Leseprobe

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LESEPROBE - ERDE
Mitten in der Nacht erwachte ich von einem dumpfen Schlag.
Ich lag reglos im Bett und lauschte.
Es klopfte nochmal.
Und nochmal.
Pauline, die zusammengerollt auf meinen Füssen geschlafen hatte, war aufgesprungen
und machte einen Buckel. Fahrig griff ich nach dem Schalter meiner Nachttischlampe und
musste erst das Kabel hinter dem Bett herausziehen um ranzukommen. Nervös knipste ich
das Licht an.
Inzwischen war es wieder ganz still im Haus.
Mit rasendem Herzen überlegte ich kurz, mich wie ein kleines Mädchen wieder unter
der Bettdecke zu verkriechen und so zu tun, als wäre nichts gewesen, stand aber dann doch
widerwillig auf. Ich schnappte mir meine graue Strickjacke und schaltete auf dem Weg nach
unten sämtliche Lichter ein, um meine Nerven etwas zu beruhigen.
Bevor ich zur Haustür schlich, machte ich einen Abstecher in die Küche und holte mir
das große Fleischmesser, das im Messerblock neben dem Brotmesser steckte. Ich war mir
zwar darüber im Klaren, dass ich es mit Sicherheit nicht würde benutzen können, egal was da
vor der Türe war, aber irgendwie fühlte ich mich damit besser. Mit meinem ganzen Mut
öffnete ich die Haustüre.
Auf den ersten Blick erkannte ich gar nicht, was es war. Ich starrte verständnislos auf die
Eingangstüre, bis mein Denkvermögen wieder einsetzte. Eine tote Krähe war von außen
angenagelt.
Als ich es endlich registrierte, schrie ich auf und schlug die Türe wieder zu. Zitternd
lehnte ich mich von innen dagegen. Meine Gedankten rasten, das Herz schlug mir bis zum
Hals, und ich hatte schreckliche Angst. Sollte ich die Polizei anrufen? Oder meine Mutter?
Oder Gavriel und Marie? Oder gleich Jerome de Saint Gilles?
Wer würde so etwas tun? Und warum?
Nach etwa zehn Minuten hatte ich mich soweit gefangen, dass ich es wagte, die Tür
nochmals zu öffnen. Ich schaltete die Außenbeleuchtung an und suchte den Garten mit
meinen Augen ab. Nichts. Und Niemand.
Langsam wurde ich mutiger und betrachtete die Krähe genauer. Sie war mit drei Nägeln
befestigt. Jemand hatte sich enorme Mühe gegeben, sie einigermaßen dekorativ an der
Haustür anzubringen. Die Flügel waren aufgespannt und der Kopf hing nach vorne herunter.
In ihrem Schnabel hatte sie einen zusammengefalteten Zettel.
Mit klammen Fingern griff ich nach dem Stück Papier, das erst mal zu Boden fiel, weil
ich kaum wagte, es zu berühren. Als wäre es vergiftet hob ich es auf und glättete es.
Schließlich faltete ich es auf.
In schwarzen Druckbuchstaben stand da „Verschwinde“.
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Entschlossen stand er auf. „Ich fahre jetzt.“
Ich erhob mich ebenfalls und bemühte mich, die Enttäuschung die ich plötzlich fühlte, zu
verbergen. So froh ich vorhin gewesen war, ihm zu entkommen, so sehr wünschte ich jetzt,
er würde nicht gehen.
Wie verrückt war ich eigentlich?
Er musste gerade etwas Ähnliches gedacht haben, denn der Blick den ich auffing,
verdoppelte meinen Pulsschlag.
Bevor ich reagieren konnte, griff er nach meiner rechten Hand und zog mich zu sich
während er meine Augen mit den seinen festhielt.
Mir blieb fast die Luft weg, als ich so nahe vor ihm stand und auch er war sichtlich
nervös und ich fühlte sein Herz schneller schlagen.
Seit ich denken konnte, hatte ich ihn berühren wollen.
Zaghaft hob ich die Hand und streichelte zärtlich die Strähnen aus seinem Gesicht. Er
schloss die Augen.
Langsam fuhr ich seine Konturen nach.
Als ich seinen Mund berührte, sah er mich hungrig an. Er griff in mein Haar und zog mich
noch näher. Dann begann er mich zu küssen. Zärtlich ließ er seine Lippen über meine gleiten.
Neugierig, testend, besitzergreifend.
Alle meine Nervenzellen vibrierten erwartungsvoll und ich genoss das Gefühl und stand
ganz still, obwohl alles in mir danach schrie, ihn festzuhalten.
