Er ist bestimmt ein wahrer Sonnenschein!“
„Ja“, schwärmte seine Mutter und warf einen raschen Blick zur Küche, aus der ein Brutzeln
zu vernehmen war. „Warten Sie eine Sekunde, ich komme gleich noch einmal zu Ihnen. Muss
nur rasch die Scampi für die Spaghetti aus der Pfanne nehmen, sonst gibt’s Verkohltes.“
Sie rannte vorbei am geschmückten Buffet, hängte das Bild zurück an die Wand und betrat
die Küche. Schmunzelnd folgte Bettinas Kollege ihr mit seinen Blicken, während sie
krampfhaft überlegte, wie sie mit diesen beiden Menschen umgehen sollte. Sie vermutete,
dass bei beiden eine Unterhaltung mit einem Strommast unterhaltsamer wäre und deshalb
vorzuziehen sei. Doch musste sie diplomatisch bleiben, um ihre beiden wichtigsten
Informationsquellen nicht zu verärgern.
Teil 13 Woche 12/2013
Wenige Minuten später stand die Kellnerin mit stark geröteten Wangen wieder am Tisch:
„Wäre wirklich fast ein Desaster geworden. Teufel nochmal, nicht nur die Scampi standen
fast in Flammen, sondern auch die Spiegeleier, die ich komplett vergessen habe. Aber es ist ja
noch mal gut gegangen. Jetzt habe ich einen Moment und kann kurz bei Ihnen Platz nehmen,
wenn es Ihnen recht ist.“
Bettina nickte zustimmend und zweigte auf den Stuhl neben sich: Wir haben uns noch gar
nicht vorgestellt“, entschuldigte sie sich und zeigte auf ihren Kollegen. „Das ist Herr…“,
weiter kam sie nicht und war dankbar dafür. Der Laborant war aufgesprungen, rief: „Lothar,
nennen Sie mich einfach Lothar „ und streckte der Kellnerin seine Hand entgegen. Bettina
stellte sich knapp mit „Diercke“ vor, schüttelte die Hand der Bedienung und wünschte sich an
einen anderen Ort. Ihr Kollege, der nur noch Augen für die Kellnerin hatte, die sich soeben als
Cornelia Immergrün vorgestellt hatte, was Bettina dazu zwang, ihren lauten Ausbruch einer
Lachsalve zu unterdrücken, rückte seinen Stuhl ein wenig vom Tisch ab.
„Immergrün“, erklärte er ohne ein Anzeichen von Belustigung im Gesicht, „was für eine
interessante Namensgebung. Haben Sie schon einmal Nachforschungen darüber angestellt, wo
er seinen Ursprung hat?“
Frau Immergrün schüttelte errötend den Kopf.
‚Oh lieber Gott, lass Hirn vom Himmel, bevor ich die beiden mit einer Häkelnadel ersteche
und für immer vom Herzschmerz befreie.‘ Sie begann mit den Fingern auf dem Tisch zu
trommeln, ihre Geduld würde sich nicht mehr viel länger strapazieren lassen. Sich räuspernd
sprach sie die Bedienung an: „Sagen Sie Frau Immergrün, haben sie außerhalb des Trainings
Kontakt zu Herrn Werner?“
Wieder errötete sie bis unter die Haarspitzen: „Einmal sind wir nach dem Training mit Felix
zum Eis essen gegangen und danach ist Tom auch mit nachhause gekommen. Er wollte
unbedingt die Carrera Bahn meines Sohnes anschauen!“
‚Ja klar, er wollte mit Deinem Sohn Autorennen fahren und der Osterhase geht jede Woche
beim Damwild zur Fußpflege, um nicht als Kaninchenbraten zu enden!‘
„Felix hat eine Carrera Bahn“, mischte sich der Laborant ins Gespräch und verhinderte, dass
Frau Immergrün den ungläubigen Blick in Bettinas Gesicht wahrnahm. Resigniert stand sie
auf, entschuldigte sich und ging zur Toilette um sich abzuregen. Musste der Kerl ständig
dazwischen funken? ‚Ich will doch nur wissen, ob sie mehr über Werner weiß und nicht
woher ihr Name stammt, darauf pfeif ich!‘
Sie betrat eine Kabine und atmete tief durch und bereute es in derselben Sekunde. Gerüche
aus der Küche mischten sich mit denen menschlicher Ausscheidungen. ‚So hat es hier noch
nie gestunken‘, dachte sie irritiert. Eine bessere Variante vom Plumpsklo mit
Glasbläserbeteiligung. Oder war sie nur so angespannt, dass sie alles um sich herum viel
deutlicher wahrnahm? Auch die Graffitis auf den Kabinenwänden hatte sie bei ihren letzten
Besuchen nie bemerkt. Mit zusammengekniffenen Augen entzifferte sie die Botschaft: Mehr
Toleranz für Bedürfnisse anderer. Schwimmwesten für Wasserratten. Ungeduldig schraubte
sie am Wasserhahn, aus dem kein Tropfen Wasser hervorkam.
„Zeit zum Renovieren“, rief sie laut in den Raum, und für Dich wird es Zeit dich zu
beruhigen und weiter zu forschen. Nur Mut, Tom kann ja nicht alles vor allen geheim
gehalten haben!“
Ursula saß auf der Rückbank, Matthias neben ihr legte schützend seinen Arm um sie. Der
Kerl fuhr schnittig, aber er raste nicht. Draußen hatte erneuerter Schneefall eingesetzt, sodass
man die Umgebung nur verschwommen erkennen konnte. Außer Bäumen rechts und links
des Feldweges gab es jedoch auch nichts Außergewöhnliches zu entdecken.
„Was machen wir, wenn noch mehr von den Kerlen auftauchen?“, flüsterte Ursula und legte
ihre Hand auf das Bein ihres Mannes.
„Das kann ich dir nicht sagen, ich hoffe der Windhund da vorne führt nichts weiter im
Schilde, als uns endlich zu zeigen, worum es überhaupt geht. Und nicht schon unsere
Beerdigung nebst Grabstein geplant hat.“
Ursula wurde bleich und eine Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Sie bereute längst
dem Vorschlag zugestimmt zu haben: „Ich hoffe es“, seufzte sie und kuschelte sich an
Matthias.
Kaum waren die Rücklichter der davonfahrenden Wagen nur noch als kleine Punkte
auszumachen, kamen Raoul und Tom aus ihrer Deckung.
„Wo waren Sie“, fragten einige Reiseteilnehmer sofort.
Raoul winkte ab: „Alles andere später, steigen Sie sofort in die Autos wir fahren nach unten.
Vielleicht schaffen wir es noch zum Sonntagsbraten“, versuchte er die Verwirrung der
Touristen zu zerstreuen.
Gregor, der heute einen Zylinder und Hosenträger zur Schau stellte, stieg als Erster in einen
der Wagen und winkte Oskar und seiner Frau zu es ihm gleich zu tun. ‚Unser Liliput wieder
einmal in bunter Farbvielfalt, fehlt nur noch ein Lebkuchenherz um seinen Hals’, dachte
Tom grinsend. Er stieg auf die Rückbank eines Jeeps und sehr rasch hatte jeder einen Platz in
den Autos gefunden. Raoul gab den zusätzlichen Fahrer ein Zeichen zur Abfahrt.
Drei Stunden später war das Klima bereits merklich angenehmer. Tom kurbelte die
Fensterscheibe nach unten und genoss ein Sonnenbad auf seinem Gesicht. Sehr bald könnte
er relaxed am Strand liegen und einen Korb Obst genießen, wenn nicht die Fragen wie
aufgescheuchte Monster durch seinen Kopf kreisen würden. Er wusste nicht, was er von
einem Besuch bei der örtlichen Polizei erwarten konnte. Von Korruption und Bestechung las
man ständig in den News, und ob sie ihm diese verrückte Geschichte abkauften, stand
ohnehin auf einem ganz anderen Blatt. Alternativen blieben ihm jedoch nicht, er musste die
Bombe platzen lassen. Hoffentlich hielt sich Raoul an sein Versprechen und konnte helfen,
Licht ins Dunkel zu bringen. Am Autofenster rauschten die ersten Häuser in sein Blickfeld. In
einigen Gärten erkannte er Rosen und Narzissen, die um die Wette zu blühen schienen.
Farbenprächtig wie Eierfarbe zu Ostern, reckten sie ihre Köpfchen der Sonne entgegen.
„Haben Sie hier eine besondere Blumenerde?“, fragte Tom Raoul, bekam jedoch keine
Antwort. In einem stattlichen Anwesen entdeckte er einen Swimmingpool, der fast unter
Palmzweigen verschwand. In der Ferne konnte er bereits die Silhouette des Hotels erkennen.
Teil 14 Woche 15/2013
Sie schafften es tatsächlich aus den Bergen zurück ins Tal, ohne von seinen Entführern
aufgehalten zu werden. Das Postkarten-Panorama des Ortes am Meer kam rasch immer
näher. Links neben ihm tauchte ein Wohnwagen auf, vor dem ein dickes Stromkabel auf der
Erde lag. Daneben türmten sich bunte Kartons, Autoreifen und eine Tüte, um die Insekten
kreisten. Raoul bremste und erklärte, dass er rasch nach drinnen müsse, um etwas zu holen.
Tom starrte auf den Vorplatz. Er war überrascht und entsetzt, dass ihr Reiseführer in einer so
ärmlichen Behausung lebte. Diese Möglichkeit war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen.
‚Jetzt verstehe ich auch, warum er sich in diese Sache mit hineinziehen lassen hat‘, dachte er
die Situation erkennend. Hier schien es an der Butter auf dem Brot zu mangeln und Raoul
hatte die Gelegenheit genutzt, um sich sein Dasein ein wenig behaglicher zu gestalten.
Zweifel darüber, dass der Scout auf dem Polizeirevier mit der Wahrheit herausrücken und
seinen Part nicht unter den Teppich kehren würde, machten sich in Tom breit. Er musste
verrückt gewesen sein, sich überhaupt auf diesen Deal eingelassen zu haben. Was, wenn
Raoul nun mit gezogener Waffe zurückkehrte und alles niedermähte? Er ahnte vielleicht nicht
annähernd, was für den Chilenen auf dem Spiel stand. Vielleicht ging es hier um viel mehr als
das Verreisen zum Karneval. Musste er eine Familie ernähren und schützen, eine erkrankte
Mama pflegen? Unbehaglich und angespannt wartete er darauf, dass er wieder auftauchte.
Nur sehr kurze Zeit später trat Raoul mit einem freundlichen Lächeln aus seiner Behausung
und schlenderte zum Auto. Tom entspannte sich und grinste erleichtert zurück.
„Ich musste nur rasch meine Tasche holen“, erklärte er, als er die Fahrertür öffnete. Er hielt
eine Herren-Handtasche in die Luft, die Tom nur von Fotos der siebziger Jahre kannte.
Niemand aus seinem Freundeskreis benutzte so etwas heute noch.
„Darin bewahre ich alle wichtigen Papiere auf und die hiesige Polizei schaut sich gerne alle
Dokumente an, die auch nur im Entferntesten mit einer Sache zu tun haben könnten.
Schikanieren ist eine ihrer leichtesten Übungen.“
Tom fasste sich ein Herz und bat Raoul noch einmal mit ihm nach draußen zu gehen. Er
musste ihn fragen, ob er bei der Polizei wirklich bei der Wahrheit bleiben würde, mochte dies
aber nicht vor den beiden anderen Touristen tun, die ebenfalls im Wagen saßen. Stirnrunzelnd
nickte der Reiseführer, stieg aus und ging auf den Platz vor dem Wohnwagen. Tom folgte ihm
und fragte mit ernstem Gesicht: „Es ist mir sehr wichtig, dass Sie mir jetzt ehrlich antworten.
Werden Sie mir bei der Polizei helfen, meine Entführung und was damit zusammenhängt
aufzuklären?“
Raoul schaute stur auf den Jeep, der an der Straße parkte. Tom meinte, während er seine
Frage stellte ein leichtes Zucken in seinem Gesicht bemerkt zu haben. Er antwortete nicht ihm
nicht, blieb einfach stumm.
„Raoul?“
„Entschuldigen Sie. Ich bin mir selbst noch nicht im Klaren darüber, wie ich Ihnen helfen
kann, ohne mich selbst zu sehr zu belasten. Verstehen Sie mich nicht falsch. Was mit Ihnen
geschehen ist, wollte ich auf gar keinen Fall. Man hat mir nicht die Wahrheit gesagt, als man
mich angeheuert hat und nun sitze ich mit Ihnen wie ein Kaninchen in der Falle. Dennoch
werde ich versuchen, Sie in jeder Form zu unterstützen. Tun Sie mir nur den Gefallen und
fallen Sie bei der Polizei nicht mit der Tür ins Haus. Lassen Sie mich reden.“
„Aber“, widersprach Tom, „ich muss doch die Anzeige tätigen!“
Raoul winkte ab: „Wer beginnt die Geschichte zu erzählen ist doch völlig unerheblich.
Vertrauen Sie mir, bitte! Und jetzt ab ins Auto, je länger wir hier rumstehen, umso eher
können uns die Typen noch abfangen.“
„Sie haben recht, fahren wir. Ich zähle nachher auf Sie. Vergessen Sie das nicht“, bat Tom ihn
inständig. Raouls Worte hatten einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Er war sich
absolut nicht sicher, ob er das Richtige tat.
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Als Bettina aus den Toilettenräumen zurück ins Café kam, war die Kellnerin Immergrün mit
Gästen an anderen Tischen beschäftigt. Der Laborant saß, seinen Kopf tief über eine Gazette
gebeugt, am Tisch. Er sah kurz auf und lächelte Bettina zu, als er sie bemerkte. ‚War wohl
nichts mit dem Einstieg in die romantische Zweisamkeit’, dachte Bettina sarkastisch und
nahm wieder Platz.
„Also, was haben Sie nachher noch vor?“
Ihr Kollege errötete, als er die Zeitung beiseitelegte: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, habe
ich mich nach Feierabend mit Cornelia verabredet. Wir wollen ins Kino gehen.“
Bettina kochte, sie konnte sich unmöglich an diese Verabredung heranhängen und würde nun
heute nicht mehr weiterkommen mit ihren Nachforschungen. Die Erkenntnis stach sie wie
eine Reißzwecke unter den Fingernägeln. Diesem Künstler der Unscheinbarkeit war es in der
kurzen Zeit, die sie auf der Toilette verbracht hatte, tatsächlich gelungen Frau Immergrün zu
umgarnen. Eine sehr gehässige Bemerkung wollte sich aus ihrem Mund lösen, doch sie
schluckte sie hinunter. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die beiden Turteltäubchen ziehen zu
lassen und morgen früh neu anzusetzen. ‚Schlafen wir eine Runde darüber‘, sprach sie sich
selbst Mut zu, lächelte freundlich und flötete: “Oh wie schön, dann wünsche ich viel Spaß und
gehe mal los.“
„Sorry, es hat sich zufällig passend ergeben. Vielleicht sehen wir uns später noch beim
Osterfeuer?“
Betina schüttelte den Kopf: „Eher nicht, ich bin recht müde und möchte lieber noch ein wenig
auf der Couch entspannen.“
In ihr brodelte es wie in einem Kraftwerk. Was dachte sich dieser selbsternannte Buddha
aus dem Labor eigentlich? Kam in ihrer Begleitung und ging, ohne um Zustimmung zu
fragen, mit einer anderen ins Kino. Noch dazu mit einer so naiven Ziege! Und als kleine
Widergutmachung bietet er großkotzig einen Osterpunsch und Krokus-Bestaunen am
Osterfeuer an. Wie gnädig!
Cornelia Immergrün kam am Tisch vorbei, zwinkerte dem Laboranten zu erklärte: „In einer
Viertelstunde ist Übergabe!“
„Darf ich Sie kurz um etwas bitten, bevor Sie vielleicht heute Abend mit meinem Kollegen in
die Südsee verschwinden?“
„Südsee?“, fragte sie irritiert.
„Das war ein Scherz“, erwiderte Bettina genervt. ‚Die ist wirklich ganz schwer von Begriff!‘,
fluchte sie lautlos und fügte um Freundlichkeit ringend hörbar hinzu: „Hat Tom einmal mit
Ihnen über seine Projekte gesprochen? Bitte, es wäre sehr wichtig für mich!“
Ihr Kollege rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin- und her, während die Kellnerin
entschuldigend den Kopf schüttelte: „Nein, über seine Arbeit haben wir eigentlich nie geredet
nur über die Fußballjugend und mein Rezept für Schäufele, er liebt sie.“
„So“, mischte sich der Laborant ins Gespräch ein. „Und nun verraten Sie mir doch bitte mal,
worum es Ihnen eigentlich geht! Ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie nicht nur guten
Kuchen essen mochten und einen netten Plausch mit der Kellnerin halten. Was ist passiert?
Steckt Tom in Schwierigkeiten?“
„Leise“, zischte Bettina und riss ihren Zeigefinger vor den Mund. “Es muss ja nicht gleich an
die Wandzeitung der Stadt stehen, was ich über Tom wissen möchte! Ich gestehe ich bin ein
wenig in der Zwickmühle, da ich nicht zu viel Betriebsinterna ausplappern darf“, erklärte sie
in bemüht ruhigem Ton. „Aber bei einem von Toms Projekten ist es zu einigen
Schwierigkeiten gekommen und ich müsste in seinen Unterlagen etwas nachschauen. Leider
habe ich die Zugangsdaten, die er mir vor seiner Abreise anvertraut hat, verbummelt. Und
wenn ich nicht sehr bald helfend eingreife, kann man mit seinen Forschungsergebnissen
keinen Blumentopf mehr gewinnen. Das möchte ich um jeden Preis verhindern.“
Sie klopfte sich im Geiste auf die Schulter. Das klang doch wirklich plausibel.
Der Wagen, auf dessen Rücksitz sich Ursula und Matthias aneinander kuschelten, hoppelte
über vereiste Feldwege, die sich durch die sehr winterliche Wetterlage in reine Eispisten
verwandelt hatten. Endlich hielten sie vor einem großen Betonkasten, den man in dieser
Einöde niemals erwartet hätte.
„Steigen Sie aus und folgen Sie mir. Ich zeige Ihnen alles, was Sie wissen müssen. Vielleicht
werden Sie danach sehr gerne und freiwillig mit den Informationen herausrücken, die wir so
dringend brauchen. Wenn wir alles in den Griff bekommen, ist diese Entdeckung Gold wert.
Nicht nur, dass man damit Geld wie Heu verdienen kann“, erklärte er sachlich, während er
eine stählerne Tür aufschloss. „Es ist eine Gabe an die gesamte Menschheit. Bisher
unentdeckt und doch so einfach. Es ist, als habe man das Präsent nie gesehen, weil es so dick
mit Geschenkpapier eingeschlagen war.“
Er winkte Ihnen ihm zu folgen und ließ durch Drücken des Lichtschalters ein grelles
Neonlicht aufflammen.
Matthias und Ursula sahen sich geblendet um. Im Betonklotz, der einer Badeanstalt gleich
von oben bis unten gekachelt war, befanden sich zahlreiche Fotografien von Tieren und
Pflanzen an den Wänden. Ein buntes Durcheinander an Bildern, rechter Hand Elefanten, ein
Wolf, Schmetterlingen, Wildkatzen der Region, einer wunderschön anzusehenden Qualle
sowie einem Langhaardackel, der sich nicht recht in die Reihen einzufügen schien. Links
zeigte sich die Pflanzenwelt in Gestalt von Kornblumen, Kürbissen, Kakao-Bohnen und
einer Nahaufnahme von Weintrauben, die auf einem Weinberg aufgenommen sein mussten.
„Da war aber jemand mächtig fleißig auf seiner Fotosafari“, flüsterte Ursula ihrem Mann
zu, der kopfschüttelnd vor dem Dackelbild stehen geblieben war.
„Bitte kommen Sie hier hinein“, drängte sie der große Mann und wies auf eine offen
stehende Tür. Dass was Sie hier sehen, ist nur schmückendes Beiwerk und sollte Sie nicht
weiter interessieren. Wenn Sie der Wahrheit auf die Spur kommen wollen, sollten wir keine
Zeit verlieren. Ich nehme an, Ihr Freund Tom wird versuchen sich davon zu stehlen und seine
Story an einen Reporter der Tageszeitung verkaufen. Vielleicht liegt er aber verletzt
irgendwo herum, weil er Hals-über Kopf getürmt ist, um sich seiner Verantwortung zu
entziehen. Sagen Sie mir; wie gut kennen Sie den Kerl eigentlich?“
„Er ist lediglich eine Urlaubsbekanntschaft“, erklärte Matthias. „Von tiefster
Verbundenheit kann also nicht die Rede sein.“
Ursula mischte sich energisch ein: „Sicher, wir kennen ihn noch nicht lange. Aber ich habe
den Eindruck bekommen, dass er ein sehr netter und ehrlicher Mann ist. Ich mag ihn und nur
deshalb sind wir überhaupt mitgekommen. Ich hoffe darauf, ihm irgendwie zu helfen. Ich
kann mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, dass er ein skrupelloser und böser Mann ist. Und
ich bin davon überzeugt, dass sich dieses ganze Ereignis, in das er angeblich verstrickt ist, als
völlig harmlos herausstellt.“
Über Matthias Gesicht huschte ein Grinsen: „Du hast wirklich ordentlich Sexappeal, wenn
Du so von einer Sache überzeugt bist! Der bringt sogar Pyramiden zum Wanken.“ Zu den
Männern blickend ergänzte er: „Aber sie hat vollkommen recht. Auch ich tue mich schwer zu
glauben, dass Tom jemals etwas Schlimmes im Schilde geführt hat. Mir schien es, als hat er
selbst keine wirkliche Idee, aus welchem Grund er in diese Sache gerutscht ist. Ich bin davon
überzeugt, dass in Ihrem Puzzle ein entscheidendes Teilchen fehlt!“
„Sicher haben auch Sie schon die Erfahrung gemacht, dass man nicht in die Köpfe von
Menschen schauen kann. Selbst ein EEG hilft da nicht weiter. Wer sich gut verstellt, kann der
Menschheit alles Mögliche weismachen. Dafür gibt es zahleiche Beispiele in der Geschichte
der Menschheit. Ich an Ihrer Stelle würde für den Kerl nicht meine Hand ins Feuer legen,
zumal Sie ihn erst vor Kurzem kennengelernt haben. Wissen Sie, ob er Ihnen nicht die letzte
Rettungsweste vor der Nase wegschnappen würde, wenn es hart auf hart kommt?“
„Nein, das weiß ich natürlich nicht“, ereiferte sich Ursula. Dennoch kann ich von mir
behaupten, dass ich eine sehr gute Menschenkenntnis besitze und noch nie mit meinen ersten
Eindrücken baden gegangen bin. Das erste Gefühl, das er bei mir hinterließ, war besser als ich
es von Ihrem behaupten kann.“
Matthias trat ihr ans Bein und blickte sie mahnend an: „Wie dem auch sei, lassen Sie uns
wissen, warum wir hier sind.“
Der Chilene nickte zustimmend: „Christobal hol das Notebook her“, mit einer Handbewegung
scheuchte er seinen Kumpanen zu einem Schrank in der Ecke. „Während Sie hier über die
Eigenschaften von Tom Werner diskutieren, habe ich schon ein paar Informationen zur
Verfügung. Als kleine Einführung zu unserer Vorstellung möchte ich Sie bitten einmal das
Wort Andentanne zu googlen. Danach reden wir weiter“
Christobal trug das Notebook sehr vorsichtig zu ihnen. Er wirkte fast wie ein Messdiener, der
besonders darauf bedacht war, im Gottesdienst keinen Tropfen Weihwasser zu verschütten.
„Legen Sie los“, sagte der große Mann und lächelte Ursula und Matthias aufmunternd zu.
Aufgeregt stieg Tom aus dem Wagen, als sie vor der Polizeistation anhielten. Er wünschte
sich von ganzem Herzen, dass nun endlich Licht in die Angelegenheit kam und er seinen
kleinen Rest an Urlaub entspannt verleben konnte. Er würde sich einen Yacht-Ausflug
gönnen, wenn er einigermaßen heil aus dieser Sache kam, beschloss er zuversichtlich. Wenn
Raoul ihn dort drinnen allerdings hängen ließ, konnte er einpacken und seinen Hintern auf
dem Trockenen lassen. Er war nicht scharf darauf zu erfahren, was die Polizisten von einem
Touristen dachten, der ihnen von seiner Entführung erzählte, ohne einen Zeugen dafür zu
haben. Unsicher betrat er hinter Raoul das Gebäude. In einem hell erleuchteten Flur bat ihn
der Chilene Platz zu nehmen: „Ich gehe rein und melde uns an. Mal sehen, ob ich jemanden
finden kann, der sich zuständig fühlt.“
„Was soll das denn heißen? Ich will mit einem der Beamten sprechen. Zuständig oder nicht.
So etwas muss doch jeder Polizist bearbeiten können. Oder braucht es dazu einen
Spezialisten, der vielleicht erst noch eingeflogen werden muss? Dann kann ich mir
gratulieren.“
Raoul hob beschwichtigend die Arme in die Luft: „Nun seien Sie nicht gleich so aufgebracht.
Ich habe niemals behauptet, dass wir einen Spezialisten bräuchten. Hier in der Kleinstadt
haben die Männer ihre eigenen Gebiete. Verstehen Sie, was ich meine? Eine Entführung
kommt hier nur alle Jubeljahre vor, wenn es überhaupt schon einen gegeben hat. Ich
persönlich wende mich lieber an einen der Polizisten, von dem ich weiß, dass er schon
schwerere Verbrechen als Ladendiebstahl oder Falschparken bearbeitet hat. Wie würden Sie
das sehen?“
„Entschuldigen Sie, ich bin sehr aufgeregt und nervös. Mein Kopf fühlt sich gerade so an,
als würde jemand E-Gitarre darin spielen. Es brennt mir unter den Nägeln endlich
voranzukommen. Sie kennen alles viel besser hier, also sollte ich Ihnen vertrauen und nicht
wie ein Ochse rumzetern. Tom rutschte sich auf dem Plastikstuhl in eine bequemere Position
und deutete auf eine Tür, hinter der der Umriss eines Schreibtisches zu erkennen war. „Nun
gehen Sie schon, ich verspreche, mich nicht zu rühren. Während Raoul im Büro verschwand,
hing Tom seinen Gedanken nach. An seinem letzten Geburtstag feierte er nicht nur sein
Wiegenfest, sondern auch diese wunderbare Entdeckung. In der Bar nahe dem Labor hatten
sie die ganze Nacht gefeiert und darüber diskutiert, was man mit diesem Wunder alles in
Gang setzen könne. Dabei war allen bewusst, dass die Information nicht für jedermanns
Ohren bestimmt sein durfte. In falschen Händen konnte sie zum Fleckenentferner gesunden
Lebens werden. Sie schmiedeten whiskeybeseelte Pläne, die nichts mit dem zu tun hatten, was
er nun erlebte. Er schüttelte seinen Kopf, um in die Wirklichkeit zu gelangen und schaute sich
um. Im Mülleimer neben ihm, bei dem der Lack reichlich abgeblättert war, quetschten sich
zahlreiche Joghurtbecher neben Zigarettenschachteln. Die Verpackung eines Guglhupf hing
über dem Rand, als ob sie in ihre Freiheit flitzen wolle. Ungeduldig sprang Tom auf die Füße
und klopfte an der Tür.
„Si“, hörte er die dumpfe Antwort von drinnen. Er öffnete sie und betrat das Büro. Raoul
schüttelte ungeduldig den Kopf: „Können Sie nicht wie ausgemacht einen Moment abwarten.
Wir wollten Sie ohnehin gleich hinzurufen. Sie Drängler! Nehmen Sie Platz, der Ermittler“,
er zeigte auf den Polizisten mit ausgeprägten Aknenarben, „ist sehr interessiert an Ihrem
Fall.“
Tom atmete erleichtert auf und nahm auf dem ihm angebotenen Stuhl Platz. In Regalen über
ihnen standen zahlreiche Pokale in Form eines Tennisballs. ‚Zumindest ist er gut trainiert‘
dachte er flüchtig, bevor er fragte: „Wo soll ich anfangen?“
Teil 16 Woche 15/2013
Zur gleichen Zeit in Deutschland
„Schwierigkeiten bei Toms Projekt?“, fragte der Laborant verdutzt. „Ich dachte, es sei noch
gar nicht in die Entwicklung gegangen oder habe ich da etwas verpasst?“
Bettina stöhnte innerlich auf: ‘Ich bin eine dumme Gans. Wie konnte mir das herausrutschen?
Mein Hirn muss bei all diesem Liebes-Tamtam Rost angesetzt haben. Und jetzt brauche ich
eine sehr gute Idee oder die Feuerwehr um mich aus der bescheuerten Situation hinaus zu
manövrieren.‘
Hastig setzte sie ihren inzwischen kalten Kaffee an, um nicht sofort antworten zu müssen.
„Gibt’s noch ein bisschen Würfelzucker?“, stammelte sie und sah tief in ihre Tasse. „Der
ist nicht süß genug.“
„Lenken Sie jetzt ja nicht von Thema ab“, forderte sie ihr Kollege streng auf. „Der würde
sich in dieser kalten Brühe sowieso nicht mehr auflösen.“
„Dann lasse ich mir erst ein Bier zapfen, wenn Sie gestatten, denn ich muss ein wenig
weiter ausholen. Haben Sie Sitzfleisch?“
„Allerdings“, brummte er. „Und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie endlich einmal eine
ordentliche Erklärung abgeben könnten, warum Sie plötzlich so interessiert an mir und Toms
Projekt sind!“
Panisch versuchte Bettina ihre Gedanken zu ordnen. Sie konnte ihm mit Sicherheit nicht die
Wahrheit über ihre Gründe erzählen. Die Mauer des Schweigens musste unter alle
Umständen aufrechterhalten werden. Eine plausible und hübsche Lüge, die ihr partout nicht
einfallen wollte, musste her. Als Jugendliche drückte sie in Situationen wie dieser ihren
Glücksbringer und bat um Hilfe von oben. Doch dieses Prozedere als auch den Glauben
daran hatte sie schon vor langer Zeit aufgegeben. Dieser Bart war unwiederbringlich
abgeschnitten, sie vertraute nur auf sich selbst allein.
„Ich höre“, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen und im selben Moment sprang die
Ampel in ihrem Gehirn wieder auf Grün. Sie lächelte freundlich und sagte leise: „Ich weiß
nicht, wo ich beginnen soll, es ist, sagen wir mal ein wenig delikat.“ Sie wünschte sich eine
Zwiebel herbei, damit sie ihre rührselige Vorstellung die nun folgen sollte, mit Tränen
unterstreichen konnte.
„Ich fürchte, Tom ist betrogen worden. Jemand aus dem Institut hat seine Idee gestohlen, sich
Samen der Andentanne besorgt und auf eigene Faust weiter geforscht. Leider mit völlig
anderem Ziel und genau darin besteht das Problem!"
„Wer?“, hauchte der Laborant mit weit aufstehendem Mund.
Bettina zuckte entschuldigend die Schultern.
„Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?“
„Ich habe zwei Kollegen im Einkaufszentrum gesehen, als sie vertraulich die Köpfe
zusammengesteckt hatten. Den einen von ihnen erkannte ich nur, weil er von der Haarmode
der letzten dreißig Jahre anscheinend nichts mitbekommen hat. Er sieht heute noch aus, als sei
er dem Film Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh entstiegen. Und..“, sie machte eine
kurze Pause um den Anschein zu erwecken peinlich berührt zu sein. „Ich habe mich an den
Tisch hinter ihnen setzt mir einen Shake mit Erdbeergeschmack bestellt und sie belauscht.“
„Warum? Ich meine, wenn man zwei Kollegen zusammensitzen sieht, ist das doch nichts
Verdächtiges, oder?“
„Nein, das nicht. Aber ich hatte im Vorbeigehen das Wort Baumkontrolle aufgeschnappt.
Das machte mich stutzig! Außerdem sah man ihnen irgendwie an das sie etwas ausheckten.
Ich musste es herausfinden, denn das Wichtigste habe ich Ihnen noch nicht verraten und es ist
mir auch ein wenig unangenehm, weil wir immer versucht haben, es für uns zu behalten.“
„Nein“, ihr Kollege schüttelte energisch den Kopf. „Sie wollen mir jetzt nicht erzählen, dass
Sie und Tom ein Verhältnis miteinander haben?“ ‚Yes, ins Netz gegangen’, dachte Bettina
triumphierende, setzte eine ertappte Mine auf und nickte. „Ob Sie es nun glauben oder nicht,
wir sind schon viele Jahre zusammen. Bevor er nach Chile aufbrach, haben wir uns
gemeinsam Hochzeitstorten angeschaut. Denn schon sehr bald wollten wir es offiziell
machen. Wir haben uns sogar schon eine Braut und Bräutigam Bettwäsche gekauft“, ergänzte
sie und fragte sich im selben Moment, ob sie damit nicht ein wenig zu dick auftrug.“
Diese Lügen verursachte Bettina fast körperliche Schmerzen. ‚So was Lächerliches, der
Kresse-Zupfer und ich‘, aber sie schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. ‚Hoffentlich
schnapp der Kerl sich jetzt nicht sein Handy und ruft bei Tom an‘
„Das hätten Sie ja auch schon früher sagen können. Und ich dachte Sie wollen Tom
auflaufen lassen.“
„Es ist mir ein wenig unangenehm, schließlich habe ich mit Tom besprochen, dass wir es
zusammen verkünden. Aber in dieser Notlage musste ich es doch erzählen, oder?“
„In diesem Fall werde ich Ihnen natürlich gerne behilflich sein, soweit mir das möglich ist“,
erklärte er und winkte Frau Immergrün herbei. „Lassen Sie uns rasch zahlen, wir gehen
nochmal schnell rüber ins Labor, bevor ich mich für meine Verabredung schön mache.“
Die Kellnerin trat an ihren Tisch. Der Laborant erklärte ihr, dass er rasch noch etwas zu
erledigen hatte, aber gleich wieder hier sein würde. Das Triumphorchester schallte in Bettinas
Kopf laut wie ein Trupp Musikanten mit Vuvuzelas. ‚Ich hab es tatsächlich geschafft, mit
einer so rührseligen Nummer die Sache zum Laufen zu bringen. Dabei war sie schlechter und
fader als manche Zeitungsente im Sommerloch. Bei so viel Naivität konnte einem doch
wirklich der Appetit vergehen‘.
Bettina war es in diesem Fall aber nur recht, auf einen Menschen getroffen zu sein, der einer
Romanze jeden Vortritt einräumte.
„Ich bin kein Botaniker“, raunte Ursula, während sie die verschiedenen Links der
Suchmaschine betrachtete. „Woher soll ich wissen, was hier relevant ist und was nicht? Ich
kann dir zumindest schon mal erzählen, dass die Andentanne den Spitznamen Monkey Puzzle
Tree trägt und ihre Samen als Lebensmittel genutzt werden können. Aber ich glaube, das hilft
uns nicht weiter.“
Matthias deutete auf den Bildschirm: “Hier steht, dass diese Bäume vom Kahlschlag bedroht
sind und der Handel mit dem Holz weltweit verboten ist. Mit der Rodung ist zum Beispiel der
Lebensraum des Magellan-Uhus stark eingeschränkt worden. Vielleicht bringt uns das
weiter?“
„Matthias, die beiden Kerle haben uns ohne Unterlass im Auge, wir sollten etwas wirklich
Wichtiges finden. Ich glaube nicht, dass sie sich für den Lebensraum von Uhus, Rotwild,
Pelikanen oder gar Regenwürmern einsetzen. Da steht ordentlich Kohle hintendran darauf
verwette ich meinen antiken Klingenzug! Also lass uns nach nützlichen Informationen
suchen.“
Der Mann, der ihnen den Suchauftrag gegeben hatte, kam gelassen auf sie zu: “Und, haben
Sie schon etwas entdeckt?“ Beide schüttelten mit dem Kopf.
„Dann wird es aber höchste Eisenbahn, denn ich muss endlich wissen, wo sich der Forscher
versteckt hält. Wir haben keine Zeit mehr hier eine Parade zu veranstalten, also öffnen Sie
Ihre Ohren und hören Sie mir genau zu. Ich werde Ihnen nun ein Bild Ihres Freundes Tom
Werner zeichnen, das Sie sicher nicht für möglich gehalten haben. Wie Sie sich sicher schon
gedacht haben, befasst sich Tom mit der Andentanne, genauer gesagt mit der Heilwirkung
ihres Samens. Durch einen Zufall ist er drauf gestoßen, dass diese, richtig behandelt, einen
Grundstoff für ein Medikament abgeben, mit dem zahlreiche ernsthafte Erkrankungen
gelindert oder gar geheilt werden könnten.“
Ursula räusperte sich, bevor sie einwarf: „Na über diese Entdeckung hält sich meine Trauer
aber in Grenzen. Das ist doch wunderbar, also wo ist Ihr Problem dabei?“
Der Chilene winkte genervt ab: „Wenn Sie mir die Gelegenheit geben würden, Ihnen den Rest
der Geschichte zu erzählen, käme Sie am Ende sicher auch zu dem Schluss, dass ihm
keineswegs solche Lorbeeren und Fangemeinden zustehen, wie manch berühmten
Schauspielern für die Darstellung berühmter Filmfiguren. Ein guter Schauspieler ist er
allerdings schon, das muss ich wohl einräumen.“
Er nestelte eine Weile an seinem Jackenaufschlag, als ob er nach den richtigen Worten suchte
um fortzufahren. „Sie kennen die Bibel?"
Ursula und Matthias nickten verständnislos: "Ja, warum?"
„Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel daraus geben. Als das Jesuskind geboren wurde, stand
über seiner Krippe der Weihnachtsstern.
Matthias grinste kurz, bevor er einwandte: „Entschuldigung, das Ding heißt der Stern von
Bethlehem.“
Der Mann knurrte über die erneute Unterbrechung: „Ich möchte wissen, wie es klingen
würde, wenn Sie mir die gesamte Geschichte auf Spanisch widergeben müssten.“
Matthias wurde rot bis unter die Haarspitzen: “Sie haben völlig recht, es tut mir leid, fahren
Sie fort.“
„Dieser Stern brachte für viele eine frohe Botschaft. Es gab aber auch Menschen, denen die
Geburt Christi nicht so sehr in den Kram passte. Nehmen Sie zum Beispiel“, er überlegte
kurz, „Herodes. Er sah seine Macht schwinden und setzte alles daran dies zu verhindern. Was
ich Ihnen damit sagen will ist, dass alle Dinge zwei Seiten haben. Sicher wäre es
hervorragend einige schlimme Krankheiten in den Griff zu bekommen. Die Frage ist dabei
aber immer; zu welchem Preis?“
Teil 17 Woche 16/2013
„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus“, fragte Ursula skeptisch. „Ich meine, Sie
fantasieren sich etwas von Jesus und Herodes zusammen und wir sollen das begreifen? Ich
habe bisher nur Bahnhof verstanden!“ Fragend blickte sie zu Matthias, der beschwichtigend
die Hand hob: „Nun lass ihn doch erst einmal ausreden.“
Der Chilene schaute auf seine Armbanduhr und nahm der Unterhaltung wieder auf: „Wenn
Sie wissen wollen, wo sich Ihr Engel in einen Müllmann und zur Gefahr für die Menschheit
entwickeln wird, sollten Sie noch einen Augenblick Geduld haben.“
Matthias und Ursula nickten zustimmend, ohne etwas zu erwidern.
„Bevor wir auf die negativen Seiten seiner Entdeckung zu sprechen kommen, möchte ich
Ihnen kurz erzählen, welche botanischen Eigenschaften zur Andentanne gehören. Die Tanne
wächst sehr langsam. Bis ihre Samen zur Verwendung als Arzneimittelbestandteil genutzt
werden können, muss der Baum viele Jahre wachsen, weil der Wirkstoff in den Zapfen erst
bei älteren Exemplaren vorhanden ist. So zumindest behauptet es Werner. Dies bedeutet im
Gegenzug, dass zur Gewinnung des Medikaments genügend Andentannen zur Verfügung
stehen müssen, die geeignete Samen tragen. Das Gleichgewicht älterer zu jungen Bäumen ist,
seit das Holz dieser Tanne als Zierholz entdeckt wurde, empfindlich gestört. Das Fällen ist
verboten worden, was in erster Linie für Toms Forschungen keine Rolle spielt, da er ja
lediglich am Samen interessiert ist….“
Ein Schrei zerriss die vorherige Stille, die Deckenleuchte zersprang, von einem Kugelhagel
durchsiebt, war in tausend kleine Teile. Ursula und Matthias ließen sich instinktiv auf den
Boden fallen und suchten Deckung unterm Schreibtisch.
„Verdammt Nero, wie haben die uns gefunden?“, rief Christobal entsetzt, hielt sich eine
Wunde am Arm und krabbelte wie ein Baby auf allen Vieren ebenfalls unter den Schreibtisch.
Der von ihm Angesprochene kam nicht mehr dazu, seinem Kollegen seine Vermutungen
mitzuteilen. Neuerlich einschlagende Kugeln ließen ihn verletzt zu Boden sinken. Die
Schüsse verebbten und eine gespenstische Ruhe legte sich über den Raum, die nur durch
Neros entsetzliches Stöhnen unterbrochen wurde. Ursula bewegte sich robbend ein Stück auf
den Verletzten zu. „Oh Scheiße, das sieht böse aus. Den hat’s voll erwischt“, rief sie und
presste sich schluchzend die Hände vors Gesicht. Matthias griff unter Schreibtisch nach
Christobals Kragen und zischte: „Raus mit der Sprache. Wer war das?“
Der Chilene versuchte sich aus dem Würgegriff zu winden, verlor die Balance und landete
schwervoll auf seiner Schusswunde am Arm. „Hören Sie auf zu fragen“, keuchte er, wir
müssen hier raus, und zwar sofort. Glauben Sie nur nicht, dass die da draußen schon
aufgegeben haben!“
„Wo sollen wir denn hin? Und wie haben Sie sich das vorgestellt“, rief Ursula dazwischen,
die sich schon wieder gefangen hatte. „Sollen wir den hier Huckepack nach draußen
schleppen? Ich glaube, es ist besser, wenn wir versuchen uns hier drinnen zu verschanzen.
Wenn die da draußen, wer auch immer das sein mag, noch nicht aufgegeben haben, können
wir doch nicht einfach rausspazieren, als ob wir auf einer Spritztour zum AntiquitätenLaden seien. Lassen Sie uns lieber zusehen, dass wir etwas Verbandsmaterial für ihren
Kollegen hier finden. Und eine Pinzette für die Kugel in Ihrem Arm wäre auch nicht falsch.
Sie steckt noch, ich kann sie von hier aus sehen. Und jetzt sehen Sie zu, dass Sie sich von
Ihrer Starre befreien, schließlich haben Sie uns beide in dieses Wartezimmer zur Hölle
gelockt.“
Matthias griff erneut zornig nach dem schockierten Mann, der regungslos neben ihm liegen
geblieben war, und schüttelte ihn. „Haben Sie nicht gehört, was meine Frau gesagt hat? Es
wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Ich habe keine Lust hier tatenlos zu sitzen und auf
meine Erschießung zu warten.“
Mühsam raffte sich Christobal auf und wankte zum Papierkorb, dort erbrach er sich mit
lauten Würgegeräuschen.
„Vergiss den Kerl Matthias, wir müssen jetzt handeln. Lass uns in die anderen Räume
schauen, vielleicht findet sich was. Ich muss etwas unternehmen, sonst sterbe ich vor Angst!“
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Sie betraten das Labor durch den Hintereingang und fuhren mit dem Fahrstuhl in Toms Büro.
Als sie eintraten, bemerkte Bettina sofort, dass nach ihr jemand hier gewesen sein musste. Auf
der Fensterbank war Erde neben dem Blumentopf aufgehäuft. Es sah so aus, als habe außer
ihr noch jemand Interesse an Toms Informationen.
Sie sah ihren Kollegen forschend an, konnte aber keine Reaktion über das Gesehene in seiner
Mimik ablesen: „Anscheinend hat ihm die Zeit zum Umtopfen gefehlt“, scherzte sie. „Ich
glaube, es muss an seinem Fernweh gelegen haben, dass er hier nicht mehr aufgeräumt hat.“
Bettina sammelte die über den ganzen Schreibtisch verteilten Filzstifte ein, und steckte sie
zurück in eine Tasse, auf der ein Apfelblütenbild prangte.
„Nach was soll ich denn nun für Sie suchen?“ Er warf einen raschen Blick auf seine
Armbanduhr. „Cornelia hat gleich Feierabend und ich möchte Sie ungerne lassen. Also
Schießen Sie los!“
„Machen wir es kurz, damit Sie Ihren Frühlingsgefühlen freien Lauf lassen können.
Kennen Sie Toms Passwort? Er hat es mir zwar schon ein paarmal genannt, aber ich kann mir
seine Pflanzenkombinationen nicht merken. Ich meine mich dunkel erinnern zu können, dass
das etwas mit Jahresringen zu tun hatte. Aber das Wort allein verschafft mir keinen Zutritt.
Vielleicht hat er es in der Zwischenzeit auch schon wieder geändert. Also können Sie mir
weiterhelfen?“
Der Laborant knetete nervös seine Handinnenflächen. Bettina registrierte sofort, dass er etwas
wusste, aber nicht einschätzen konnte, ob er ihr wirklich traute. Sie sah ihn eindringlich an
und setzte eine gehetzte Miene auf: „Wenn Sie mir nicht sagen was Sie wissen, wird seine
ganze Forschungsarbeit zum Schornstein herausgeblasen. Die Chance, dass ich alleine auf
das Passwort komme, sind geringer, als die Lottozahlen für die nächste Ziehung
vorauszusagen. Wenn Sie Tom und seine Arbeit schätzen, sollten Sie mir schnell sagen, was
Sie wissen, bevor unsere letzte Gelegenheit seine Forschungen zu retten den Abfluss hinunter
gespült werden.“
„Wenn Sie mir endlich verraten würden, warum Sie an seinen Zugangscode kommen müssen,
wären wir schon eine Stufe weiter.“
Bettina räusperte sich und starrte ihn nervös an: „Es hat drüben in Chile einen Unfall gegeben.
Tom ist von einem Wagen angefahren worden und leidet an einer retrograden Amnesie. So
ein bescheuerter Autokorso, der Fahrer wollte den Anschluss nicht verpassen und war
unachtsam. Bevor Tom abgereist ist, hat er mich darum gebeten, seine Testreihe im Auge zu
behalten, damit alles glatt läuft. Jetzt wollte ich mich noch einmal davon überzeugen, bevor
ich ihm nach Chile folge und mir ist vor lauter Aufregung das beschissene Passwort
entfallen!“
„Sie wollen erst noch seine Arbeit überprüfen, bevor Sie ihn im Krankenhaus besuchen?
Das kann wohl nicht die wahre Liebe sein!“
Bettina schüttelte resigniert den Kopf: „Mir scheint, Sie kennen Tom nicht. Wenn er
aufwacht, wird er mich als aller erstes nach seiner Arbeit fragen. Das weiß ich genau. Wenn
ich ihm gestehe, dass ich ihm darüber keine Auskunft geben kann, wird er außer sich sein.
Deshalb muss ich ihm irgendetwas mitbringen, um ihn zu beruhigen. Ich glaube nicht, dass
Aufregung im Augenblick förderlich für seine Genesung wäre. Und erzählen Sie mir nichts
von unserer Liebe, das geht Sie absolut nichts an.“
Sie dachte an ihre Lieblingstante, die vor einigen Monaten verstorben war, und schaffte es,
Tränen in ihre Augen treten zu lassen. Ihr Kollege kam auf sie zu, legte beruhigend seine
Hand auf ihre Schulter und erklärte beschämt: „Entschuldigen Sie, Sie haben vermutlich
recht, so gut kenne ich Tom nicht. Es tut mir leid!“
„Ich muss zu ihm, und zwar so schnell wie möglich. Wenn ich Ihre Entschuldigung
annehme, können wir dann aufhören uns Honig ums Maul zu schmieren und endlich Tacheles
statt Trinksprüchen reden? Oder wollen wir doch noch ein paar Schleifen Höflichkeit
fliegen, bevor Sie es mir verraten. Wirklich, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich stehe
mächtig unter Druck und möchte endlich zu ihm, seine Hand halten und ihm versichern
können, dass hier alles in bester Ordnung ist. Wenn wir schnell sind, kann ich das Flugzeug
morgen in der Frühe erreichen. Bitte helfen Sie mir!“
Zum Unterstreichen ihre Worte legte sie ihre Hände zusammen, als sei sie im Begriff zu
beten. Ihr Kollege ging zum Rechner und schaltete ihn ein. Bettina stieß erleichtert die Luft
aus. ‚Halleluja, endlich habe ich diese hohle Nuss geknackt. Ein Giraffen Origami wäre
fixer fertig geworden. Aber…. Ich habe es wirklich geschafft‘ jubelte sie innerlich. Sie stellte
sich hinter ihn und beobachtete seine Finger auf der Tastatur um das Passwort abzulesen.
Schaukellstuhl12Pasta33-f. Eines musste sie dem Kollegen Tom lassen, auf diesen Mistkram
wäre sie in hundert Jahren nicht gekommen.
Teil 18 Woche 17/2013
Mit einem in Bettinas Ohren jubelnd klingendem Ping, wurde Toms Rechner freigegeben.
Ihre Augen rasten über den Bildschirm, um das richtige Symbol für sein Programm zu finden.
Neben einem Ordner mit dem Namen Fußballverein, einem Facebook Icon und einigen
anderen Symbolen, die Bettina nicht kannte, entdeckte sie ein Verzeichnis mit der Aufschrift
Tanne, das sie rasch anklickte. Die sich öffnenden Unterdateien enthielten jedoch lediglich
wissenschaftliche Arbeiten von anderen Botanikern und Forschern – Fehlanzeige. Schnell
klickte sie sich in die Computerübersicht, denn der Laborant war nun hinter sie getreten und
beobachtete sie. Er durfte nicht bemerken, dass sie keine Ahnung hatte, wonach genau sie
suchte. Ihre Maus huschte über eine Tabelle mit dem Namen Trauerstätten für Gefallenen
im Ersten Weltkrieg.