Aus Angst, er würde aufhören, wenn ich es täte.
Er unterbrach den Kuss nur kurz, um mich in die Arme zu nehmen. Sein
unverwechselbarer erdiger Geruch umfing mich und meine Haut begann zu prickeln. Ich
spürte seine Wärme und die Sehnsucht die mich erfasste, erfüllte jede Faser meines Körpers.
Innig schlang ich meine Arme um ihn und küsste ihn gierig wieder. Unsere Zungenspitzen
berührten sich, er drückte mich an sich und hielt mich ganz fest. Fordernd vertiefte er den
Kuss, bis wir beide kaum mehr atmen konnten. Ich war süchtig nach mehr und klammerte
mich verlangend an ihn und es war mir egal, dass wir in meinem Garten standen und meine
Mutter uns beobachten konnte. Ich hätte ihn nicht mehr loslassen können, wenn er mich
nicht schließlich weggeschoben hätte.
Er hielt meine Arme fest, um zu vermeiden, dass ich ihn nochmals berührte.
Atemlos lehnte er seine Stirn an meine und flüsterte „Mein Gott, Zoe, wo führt das hin?“
Betäubt von dem abrupten Ende rang ich um Fassung. Alles an mir war in Aufruhr und
mühsam versuchte ich mich zu beruhigen.
Einen Augenblick später riss er sich los und strich sich mit verzweifelter Entschlossenheit
die Haare aus dem Gesicht.
In seinen Augen sah ich das gleiche brennende Verlangen, das auch ich empfand, bevor
er sich umdrehte und langsam zu seinem Motorrad ging.
Woher nahm er nur die Kraft?
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Eine schnelle Bewegung schräg hinter Joelle und mir ließ mich herumfahren. Rechts von
mir erschienen Rafael, Paka und Kenneth. Sie waren zweifellos in der Nähe gewesen und
hatten die Gefahr erkannt. Nun, da es langsam dunkel wurde, war es leichter, sich zu
verstecken und sie winkten Andrew und Marie herüber. Rafael nickte uns zu und legte den
Finger auf den Mund…..
Ich hatte Angst und auch in Andrews Gesicht spiegelten sich Zweifel, als Rafael uns leise
seinen Plan erläuterte. Ich sollte hinuntergehen und die Aufmerksamkeit auf mich ziehen,
während Andrew versuchen würde, Papa aus seiner Trance zu reißen und aus dem
Energiefeld zu bringen. Joelle hatte die Aufgabe, die Raben zurückzuholen und Marie sollte
Mama und Jerome befreien. Kenneth wollte Raymond, Pierre und Elaine ausschalten und
Rafael und Paka waren unsere Rückendeckung gegen die Draconi und die anderen Männer.
Zwei gegen zehn! Allerdings hatte ich keine Zeit, nach einer Alternative zu suchen, denn die
Energieströme aus dem Universum wurden immer stärker und mein Vater war in
Lebensgefahr…….
Entschlossen erhob ich mich und lief das Stück bis zu meiner Mutter hinunter. Auf
halbem Wege rutschte ich jedoch auf dem Geröll aus und fiel hin, so dass sie mich kommen
hörten und irritiert die Köpfe hoben. Allerdings war es inzwischen schon so dunkel, dass sie
mich erst erkannten, als ich im Steinkreis stand und das Licht der Kerzen auf mich fiel.
Mama warf mir einen entsetzten Blick zu und Jerome schüttelte fassungslos den Kopf…….
LESEPROBE - FEUER
Ared machte eine kleine Geste und zwei seiner Begleiter hielten Rafaels Kopf fest. Er griff
nach einer Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit, die ihm ein anderer reichte.
„Dann tut es mir leid, mein Freund. Dann wollen wir mal sehen, wie weit du kommst.“
Einer der Männer hielt Rafael die Nase zu und der andere riss ihm den Mund auf,
während Ared den Inhalt der Flasche langsam hineingoss. Er konnte sich nicht wehren und
hatte keine Wahl als zu schlucken, wenn er nicht ersticken wollte.
Als er sich nach der Hälfte verschluckte, ließen sie ihn los und Ared goss den Rest des
seltsam süßlich schmeckenden Inhalts auf den Boden. Rafael hustete und spuckte das, was er
noch im Mund hatte, angewidert aus. Mit einer geschickten Bewegung durchschnitt Ared die
Fesseln und bedeutete seinen Begleitern zu gehen.