‚Das ist echt aussichtslos, der Typ sammelt alles Mögliche auf seinem Dienstrechner. Es
würde mich nicht wundern, wenn er hier auch seine Steuerflucht akribisch geplant und in
Tabellen vermerkt hatte. Ich muss unbedingt Zeit gewinnen!‘
„Wollen Sie nicht schon rübergehen zu ihrer Verabredung? Ich schaffe das hier allein und Sie
kommen nicht zu spät“, fragte sie vorsichtig und blickte ihn über ihre Schulter an. „Sie
könnten sich sogar noch ein Schnäpschen genehmigen, bevor es losgeht.“
„Ein paar Minuten habe ich noch. Vielleicht finden wir zu zweit ja schneller die
Informationen, die sie benötigen. Zudem bin ich sehr neugierig, was Sie wirklich suchen,
besonders detaillierte Angaben scheint Ihnen Tom ja nicht gegeben zu haben. Und jetzt
kommen Sie mir nicht auch noch mit einer Schwangerschaft oder Ähnlichem. Ich denke, Sie
haben mich belogen und mein Vertrauen missbraucht! Wenn man das Kind beim Namen
nennt, sozusagen in einem Abwasch, wird mir klar, dass Sie nichts Gutes im Schilde führen.“
‚Ich habe es geahnt‘, dachte Bettina frustriert. ‚Hier endet unser friedliches Zusammenspiel
und ich muss etwas tun, damit er nicht zum Chef rennt und mich verpfeift.‘
Sie blickte fieberhaft um sich, suchte nach einem Gegenstand, mit dem sie ihren Kollegen
außer Gefecht setzten, konnte. In einer aufgeschobenen Schublade des Schreibtisches blickte
sie auf einen hölzernen Knüppel, vielleicht eine Art Treibholz, und griff blitzschnell zu. Von
der Schläfe des Laboranten tönte ein abscheuliches Geräusch, bevor er in die Knie sackte und
das Holzstück zerbrach. Hektisch sprang Bettina auf die Füße und verschwand aus dem Büro.
Draußen pochte ihr Herz noch immer wie wild, als sie im Laufen ihr Handy aus der Tasche
fischte und eine Kurzwahlnummer drückte.
„Es gibt mächtige Probleme, besser du kommst rüber“, sagte sie flehend, „ich habe gerade
etwas Dummes gemacht. Wir müssen uns schleunigst etwas einfallen lassen.“
„Was hast du getan?“
Mit bebender Stimme berichtete Bettina ihrem Gesprächspartner, was passiert war: „Ich
glaube, es dauert nicht lange, bis er wieder zu sich kommt. Also beweg dich.“
„Nein, das werde ich nicht tun. Das bleibt allein deine Angelegenheit du Hexe und dein
persönlicher Fahrschein zur Hölle. Ich habe dich nie darum gebeten Gewalt anzuwenden,
und will verdammt nochmal nichts damit zu tun haben. Außerdem sitze ich in Berlin, kann
also gar nicht gleich bei dir sein. Unter diesen Umständen werde ich in Erwägung ziehen,
unsere Zusammenarbeit sofort zu beenden.“
Ein Klicken beendete das Gespräch. Bettina fuhr herum, als sie das Geräusch einer sich
öffnenden Bürotür vernahm. Blitzschnell huschte sie um die nächste Ecke und verharrte
regungslos.
„Wie wäre es, wenn Sie ganz zu Anfang beginnen“, erwiderte der Polizist und sah Tom
aufmunternd an.
„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen alle botanischen Eigenschaften und Testergebnisse vorkauen
sollte, um letztendlich zu meiner Entführung zu gelangen. Wenn Sie später Fragen dazu
haben, können Sie sie stellen. Ich beginne am Morgen vor dem Ausflug im Hotel,
einverstanden?“
„Was hat die Botanik mit ihrem Fall zu tun?“, fragte der Polizist ungläubig und zog eine
Augenbraue nach oben.
„Sehen Sie, das meinte ich, es stiftet nur Verwirrung. Fragen Sie später nach, ich versuche
zuerst einmal Ihnen den Ablauf so genau wie möglich zu schildern. Also…“, er holte tief
Lust, ließ sich die einzelnen Szenen nochmals durch den Kopf gehen und begann zuerst
stockend: „Ich saß beim Kaffee am Frühstücksbuffet, am Abend zuvor fand ein kleines Fest
in der Lobby statt, bei dem ich etwas zu lange geblieben war. Es gab einen Zwischenfall mit
den Girlanden, sie wurden von einer Windbö ganz schön durcheinandergewirbelt und kamen
von der Decke. Die Hotelangestellten sind wie die Hummeln ausgeschwärmt, um den
Schaden zu beheben. Ich hatte am Morgen leichte Kopfschmerzen und holte mir einen
zweiten Kaffee. Danach bin ich sofort auf mein Zimmer, denn die Abfahrt zur Tour stand
kurz bevor. Ich packte den Rest meiner benötigten Sachen und ging hinunter zum
Hoteleingang, wo der Sammelpunkt vereinbart war.“
„So ganz genau müssen Sie es nicht machen, Einzelheiten klären wir nachher“, schlug der
Polizist vor.
„In Ordnung, ich versuche mich kurz zu fassen. Die Wagen für den Ausflug standen schon
bereit. Man erkannte sie sofort an den bunten Buchstaben an ihren Seitentüren, die irgendwie
wie Kinderzeichnungen aussahen. Aber ich schweife schon wieder ab. Ich unterhielt mich
kurz mit einem Ehepaar, Matthias und Ursula, dann wurden wir den Autos zugeteilt. Man
sagte mir, dass eine Familie abgesagt habe, und ich nun alleine im letzten Fahrzeug Platz
nehmen könne. Auf dem Weg in die Berge ist unser Wagen irgendwann auf einen kleinen
Feldweg ausgeschert und man hat mich in eine Hütte verfrachtet. Dort habe ich etwas über
den Schädel geschlagen bekommen und muss eine Zeitlang bewusstlos gewesen sein.“
„Wer?“, fragte der Polizist sofort, sah Tom mit festem Blick an und hörte auf sich Notizen zu
machen.
„Keine Ahnung wer diese Kerle sind. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich zuerst Sand im
Getriebe. Ich meine ich kapierte zuerst überhaupt nicht, wo ich war und was geschah. Es war
auch keiner der Typen da sie hatten mich alleine gelassen und eingesperrt. Irgendwann sind
sie aufgetaucht. Der eine trug einen Schal um Kinn und Mund, aber ich habe gesehen, dass er
stahlblaue Augen hat. Und er war dünn, fast wie ein Zahnstocher.“
Der Polizist nickte, schrieb etwas und fragte dann: „Und der andere?“
„Ziemlich bulliger Typ. Ich glaube das war eher der Handlanger und Mann fürs Grobe. Er
trug eine Maske und war ziemlich nervös. Er hat ständig irgendwo dran getreten oder mit den
Füßen gewippt. Ein Ton von seinem Anführer und er wäre sofort in Aktion getreten. Das habe
ich deutlich gespürt.“
„Inwiefern?“
„Hmm, schwer zu beschreiben. Die Lust war irgendwie aufgeladen. So ähnlich wie bei einem
Gewitter, Energie in Schwingung, als habe er einen Gewalt-Chip im Hirn eingepflanzt.
Können Sie mir folgen?“
„Nicht so richtig, aber ich denke ich weiß ungefähr, was Sie meinen. Was geschah, als die
beiden in der Hütte ankamen?“
„Der Mann mit den blauen Augen fragte mich über mein Projekt aus, von dem er eigentlich
gar nichts wissen konnte, denn es ist noch gar nicht zur Forschung im Einsatzgebiet
zugelassen.“
Toms Gegenüber standen die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben: “Wie meinen Sie das?“
„Ich habe eine Substanz aus den hier im Gebirge wachsenden Andentannen extrahiert, die
vermutlich in der Medizin sehr brauchbar gemacht werden kann. Aber meine Forschungen
wurden bisher noch nicht freigeben, wie schon erwähnt. Nun vermute ich, dass..“
Der Polizist stand auf und öffnete das Milchglasfenster und blickte auf das Blütenmeer aus
Rosen, Hyazinthen und etwas das wie Maiglöckchen aussah hinter dem Haus. Eine Weile
blieb es absolut still im Raum.
Ursula rüttelte an einer der Türen im Flur: „Abgeschlossen!“ Hektisch rannte sie zur nächsten,
deren Klinke sich problemlos herunterdrücken ließ. Sie stolperte in den dunklen Raum und
tastete an der Wand entlang um einen Lichtschalter zu finden. Matthias kam hinter ihr in das
Zimmer gepoltert und trat auf eine Quitscheente, die sich mit einem schrillen Ton bemerkbar
machte.
„Was war das? Mach doch mal Licht“, kreischte Ursula erschrocken.
„Wenn ich wüsste wo mein Herz, würde ich die Nachtfahrt hier drinnen sofort beenden. Jetzt
beruhigt Dich doch mal mein Schatz. Wahrscheinlich sind die Schützen längst im Café und
naschen ein Spaghetti-Eis“, versuchte er sie zu beruhigen und aufzumuntern.
„Such nach dem Schalter“, befahl sie ängstlich, ich muss sehen, wo wir hier sind und ob wir
uns verschanzen können.“
Mit einem leisen Summen erwachten die Neonröhren über ihr zum Leben. Matthias schaute
sie triumphierend an: „Siehst du, es hilft immer einen kühlen Kopf zu bewahren!“
Er trat zu ihr und drückte sie kurz fest an sich:“ Alles wird gut, vertrau mir. Und jetzt lass uns
mal sehen, ob es außer dem verstreuten Spielzeug auf dem Boden noch ein paar nützliche
Dinge zu entdecken gibt.“
Er öffnete einen großen weißen Schrank und erblickte neben einer Heckenschere mit
gigantischen Ausmaßen eine weitere Kiste mit Spielsachen. Ein Tischtennisschläger, der
schon bessere Tage gesehen hatte, lag obenauf. Darunter konnte man eine Spielzeugwaffe
Typ MG erkennen.
Teil 19 Woche 18/2013
„Die Spielzeugpistole nehmen wir auf alle Fälle mit, damit kann man aus der Entfernung
sicher bluffen. Aber wir müssen irgendetwas in die Hände bekommen, was wir als
Schlagwaffe nutzen können, falls die Kerle hier eindringen“, erklärte Matthias und wühlte
sich weiter durch den Inhalt des Schrankes. Unbrauchbare Dinge, ein Rechen für den
Sandkasten, eine Badekappe und zwei Bilderbücher, warf er in hohem Bogen hinter sich.
„Beeil dich“, keuchte Ursula mit ängstlichem Blick zum Fenster. „Ich glaube, ich höre ein
Auto da draußen!“
Hektisch warf Matthias auch die nächsten Gegenstände auf den Boden, bis er ganz unten auf
einen Karton stieß, der mit Klebestreifen verschlossen war. Er zerrte an den Plastikstreifen,
ohne sie entfernen zu können. Er spürte, dass die Panik ihn zu übermannen drohte: „Liegt dort
irgendwas mit dem ich den Mist hier zerschneiden kann?“
Das Motorengeräusch vorm Haus wurde lauter. Ursula ging in die Knie und wühlte sich durch
den Haufen der Gegenstände auf dem Fußboden und schüttelte verzweifelt den Kopf: „Ich
kann nichts finden!“
Der Wagen war zum Stehen gekommen, kein Laut drang mehr zu ihnen. Matthias hob seinen
Zeigefinger an den Mund und wisperte: „Komm hier herüber in den Schrank!“
„Aber sie werden sofort den ganzen Kram hier entdecken“, erwiderte Ursula und zeigte auf
den Boden.
„Stimmt“, erkannte Matthias, nahm sie bei der Hand und zog sie aus dem Zimmer: „Lass uns
hier hinein gehen“. Er rüttelte an der Türklinke - abgeschlossen -.
Auf dem Weg zur Tür gegenüber, öffnete sich mit einem leisen Knarren die Eingangstür am
Ende des Ganges. Matthias riss Ursula am Arm in den Raum, den er gerade betreten hatte.
Drinnen ließ er rasch sein Blick schweifen und erkannte im Dämmerlicht, dass sie sich in der
Küche befanden. Er öffnete einen der Unterschränke und winkte seine Frau hinein: „Bleib
dort drinnen und rühr sich nicht“, befahl er leise und schloss die Tür hinter ihr. Leise bewegte
er sich weiter und zog eine große Schublade heraus. Er ertastete Besteck, einen Schneebesen
und einen Fleischklopfer, den er herausnahm und in der Hand behielt. Dann wandte er sich
wieder um und postierte sich mit erhobener Waffe hinter die Tür.
„Da drüben zwischen den Blumenbeeten steht eine Gartenbank mit Blick auf die Azaleen.
Ich sitze in der Pause oft dort und grüble über Fälle nach, die auf meinen Schreibtisch
gelandet sind“, erklärte der Polizist und deute aus dem Fenster. „Jetzt wäre ein guter Moment
für eine kleine Unterbrechung, denn ich muss zugeben, dass mich Ihre Ausführungen jetzt
schon verwirren. Dabei sind wir noch nicht einmal zum Kern der Sache vorgestoßen.“
„Was genau ist Ihnen unklar?“, fragte Tom.
Der Polizist trat an ihn heran, beugte sich nahe an sein Ohr und flüsterte: „Sind Sie sicher,
dass wir das nicht unter vier Augen besprechen sollten? Wie gut kennen Sie Ihren Begleiter?“,
fragte er und schielte auf Raoul, der auf seinem Stuhl eingenickt zu sein schien. „Ich hatte
vorhin schon das Gefühl, dass er versucht mir etwas zu verheimlichen!“
Tom zuckte mit den Schultern.
„Ich werde ihn für eine Weile hinaus in die Farbenpracht der Blumenbeete schicken, damit
Sie mir all Ihre Eindrücke schildern können, ohne rücksichtsvoll sein zu müssen. Soll ich?“
Tom nickte zustimmend, doch dann hielt er den Polizisten zurück: „Wer sagt uns, dass er
nicht verschwindet?“
„Ich sage das. Wohin soll er so schnell gehen? Wir haben den Garten im Blick und ich werde
zwei Kollegen anweisen, ihn im Auge zu behalten.“
„In Ordnung, so können wir es machen.“
Der Mann ging zu Raoul und stupste ihn mit seinem Finger an der Brust an: „Señor Raoul,
wären Sie so freundlich und würden uns für ein paar Minuten allein lassen? Er deute erneut
aufs Fenster: „Da draußen steht eine Bank, auf der Sie ihr Nickerchen fortsetzen können. Es
ist ein wirklich schöner Ort für eine Siesta. Falls Ihnen langweilig wird, können Sie nach
Unkraut Ausschau halten. Aber ich bin sicher, dass Sie keines entdecken werden.“
„Aber warum muss ich nach draußen? Señor Werner und ich haben keine Geheimnisse
voreinander?“, fragte Raoul misstrauisch.
Der Polizist lächelte milde: „Ich möchte mich trotzdem eine Weile alleine mit ihm
unterhalten. Sie hatten dazu vorhin auch die Gelegenheit, oder? Gehen Sie schon, im Garten
ist es wie Urlaub, versprochen. Genießen Sie das Wasserspiel am Brunnen, beobachten Sie
die Libellen, mehr Lokalkolorit werden Sie nie an einem Fleck bekommen. Und ehe Sie es
sich versehen, werde ich Sie schon wieder hereinbitten“.
„Aber…“, warf Raoul erneut ein. Doch der Beamte ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. Er
nahm ihn am Arm, pikste dabei hinterlistig in eine kleine Hautfalte, was den Chilenen scharf
einatmen ließ, und schob ich zur Tür. „Wir sehen uns nachher und jetzt verschwinden Sie,
bevor ich die Samthandschuhe in meinem Schreibtisch verstaue und meine Höflichkeit
vermissen lasse!“
Raoul erhob den Kopf und stolzierte eitel wie ein Pfau aus der Tür. Der Polizist wartete, bis
er ihn draußen auf der Bank erspähte, bevor er das Wort wieder an Tom wendete: „Er hat mit
der Sache zu tun nicht wahr? Das dachte ich schon, als er hier in mein Büro kam. Mein
Spürsinn in solchen Dingen hat mich selten getrogen. Wenn Sie nun das Gegenteil behaupten,
wäre es eine echte Überraschung für mich.“
Tom nickte: „Er hat mit der Sache zu tun, aber ich weiß nicht, inwieweit er die Hintergründe
kennt. Ich glaube, dass er nur als Handlanger missbraucht wurde. Aber er hat mir auch sehr
geholfen, deshalb möchte ich nicht, dass Sie ihn zu hart bestrafen, wenn es soweit ist.“
Der Mann deutete auf eine Fotografie auf seinem Schreibtisch. „Sehen Sie sich das an. Das ist
meine Frau Layla“, er lächelte stolz. „An diesem Tag waren wir auf einem Ausflug mit einer
Luxusjacht. Ein angeblicher Freund hatte uns eingeladen und uns nach Strich und Faden
verwöhnt. Später stellte sich heraus, dass er mich mit diesem Event lediglich milde stimmen
wollte. Er war fett im Drogengeschäft und wusste von einem Informanten, dass wir kurz
davor standen alles auffliegen zu lassen. Als ich ihn zum Verhör hier vor mir sitzen hatte,
drehte sich seine Meinung zu unserer Freundschaft wie eine Wetterfahne im Wind. Sie
müssen wissen, dass ich sehr viele Macken habe, meine Vergesslichkeit macht mir schwer zu
schaffen, ich benutze keine Rolltreppen und Fahrstühle und so weiter. Aber Bestechlichkeit
wird man mir nie anhängen können. Ich hasse es, denn ich habe diesen Beruf nur aus dem
einzigen Grund ergriffen, das Böse zu eliminieren und die Guten zu schützen. Ich schweife
ab. Was ich Ihnen damit deutlich machen will, wenn Señor Raoul Dreck am Stecken hat,
werde ich ihn dafür zur Rechenschaft ziehen und nicht versuchen, ihn mit dem
Feuerwehrschlauch reinzuwaschen, verstanden?“
„Trotzdem möchte ich…“
„Hören Sie auf“, unterbrach der Polizist Toms Einwände. Mit Arsen gefüllte Schokolinsen
werden nicht besser, weil man die süße Schicht darüber gegossen hat. Ob er bestraft wird und
wie hart liegt in der Hand des Richters. Aber den wird Señor Raoul zu Gesicht bekommen, so
wahr ich hier sitze. Und jetzt kommen wir endlich zu Ihrem Fall zurück, bevor das
Bürschchen da draußen unruhig wird.“
Zur gleichen Zeit in Deutschland
Bettina lauschte auf die schleppenden Schritte, die sich auf dem Flur in ihre Richtung
bewegten. Sie überlegte, ob sie den Laboranten ein zweites Mal außer Gefecht setzen sollte,
oder versuchen zu fliehen. Doch der Kollege wusste nun Bescheid, zwar nicht im Detail, aber
genug um sich im Institut Gehör zu verschaffen und alles zu verderben. In der Presse
breitgetreten würde die Sache mehr Wirbel verursachen als der Euro-Rettungsschirm und
dem Institut derart schaden, dass an weitere Forschungen nicht zu denken war.
‚Ich muss ihn für eine Weile kaltstellen, sonst wird alles ans Licht kommen‘, entschied sie
entschlossen und trat zurück in den Flur. Der Laborant schien noch leicht benommen, er kam
wie auf Storchbeinen auf sie zu, schien sie aber nicht sofort zu realisieren. Bettina nutze
ihren Vorteil, nahm Anlauf und rammte ihn mit ihrer gesamten Körperkraft. Er fiel mit einem
dumpfen Knall zu Boden und schaute sie irritiert an: „Sind die Damen an der Ostsee immer
so ungestüm?“, plapperte er wirr, während sein Mund sich wie in Zeitlupe bewegte. Er sah
aus wie ein Guppy an Land, der nach Luft schnappte.
Sie streckte ihm die Hand entgegen und half ihm auf die Beine. „Kommen Sie, ich helfe
Ihnen. Es tut mir leid, ich habe Sie gar nicht bemerkt“, heuchelte sie, da sie sehr schnell
erkannt hatte, dass sie sich seine Verwirrtheit zu Nutzen machen konnte. „Sind Sie auch auf
Schnäppchenjagd? Ich suche eine Laterne für meinen Balkon und wollte da vorn in dem
kleinen Laden danach schauen.“
Ihr Kollege zeigte keinerlei Reaktion.
„Wollen Sie mich dorthin begleiten, damit ich sicher sein kann, dass es Ihnen gutgeht?“
Sie zeigte in Richtung der Tür zum Abstellraum des Institutes und hakte sich bei ihm unter.
„Kommen Sie, vielleicht finden wir dort auch das Schnittmuster, das ich für mein neues
Kleid brauche.“
Schritt für Schritt zerrte Bettina den Laboranten weiter und redete dabei ohne Unterlass: Mein
Objektiv klemmt seit einigen Tagen. Kennen Sie sich mit Fotoapparaten aus und könnten mir
behilflich sein, ein gutes und neues Objektiv zu finden? Wie lange sind Sie schon hier an der
Ostsee oder wohnen Sie hier?“
Endlich waren sie an der von Bettina angestrebten Tür angelangt und sie zog ihn energisch
hinein.
Teil 20 Woche 19/2013
Drinnen setzte sie ihren Kollegen auf einen Stuhl und betrachtete ihn genauer. Seine Pupillen
waren trotz des hellen Lichtes im Raum beängstigend groß und ein Grinsen schien in sein
Gesicht eingemeißelt zu sein. Sie fand einen leeren Plastikbecher, füllte ihn mit Wasser aus
der Leitung und hoffte, dass eine kleine Abkühlung den Laboranten wieder fitter machte. In
ihrem Kopf schwirrten Filmszenen durcheinander, in denen Patienten ein Schädel-HirnTrauma oder einen Schädelbasisbruch erlitten hatten furchtbaren Operationen ausgesetzt
wurden.
‚Verdammt, was soll ich jetzt nur machen? Der Typ muss verschwinden, bis wir die Sache in
Chile in Ordnung gebracht haben. Aber wie soll das gehen?‘
Sie nahm ihr Handy, drückte auf Wahlwiederholung und lauschte ungeduldig des sich ständig
wiederholenden Freitones in der Leitung. ‚Nimm endlich ab du Schwein!‘, brüllte sie
unbeherrscht in den Raum. Der Kollege bewegte seinen Kopf mechanisch und Marionetten
gleich in ihre Richtung. Er schien wirklich in keinem sehr guten Zustand zu sein und Bettinas
Panik wuchs von Sekunde zu Sekunde. Endlich wurde das Gespräch am anderen Ende
angenommen und Dankbarkeit durchflutete sie.
„Bitte, du musst mir helfen!“
„Ich habe dir gesagt, dass ich mit Gewalt nichts zu tun haben will. Sieh zu, wie du aus der
Sache rauskommst. Allein!“
„Allein“, höhnte sie ins Telefon, „wenn wir auffliegen, bin ich es auch nicht alleine. Du
steckst da tief mit drin. Also schwing gefälligst deinen Arsch hierher, bevor ich die Geduld
verliere und noch etwas Unüberlegtes tue! Ja, ich bin unten im Büro von.., ach keine Ahnung.
Ich lasse die Tür einfach einen Spaltbreit offen, dann wirst du mich schon finden. Beeil dich“,
ergänzte sie und drückte erleichtert das Gespräch weg.
Der Laborant war vom Stuhl aufgestanden, krabbelte desorientiert und an einen Lurch
erinnernd auf dem Fußboden. Seine Finger strichen dabei über den Belag, als lese er
Blindenschrift.
‚Verdammt, das sieht nicht gut aus‘, flüsterte Bettina und ließ sich neben ihm auf ihre Knie
fallen: „Was suchst du denn hier unten? Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte sie, während
sie darum flehte, dass ihre Unterstützung gleich eintreffen würde.
Zunächst erhielt sie keine Antwort und ihr Kollege setzte seine verwirrten Runden fort. Dann
blieb er auf dem Hosenboden sitzen, schaute sie mit leeren Augen an und fragte: „Wo ist mein
Vater? Ich habe ihn schon überall gesucht. Er wollte mir doch eine Zuckerwatte kaufen.
Sein Oldtimer steht auch nicht in der Garage, was soll ich tun?“
Sein Gesicht drückte vollkommene Verzweiflung aus, er schien in seiner eigenen Welt
gefangen. Entsetzt über das irrationale Verhalten ihres Kollegen, wurde Bettina immer
deutlicher, wie groß ihr Problem wirklich war: „Er muss unbedingt zu einem Arzt, ich kann
nicht warten!“, sprach sie halblaut und zu sich selbst in den Raum. „Ich meine, bei aller
Freundschaft, er hatte schon früher nicht alle Schrauben unter den Locken sortiert, aber das
hier? Hier hatte der Wahnsinn zu einhundert Prozent Nachwuchs erhalten und war nicht nur
für eine Pause im Ruheraum!“
Ihr Gewissen, von dem sie lange Zeit gedacht hatte, es würde gar nicht mehr existent sein,
regte sich heftig. Das geführte Selbstgespräch und der Anblick des verwirrten Laboranten
steigerte ihre Qual und Verzweiflung. Sie strich im behutsam über den Kopf und flüsterte
beruhigend: „ Dein Papa ist nur rasch zu Dekorateur, es muss etwas klären. Du weißt doch,
dass er eure Baumblüten in Kronen-Form geschnitten haben möchte. Er muss gleich zurück
sein. Ich rufe ihn an, okay?“, ergänzte sie und nahm ihr Telefon zur Hand. Während sie die
Nummer des Rettungsdienstes wählte, klammerte sie sich an den Strohhalm, dass ihr
Komplize auftauchte, bevor in der Rettungsleitstelle jemand ihren Anruf entgegen nahm.