Bevor er sich auf den Rückweg machte, warf er Rafael einen abfälligen Blick zu. „Gute
Reise, GPS.“
Rafael rieb sich die schmerzenden Handgelenke und sah ihnen benommen nach, als sie
den Berg hinunterstiegen und verschwanden.
Er hätte sich ohrfeigen können.
Warum hatte er das Motorrad nicht besser versteckt? Sie hatten es beim Abstieg vorhin
bemerkt.
Bleischwer stand er auf und stellte fest, dass ihm alles wehtat. Außerdem fühlte er sich
seltsam benebelt und fragte sich, was für eine Substanz sie ihm eingeflößt hatten. Was
würde das braune Zeug mit ihm anstellen? Da sie ihn hier alleine ließen, vertrauten sie wohl
auf die Wirkung. Hatten sie ihn vergiftet um ihn loszuwerden?
Er fingerte sein Taschenmesser heraus und schnitt einen kleinen Zweig von dem Baum
hinter ihm ab, den er in seinen Hals steckte. Er versuchte sich zu übergeben, um den Inhalt
seines Magens wieder loszuwerden, aber es klappte nicht. All seine Reflexe schienen betäubt
zu sein und er begriff, dass er so schnell wie möglich zurück musste. Sein
Konzentrationsvermögen ließ rapide nach, so dass Teleportation nicht mehr in Frage kam.
Vielleicht konnte er Paka erreichen.
Mit tauben Fingern griff er in seine Gesäßtasche, als ihm einfiel, dass er das Telefon
vorhin vor der Höhle verloren hatte. Der Rucksack war ebenfalls weg. Auf keinen Fall hatte er
jetzt noch Zeit, seine Utensilien zu suchen und schwankend machte er sich auf den Weg nach
unten. Mehr rutschend als aufrecht erreichte er seine Maschine und war froh, dass er
wenigstens den Zündschlüssel noch hatte. Mühsam stieg er auf und steckte ihn in das
Schloss.
Inzwischen wurde es bereits dämmrig. Er fuhr langsam und versuchte mit äußerster
Disziplin die vor ihm liegende Straße wahrzunehmen und gleichzeitig nicht herunterzufallen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er die Küste und bog ab, Richtung Swakopmund. Es
wurde immer schwieriger, die Augen offen zu halten und die Kraft in seinen Händen schwand,
so dass er sich zwingen musste, den Lenker und den Gashebel nicht einfach loszulassen. Aus
seinem Unterbewusstsein erreichte ihn der Gedanke, dass er es möglicherweise nicht mehr
bis ins Hotel schaffen würde und er wunderte sich, wie gleichgültig ihn das ließ………….
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Vor dem Zimmer mit der Nummer zwölf blieb ich stehen und holte tief Luft.
Das Gespräch mit Ared hatte mich aufgewühlt und fast hysterisch konnte ich es kaum
erwarten, Rafael zu sehen und mich zu versichern, dass es ihm gut ging.
Aufgeregt klopfte ich an. Ich bekam keine Antwort und vorsichtig drückte ich die Klinke
herunter. Die Türe war offen. Ich machte mir Sorgen, doch als ich nervös das Zimmer betrat,
stellte ich fest, dass er in der Dusche war.
Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich wieder gehen sollte und blieb unschlüssig an
dem niedrigen Couchtisch stehen. Ich hörte, wie er das Wasser abdrehte und den Vorhang
zurückzog, doch meine Füße blieben stehen, wo sie waren, als wäre die Schwerkraft, die
mich an ihn zog, unüberwindlich.
„Zoe!“ Überrascht blieb er an der Türe stehen.
„Ich dachte, es ist Paka. Was gibt´s?“
Ertappt hatte ich mich umgedreht und sah verlegen zu ihm hinüber.
Er hatte ein Handtuch um die Hüften gewickelt und war noch nicht ganz trocken. Die
Wassertropfen perlten auf seiner bronzefarbenen Haut und seine kurzen Haare waren nass
und zerzaust. Die Halskrause hatte er abgenommen und sich zum ersten Mal seit Wochen
rasiert. Er sah so jung aus.
Mir blieb fast die Luft weg, als ich ihn ansah und ich musste mich zwingen,
weiterzuatmen. „Ich muss mit dir reden.“
Langsam kam er näher, ohne mich aus den Augen zu lassen und mein Herz begann zu
rasen. Ich versuchte, meine Aufregung zu verbergen, aber er schien genau zu wissen, was in
mir vorging. Plötzlich war die Atmosphäre spannungsgeladen und die Energieströme
zwischen uns knisterten fast hörbar, als er vor mir stehen blieb.