Der Türgriff bewegte sie langsam nach unten. War ihr Flehen erhört worden? Sie drückte die
Beenden-Taste auf dem Handy und starrte zur Tür.
Ursula wagte es nicht, sich auch nur einen Millimeter in dem engen Schrank zu bewegen.
Obwohl sie schon jetzt das Gefühl hatte durch eine Luftpolsterfolie zu atmen, und ihr rechtes
Bein von einem starken Schmerz durchzogen wurde, wahrscheinlich hatte sie sich beim
schnellen Einstieg in den Schrank eine Muskelzerrung zugezogen, zwang sich die
aufsteigende Panik zu ignorieren. Von draußen hörte sie nichts außer den aufgeregten
Atemzügen ihres Mannes. Die Angst in ihrem Kopf begann erneut Achterbahn mit ihr zu
fahren. Wilde Phantasien von Vampirwesen und anderen Monstern drohten ihren Blick auf
die Realität zu versperren: ‘Tief durchatmen‘, befahl sie sich im Geist und riss die Augen auf.
Sie hatte das Gefühl, dass ihre zuvor geschlossenen Lider sie daran gehindert hatten, rational
zu denken und handeln.
‚Stell dir eine Aufgabe!‘
‚Also gut, ich weiß etwas!‘
‚Wie heißt der Wolf in der Fabel?‘
‚Isegrim!‘
‚Richtig und wie nennt sie das Zwergkaninchen?‘
‚Keine Ahnung, ich weiß nur, dass der Hase Meister Lampe heißt!‘
‚Wie kommt man bequem auf den höchsten Berg?‘
‚Also ich mit dem Sessellift, sonst bringen mich keine zehn Pferde hinauf!‘
‚Was soll dein Spargel von Mann gegen die Angreifer unternehmen? Die werden ihn
matschen!‘
Die letzte Frage ihres Gedankenspieles kreischte wie ein Sägeblatt durch ihren Schädel, und
sie glaubte, keine Sekunde länger in absoluter Regungslosigkeit verharren zu können.
Teil 21 Woche 20/2013
Vorsichtig und leise schob sie die Schranktür ein winziges Stück zu Seite, um einen Blick in
die Küche zu erhaschen. Außer den Schemen ihres Mannes, der noch immer regungslos und
mit erhobenem Fleischklopfer hinter der Tür stand, konnte sie trotz des hineinscheinenden
Vollmondes nicht viel erkennen. Doch, so wurde ihr rasch klar, waren auch keine weiteren
Geräusche zu vernehmen gewesen. Vielleicht hatten es sich die Angreifer anders überlegt und
waren abgezogen? Sie verbot sich dem Glücksgefühl, das sich in ihr breitmachen wollte,
Platz zu machen. Zuerst mussten sie Sicherheit erlangen.
„Psst“, wisperte sie in Matthias Richtung.
Er schaute sie an, schüttelte mit dem Kopf, legte seinen Zeigefinger an die Lippen und war
bleich wie ein Gespenst. Er musste mehr als sie gehört haben, denn die Spannung in seinem
Arm, der den Klopfer nach oben hielt, war jetzt, nachdem sich ihre Augen an die Düsternis
gewöhnt hatten, deutlich zu erkennen. Er machte ihr ein Zeichen sich in den Schrank
zurückzuziehen und Ursulas neue Hoffnung lag in Scherben. Ängstlich und leise zog sie sich
in ihr Versteck zurück. ‚Das ist unfair‘, ging es ihr durch den Kopf. ‚Ich will hier raus, heim
und unsere geplante Jubiläumsfeier organisieren. Wir haben so lange darauf gewartet unsere
Silberhochzeit zu feiern. Und jetzt soll alles vorbei sein? Keine neuerliche Hochzeitstorte,
Grußkarten und ein Bild in der Wochenend-Ausgabe? Nicht einmal ein lächerlicher
Zupfkuchen im Kreise von Familie und Freunden? Nein, das lasse ich nicht zu!‘
Energisch schob sie die Schranktür erneut auf, kletterte heraus und stellte ich direkt hinter
ihren Matthias.
„Hör zu“, wisperte sie entschlossen. „Wir werden es denen zeigen! Wenn sie hier
hereinkommen, brätst du ihnen eins über, wir rennen nach draußen und verschwinden. Bis sie
sich wieder aufgerappelt haben, sehen sie nur noch unsere Rücklichter! Wir lassen uns das
nicht gefallen. Entweder es klappt, oder wir gehen bei der Sache drauf. Besser als wie ein
Mäuslein im Loch zu sitzen und darauf zu hoffen, dass das Haustier der Nachbarn einen
nicht aufspürt.“
Als Matthias zu einer Antwort ansetzen wollte, vernahmen sie zielstrebige Schritte auf dem
Flur, die sich auf sie zubewegten.
Der Polizist warf einen kurzen Blick durch das geöffnete Fenster, durch das der Duft von
Maiglöckchen und anderen Blumen zu ihnen herüber wehte. Raoul saß auf der Bank, er
wirkte nervös in dem Versuch lässig zu erscheinen. Sein Blick war stur auf den Kran auf der
anderen Straßenseite gerichtet, und der Beamte vermutete, dass er sich überhaupt nicht für die
Baustelle interessierte, sondern lediglich Blickkontakt vermeiden wollte.
„Señor Raoul tut alles, um cool zu wirken. Ich weiß, dass Sie genau wissen, dass er in diese
Sache involviert ist. Mag sein, dass er nur als Ausführender ausgewählt wurde und ein sich
ein paar zusätzliche Pesos verdienen wollte. Auch glaube ich nicht, dass er die wirklichen
Drahtzieher kennt, aber er kann uns sicher zu Menschen führen, die etwas über die Köpfe
wissen. Deshalb täten Sie gut daran, jetzt die Karten auf den Tisch zu legen. Ich muss wissen,
um welches Projekt es sich genau handelt. Versuchen Sie es mir verständlich zu machen, und
vereinfachen Sie es meinetwegen nicht zu sehr, ich habe im Sachkundeunterricht immer gut
aufgepasst!“
Tom nickte und ordnete seine Gedanken, bevor er zögernd begann: „Ich glaube, dass meine
Entdeckungen von Leuten aus meinem eigenen Institut gestohlen worden sind. Sehen Sie, mir
hat man erzählt, dass die Auswahl der Versuchsreihen noch ansteht, zumindest die für dieses
Jahr. Wenn ich aber davon ausgehe, wie weit die Vorbereitungen und Arbeiten hier schon
vorangeschritten sein müssen, muss ich befürchten, dass meine Idee schon lange vor meiner
Einreichung gestohlen wurde. Damit kann es nur jemand aus meiner Firma gewesen sein, und
glauben Sie mir, ich zerbreche mir den Kopf darüber, wer infrage käme. Aber ich schweife
schon wieder aus. Wie ich Ihnen bereits erklärte, kann der Samen der Andentanne unter
bestimmten klinischen Umständen zu einem Heilmittel werden. Und ich spreche dabei nicht
über das Auskurieren von Bagatellerkrankungen oder Miniaturausgaben gefährlicher und
lebensbedrohlicher Krankheiten, sondern von der Behandlung eine der gefürchtetsten
Erkrankungen im Bereich der Neurologie!“
„Alzheimer?“
„Exakt, und wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, was ich tue, da bin ich ziemlich
sicher, werden wir imstande sein, diese Geisel des Geistes in den Griff zu bekommen. Dabei
wird es nicht nur möglich sein, das Unwetter, das im Hirn der Patienten tobt zu beruhigen,
sondern es umzukehren. Den Panzer um den Gedankensafe, an den die Betroffenen nicht
mehr herankommen aufzubrechen, und verlorene Gedanken wieder zusammenzusetzen. Das
Helium ablassen, verstehen Sie? So beschreiben es viele Betroffene, als seien ihre Gedanken
in einem Heliumballon gefangen, der sich Richtung Abendröte auf den Weg macht und nicht
mehr von ihnen aufgehalten werden kann.“
„Sind Sie sicher? Das würde eine Menge Geld für die Pharmaindustrie einbringen.“
„Absolut richtig, und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wenn das bekannt wird, wird
sich diese Industrie ein Rennen liefern, wer zuerst auf den Markt kommen kann. Da ist es
natürlich von erheblichem Vorteil, die Forschungsreihen bereits so weit vorangetrieben zu
haben, dass man direkt mit der klinischen Studie beginnen kann. Wenn ich Ihnen jetzt noch
verrate, dass ich glaube, dass noch viel mehr Potenzial in diesem Samen steckt, vor meiner
Abreise testete ich seine Wirkung bei anderen Krankheitsbildern. Ich glaube nämlich, dass die
Andentanne in ihrer Blütezeit noch einen anderen Wirkstoff freigibt, der steckperlengleich
am Blütenstamm angesiedelt ist. Mit dem bloßen Auge fast nicht zu erkennen. Wenn das
stimmt, davon habe ich zum Glück noch niemandem etwas erzählt, ist sie wertvoller als jeder
Königsschatz. Noch ist es ein Buch mit sieben Siegeln, aber das wird sich sehr bald ändern,
wenn man an der Forschung dranbleibt.“
„Das würde bedeuten, dass Chile zumindest in den Höhen vom Anbau dieser Tannen belegt
werden würde, richtig?“
„Mit hundertprozentiger Sicherheit. Und nicht nur das, es würde auch das Leben im Tal
komplett auf den Kopf stellen. Schon allein wegen der günstigeren Arbeitslöhne in ihrem
Land wäre jeder Pharmakonzern absolut geschäftsuntüchtig, wenn er die Verarbeitung nicht
hier vor Ort erledigen würde. Das wäre wie genauso unlogisch wie Bootsanhänger für die
Wüste zu produzieren“
Der Polizist lächelte einen Augenblick: „ Schöner Gedanke, Arbeitsplätze für uns alle!“
„Verkennen Sie die Lage nicht. Wenn es einmal so weit ist, werden sicher einige Menschen
davon profitieren, zumindest zeitweise.“
„Warum denken Sie nur zeitweilig?“
„Zum Beispiel weil niemand voraussagen kann, wie sich die Natur entwickelt, wenn man in
den Anden eine Monokultur von Andentannen anlegt. Zudem benötigen klinische Studien
freiwillige Teilnehmer, wer sagt Ihnen, dass diese Truppe nicht schon einige Testpersonen
aufgetan hat. Ob dies aus freien Stücken geschah, sei dahin gestellt. Immerhin schrecken sie
auch vor einer Entführung nicht zurück.“
„Sollten Sie damit recht behalten, müssen wir sofort handeln. Also sagen Sie mir jetzt noch
einmal im Detail, was Sie gehört und gesehen haben. Danach bitten wir Señor Raoul wieder
zu uns, bevor er alle Pusteblumen ausgerupft und in alle Winde verteilt hat.“
Er grinste kurz und deutete aus dem Fenster. Raoul saß am Rand der Wiese unter einem
Olivenbaum und zwischen den Blumenbeeten. Er hielt in einer Hand einen dicken Strauß
abgeblühten Löwenzahn. Er nickte Tom aufmunternd zu, nahm seinen Notizblock wieder zur
Hand und sagte: „Wie viel haben Sie von dem mitbekommen, was Ihre Entführer sprachen?“
„Nicht besonders viel. Das war kein Spieleabend, sie haben mich aus allem herausgehalten,
soweit das möglich war. Eine Zeitlang war ich alle in der Hütte eingesperrt und ohne
Bewusstsein. Es gab Trinkwasser auf dem Tisch und einen seltsamen Schlüsselanhänger, in
dem sich zerdrückte Muschelschalen befanden. Sonst war da gar nichts. Aber sie wussten
genau, wer ich bin und worum es bei meinem Projekt geht. Darüber war ich anfangs sehr
verwundert, bis mir dämmerte, dass da schon jemand am Werkeln war und Löschwasser
brauchte, weil das Projekt in Flammen aufzugehen drohte. Oder weil er oder sie es verhindern
will, dass überhaupt in diese Richtung geforscht wird. Ich weiß es einfach nicht und von den
Amigos habe ich wirklich nicht mehr erfahren. Der eine fragte mich immerzu, was ich ihm
über den Fortschritt der Arbeiten berichten könnte. Er war fest davon überzeugt, dass ich fett
in der Sache drinstecke.“
Der Polizist blickte von seinem Notizblock auf, warf einen Blick aus dem Fenster und sprang
auf: „Er ist weg“, rief er und rannte zur Tür. Tom folgte ihm auf den Fersen. Am Eingang sah
er nach links und entdeckte Raoul, der bereits auf der Höhe des Straßenschildes angelangt
war. Ein weiter Vorsprung, der Beamte setzte zum Sprint an.
Teil 22 Woche 21/2013
Tom beobachtete den Polizisten, der sich für die Verfolgung Siebenmeilenstiefel angezogen
zu haben schien. In kürzester Zeit hatte er den Anstand zu Raoul beachtlich verkürzt, der
augenscheinlich bereits all seine Ressourcen aufgebraucht hatte. Er lächelte erleichtert, als
der Polizist nur wenige Minuten später mit ihrem Reiseführer im Schlepptau auf ihn zu kam.
Raoul zog eine gehetzte Grimasse und seine Haare klebten ihm feucht vom Schweiß dicht
am Kopf und erinnerten entfernt an Schafwolle. Er blickte zerknirscht auf Tom, der neben
einer Strichmännchen-Zeichnung an der Wand lehnte und zischte: „In Ordnung, ich habe
Mist gebaut. Das weiß ich, aber ich habe Angst vor den Konsequenzen, wenn ich hier
auspacke. Die Kerle, von denen ich vermute, dass sie die Hintermänner sind, werden nicht
lange fackeln, wenn sie mich in die Hände bekommen. Danach werde ich meine
Sonnenblumen sicher nie mehr wässern können. Deshalb bin ich davon gerannt, verstehen
Sie?“
Bettina starrte angespannt zur Tür und glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als Frau
Immergrün ihren Kopf hereinsteckte: „Lothar, bist du hier?“, fragte diese flüsternd und stieß
die Tür einen spaltbreit auf.
Bettina sprang auf und stürzte auf sie zu: „Was tun Sie hier und wie sind Sie
hereingekommen?“
„Durch die Tür. Der Haupteingang stand weit offen, und weil Lothar nicht zu unserer
Verabredung erschienen ist, wollte ich nachsehen. Wo ist er?“
‚Mist, wie konnte das sein? Wer hatte die Türen geöffnet? Gab es heute Abend eine ProjektVorstellung, die sie vergessen hatte? Was wurde hier eigentlich wirklich gespielt. Sie wurde
das Gefühl nicht los, das die Fäden aus einer ganz anderen Ecke gezogen wurden, als es ihr
weisgemacht worden war. Oder waren die ihr zur Verfügung stehenden Informationen nur
veraltet und es hatte zwischenzeitliche Veränderungen gegeben, über die sie noch nicht
aufgeklärt worden war?
„Es geht ihm nicht besonders gut“, erklärte sie, sich sammelnd und zeigte auf den
Laboranten. In der Hoffnung, die Frau rasch wieder loszuwerden, ergänzte sie: „Genauer
gesagt geht es ihm wirklich schlecht, er wollte Ihnen gerade eine SMS schreiben, dass er
lieber nach Hause gehen und sich hinlegen wollte. Sein Smartphone bekam hier drinnen
allerdings keinen Empfang. Warum warten Sie nicht einfach bis morgen und rufen ihn dann
an, um eine neue Verabredung zu treffen?“
Frau Immergrün schubste sie beherzt aus dem Weg und ging auf ihren Kollegen zu, der
schlaff auf dem Boden saß und seinen Kopf auf die Brust hängen ließ.
„Lothar, was ist mit dir?, fragte sie ängstlich und hob mit ihrem Zeigefinger sein Gesicht am
Kinn nach oben. Er starrte sie aus trüben Augen an und sagte matt: „Ich brauche doch die
Karten für Bayern, Champions League spielen wir auch nicht alle Tage! Hast du welche
ergattern können?“
Frau Immergrün blickte entsetzt auf und schrie angstvoll: „Was ist mit ihm passiert? Raus mit
der Sprache! Und noch viel wichtiger haben Sie schon den Notarzt verständigt?“
„Ich war kurz drüben in meinem Büro um etwas zu holen, als ich zurückkam, war das mit
ihm passiert“, erklärte Bettina in bemüht ruhigem Ton und zeigte erneut auf den Laboranten.
„Ich dachte, er hat vielleicht so eine Art von Anfallsleiden, von dem ich nichts weiß. Ich habe
ihn angesprochen, aber er war, wie jetzt auch, in einer Art Tiefenrausch. Ich bekam nur
wirres Zeug zur Antwort und wollte gerade die Rettung rufen, als Sie dazu kamen.“
Die Kellnerin drehte sich ruckartig von ihr ab und rannte zur Tür: “Ich gehe nach draußen und
hole Hilfe. Bleiben Sie bei ihm!“
Bettina nickte noch, als Frau Immergrün bereits verschwunden war. Das Schattenspiel an der
Wand gegenüber wirkte bizarr und eine eiskalte Angst packte mit Klauenhänden nach ihr. Ihr
Mund war mit metallischem Geschmack gefüllt, nachdem sie sich ihre Unterlippe blutig
gebissen hatte.
„Was ist hier nur los?“, wimmerte sie furchtsam in den Raum. „Noch zum Wochenbeginn
war doch alles in bester Ordnung. Ich habe schon mein Portrait in voller Schönheit auf
einem wissenschaftlichen Magazin gesehen, dass ich triumphierend aus dem Briefkasten
ziehe, und nun?“
Ihr Kollege hob einen Moment seinen Kopf, als habe er ihr Selbstgespräch verfolgt: „Klar
gehören Schweine zum Borstenvieh“, erklärte er geduldig einer nicht vorhandenen
Zuhörerschar. Er ergänzte ein: „Und du hast natürlich recht mein Kleiner an der Ostsee gibt
es keine Pinguine“, um danach sofort wieder in seine Lethargie zurückzufallen.
Bettina stand in der Ecke des Zimmers, hielt ihren Kopf in beiden Händen und unterdrückte
den Wunsch sich einfach nur aus dem Staub zu machen. „Ich komme sowieso nicht weit, sie
werden mich sofort schnappen“, erklärte sie laut, als ihr der Hubschrauber auf dem Dach des
Institutes in den Sinn kam. Entschlossen riss sie ihr Handy ans Ohr, drückte erneut die
Wahlwiederholung und knurrte: „Wo bleibst du denn? Ich geh hoch aufs Dach und genieße
den Fernblick. Wir treffen uns dort, hier kann ich nichts mehr ausrichten, aber das erkläre ich
dir, wenn du hier bist.“
Sie hob den Kopf des Kollegen und sagte sanft: “Ich hoffe, du kommst wieder in Ordnung.
Glaube mir bitte, das habe ich so nicht gewollt.“
Dass dies die reine Wahrheit war, und sie unglaubliche Schuldgefühle hatte, fühlte sie
deutlich, als Tränen ihre Wangen herabrannen. Die salzige Flüssigkeit hinterließ schwarze
Streifen auf ihrem Gesicht. Sie streichelte über seine Wange: „Verzeihe mir und sei tapfer!“
„Du weißt doch, dass es nicht hilft, Kondome mit Seife auszuwaschen. Man kann sie nur
einmal verwenden. Danach glänzen sie zwar wie Bergkristalle, aber sie verhüten nicht mehr.
Wundere dich also nicht wenn…“
Bettina sprang auf und lief los, sie konnte das keine Sekunde länger ertragen, und der
Krankenwagen ließ sicher auch nicht mehr lange auf sich warten.
Teil 23 Woche 22/2013
Sie blieb erst stehen, als sie eine Seitenstraße zum Institut erreicht hatte. ‚Was für eine
Katastrophe! Ich muss so schnell wie möglich das Land verlassen. Noch werden sie nicht
nach mir suchen. Am besten gleich zum Flughafen und nach Chile. Ich muss mir vor Ort ein
Bild machen.‘
Rasch lief sie weiter Richtung Bahnhof, um eines der dort immer auf Kundschaft wartenden
Autos zu erhaschen.
„Zum Flughafen bitte“, sagte sie atemlos, noch während sie in das Taxi stieg.
„Wohin geht denn die Reise so ohne Gepäck?“, fragte der Fahrer und schaute neugierig auf
seinen abgehetzten Fahrgast.
„Chile“, antwortete Bettina noch immer nach Luft ringend und schloss die Beifahrertür.
Der Mann zögerte noch einen Moment seinen Wagen zu starten: “Ganz ohne Gepäck? Noch
nicht einmal einen Sonnenhut? Den braucht man im Süden, sonst holt man sich ganz rasch
einen Sonnenstich.“
„Guter Mann, ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht, aber seien Sie versichert, an
meinem Zielort habe ich alles, was ich benötige. Außerdem ziehe ich es vor einen
Strandkorb zu benutzen, da ist der Sonnenhut quasi eingebaut.“
Sie schloss für einen Moment die Augen und überdachte ihre Situation. Glücklicherweise trug
sie ihren Reisepass, seit einem Einbruch in ihrer Wohnung, immer bei sich. Wenn es eine
Möglichkeit gab, rasch nach Chile zu gelangen, würde die Polizei sie sicher noch nicht
suchen. Bis Frau Immergrün den Rettungssanitätern alles erzählt hatte und diese die Polizei
verständigten, blieb noch ein wenig Spielraum. Wenn sie Bettina überhaupt in Verdacht hatte.
Vielleicht hatte sie ihre Erklärung ja auch für bare Münze gehalten, und erst die Untersuchung
ihres Kollegen würde Fragen aufwerfen. So recht daran glauben mochte sie allerdings nicht,
es passte einfach nicht in ihr Muster aus Unglück, das ihr derzeit erfuhr.
Am Flughafen angelangt, stellte sie sich am Ticketschalter von LAN an, nachdem sie sich
einen Whisky an der Bar im Eingangsbereich gegönnt hatte. Während die Dame vom
Bodenpersonal dem Mann vor ihr erklärte, dass Flüge nach Lima im Moment etwas riskant
seien, weil die Hochwasserlage unverändert sei, schaute Bettina auf die große Wettertafel am
Ende der Halle. Für Chile erkannte sie wolkenlosen Himmel und eine
Regenwahrscheinlichkeit von 15 %. Mit einer Überschwemmung war also nicht zu rechnen.
‚Wenigstens damit scheine ich einmal Glück zu haben‘, dachte sie, während sie nervös an
einem Lederband an ihrer Handtasche zupfte.
Endlich kam sie an die Reihe, die Frau am Schalter buchte sie ohne weitere Fragen auf den
Flug nach Santiago de Chile ein. Lediglich als Bettina erklärte, sie habe kein Gepäck, stutze
sie kurz.
„Ich habe Freunde vor Ort und dort einiges an Kleidung. Und was fehlt, kann man ja auch
dort kaufen, oder? Chile liegt zwar am anderen Ende der Weltkugel, aber wie im Mittelalter
ist es nicht.“
„Das brauchen Sie mir nicht zu erzählen“, erwiderte die Dame und man sah ihr an, dass sie
ein wenig pikiert über Bettinas Aussage war. „Mein Mann kommt aus Chile! Und er arbeitet,
wie modern in einer Bücherei.“
„Na dann sind Sie ja bestens im Bilde. Schönes Land nicht wahr“, versuchte sie die Situation
zu entschärfen.
„Allerdings! Gehen Sie zu Ausgang B43, wenn Sie sich wirklich sicher sind, dass Sie nicht
doch lieber zum Ballermann wollen. Das Boarding beginnt in etwa fünfzehn Minuten“,
knurrte sie und wandte sich dem nächsten Passagier zu.
Ursula und Matthias traten hinter die Tür und starrten nervös auf die sich nach unten
bewegende Türklinke. Die Zeit schien zäh geworden zu sein, es dauerte eine gefühlte
Ewigkeit, bis ein Mann seinen Kopf durch den Rahmen steckte. Matthias nickte grimmig und
holte zum Schlag aus. Sie hörten noch das Wort: “Ursula?“, bevor er zu Boden sackte.
„Rasch, hilf mir ihn hier hineinzuziehen.“
Ursula rührte sich nicht vom Fleck und ließ ihren Blick ununterbrochen über den Mann am
Boden gleiten.
„Was ist? Mach schon, die anderen werden sicher auch gleich hier sein!“
Ursula schüttelte den Kopf: „ Das glaube ich nicht. Hast du nicht gehört, dass er nach uns
gesucht hat. Ich glaube nicht, dass er zu den Schützen von vorhin gehört!“
„Wer meinst du, soll das sein?“
„Sieh mal genauer hin, ich glaube, wir kennen ihn aus dem Camp. Vielleicht hat Raoul
jemanden hinter dem Wagen hergeschickt, mit dem wir herkamen.“
Matthias packte den Mann unter den Armen und versuchte ihn in den Raum zu zerren: „Da
bist du auf dem falschen Dampfer, glaube ich. Und jetzt hilf mir erst einmal, quatschen
können wir auch später noch.“
Sie nickte und packte beherzt mit an. Gemeinsam schafften sie es, den Mann unter großer
Anstrengung ins Zimmer zu ziehen.