Sein Blick war intensiv. „Muss ja wichtig sein.“
Seine Nähe verwirrte mich und sein erdiger Duft weckte Erinnerungen. Ihm schien es
genauso zu gehen, denn er atmete tief und auch sein Herzschlag wurde schneller, als unsere
Augen verschmolzen.
Unwillkürlich ging ich einen Schritt zurück, allerdings war hinter mir der Tisch, so dass
ich fast das Gleichgewicht verlor. „Der Bart ist ab.“
Das hatte zwar nichts mit dem zu tun, was ich eigentlich sagen wollte, war aber das
Einzige, was noch in meinem Bewusstsein war.
Er griff nach meinem Arm, um mir Halt zu geben und automatisch hob ich den Kopf und
öffnete den Mund.
„Das auch. Also?“
Die Berührung elektrisierte mich und seine Frage hörte ich kaum.
Abwartend sah er mich an.
Ich wollte sein nasses Haar berühren und ihn küssen, ich wollte sein glattes Gesicht
streicheln und es fiel mir unendlich schwer, mich auf mein ursprüngliches Ziel zu
konzentrieren.
Entschlossen brach ich den Blickkontakt ab. Ruhig atmen…………
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Langsam machten wir uns auf den Weg nach oben. Die Fackeln in dem schmalen
Durchgang waren schon fast alle abgebrannt, so dass man kaum noch etwas sah und die Luft
hier drinnen war noch unerträglicher als in der großen Höhle, in der es zwar heißer war, aber
nicht ganz so stickig. Außerdem war der Weg steil und Rafael konnte das linke Bein kaum
belasten. Auch wenn er versuchte, sich zu beherrschen, entfuhr ihm immer wieder ein
Stöhnen und ich war mir sicher, dass er wahnsinnige Schmerzen hatte. Aus weiter
Entfernung waren immer wieder Explosionen zu hören und der ganze Berg bebte, als ob er in
Kürze in sich zusammenbrechen würde. Der Rauch, der in der Höhle aus der Öffnung stieg,
begann sich bis in den Durchgang auszubreiten und ich kam aus dem Husten nicht mehr
heraus. Auch die anderen räusperten sich ständig und wir alle hatten Angst, dass wir nicht
rechtzeitig hinauskommen und dass der Omukuruwaro uns unter sich begraben würde. Die
vier Frauen drängten nach oben, so schnell sie konnten, Kieran war hinter uns. Rafael blieb
alle zwei Meter stehen.
Schließlich fragte ich verzweifelt „Kannst du nicht teleportieren?“
Er schüttelte den Kopf. Mit zusammengebissenen Zähnen presste er heraus „Keine
Chance.“
Kieran und er wechselten einen Blick und ohne ein weiteres Wort ließ Rafael mich los
und lehnte sich an die Wand, um zu Boden zu gleiten.
Kieran packte mich am Arm und schob mich vorwärts. „Los Zoe. Geh weiter!“
Panisch wand ich mich aus seinem Griff und drehte ich mich um zu Rafael, der völlig
fertig auf dem Boden saß. „Nein Kieran. Ich lasse ihn nicht hier alleine. Du weißt nicht, was
passiert und er ist völlig hilflos.“
Angestrengt hob Rafael den Kopf. „Verschwinde, Zoe. Hau endlich ab. Sieh zu, dass du
nach draußen kommst. Ich bin doch kein Kleinkind!“
Die Tränen, die in meinen Augen hochstiegen, verschleierten mir die Sicht, so dass ich
kaum noch etwas sah. Ohne auf meine Proteste einzugehen, hielt Kieran mich fest und
schob mich unnachgiebig vor sich her. Ich hasste ihn und ich nahm mir vor, sofort wieder
hinunterzulaufen zu Rafael, sobald er mich losließ…………
Leseprobe - WASSER
Endlich erreichten wir die andere Seite und damit den Staat Arkansas.
Gavriel hatte gesagt, wir sollten die Bundesstraße an der ersten Ausfahrt verlassen,
aber nicht nach New Memphis hineinfahren, sondern der kleineren Landstraße noch einige
Meilen folgen, bis zu einer Art Aussichtspunkt. Dort wollten wir uns mit ihm treffen. Es war
nicht weit.
An der verabredeten Stelle machte ich den Motor aus und stieg aus.