„Schau nach, ob er Papiere bei sich hat“, schlug Matthias vor, während er sich die tropfnasse
Stirn abwischte.
„Bist du verrückt? Ich gehe dem nicht an die Wäsche, was ist, wenn er aufwacht?“
„Das wäre umso besser, dann könnten wir ihn direkt fragen und müssten nicht mutmaßen.“
Wie auf ein Stichwort öffnete der Mann die Augen und blinzelte irritiert. Matthias trat zu ihm
und stellte seinen Fuß auf dessen Brust: „Schön stillhalten!“, knurrte er drohend. Der Mann
ruderte windmühlengleich mit den Armen und erwidertet: „Ist das Ihre Art jemandem zu
danken, der helfen will?“
„Helfen?“, Ursula gab Matthias ein Zeichen, den Mann nicht weiter festzuhalten und fragte
weiter: „Wer sind Sie und wie haben Sie uns gefunden?“
„Ich bin Johannes und war mit Ihnen im Camp“, eröffnete er und hustete keuchend, bevor er
fortfuhr: „Sie haben mich ganz ordentlich erwischt würde ich sagen. Meine Atmung fühlt sich
an wie eine Luftpumpe, das Ausatmen geht irgendwie schwer.“
Er grinste schief: „Aber ich bin ja auch hier eingedrungen als habe ich noch nie einen Krimi
geschaut und könnte mir nicht vorstellen, wie Sie beide sich gefühlt haben müssen. Dass ich
mir keine Kuhglocke umgehängt habe, um noch mehr auf mich aufmerksam zu machen, ist
gerade alles!“
„Ich muss mich entschuldigen“, unterbrach Matthias ihn verlegen. „Ich dachte, die Leute die
vorhin geschossen haben, wären zurück. Wir waren wirklich in Panik. Zur großen Not hätte
ich die ganze Hütte hier in Schutt und Asche gelegt.“
„Kann ich mir so ungefähr vorstellen, aber jetzt lassen Sie uns sehen, dass wir von hier
verschwinden. Ich bin nicht sicher, ob die Kerle nicht doch noch einmal zurückkommen.“
Ursula sah ihn herausfordernd an: „Zuerst möchte ich erfahren, warum Sie hier sind!“
„Um ganz ehrlich zu sein, war ich nicht im Lager um Urlaub zu machen. Ich war auf
Anordnung dort.“
„Mit welchem Auftrag? Ich verstehe nicht“, ihr Blick war weiterhin skeptisch auf Johannes
gerichtet.
„Hören Sie, ich verstehe durchaus, dass Sie verunsichert sind und aufgeklärt werden möchten.
Doch ich bitte Sie, mir fürs Erste zu vertrauen und mit mir zu kommen. Wir müssen hier
verschwinden. Ich schwöre, dass ich mit keinerlei bösen Absichten zu Ihnen gestoßen bin,
ganz im Gegenteil. Auf der Fahrt zum Hotel am Markt, in das ich Sie bringen soll, werde ich
für Ihre Fragen zur Verfügung stehen!“
Matthias nickte zustimmend: „Er hat recht, wenn er zu den Guten gehört, wovon ich einfach
mal ausgehe, sollte wir flott die Kurve kratzen, denn hier zu bleiben ist absolut
unverantwortlich. Dass diese Männer nicht lange fackeln, haben sie unmissverständlich klar
gemacht, und ich habe keine Lust, das letzte Opfer im Mord-Triple zu werden. Lass uns
verschwinden!“
Leise verließen sie den Raum und gingen zur Eingangstür, die nur angelehnt war, sodass sie
einen spähenden Blick nach draußen werfen konnte, bevor sie ins Freie traten. Alles war ruhig
und verlassen.
Matthias schaute entgeistert auf den Wagen, mit dem Johannes zu ihnen gestoßen war: „Was
ist das?“
„Was meinen Sie?“
„Na das Gummibärchen, das dort drüben parkt! Sieht aus als wollte ein Fiat mit
Motorschaden zum Monstertruck mutieren.“ Er lachte schallend, als sich der Druck der
vergangenen Stunden von ihm zu lösen schien.
„Ich habe den Kleinen hier etwas umgebaut, aber nicht um ihn zum Monster zu machen. Ich
gehe hier oft zum Kitesurfen, und irgendwie muss ich mein Board ja von A nach B
transportieren. Ich weiß, dass es unmöglich aussieht, aber neben dem Job, den ich hier zu
erledigen habe, bleibt wenig Zeit mich nach einem geeigneteren Wagen umzusehen. Steigen
Sie ein!“
Im Auto lehnte sich Ursula vom Rücksitz, auf dem sie Platz genommen hatte nach vorne:
„Warum fahren wir ins Markthotel, da sind wir doch gar nicht untergebracht?“
„Weil sie dort fürs Erste sicherer sind, und mein Boss mit Ihnen reden möchte.“
„Ihr Chef?“
„Ja, aber keine Angst, er ist einer von den Guten!“
„Verzeihen Sie, wenn ich wage zu zweifeln. Ich fühle mich zurzeit wie in einer
Fotomontage, einer, in der gut und schlecht wild ineinander geblendet worden sind. Ich weiß
nichts mehr und kann nicht unterscheiden. Früher dachte ich immer die
Kreiszahlbestimmung wäre ein riesen Problem für meinen Verstand, aber es gibt Dinge, die
sie um Längen übertrumpfen!“
Johannes drehte ihr den Kopf zu, lächelte und sagte mit beruhigender Stimme: „Vertrauen Sie
mir, ab jetzt wird alles leichter!“
Teil 24 Woche 23/2013
Ursula wischte eine einzelne Träne, die ihr die Wange herunterlief ab und nickte: „Ich glaube
Ihnen, was bleibt mir auch für eine Wahl? Matthias überlege dir das Mal. Falls wir
irgendwann doch wieder daheim ankommen, glaubt uns das doch kein Mensch. Ich meine,
wir stecken selbst mitten in einem Schmöker, einem Krimi um genau zu sein. Ich glaube, ich
habe das ganze Ausmaß überhaupt noch nicht begriffen. Sonst würde ich doch nicht hier
sitzen und mit Gedanken über die Geschichten machen, die wir unseren Freunden erzählen
werden. Logo, dass es euch auf den Geist geht. Ich habe geschnattert, als habe ich einen
Schwips, statt hier zu sitzen und noch immer vor Angst zu schlottern. Mein Gehirn scheint
sich auf diese Art einen Weg zu suchen, das Geschehen irgendwie zu verdauen und sich nicht
weiter damit beschäftigen zu müssen. Das war wirklich wie in eine Fahrt auf der
Wildwasserbahn, oder? Rummel bis zum Abwinken, überall ging es hoch und runter und
weiter im Kreis. Einfach nur abgefahren, ich meine, der Kerl ist einfach so erschossen
worden, und wenn wir nicht in Deckung gegangen wären..“
Matthias blickte auf Johannes und bat ihn kurz anzuhalten.
„Ich komme nach hinten zu dir mein Schatz. Beruhige dich und lass deine echten Gefühle zu.
Wir stecken tief in der Scheiße. Es kann dir wirklich egal sein, was du zuhause erzählst. Wir
sind dort nicht im Klassenzimmer, indem du etwas Falsches sagen könntest, oder gestehen
musst, dass du deine Hausaufgaben nicht gemacht hast. Hier sind wir vielleicht noch in
Gefahr. Mach dir das klar und versuche nicht, es zu verdrängen. Und jetzt lass dich in den
Arm nehmen, bevor wir von deinem Geschwafel noch Pusteln kriegen.“
„Du bist unmöglich, aber einzigartig und was noch viel wichtiger ist, meine Insel im Sturm,
mein Gedanken-Zwilling, mein Sparkassenbuch für Gefühle und die Liebe meines Lebens!“
Sie schmiegte sich an ihn.
„Oh, oh, meine Frau wird emotional wie nie zuvor“, scherzte er und küsste sie auf die Stirn.
„Das kann nur bedeuten, dass du wieder im echten Leben gelandet bist, oder?“
Sie nickte.
„Ich bin froh, obwohl die Umstände alles andere als erfreulich sind. Ich könnte es nicht
ertragen, dich wegen des ganzen Mists auch noch krank und verzweifelt wissen zu müssen.
Schau mal“, er deutete aus dem Wagenfenster: „Die Abendsonne, ist es nicht wunderschön?“
„Ja es sieht fantastisch aus. Allerdings würde ich jetzt lieber mit dir im Heu liegen und den
Anblick genießen, statt zu einem Ziel zu fahren, von dem wir mal wieder nicht wissen,
weshalb wir es überhaupt ansteuern. Irgendwie wie wandern auf den Bahngleisen und hoffen,
dass alles gut wird.“
„Es wird schon. Was meinen Sie“, fragte er in Johannes Richtung. „Sie sollten damit
beginnen uns einzuweihen, ich für meinen Teil brauche sehr bald Streichhölzer, um meine
Augen offen zu halten. Ich bin wirklich erledigt. Glauben Sie, dass wir uns Hotel ein wenig
aufs Ohr hauen können, bevor wir mit Ihrem Chef reden?“
Johannes zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht, was in der Zwischenzeit alles passiert ist.
Wenn keine weiteren Zwischenfälle stattgefunden haben, können wir das sicher arrangieren.
Aber nun möchte ich Ihnen erst einmal erzählen, warum ich zu Ihnen gekommen bin. Meine
Firma stieß eher zufällig auf Informationen zur Forschung von Tom Werner. Unser Ziel,
Getreide so zu präparieren, dass es mindestens das Doppelte an Fruchtstand erreichen kann,
schien mit seiner Entdeckung greifbar geworden zu sein. Ich habe, als er noch nicht hier in
Chile war, einige Male mit ihm telefoniert, wir haben uns ausgetauscht. Dabei hielt er mit
seinen Auskünften und Ratschlägen nicht hinter dem Berg, denn er verfolgte ja ganz andere
Ziele. Wir wollten uns nach seinem Urlaub treffen, um eine eventuelle Parallelforschung zu
planen. Kurz nach seinem Abflug erhielt ich die Nachricht, dass er hier von seinem eigenen
Institut hinters Licht geführt wird, und seine Forschungsreihe bereits sehr fleißig
vorangetrieben wurde. Ich ahnte, dass sein Auftauchen hier auf keinerlei Gegenliebe stoßen
würde, und machte mich ebenfalls auf den Weg.“
„Haben Sie sich Tom zu erkennen gegeben?“
„Nein, wo denken Sie hin. Es war ja auch gleichzeitig meine Chance ihn ein wenig zu
beleuchten, um sicherzugehen, dass er auf der Seite der Guten steht. Es war durchaus
denkbar, dass er mich nur als Werkzeug benutzt hatte, um leichter an neue Ideen zu kommen.
Ich habe jedoch sehr schnell erkannt, dass er ahnungslos über das Treiben seiner Firma war,
sonst hätte man ihn wohl kaum entführt. Kommen Sie einigermaßen mit?“
Matthias gähnte mit weit geöffnetem Mund: „Ehrlich gesagt fällt es mir wirklich schwer. Ich
bin so müde. Wann sind wir da?“
„Ich schätze in etwa einer Stunde.“
„Würde dann etwas dagegen sprechen, wenn ich mich auf ihre Fahrkünste verlasse und mich
ein wenig aufs Ohr lege, während Sie ihren Kitesurf Trabi zum Hotel bringen?“
„Korrigiere Fiat. Aber das können Sie gerne machen, falls Sie überhaupt ein Auge schließen
können.“
„Verlassen Sie sich darauf. Schauen Sie mal“, er zeigte auf seine Frau. „Ursula hat es auch
schon geschafft, eingerollt wie ein Kugelfisch. Und so wie es aussieht, bekommt sie noch
nicht einmal mehr eine Nachtglocke wieder wach. Und auch wenn die Rückbank hier so eng
ist, dass wir nachher sicher einen Schuhanzieher brauchen, um uns hier wieder heraus zu
bekommen, werde auch ich nun mein Glück versuchen.“
Er kuschelte sich neben Ursula, versuchte eine einigermaßen bequeme Stellung zu finden und
schlief fast augenblicklich ein.
Johannes fuhr weiter konzentriert in Richtung Tal. Seine Augen blickten sehr oft in den
Rückspiegel, um eventuelle Verfolger sofort entdecken zu können. Die Fahrt verlief jedoch
ohne Zwischenfälle und eine Stunde später fuhr er auf den Parkplatz des Hotels, auf dessen
Mitte ein Springbrunnen stand. Ursula öffnete die Augen, setzte sich wieder nach oben und
schaute hinaus. Sie blickte auf ein Beet, auf dem sich farbenfreudig Pfingstrosen zur Schau
stellten, als seien sie Bestand eines Bouquets, das ein Florist liebevoll zusammengestellt
hatte.
Teil 25/26/27 und 28 /Wochen: 24/2013/25/2013/26/2013/27/2013
Johannes stellte den Wagen auf den Parkplatz, zog die Schlüssel aus dem Zündschloss und
zeigte auf die Seite des Hotelgebäudes, wo ein Biergarten zum Verweilen einlud.
„Lassen Sie uns erst einmal eine kurze Rast einlegen, Sie müssen durstig sein!“
Kurz über den Namen des Lokals „Barbarossa“ schmunzelnd, der in riesige Lettern über der
Eingangsranke prangte, antworte Ursula: „Ja danke, das ist eine gute Idee, ich komme um vor
Durst. Sie ging schnurstracks zum Biergaten und machte es sich auf einem der Stühle mit
niedlichen, blauen Sitzkissen bequem. „Es ist schön hier, ich könnte mir vorstellen, dass es
ein guter Ort ist, um seine Freizeit zu verbringen“, stellte sie fest und lies ihren Blick verliebt
über die kleine Oase schweifen.
„Im Frühjahr und Sommer finden hier oft Veranstaltungen statt, auch große Feste. Sie grillen
Spanferkel, bieten riesige Salatbuffets und haben sehr oft tolle Live-Acts, denen man in
entspannter Runde zusehen kann.“
Matthias räusperte sich unbehaglich: „Ist ja alles sehr nett, aber haben wir nicht wichtigere
Dinge zu besprechen? Es brennt mir auf der Seele, nun endlich mal auf den Grund von Toms
Geschichte und seiner Entführung zu kommen. Ich meine, wir hatten wirklich unseren Kampf
am Leben zu bleiben, ich darf gar nicht daran denken. Wenn Sie es mir also nicht verübeln
wollen, habe ich keine Lust hier mit einem Strohhut in der Sonne zu sitzen und so zu tun, als
sei alles in Butter, während über Tom immer noch schwarze Wolken aufziehen.“
Johannes nickte zustimmend: „Sie haben völlig recht und gleich werde ich versuchen, Ihnen
Einblick in die ganze Sache zu geben. Leider müssen wir aber noch auf meinen Boss warten,
denn er scheint nicht hier zu sein. Vielleicht konnte er noch nicht vom Einsatzort
wegkommen. Sein Auto steht jedenfalls nicht auf dem Parkplatz und ich frage mich, wo zum
Geier er bleibt. Ich werde rasch hineingehen, Ihnen etwas zu trinken bestellen und nachsehen,
ob er vielleicht im Hotel auf uns wartet.“
„Ist gut,“ erwiderte Matthias und erhob sich ebenfalls von seinem Stuhl. „Wenn es Ihnen
recht ist, komme ich mit hinein, eine Pinkelpause täte mir gut! Was ist mit dir?“, fragte er
Ursula, die sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der Stirn wischte.
„Nein, geht ihr ruhig, ich muss nicht. Ich bleibe und warte auf euch.“
„Bist du sicher? Ich meine du lieber Harry, wir sind vor Stunden in ein Abenteuer geraten
und nun können wir endlich einmal durchatmen und du musst nicht Pinkeln?“
Sie stand auf und grinste: “Ich habe noch Übung aus dem Kloster, weiß doch noch, als ich
mich ewig lange nirgendwo erleichtern konnte? Das trainiert“, erklärte Ursula noch immer
amüsiert und winke mit der Hand, um die Männer ins Gebäude zu dirigieren. Nachdem die
beiden im Hotel verschwunden waren, verstaute sie ihr Taschentuch in der Hosentasche und
hob ihr Gesicht in die Sonne. ‚Endlich mal für zwei Minuten durchatmen‘, dachte sie und
versuchte sich zu entspannen. Doch die Bilder von den Ereignissen der letzten Stunden
tauchten sofort vor ihrem inneren Auge auf. Es wurde ihr allzu deutlich, wie viel Glück sie bis
hierhin gehabt hatten. Nicht auszudenken, was vielleicht geschehen wäre, wenn Johannes
nicht zu ihnen gestoßen wäre. Aber war er überhaupt ein Freund? Wie konnte sie bei all dem
Wirrwarr, was sich um sie herum abspielte überhaupt noch sicher sein, wem sie trauen
konnte?
Das Geräusch eines Wagens, der auf den Parkplatz fuhr, ließ sie aus ihren Gedanken
hochfahren. Sie zwinkerte gegen die Sonne und beobachtete einen Schulbus, der dort zum
Stehen gekommen war. Verwundert sah sie zu, wie zwei Männer die hintere Tür öffneten und
etwas Wuchtiges, das in einer Decke eingeschlagen war, nach draußen hoben. Es schien sich
um einen schweren Gegenstand zu handeln, denn der Entgegennehmende machte einen
ordentlichen Katzenbuckel, als das Gewicht des Objekts in seinen Armen lag. Der zweite
Mann ging erneut in den Bus und kam mit einem zweiten Gegenstand in der Hand aus dem
Wagen. Keuchend näherten sie sich dem Biergarten und Ursula erkannte, dass die beiden
Männer Lichtquellen in das Gasthaus trugen. Aus der Decke des ersten Mannes sah sie
vereinzelt kleine Glasspitzen schauen, wie sie immer am Unterteil eines Kronleuchters
baumelten. Dem zweiten Kerl rutsche die Umhüllung herunter, als er versuchte die
Eingangstür mit dem Fuß offen zu halten. Er trug eine Tiffanylampe, die Ursula immer
entfernt an bunten Kinderschmuck erinnerten. ‚Das Hotel scheint bei der letzten
Unternehmensbesteuerung gut weggekommen zu sein, oder über beträchtliche Einlagen zu
verfügen‘, dachte sie verwundert, ‚so ein Deckenschmuck kostet ein kleines Vermögen. ‚Ich
bin ganz von den Socken, dass die Kerle diese kostbare Fracht in einem Schulbus
transportieren. Gibt es hier keine Speditionen?‘, überlegte sie, als sie aus den Augenwinkeln
registrierte, dass einer der Männer zurückgekommen war, und sich an sie heranschlich. Sie
vernahm ein leises Klickgeräusch wie von einem Heftapparat und die Welt um sie herum
versank in Schwärze.
Bettina ging strammen Schrittes in Richtung des angegebenen Gates, als ihr Blick auf eine
Reklame über der Gaststätte Die Kaffeestube fiel, die ihre Schwarzwild-Gerichte anpries. Ihr
Magen machte sich unmissverständlich bemerkbar. Sie hatte seit ihrem Aufenthalt im Café
mit ihrem Kollegen weder gegessen noch etwas getrunken. Gegen jede Vernunft setzte sie
sich in die Kaffeestube und bestellte einen Hirschbraten. ‚Wieso eigentlich Kaffeestube‘,
fragte sie sich, ‚das passt so gar nicht zu den angebotenen Speisen und Getränken in der
Karte. Ein wenig mehr Kreativität hätte hier gutgetan. Vermutlich hat irgendeine
Familienbande sich zusammengetan, um aus dem nichts ein Restaurant zu betreiben. Man
wusste, wie man Kronkorken aus einer Flasche entfernt, dass gratinierter Schafskäse mit
geschmolzenen Strauchtomaten hervorragend zusammenpasste, und man Walderdbeeren
vorzüglich in kleinen Küchlein einbacken konnte. Was lag also näher, als sich als Gastronom
zu versuchen. Gescheitere Anläufe konnte man sich zuhauf in diversen Fernsehsendungen á la
Kochprofis und so weiter anschauen.‘
Die Kellnerin kam sehr rasch an den Tisch und brachte den bestellten Braten, der wider
Bettinas Erwartungen duftete und ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. ‚Sieh an,
dann habe ich mich wohl doch täuschen lassen. Die können wirklich kochen in dieser
Pappschachtel hier. Die Küche muss winzig sein‘, vermutete sie weiter und nahm einen
großen Bissen auf ihre Gabel.
Als sie ihre Portion restlos aufgegessen hatte, griff sie nach ihrem Portemonnaie und rief nach
der Bedienung.
„War alles zu ihrer Zufriedenheit?“, fragte diese höflich und schob ihr die Rechnung
entgegen.
„Dankeschön, es hat mir sehr gut geschmeckt. Dass man in der Kaffeestube so gut essen
kann, würde man dem Namen nach nie vermuten. Haben Sie noch nie daran gedacht, sich
einen passenderen Namen auszudenken?“
Die Kellnerin lächelte: „Als mein Mann und ich hier übernommen haben, hieß es
Koppheister. Wir waren mehr damit beschäftigt den Leuten zu erklären, was das bedeutet,
als ihnen Essen zu servieren. Außerdem wollten wir zu Anfang wirklich nur ein Café, aber
mein Mann schaut so gerne Kochsendungen und wurde immer besser, weil er alles
ausprobierte. Nach einem anderen Namen suchen wir schon länger, aber etwas mit echtem
Knalleffekt ist uns noch nicht eingefallen. Mein Udo ist für Sinnesfeuerwerk, aber das finde
ich zu hochtrabend. Was meinen Sie?“
Bettina schüttelte den Kopf: “Nein, da muss ich Ihnen leider rechtgeben. Ihr Mann kocht gut,
keine Frage, aber für diesen Namen braucht es ein paar Sterne. Ich würde mir hier am
Flughafen irgendetwas mit Fernweh oder etwas mit paradiesischem Touch ausdenken.“
Die Frau nickte zustimmend: „In diese Richtung habe ich auch schon überlegt, und mir den
Kopf zerbrochen. Ich meine das hier“, sie zeigte auf die wenigen umliegenden Tische, „ist ja
nur eine Miniatur-Ausgabe eines Restaurants, da würde es albern klingen einen großen
Namen wie Gourmet-Cruising zu wählen.“
„Wie wäre es mit Grashüpfer? Das ist unverfänglich und man könnte sich alles Mögliche auf
der Karte vorstellen? Ein wenig mehr grün in die Dekoration und schon passt es.“
„Gute Idee“, erwiderte die Kellnerin, schien aber wenig begeistert. Sie nahm ihren
Taschenrechner aus der Schürze und zählte Bettinas Rückgeld ab. „Danke für Ihre Tipps,
ergänzte sie, und gab einem Ehepaar am anderen Tisch durch ihr Nicken zu verstehen, dass
sie auf dem Weg zu ihnen war. „Schönen Tag noch, wo fliegen Sie überhaupt hin, wenn ich
so neugierig fragen darf?“
„Nach Chile. Wir haben dort eine Abschlussfeier von unserem Institut und extra auf die
Sonnenwendfeuer-Zeit gelegt, weil das so herrlich sein soll. Sie machen in Santiago de Chile
ein riesiges Stadtfest draus.“
„Klingt toll. Ich hatte schon befürchtet, dass Sie auch eine derjenigen sind, die Deutschland
den Rücken kehren wollen, um sich irgendwo in der Welt als Erntehelfer den Buckel wund
zu arbeiten. Auswanderer und so kennen Sie ja sicher auch aus dem Fernsehen. Ich falle
immer fast in Ohnmacht, wenn ich in den Sendungen sehe. Wie naiv die Leute an so etwas
rangehen. Nix auf der Kette, null Sprachkenntnisse und los geht das Abenteuer. Da braucht
man sich echt nicht zu wundern, dass so mancher als Streuner auf den Straßen endet und sich
im schlimmsten Fall von Nagetieren und Abfällen ernährt. Ja, ja, ich komme“, rief sie dem
Paar zu und winkte Bettina zum Abschied. „Schade, dass Sie schon weiter müssen. Falls sie
an einem Postbriefkasten vorbeikommen, denken Sie mal an mich. Wenn Sie Kaffeestube
am Flughafen schreiben, kommt es an. Haben wir alles schon gehabt.“
„Mal sehen, was sich machen lässt. Schönen Tag noch“, verabschiedete sich Bettina.
„Warten Sie noch eine Sekunde“, rief die Bedienung, und beeilte sich dem Ehepaar das
Wechselgeld in die Hand zu drücken. „Ich habe etwas für Sie“, sagte sie, als sie kurz darauf
aus der Küche erneut auf Bettina zukam. „Nehmen Sie den mit, ich kann nichts damit
anfangen, zumindest nicht, solange ich hier jeden Tag bedienen muss.“
Verdutzt nahm Bettina den E-Reader entgegen, den die Frau ihr überreichte.
„Viel ist noch nicht drauf, aber für den Flug nach Chile und zurück wird es hoffentlich
ausreichen.“
„Aber“, warf Bettina ein und schaute ihr Gegenüber fragend an.