Silvia riss die Türe auf und sprang aus dem Auto. „Gavriel?“
„Gav, bist du da?“
Keine Antwort.
Sie warf mir einen besorgten Blick zu.
Vor uns in einiger Entfernung stand eine alte Scheune, umgeben von einem etwas
spärlichen Gebüsch. Dahinter war ein Abhang, der, so hatte Gavriel es beschrieben, zu einem
der vielen kleinen Nebenarme des Mississippi hinunterführte. Es roch nach moosigem,
abgestandenem Wasser und bis auf das Schwirren der Mücken und Fliegen, die dieses
Stückchen Welt offensichtlich für sich erobert hatten, war es absolut still. Der Blick hinunter
war tatsächlich sehr schön und eigentlich hätte hier eine Bank stehen müssen, um die
Aussicht in Ruhe genießen zu können.
Ich ging bis nach vorne zur Kante und rief lauter, so dass meine Stimme einen leicht
hysterischen Unterton bekam. „Gavriel!“
Silvia sah auf die Uhr. „Die zwei Stunden sind schon um. Wir sind sogar zwanzig Minuten
zu spät dran. Wo kann er sein?“
Schweigend zuckte ich die Schultern.
„Meinst du, er hat es nicht geschafft?“ fragte sie tonlos.
Daran wollte ich nicht denken und zwang mich, einen zuversichtlichen Gesichtsausdruck
aufzusetzen. „Er kommt schon.“
Unzufrieden setzte ich mich wieder in das Auto und wedelte mit der Hand vor mich hin,
um die lästigen Insekten zu verjagen und mich zu beruhigen. Wie immer, wenn man auf
etwas wartet, zogen sich die Sekunden in die Länge und wurden zu Ewigkeiten. Alle fünf
Minuten sah ich auf mein Handy, um zu überprüfen, wie spät es war. Was, wenn er
tatsächlich nicht kam? Ungebeten schlich sich der Gedanke in mein Herz.
Plötzlich war aus dem Inneren der Scheune ein Geräusch zu hören, das mich aus meiner
Lethargie riss. Auch Silvia war von dem alten Baumstamm gesprungen, auf dem sie gesessen
hatte und wie versteinert starrten wir die morsche Holztür an.
Sie quietschte und ächzte, bevor sie plötzlich aufflog und Gavriel herausstolperte. Bevor
er noch ein Wort sagen konnte, brach er zusammen.
„Gav!“ Entsetzt stürzte ich auf ihn zu.
„Ist er tot?“ Silvias Stimme zitterte.
„Nein, nur bewusstlos.“
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„Schnell, macht alle Lichter aus“ rief Rafael uns zu und Kieran flüsterte „Keine drei
Meilen weg sind mindesten fünfzehn Polizisten mit Hunden.“
„Sie sind auf dem Weg hierher.“
Gavriel verdrehte die Augen. „Großartig.“
Kaum wagte ich zu fragen. „Und was machen wir jetzt?“
„Was schon?“ blaffte Gavriel.
„Ich gehe hinaus, damit sie euch in Ruhe lassen.“
„Kommt gar nicht in Frage, Gav.“ Rafaels Ton war unnachgiebig.
„Diese Diskussion hatten wir schon.“
Kieran hob beschwichtigend die Hand und ich hoffte inbrünstig, dass er eine bessere
Lösung hatte.
Er atmete tief durch und versuchte innerlich ruhig zu werden.
Ernst sah er uns der Reihe nach an. „Keiner geht hinaus. Ich werde versuchen, sie
draußen aufzuhalten. Das ist allerdings eine ziemlich schwierige Anwendung und ich muss
mich absolut konzentrieren.“
„Und wenn du uns unsichtbar machst?“ fragte ich zaghaft.
„Nein. Wir müssen verhindern, dass sie hier hereinkommen, das ist wichtiger. Wenn es
nicht klappt, haben wir Pech gehabt. Beides gleichzeitig kann ich nicht machen.“
„Schützen uns eure Wards nicht davor?“ Silvia war zutiefst verunsichert.
Gavriel schüttelte den Kopf. „Die Wards verhindern zwar, dass sie eine Bewegung am
Haus wahrnehmen, aber wenn sie mal drinnen sind, bewirken sie nichts mehr. Und ganz
offensichtlich wissen sie genau, dass wir hier sind, auch wenn uns niemand gesehen hat.“
Rafael nickte Kieran zu. „Mach, was du für das Beste hältst. Zur Not müssen wir eben
schnell verschwinden und alles zurücklassen.“
Leise vereinbarten wir, dass, wenn die Polizisten Kierans unsichtbares Kraftfeld wider
Erwarten überwinden konnten, alle sofort teleportieren würden. Rafael würde Kieran
mitnehmen, ich Silvia und Gavriel musste es alleine versuchen.