„Bringen Sie ihn einfach irgendwann mal wieder vorbei. Keine Angst, Sie haben damit jetzt
keinen Leasing-Vertrag unterzeichnet. Ich mag Sie und vertraue Ihnen. Es ist nur ein
günstiges Modell, nicht so eines von den Hochzeitskutschen der Technik, die alle Funktionen
vereinen. Kein Problem, wirklich. Wenn Sie mögen, können Sie sich ja während Ihres Fluges
noch ein paar Gedanken über den Namen für unser kleines Restaurant machen, das wäre mir
Leihgebühr genug.“
Bettina war von der Freundlichkeit der Frau gerührt, sie konnte sich an niemanden aus ihrer
Vergangenheit erinnern, der jemals gleich so offenherzig mit ihr umgegangen war. Es tat ihr
gut zu erkennen, dass es durchaus Menschen gab, die warmherzig sein konnten, ohne große
Gegenleistungen zu erwarten.
„Ich werde mich den ganzen Flug über mit nichts anderem als meinem neuen, kleinen
elektronischen Spielzeug und einem passenden Namen befassen, Ehrenwort. Sobald mein Sitz
in Rückenlage gebracht ist, lege ich los. Ich werde Ihnen schreiben, sobald mir eine
zündende Idee gekommen ist. Wenn ich wieder sicher hier gelandet bin, komme ich sehr
gerne zurück und nicht nur, um Ihnen ihren Reader zurückzubringen.“
„Das freut mich sehr, ich mag Sie. Wie heißen Sie?“
Bettina überlegte einen kurzen Augenblick, ob es sinnvoller war ihr einen falschen Namen zu
nennen, beschloss jedoch bei der Wahrheit zu bleiben. „Bettina.“
„Freut mich sehr Bettina, ich bin Angie“, sie nahm ihre Hand und schüttelte sie kräftig. „Aber
nun muss ich zurück in die Küche. Udo sitzt sicher schon auf heißen Kohlen. Guten Flug und
komm bald wieder! Dann bekommst du eine Kostprobe von unseren Weinen, die sind
unglaublich.“
Sie lief in Richtung Küche davon, blieb noch einmal kurz stehen und rief: „Was hältst du von
Kleine Möwe?“
Bettina schüttelte ihren Kopf.
„Mir gefällt es auch nicht“, rief Angie über ihre Schulter und verschwand in der Küche.
An ihrem Gate nahm Bettina den E-Reader zur Hand und versuchte mit der Steuerung
zurechtzukommen. Alles musste über eine kleine Tastatur gesteuert werden und sie klickte
mehr als einmal ihre imaginäre Computermaus, bevor sie sich einigermaßen mit der
Bedienung im Einklang befand. Begeistert klickte sie sich durch die Bibliothek und
bemerkte, dass Angie und sie einen fast identischen Buchgeschmack besaßen. Als das
Boarding begann, blieb ihr Blick an einer Markierung hängen, die Angie eingefügt zu haben
schien. ‚Hoffentlich ist sie nicht sauer, wenn ich mir das Mal genauer anschaue‘, dachte sie,
bevor sie den Reader fürs Erste ausschaltete. Sie schaute nach oben zur Uhr. Wie lange war
es her, dass sie vom Tatort geflüchtet war? Ob die Polizei ihr schon auf den Fersen war?
Vermutlich nicht, denn sie sah niemanden in ihrer Nähe, der nach einem Ordnungshüter
aussah. Sie kramte ihr Ticket aus der Tasche und stellte sich an die Reihe der Passagiere, die
das Flugzeug bestiegen. Am liebsten würde ich jetzt wieder zurück in die Kaffeestube und mit
Angie quatschen, statt Hals über Kopf nach Chile durchzustarten. Das Mädel ist wirklich nett,
ich könnte sie mögen. Verflucht, warum muss ich solche Menschen immer kennenlernen, wenn
ich keine Möglichkeit habe, die Beziehung auszubauen und zu pflegen? Nadelholz wäre doch
ganz passend zur Wildkarte, oder?‘
Als sie den Eingang der mobilen Gangway betrat, registrierte sie am Eingang des Gates die
Silhouette eines Polizisten und sog scharf die Luft ein. ‚Nichts wie weg‘, dachte sie und
drängelte sich ungeduldig an einigen anderen Passagieren vorbei. ‚Wenn er wegen mir hier
ist, weiß er hoffentlich noch nicht, in welcher Maschine ich sitze. Das Risiko geschnappt zu
werden, steigt mit jeder Minute. Lieber Gott, hol mich aus diesem Schlamassel‘, betete sie
leise vor sich hin, erschrocken über sich selbst, dass sie diese Maßnahme überhaupt in
Betracht zog. Bisher hatte sie noch nie um himmlischen Beistand gebeten, doch schien es ihr
in dieser Situation unentbehrlich auch nach ungewöhnlichen Strohhalmen zu greifen. ‚Wenn
es dort oben wirklich so etwas wie einen Aufpasser für die Menschheit gibt, wäre jetzt seine
Möglichkeit gekommen, sein Schweigen zu brechen. Und entschuldige bitte, dass ich mir die
Rutscherei auf den Knien erspare, ich will hier in keinem Fall auffallen‘, fügte sie im Geiste
belustigt über sich selbst hinzu.
Kaum hatte sie sich auf ihren Platz im Flugzeug gesetzt, als die Maschine sich bereits
Richtung Startbahn auf den Weg machte. ‚Danke, an wen auch immer‘, flüsterte Bettina und
atmete erleichtert aus. Ihr Sitznachbar beäugte sie misstrauisch und rutsche auf seinem Stuhl
ein wenig von ihr ab. Dann strecke er seinen Hals so nahe zum Fenster, dass Bettina
unwillkürlich an einen Schwan denken musste. ‚Das Fossil neben mir, macht sicher in
Versicherungen, Glupschaugen wie eine Kaulquappe und tut so, als habe er noch nie
jemanden mit sich selbst flüstern hören. ‚Obschon ich zugeben muss, dass ich vor einigen
Stunden sicher auch noch ziemlich pikiert gewesen wäre.‘
Mit einem Schnapp schloss sie den Sicherheitsgurt um ihren Bauch. Alle Aufregung der
letzten Stunden fielen von ihr ab, und noch bevor der Pilot das Flugzeug in die Luft gebracht
hatte, war Bettina in Tiefschlaf versunken. Sie verschlief fast den gesamten Flug, wurde
einmal wach, als ihr Sitznachbar die Stewardess um einen weiteren Teebeutel bat, weil er die
Sorte Beeren nicht mochte. ‚So ein Rindvieh’, dachte Bettina ärgerlich und schlummerte fast
augenblicklich wieder ein. Das zweite Mal weckte sie eine Fliege, die es irgendwie geschafft
hatte ins Flugzeuginnere zu gelangen und ihr nun ständig um die Nase flog.
„Ich bin doch hier nicht auf der Pferdekoppel oder im Streichelzoo“, rief sie zornig aus.
Komm nur nochmal näher, dann lernst du meine Art von Insekten-Recycling kennen. Dann
ist für dich saure Kirschenzeit!“
„Saure Gurkenzeit“, erwiderte der Sitznachbar grinsend. „Es heißt saure Gurkenzeit!“
„Von mir aus“, gab Bettina genervt zurück. Warum fliegt das blöde Vieh überhaupt hier
herum? Muss Sie doch auch zur Weißglut getrieben haben“
„Keineswegs“, er zeigte auf einen kleinen Fleck auf ihrer Kleidung. „Sie scheint sich nur für
den Klecks hier zu interessieren, scheint Kuhmilch oder Ähnliches zu sein.“
Erschrocken schaute Bettina an sich herab: „Oh, stotterte sie verlegen, „ich habe vor dem
Abflug noch Semmelknödel für meine Familie gemacht. Dabei muss ich wohl gekleckert
haben.“ ‚Lass es nicht das sein, was ich vermute‘, flehte sie in Gedanken. ‚Wenn ein Stück
Hirn von Lothar an mir klebt, kann ich mich auch gleich öffentlich an den Totempfahl
binden. Aber er hatte doch gar keine offene Wunde, beruhigte sie sich selbst.
Die Maschine ging in den Sinkflug und unter ihr konnte sie kleine Häuser erkennen, die aus
dieser Höhe wie Hexenhäuser aussahen, auch eine Kirchturmspitze kam in ihr Sichtfeld.
Die Anschnallzeichen wurden eingeschaltet und der Kapitän teilte ihnen mit, dass sie in
wenigen Minuten in Chile landen würden. ‚Noch nicht einmal einen Bikini dabei, schade‘,
kam es Bettina in den Sinn, ‚ aber ich bin ja leider nicht zum Urlaub machen hier. Also werde
ich mein Gehirn jetzt wieder hübsch auf Autofokus stellen. Das hilft beim Einputten der
Gedanken und gegen das Bauen von Luftschlössern, hat zumindest mein alter Chef immer
behauptet!“
Im Polizeirevier
Raoul schaute betreten unter sich, während der Polizist ihn zurück ins Gebäude führte.
„Wenn Sie noch einmal versuchen, mir zu entkommen, werde ich dafür sorgen, dass sie
danach einen Treppenlift in ihrem Haus brauchen.
„Das dürfen Sie nicht“, zischte der Reiseführer dem Beamten zu.
„Da haben Sie vollkommen recht, ich darf das nicht und meine Kollegen auch nicht.
Allerdings kenne ich ein paar Rocker aus der Stadt, schwere Jungs, die immer gerne bereit
sind, mir einen Gefallen zu tun. Und die werden Sie finden, glauben sie mir. Einmal
unachtsam in der U-Bahn und die haben Sie am Arsch. Falten Sie, bis Sie unter ein
Wischerblatt passen. Nicht dass ich Ihnen Angst einjagen will. Wenn Sie ab jetzt kooperativ
sind und mir helfen, die Entführung von Tom Werner aufzuklären, brauchen Sie keine Angst
zu haben!“
„Vor ihren Helfern vielleicht nicht, aber was ist mit den Kerlen, die mich beauftragt haben.
Meinen Sie wirklich, ich käme nach einer Aussage bei Ihnen mit heiler Haut davon?“
Wenn mehr dahinter steckt als eine kleine Entführung, mit der man Geld für Herrn Werner
erpressen wollte, und davon gehe ich aus, stecken Sie vermutlich in argen Schwierigkeiten.
Wenn wir das alles besprochen haben, gibt es die Möglichkeit, Sie in ein
Zeugenschutzprogramm zu nehmen.“
Raoul schüttelte energisch den Kopf: „Das geht nicht, was ist mit meiner Familie?“
In der Ferne hörte Tom eine Schiffsglocke läuten.
Teil 29 Woche 28/2013
Im Polizeirevier
„Ihre Familie würden sie selbstverständlich mitnehmen können. Ich kann verstehen, dass Sie
voller Angst sind und die Aussicht auf ein neues Leben Sie erschrecken muss. Aber Sie sind
nun mal der Pechvogel, der sich für die Entführung anwerben ließ“, erklärte der Polizist
betont ruhig.
„Bingo, ich bin der Dummkopf, dass sehen Sie richtig. Natürlich auch, dass ich mit allen
Mitteln versuchen werde, meine Familie zu schützen!“
„Sie müssen uns vertrauen. Wenn Sie ihre Aussage machen, werden die Kerle für einige Jahre
hinter Gitter wandern, und es besteht keine Gefahr mehr für Sie.“
Raoul schüttelte verzweifelt den Kopf: „Ich versuche Ihnen zu glauben. Aber wenn ich mir
vorstelle, dass die Typen herausbekommen, dass ich sie Rotkehlchengleich verpfiffen habe,
werden sie keine Sekunde faulenzen. Wenn ich richtiges Glück habe, werden sie mir nur das
Gesicht neu modellieren. Oder ich lande tot auf der Mülldeponie neben dem Hausmüll, dem
Fressplatz der Ratten und Truthahngeier, leckere Vorstellung!“
„Haben Sie mir nicht zugehört? Das wird nicht passieren, wenn wir sie in unser
Schutzprogramm aufnehmen, die Kerle werden sie nicht finden.“
„Es gibt keinen Ort auf der Welt, der nicht gefunden werden kann. Glauben Sie mir, ich kenne
so einige Fälle, bei denen der Zeugenschutz nicht funktioniert hat!“
Der Beamte beugte sich sehr nah an Raouls Gesicht und antwortete leise, fast flüsternd: „Ich
will Ihnen hier keinen Bären aufbinden. Wenn ich sage, ich bringe Sie und ihre Familie in
Sicherheit, dann meine ich das genau so.“
„Denken Sie eigentlich außer an Ihre eigene Sicherheit auch einmal daran, wie es mir im
Augenblick geht?“, zischte Tom und zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den
Reisebegleiter. „Sie haben mir versichert, dass Sie mir aus der Sache heraushelfen. Und nun
sitzen Sie nur da und wimmern wie ein kleines Kind. Wo bleibt denn Ihr Ehrgefühl für die
Sache einzustehen, die Sie mir angetan haben? Wirklich“, ergänzte er aufbrausend in
Richtung des Polizisten, „ es geht hier um mich, aber irgendwie scheint sich alles auf Raoul
zu fokussieren, und ich komme mir bei der ganzen Geschichte nur noch wie ein Reserverad
vor. Bis die Herren sich geeinigt haben, könnte ich ja ein wenig an den Strand gehen und
Seeungeheuer einsalzen. Das scheint mir im Augenblick sinnvoller, als Ihrer Diskussion zu
lauschen. Es geht hier nicht nur darum, dass ich Opfer einer Entführung wurde. Ich würde
auch zu gerne herausbekommen warum, und ob vielleicht sogar meine ganze Existenz auf
dem Spiel steht, weil jemand sich an meiner Forschungsarbeit bereichert hat. Geht das in Ihre
gottverdammten Schädel?“
Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen.
„Meine Herren“, erhob Tom erneut die Stimme. „Es wäre ausgesprochen nett, wenn Sie nun
mit dem Verhör beginnen könnten, oder soll ich Ihnen erst noch einen Fruchtbecher
servieren, um die allgemeine Stimmung ein wenig anzuheben?“
„Piano Señor Werner“, erwiderte der Beamte und hob beschwichtigend seine rechte Hand.
„Ganz im Ernst, ich hab die Schnauze voll, wenn hier nichts passiert, werde ich versuche auf
eigene Faust ein wenig Licht ins Dunkel zu bekommen!“
Der Polizist ging zu einem kleinen Kühlschrank, der neben der Fensterbank stand, nahm eine
Flasche Wasser heraus und schenkte in drei Gläser ein: „Hier“, sagte er und verteilte das
Getränk an Raoul und Tom. „Trinken Sie einen Schluck und dann sehen wir weiter.“
„Nein ich bin nicht durstig, und mit einem Schluck Gänsewein, bekommen Sie mich nicht
ruhiggestellt, da reicht nicht mal eine Badewanne voll Whiskey. Ich will, dass jetzt sofort
etwas passiert, oder ich verabschiede mich!“
Energisch ließ der Beamte seine Faust auf den Schreibtisch krachen: „Hier geht gar niemand,
damit das klar ist. Und sie Freundchen, er schaute Raoul mit verärgertem Blick an, „werden
jetzt auspacken. Ansonsten stecke in Sie in eine Zelle, und glauben Sie nicht, dass die Typen
Ihnen Glauben schenken, wenn Sie hinterher erzählen, Sie hätten dich gehalten. Das können
Sie ganz getrost vergessen. Wahrscheinlich lauern sie schon seit geraumer Zeit vor dem
Präsidium, ausgerüstet mit Stahlrohren oder Schlimmerem. Ganz geduldig, bis einer von
Ihnen nach draußen spaziert. Sie ziehen Ihnen etwas über den Schädel, da hinten gleich hinter
der Litfaßsäule“, er zeigte aus dem Fenster, um seine Worte zu unterstreichen. „Das ist dann
für Sie ihr letzter Sommer gewesen, das kann ich Ihnen garantieren.“
„In Ordnung“, Raoul kaute nervös an seinen Fingernägeln. Können Sie mir nur noch einmal
grob umreißen, was nach meiner Aussage passieren wird?“
Tom stöhnte auf.
„Bitte“, flehte der Reiseführer in seine Richtung.
„Wir werden Ihre Aussage zu Protokoll nehmen, dann bleiben Sie solange hier auf dem
Präsidium, bis meine Kollegen einen geeigneten Aufenthaltsort für Sie und ihre Familie
gefunden haben. Ihre versichere Ihnen, dass diese Unterkunft auf keiner Straßenkarte zu
finden ist. Wir machen das nicht zum ersten Mal.“
„Aber was ist, wenn die Typen jetzt schon bei meiner Familie sind?“
„Das sind Sie sicherlich nicht, denn die Kerle wollen ja auch nicht geschnappt werden. Ich
rufe jetzt sofort einen Kollegen, der Ihre Angehörigen hier aufs Revier bringen wird. Nur zur
Sicherheit. Diese Gangster werden nicht einmal mehr die Bommel einer Mütze in ihrem
Haushalt finden, wenn die Kollegen fertig sind. Einverstanden?“
Der Beamte und Tom sahen erwartungsvoll in Raouls Richtung. Dieser nickte resigniert und
erwiderte: „Also los, fragen Sie.“
Ein gleichmäßiges Summen in den Ohren ließ Ursula erwachen und die Augen öffnen. Im
ersten Moment wusste sie nicht, was geschehen war. In einem dämmrigen Raum blickte sie
auf eine verblichene Tapete mit Mohnblumen-Muster. Vor ihr standen ein alter Tisch und ein
Schemel. Das sirrende Geräusch ließ nicht nach, es schien sich im Gegenteil noch zu
verstärken, seit sie wach geworden war. Sie lauschte angespannt, ob sie daneben noch andere
Geräusche wahrnehmen konnte.
„Das sind die Rotoren der Windkraftanlage, die solche Krach machen. Windenergie ist laut,
zumindest wenn man genau daneben hockt“, erklärte eine dunkle Stimme aus der
Zimmerecke. Ursula zuckte erschrocken zusammen. Im Dämmerlicht hatte sie den Mann
neben einem Schrank in der Ecke überhaupt nicht wahrgenommen.
Teil 30 Woche 29/2013
Die einzige Lichtquelle, ein schmaler Spalt in den Vorhängen, die auch aus den 1960 zu
stammen schienen, ließ Bettina erkennen, dass ihr Bewacher ein sehr großer Kerl war. Ein
richtiger Brummer, mit dem man sich besser nicht anlegte. Auch die Auswahl der
Gegenstände, die sich in ihrem düsteren Gefängnis ausmachen ließen, war sehr beschränkt.
‚Versuch ein Gespräch mit ihm zu beginnen, schoss es ihr durch den Kopf. ‚Damit er dich als
Menschen wahrnimmt und nicht gleich seine Kanone auf dich richtet.‘ Sie räusperte sich
ängstlich und fragte: „Warum bin ich hier?“
Ihr Bewacher erwiderte in ruhigem Ton: „Eigentlich waren du und dein Mann ein
Außenseiter in der Geschichte, um die es geht. Aber seit dem ihr draußen auf unserem
Gelände wart, seid ihr ein Teil davon. Wie viel hat euch Christobal erzählt?“
„Christobal? Wer soll das sein?“
„Der Mann, der euch mit ins Quartier genommen hat?“
Ursula schnaubte verächtlich: „Was soll er uns schon erzählt haben, er kam ja zu nichts. Ihre
Männer haben ja fast sofort in voller Action alles kurz und klein geschossen. Weit sind wir
mit unserer Unterhaltung jedenfalls nicht gekommen.“
„Warum hat er euch überhaupt mitgenommen?“
„Das frage ich mich auch. Ich wollte mit meinem Mann ein paar erlebnisreiche Tage in Chile
verbringen. Wenn ich gewusst hätte, dass es in einem solchen Abenteuer endet, hätte ich mich
den Kondensstreifen der Maschine am Himmel begnügt und wäre hübsch daheimgeblieben.“
Der Mann stand auf, trat zu ihr und zeigte ihr gedankenverloren einen Stein: „Der gehörte
meinem Bruder“, erklärte er und strich zart darüber. „Es ist ein Stückchen, dass er sich von
einem der Externsteine, das er sich von seinem Aufenthalt in Deutschland mitgebracht hat.“
Ursula schaute ihn fragend an: „Ich verstehe nicht.“
„Das kannst du auch nicht. Mein Bruder war Geologe, viel in der Welt unterwegs. Am
allermeisten konnte er sich für Eishöhlen faszinieren. Ich meine so richtig. Er ist fast
ausgeflippt, wenn er wusste, dass er bald wieder zu einer aufbrechen konnte. Und eines Tages
kam der Auftrag zur Andentanne auf seinen Schreibtisch. Er war sofort Feuer und Flamme für
dass, was Tom Werner herausbekommen hat. Er war ein guter Mensch und hätte viel dafür
gegeben dabei zu sein, wenn ein neues Heilmittel seinen Anfang findet.“
„Hätte?“, warf Ursula matt ein.
„Ja. Er ist vor einem halben Jahr überfahren worden. An die Geschichte mit dem Unfall habe
ich keine Sekunde geglaubt. Da steckt das Institut dahinter, für das Tom arbeitet. Ich bin mir
sicher.“
Ursula beobachtete ihr Gegenüber angespannt. Seitdem er vom Unfall seines Bruders
gesprochen hatte, schien seine Stimmung zu kippen. Hatte sie ihn zuerst als nicht sehr
bedrohlich empfunden, machte ihr das feurige Glimmen in seinen Augen nun Angst. „Es tut
mir leid“, sagte sie leise und senkte ihren Blick. Draußen hörte sie Hunde bellen, und flehte
darum, dass dies ihre Rettung bedeutete. ‚Lieber Gott, lass es Matthias und Johannes sein.
Wenn der Typ sich weiter in die Geschichte reinsteigert, dann Prost. Ich werde erledigt sein,
bevor ich überhaupt kapiert habe, warum ich hier bin. Streng dein Hirn an. Verwickle ihn
weiter in ein Gespräch und versuche es in eine andere Richtung zu lenken‘, befahl sie sich in
Gedanken.
„Ich werde dich jetzt fesseln müssen“, stellte er nüchtern fest und hielt ein Seil in die Luft.
„Wenn mein Boss gleich hier ankommt und sieht, dass ich dich nicht geknebelt habe, blüht
mir was.“
„Ihr Boss? Was will er von mir?“
„Informationen“, er griff nach Ursulas Beinen und wickelte das Seil birnenförmig darum.
„Aber ich habe keine Ahnung, was da läuft. Sie müssen mir glauben. Lassen Sie mich laufen,
vielleicht können wir zusammen mit Johannes etwas herausfinden. Tun Sie es für ihren
Bruder. Er hätte sicher nicht gewollt, dass sie einen Menschen gegen seinen Willen
festhalten.“
„Da hast du recht, aber das unterscheidet meinen Bruder und mich. Ich habe nicht die Eier
mich gegen meinen Boss zu stellen, nur um der Menschheit einen Gefallen zu tun. Dafür
hänge ich zu sehr an meinem Leben und dem Teil meiner Familie, die noch lebt. Das ist hier
kein Spielplatz, aber ich bin sicher, dass du das schon kapiert hast. Wer nicht mitspielt,
bekommt eine Kugel in den Kopf, oder wird von der Decke eines Hotelzimmers geschnitten,
weil er angeblich Selbstmord begangen hat. Oder es läuft wie bei meinem Bruder, der total
betrunken über die Schnellstraße gelaufen ist, obwohl er zuvor in seinem Leben niemals auch
nur ein Glas Wein getrunken hat. Schon merkwürdig, oder?“
Ursula nickte und hielt dem Mann ihre Handgelenke entgegen: „Vergessen Sie meine Arme
nicht. Ich glaube nicht, dass ich Sie noch davon überzeugen kann, mir meine Freiheit zu
schenken. Aber bevor sie mir einen Knebel verpassen, will ich Ihnen noch verraten, dass ich
glaube, Johannes weiß weit mehr über die Forschung, als Sie und ihr Boss zusammen.“
„Kann sein, aber diese Information kommt zu spät für mich. Der Chef wird gleich von seinem
Abstecher in die Weinberge zurück sein. Ist schon verrückt, dass er seiner Liebe zum
Weinanbau immer noch so beharrlich treu bleibt. Wo ihn doch jetzt ganz andere
Einnahmequellen locken, holt er sich doch immer wieder einen Sonnenbrand bei der
Inspektion seiner Reben. Ich vermute, dass er im Grunde seines Herzens genauso wenig Spaß
an der Sache hat wie ich selbst. Aber wir machen eben mit, weil da ganz andere Leute die
Strippen ziehen. Er ist am Ende auch nur eine kleine Nummer im Planschbecken dieses
Geflechts. Doch das ist nur meine Vermutung, sicher kann ich mir nicht sein“
Ursula sah ihre Chance gekommen und erwiderte: “Es wäre einen Versuch wert. Sie fesseln
mich jetzt und erklären dann ihrem Boss, was Sie über Johannes herausgefunden haben.
Vielleicht können wir dann gemeinsam zurückfahren und Johannes einfach fragen?“
Er schüttelte den Kopf: “Geht nicht. Ich hatte die Order kein einziges Wort mit dir zu
sprechen. Du kannst höchstens versuchen es dem Boss genauso zu erzählen wie mir, vielleicht
beißt er an. Aber jetzt mach den Mund auf, ich höre ein Auto kommen!“
Bettina sah aus dem Fenster auf die Männer in Warnwesten, die das Flugzeug in seine
Parkposition winkten. Ihr Magen kämpfte noch mit den wenigen Löffeln Gulaschsuppe, die
sie während des Fluges gegessen hatte. ‚Hör endlich auf mit mir zu sprechen, du elende
Suppe. Ich wette, in dir ist ein Pferd oder Lama verarbeitet worden‘, dachte sie grimmig und
ließ ihren Blick weiter wandern. Neben der Rollbahn waren Blumenbeete angelegt worden,
doch schien man die Bewässerung sehr vernachlässigt zu haben. Die verwelkten Blumen,
deren Schreie nach Wasser nicht erhört worden waren, boten ein trauriges Bild.
Teil 31 Woche 30/2013
Als sie die Parkposition eingenommen hatten und alle Passagiere den Gang verstopften, weil
jeder als Erster aus dem Flugzeug steigen wollte, entdeckte Bettina zwei Reihen vor sich
einen Jungen, der ein aufgeplatztes Kuscheltier fest an sich gedrückt hielt. Die Zunge des
Stoffhundes hing nur noch an einem einzigen Faden aus dem Maul und aus dem Bauch quoll
ein breiter Streifen Füllmaterial.
‚Ein grotesker Anblick, das Stofftier im Todeskampf. Sicher hat der kleine Angsthase ihn
während des Fluges zerrissen. Aber kaum festen Boden unter den Füßen hat er schon wieder
Lust den Kasper zu machen. Lieber Gott mach, dass wir bald hier rauskönnen oder gib mir
einen Streifen Hansaplast um ihn zu knebeln‘, dachte sie und trat ungeduldig von einem Bein
auf das andere.
Nachdem sie am Gepäckband endlich ihren Koffer vom Band gehoben hatte, beschloss sie
erst einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen, bevor sie sich in ein Taxi setzte. Die
Suppe machte ihr noch immer zu schaffen, und es gab keinerlei Termindruck, der sie daran
hindern könnte.
‚Überhaupt sollte ich mir Gedanken darüber machen, wie ich vorgehen soll. Ich weiß ja
überhaupt nicht, wo ich Tom Werner oder die Kollegen vor Ort finden kann. Zudem brauche
ich einen Köderfisch, um den Kollegen Werner auf meine Seite zu bringen. Er wird mich nicht
gerade königlich empfangen, wenn er ahnt, dass ich mit an seiner prekären Situation schuld
bin. Könnte ein Wespennest werden, in das ich langen muss, um doch noch ans Ziel zu
kommen‘, überlegte sie, während sie den Flughafen verließ und die angezeigte Richtung
Hauptbahnhof einschlug. Auf einer langen Straße in Richtung Stadt passierte sie Beete mit
blühenden Wiesenblumen, die vor prächtigen Häusern angelegt waren. Ganz anders als jene,
die sie durch ihr Fenster im Flieger gesehen hatte. In einer der prächtigen Parzellen steckte
eine Vogeltränke in Form eines Heißluftballons, die zahlreicher Nutzer angelockt hatte. Sie
sah hinauf in den Himmel und erkannte einen kunterbunten Heißluftballon, der sich
stadtauswärts bewegte.
Wenig später, als die Wohngegend in Ladenzeilen wechselte, kam sie an einem Schaufenster
vorbei, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. An dem nobel erscheinenden
Lebensmittelladen drückte sie sich die Nase platt, um die gesamten Auslagen begutachten zu
können. Neben einem alten Butterfass lagen Berge frischer Trauben und Äpfel so rot und
glänzend, wie sie sie nur selten zu Gesicht bekommen hatte. Dahinter erkannte sie Galgant
der noch am Strauch hängend dekoriert war.
Das Grummeln im Magen war endgültig vergessen, als sie die vielen geräucherten Salamis
und Schinken entdeckte, die von der Decke des Geschäftes hingen. ‚Vor wichtigen
Entscheidungen sollte der Bauch keinen Hunger leiden müssen. Und das ist keine Weisheit
der Schamanen, sondern deine eigene Erfahrung, also rein mit dir‘, flüsterte sie leise zu sich
selbst und betrat den Laden.
Angezogen vom Duft des Schinkens trat sie unter eine der herabhängenden Keulen und
drückte gegen das Fleisch.
„He Sie da, wir sind hier doch nicht im Freilichtmuseum. Die Waren sind echt, also bitte
nicht anfassen. Errötend nahm zog sie ihre Hand zurück: „Verzeihung, ich konnte nicht
widerstehen.“
„In Ordnung, aber Sie müssen zugeben, dass ich recht habe. Oder wollen sie Lebensmittel
kaufen und essen, die schon durch Hunderte von Händen gegangen sind?“
„Nein, natürlich nicht, Sie haben recht! Muss ich den ganzen Schinken kaufen, oder gibt’s den
auch scheibchenweise?“
Der Verkäufer grinste und sah sie herausfordernd an: „Wo denken Sie hin, wenn ich nur
ganze Keule verkaufen würde, könnte ich den Laden auch gleich dichtmachen. Sind Sie auch
jemand aus der Truppe von dieser Schiffsreise?“
Bettina schüttelte den Kopf: „Nein, ich bin vorhin mit dem Flugzeug gelandet.“
Teil 32 Woche 31/2013
„Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten, während Sie meine Köstlichkeiten anschauen und
nicht mehr anfassen?“, fragte der Mann hinter der Verkaufstheke und goss ein weißes und
dickflüssiges Getränk in ein Glas. „Mit Figurproblemen habe Sie ja dem Augenschein nach
nicht zu kämpfen. Also schlage ich vor, Sie nehmen auch den einen oder anderen
Probebissen. In meiner Sammlung an Delikatessen werden Sie so manches entdecken, was
Sie niemals an einem Frühstücksbuffet ergattern können. Nicht mal im nobelsten
Schuppen“, er zwinkerte Bettina zu und lächelte breit.
Mit einem schmaler Streifen Schinken zwischen den Fingern erwiderte sie: „Habe ich
Halluzinationen, oder flirten Sie hier wirklich auf Teufel komm raus mit mir?“
„Faszinierend wie schnell Sie das herausgefunden haben!“
„Nun, so manches Mal habe auch ich einen Geistesblitz“, sie musste wider Willen grinsen.
„Ich werde allerdings nicht auf Ihre Versuche eingehen, nachdem Sie mich so grob an den
Pranger gestellt haben, nur weil ich den ach so kostbaren Schinken berührt habe.“
Er trat hinter dem Tresen hervor und ging schnurstracks auf Bettina zu: „Hätten Sie eine
Umarmung für mich übrig gehabt, statt sich an der Keule zu vergreifen, wären wir beide
schon einen Schritt weiter.“
Sie hob drohend ihren Zeigefinger und schubste ihn unsanft ein Stück von ihr weg: „Was
erlauben Sie sich? Bleiben Sie mir ja von der Pelle!“
Sie drehte sich Richtung Ladentür, als er sie von hinten festhielt: „Nicht so schnell gnädige
Frau. Tun Sie mir den Gefallen, und lassen hier nicht die Zicke raushängen. Das mögen wir
südamerikanischen Männer so gar nicht. Ich weiß wohl, dass in Europa die Frauen den
Männern die Flötentöne beibringen, und den Takt angeben, aber hier läuft das ein klein
wenig anders. Sie geben sich so kalt wie ein Gletschertopf, aber ihre Augen haben Sie längst
verraten. Gehen Sie an den Spiegel dort hinten, selbst Sie werden bemerken, wie sie funkeln
und glänzen.“
Bettina löste sich nur langsam aus der Starre, die die Worte des Mannes in ihr ausgelöst
hatten. Er hatte, Zufall oder nicht, voll ins Schwarze getroffen. Seit sie den Laden betreten
hatte, war er ihr sehr positiv aufgefallen. ‚Das liegt sicher daran, dass ich wegen der Sache
völlig durch den Wind bin, oder einen Hormon-Stau erlebe. Schließlich ist es eine ganze
Weile her, dass ich so etwas wie traute Zweisamkeit erlebt habe.‘
„Lassen Sie uns noch einmal von vorne anfangen.“
Bettina sah ihn verwirrt an.
„Das Gespräch meine ich. Ich muss zugeben, dass ich wirklich mit der Tür ins Haus gefallen
bin. Ich gehe wieder hinter den Tresen und biete Ihnen etwas zu trinken an, einverstanden?“
Er ging mit steifen Beinen, einem Stelzvogel gleich, zu den Gläsern und ihr war die leichte
Schwellung unterhalb seines Nabels keineswegs entgangen.
‚Großer Gott, er hat sein Triebwerk schon ausgefahren‘, dachte sie und stellte fest, dass sie
sich diebisch darüber freute.
Betont lässig lief sie zur Verkaufstheke, stütze sich mit einem Ellenbogen darauf und erklärte:
„Ich würde wirklich gerne ein paar Ihrer Köstlichkeiten versuchen!“
Er lächelte und überreichte ihr das Glas und hob sein eigenes an, um ihr zu zuprosten: „Ich
fühle mich wie ein Geburtstagskind, dem endlich erlaubt wurde, seine Geschenke
auszupacken. Meine Delikatessen werden Sie sicher nicht enttäuschen, und Sie mir, wenn ich
Glück habe mir näher bringen. Sie müssen wissen, wir sind nicht nur ein Drehkreuz für
Drogen, was ich persönlich sehr bedaure, sondern auch für exzellente Lebensmittel. Wir
produzieren hervorragende Weine, die wir Containerweise nach Europa exportieren, aber das
wissen Sie sicherlich. Aber ich rede total am eigentlichen Thema vorbei, entschuldigen Sie
vielmals. Ich muss mich erst einmal von dem Blitzschlag erholen, der mich traf, als ich Sie in
der Ladentür erblickte!“
„Jetzt geht es aber schon wieder ein wenig hurtig, meinen Sie nicht“, erwiderte Bettina
errötend und innerlich hoffend, dass dieser Mann noch eine Weile länger auf dieser Schiene
weiterfuhr.
„Keineswegs meine Hübsche. Ich möchte lediglich vermeiden, dass Sie gleich wieder aus
meinem Leben schweben, ohne dass ich die Gelegenheit genutzt habe, dies mit allen Mitteln
zu verhindern.“
„Ich bleibe zumindest solange, bis mein Magen aufhört zu knurren“, erklärte Bettina lachend.
„Und einen Tipp dazu möchte ich gleich mit auf den Weg schicken; ich bin unerträglich,
wenn ich Hunger habe. Besser Sie bewegen sich und besorgen mir eine Kleinigkeit, um mich
zu besänftigen. Nahrungsmittel sind die Mechaniker erster Wahl, die man zur Hilfe ruft,
wenn man meine schlechte Laune reparieren möchte.“
„Sind Sie in Eile?“, erkundigte er sich leise.
„Nein eigentlich nicht. Warum fragen Sie?“
Mit glücklicher Mine erwiderte er: „Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag. Mein Cousin
besitzt einen Katamaran, den er gewiss für heute entbehren kann. Ich packe rasch einen
Korb zusammen, und wir essen gemeinsam auf dem Boot. Vielleicht haben wir sogar Glück
und können ein paar Gleitschirmflieger sehen. Das Wetter und die Windverhältnisse
sprechen dafür. Lust?“
Skeptisch fragte Bettina: „Aber was ist mit Ihrem Geschäft? Ist noch lange nicht die Zeit um
es zu schließen!“
„Weißt du, wenn es um alles oder nichts geht, können mich ein paar nicht eingenommene
Peso nicht davon abhalten, mein Ziel zu erreichen.“ Er schaute sie einen Moment lang stumm
an, als ob er auf einen Protest wegen des Duzens erwartete, dann ergänzte er: „Was nutzt es
mir, wenn du wieder verschwindest, ohne dass ich dich wirklich kennenlernen durfte? Alles,
was mir bliebe, wäre dir eine Flaschenpost zu schreiben und zu hoffen, dass du sie eines
Tages findest. Nein, das kann und will ich nicht riskieren.“
„Wenn wir nun bei den Vertraulichkeiten angekommen sind, möchte ich nicht versäumen,
mich dir vorzustellen. Mein Name ist Bettina, und du wirst es bereuen mir jemals begegnet zu
sein, wenn du mich erst näher kennengelernt hast. Trotzdem würde ich sehr gerne mit dir zu
diesem Ausflug starten.“
Teil 33 Woche 32/2013
Matthias blieb wie angewurzelt stehen, als er auf den leeren Stuhl im Garten des
Hotelrestaurants blickte. Er rannte zum Parkplatz und musste feststellen, dass Ursula nicht
wie er gehofft hatte, am Wagen auf ihn wartete. Johannes näherte sich keuchend und fragte
verblüfft: „Wo kann sie sein?“
„Laufen Sie nach drinnen und kontrollieren Sie die Damentoilette“, rief Matthias mit
panischem Gesicht und begann eine Runde um das gesamte Gebäude zu laufen. Er bemerkte,
dass seine Beine ihm nicht mehr die Standfestigkeit boten, die er gewohnt war. Seine Angst,
die ihn explosionsartig erfasste, drohte ihn handlungsunfähig zu machen. Laut ihren Namen
rufend kämpfe er sich Meter um Meter weiter, ohne eine Spur von Ursula zu entdecken.
Johannes klopfte an alle Türen der Damentoiletten, ohne eine Antwort zu erhalten.
„Sind Sie da drin?“, fragte er immer wieder ergebnislos in die Stille. Im Toilettenbereich der
Herren hörte er eine Klospülung. ‚Vielleicht hat sie die Türen verwechselt und ist dort
hineingegangen‘, versuchte er sich zu beruhigen und ging nach nebenan. Er älterer Herr kam
ihm freundlich grüßend entgegen und empfahl ihm das Salatbüffet unbedingt auszuprobieren.
„Ursula sind Sie da?“, hallte sein Ruf von den Wänden, auch hier Fehlanzeige. „Das darf
doch alles nicht wahr sein“, fluchte er laut und ging zurück in den Hotelgarten.
„Wie können die so schnell herausbekommen haben, wo wir sind?“, rief ihm Matthias
verzweifelt entgegen. Auf seiner Stirn standen dicke Schweißperlen, sein Gesicht war
aschfahl. „Sind Sie sicher, dass wir ihr Team zu unseren Freunden zählen können? Meine
Frau ist verschwunden, vermutlich gekidnappt und es kommt mir sehr merkwürdig vor, dass
man von unserem jetzigen Aufenthaltsort wissen konnte. Es sei denn, es gibt einen Maulwurf
in Ihrer Truppe und man hat Sie lediglich als Werkzeug benutzt, um uns zu schnappen.“
Johannes legte beschwichtigend einen Arm auf Matthias Schulter: „Nun gehen wir doch
zuerst einmal nicht vom allerschlimmsten aus. Vielleicht ist Ihre Frau nur zu einem
Spaziergang aufgebrochen. Ein Stück hinter dem Hotel ist ein riesiges Sonnenblumen-Feld.“
„Alter Sie haben Nerven. Meine Frau schlottert vor Angst. Haben Sie vergessen, welche
Mühe es sie vorhin im Wagen gekostet hat, einen Satz herauszubringen, ohne vor Furcht zu
sabbern? Und da glauben Sie, sie geht mal eben mir nichts dir nichts fort, um sich einen
Termin Nagelstudio zu besorgen oder einen Spaziergang zu machen. So ein Käse! Werden
Sie wach und machen sich nicht zum Hampelmann, sie ist entführt worden. Ich schlage vor,
Sie hören auf zu fantasieren und werden aktiv. Rufen Sie ihren Chef an, ob er etwas weiß,
informieren sie die Polizisten am Ort, tun Sie gefälligst irgendetwas! Aber hören Sie endlich
auf mich mit offenem Mund anzustarren und sich fadenscheinige Erklärungen aus dem Hut zu
zaubern.“
Johannes nickte und nahm sein Mobiltelefon zur Hand. Aus dem Augenwinkel beobachtete
Matthias auf einem der Tische im Garten eine Dohle, die versuchte an die Reste eines
Cocktails zu gelangen, den ein Gast stehengelassen hatte. Was für ein Kontrast, dachte er
kurz und zusammenhangslos, bevor er versuchte dem Gespräch von Johannes zu folgen.
„Ja, rufen Sie alle an, die etwas über den Verbleib von Ursula wissen könnten.“
Johannes nickte heftig. „Das ist eine sehr gute Idee, aber ich fürchte, dass Sie das in der Kürze
der zur Verfügung stehen Zeit nicht hinbekommen werden.“
Er zuckte mit den Schultern, lauschte einen Moment angespannt und erwiderte dann: „Meinen
Sie wirklich, dass ich die Rettungsschwimmer in ihren Kanus losschicken sollte? Wie
kommen Sie darauf, dass sie auf einem Boot gefangen gehalten wird?“
Matthias zog ungeduldig am Ärmel von Johannes Hemd. Dieser drehte sich kurz zu ihm um
und deute mit einer Handbewegung an, dass es noch einen Moment dauern würde.
„Tatsächlich? Und es war der Kapitän des Sandtigerhais, der das beobachtet hat? Ist das
nicht der mit der schrägen Galionsfigur dem Affen?“
Er grinste für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er besorgt weiter fragte: „Und da ist er sich
sicher?“ Ich meine auf die Entfernung kann er unmöglich erkannt haben, dass an dem
dusseligen Orang-Utan am Bug eine gefesselte Person steht. Das halte ich für unmöglich,
aber ich werde Enrique trotzdem sofort darauf ansetzen.“
Erneutes Nicken.
„Ja machen Sie das und dann kommen Sie so schnell als möglich her, damit wir unsere
weiteren Suchaktionen ankurbeln können.“
Er lege auf und sah Matthias ernst an: „Wie Sie sicher schon mitbekommen haben, hat einer
unserer Fischer, die für uns ein Auge offen halten, etwas entdeckt, dass mit der Entführung
Ihrer Frau im Zusammenhang stehen könnte. Ich rufe rasch jemanden an, der das für uns
überprüfen wird. Danach werden wir auf meinen Boss warten, der versprochen hat, sofort zu
kommen.“
„Soll heißen, ich sitze solange hier herum und tue gar nichts?“, rief Matthias entsetzt und mit
hochrotem Gesicht. „Das kommt überhaupt nicht infrage! Jede Minute zählt. Wer weiß, ob
nicht schon so ein chilenischer Kobold dabei ist einen Reißverschluss in meine Frau zu
schneiden. Vielleicht liegt sie irgendwo gehäutet, in der Hoffnung eine brauchbare
Information aus ihr heraus zu bekommen“, schluchzte er und schlug die Hände vors Gesicht.
„Hier ist schon so viel passiert, dass ich mir alles vorstellen kann. Ich will nicht untätig
herumsitzen. Also rufen Sie den Mann an, der auf dem Boot nachschauen soll, und danach
machen wir beide uns auf eigene Faust auf dem Weg. Wenn Sie sich weigern, suche ich
alleine. Und ich werde sie finden, das schwöre ich Ihnen. Das werden die mir zahlen, mein
Liebstes aus meinem Leben zu reißen. Wenn ich mit denen fertig bin, braucht jeder Einzelne
einen Defibrillator, falls der überhaupt noch hilft. Aber vorher werden mir die Kerle die Füße
schlecken und um Gnade winseln. Mir steht die Opferrolle bis hier oben.“
Er zeigte mit ausgeklappter flacher Hand in die Höhe seiner Stirn. „Ich wechsle ins
Täterlager, und ich werde keine Sekunde mit dem Höhenunterschied zu kämpfen habe. So
war ich hier stehe und Gott mir helfe! Darauf dürfen Sie alle verfügbaren Bierkasten der
Welt verwetten!“
Johannes trat dicht neben Matthias und blies im sacht ins Ohr.
„Was soll das?“
„Anders hätte ich Sie nicht dazu bewegen können wieder runter zu kommen. Ich weiß, dass
Sie furchtbar erregt und besorgt sind. Allerdings bringen uns Ihre wutdurchtränkten und
unkoordinierten Einsätze keinen Millimeter weiter. Also tun Sie mir den Gefallen und
nehmen Sie sich noch für ein paar Minuten zusammen. Wir werden alles tun, um Ihre Ursula
so schnell wie möglich zu finden und zu befreien. Das ist schließlich auch in unserem
Interesse. Ich habe Sie beide vorhin nicht aus dieser brenzligen Situation geholt, damit ich Sie
jetzt schon wieder aus den Augen verliere.“
Teil 34 Woche 33/2013
„Sie haben gut reden Mann! Wir haben Ihnen vertraut, als wir mit Ihnen hierhergekommen
sind. Und nun ist Ursula verschwunden, und ich muss zusehen, wie Sie hier seelenruhig
stehen, statt alle Hebel in Bewegung zu setzten und los zu düsen. Ich werde hier an der Leine
gehalten, obwohl ich weiß, dass meine Frau sehnsuchtsvoll auf mich wartet und
Höllenqualen durchmacht!“
Während sich Matthias weiter in Rage redete, war das Brummen eines Motorrads zu hören.
Johannes tippte auf die Harley Davidson von seinem zur Hilfe gerufenen Kameraden. Denn
die beiden galten im Ort als so unzertrennlich wie ein Lied zum Zumba-Workout.
Tatsächlich sauste Enrique in der nächsten Sekunde um die Ecke, blieb vor den beiden stehen
und zog seinen sicherlich vom Flohmarkt stammenden Stahlhelm vom Kopf.
„Ich habe schon die Fotos vom Fischer angesehen, ich glaube nicht, dass das eine wirklich
heiße Spur ist“, erklärte er mit ernster Miene. „Aber Zeit für eine Pause haben wir nicht. Ich
will gleich mal die Verstecke abchecken, die mir von ein paar Informanten gesteckt worden
sind.“
Vom Eingangsportal des Hotels winkte ein Kellner zu und bedeutete ihnen mit einer
Handbewegung, dass er ihnen etwas mitteilen wollte.
„Was ist denn nun schon wieder?“, stöhnte Matthias auf. „Das scheint mir ein Marathon im
Verzögern zu werden.“
„Hören Sie“, erwiderte Enrique ärgerlich mit lauter und fester Stimme: „Wenn es nach uns
unserer Nase ginge, hätten wir Ihre Frau längst wieder. Besser gesagt wäre sie niemals aus
unserer Obhut gerissen worden. Aber nun ist es so und wir müssen uns den
Herausforderungen der neuen Situation stellen, ohne ständig nur zu jammern. Ich weiß, dass
Sie in höchster Sorge sind, aber ich versichere Ihnen, dass Situationen wie diese uns nicht
zum ersten Mal begegnen. Ich selbst bin seit Jahren im Personenschutz tätig. Man hat mir
zwar noch nie die Bewachung des Papstes anvertraut, aber ich würde mich trotzdem als
erfahren bezeichnen.
„Interessant. Und was hat das mit Ursula zu tun?“
„Würden Sie jetzt endlich die Freundlichkeit besitzen, mir zu zuhören? Und du“, er deutete
auf Johannes, „geh rüber und hör dir an, ob der Kellner Wichtiges weiß oder nur Werbung
für die Happy Hour machen will.“ Er räusperte sich, kurz bevor er sachlich fortfuhr: „Was ich
sagen wollte, bevor Sie mich unterbrachen ist, dass wir einige Personen zu unserer Gruppe
haben, die sagen wir gewisse Fähigkeiten besitzen.“
„Die da wären?“, fuhr Matthias ihm erneut nervös ins Wort.
„Verdammt, was kann ich tun, damit Sie es endlich kapieren? Halten Sie Ihren Mund und
hören Sie mir zu. Bitte“, er hob beide Hände gefaltet vor sich, „nur zwei Minuten!“
Matthias nickte nur resigniert.
„Also nochmal von vorne“, Enriques Augen funkelten ihn wütend an. „Vertrauen Sie darauf,
dass unsere Gruppe alles dafür tun wird, Ihre Frau so schnell wie möglich wieder hier an Ort
und Stelle zu haben. Auch wir haben ein großes Interesse daran, so schnell wie möglich mit
Ihnen zusammenzuarbeiten und in diesem Rennen als Sieger hervor zu gehen. Wir müssen
alle Gegenspieler abhängen, wenn wir ein Unglück vermeiden wollen. Ich weiß, dass Sie
beiden noch nicht den blassesten Schimmer haben, wie groß diese Nummer in Wirklichkeit
ist. Auch darüber werden wir Sie aufklären, wenn Ihre Ursula wieder hier ist. Zu ihrer kurzen
Information; ich habe bereits einen Suchtrupp zum alten Wasserspeicher und den Verstecken
darum geschickt. Diese Gegend wurde schon oft zum Verbergen von Personen genutzt, bisher
von dort noch keine Rückmeldung. Auch den alten Trick der Kahnfahrt zum Delphinfelsen
lasse ich überprüfen, falls man Ihre Frau dorthin gebracht hat. Auch der Boss unserer Gruppe
wird eher zulassen, dass sich Aschenbrödel in die Sphinx verwandelt, bevor er die Suche
aufgeben wird. Deshalb atmen Sie bitte einige Male tief durch und warten Sie, bis wir weitere
Aktionen starten.“
Johannes kam mit erregter Mine zurück zu ihnen: „Sie wissen, wo Ursula ist. Wir müssen los,
steigt ein.“
„Sollen wir nicht zuerst auf einen Kartoffelsalat oder eine Portion Kartoffelpuffer zurück
ins Hotel“, scherzte Matthias, auf dessen Gesicht die Erleichterung überdeutlich zu erkennen
war. „Ich gebe einen aus!“
„Sie sind mir vielleicht eine Nummer, verrückt wie ein Yak in den Tomatenpflanzen“,
kommentierte Enrique und öffnete die hintere Tür des Wagens.