Kieran öffnete die Eingangstüre und trat hinaus. Er schloss die Augen und blieb
bewegungslos stehen. Langsam hob er die Arme und die Anstrengung, die es ihn kostete, die
nötige Energie zu bündeln, war für jeden von uns spürbar. Fast ehrfürchtig sahen wir ihm aus
dem Inneren des Hauses zu.
Schließlich flüsterte er „In Ex Grav!“
Noch konnten wir nichts erkennen und gemeinsam mit Kieran starrten wir hinaus in die
Dunkelheit des Waldes und warteten. Minutenlang.
Es war die Ruhe vor dem Sturm.
Plötzlich waren sie da.
Hundegebell und laute Stimmen, die immer näher kamen. Starke Taschenlampen, die
den Wald durchleuchteten und viel ungezügelte Aggression, die nach einem Ziel suchte, an
dem sie sich entladen konnte. Ich hatte Angst und nur allzugerne hätte ich mich an Rafael
gelehnt und Schutz bei seiner Stärke gesucht. Leider war das gerade nicht möglich, so dass
ich tapfer stehen blieb und mir nur vor Aufregung auf die Lippen biss.
Sie kamen bis auf etwa hundert Meter heran, sie schrien und schimpften und ich
begann mich zu fragen, ob Kierans Magie doch nicht wirkte.
Ein Blick auf meine Gefährten zeigte mir, dass sie dasselbe dachten wie ich. Kaum wagte
ich es mehr zu atmen.
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Alle möglichen Szenarien schossen mir durch den Kopf während ich völlig aufgelöst
durch den Wald lief und den Blutspuren auf dem Boden folgte. Äste und Dornen zerkratzten
meine nackten Arme und immer wieder stolperte ich über Wurzeln und Steine.
Atemlos erreichte ich den See. Keuchend blieb ich am Ufer stehen. Eine Pistole lag auf
den Steinen, vermutlich leer.
Im seichten Wasser standen die zwei Männer und umklammerten einander eisern. Jeder
versuchte brutal etwas Spielraum zu gewinnen, um den anderen effektiver angreifen zu
können. Beide bluteten aus diversen Verletzungen und beide hatten ein Messer. Erbittert
rangen sie miteinander, traten mit den Füssen aufeinander ein, versetzten dem anderen
Schläge, wo sie ihn erwischten und stachen zu, wann immer sie konnten. Ich hatte Rafael
schon einmal gegen Draconi kämpfen sehen, aber der ungezügelte Hass, der hier
aufflackerte, entsetzte mich zutiefst.
Aufgelöst beobachtete ich das Horrorszenario vor meinen Augen und musste mich
zusammenreißen, um nicht laut zu schreien. Ich wollte zu den beiden ins Wasser laufen,
hatte aber Angst, Rafael damit abzulenken und blieb wie versteinert am Ufer stehen. Mein
Herz schlug wie verrückt, weil mir klar war, dass sie beide nicht aufgeben würden. Beide
hatten nichts mehr zu verlieren. Dies war ein Kampf auf Leben und Tod.
Minutenlang konnte keiner die Oberhand gewinnen, sie bewegten sich kämpfend weiter in
den See hinein. Immer wieder rutschten sie auf dem schlammigen Untergrund aus und ihre
nasse Kleidung färbte sich langsam rot. Wortfetzen drangen an mein Ohr, als sie sich
aggressiv beschimpften und damit noch mehr provozierten. Hasserfüllt schaukelten sie sich
immer weiter hoch und jeder versuchte den anderen festzuhalten, um ihn unter Wasser zu
drücken oder die tödliche Attacke zu landen
LESEPROBE - LUFT
Keinen Meter von mir entfernt stand Rafael und war in ein Gespräch verwickelt. Mein
Blick raste über sein Gesicht, seine Hände, seinen Körper und schlagartig war ich total
überfordert. Er lebte! Er lebte und er war offensichtlich gesund. Mein Herz begann zu jubeln,
die Tränen schossen mir in die Augen und automatisch wollte ich ihn anfassen, um mich zu
versichern, dass er wirklich real war. Am liebsten hätte ich ihn geschüttelt und umarmt und
geküsst und angeschrien, warum er denn nicht zurückgekommen war und warum er mich
solange alleine gelassen hatte. Wie konnte er uns allen das antun!
Leider war es nicht möglich. Noch nicht. Fassungslos starrte ich ihn an und presste
meine Hand vor den Mund. Plötzlich war ich fix und fertig, so dass ich mich auf den
nächstbesten Stuhl setzen musste, weil ich das Gefühl hatte, ich würde gleich umkippen.
Zum Schweigen verurteilt, sah ich ihm zu.
„Bist du sicher, dass du nicht mitwillst?“ Ein großer Kerl mit langem, zu einem
Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar und kariertem Hemd stand abwartend an der
offenen Tür. Draußen war es stockdunkel und bis auf das, was die Gaslampe, die vor der
Türe hing beleuchtete, sah man nicht viel.
Zwei weitere Männer warteten draußen. „Los komm Raf, Cathy hat bestimmt schon
Sehnsucht nach dir.“
Rafael lächelte, doch sein Blick war ernst. „Heute nicht Jungs. Cathy weiß Bescheid, dass
ich heute nicht komme. Lasst euch nicht aufhalten.“
Mit einer resignierten Geste zog der große Mann die Tür zu und ich hörte, wie sie alle in
ein Auto einstiegen und wegfuhren.
Rafael ging zum Küchenschrank, nahm eine Flasche Whisky und ein Glas heraus und goss
sich einen Drink ein. Fasziniert schaute ich ihm zu, beobachtete jede seiner Gesten genau, als
hoffte ich, darin die Antwort auf meine tausend Fragen zu finden. Nach all den Monaten, in
denen ich ihn für tot gehalten hatte, stand er tatsächlich vor mir, als ob nie etwas gewesen
wäre.
Er zündete eine zur Hälfte abgebrannte Kerze an, drehte die Lampe aus, die an der
Decke hing und setzte sich an den einfachen Holztisch, der in der Mitte des einzigen Raumes
stand. Tatsächlich war diese Hütte fast eine Kopie des Hauses auf der Olivenplantage, in dem
ich zurzeit wohnte.
Nachdenklich schwenkte er das Glas hin und her und starrte in das Licht der Flamme.
Ich saß ihm angespannt gegenüber und studierte sein vertrautes Gesicht. Seine Haare
waren ziemlich lang, er hatte sie sogar geflochten und wie in Namibia trug er wieder einen
Bart. Er sah älter aus und obwohl er ruhig und ausgeglichen wirkte, hatte er einen traurigen
Zug um den Mund und seine bernsteinfarbenen Augen hatten ihr Strahlen verloren. Wie
gerne hätte ich mit ihm gesprochen und ihn berührt, aber es war noch zu früh. Marie hatte
mir gesagt, dass ich so lange wie möglich warten musste. Am besten bis knapp vor
Mitternacht. Erst dann wären die Grenzen zwischen den Realitäten so dünn, dass er mich
intensiv genug wahrnehmen konnte.
Tagelang hatte ich mir vorgestellt, wie er auf mich reagieren würde, falls ich ihn
tatsächlich fand, aber nun, da ich ihm gegenübersaß und ihn ansah, hatte ich Angst. Weil ich
mir plötzlich sicher war, dass er mich gar nicht sehen wollte. Er würde sich nicht freuen, dass
ich da war und es würde keine filmreife Begrüßung geben. So wie es aussah, hatte er sich
bewusst für dieses Leben entschieden und wollte nicht mehr in sein altes zurück. Wollte
nicht mehr zu mir zurück. Und wer war überhaupt Cathy?
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Wieder muss ich laufen. Vor mir ist die Tür, die ich nicht erreichen kann.
„Wie gut, dich wieder zu fühlen. Du sollst mir gehören, mir allein.“
Die Tür verschwindet. Ich bleibe stehen.
„Ist es das, was du brauchst?“
Ich fühle eine Berührung an meiner Wange, einen Finger, der über meine Lippen streift
und meinen Hals hinunterstreicht. Ich kann mich nicht wehren, mich nicht bewegen. Panik
überfällt mich und ich möchte schreien. Plötzlich werde ich geküsst. Kalte Lippen. Gierige
Lippen.
„Ich will noch mehr von dir. Schick die anderen fort.“
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Er zog den Duschvorhang zurück und hielt mir ein Handtuch hin. Ich griff danach und
wickelte es um mich.
„Zieh doch erst das nasse Zeug aus.“
Das lange Schlafshirt klebte schwer an meinem Körper und ich fror erbärmlich, trotzdem
wollte ich es anbehalten.