„Aber nur eines, das schon seit Jahren für den Radsport trainiert“, ergänzte Matthias lachend
und stieg auf der Beifahrerseite ein.
Teil 35 Woche 34/2013
Als Enrique den Wagen startete, schickte Matthias ein Gebet mit besten Wünschen zur
Befreiung seiner Frau gen Himmel. Es war beeindruckend zu erkennen, wie schnell man sich
Hilfe von oben herbeisehnte, wenn man in Not geraten war. Er nahm sich fest vor, sein
Verhältnis zu Religion und der Bibel noch einmal zu überdenken.
‚Ich vermute, dass dies zum Alphabet der in Not geratenen gehört, wenn sie nicht gerade zur
Helden-Fraktion gehören und alles für sich selbst regeln können. Ich bin ganz sicher nicht
der Einzige, der nach göttlichem Beistand fleht, wenn das Surren einer Patronenhülsen dicht
neben dem eigenen Ohr einen Brummschädel verursacht hat,‘ dachte er erkennend und
richtete seinen Blick aus dem Wagenfenster, das vor Schmutz stand.
Bettina genoss, eingehüllt in eine karierte Decke, den märchenhaften Blick auf den
Yachthafen. Sie fragte sich, ob Jorge, wie er sich ihr höflich vorgestellt hatte, bevor sie
aufgebrochen waren, schon vielen Frauen Einladungen zu einem romantischen Trip gemacht
hatte. Eigentlich war es nicht ihre Sache, so rasch auf Avancen von hübschen Männern
einzugehen, doch dem Charme des Lebensmittelhändlers war sie sofort erlegen. Der Gedanke,
dass es anderen Frauen vermutlich genauso ergangen wäre, zog wie ein Mühlstein an ihrer
guten Laune.
‚Bin ich etwa eifersüchtig, obwohl ich den Kerl erst vor zwei Stunden kennengelernt habe?‘,
sinnierte sie erschrocken, bevor sie rasch ihren Kopf schüttelte, um diese Gedanken zu
vertreiben. ‚Darüber sollte ich grübeln, wenn es gute Gründe gibt‘, ermahnte sie sich, wandte
den Kopf zu Jorge und schwärmte: „Der Hafen sieht von hier noch viel schöner aus, als ich
erwartet hätte.“
„Warte, bis wir den Sonnenaufgang erleben, das toppt alles. Die Spiegelungen auf dem
Wasser gleichen Facettenaugen, wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt des Horizontes
steht. Du wirst es lieben!“
Bettina schaute verträumt zum Yachthafen: „Wir bleiben die ganze Nacht hier? Werden wir
uns nicht die Knochen abfrieren?“
„Nein, werden wir nicht. Zum einen haben wir uns, und zum anderen werde ich den
Kabelsalat unter Deck nachher zur Seite räumen und uns ein kuscheliges Plätzchen schaffen.
Ich frage mich, was mein Cousin hier an Bord mit einer Nähmaschine vorhatte? Das
Sammelsurium dort unten musst du dir unbedingt anschauen. Eine Ausstellung an scheinbar
unbrauchbaren Gegenständen. Aber mein Cousin ist ein Fuchs, ich wette, er hat für die
Aufbewahrung all dieser Dinge, einschließlich der Fahrradpumpe, einen sehr guten Grund.
Komm ich zeige es dir.“
Er nahm Bettina wie selbstverständlich bei der Hand, öffnete die Klappe einer Falltür und zog
sie die Stufen nach unten. Es dauerte einen Moment, bis das Licht, das er neben den Stufen
eingeschaltet hatte, einen sanften Schein über die Kammer schickte. Man erkannte sofort, dass
dieser Raum am ehesten als Werkstatt diente. Dutzende ausrangierter Haushaltgegenstände
und Metallschrott teilten sich den beengten Raum auf den vorhandenen Regalen und dem
Fußboden.
„Sieht aus, als seien wir zu Besuch bei Daniel Düsentrieb“, rief Bettina begeistert. Ich find‘s
klasse. Was ist das dort hinten neben dem Strahlrohr? Sieht aus wie eine Achse.“
Jorge nickte: „Ich glaube das ist eine Panjewagen Achse. Er hat mir vor einigen Tagen davon
erzählt und war ganz begeistert, eine ergattert zu haben. Was genau das ist, kann ich dir nicht
sagen, ich weiß nur, dass es keinen Fußpilz verursacht!“
Er lachte und zog Bettina ein Stückchen zu sich heran: „Wollen wir uns etwas Hübsches
zusammenbauen, oder lieber schauen, was ich uns als Wegzehrung eingepackt habe?“
„Ich bin unbedingt für das Essen, mein Magen klingt, als würde die Elbe durchfließen, ich
habe wirklich Hunger!“, erklärte sie und legte zur Unterstreichung ihrer Worte beide Hände
auf den Bauch.
„Typisch Fleischfresser, da gibt das Bäuchlein gerne mal ein kleines Musikstück zum
Besten. Lass uns schauen, ob es außer unbequemen Dingen auch etwas hier unten ist, worauf
wir es uns behaglich machen könnten.“
Bettine grinste und zeigte in eine Ecke: “Da hinter dem alten Ofen scheint ein kleiner
Strohballen zu liegen, das wäre doch ein Anfang.“
„Perfekt“, rief er aus und holte den Ballen nach vorne. „Ich würde vorschlagen, das wir ihn
mit nach oben nehmen und schauen, ob sich noch etwas anderes brauchbares findet. Der alte
Erbsenzähler von Cousin muss doch irgendwo eine richtige Decke und Kissen aufbewahren,
schließlich schläft er oft genug hier.“
Teil 36 Woche 35/2013
„Selbst so ein Kerl mit ausgeprägter Naturverbundenheit wie mein Cousin Bob sollte ein
wenig Komfort mögen, oder? Räum du unseren Picknickkorb aus, ich werde nachsehen, ob
sich zwischen Tageslichtprojektor, Schneiderpuppen und Fahrradhelmen etwas findet, was
wir für die Nacht an Bord gebrauchen könnten.“
Bettina nickte, stieg die Stufen nach oben und war in Windeseile beim Korb angelangt, den
Jorge im Laden für sie gepackt hatte. Nachdem sie ihn geöffnet hatte, blickte sie zuoberst auf
eine dicke Plastikfolie, die mit Beagles und Dackeln bedruckt war.
‚Das sollte ich fotografieren, dachte sie belustigt. ‚Wer hätte gedacht, dass ein Charmeur wie
Jorge eine Vorliebe für kindliche Motive hat. Vielleicht wächst in seinem Garten eine wahre
Blütenpracht und ein Mini-Hängebauchschwein ist für das Jäten des Unkrauts zuständig?‘
Verwundert hielt Bettina inne: ‚Über was ich mir Gedanken mache, während ich die Wurst
und Erfrischungsgetränke auspacke. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben,
dass Jorge von jetzt auf gleich zu meinem Herzblatt mutiert ist. Bin ich tatsächlich verliebt?‘,
dachte sie, während sie ein Schnitzmesser in der Hand wiegte, mit dem sie den Speck in
dünnen Scheiben schneiden würde.
Jorge kam auf Deck und hielt hatte Thermomatte und zwei kleine Kissen unter seine Arme
geklemmt. Er legte alles neben Bettina ab und zeigte auf die Matte: „Keine Angst, wir üben
keinen Sonnengruß. Obwohl diese herrliche Sonne am Himmel dazu animieren könnte. Ich
dachte nur, es wird angenehmer sein darauf zu sitzen, als auf den blanken Bohlen.“
„Gute Idee, reich sie mir mal rüber. Wir wollen zwar nicht den Ozean überqueren, aber ein
wenig mehr Bequemlichkeit beim Genuss dieser Hühnersuppe, bei der ich mich wundere,
dass sie in diesem Behältnis noch so heiß geblieben ist, kann nicht schaden. Setz dich zu mir“,
ergänzte sie und klopfte auf den Platz neben sich, „ich sterbe vor Hunger.“
„Sehr gerne, ich könnte auch etwas vertragen. Ich glaube das Klettern über gefühlte tausend
Teile einer Autowaschanlage macht hungrig“, erklärte er mit einem Schmunzeln auf dem
Gesicht.
„Das meinst du nicht ernst, oder? Bob lagert auch Stücke von Waschstraßen ein?“, sie brach
in Lachen aus. Bei einer Notwasserung neben diesem Katamaran müssten Passagiere
garantiert auf nichts verzichten, oder?“
Er stimmte in ihr Lachen ein und Bettina fühlte sich glücklich. Alle Gedanken an das Projekt
und ihr Versagen schienen in weiter Ferne gerückt zu sein.
„Nein, da gebe ich dir recht. Sie müssten sich nicht im Meerwasser einweichen lassen,
sondern könnten an Bord kommen und sich eine Dusche mit duftendem Badeschaum
gönnen. Duschgel habe ich komischerweise nicht entdecken können, dafür Sonnenschutz in
allen Faktorenklassen und Duftrichtungen.. Die Duschkabine im Nebenraum der
Rumpelkammer erinnert zwar an die Steinzeit, ist aber durchaus funktionstüchtig. Aber nun
lass uns nicht mehr über das eventuelle Schicksal der Passagiere nachsinnen, sondern an uns
denken. Wenn ich nicht gleich etwas essen kann, werde ich immer mehr einer Bohnenstange
ähneln. Mit dieser Tatsache allein könnte ich mit abfinden, aber nicht damit, dass mir die
Kraft fehlen würde, Mi Amor auf unser Lager zu tragen.“
Bettina errötete: „Du hast mich ertappt, genau diese Reihenfolge würde mir auch gefallen. Ich
weiß nicht, ob ich dein Vorgehen als Enkeltrick und damit kriminell enttarnen sollte, oder
mich freuen, dass ich zufällig in deinen Laden gekommen bin.“
Teil 37 Woche 36/2013
Blitzlicht, Yogaübung, barfüßig, Kuhreihen, Naturschauspiel, Straßenmusik, Maultier,
Zombie, Lachen, Herzchirurg, Feldherr, Regenschirm, zweistellig, CD-Rohling, Parkplatz,
Tannennadel, kennenlernen, Spinnennetz, Kissenbezug, Auszeit, Löffel, Krümel, Hochzeit,
Vollautomat, Schleuse, Hippie,
„Das kannst du halten wie der berühmte Dachdecker“, sein Lachen schallte übers Deck. Er
deutete fröhlich auf den Himmel: „Schau dir dieses Naturschauspiel an!“
Bettina blicke in dem Moment nah oben, als ein Blitzlicht das Firmament erhellte: „Irrsinnig
schön“, flüsterte sie und hielt ihren Blick am Himmel.
„Wenn du das Jahre nach unserer Vermählung nicht den Enkelkindern erzählst, kannst du
mich kennenlernen“, wisperte er und drückte ihr vorsichtig einen Kuss auf die Wange.
„So schnell ist man also in deinem Spinnennetz gefangen, sieh an. Kaum an Bord und in
romantische Stimmung eingelullt, bestimmt der Feldherr, dass eine Hochzeit ins Haus steht.
Dazu bestellst du, dass der Himmel seine Schleusen öffnet und ich dir, ohne Regenschirm
und barfüßig ausgeliefert bin. Es scheint fast so, als sei diese Masche antrainiert. Und ich
sage das, ohne dir zu nahe treten zu wollen. Ich genieße im Moment jeden Augenblick und
hoffe inbrünstig, dass die Zahl derer, die dies auch bereits mit dir erlebt haben nicht
zweistellig ist.“
Jorge machte ein beleidigtes Gesicht und erwiderte harsch: „Ich glaube du missverstehst da
etwas völlig. Ich bin kein Zombie auf der Suche nach Frauenopfern, mit denen ich mir eine
unbeschwerte Auszeit nehmen kann. So etwas wie hier ist für mich bisher eine einmalige
Sache, und ich möchte, dass du das unbedingt weißt. Da bleibe ich störrisch wie ein Maultier.
Wenn es sein muss, stelle ich dir noch heute Abend meine komplette Familie vor. Und sie
werden dir bestätigen, dass ich niemals zuvor ein Filou war. Sie werden deinen Lebensweg
hinterfragen und in allen Krümeln pieken, bis sie sich sicher sind, dass ich nun wirklich
jemanden gefunden habe, der zu mir passt. Sie wünschen sich schon so lange eine Beziehung
für mich“. Er grinste kurz, bevor er fortfuhr: „Zuerst sollte es etwas ganz Besonderes sein,
eine Herzchirurgin oder eine Museumsdirektorin. Mittlerweile wäre wohl ein HippieMädchen, das sein Geld mit Straßenmusik verdient oder CD-Rohlinge herstellt, mehr als
willkommen.“
Bettina schaute ihm lange in die Augen, bis sie erkannte, dass er keineswegs scherzte. Sie war
fast froh über die Wendungen der letzten Tage, so war sie auf Jorge gestoßen. Doch die
Androhung seiner Familie vorgestellt zu werden, ließ Panik in ihr aufsteigen. Was, wenn alles
herauskam? Würde er es dann auch nur für eine Sekunde in Betracht ziehen zu ihr zu stehen?
Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sicher war es besser, diese Sache
sofort im Keim zu ersticken, bevor es zu schmerzhaft wurde. Sie erhob sich langsam, strecke
sich ausgiebig und lange, als führe sie eine Yogaübung aus, dann sagte sie bestimmt: „Willst
du wirklich hier an Deck bleiben und auf Kissenbezügen schlafen, oder fahren wir zurück?
Er hob verwundert die Brauen:“ Habe ich dich überfahren, erschreckt? Was ist auf einmal mit
dir los? Du siehst aus, als hast du einen Löffel verschluckt“
„Nein, du hast mich nicht verschreckt, aber ich bin nicht diejenige, die ich zu sein scheine.
Vergib dein Herz nicht an mich, du würdest es sehr schnell bereuen.“
„Wovon redest du bitte? Es kommt mir so vor, als wolltest du einem Chilenen absichtlich
Kuhreihen vorsingen, damit er nicht versteht aber gehorcht. Was kann so schlimm sein, dass
ich dich nicht haben kann? Stehst du etwas nicht aus Kaffee aus dem Vollautomaten?“,
versuchte er zu scherzen.
Sie räusperte sich und dachte für einen kurzen Moment daran, ihm die ganze Wahrheit zu
erzählen. Doch sicher konnte er nicht begreifen, dass sie ihn wegen einer Handvoll
Tannennadeln und deren möglicher Wirkung nicht haben wollte: “Lass uns zurück zum
Parkplatz schippern, ich kann es dir nicht erklären. Wenn du mich wirklich magst, solltest du
mir vertrauen und dich von mir abwenden. Bitte!“, setze sie flehend nach, als sie in sein
trauriges und ratloses Gesicht sah.
Teil 38 Woche 37/2013
Ball, raten, Eiskristall, Zauberstab, Wartebank, Yeti, zauberhaft, Walzer, vergänglich,
Patchwork, Internet, Brandgeruch, Negerkuss, Ringelsocke, Radieschen, Demokratie,
Andreaskreuz, privat, Bierschaum, Salzteig, Open-Air-Konzert, Straßenschmuck, Fliegenpilz,
Autorin, Griebs, Holzskulptur, Klaviatur, Kuckucksuhr
„Wenn du sicher bist, dass du mir nicht vertrauen kannst und ich angeblich nicht zu dir stehen
kann, sollte ich deine Entscheidung akzeptieren. Hoch lebe die Demokratie und ihre
Meinungsfreiheit! Allerdings finde ich es sehr schade, dass du nicht einmal versuchst, mir zu
erklären, warum du für mich angeblich nicht infrage kommst. Ich würde dir raten es zu
versuchen, denn du wärst nicht der erste Mensch, der sich in mir getäuscht hat. Unser
Zusammentreffen war so zauberhaft, und jetzt bist du aus einem mir unerfindlichen Grund
zum Eiskristall geworden. Ich kann mich nicht gegen die Vorstellung erwehren, dass ich
damit zu tun habe, und du willst es mir nicht sagen. Das ist mehr als schade.“ Er zog seine
letzten Worte in die Länge und schaute Bettina erwartungsvoll an.
Sie senkte den Blick, in ihrem Inneren tobte ein Kampf.
‚Sollte sie ihm alles erzählen? Auch auf die Gefahr hin, ihn zu verschrecken? Warum
eigentlich nicht? Sie brauchte dringend einen verbündeten, der die Last auf ihren Schultern
ein wenig erleichterte. Ihre momentane Situation glich dem Griebs eines Apfels, einem
Negerkuss ohne Schokoladenüberzug, nichts als Reste. Schlimmer konnte es fast nicht mehr
werden und alles im Leben war vergänglich, warum also keinen Versuch wagen?
„Ich werde es dir erzählen“, erwiderte sie leise. „Wenn ich fertig bin, wirst du mir zustimmen
und uns auf schnellstem Weg zurück ans Ufer bringen. Es geht um eine Sache, die ein
wunderbarer Stoff für eine Autorin wäre. An einen Yeti zu glauben, wird dir vermutlich
zuerst leichter fallen. Ich bitte dich deshalb, mir zu zuhören und mich vorerst nicht zu
unterbrechen. Zuerst brauchst du ein wenig Hintergrundwissen, damit du die Klaviatur des
Falles im Ganzen verstehst. Wirst du mir zuhören, oder hast du deine Meinung geändert?“,
fragte sie ihn unsicher. Sie hoffte, dass er jetzt, nachdem sie sich zu ihrer Entscheidung
durchgerungen hatte, nicht abspringen würde.
„Ich bin ganz Ohr. Nimm dir Zeit und hab keine Angst. Du kannst mir vertrauen und lass dir
gesagt sein, auch in meinem Privatleben gab es nicht nur Walzermusik. Den einen oder
anderen Fliegenpilz musste auch ich schon verdauen. Aber jetzt fang einfach an, bevor dich
dein Mut verlässt.“
Bettina begann stockend und mit der verkrampften Körperhaltung einer Holzskulptur zu
berichten, wie sich die Geschichte, in deren Verwicklungen sie nun in Chile gelandet war,
begonnen hatte.
Im Polizeirevier
Tom saß ungeduldig auf der Wartebank vor dem Büro des Polizeibeamten. Dieser hatte ihn
nach einem weiteren Wortgefecht mit Raoul vor die Tür gesetzt. Tief im Inneren wusste er,
dass er falsch handelte, wenn er Raoul angriff, statt ihn zur Mitarbeit zu bewegen. Sein Groll
über die gesamte Situation nahm im immer mehr die Möglichkeit, ruhig und gelassen zu
bleiben. In regelmäßigen Abständen brach, dem Uhrwerk einer Kuckucksuhr gleich, die
Frage: „Warum passiert hier nichts?“, in seine Gedanken ein. Seine Geduld war
überstrapaziert und allmählich sah er all seine Felle fortschwimmen. Er fühlte sich, als würde
er an einem Andreaskreuz vorbeirauschen, obwohl er den Zug herannahen hörte. Oder
weiter den Klängen eines Open-Air-Konzertes lauschen, während bereits Brandgeruch um
seine Nase wehte. Während er die Tür zum rau vor ihn nicht aus den Augen ließ, ging er in
Gedanken jede einzelne Begebenheit des Chile-Urlaubes, seiner Entführung und den
nachfolgenden Ereignissen durch. Er hoffte so, auf die Zusammenhänge zu stoßen und den
Ermittlungen einen Vorschub geben zu können.
„Ich muss auf den Zauberstab treffen, der eine Ordnung in das Patchwork der Vorfälle
bringt. Den Ball vom Gegner übernehmen und einen Gegenangriff einleiten“, rief er laut in
den Raum und stand auf.
„Ich brauche einen Internet-Anschluss“, warf er erneut laut in den Raum und ging mit großen
Schritten auf die Ausgangstür zu.
‚Ich kann hier nicht länger untätig herumsitzen!‘ Die Chance noch an die Truppe
heranzukommen schwinden mit jeder Sekunde, wie Bierschaum auf dem Pils. Also komm in
die Hufe Tom Werner und finde heraus, was da wirklich gespielt wird, bevor du die
Radieschen von unten bestaunen kannst.‘
Entschlossen trat er nach draußen und schaute irritiert auf den Straßenschmuck, der ihm
vorhin gar nicht aufgefallen war.
‚Seltsame Gepflogenheiten gibt es hier‘, dachte er verwundert, als er die bunt angemalten
Ringelsocken als Salzteig über ihm, an glitzernden Leinen baumeln sah.
Teil 39 Woche 38/2013
Kruzifix, Rosenblüten, besonnen, Suffragette, Lebensmittel, Nervenkostüm, füttern, Kuss,
handgemacht, Apfelbaum, Herbstanfang, Yucca-Palme, Unterwelt, Regenschauer,
Linkshänder, Leuchter, Brotkruste, originell, Wattenmeer, Reflexion, bequem, Wärter,
Busparkplatz, Makrofotografie, Leuchtturm
‚Sieht aus wie handgemacht, sehr originell.‘ Er war zu bequem die Söckchen im Einzelnen
und genauer zu betrachten. Dazu flatterte sein Nervenkostüm zu sehr, doch er erinnerte sich
dunkel, einmal gelesen zu haben, dass der Herbstanfang auf diese Weise begrüßt wurde.
Hektisch schaute er die Straße hinunter um einen Ort auszumachen, an dem er eventuell an
einen Computer mit Internetanschluss vermuten konnte. Er würde das Web mit allen
Informationen füttern, die ihm zur Verfügung standen und so der handelnden Unterwelt
vielleicht ein Stöckchen zwischen die Füße werfen können. In den Reflexionen, die das
Straßenlicht am Busparkplatz während des leichten Regenschauers zurückwarf, erkannte er
die Leuchtbuchstaben eines großen Supermarktes wie einen Leuchtturm. Vielleicht konnte
man ihm dort weiterhelfen? Zumindest war es zu Fuß bequem erreichbar und eine Chance. Er
rang um Besonnenheit, während er versuchte, die Straße im regen Verkehr zu überqueren.
Vor dem Laden stand eine große Ansammlung von Menschen, die unter dem Dach des
Geschäftes Schutz vor dem Regen suchten. Ein Wärter, der augenscheinlich für den Eingang
des Marktes verantwortlich schien, scheuchte unentwegt einige Leute zur Seite, weil ihr
Stehen in der Nähe der Türen, diese automatisch öffneten. Er nahm seine Aufgabe sehr ernst,
was sein angespanntes Gesicht zum Ausdruck brachte. Er blickte die näher heranrutschenden
mit einer solch strengen Miene an, dass es schien, als müsse er eine aufgebrachte Horde
Suffragetten in seine Schranken verweisen. Eine große und wunderschöne Makrofotografie
von Rosenblüten säumte das Logo des Marktes.
Tom ging raschen Schrittes zum Eingang, doch der Mann wollte sich ihm in den Weg stellen.
„Ich muss dort hinein“, machte er ihm in mäßigem Spanisch und einigen Handbewegungen
klar.
Der Wärter zeigte weiter stur auf die Seite rechts neben ihm.
„Nein, du Armleuchter“, knurrte er gerade verärgert, als der Kerl verstand und ihn freundlich
lächelnd hinein winkte. Erleichtert betrat Tom das Geschäft und schickte dem Mann einen
angedeuteten Kuss per Luftzug über die ausgestreckte Hand.
In den Gängen des Lebensmittelhandels hielt Tom Ausschau nach jungen Menschen, von
denen er sich eine Auskunft über Internetmöglichkeiten in der Stadt erhoffte. Er passierte eine
große Menge an Regalen, in denen er vielerlei Leckereien bemerkte. Die Brotkruste eines
Backwerkes ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er bemerkte, dass sein Magen
vehement knurrte. Er hatte seit einer Ewigkeit nichts Anständiges gegessen. Er lief durch
einen Gang mit Bekleidung, bevor er in der Gartenabteilung landete, was ihm ein
ausgestellter, sehr künstlich wirkender Apfelbaum deutlich machte.
„Heiliger Bimbam“, rief er halblaut und sein entsetzter Blick blieb lange an dem Dekostück
hängen.
„Ja, er ist schrecklich“, mischte sich ein jüngerer Mann unvermittelt in Toms Selbstgespräch
ein. Verwundert über das akzentfreie deutsch, erwiderte Tom: „Wer produziert solche
Häßlichkeiten?“
Der junge Mann zuckte mit den Schultern: „Keinen Plan, jedenfalls sollte man ihn für diese
Monstrosität im Wattenmeer ersäufen“, er grinste breit. „Was tun Sie hier?“
„Ehrlich gesagt suche ich nach jemandem, der mir sagen kann, wo ich einen Computer mit
Internetanschluss finden kann.“
„Hier? Dafür gibt es sichere bessere Plätze!“
Er hob eine Heckenschere an und testete ihre Funktion. Tom bemerkte, dass er Linkshänder
war und scheinbar unzufrieden mit der Handhabung des Gerätes. „Gehen Sie rüber in die Los
Alamos, da gibt es ein Internetkaffee. Sie können es kaum verfehlen. An seiner Fassade ist ein
Kruzifix aus Yucca-Palmenblättern. Auch ziemlich albern, aber eben alle
Geschmackssache“, kommentiere er schmunzelnd.
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