Rafael nahm mich an den Armen und holte mich aus der Dusche. „Du bist eiskalt.“
Schweigend nahm er mir das Handtuch ab, zog mir das nasse Shirt über den Kopf und
wickelte mich in den flauschigen weißen Bademantel mit dem Hotellogo, der an der Tür
gehangen hatte. Hilflos blieb ich mit dem Rücken zu ihm stehen, als er meine Haare mit
einem anderen Handtuch trocken rieb.
„Was ist passiert Zoe?“
Erinnerungen an kalte Berührungen schwappten wie eine Welle über mich hinweg. Ich
fühlte mich furchtbar.
Unsere Blicke trafen sich im großen Spiegel über dem Waschbecken und als ich die
aufrichtige Sorge in seinen Augen erkannte, wusste ich plötzlich, was ich wollte. Was ich
brauchte, um die letzte Nacht zu vergessen und weitermachen zu können.
Die Realität. Nähe, Liebe, Geborgenheit. Den ganzen Tag waren wir uns so nahe
gewesen und ich hatte mich so verbunden mit ihm gefühlt. Er konnte mich retten.
Ich drehte mich zu ihm um und sah ihn an. Er erkannte meine Absicht und alarmiert ging
er einen Schritt zurück, um den Abstand zwischen uns aufrechtzuerhalten.
„Hilf mir Rafael. Bitte.“
Seine Augen wanderten zurück zu mir und trotz seiner Abwehrhaltung, sah ich all das,
was ich solange vermisst hatte. Tiefe Liebe, Sehnsucht, Verlangen.
Bewegungslos blieb er stehen und alles was unser Schweigen durchbrach, war das
gleichmäßige Tropfen der Dusche.
Unsicher trat ich auf ihn zu und berührte seinen kurzen Bart, streichelte seine Wange.
Mein Puls raste, als ich mich auf die Zehenspitzen stellte und seine Lippen küsste. „Hilf mir
zu vergessen, was passiert ist.“
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Ich stand auf, musste mich jedoch an der Kommode stabilisieren, weil sich alles um mich
zu drehen begann. Mir war total schwindelig und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich
wieder hinzulegen. Allerdings war dafür keine Zeit. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis
die Anwendung nachließ und Francis wieder da war. Vorsichtig ging ich in die Knie und kroch
hinüber zu Rafael. Hatte er nicht gesagt, dass er seine Draconi-Klinge dabei hatte? Ich
musste sie finden.
Mühsam drehte ich ihn auf den Rücken und strich kurz über sein blasses, schweißnasses
Gesicht. Wie schlimm mussten Francis Quälereien und der Herzstillstand gewesen sein, dass
er so aussah!
Mit aufsteigender Panik durchsuchte ich alle seine Taschen, ohne den kleinen Dolch zu
finden. Wo war das verdammte Ding?
Fahrig tastete ich ihn von oben bis unten ab. Hatte er ihn in die Socken gesteckt, oder in
den Ärmel? Nirgends konnte ich etwas fühlen. Ich verwünschte mich dafür, dass ich mich nie
dafür interessiert hatte, wo er die Waffe aufbewahrte.
Seine Lider begannen zu flattern und ich sprach ihn an, in der Hoffnung, dass er wach
würde. „Rafael! Wo ist die Draconi-Klinge? Wo hast du sie versteckt?“
Er stöhnte und warf den Kopf hin und her, reagierte aber nicht auf meine Fragen.
Ein Blick hinüber zu Francis zeigte mir, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis seine
Energie wieder ungehindert fließen konnte, er hatte sich bereits bewegt und seine Augen
waren auf mich gerichtet.
Verzweifelt stand ich auf und sah mich in dem scheußlich rot tapezierten Schlafzimmer
nach etwas anderem um, das man als Waffe benutzen konnte. Aufgelöst zog ich sämtliche
Schubladen auf und durchwühlte den Inhalt, entdeckte jedoch nichts Brauchbares, so dass
ich mich deprimiert wieder neben Rafael fallen ließ.
In diesem Moment betrat Chris das Zimmer.
Noch nie zuvor hatte ich mich so sehr gefreut, jemanden zu sehen.
Er warf einen Blick auf Francis und kam herüber zu Rafael und mir. „Was hast du mit ihm
gemacht?“
„Druidenmagie, aber es wird gleich nachlassen und ich finde Rafaels Draconi-Klinge nicht
und dann ist es zu spät und er wird uns alle töten.“ Meine Stimme klang absolut hysterisch.
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